Bücher gelten häufig als analoger, teilweise veraltet wirkender Gegenentwurf zu allem, was im Netz so passiert. Aber selbstverständlich bilden Bücher oft auch die Gegenwart ab, in der wir leben – und dadurch natürlich auch den Struggle, dem wir aufgrund des durchdigitalisierten Alltags ausgesetzt sind. So verhält es sich auch beim Setting von „Just Watch Me“, in dem Dell Danvers dringend zu Geld kommen muss. Warum? Weil ihre Schwester im Koma liegt, das Krankenhaus aber die kostspielige Betreuung stoppen will – es sei denn, Dell bringt die dafür nötige Kohle auf. Ihre Idee: Der Start eines siebentägigen Livestreams, in den Dell alles reinbuttert, was ihr einfällt – und das Internet feiert sie dafür. Irgendwann muss sie sich jedoch die Frage stellen, wie viel man von sich selbst preisgeben kann, ohne Gefahr zu laufen, sich dabei am Ende zu verlieren. Ein wirklich schönes Debüt, eine Art analoges Doomscrolling, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wann digitale Selbstvermarktung in kompletter Selbstaufgabe mündet.
Diese Kritik ist zuerst in der Printausgabe der SZENE HAMBURG 07/26 erschienen.

