Proof of Stake – Technologische Behauptungen, Ausstellungsansicht (Foto: Fred Dott)

Kunstverein in Hamburg: Da braut sich was zusammen

Im Kunstverein in Hamburg gibt es mit „Proof of Stake – Technologische Behauptungen“ eine hochaktuelle Schau über Blockchains und andere unheimliche Ingredienzien unser digitalen Umwelt

Text: Karin Schulze

 

Wie gut, dass es zu Proof of Stake im Kunstverein ein Glossar gibt, denn die Ausstellung berührt schwieriges Terrain: die Auswirkungen von Technologien wie des Blockchain-Verfahrens auf Eigentums- und Machtverhältnisse. Komplex ist bereits der Titel. Er bezeichnet einen zentralen Mechanismus, der bei der Generierung neuer Blockchain-Blöcke zum Einsatz kommt. Und das ohne das energieaufwendige Mining. Als Ausstellungstitel aber meint er vielleicht so etwas wie: „Nachweis für das, was auf dem Spiel steht.“ Dabei beginnt die Ausstellung mit vordigitalen Macht- und Eigentumspraktiken in Gestalt kolonialer Aneignungen. Wie einen dunklen Schatten legt der Künstler Timur Si-Qin dieses Thema unter und über die Schau. Auf dem Boden des Kunstvereins hat er mit Folie den Grundriss der ehemaligen Ausstellung für indigene Kulturen Nordamerikas des MARKK (Museum am Rothenbaum) markiert und darauf die ausrangierten Vitrinen verteilt. Jetzt leer, sind sie zugleich Erinnerung an koloniale Inbesitznahmen und gespenstische Vorboten künftiger Aneignungen.

 

Von Hirschlederhemden zu Blockchain

 

Diese Fährte nimmt Krista Belle Stewart auf. Die Künstlerin, selbst Angehörige der nordamerikanischen Syilx Nation, hat sich von Anhängern deutschen Freizeit-Indianertums ein als „indianisch“ geltendes Hirschlederhemd fertigen lassen, das sie – gewissermaßen im Gewand seiner abstrusen Entstehungsgeschichte – nun ebenfalls in einer Vitrine exponiert.

Proof of Stake – Technologische Behauptungen, die aktuelle Ausstellung im Kunstverein in Hamburg (Foto: Fred Dott)

Proof of Stake – Technologische Behauptungen, die aktuelle Ausstellung im Kunstverein in Hamburg (Foto: Fred Dott)

Direkt auf das Thema Blockchain zielt der Londoner Kryptokunst- und NFT-Pionier Robert Alice mit einer runden, münzförmigen Leinwand, die umlaufend mit den 322.048 Ziffern des kryptografischen Schlüssels für einen der ersten Datenblöcke von Bitcoin-Transaktionen versehen ist. Femke Herregraven, eine Künstlerin, die sich den soziopolitischen Auswirkungen von Finanztechnologien widmet, stellt eine Verbindung her zwischen der Produktion von Latex im 19. Jahrhundert, das für die Isolierung von Unterwasserkabeln verwendet wurde, und den Kommunikationsinfrastrukturen, auf denen beispielsweise auch Blockchains basieren.

Natürlich werden auch die in letzter Zeit so heftig debattierten NFT-basierten Kunstwerke thematisiert. Etwa vom Künstler und HFBK-Professor Simon Denny, der zusammen mit Kunstvereinsdirektorin Bettina Steinbrügge die Schau verantwortet. Für einen seiner eigenen Beiträge haben Wissenschaftler technische Objekte ausgewählt und deren organisatorische Funktionen in Texten beschrieben. Diese Dinge hat Denny in ein NFT verwandelt, das den Wissenschaftlern zur Vergütung ihrer Mitarbeit geschenkt wurde.

 

Stimmig kuratiert

 

Durchaus plausibel fügen sich in die Ausstellung auch Arbeiten ein, die lange vor der Blockchain entstanden sind. Der behaarte Fleischblock aus der Serie Technologische Reliquienbehältnisse des Künstlers Paul Thek (1933–1988) etwa. Das Behältnis mit seinem unheimlichen Inhalt macht sich gut neben dem gläsernen Kühlschrank von Josh Kline, der dreierlei Softdrinks mit harten Inhaltsstoffen für harte Zeiten bereithält: Eine Geschmacksvariante etwa basiert auf Crowd Control, Schweineblut, Pfefferspray und Dreck. Dazu passt auch Mel Chins Warenautomat: Seine Packungen scheinen Sandwiches zu offerieren, enthalten aber vor allem Fetzen einer zerschnittenen US-Flagge: Partialpatriotismus to go gewissermaßen. Und alle drei lassen sich als Belege deuten für die zunehmende Technifizierung von Körpern, Bedürfnissen und Einstellungen.

Die Ausstellung gleicht einem Spielfeld, auf dem man sich in Aspekte der neuen, für die meisten so gar nicht transparenten Technologien hineinzoomen kann – und auf dem zugleich kritische Distanz möglich wird.

Proof of Stake – Technologische Behauptungen, Kunstverein in Hamburg, bis 14. November 2021


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