Trainer Sven Schölermann (52) lässt die Musik aus den Boxen dröhnen. „Taylor Swift mit Beats unterlegt. Falls du das nicht magst, musst du da jetzt durch“, sagt er schmunzelnd zu mir. Doch davon kann keine Rede sein. Gleich darauf erklingen sehr tanzbare, extra hippe Versionen der weltbekannten Musikerin, die in der geräumigen Halle im Vereinszentrum des TSV Sasel für mächtig Schwung sorgen. Nur ist hier nicht Tanzen angesagt. Stattdessen nutzen die Kickboxerinnen des TSV Sasel Swifts musikalische Anwesenheit für ihr Aufwärmprogramm. Sieben Kickbox-Kurse bietet der Verein am Saseler Parkweg 14 an. Drei für Frauen und Mädchen, drei für Mädchen und einen Kurs für alle – zu dem überwiegend Frauen und Mädchen kommen. Nach dem Aufwärmen demonstrieren die weiblichen Kämpferinnen unter Schölermanns Anleitung ihr Können. Sie tänzeln aufmerksam in Zweierpärchen in Angriffs- und Verteidigungshaltungen durch die Halle, schlagen bald kräftig mit ihren Boxhandschuhen und sogar mit bloßen Füßen auf die Pratzen genannten Schlagpolster ein. Es knallt mehrmals laut.
Kickboxen boomt in Hamburg
Einen solchen Schlag möchte man(n) nicht abbekommen. Die Wahrscheinlichkeit für unerwünschte Angreifer steigt allerdings. Und das nicht nur, weil die Werbung des TSV Sasel für seine Kickbox-Sparte „Werde fit und lerne dich zu verteidigen“ lautet. Kickboxen erlebt in Hamburg einen Boom, verzeichnete 2025 einen prozentualen Mitgliederzuwachs von 11,31 Prozent. Das ist der zweithöchste Mitgliederanstieg einer Hamburger Sportart im vergangenen Jahr. Als eigenständige Sportart entwickelte sich Kickboxen aus den Kampfsportarten Karate (Japan), Taekwondo (Korea) und Kung-Fu (China) in den frühen 1970er-Jahren erst in den USA und bald darauf in Europa. Mittlerweile hat es eine enorme Anziehungskraft entwickelt.
Auch immer mehr Frauen und Mädchen sind dabei. So wie die erst zwölf Jahre alte Hanna Trezl. Sie hat den Sport vor zweieinhalb Jahren durch eine Kickbox-AG an ihrer Schule Gymnasium Oberalster entdeckt und gilt als stärkste Kickboxerin der Saseler. Sie trainiert sechsmal die Woche, hat bereits internationale Turniere gewonnen und selbst mit erwachsenen Frauen sportlich auf Augenhöhe gekämpft. Ihrem ein Jahr jüngeren Bruder ist sie im Kampf mindestens ebenbürtig. Hanna ist absolut durchtrainiert, sehr wendig – und sehr ehrgeizig. „Ich möchte gern Europameisterin werden. Ich traue mir das zu“, sagt sie. „Bevor ich mit dem Kickboxen begonnen habe, wusste ich gar nicht, wie viel Kraft ich habe. Das ist ein tolles Gefühl.“ Hanna ist allerdings keine Kraftmaschine, die nur aufs Gewinnen aus ist. „Ich finde es so schön, wie respektvoll wir hier alle in den Kursen miteinander umgehen und auf uns aufpassen. Es passieren so gut wie nie Verletzungen“, sagt sie. Megan, mit 24 Jahren doppelt so alt wie Hanna, kann das bestätigen.
„Ich möchte gern Europameisterin werden. Ich traue mir das zu“ – Hanna Trezl
Für sie spielt der Wettkampfaspekt des im Leichtkontakt, Semikontakt oder Vollkontakt ausgeübten Kickboxens aber eine untergeordnete Rolle. Sie übt die Sportart schon seit 2017 aus. „Ich habe abends keine Angst mehr, auf die Straße zu gehen. Kickboxen gibt mir ein enormes Selbstvertrauen. Ich habe dadurch eine ganz andere Körpersprache und Ausstrahlung“, sagt sie. „Ich wurde noch nie angegriffen und das bleibt hoffentlich so. Aber würde es passieren, dann wüsste ich, dass ich mich wehren kann.“ Kickboxen selbst gehört laut Megan von einigen Klischees entstaubt. „Viele Menschen verbinden Kickboxen mit massigen Männern, die ohne Kopfschutz aufeinander drauf ballern, bis einer umfällt. So ist es überhaupt nicht. Zum Kickboxen gehört enorm viel filigrane Technik.“ Sowohl Hanna als auch Megan loben Trainer Sven Schölermann in höchsten Tönen. „Unser Trainer Sven gibt uns unglaublich viele hilfreiche Tipps“, sagt Hanna. „Sven erklärt uns das Kickboxen sehr gut. Er respektiert sofort, wenn eine von uns mal nicht so fit ist und bietet ihr an, ruhiger zu trainieren. Er lebt Kickboxen auf eine sehr achtsame Art und Weise, in der gleichzeitig viel Power steckt.“ Diese Power wiederum hat Schölermann gebraucht, um die weibliche Erfolgsgeschichte des Kickboxens beim TSV Sasel zu ermöglichen.
„Bevor ich mit dem Kickboxen begonnen habe, wusste ich gar nicht, wie viel Kraft ich habe. Das ist ein tolles Gefühl“
Hanna Trezl
Im Jahr 2016 kehrte er seinem Beruf als Versicherungskaufmann den Rücken und bot dem TSV Sasel an, als hauptamtlich angestellter Trainer das Kickboxen im Verein aufzubauen. Mittlerweile hat die Sparte etwas über 100 Mitglieder. So gut wie alle sind weiblich. „Frauen und Mädchen gehen nach meiner Erfahrung respektvoller miteinander und auch mit den Trainerinnen und Trainern um. Bei den Männern und Jungen fühlst du dich als Trainer manchmal wie auf einem Affenfelsen, auf dem es zu Revierkämpfen kommt. Das ist nicht so mein Ding“, sagt Schölermann. 1990 wurde er als Jugendlicher Opfer eines Raubüberfalls und wandte sich daraufhin dem Kickboxen als seiner künftigen Verteidigungsstrategie zu. „Damals war ich aber noch viel ehrgeiziger. In dieser Phase meines Lebens habe ich das gebraucht“, sagt Schölermann.
Pläne auf dem Weg zu Europameisterin
Er holte einen Welt- und drei Europameistertitel, siegte sogar bei einer Kung-Fu-Europameisterschaft, obwohl ihn die Zuschauer in der Wandsbeker Sporthalle auspfiffen, weil er als Kickboxer an ihrer Sportart teilnahm. Als Trainer führte er später einige Kickboxerinnen und Kickboxer zu Welt- und Europameistertiteln. Heute ist ihm das Siegen längst nicht mehr so wichtig wie früher. Die Philosophie des Kickboxens dafür umso mehr. „Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: Es ist besser, ein Krieger in einem Garten zu sein als ein Gärtner in einem Krieg“, sagt er. „Kickboxen hat sehr viel mit Friedfertigkeit zu tun. Es geht darum, sich selbst zu verteidigen und auch im Rahmen der gegebenen Situation anderen Menschen helfen zu können.“ Auch kämen viele Frauen und Mädchen aus unterschiedlichen Gründen in seine Kurse. Manche wollten einfach fit und gesund bleiben, andere durch das Kickboxen im Stress ihres Alltags wieder in die richtige Balance finden. Schölermanns neuestes Projekt in der Sparte hat allerdings Wettkampfgründe. „Wir suchen innerhalb unserer Sparte eine Sparringspartnerin für Hanna“, sagt er. Damit sie eines Tages tatsächlich Europameisterin wird.
Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 03/26 erschienen.

