Seit bereits zwei Wochen leben die Studierenden im Thalia Theater. Besonders. Und das nicht etwa provisorisch auf Feldbetten – der Performance-Phase ging die Aufbauphase voraus, bei der sie bereits mitwirkten und sich mit Holzgestell-Betten, Sofas, Regalen und sogar Waschmaschinen und temporärer Küchenzeile einrichteten. SZENE HAMBURG hat sich mit den Studierenden Amber Theisen, Haley Hoyer und Marlene Raab in ihrem temporären Zuhause, dem Theater, getroffen und mit ihnen über ihre bisherigen Erfahrungen während des außergewöhnlichen Projekts gesprochen.
SZENE HAMBURG: Wie kam es zu der Performance-Idee, das Thalia Theater als Zuhause zu nutzen?
Haley: In unserer Klasse machen wir solche Projekte öfter und wurden von Matthias Lilienthal, dem Leiter der Lessingtage, eingeladen, im Rahmen des Festivals ein Besucher:innen-Zentrum zu realisieren. Die Idee dafür hier einzuziehen kam von uns, Matthias war aber sofort sehr angetan von der Idee und gemeinsam konnten wir auch das Thalia überzeugen.
Amber: Da wir Studierende aus Düsseldorf sind, haben wir überlegt, wie wir denn überhaupt in einer Stadt, aus der wir nicht kommen und an einem Theater, was die meisten von uns nicht kennen, Gastfreundschaft etablieren können. Es ging uns darum, eine intime Atmosphäre aufzubauen, den Rahmen zu finden, in dem wir die bestmöglichen Gastgeber:innen sein können. Für den Zeitraum der Lessingtage im Thalia einzuziehen war tatsächlich unsere erste und wohl beste Idee.
Was habt ihr euch von dem Projekt versprochen, was davon ist eingetroffen und was hat euch überrascht?
Marlene: Meine größte Sorge vorab war, dass es mir hier schnell zu viel wird und ich abreisen müsste. Das ist aber glücklicherweise nicht passiert. Ich habe mir gewünscht, gemeinsam eine schöne Zeit zu haben und dass wir die Räume nicht nur praktisch, sondern auch optisch ansprechend und wohnhaft gestalten konnten. Beides ist so eingetroffen.
Haley: Wir wohnen ja auch nicht nur unter uns Studierenden zusammen, sondern in einer gewissen Weise pro Tag auch mit bis zu tausend anderen Menschen. Diese Dynamik ist besonders und herausfordernd. Mein größtes Learning ist, was so „akustischer Müll“ mit einem macht. Über uns zum Beispiel acht Betten und damit jeden Morgen potenziell acht Wecker, die zu einer Art Symphonie fusionieren, was eigentlich ganz schön klingt, aber manchmal ist es hier morgens schwierig solche Kleinigkeiten wirklich zu genießen.
Marlene: Es gibt vier Aspekte, die sich gegenseitig beeinflussen: wir untereinander, wir mit den Besucher:innen, wir, die den Haushalt schmeißen müssen und die Events. Da ist für uns die permanente Herausforderung, das auszubalancieren.
Welche Regeln des Zusammenlebens habt ihr hier. Habt ihr die Regeln vorher festgelegt oder haben sie sich hier entwickelt?
Haley: Das hat sich hier ergeben. Am Anfang war unsere Idee, dass alle gemeinsam ab neun Uhr morgens ready für den Tag sind. Da hat sich schnell herauskristallisiert, dass das sehr schwer wird. Wir haben dann kollektiv verschiedene Ansätze diskutiert, unseren Tag und die unterschiedlichen Rahmenbedingungen des Festivals zu strukturieren. Wir reden alle sehr viel miteinander.
Amber: Das wird auch durch die verschiedenen Charaktere bedingt. Wir haben zum Beispiel Leute, die gerne bis vier Uhr morgens Musik machen. Die gehen abends und bei unseren Events natürlich voll auf.
Wie begegnet ihr den Besuchenden in dieser besonderen Umgebung als Gastgebende?
Amber: Manche Besuchende fühlen sich in der Interaktion sehr wohl und andere weniger, die wollen nur mal gucken. Das ist für uns beides okay. Haley hat aber zum Beispiel herausgefunden, dass ein angebotener Tee meist ein Eisbrecher ist, weil man dann direkt in dieser heimeligen Situation des gemeinsamen Tee-Aussuchens ist und ungezwungen in die Begegnung findet.
Haley: Wir haben uns im Vorfeld monatelang Gedanken darüber gemacht, wie und ob wir möglichst authentisch sein können. Jemanden zu Besuch zu haben ist ja auch im privaten Umfeld immer eine Performance. In der Vorbereitung haben wir uns schon Gedanken gemacht, durch welche Gesten wir die Besuchenden schnell willkommen heißen können. Es gibt die Gesten des Gastgebens, genauso gibt es aber auch die Gesten des Gast-seins. Dadurch, dass wir die Rahmenbedingungen bereits kennen, haben wir den Gästen gegenüber einen Vorsprung. Ihre Aufgabe ist es, sich auf die ungewohnte Situation einzulassen.
Ist die Anwesenheit der Gäste für euch immer angenehm oder löst sie auch Störgefühle aus?
Haley: Ich würde das gar nicht so an den Besuchenden festmachen – ob man deren Anwesenheit als Störfaktor oder als Benefit wahrnimmt, das hängt von unserer aktuellen individuellen Verfassung ab. Wir versuchen, uns so gut es geht, um uns zu kümmern, damit wir uns über die Besuchenden dann auch wirklich freuen können. Bis zu einem gewissen Grad kann man sich auch immer mal zurückziehen, wenn man das möchte. Morgens gegen neun Uhr kommen die ersten wenigen Gäste, gegen Abend ist das Publikum, das die Vorstellungen besucht, im Haus. Ein Kommilitone hat das letztens ganz schön ausgedrückt, dass es zwei Modi innerhalb von Inhabilia gibt. Einmal das WG-Leben und einmal das Festival-Zentrum. Die laufen viel parallel nebeneinanderher, aber die Momente, in denen sie zusammenkommen, sind wirklich besonders und schön. Gestern Abend hat hier eine Band gespielt, The Lullababes. Da waren zwei ältere Damen noch bis spät in den Abend hier, weil sie die Musik so schön fanden und sich wohlfühlten. Eine von beiden war schon mehrmals hier und wird am Freitag auch zu unserer Party kommen. Daran sieht man, dass es dem Theaterpublikum ermöglicht wird, eine ganz andere Beziehung zu diesem Ort aufzubauen.
Gibt es Pläne das Experiment an einem anderen Theater oder kulturell-öffentlichen Ort zu wiederholen?

Amber: (lacht) Wir brauchen ja auch bald eine neue Bleibe.
Haley: Also Inhabilia wird genau so sicherlich nicht noch mal stattfinden, aber wir haben immer Lust auf diese Langzeit-Performances und die kollektiven Momente. Und wir durften im Thalia erfahren, dass das Theater ein spannender Ort ist, der für uns und unsere Ideen auch sehr offen sein kann.
Gibt es Dinge, die im Theater als Zuhause nicht funktionieren, weil der Raum zu stark Theater bleibt?
Amber: Ich bin eher überrascht, wie diese Dinge, von denen man das vorher denkt, am Ende doch funktionieren. Im Prozess des Bewohnens gewöhnt man sich an viele Rhythmen, die das Haus mit sich bringt.
Haley: Die größte Herausforderung ist, dass das Theater nie schläft und wir schon. Zu jeder Uhrzeit ist hier jemand in Bewegung. Nachts der Sicherheitsdienst, früh morgens das Reinigungspersonal und die Techniker:innen, den Tag über wir und die Besuchenden und abends sind die Veranstaltungen mit anschließenden Begegnungen. Ich glaube aber, dass dieser Rhythmus dem Projekt auch einen grundlegenden Antrieb gibt.




