SZENE HAMBURG: Frau Riedel, warum haben Sie MOSAIQ e. V. gegründet?
Dr. Sally Riedel: Ich habe schon davor viel diskriminierungskritische Bildungsarbeit gemacht, vor allem im Schulkontext mit Lehrkräften und SchülerInnen. Wir haben den Verein gegründet, um nachhaltig und unabhängig von Förderung selbstorganisiert wirken zu können. Gleichzeitig wollten wir größer werden, weitere Förderungen bekommen und als Kooperationspartner anerkannt sein. Ich habe den Verein nicht allein gegründet, sondern mit viel Support von jungen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollten. Wichtig war uns auch, dass marginalisierte Personen nicht nur Teilnehmende sind, sondern auf Entscheidungsebenen tätig und sichtbar werden. Es geht um Formate, in denen Menschen zusammenkommen, auch aus stigmatisierten Stadtteilen. Seit Bestehen hatten wir viel Zulauf, vor allem von jungen Teilnehmenden. Vermehrt kommen auch Institutionen und Unternehmen im Rahmen der Erwachsenenbildung auf uns zu. Man kennt uns.
Das Q in MOSAIQ steht für „Question“. Was sind aktuell die dringenden Fragen im gesellschaftlichen Diskurs?
Uns geht es um das Hinterfragen von Strukturen und vermeintlichen Normen: Was gilt als normal? In der Wissensvermittlung fragen wir kritisch nach, warum Strukturen so sind, wie sie sind, auch historisch und kolonialkritisch. Für rassismuserfahrene Personen ist es wichtig, Räume zu schaffen, um Rassismus zu erkennen, zu benennen und Handlungsoptionen zu entwickeln – das ist unsere Empowerment-Arbeit. Für nicht betroffene Personen geht es um das Hinterfragen der eigenen Rolle. Zentral ist dabei Ungleichbehandlung und Doppelmoral: Gelten Menschenrechte für alle? Für wen gilt das Völkerrecht? Welche Themen kommen in den Medien nicht vor? Auch Medienpräsenz spielt eine große Rolle, wenn TäterInnen zu RepräsentantInnen ganzer Gruppen gemacht werden.
Ausdrücke wie „Stadtbild“: Rassismus zeigt sich gerne subtil
Wo beginnt für Sie der Begriff „Rassistische Beleidigung“?
Die Betroffenenperspektive ist entscheidend. Menschen sollen selbst über Eigenbezeichnungen entscheiden. Eine rassistische Beleidigung hat das Ziel von Abwertung und Ablehnung, oft mit historisch gewachsenen Begriffen. Komplex wird es, weil Rassismus gern subtil ist. Es werden vermeintlich korrekte Begriffe benutzt, um etwas Abwertendes zu meinen, wie zum Beispiel „Stadtbild“. Das macht es schwerer, Rassismus zu greifen. Oft frage ich mich: Warum halten Leute an rassistischen Begriffen fest, auch wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass diese Wörter Menschen verletzen? Sprache bedeutet Macht. Sie beeinflusst unser Denken und dann auch unser Handeln.
Wie kann ich verhindern, ungewollt abwertend zu sprechen?
Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Ansatz von Critical Whiteness, also kritischem Weißsein. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht und KollegInnen im Team, die dazu Fort- und Weiterbildungen anbieten. Es geht darum, sich damit auseinanderzusetzen, dass wir alle rassistisch sozialisiert sind und Rassismus reproduzieren können. Als weiße Person heißt das, sich anzuschauen: Welche Privilegien habe ich? Worüber musste ich bisher noch gar nicht nachdenken? Und dass es selbstverständlich ist, dass einem Dinge erst spät auffallen oder man im Nachgang merkt: Oh, da habe ich auch rassistisch gehandelt. Deswegen: Offenheit für Selbstreflexion, für Austausch, für Verlernen! Wir arbeiten viel mit Verlernungsprozessen, weil das wirklich Arbeit ist.
Ich muss die vermittelten Bilder erst verlernen, um reflektieren zu können, wie ich es anders machen kann.
Dr. Sally Riedel
Was ist ein Verlernungsprozess? Wir verlernen, was wir unbewusst gelernt haben?
Genau. In Schulbüchern lernen wir noch immer rassistisches Gedankengut, auch in Deutschland. Wir hatten Kinderbücher, die gewisse Dinge reproduzieren oder nicht darüber sprechen. Ich habe in meiner Schulzeit nichts über Hamburgs Kolonialgeschichte gelernt. Das heißt, ich weiß Dinge bis zu einem gewissen Punkt nicht und lerne später dazu. Wie wird der afrikanische Kontinent dargestellt? Welche Bilder bekommen wir vermittelt? Oft sind das Armut, Hilfe, Unterentwicklung: geteiltes, aber unhinterfragtes Wissen. Diese Bilder kennen wir aus Schulbüchern und Medien. Das heißt: Ich muss diese Bilder erst verlernen, um reflektieren zu können, wie ich es anders machen kann. Der erste Schritt ist zu erkennen: Mit welchem Wissensstand und mit welchen Bildern sind wir groß geworden – und wie können wir diese hinterfragen und verlernen.
Powersharing: Privilegien für andere nutzen
Wie bekämpft MOSAIQ Rassismus?
Wir bezeichnen uns als rassismuskritisch, weil wir sagen: Rassismus ist in der Gesellschaft da. Die kritische Auseinandersetzung damit ist ein aktiver Prozess, und die Bereitschaft, dagegen zu arbeiten, ist uns wichtig. Wir machen das über Wissensvermittlung. Austausch und Vernetzung sind zentral, weil dadurch Wissen weitergegeben wird und Neues entstehen kann. Wir haben uns vor fünf Jahren als Verein gegründet, davor gab es die Projektarbeit. Uns gibt es also schon mehr als zehn Jahre. Die Menschen von damals sind heute zum Beispiel Ärztinnen oder Lehrkräfte. Da passiert viel Vernetzung untereinander, auch als MultiplikatorInnen. Wir machen viel Empowerment-Arbeit und unterstützen rassismusbetroffene Menschen. Gleichzeitig arbeiten wir mit weißen Personen, die sagen: Ich habe Macht und möchte sie teilen – Powersharing! Uns ist wichtig zu fragen: Wer gestaltet diese Stadt? Wer hat Mitspracherecht? Wer hat welche Zugänge? Wir versuchen, Forderungen an die Stadt abzuleiten. Dabei nutzen wir nicht nur akademische Ausdrucksformen, sondern auch Bildsprache, Poetry und Videos.
Rassismus ist oft mit Klassismus und sozialer Herkunft verbunden.
Dr. Sally Riedel
Was kann ich selbst gegen Rassismus tun?
Wachsam sein. Das ist total wichtig. Kritisch sein. Ich würde immer sagen: sich solidarisieren. Ich würde nie pauschal sagen, man müsse in jeder Situation direkt eingreifen. Das ist immer eine Frage der eigenen Sicherheit. Aber für Betroffene da sein, Betroffene begleiten. Und eine Community aufbauen: Solidarität leben, sich gemeinsam organisieren und vernetzen. Auch kritisch sein gegenüber dem, was auf Stadt- und Behördenebene passiert. Und vom demokratischen Recht Gebrauch machen: Wählen gehen!
Hamburg gilt als weltoffen. Können Sie das bestätigen?
Ich finde Hamburg sehr ambivalent. Das „Tor zur Welt“ steht auch für koloniale Kontinuitäten. Einerseits gibt es einen Beirat zur Dekolonisierung, andererseits wurde der Bismarck als koloniales Symbol für Millionen restauriert. Wir haben also koloniale Erinnerungsorte und gleichzeitig Versuche der Dekolonisierung. Unsere rassismuskritische Arbeit wird gefördert, aber mit vergleichsweise wenig Geld, während im Bildungsbereich gespart wird. Gleichzeitig nehmen Abschiebungen zu, Wohlstand ist extrem ungleich verteilt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist groß. Rassismus ist oft mit Klassismus und sozialer Herkunft verbunden. Die AfD ist in der Bürgerschaft vertreten – das gehört zur politischen Realität. Gleichzeitig erleben wir eine starke emotionale Zugehörigkeit zur Stadt. Viele identifizieren sich mit Hamburg. Es gibt gewachsene Communitys, Vereine und Strukturen. Deshalb würde ich sagen: Hamburg ist sehr ambivalent. Trotzdem ist hier sehr viel möglich.
Gibt es ein Thema, das Sie noch gern im Text sehen würden?
Mir ist wichtig: Rassismuskritische Arbeit ist kein Trend. Nach dem Mord an George Floyd gab es ein großes Interesse an Black Lives Matter und an Schwarzem Leben. Aber wir hatten auch Schwarze Morde in Hamburg und in Deutschland, die viel weniger Aufmerksamkeit bekommen haben. Man sollte den Blick nicht immer nur ins Ausland richten, sondern auf Deutschland schauen. Und es ist kein Thema, mit dem man sich mal kurz beschäftigt und dann wieder nicht. Themen sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Rassismuskritische Arbeit ist ein aktiver Prozess, der lange dauert und eigentlich immer da ist. Und dafür braucht es auch mehr finanzielle Ressourcen, um diese Arbeit nachhaltig zu gestalten. Das ist auch ein Appell in Richtung Senat.

