SZENE Hamburg: Ainhoa, das Projekt „Jüdisches Leben in Wandsbek“ ist einem historisch wie aktuell relevanten Thema gewidmet, das einen wichtigen Teil der Hamburger Stadtgeschichte kennzeichnet und auch darüber hinaus Bedeutung trägt. Wie kam es dazu?
Ainhoa Montoya Arteabaro: Das Projekt gibt es schon seit 2022 – doch die Idee geht weiter zurück. Kurz nachdem ich 2018 im Kulturschloss angefangen hatte zu arbeiten, kamen zwei Forscherinnen auf mich zu und erzählten mir von ihrer Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte in Wandsbek. Beispielsweise stand genau in der Straße, in der jetzt das Kulturzentrum ist, einst die Synagoge, ein paar hundert Meter weiter der jüdische Friedhof. Das Gespräch hat mir klargemacht, dass es hier eine aktive jüdische Gemeinde gab und wir die Geschichten der Orte und Menschen, die Teil davon waren, erzählen sollten.
Wie kam es zu der Idee, dafür eine interaktive Karte zu gestalten?
Im Zweiten Weltkrieg wurde hier im Viertel sehr viel zerstört, sodass die architektonischen Spuren jüdischen Lebens heute oft nicht mehr sichtbar sind. Die Politik der sogenannten „Arisierungen“ hat jüdische Geschäfte dauerhaft aus dem Straßenbild verschwinden lassen. Dabei reicht die Geschichte der Gemeinde Wandsbek bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Frage war für mich also: Wie können wir das Verschwundene sichtbar machen? So entstand die Idee einer gezeichneten Karte in Form einer interaktiven Grafik, die – in Text- und Bildform – möglichst viele Informationen über bestimmte Bauwerke und Orte, vor allem aber auch über die Jüdinnen und Juden, die hier gelebt haben, liefern sollte.
Das grundlegende Ziel war also erst mal die Sichtbarmachung verlorener Spuren für die Öffentlichkeit?
Ja, das war auf jeden Fall eines der Ziele. Mit Öffentlichkeit ist dabei aber auch schon die Nachbarschaft vor Ort gemeint. Die jüdische Geschichte von Wandsbek ist nämlich – vielleicht anders als die von Altona oder dem Grindel – noch nicht so bekannt, viele wissen gar nicht, wie vielseitig die Gemeinde hier war. Deshalb ging es von Anfang an darum, diesen Teil der Stadtgeschichte allen erst mal zugänglich zu machen. Darüber hinaus war mir wichtig, dass man die bedeutende Arbeit der engagierten Menschen unter anderem in den lokalen Geschichtswerkstätten konserviert, mit denen wir als Kulturzentrum oft kooperieren. Das Wissen, das sie sonst etwa in Stadtteilführungen vermitteln, darf nicht verloren gehen. Und mit dem digitalen Tool wollen wir in Zukunft auch weitere Vernetzung ermöglichen.
Die Politik der sogenannten „Arisierungen“ hat jüdische Geschäfte dauerhaft aus dem Straßenbild verschwinden lassen. Dabei reicht die Geschichte der Gemeinde Wandsbek bis ins 17. Jahrhundert zurück.
Ainhoa Montoya Arteabaro
Wie ist die interaktive Karte denn aufgebaut, was gibt es zu entdecken?
Mittlerweile kann man circa 80 Orte anwählen, vor allem im Kern des Stadtteils Wandsbek, teils auch im Norden des Bezirks wie etwa in Bramfeld oder Sasel. Man kann sich aktuelle, wenn vorhanden auch historische Aufnahmen ansehen, vor allem aber viele Informationen durchlesen. Neben Geschäften, Schulen, der Synagoge und dem Friedhof handelt es sich dabei häufig um Stolpersteine – und sofern die Biografien hinter den Namen im Metall rekonstruierbar waren, haben wir sie aufgeführt.
Wie kommst du an Material und Informationen?
Das ist ein wichtiger Punkt. Ein großer Teil der Inhalte basiert auf den jahrzehntelangen Recherchen der Historikerin Astrid Louven, die das Projekt ganz besonders unterstützt. Ebenso stehe ich immer wieder im Austausch mit Dr. Sigrid Curth und Stefan Romey, die sich ehrenamtlich gegen das Vergessen und für eine aktive Erinnerungskultur engagieren. Um ihre Leistung zu würdigen und ihre Wichtigkeit für die stadthistorische Kulturarbeit zu betonen, habe ich letztes Jahr einen Dokumentarfilm über sie gedreht, der die interaktive Karte ergänzt und auf unserer Website veröffentlicht wird. Als Titel trägt er das Motto, unter dem die Geschichtswerkstätten seit den 80er-Jahren laufen: „Grabe, wo du stehst“. Ohne diese Personen, ohne ihre Arbeit in Archiven und Bibliotheken, am Schreibtisch und auf der Straße, wüssten wir über unsere eigene Geschichte längst nicht so viel wie jetzt.
Um das Projekt weiterzuentwickeln bedarf es weiterer Förderung
Entwickelt sich die Karte noch weiter?
Es gibt einiges im Norden des Bezirks, das man noch auf die Karte bringen könnte. Doch dafür bräuchten wir eine Förderung – aktuell sitze ich allein an dem Projekt. Anfangs sahen die Strukturen noch ein bisschen anders aus. Von daher wäre es jetzt auch wichtig, das Projekt bekannter zu machen, es zu bewerben. Aber auch dafür braucht man wieder Geld, Mittel und Zeit.
Gibt es ein Netzwerk von vergleichbaren Projekten in Hamburg oder bundesweit, das sich stützt?
Es gibt ähnliche Projekte bundesweit – mit manchen stehen wir im Austausch. An Ideen für die weitere Aufarbeitung mangelt es auch nicht. Es wäre etwa fantastisch, die interaktive Karte auf ganz Hamburg auszuweiten. Aber wer kann das umsetzen? Erst mal muss im Rahmen der finanziellen und personellen Möglichkeiten die bestmögliche Arbeit im Kleinen getan werden.
Was würdest du dir denn konkret für die Fortentwicklung des Projektes wünschen?
Ich würde gern den Film und unser ganzes Material ins Englische übersetzen lassen. Es gibt immer wieder Menschen, die nicht in Deutschland leben, aber Familiengeschichte hier haben, die zu Besuch kommen und in Kontakt mit uns treten, um etwas über das vergangene Leben ihrer Angehörigen zu erfahren. Das Projekt kann nicht nur Wissen und Geschichte vermitteln, es kann auch Menschen zusammenbringen. Und ich möchte der nächsten Generation zeigen: Die eigene Geschichte zu erforschen, ist kein abgeschlossener Prozess. Die Verantwortung, weiterhin zu erinnern und zu gedenken, liegt bei uns allen.

