In Hamburg-Bergedorf gibt es ökologische Weihnachtsbäume (Foto: unsplash/Tj Holowaychuk)

Nachhaltige Weihnachtsbäume

Tim Laumanns, Revierförster in Bergedorf, kümmert sich um den Anbau und den Verkauf sogenannter ökolo­gischer Weihnachtsbäume. Ein Gespräch über die umweltfreundliche Alternative, die Missstände in der Weihnachtsbaumproduktion und die Symbolkraft des Tannenbaums

Interview: Rosa Krohn

 

SZENE HAMBURG: Tim Laumanns, wann denken Sie im Jahresverlauf erstmals an Weihnachten?

Tim Laumanns: Weihnachten beginnt für diejenigen, die sich beruflich mit Weihnachtsbäumen beschäftigen, im Juni. Das ist die Zeit, in der man sich zu fragen beginnt, wie viele Weihnachtsbäume benötigt werden. Im Verlauf des Jahres müssen die Weihnachtsbäume von Menschen ausgesucht werden und entsprechend zur Ernte markiert werden. Ab August beginnt die Kreuzspinnenzeit, da möchten Sie nicht mehr durch Weihnachtsbaumkulturen schlendern. Ende August, Anfang September kommt dann in den Weihnachtsbaumkulturen außerdem extreme Feuchtigkeit hinzu. Auf den Nadeln sammelt sich sehr viel Wasser und man kann erst mittags bei gutem Wetter rein – ärgert sich dann aber auch noch über Tausende von Kreuzspinnen. Das ist unangenehm, auch für jemanden, der keine Probleme mit Spinnen hat (lacht). Insofern muss man Anfang Juni planen und bis Mitte August seine Auslese in den Kulturen getroffen haben. Verkauft wird dann im Dezember, in diesem Jahr ab dem 10.

 

Öko bedeutet viel Aufwand

 

Sie arbeiten mit Öko-Weihnachtsbäumen. Wofür genau steht bei Ihnen das „öko“?

Das „öko“ steht für verschiedene Aspekte im Anbau der Bäume. Zuerst einmal gibt es keine „Roundup“-Behandlung. Insbesondere bei den jungen Bäumen, aber auch bei älteren muss die Graskonkurrenz weg. Die jungen Bäume wachsen andernfalls nicht und bei den Älteren führt sie dazu, dass das Gras in den untersten Kranz des Baumes hineinwächst und für unschönes Nadelwachstum sorgt. Also: Das Gras muss weg. Ein Problem, das im klassischen Anbau mit Glyphosat gelöst wird.

Im ökologischen Anbau hingegen, wird das Gras entweder manuell oder durch Schafbeweidung entfernt. Ein weiterer Punkt ist die Düngung. Normalerweise wird mit Kunstdünger gearbeitet, der energieaufwendig erzeugt wird. Im biologischen Anbau wird mit Biodünger gearbeitet, wie zum Beispiel Hühnerkot. Der stammt seinerseits von biologisch gehaltenen Tieren. Eine weitere Hürde beim Anbau: Jedes Jahr bildet der Baum einen neuen, sogenannten Jahrestrieb. Wenn dieser aufgrund guter Witterungsbedingungen stark wächst, muss er im Verlauf kurzgehalten werden. Ansonsten entstehen im Laufe seines Wachstums Löcher im Baum, weil die Abstände der Astquirle zu groß werden und oben auf dem Baum eine zu lange Spitze entsteht. Also muss eine sogenannte Wuchsreduzierung vorgenommen werden. Im klassischen Anbau wird die Spitze dafür mit einem kleinen Chemikalienschwämmchen behandelt.

Und bei Ihnen ohne Chemikalien …

… genau, bei uns wird dem Baum manuell mit einer Zange eine kleine Verletzung zugefügt, damit er vorerst seine Kraft darauf verwendet, diese zu heilen und so stufig und dicht bleibt. Was uns schließlich zusätzlich vom konventionellen Weihnachtsbaumhandel unterscheidet, ist, dass wir nicht nur eine Tannenart anbieten: Neben der klassischen Nordmanntanne bieten wir die Nobilistanne, die Rotfichte, die Blaufichte und die Kiefer an. Diese „altgedienten“, schönen Weihnachtsbaumarten dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

 

Weihnachtsbäume sind ein landwirtschaftliches Produkt

 

Tim Laumanns setzt bei Weihnachtsbäumen auf Nachhaltigkeit (Foto: privat)

Tim Laumanns setzt bei Weihnachtsbäumen auf Nachhaltigkeit (Foto: privat)

Was bedeutet dieser Anbau im Vergleich zum konventionellen Weihnachtsbaumanbau in Bezug auf Arbeitsaufwand und Kosten?

Das Aufwendige ist, die oben beschriebene Kette an ökologischen Arbeitsschritten zu gewährleisten. Angefangen bei den ökologisch gehaltenen Tieren, deren Kot wir als Dünger verwenden, bis hin zur Wuchsreduzierung, die durch entsprechendes geschultes Personal, das die Bäume kennen muss, durchgeführt werden muss. Natürlich bedeutet das erheblichen Mehraufwand und auch Mehrkosten.

Findet der gesamte Prozess in der Revierförsterei Bergedorf selbst statt?

Nein. Es gibt eine gemeinsame Försterei, in der die Weihnachtsbäume angebaut werden. Die Herkunft des Weihnachtsbaums wird aus emotionalem Grund im Wald verortet. Aber Sie müssen verstehen: Jedes Jahr werden allein in Deutschland an die 25 Millionen Bäume innerhalb von sechs Wochen benötigt. Es handelt sich also um ein hoch professionalisiertes, landwirtschaftliches Produkt. Mittlerweile ist die Nachfrage nach ökologischen Weihnachtsbäumen sogar so hoch, dass wir allein den Bedarf nicht mehr decken können. Deshalb beziehen wir den Restbedarf von einem Produzenten, der nach unseren Standards produziert.

 

Eine Tanne kostet zwischen 40 und 60 Euro

 

Sie erleben also eine steigende Nachfrage, was Öko-Weihnachtsbäume angeht. Demnach auch mehr Bewusstsein für den Klimawandel?

Ja, das glaube ich schon. Die Leute, die bei uns einen Weihnachtsbaum einkaufen, tun dies auch aus einem Nachhaltigkeitsbewusstsein heraus. Aber es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Für viele ist das Erlebnis des Kaufs wichtig und Teil des Weihnachtszaubers. So sind sie bereit, zwischen 40 und 60 Euro für eine Tanne auszugeben. Denn der Verkauf unserer Weihnachtsbäume hat einen richtigen Eventcharakter.

Wie läuft denn der Verkauf ab?

Andere Forstwirte und ich stehen als Ansprechpartner für diverse Fragen rund um den Forst zur Verfügung. Außerdem gibt es unter normalen Bedingungen auch noch einen Weihnachtsmarkt. Da gibt es unsere regionale Wildbratwurst, dänische Waffeln, leckeren Glühwein und sogar ein großes Lagerfeuer, um das sich Klein und Groß versammeln. Dieses Jahr geht das natürlich aufgrund der Corona-Situation nicht. Der Verkauf findet zwar statt, aber die Leute müssen sich mit uns zufriedengeben. Sie können kommen und sich ihren Baum aussuchen, und wir stehen für Fragen oder einen netten Schnack zur Verfügung.

 

„Land- und Forstwirte sind die Leidtragenden“

 

Was läuft im konventionellen Weihnachtsbaumgeschäft schief?

Es läuft nichts schief. Wie beim Schweinefleisch läuft es schlicht nach Angebot und Nachfrage. Solange es Menschen gibt, die Weihnachtsbäume bedingungslos zu kleinen Preisen kaufen, wird sich immer jemand finden, der sie produziert. Den Anbietern kann man keinen Vorwurf machen, genau so wenig den Käufern, die sich vielleicht den teureren, ökologischen Baum nicht leisten können. Das Problem ist ein systematisches: Primärproduzenten wie Land- und Forstwirte können Mehrkosten, höhere Ansprüche oder Ähnliches an niemanden mehr abwälzen. Sie sind die Leidtragenden, denn sie sind vor die Tatsache gestellt, zu Dumpingpreisen ihre Ware zu produzieren.

Ich würde behaupten, keiner der konventionellen Weihnachtsbaumproduzenten möchte der Umwelt schaden. Sie sind zu der gegebenen Wirtschaftsart gezwungen und können auch nicht einfach auf einen ökologischen, deutlich teureren Anbau umsatteln, denn sie müssen sich als Unternehmer dem Markt anpassen und in der Lage sein, die nötigen Kosten zu tragen. Insofern möchte ich hier ungern die konventionellen Weihnachtsbaumproduzenten an den Pranger stellen.

 

„Der Weihnachtsbaum ist eine wichtige Tradition“

 

Halten Sie in Anbetracht der Gesamtsituation die jährliche Anschaffung eines Baumes für absurd?

Der Weihnachtsbaum gehört zu Weihnachten und ist eine ganz wichtige, alte Tradition. Er ist für mich ein Symbol des familiären Zusammenkommens. Wenn der Weihnachtsbaum fehlt, fehlt etwas in der Atmosphäre und ein Stück der Heimeligkeit. Ich gelte bei uns als der größte Weihnachtself im Haus (lacht). Mir ist es von daher total wichtig, dass die Familie zusammenkommt, die Bude voll ist und wir lecker essen und trinken und tagelang in dieser Blase gemeinsam verbringen.

Dabei spielt der Weihnachtsbaum – obgleich man damit einen Baum tötet – für uns als Gesellschaft eine essenzielle Rolle. Das Zusammenkommen an Weihnachten wird verloren gehen, wird sich nicht bewusst um den Baum versammelt. Auch deshalb will ich hier nicht die Käufer konventioneller Weihnachtsbäume verurteilen. Jeder verdient ein schönes Weihnachtsfest, und zwar mit Weihnachtsbaum. Menschen mit weniger Geld sollen ein genauso schönes, traditionsreiches Fest feiern können wie solche, die sich – zugespitzt – einen teuren Baum in ihre Villa tragen lassen können.

Was für ein Baum wird bei Ihnen zu Hause über Weihnachten stehen?

Ich habe natürlich die volle Auswahl (lacht). Wir haben schon viel ausprobiert, letztes Jahr hatten wir eine Rotfichte. Dieses Jahr wird es, glaube ich, die Nobilistanne. Sie hat genau so weiche und lang haltende Nadeln wie die Nordmanntanne. Ihre Nadeln haben eine besondere, stahlblaue Färbung und sie duftet. Die Nobilistanne wächst nicht so rund und harmonisch wie die Nordmanntanne, sie ist zackiger, robuster, ursprünglicher und in ihrer Gesamtheit wunderschön.

Revierförsterei Bergedorf


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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