SZENE HAMBURG: Eva Trobisch, die Regisseurin des Films, ist nur ein halbes Jahr älter als du. Hat das Einfluss auf die gemeinsame Arbeit, wenn man ansatzweise gleich alt ist?
Alter ist relativ. Es war jetzt schon häufiger der Fall, dass ich sogar älter war als diejenigen, in deren Film ich mitgespielt habe. Ich bringe dann aber natürlich auch ganz andere Erfahrungen mit. Wichtiger als das Alter ist die Vision, die jemand mitbringt – und wie gut man die vermittelt bekommt.
Hast du Evas Vision von Anfang an verstanden?
Ja, absolut. Eva schreibt ja auch selber – Autorenkino – das ist sowieso noch mal eine andere Nummer. Aber sie kann auch wirklich gut kommunizieren, was sie sich wünscht. Und: Sie ist offen für Experimente.
Experimente welcher Art?
In dem Sinne, dass es viele Wege gibt, Sachen zu erzählen – und dass man gut damit beraten ist, wenn man erst mal sammelt und dann am Schneidetisch entscheidet, wie die Geschichte erzählt werden soll. Wir haben die Kamera manchmal einfach weiterlaufen lassen, um drinzubleiben in der Energie und dadurch unterschiedliche Farben, unterschiedliche Aggregatzustände aufgenommen – einfach um sicherzugehen, dass wir alles mitnehmen. Eva hat tolle Mittel und Wege gefunden, die Menschen am Set miteinander zu verbinden.
Inwiefern?
Beim Casting hat sie mir zum Beispiel die Anleitung zu einem Zaubertrick gegeben, den ich meiner Spielpartnerin erklären musste. Durch diesen Prozess, bei dem du denken und vermitteln musst, kommt man einander viel näher, als wenn man „nur“ spielt – und hat dadurch beim Spielen bereits eine Grundverbindung, die viel tiefer ist, als wenn man lediglich seine Texte gelernt und aufgesagt hätte.
Diese Herangehensweise kanntest du demnach von anderen Regisseuren nicht?
Nein, nicht so. Es gibt natürlich Leute, die dich improvisieren lassen oder intensive Gespräche mit dir führen, um herauszufinden, mit wem sie es zu tun haben. Aber Eva hat es ziemlich schlau angestellt. Wenn sie mir eine Aufgabe gibt, guckt sie natürlich auch darauf, wie ich reagiere und registriert die entsprechenden Zeichen, die darauf hindeuten, ob man miteinander kann oder nicht, wie offen man ist und wie sehr man vertraut.
Max Riemelt über Vertrauen
Wie wichtig ist dir ein solches Vertrauen?
Das ist das Allerwichtigste. Ohne Vertrauen geht gar nichts. Ich muss merken, dass jemand weiß, was er oder sie macht. Wenn jemand ein klares Ziel und eine Vision hat und ganz genau hinguckt, fühle ich mich immer gut aufgehoben. Erst dann kann ich mich öffnen.
Eva hat gesagt, dass sie es am schwierigsten fand, den Schauspieler für deine Figur zu finden, dass du ihr am Ende durch dein Spiel aber imponiert hättest. Wie ist dir das gelungen?
Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie der „Ostmann“ im Film häufig dargestellt wird: oft ein bisschen schwach, weinerlich und selbstmitleidig –gerade wenn dann so viele Frauen auf ihn einprasseln wie in „Etwas ganz Besonderes“. Ich hingegen hatte eine gewisse Form von Resilienz. Mich hat das nicht wahnsinnig tangiert, wenn ich beleidigt wurde – und das mochte sie: Dass ich meine Figur als jemanden gespielt habe, der das aushält. Das ist tatsächlich Teil meines Wesens, dass ich belastbarer bin, selten etwas persönlich und mich selbst nicht so ernst nehme. Am schlimmsten finde ich ja immer, wenn man als Schauspieler versucht, im Gesicht darzustellen, wie es einem vermeintlich geht. Nichts ist langweiliger als dieses Eins-zu-eins-Spiel.
Demnach hast du auch einen großen Teil deiner Persönlichkeit in die Figur mit reingebracht – zumindest die Facetten, die zur Rolle gepasst haben.
Das mache ich immer so. Das ist meine größte Waffe. Ich habe ja nie Schauspiel studiert und daher keine Technik gelernt. Alle meine Rollen gingen über Vertrauen und mein Verständnis davon, wie ich in der jeweiligen Situation reagieren würde. Ich versuche, eine emotionale Brücke zu bauen, über die die Zuschauenden dann spazieren können.
Ohne Vertrauen geht gar nichts. Ich muss merken, dass jemand weiß, was er oder sie macht.
(Max Riemelt)
Eine der zentralen Fragen des Films lautet: „Wer bist du und was macht dich aus?“ Wie würdest du diese Frage beantworten?
Puh. Ich würde sagen, dass ich mich immer wieder gerne auf neue Sachen einlasse und Abwechslung brauche. Ich könnte keinen Bürojob machen, in dem ich immer die gleichen Leute und gleichen Menschen um mich habe. Ich mag temporäre Abenteuer. Gleichzeitig bin ich ein totaler Familienmensch. Ich brauche den Spiegel: Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, die mir ehrlich sagen, wer ich bin. Wo es nicht so abstrakt wird. Wenn man gewisse Sachen miteinander erlebt, vielleicht sogar einen Alltag hat, ist das das Ultimative; so fühl ich mich wohl und geborgen. Das braucht jeder Mensch, glaube ich. Ich habe auch ein Verantwortungsgefühl für meine Familie: Man versucht, sie zusammenzuhalten und trotzdem genug Abstand zueinander zu halten, indem man sich Zeit füreinander nimmt, aber nicht krampfhaft versucht, alles zu kontrollieren, nicht alles so zu machen, wie man es selbst am liebsten hätte, sondern auch Rücksicht auf die anderen nimmt.
Gleichzeitig ist die erwähnte Frage eine, die du dir mit jeder neuen Rolle hinsichtlich deiner Figur stellen musst. Wie gehst du dieses Annähern an deine Figuren in der Regel an?
Erst einmal muss man verstehen, in was für einem Format man sich eigentlich befindet. Der Rahmen ist total wichtig. Meistens geht es nicht darum, so vielschichtig zu sein wie in unserem Film. In unserem Film werden mehr Fragen gestellt als beantwortet, und das mag manche Leute ein wenig unbefriedigt zurücklassen. Ich mag das aber viel mehr, wenn man ein bisschen nachdenken muss.
„Wir sind alle mehr als nur einer oder eine“: Max Riemelt
Du bist nun schon ein paar Jährchen Schauspieler. Gab es mal Phasen, in denen du dieses „Was bin ich?“ mal verloren hast? Weil du ja mehr bist als „nur“ du selbst.
Wir sind alle mehr als nur einer oder eine. Wir Menschen sind wie chemische Elemente: Je nachdem, aus welchem Element mein Gegenüber besteht, reagiere ich anders. Da kommen unterschiedliche Seiten hervor. Manche stoßen sich ab, andere ziehen sich an – manchmal ist das auch schlicht tagesformabhängig. Insofern kann man nie genau sagen, wer oder wie man ist. Und man weiß ja: Nichts ist beständiger als die Veränderung – das gilt für innen und für außen.
Welchen Einfluss hat diese Erkenntnis für dich als Schauspieler?
Ich habe die Erfahrung gemacht: Erst wenn ich aufgrund meines Erfahrungsschatzes nicht immer vorauszuahnen versuche, was wohl als Nächstes passiert, kann ich auch Dinge erleben, die darüber hinausgehen. Ich hatte viele Begegnungen mit tollen Leuten, die mir mehr gezeigt haben als das, was ich schon wusste. Und so möchte ich gerne weiterleben.
Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 07/26 erschienen.

