Judith Holofernes: Großwerden, ADHS und Freundlichkeit 

Nach ihrem erfolgreichen Memoir „Die Träume anderer Leute“, in dem die Berlinerin Judith Holofernes vor allem ihre Zeit als Frontfrau von Wir sind Helden verarbeitet hat, veröffentlichte sie mit „Hummelhirn“ nun einen autobiografischen Erfahrungsbericht über ihre Kindheit. Ein Gespräch über das Großwerden, ADHS und die Krux an der Freundlichkeit
„Ich habe mir immer gedacht, dass ich meine Kindheit mal aufschreiben müsse“: Judith Holofernes
„Ich habe mir immer gedacht, dass ich meine Kindheit mal aufschreiben müsse“: Judith Holofernes (©Marco Sensche)

SZENE HAMBURG: Judith, du bist ja eine Tausendsasserin. Was antwortest du Leuten heutzutage eigentlich auf die Frage, was du beruflich tust?

Judith Holofernes: Im Zweifel sage ich tatsächlich: Ich schreibe Bücher. Ich habe ja leider ernsthafte Probleme mit der Stimme, ob ich daher irgendwann wieder singen kann – unwahrscheinlich. Ich habe aber gemerkt, dass ich erstaunlich einverstanden damit bin, nicht zu wissen, was ich jetzt eigentlich gerade für eine bin. (grinst)

Wenn man sich deine Songtexte ansieht, hat man das Gefühl, dass auch dein Zugang zur Musik immer ein stark textlicher war. Würdest du von dir sagen, dass dein Zugang zu Kunst generell stark über das Wort kommt?

Das war auf jeden Fall zuerst da. Meine Mutter ist literarische Übersetzerin, wir hatten immer wahnsinnig viele Bücher zu Hause und ich habe ganz früh schon eine Liebe für komische Lyrik gehabt. Ich weiß aber, als Musik dazukam – da war ich etwa acht – und ich die Plattensammlung meiner Mutter entdeckt habe, dass das ganz schön eingeschlagen hat.

„Ich habe mich in die Freundlichkeit geflüchtet“

Judith Holofernes 

Weißt du noch wieso?

Wegen dieser Kraft, die das entwickeln kann: Wenn Text und Musik zusammenkommen, kann man Sachen zum Ausdruck bringen, die jenseits von beidem sind. Was ich jetzt aber beim Bücherschreiben herausfordernd finde – auf eine gute Art und Weise – ist, dass einen das mehr auf den Pott setzt. Natürlich kann man auch in einem magischen Raum bleiben und vieles den Leserinnen und Lesern überlassen, aber es fordert einen schon heraus, sich darüber im Klaren zu werden, was genau man eigentlich sagen will.

Judith Holofernes: „Mir ist auch klar geworden, warum ich als Künstlerin meine Themen gewählt habe“

„Hummelhirn“ von Judith Holofernes ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen (©Kiepenheuer & Witsch) 

Du hast mit „Hummelhirn“ nun erneut ein biografisches Buch geschrieben, hattest also offenbar das Gefühl, mit dem Vorgänger „Die Träume anderer Leute“ noch nicht alles gesagt zu haben. Wann hast du gemerkt, dass du „den Anfang“ noch dazu erzählen möchtest?

Eigentlich war es andersrum: Die Idee zu „Hummelhirn“ habe ich schon mit mir rumgetragen, seit ich Anfang zwanzig war. Ich habe mir immer gedacht, dass ich meine Kindheit mal aufschreiben müsse: lesbische Mutter, alleinerziehend in den Achtzigern – und noch bevor ich wusste, dass ich ADHS habe, hatte ich eine Geschichte, die viel mit vergeigten Anpassungsversuchen zu tun hatte. Das andere Buch hat sich bloß vorgedrängelt. Aber dadurch, dass ich das andere geschrieben habe, hat sich dieses nun auch verändert.

Inwiefern?

Die Bücher haben natürlich miteinander gesprochen. Themen sind wieder aufgetaucht, sodass ich beim Schreiben Zusammenhänge hergestellt habe und Sachen über mich als Kind herausgefunden habe, die mir erklärt haben, warum sich dieses Kind als berühmte Erwachsene in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise verhalten hat. Oder warum ich immer so inbrünstig nach Ersatzfamilien gesucht habe. Mir ist auch klar geworden, warum ich als Künstlerin meine Themen gewählt habe. Mein nonkonformistisches frohsinniges Gezeter über Regeln kam nicht von ungefähr. Das war eine Absage an etwas, das ich als Kind lange Jahre erfolglos versucht habe umzusetzen.

Hattest du auch schon Notizen zu dem Buch?

Nein, aber ich hatte meine Tagebücher – das war allerdings Fluch und Segen zugleich. (lacht)

Wieso?

Ich habe Tagebücher geführt, seit ich zwölf Jahre alt war, das war unfassbar viel Stoff. Ich habe monatelang nur diese Tagebücher bearbeitet.

Mein nonkonformistisches frohsinniges Gezeter über Regeln kam nicht von ungefähr

(Judith Holofernes)

Das stelle ich mir emotional sehr fordernd vor.

Ja, das war es. Ich habe viel geweint, aber auch sehr viel gelacht, das war schon sehr niedlich. Sehr berührt hat mich vieles vor dem Hintergrund meiner ADHS-Diagnose, die ich ja erst seit vier Jahren habe. Mit diesem Wissen sieht man die Dinge nun natürlich in einem ganz anderen Licht. Damals fehlten schlichtweg die Einordnung und auch die Offenheit dafür.

Bei unserem letzten Gespräch habe ich dich gefragt, was dich davon abgehalten hat, dir dein Leben zurückzuholen, als du noch unzufrieden in den Strukturen einer Profimusikerin festgehangen hast. Du hast daraufhin gesagt: „Mein größtes Hindernis war ganz sicher meine eigene Unklarheit und meine pathologische Freundlichkeit.“ Beidem bist du mit „Hummelhirn“ nun auf den Grund gegangen. Welche „neuen“ Erkenntnisse hast du beim Schreiben darüber für dich gewonnen?

Diese pathologische Freundlichkeit war einfach mein Versuch, nicht mehr anzuecken. Ich habe mich in die Freundlichkeit geflüchtet. Viele Leute haben das in meiner Musik, in meinen Texten gar nicht so empfunden, aber im direkten Kontakt war ich das immer – und das hat mir noch mal viel über meinen Weg mit den Helden und meine Solokarriere verraten.

Judith Holofernes: „Wenn ich nun alte Helden-Sachen sehe, dann entzückt mich das“

Ziehst du aus der intensiven Auseinandersetzung damit nun irgendwelche Konsequenzen hinsichtlich deines jetzigen Umgangs mit dir und anderen?

Ich versuche es. Das Fazit im Buch lautet ja, dass ich eine gewisse Freundlichkeit bereits mitgebracht habe und daran auch nichts falsch ist. Ich bin vom Wesen her relativ freundlich.

Dafür schätzt man dich ja auch.

Ja, und das ist schön. Das Geheimnis besteht darin, rauszugehen und besser zu erkennen, wo das verrutscht. Wo es Höflichkeit ist und wo es wirklich nur pathologisches People Pleasing ist. Bei mir war es lange so, dass ich wirklich jeden Wunsch, der irgendwo im Raum stand, als Befehl verstanden habe. Und alle Leute, die mir nahe sind, haben mir über Jahrzehnte hinweg immer wieder gesagt: „Judith, es ist dir doch egal, was der denkt. Hör doch auf, dem gefallen zu wollen.“ Aber ich konnte das nicht abstellen. Und zu verstehen, wo diese Hypervigilanz in Bezug auf die Wünsche anderer herkommt, das hat mir sehr geholfen.

Nun schreibst du zwar auch über deine Helden-Zeit in deinen Büchern, dennoch ist die Band seit 14 Jahren Geschichte. Nervt dich, dass immer noch überall steht „die ehemalige Wir-sind-Helden-Sängerin“?

Es nervt mich nicht mehr – seit ich das erste Buch geschrieben habe. Und das liegt an der transformatorischen Kraft des Schreibens. Davor und auch während des Schreibens war das noch ganz oft schwierig für mich, weil ich das Gefühl hatte, dass man mich nicht weiterziehen lässt. Ich habe immer ganz viel Verletzung daraus gezogen nach dem Motto: Ihr wollt nicht, was ich jetzt bin. Das ist ja auch eine Ablehnung: Ihr wollt alle, dass ich nur das bin, was ich immer war. Aber dadurch, dass ich darüber durchs Schreiben so tief nachdenken musste, ist das jetzt verarztet. Wenn ich nun alte Helden-Sachen sehe, dann entzückt mich das im Großen und Ganzen und ich habe so ein Gefühl dazu von: Ach ja, das war ich auch mal. Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, diese Frau von damals sein zu müssen.

Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 04/26 erschienen.

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