SZENE HAMBURG: Steffen Rülke, warum kann Hamburg Olympia?
Steffen Rülke: Hamburg ist eine extrem sportbegeisterte Stadt. Ich durfte mir davon selbst ein Bild machen, als ich im April vergangenen Jahres den Marathon hier gelaufen bin. Da merkt man an jeder Ecke, welch elektrisierende Atmosphäre Sport hier auslösen kann. Und Hamburg kann die Geschichte von Paris fortschreiben. Wie dort, passen die Spiele einfach super in unsere Stadt, zum Beispiel mit der Eröffnungsfeier auf der Binnenalster, Skaten am Millerntor und Turnen im Volkspark. Achtzig Prozent der Sportstätten sind bereits vorhanden. Außerdem ist es ja so: In einer Welt, in der viele Menschen versuchen, Brücken einzuschlagen, und in einer Gesellschaft, die von vielen als gespalten wahrgenommen wird, sind die Olympischen und Paralympischen Spiele etwas, das uns als Stadt sehr guttun kann. Es ist ein mit positiven Emotionen verbundenes Zukunftsprojekt, auf das es sich einfach lohnt, hinzuarbeiten. Die Leichtigkeit, die Spiele mit sich bringen, können wir gut gebrauchen.
Wir haben uns als Ziel gesetzt, Hamburg zur barriereärmsten Metropole in Deutschland zu machen
Steffen Rülke
Und warum kann Hamburg Olympia besser als die Region Rhein-Ruhr, Berlin und München, die die Spiele auch wollen und teils ja schon mal hatten?
Die Frage ist ja: Wie will sich Deutschland einer Welt der geopolitischen Krisen zeigen? Als – ohne despektierlich klingen zu wollen – verlängertes Oktoberfest mit Lederhosen und Blasmusik? Oder mit einer liberalen, weltoffenen Stadt wie Hamburg? Hamburg trägt das Wort Freiheit ja schon in seinem Namen. Hamburg ist das Tor zur Welt, das für ein sehr modernes, fortschrittliches Deutschland stehen kann. Und wir sind auch konzeptionell so gut aufgestellt, dass wir das hier wuppen könnten.
Wie erwähnt, bestehen 80 Prozent der Sportstätten, 20 Prozent sind temporär. Sind alle zusammengenommen denn auch so weit, dass sie den Anforderungen von Spielen ab 2036 genügen könnten?
Natürlich müssten die Sportstätten entsprechend modernisiert werden. Die Stätten, die im Bau sind, bräuchten dabei allerdings sehr wenig Aufwand.
Kann sich Hamburg überhaupt leisten, auf die Spiele zu verzichten?
Steffen Rülke
Olympia kostet Geld. Paris hat nach Schätzungen rund sechseinhalb Milliarden Euro gezahlt, das Geld kam durch Ticketverkäufe, Lizenzen, Partnerschaften wieder rein. Kann Hamburg da mithalten oder wären die Spiele am Ende doch ganz schön teuer für die Stadt?
Paris hat mit Durchführung der Spiele sogar 76 Millionen Euro Gewinn gemacht. Dieser Gewinn aus den Spielen ist danach größtenteils in den Sport vor Ort geflossen. Und ja, wir glauben, dass wir das in Hamburg ähnlich gut hinbekommen würden.
Olympia in Hamburg: Wie Barrierefrei muss die Stadt werden?
Investitionen müsste es definitiv in Hamburgs Barrierefreiheit geben, denn mit den Olympischen Spielen kämen automatisch die Paralympischen Spiele. Wie gut steht Hamburg aktuell in Sachen Barrierefreiheit da?
Jede Barriere, die abgebaut wird, ist ein Fortschritt. Die Paralympischen Spiele haben für uns eine enorm große Bedeutung. Sie sind ein gleichberechtigter Teil der Spiele in Hamburg. Deswegen haben wir uns auch als Ziel gesetzt, Hamburg zur barriereärmsten Metropole in Deutschland zu machen. Von der Ausgangslage her sind wir gut aufgestellt und weitere Schritte werden bereits gemacht. Das hilft Menschen mit Behinderung, aber auch vielen anderen, zum Beispiel Müttern und Vätern mit Kinderwagen. Es ist eine große gesellschaftspolitische Chance für uns, die Paralympischen Spiele hier zu haben. Wir feiern damit nicht nur die Athletinnen und Athleten, sondern auch Mitmenschlichkeit, Vielfalt und Toleranz in der Stadt.
Wir sind konzeptionell so gut aufgestellt, dass wir das hier wuppen könnten
Steffen Rülke
Von der Barrierefreiheit würde die Stadt nachhaltig profitieren. Das soll sie durch die Spiele generell, heißt es in der Bewerbung. Worauf dürften sich Hamburgerinnen und Hamburger zu Olympia und danach denn besonders freuen, wenn alles nach Plan läuft?
Auf die tollste Sportveranstaltung der Welt, an der unsere aktuellen Kinder und Jugendlichen teilnehmen könnten, auch als Zuschauer oder Volunteers. Wir nennen sie die Olympische und Paralympische Generation. Mit den Spielen im Blick wollen wir ihnen eine Stunde Sport und Bewegung in allen Schulen Hamburgs ermöglichen. Sport macht ja nicht nur Spaß, sondern man lernt, wie wichtig Regeln sind und im Team zu spielen. Sport hat eine große integrative Kraft und steht für Zusammenhalt, Fairness und Respekt. Das kann uns nur guttun. Das werden wir schon vor den Spielen spüren, nicht nur die rund 800 Sportvereine in der Stadt, sondern alle Hamburgerinnen und Hamburger. Wichtig ist auch: Es geht um eine grundlegende Zukunftsentscheidung. Anders als beim Referendum 2015, als es darum ging, ob die Spiele in Deutschland stattfinden würden, geht es jetzt nur noch darum, wo in Deutschland. Deutschland hat in der jüngeren Vergangenheit gezeigt, dass wir sportliche Großveranstaltungen können. Viele erinnern sich an das Sommermärchen 2006. Die Spiele werden nach Deutschland kommen. Wir glauben, Hamburg wäre dafür der beste Ort. Und weil eben auch entschieden wird, wo in Deutschland Investitionen getätigt werden, stellt sich eine weitere Frage: Kann sich Hamburg überhaupt leisten, auf die Spiele zu verzichten? Wir glauben: Ein olympisches und paralympisches Sommermärchen ist eine große Chance für alle in Hamburg.
Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 02/26 erschienen.

