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„Killing in the name of“: Theater für den höheren Zweck

2019 gewann Alicia Geugelin den Start Off-Wettbewerb für junge Regisseure – ihr Stück „Killing in the name of“ feiert jetzt seine Premiere. Und stellt die Frage: Wie weit kann man gehen für seine Überzeugung?

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Alicia Geugelin, Sie sind die zwölfte Gewinnerin des Start Off-Wettbewerbs. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Alicia Geugelin: Eine Wertschätzung unseres Konzepts, weiter inszenieren zu dürfen. Und meine Form weiterentwickeln zu können: auf der Suche, wie eine Art der Verbindung zwischen Schauspiel und Musik aussehen kann.

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Ein Theaterstück über Überzeugungen: „Killing in the name of“ (Foto: MorelSo ET ROT)

Ihr Stück heißt „Killing in the name of “. Jenseits der zahlreichen Nachrichten von Attentaten weltweit, gab es ein spezielles Ereignis, das Sie letztlich motivierte, sich dieses Themas als Inszenierung anzunehmen?

Mein Großvater war Klavierlehrer von Christian Klar, einem ehemaligen, führenden Mitglied der RAF. Klars wachsende Begeisterung für radikale Ansichten waren mit meinem pazifistisch denkenden Großvater unvereinbar, er warf Klar aus seinem Unterricht. Das beschäftigt meinen Großvater bis heute.

Mein Team und ich haben angefangen, uns mit der Geschichte Klars, seinen Ansichten, seiner Kritik an bestimmten Zuständen zu beschäftigen. In Kombination mit den zahlreicher werdenden Attentaten aus der rechten Szene haben wir gemerkt, dass wir uns intuitiv den Argumenten linker Gruppierungen näher fühlen. Wir fragten uns, ob das gerechtfertigt ist, wenn es um Menschenleben geht.

Nutzen Sie bei der Gegenüberstellung von Freiheitskämpfern und Terroristen bekannte konkrete Beispiele?

Ja. Und hier ist spannend, zunächst ideologiefrei heranzugehen und dann die jeweiligen Gründe, ob rechts oder links, religiös oder politisch, versuchsweise nachzuzeichnen. Interessant ist ja genau die Wertung als Freiheitskämpfer oder als Terrorist: Wann und warum nennen wir den einen so, den anderen so?

Zu welchen Teilen verwenden Sie Dokumentation einerseits und Fiktion andererseits?

Momentan würde ich sagen: zwei Drittel Fiktion, ein Drittel Dokumentation. Aber vielleicht wird es auch Hälfte- Hälfte …

Beziehen Sie in der Inszenierung Stellung zum Grundproblem: Darf man töten für einen „guten“ Zweck, oder muss man sogar mitunter drastisch eingreifen, wenn es von existenzieller Bedeutung ist?

Um diese Frage kreisen die Ethiker seit Jahrtausenden – es ist schwierig, zu einer eindeutigen Antwort zu kommen. Aber indirekt wird es natürlich permanent um dieses Thema gehen: Aus welcher Motivation wird gehandelt und wie weit gehen wir mit? Warum beurteilt die Gesellschaft das eine als legitim und das andere nicht?

Auch der Wert eines Menschenlebens wird ja scheinbar unterschiedlich beurteilt, wenn man über Ertrinkende im Mittelmeer, einstürzende Fabrikhäuser, Exekution von Terroristen nachdenkt – staatlich befohlenes Töten wird bagatellisiert oder die „erfolgreiche Operation“ gefeiert.

 

„Mich fordert am meisten heraus, wenn etwas unerreichbar erscheint.“

Alicia Geugelin

 

Wie gehen Sie konkret an die Umsetzung heran?

Aus literarischen Texten, Interviews und Sachtexten haben wir eine Fassung erstellt, mit der wir in die Proben starteten und die wir dann in der konkreten Arbeit, durch Improvisationen etc., ergänzen. Zusätzlich werden die Schauspieler Instrumente spielen und singen, es wird also einige musikalische Szenen geben.

Woher stammen die Texte, woher die musikalischen Anteile?

Es gibt Texte aus der Literatur sowie Sekundärtexte aus der Rechtswissenschaft, der Ethik, aber auch dokumentarische Interviews. Wir arbeiten mit (rechtefreien) Werken beziehungsweise Figuren daraus, wie beispielsweise Michael Kohlhaas oder Judith.

Bei der Musik will ich mich noch nicht festlegen, da hängt das Ergebnis von der konkreten Probenarbeit ab.

Sie haben in verschiedenen Bereichen gearbeitet: Musiktheater, Schauspiel, als Dirigentin, als Tänzerin, als Lehrende – wie lassen Sie sich am liebsten herausfordern?

Mir macht die Abwechslung Spaß. Inzwischen fühlt es sich so an, als habe ich mich in den vergangenen Jahren immer weiter vom rein musikalischen Weg verabschiedet. Aber auch hin und wieder als Dirigentin zu arbeiten, ist spannend, denn ich merke, wie sich Regie und musikalische Arbeit gegenseitig befruchten. Mich fordert am meisten heraus, wenn etwas unerreichbar erscheint.

Welche Erwartung haben Sie ans Publikum?

Ich habe ein Bild vor mir von einem Unterwasser- aquarium, in dem man das Gefühl hat, im Haifischbecken zu schwimmen und doch im Trockenen steht. So ungefähr möchte ich das Publikum in unsere Auseinandersetzung mitnehmen und zu einem Teil unserer Suche machen.

Lichthof Theater: Mendelssohnstraße 15 B (Bahrenfeld), „Killing in the name of“: 28.2. (Premiere), bis 8.3.


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