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Neonschwarz: „Rap geht auch anders“

Am 25. Februar 2022 erscheint das neue Album „Morgengrauen“ der vierköpfigen Hamburger Band Neonschwarz. Johnny Mauser und Marie Curry über Arschlöcher, Attitüden und Aktivismus.

Interview: Henry Lührs

SZENE HAMBURG: Johnny und Marie, am Wochenende dürfen die Clubs in Hamburg wieder öffnen, Freitag erscheint euer neues Album „Morgengrauen“. Perfektes Timing, oder?  

Marie Curry: Wir hoffen ganz stark, dass mit unserer Tour alles klappt. Wir haben mega Bock, nach so einer endlos langen Pause endlich wieder live zu spielen. 

Johnny Mauser: Im Vergleich zu anderen Bands haben wir aber Glück, bisher nichts verschieben zu müssen. Als Corona anfing, waren wir sowieso in die Arbeit an unserem Album eingebunden. Der Tourstart könnte tatsächlich haargenau funktionieren. 

Auf dem Song „War was“ singst du sogar, dass Lockdown auch etwas Gutes haben kann. Das wird dir an einer Raststätte bewusst…

Johnny Mauser: (lacht) In einer Zeit, in der du keine Menschen siehst, außer deine guten Freunde oder Verwandten, triffst du auch keine Arschlöcher. Wenn du aber an einer Raststätte in Deutschland anhälst, triffst du auf jeden Fall einen Idioten, da hängt der Querschnitt der Gesellschaft. 

Bildlich gedacht, ist der Song der erste Tag, an dem wir aus dem Winterschlaf aufwachen, wieder losfahren in die Wirklichkeit, wieder unter Menschen sind und merken „Fuck, es sind ja doch nicht alle Leute geil”.

Weniger Aktivismus, weniger Hängematten-Lifestyle

Auf dem Album kann man hören, dass ihr euch als Band weiterentwickelt habt. Sowohl stilistisch als auch textlich. Liegt das am Älterwerden?

Marie Curry: Ich glaube die neuen Songs sind nicht mehr so parolenlastig, sondern haben etwas mehr dahinter. 

Johnny Mauser: Es ist weniger Aktivismus. Wir kommen nicht mehr aus einer Studi-WG und rennen auf jede Demo. Von den Themen ist es jetzt breitgefächerter. Jeder von uns ist älter geworden. 

Weniger Aktivismus heisst aber nicht weniger politisch? 

Johnny Mauser: Auch wenn ich nach wie vor hinter dem Thema einer Demo stehe, schaffe ich es aber zum Beispiel nicht mehr, überall dabei zu sein und in der ersten Reihe rumzurennen. Auch wenn mich sowas nicht mehr so umtreibt wie damals, heißt das nicht, dass ich einer Ideologie oder einem Wert nicht weiterhin zustimmen würde. 

Marie Curry: Ich finde einen Idealismus, gerade bei jungen Menschen, die sich auf die Straße schmeißen und sich einsetzen, ungemein wichtig. Aber ich glaube auch nicht, dass man irgendwann mit Themen total glatt gebügelt umgehen muss. 

Textlich ist unser neues Album nicht weniger politisch als vorher. In Fast jedem Song ist etwas Politisches zu hören. 

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Foto: Julia Schwendner

Auf dem Song „Gimma“ singt Johnny Mauser “Gib mir mal bitte den Lifestyle, den ich in meinen Texten propagiere“. Wie stark ist der Kontrast bei euch als Band und Privatperson. 

Marie Curry: Wir leben nicht mehr den Hängematten-Lifestyle, mit dem wir angefangen habe. Uns fällt gerade auf, dass unsere Leben viel voller und stressiger geworden sind.  

Fernab von Kapitalismus und Leistungsdruck zu leben, ist natürlich Wunschdenken.

Johnny Mauser: Ich war noch nie dafür nichts zu machen. Wenn du nichts machst, dann machst du auch kein Album. Aber natürlich führen Familie und Geldverdienen dazu, dass man morgens nicht ausschlafen kann. In diesem Punkt weicht unsere Musik schon von der Realität ab.

Komplexe Themen statt Partysongs

Momentan überlagert eine Krise die nächste: Rechtsruck, Corona, Klimawandel und nicht zuletzt Krieg mitten in Europa. Viele Themen finden auf eurem Album Platz. Wie schafft man es, sich mit der aktuellen Weltlage auseinanderzusetzen, ohne sich damit zu überfordern?

Johnny Mauser:  Wir haben uns mit keiner Agenda an das Album gesetzt. Klimawandel ist zum Beispiel eher unfunky als Thema, da macht man eigentlich keinen Song drüber. Wir wollten mit dem Song „Hitzefrei“ aber einen coolen, bildsprachlichen Weg finden. „Wolkenkratzer“ ist dagegen eher klassische Kapitalismuskritik. So etwas haben wir lange nicht mehr gemacht. 

Ich glaube viele Menschen haben gerade ein Ohnmachtsgefühl. Im Worst-Case wird sich dann nicht mehr in den Medien informiert sondern abgeschaltet. Es ist aber die Realität und man muss diese Themen angehen, auch wenn sie noch so komplex sind. Wir hätten natürlich mit Ü30 auch nur noch Partysongs machen können. Das wäre dann zwar ein Ausweg gewesen, aber da haben wir uns dagegen entschieden. 

Marie Curry: Es ist eher die Verarbeitung der Themen, die überfordernd ist. Wenn du alles in zugespitzten, kurzen Nachrichten oder Tweets mitbekommst, geht alles durcheinander. Ich fand es interessant, das in dem Film „Don’t look up“ zu sehen. In dem Drama auf Netflix wird filmisch verdeutlicht, was ein Wirrwarr an Nachrichten mit dem Menschen machen kann. Wichtige von unwichtigen und richtige von falschen Informationen zu unterscheiden fällt zunehmend schwerer.

Auf den drei letzten Alben gab es jeweils einen Song mit dem aktuellen Jahr als Titel. Kritisiert habt ihr darin vor allem den Rechtsruck. Warum gibt es kein „2022“ auf dem neuen Album?

Johnny Mauser: Es hat uns aus künstlerischer Sicht nicht geschockt die Rolle zu haben, immer diesen Jahresrückblick zu schreiben. Das wird zwar oft gefordert, aber wenn man frei im Kopf bleiben möchte, dann muss man das nicht bedienen. Der Track „Einzelfall“ beleuchtet das ähnlich. Außerdem wäre es selbstentlarvend gewesen, dass wir vier Jahre lang kein Album gemacht haben (lacht).

Marie Curry: Gerade kommt auch so vieles zusammen, dass es einen Song wahrscheinlich sprengen würde. Wir haben uns darum lieber ein Thema rausgepickt, das wir in diesem Kontext als besonders wichtig empfanden. 

„Resultat hätte ja auch sein können, dass einige Rapper aus ihren Labels fliegen.“

Johnny Mauser

Ein Feature ist in der Rapszene essentiell für die Reputation eines Künstlers oder einer Künstlerin. Mit eurem Song „Features“ nehmt ihr das Thema auf die Schippe und featured euch mit nachgeahmten Stimmen selbst. Habt ihr keinen Bock auf den Ego-Push?

Marie Curry: Wenn wir ein Feature machen, dann im Freundeskreis. Die Kritik geht nicht gegen das Feature als solches, sondern aus Marketingzwecken. Das ist einfach kapitalistischer Bullshit. Wir regen uns aber nicht auf, der Song ist eher aus Spaß entstanden. 

Johnny Mauser: Mit dem Song stellen wir fest, dass es etwas besonderes ist, dass wir alle vier als Band auf allen Tracks stattfinden wollen. Wir wollten zeigen, dass wir uns selbst geil finden und uns ausreichen. Wir sind vier verschiedene Charaktere auf einem Beat. Das hat etwas Spielerisches. 

Auf dem Song „Nix“ wird die Kritik an der Deutschrap Szene ernster. Problematisiert wird der Umgang mit minderjährigen Fans, Rape-Culture, Machtstrukturen und Sexismus. Deutschrap-MeToo hat im letzten Jahr eine große Debatte angestoßen. Seht ihr auch eine positive Entwicklung?

Marie Curry: Ich habe das Thema letztens nochmal gegoogelt und die ganzen Artikel waren vom Sommer 2021. Danach kam nix mehr und es ist die Frage, was bleibt davon. Ich glaube schon, dass sich dadurch etwas verändert hat. Manche Sachen bleiben jetzt zumindest nicht mehr unkritisiert stehen. 

Auch fand ich cool, dass sich Musiker wie LGoony oder Shirin David positioniert haben, die ich in dem Kontext so noch nicht kannte. Lange war das ein Nischenthema, bei dem Leute wie die Künstlerin Sookee laut und alle davon genervt waren oder es nicht ernst genommen haben. Hier hat sich eine Tür geöffnet. 

Johnny Mauser: Es ist krass, dass es Deutschrap-MeToo gab. Das hat einigen die Augen geöffnet. Es ist aber auch krass, wie schnell das wieder vorbei war. Aus diesem Loch entstand auch der Track. Resultat hätte ja auch sein können, dass einige Rapper aus ihren Labels fliegen. Von solchen Konsequenzen habe ich aber nicht viel mitbekommen. 

„Der Stempel Zeckenrap hat irgendwann genervt“

Johnny Mauser

Lange Zeit wurde euch das Narrativ „Zeckenrap“ zugeschrieben. Ihr habt euch den Begriff irgendwann ironisch selbst angeeignet. Wie zeitgemäß ist das noch?

Johnny Mauser: Das hatte seinen Impact, aber das Thema ist durch. Wir würden uns selbst so nicht mehr nennen. Der Stempel Zeckenrap hat irgendwann genervt und die Schublade steht uns nicht so gut. Rappende Sozialpädagogen mit erhobenem Zeigefinger, die den Takt nicht treffen – das traf auf viele anfangs schon zu. Das konnte man sich nicht anhören. 

Wir haben dann irgendwann größere Locations in Hamburg und Berlin gefüllt. Die Leute haben gesehen, dass wir eine gute Show machen, abliefern können und es auch anders funktioniert. Wir waren aber nicht die einzigen. Die Antilopen Gang zum Beispiel hat vorher auch nur Polit-Rap gemacht. 

Marie Curry: Das hat viel gebracht und hat vielen Leuten gezeigt, Rap geht auch anders. Viele Leute haben in dem Kontext, der Zeckenrap genannt wurde,  angefangen, überhaupt Musik zu machen. 

„Morgengrauen“ von Neonschwarz erscheint am 25. Februar 2022 bei Audiolith


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