SZENE HAMBURG: Heiko, seit wann bist du im Vorstand der Clubstiftung?
Heiko Langanke: Ich bin von Anbeginn im Vorstand der Clubstiftung, also seit 2010, zusammen mit dem 1. Vorsitzenden John Schierhorn. Ich kümmere mich am ehesten um unsere Finanzen, aber auch unser Projekt „Soundcheck Finanzen“.
Wie bist du mit dem Nachtleben verbunden?
Ich war 2005 Mitinitiator des Jazzclubs im Stellwerk (heute nur „Stellwerk“) im Bahnhof HH-Harburg und auch so gerne Clubgänger.
Wer hat die Clubstiftung gegründet – und mit welcher Idee im Hinterkopf?
Den Interessensverband Clubkombinat gibt es einige Jahre länger und in dem waren wir organisiert und haben Lobbyarbeit bei der Kulturbehörde gemacht. Damals gab es Restmittel aus einem geplatzten Bauvorhaben. Die damalige Kultursenatorin von Welck wollte dieses Geld – immerhin 370.000 Euro – als Zeichen der Anerkennung einmalig an die Clubs ausschütten. Wir dachten uns: Da geht mehr, wir machen daraus eine Stiftung. Die Idee der Stiftung war geboren.
Wie finanziert sich die Stiftung heute?
Das Stammkapital ist bis heute unangetastet. Es arbeitet direkt in der Szene, indem wir es als zinsgünstige Darlehen an verschiedene Clubs verleihen. Dann kommt frisches Geld für Projekte durch die Clubgänger:innen, die ihr Ticket über TixforGigs kaufen und damit zusätzlich zum Ticketpreis einen „Clubeuro“ zugunsten der Clubs zahlen. Die Stadt Hamburg selbst nutzt unser Konstrukt, um Fördertöpfe wie den LiveConcertAccount (LCA) über uns abzuwickeln und aus privaten Spenden ergänzen wir Förderprojekte wie den MiniBooster – unser Förderprogramm für die kleinen Clubs und Nachwuchskonzerte.
Viele kleine Herausforderungen: großer Erfolg
Welche Meilensteine der Förderung gab es seit eurer Gründung?
Ich glaube, es waren vor allem Meilensteine, die man als solche gar nicht wahrnimmt. Etwa, dass von den zig Darlehen, die wir für Ton- und Lichtanlagen oder Schallschutz- oder Energiemaßnahmen ausgaben, alle bisher zurückgezahlt wurden. Es also keine Ausfälle gab. Dann, dass wir politisch eine erhebliche Steigerung der Konzertförderungen mit dem LCA durchsetzen wie auch „Erste Hilfe“ mit Rechts- und Themenberatungen im Rahmen unserer Club Academy leisten konnten. Die Pandemie mit monatelangen Schließungen der Clubs war ebenso herausfordernd wie die Hilfe bei Liquiditätsproblemen, die Weiterleitung von Spenden an die Clubs oder nachfolgend die kräftezehrenden Bürokratiehürden der Corona-Hilfen. Und: dass es uns bei aller unentgeltlich ehrenamtlichen Arbeit noch gibt!
Was hat sich an der Clubszene in den letzten Jahren am stärksten verändert?
Der Druck auf die Immobilien. Die Mieten selbst, die Laufzeiten von Mietverträgen, die Standorte – man merkt, dass es keine Chancen mehr gibt, leer stehende Räume zumindest eine zeitlang als Clubs nutzen zu können. Leerstand gibt es immer noch und reichlich. Aber der wird bewusst in Kauf genommen und so ist die Chance für Neugründungen fast gegen null.
Beim letzten SZENE-Interview mit der Clubstiftung während Corona, sagte Vorstandsmitglied Terry Krug: „Ich persönlich glaube, dass die Clubs in dem zwangsverordneten Sabbatical alles dafür tun sollten, um sich für die Zeit nach Corona fit zu machen.“ Ist das passiert?
Oh ja, es wurde viel gelernt und gemacht. Lüftungsanlagen wurden neu eingebaut oder auf neuen Stand gebracht, Freelancer im Personal in Festanstellung und manches mehr. Was nicht absehbar war, dass die Corona-Zeit das Ausgehverhalten nachhaltig änderte. Die ,Generation Corona‘ hat den Moment verpasst, in dem man das Nachtleben für sich entdeckt und lernt, wie Clubkultur funktioniert. Diese jungen Leute suchen sich Konzerte heute nach ganz anderen Kriterien aus. Meine Wahrnehmung ist, das Nachwuchs- und Kleinkonzerte davon besonders betroffen sind.
Früher gehörte es zum Eigenverständnis, die Dinge selbst wuppen zu können
Heiko Langanke
Können Clubs heute ohne Förderungen noch überleben?
Schwer zu sagen. Früher gehörte es zum Eigenverständnis, die Dinge selbst wuppen zu können. Heute ist der Spagat zwischen erträglichen Eintritts- und Gastropreisen, immens gestiegenen Veranstaltungs- und Mietkosten sowie bürokratischen Anforderungen wohl nur noch durch Top-Expertise, Glück oder Förderung zu meistern. Ohne reichlich Idealismus würde aber auch all das nichts bringen.
Preisfrage: Subkultur muss Subkultur bleiben
Wie stehst du zu der Idee, Ticketpreise – ähnlich wie bei der Oper – auch im Nachtleben zu subventionieren?
Ich persönlich halte wenig von dieser Diskussion. Hochkultur und Subkultur haben völlig unterschiedliche Wurzeln und Dynamiken. Die Subkultur würde ihren Kern verlieren, wenn sie genauso starr subventioniert würde wie die Oper. Sinnvoller ist es, bei den Fixkosten anzusetzen. Damit würde man nämlich auch automatisch immer ein gutes Spiegelbild der Clubrealität erhalten, was in stadtplanerische Diskussionen einfließen sollte.
Auf der Podiumsdiskussion zu „15 Jahre Clubstiftung“ wurde ein „Masterplan Clubkultur“ ins Spiel gebracht …
Genau das ist so ein Thema. Eine Stadt, die sich selbst als Weltstadt und Tourismusmetropole darstellt und vermarktet, kann die populäre Clubkultur nicht als nice-to-have behandeln, sondern als Must-have. Zugespitzt gesagt: Wo neue Viertel entstehen, entsteht auch mindestens ein neuer Club.
Wie könnten vorhandene Räume Clubs – gerade auch neuen Projekten – besser zugänglich gemacht werden?
Es braucht eine Ernsthaftigkeit. Was nützt uns eine angeschobene Debatte etwa über neu zu definierende Innenstädte, da Kaufhäuser es allein ja wohl nicht mehr sind, wenn denn eben dann nicht mal an Clubs und Kultur ernsthaft gedacht wird? Da sind viele Orte, in denen es regelrecht danach schreit, das Thema zu integrieren.
Hat das 2019 gegründete Clubkataster dahingehend etwas bewirkt?
Auch das ist genau so ein Goodwill ohne Konsequenzen. Kurzum: bisher nicht.
Welche Themen treibt die Clubstiftung aktuell besonders voran?
Um bei dem Thema Räume zu bleiben: Die Stadt Hamburg hat viele Gebäude im Eigentum, die auch durchaus als Clubs mit nutzbar wären. Da bohren wir weiter. Der politische Wille ist zudem da, mit einem zwei Millionen Euro schweren Sanierungsfonds bestehende Clubs baulich zu modernisieren. Die bürokratisch vorgegebenen Verfahren sind aber schlicht untauglich und wenig lösungsorientiert. Kann man und muss man ändern! Mit unserem Projekt „Soundcheck Finanzen“ bieten wir zudem Clubs betriebswirtschaftliche Hilfe an, um jeden Euro so wirkungsvoll wie möglich für den Club einzusetzen. Und aktuell wollen wir mit einem neuen Projekt „welcome to the club“ Erstsemester-Studies und Azubis Tickets für Clubkonzerte schenken, um Hamburgs als Musikstadt erst mal kennen lernen zu können.
Zum Schluss: Gibt es Veranstaltungen in der nächsten Zeit, auf die du noch hinweisen möchtest?
Über „welcome to the club“ werden wir rechtzeitig informieren und aktuell ist angedacht, auch in die Bezirke zu gehen, um das Thema dorthin zu tragen, wo die Menschen wohnen. Und sonst gibt es ja auch so täglich Konzerte, Konzerte, Konzerte …!

