Christian Ertel, Axel Heil, Roberto Ohrt: Remake der Zettelkastenwand im Archiv des Warburg Institute, 2020 (Foto: Wootton / fluid; Courtesy The Warburg Institute)

Sammlung Falckenberg: Rätselhafte Bilderwelten

Die faszinierende Ausstellung „Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne. Das Original“ zeigt die immense Kreativität des eigenwilligen Kunsthistorikers Aby Warburg, Spross der gleichnamigen Hamburger Bankiersfamilie

Text: Marco Arellano Gomes

 

Eigentlich war für Aby Warburg (1866–1929) eine Karriere in der familieneigenen Bankdynastie vorgesehen. Doch der Spross jener gut betuchten, angesehenen Hamburger Bankiersfamilie hatte seinen eigenen Kopf und widmete sich dem Studium der Kunstgeschichte. Er promovierte zur Malerei der Renaissance, befasste sich mit Astrologie und suchte schon bald nach Mustern und Zusammenhängen, die den Gelehrten womöglich verborgen geblieben sind. Warburg vermutete Wechselwirkungen von Bildern aus verschiedenen Epochen und kulturellen Kontexten. Er reiste um die Welt, um die Kunstwerke mit eigenen Augen zu betrachten, pinnte Reproduktionen berühmter Gemälde in seinem Eppendorfer Studierzimmer an die Wände, machte Notizen und stellte Zeitungsartikel sowie Buchsammlungen zusammen.

 

Zukunftsweisend?

 

Aby Warburg in Neapel, 1929 (Foto: František Pospíšil. Courtesy The Warburg Institute)

Aby Warburg in Neapel, 1929 (Foto: František Pospíšil. Courtesy The Warburg Institute)

Er schuf sein eigenes Intranet samt Pinterest – lange bevor an diese Technologien und Plattformen zu denken war. Es wäre sicher nicht vermessen zu behaupten, dass er von dieser Idee ein wenig besessen war. Böse Zungen bezeichneten ihn als verrückt. Und in der Tat wirken einige seiner Zusammenhänge zumindest bizarr: So klebt neben einem von Eugène Delacroixs Bildern ein Foto einer deutschen Golfspielerin, in direkter Nachbarschaft zu einer Klopapier-Packung und einigen historischen Münzen. Hat er etwa die Corona-Pandemie vorhergesehen? So ungewöhnlich die Collagen hier und da daherkommen: Sie wecken in jedem Fall das Interesse des Betrachters und sind eine Herausforderung für jeden, der sich diesem Rätsel stellt. Nun sind sie erstmals in Hamburg zu sehen – allerdings nur noch bis zum 31. Oktober 2021. Die Ausstellung trägt den etwas sperrigen Namen „Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne“, benannt nach der griechischen Göttin der Erinnerung. Erinnert wird vor allem an Aby Warburgs Atlas, der bislang der Öffentlichkeit vorenthalten war.

 

Vor den Nationalsozialisten gerettet

 

(Rekonstruktion Ohrt / Heil 2020) (Foto: Wootton / fluid; Courtesy The Warburg Institute)

Aby Warburg, Bilderatlas Mnemosyne, Tafel 39
(Rekonstruktion Ohrt / Heil 2020) (Foto: Wootton / fluid; Courtesy The Warburg Institute)

In mühsamer Kleinarbeit rekonstruierten die Kuratoren Roberto Ohrt und Axel Heil die Zusammenstellung Warburgs, die nun selbst als Kunstwerk daherkommt – auch wenn Warburg sie bis zu seinem Tod als unfertig betrachtete. Den Wert seiner Arbeit erkannten Familie und Freunde dennoch – und retteten den Nachlass vor den Nationalsozialisten, indem sie alles nach London brachten: 971 Fotos und Papiere, Rekonstruktionen und Bücher, die darauf warteten, sortiert und – so gut es eben ging– zu den ursprünglichen Collagen arrangiert zu werden. Notizen von Aby Warburg dazu gibt es keine, nur Fotos und Hinweise. 63 Tafeln sind in der Sammlung Falckenberg in Harburg seit August zu bestaunen, sie sind der letzten dokumentierten Version des Atlas von 1929 nachempfunden. Um alles wirklich zu verstehen, muss man sehr in der Welt der Kunst bewandert sein und sich tiefer mit der Materie beschäftigen. Aber selbst wer sich nicht zu diesem erlesenen Kreis zählt, kann sich einfach im Pinterest-Modus von den optischen Eindrücken berauschen lassen.

„Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne“ Sammlung Falckenberg, 21. August bis 31. Oktober 2021; deichtorhallen.de/ausstellung/aby-warburg


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