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Rassismus: Gegen die Unterschwelligkeit

Nach dem Mord am Afroamerikaner George Floyd protestierten 14.000 Hamburger gegen Rassismus und Polizeigewalt. Denn struktureller sowie Alltagsrassismus sind auch in Hamburg allgegenwärtig

Text: Basti Müller

 

Am Samstag, 6. Juni, demonstrieren mehrere Tausend Menschen auf dem Jungfernstieg, doch es ist still. Für (gefühlte) acht Minuten und 46 Sekunden. So lang hatte der Polizist Derek Chauvin Ende Mai im amerikanischen Minneapolis auf dem Hals von George Floyd gekniet, sodass dieser später aufgrund der gewaltsamen Festnahme im Krankenhaus verstarb. Im Leid wiederholte der 46-Jährige die Worte „I can’t breathe“ („Ich kann nicht atmen“), bis er bewusstlos wurde – ein mutmaßlicher Mord, festgehalten auf einem Video, das um die Welt ging und auch in Hamburg ein Fass zum Überlaufen brachte. Es beweist: Rassismus ist allgegenwärtig.

Angemeldet war der Protest „Nein zu Rassismus! Gemeinsam sind wir stark!“ als Silent-Demo mit 525 Teilnehmern. Schnell wird klar, dass die Zahl nicht einzuhalten ist. Die Menschen protestieren aber friedlich. Für die Opfer des Rassismus ragen sie Fäuste in die Luft, es wird zu „They Don’t Care About Us“ getanzt und zu „Where Is The Love“ gesungen. Die Polizei bittet die Anmelderin, Audrey Boateng, die auch durch die Corona-Richtlinien nun illegale Versammlung zu beenden. Boateng kooperiert, steigt auf das Podium, bedankt sich bei den Mitdemonstranten. Sie ruft „No justice“. „No peace“ hallt es zurück. Jedoch scheitert der Versuch, die Demonstration zu beenden.

14.000 Menschen befinden sich nun am Ufer der Binnenalster, fast das 27-Fache der angemeldeten Teilnehmer. Dennoch duldet die Polizei die Versammlung bis 18 Uhr, zumal sich die Masse in einer zweiten Kundgebung am Rathausmarkt verteilen könne.

Am Freitag zuvor protestierten mehr als 3.000 Hamburger vor dem US-Konsulat gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auch hier gewährte die Polizei die gegen die Corona-bedingten Mindestabstände verstoßenden Demonstranten, eine Auflösung hätte das Infektionsrisiko erhöht. Alles verlief friedlich.

 

Über 30 junge Menschen festgehalten

 

Anders am Samstagabend. Die Polizei kommuniziert freundlich über Lautsprecher, die Versammlung auflösen zu wollen. Schließlich kommt es zu Ausschreitungen, auf Twitter meldet die Hamburger Polizei den „Bewurf auf Polizeikräfte mit Gegenständen“. In Videos im Netz lässt sich eine kleine, zum Teil aggressive und vermummte Störergruppe erkennen. Die Beamten warnen, nicht in Mitleidenschaft polizeilicher Maßnahmen gezogen zu werden. „A.C.A.B.“, ruft einer, dann fliegen Flaschen vor die Füße der über die Bergstraße kommenden Polizisten. Im Schlepptau haben sie zwei Wasserwerfer-Fahrzeuge, auch Pfefferspray und Tränengas kommen zum Einsatz. Dann beginnt es zu regnen. Der Jungfernstieg habe sich zum Ende der Veranstaltung so in ein Spannungsfeld zwischen 600 vorrückenden Beamten und einer aggressiv protestierenden Gruppe von 200 Menschen verwandelt, sagte eine Sprecherin der Polizei gegenüber dem NDR.

 

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Foto: Sebastian Peters/ Blaulicht-News

 

Der Einsatz am Jungfernstieg sorgt weniger für Furore, als das, was danach passiert. Gegen 20 Uhr werden laut Zeit Online am Hauptbahnhof, gut einen Kilometer von den vorausgegangen Ausschreitungen entfernt, 35 junge Menschen in Gewahrsam genommen, viele von ihnen haben Migrationshintergrund, sind unter 18, der jüngste soll sogar erst 13 Jahre alt gewesen sein. Sie werden mit erhobenen Händen über eine Stunde lang an die Wand gestellt, dürfen weder telefonieren, noch auf die Toilette. Zeit Online zufolge zeigen einige ihre Einkaufstüten und Kassenbons vor, dürfen darum gehen.

 

„Ich glaube, wir sind sehr behutsam […] vorgegangen“

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer

 

Die Übrigen werden mit dem Verdacht auf Landfriedensbruch, Körperverletzung und andere Delikte festgehalten, dann mit HVV-Bussen in das Polizeikommissariat 42 in Billstedt gebracht, wo mit ihnen unterschiedlich umgegangen worden sein soll. Einige haben sich bis auf die Unterwäsche entkleiden müssen und seien erst nach Mitternacht entlassen worden, wenige haben früher nach Hause gekonnt. Bisher soll den Jugendlichen nichts nachgewiesen worden sein. Die Kritik, sie hätte „Jagd“ auf Demoteilnehmer genommen, hat die Polizei bereits zurückgewiesen. Beim Hamburg Journal antwortete Polizeipräsident Ralf Martin Meyer auf die Anschuldigungen: „Ich glaube, wir sind sehr behutsam und sehr verhältnismäßig vorgegangen“, und ordnete im Folgenden die angeblichen Taten politischer Motivation zu: „Ich sehe das Risiko, dass hier eine linksextremistische Organisation, die das als schwarzer Block angezettelt hat, die Jugendlichen in die Auseinandersetzung hineingezogen hat und jetzt versucht, das bürgerliche Thema Anti-Rassismus für sich zu gewinnen.“ Auch rechtfertigte die Polizei den Einsatz laut Taz wie folgt: „Nachdem diese Gruppe festgesetzt worden war, herrschte schlagartig Ruhe in der Innenstadt.“

 

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Foto: Sebastian Peters/ Blaulicht-News

 

Der Vorfall polarisiert dennoch. Zum einen könnte man meinen, die Polizei habe nach Tatverdacht gehandelt. Zum anderen wirken der Ort des Einsatzes, fernab des Jungfernstiegs, und der Zeitpunkt des Zugriffs, zwei Stunden nach dem Auflösen der Demonstration, willkürlich und durch Zeugenaussagen in Medienberichten äußerst fragwürdig. Ein Lichtblick, als Meyer sagt, dass auch die Polizei sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen müsse. Ernüchterung, als er verspricht, die polizeieigene Beschwerdestelle auszubauen. Wer verpfeift schon gern einen Kollegen oder riskiert seinen Job in wirtschaftslabilen Zeiten? Von einer polizeiunabhängigen Beschwerdestelle sprach Meyer jedenfalls nicht. Der Einsatz steht unterdessen weiter in der Kritik.

 

(Alltags)Rassismus in Hamburg

 

Für Aufsehen sorgte im vergangenen Jahr zum Beispiel der Fall eines falschparkenden Franzosen in Hamburg-Horn. Das Video von „NDR Panorama“ zeigt, wie drei Polizisten einen Mann mit dunkler Hautfarbe mit dem Gesicht nach unten auf den Asphalt drücken. Der Falschparker, dessen Auto abgeschleppt werden sollte, habe versucht, sich zu entfernen und wurde daraufhin festgehalten. Unverständlich dabei ist, warum die Beamten mit solcher Brutalität vorgehen.

Auch zu denken ist an den 34-jährigen Kameruner William Tonou-Mbobda, der 2019 in der psychiatrischen Abteilung des Universitätsklinikums Eppendorf fixiert wurde, unbestätigten Berichten zufolge das Bewusstsein verloren haben soll und später auf der Intensivstation verstarb. Ein Todesfall, der bis heute nicht aufgeklärt wurde und einmal mehr die Debatte anstößt, wie sehr Rassismus nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf institutioneller Ebene verankert ist.

Alltagsrassismus mache sich in verschiedenster Weise bemerkbar, sagt Schohreh Golian. Die 31-Jährige ist Kriminologin, Autorin und Fotografin in Hamburg und setzt sich beruflich und privat mit dem Thema auseinander. In der Exekutive beginne Rassismus laut Golian mit der Gewichtung von Polizeikontrollen in bestimmten Stadtgebieten wie in St. Georg oder in der Hafenstraße. „Das Spatial Racial Profiling bietet Räume, um unverhältnismäßig häufige Kontrollen von Menschen mit Migrationshintergrund zu legitimieren“, sagt die Wissenschaftlerin. Rassismus setze sich in der Stigmatisierung von Eigenschaften wie Armut oder Kriminalität fort und ende mit dem Ausblocken dieser Sachverhalte.

 

„Du merkst nicht, wie privilegiert du bist, wie unkenntlich der Rassismus ist.“

Schohreh Golian

Dass Menschen beim Hashtag „blacklivesmatter“ beispielsweise sofort in Abwehrstellung gehen, den Spieß umzudrehen versuchen, nenne man „reverse racism“ (umgekehrter Rassismus) oder „white fragility“ (weiße Zerbrechlichkeit). Genau darum geht es in dieser Debatte: Die Bekämpfung der seit Jahrhunderten andauernden Unterdrückung von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe. Und der Vorzüge von Menschen mit weißer Hautfarbe, die sich tief in unsere Gesellschaft eingebrannt haben. „Du merkst nicht, wie privilegiert du bist“, sagt Golian, „wie unkenntlich der Rassismus ist.“

Rassismus zieht sich durch alle Lebensbereiche. Zur Bekämpfung reiche es laut Golian daher nicht aus, seine Priviligien zu kennen, „sondern sich auch dem eigenen Rassismus bewusst zu werden, den Betroffenen zuzuhören und ihnen zu glauben“. Anti-Rassismus sei Bildungsaufgabe, beginne aber bei jedem einzelnen von uns, ob beim Demonstranten, Polizisten oder Autoren dieses Textes, und besonders in den Dialogen im eigenen Umfeld, sagt Golian. „Denn wer schweigt, macht sich zum Mittäter.“


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