SZENE HAMBURG: Bianca, beim Thema Restaurierung denken vermutlich viele erst mal an dein persönliches Spezialgebiet: die Arbeit mit alten Gemälden, um einen bestimmten historischen Zustand wiederherzustellen. Doch damit ist der Tätigkeitsbereich von Restauratorinnen und Restauratoren noch lange nicht ausreichend beschrieben, oder?
Bianca Floss: Nein, es gibt neben der Gemälderestaurierung ganz verschiedene Fachdisziplinen. Hier am MHG haben wir noch die Bereiche Papier, Textil und „Objekte“ – worunter alles fällt, was Kunsthandwerk und Dinge des alltäglichen Lebens betrifft: von der Kaffeetasse bis zur Kanone. Entsprechend groß ist auch die Materialvielfalt. Zum Restaurieren gehört aber mehr als das rein praktische Arbeiten am Objekt. Besonders im musealen Kontext geht es darum, eine Umgebung für die hauseigene Sammlung herzustellen, die die Materialalterung verlangsamt. Wir kümmern uns um Licht und Raumklima, um alles, was mit Schädlingen zu tun hat, um Ausstellungsaufbau und -abbau, aber auch um optimale Lagerungsmöglichkeiten. Der Großteil unserer Sammlung, die circa 550.000 Objekte umfasst, ist ja für das Publikum gar nicht sichtbar, sondern schlummert im Depot – wo wir auch hauptsächlich arbeiten, um die Zustände der Objekte zu dokumentieren und Erhaltungskonzepte zu erstellen.
Klingt ziemlich vielseitig und anspruchsvoll! Was sollten angehende Restauratorinnen und Restauratoren also auf jeden Fall mitbringen?
Man muss ganz gut macgyvern können (lacht). Kreativität spielt in der Restaurierung eine große Rolle – nicht im Sinne der eigenen künstlerischen Gestaltung, sondern der Problemlösung. Restaurieren bedeutet nicht, ein Kunstwerk zu verbessern, sondern es zu erhalten. Wobei für den Bearbeitungsumfang gilt: so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Alle Materialien sind Alterungseigenschaften unterworfen, auch jene, die wir neu ins Objekt einbringen. Zudem sollte man manuelles Geschick mitbringen sowie ein breites Interessenspektrum in Verbindung mit einer gewissen Lernbereitschaft, da unsere Arbeit Natur- und Materialwissenschaften mit Kunsttechnologie verknüpft. Sehr wichtig ist es auch, dass man als Teamplayer agiert, da die Objekte oft verschiedene Materialien aufweisen und so interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern.
Der Weg einer Restauration ist lang
Wie sieht denn die Ausbildung aus?
Seit den 1960ern kann man in Deutschland Restaurierung studieren. Vor dem Studium muss man allerdings ein Praxisjahr absolviert haben – wofür es in Hamburg das stadtweite Projekt „Hamburger Praxisjahr Restaurierung“ gibt, das ich leite, und bei dem die Hamburger Museumsstiftungen, das Denkmalschutzamt und freiberufliche Restaurierungswerkstätten kooperieren.
Lass uns mal konkret werden und die Restaurierung eines Gemäldes ins Auge fassen: Wie näherst du dich dem Objekt? Was sind die ersten Schritte, noch vor der manuellen Bearbeitung?
Zuerst schaut man sich die Aktenlage an. Eine Prämisse der Restaurierung ist es, die eigene Arbeit festzuhalten, in Wort, Bild und bestenfalls auch Materialdatenblättern. Wir haben im MHG das Glück, dass ein großer Teil der Gemäldesammlung, die ja, wie das Museum, auch schon über 100 Jahre alt ist, gut dokumentiert wurde. Nach Sichtung der Akten begutachtet man das Objekt selbst, mikroskopisch und unter UV-Strahlung, um Retuschen zu erkennen, aber auch mit dem bloßen Auge – das vor allem durch die eigene Berufserfahrung geschult ist. Zusätzlich kann man analytische Methoden der Naturwissenschaft anwenden, Proben des Gemäldes entnehmen, um Materialien zu bestimmen. Wenn eine Signatur beispielsweise mit einem Kadmiumrot aufgetragen wurde, das es zum Entstehungszeitpunkt des Bildes noch gar nicht gab, ist sie wohl nicht original. Kunsttechnologie, Naturwissenschaft und Quellenkunde kommen hier zusammen und ergeben ein Gesamtbild. Auf der Grundlage erstellt man dann ein Erhaltungskonzept, das man auch mit den zuständigen Kuratorinnen und Kuratoren bespricht.
Wenn du die Material- und Zeitschichten eines Bildes freigelegt hast: Wie bestimmst du den spezifischen Zeitpunkt in der oft langen Objektgeschichte, zu dem du zurückkehren möchtest?
Nicht allein, sondern häufig auch im Austausch mit dem restauratorischen Team und, wenn der Fall tiefer liegt, auch mit dem kuratorischen Team. Die gemeinsam präsentierten Objekte einer Ausstellung sollten in einem ähnlichen Zustand sein, damit sie zusammenpassen. Wir besprechen dann etwa, ob eine bestimmte Stelle eine Nutzungsspur ist, die zum Werk gehört und erhalten bleiben muss, oder ein zu behebender Schaden aufgrund zum Beispiel vorheriger, schlechter Lagerung. Manchmal wurden in der Vergangenheit ganze Flächen überarbeitet, um viele einzelne Stellen auf einmal zu retuschieren. Derzeit haben wir zum Beispiel das Porträt eines Nachtwächters aus dem Jahr 1799 bei uns, das im Zunftsaal der zukünftigen Ständigen Ausstellung des MHG hängen wird, wenn es Ende 2028 wieder seine Pforten aufmacht. Der Hintergrund war fast monochrom und total dunkel: eine Übermalung aus dem 20. Jahrhundert, wie wir festgestellt haben. Im Laufe unserer Bearbeitung kamen dann ein angedeuteter Sonnenuntergang sowie stilisierte Büsche und Bäume zum Vorschein – und lieferten so auch mehr Kontext.
Wie steht es mit Korrekturmöglichkeiten bei der eigenen Restaurierung?
Man sollte auf jeden Fall immer im Sinne der Erhaltung des Objekts und der historischen Substanz handeln, in kleinen Bearbeitungsschritten und mit einem detaillierten Erhaltungskonzept. Das heißt: vor der manuellen Bearbeitung alle Zweifel aus dem Weg räumen und sicherstellen, was sich technisch bewerkstelligen lässt und was nicht. Wenn die Gefahr besteht, die originale Schicht zu gefährden, muss man zurücktreten und die eigenen Grenzen akzeptieren. Auch das zeichnet gute Restauratorinnen und Restauratoren aus.
Was bearbeitest du im Moment? Und was würdest du gern mal restaurieren?
Aktuell bereiten wir gemeinsam die Rückführung von insgesamt 3500 Objekten für die zukünftige Ständige Ausstellung im MHG vor. Wir schauen uns jedes Objekt einzeln an und entscheiden, wie man präventiv vorgehen kann und gute Ausstellungsbedingungen schafft, ob man einen Ist-Zustand erhalten möchte, oder ob man tatsächlich restaurieren muss. Das ist schon aufregend: Wann darf man denn sonst ein Museum komplett neu einrichten? Das passiert vielleicht einmal im Berufsleben. Insofern habe ich auch keine offenen Wünsche. Ich kann mich für alles begeistern und finde den Gedanken schön, dass ich die Objekte über einen gewissen Zeitraum begleiten darf und mit meiner Arbeit tatsächlich etwas hinterlasse, wenn auch im besten Fall unsichtbar für die Besucherinnen und Besucher.

