Schanze Schulterblatt Sternschanze Hamburg

Die Schanze: Wie geht es ihr?

Eine Politikerin, eine Restaurantbetreiberin und ein Anwohner über den Wandel des Stadtteils, aktuelle Probleme und mögliche Lösungen

Protokolle: Anarhea Stoffel & Katharina Stertzenbach

Ana, Betreiberin vom Piri Piri

„Wir haben alle Bock auf ein gutes Miteinander“

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Ana mit und Yolo vor ihrem Restaurant, das für portugiesisches Flair in der Schanze sorgt (Foto: Katharina Stertzenbach)

„Ich bin in Portugal geboren und in der Schanze aufgewachsen. Für mich war klar, dass ich mich irgendwann als Gastrono­min selbstständig machen würde. Und mit der Eröffnung des Piri Piri im Mai ist dann ein Traum in Erfüllung gegangen. Einen Laden zu finden, in dem ein Res­taurant eröffnen darf, ist hier schwierig. Es ist nur erlaubt eine bestehende Gas­tronomie zu übernehmen. Man darf kei­ne neue eröffnen. Das war totale Glück­sache, dass wir einen Laden hier auf dem Schulterblatt bekommen haben.

„Wir wollen so eine Art Wohnzimmer für die Schanze werden“

Wir sind ein Familienbetrieb und möchten mit dem Restaurant einen Mehr­wert für die Nachbarschaft schaffen. Wir wollen, dass unsere Nachbarn sich hier bei uns wohlfühlen und zu unseren Stammgästen werden. Anders gesagt: Wir wollen so eine Art Wohnzimmer für die Schanze werden. Ich finde es schade, dass immer mehr Gastronom:innen von der Schanze verschwinden. Man hat immer im Hinter­kopf, die Gastronomie, die geht kommt halt auch nie wieder.

„Wir gönnen allen Gastronom:innen hier viele Gäste“

Wir gönnen allen Gastronom:innen hier viele Gäste. Oft kann ich die Anwohner:innen auch ein bisschen verstehen, denn es ist teilweise echt laut. Am Donnerstag bin ich nach Schicht um drei Uhr nachts auf meinem Heimweg an der „Katze“ vorbei­ gegangen. Vor dem Laden fand so eine krasse Party statt, obwohl die „Katze“ schon geschlossenen hatte, das war schon extrem laut. Das trubelige Leben hier auf der Schanze ist schon sehr cool, nichts­ desto trotz sollte man echt schauen, dass man den Schanzenbewohner:innen da ein biss­chen mehr entgegenkommt. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass alle Gastronomen und Anwohner ein biss­chen mehr Verständnis füreinander ha­ben – denn insgeheim haben irgendwie alle hier Bock auf ein gutes Miteinander.“

Conny Templin, LINKE- Abgeordnete in der Bezirksfraktion Altona

„Die Besucher:innen vergessen, dass hier Leute wohnen“

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Conny Templin arbeitet wohnt und schon lange in der Schanze. Zudem engagiert sich für das Viertel (Foto: Katharina Stertzenbach)

„Ich bin Krankenschwester und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und wohne in der Schanze. Ich arbeite schon lange hier im Viertel. Mit meiner Mitgliedschaft in der Bezirksfraktion kann ich auf jeden Fall etwas bewegen. Für die Schanze haben wir zum Beispiel erreicht, hier eine E-Scooter-Verbotszone einzurichten. Seit letztem Jahr ist es nicht mehr erlaubt, die Dinger auf dem Schulterblatt und in der Susannenstraße abzustellen. Mittlerweile ist die gesamte Schanze Sperrzone für E-Scooter.

„Die ausgeuferte Außengastronomie ist einer der größten Streitpunkte“

Viele Sachen haben wir allerdings auch nicht geschafft. Die Bezirkspolitik ist so klein, da gibt es nicht viel Handlungsmöglichkeit. Die Außengastronomie einzuschränken, geht zum Beispiel nicht, wegen des Wegerechts. Das besagt, dass zwei Meter Platz für die Fußgänger:innen auf den Gehwegen freigelassen werden müssen. Abgesehen davon können die Gastronom:innen ihre Tische draußen aufstellen. Die ausgeuferte Außengastronomie ist allerdings einer der größten Streitpunkte zwischen Anwohner:innen und Gastronom:innen. Denn diese erzeugt einen unheimlichen Lärm von Donnerstag bis Sonntag bis spät in die Nacht.

„In Zukunft werden immer mehr Leute hier wegziehen“

Das „Epizentrum“ ist die sogenannte Piazza rund um das Schulterblatt und die Susannenstraße. Heute kommen alle in die Schanze, um zu feiern und zu konsumieren – egal ob Touristen oder Leute von hier. Viele Besucher:innen vergessen dabei völlig, dass hier auch Leute wohnen. Mittlerweile ist die Schanze zu einer Touristenkulisse mutiert. In Zukunft werden immer mehr Leute wegziehen und die, die hierherziehen, machen das nur für eine kurze Zeit. Einige, der wenigen älteren Schanzenbewohner:innen sagen ,Irgendwann kriegen wir Geld dafür. Wir sind die Letzten. Wir sind geblieben‘.

Es gibt auch Ecken, die nicht so laut und dreckig sind. Außerhalb der Piazza wird es ruhiger. Wir versuchen alles, dass die Gastronomie sich nicht in die Nebenstraßen einquartiert. In der gesamten Sternschanze gilt der Bebauungsplan 6. Der ist aufgestellt worden, um zu verhindern, dass sich hier noch mehr Gastronomie ansiedelt. Das heißt, es darf keine neue Gastronomie eröffnen.
Zudem wäre die Schanze ein ideales Viertel für Verkehrsberuhigung. Wir haben zur Erneuerung der Straßenführung rund um das Schulterblatt einen Antrag gestellt, denn auf dem Schulterblatt gibt
es keine Fahrradwege. Auch das sorgt für Konfliktpotenzial, weil die Leute dann auf der sowieso schon überfüllten Piazza Fahrrad fahren. Mit einer Umgestaltung der Straßenführung würde man außerdem den Verkehr entzerren. Dann würde es zumindest verkehrstechnisch auf der Schanze ein bisschen ruhiger werden. Mal sehen, wie sich das entwickelt.“

Thomas Papenthien, Anwohner

„Es ist wie ein kleines Dorf“

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Thomas Papenthien lebt mit seiner Familien seit 15 Jahren im Schanzenviertel (Foto: Anarhea Stoffel)

„Seit 15 Jahren leben wir hier, meine Frau, meine Tochter und ich. Unsere Wohnung haben wir über sehr viel Glück und Zufall bekommen. Meine Frau lebte schon einmal in dieser Wohnung mit ihrem damaligen Freund. Nachdem sie sich trennten, blieb sie weiterhin im Mietvertrag und als wir einige Jahre später nach einer Wohnung suchten, zog ihr Ex-Partner gerade aus und bot uns an, die Wohnung zu übernehmen. Es passte also wirklich perfekt. Denn bereits vor 15 Jahren war bezahlbarer Wohnraum hier sehr knapp.
Ich arbeite als Altenpfleger und als ich während des ersten Lockdowns mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, da war es wie ausgestorben hier. Ich muss zugeben, im ersten Moment fand ich das grandios. Die Bewohner:innen haben sich irgendwie ihr Viertel ein bisschen zurückgeholt. Es war total ruhig und friedlich. Das Heiligengeistfeld wurde sich als urbane Fläche erschlossen, es gab keinen Dom und man hatte einfach eine riesige Betonfläche zur Verfügung. Die Leute haben dort alles Mögliche gemacht. Das war ganz toll. So hatte die Pandemie immerhin diesen positiven Nebeneffekt.

„Das geht dann fast in Richtung Ballermann“

Denn die Schanze ist inzwischen zu einer richtigen Ausgehmeile geworden. Wenn man hier als Bewohner langgeht, ist es manchmal sehr speziell, das geht dann fast in Richtung Ballermann. Früher war das noch nicht so frequentiert wie heute. Trotzdem ist es wie ein kleines Dorf hier. Das ist bestimmt in anderen Stadtteilen Hamburgs auch so. Aber die Leute, die hier wohnen, die kennt man. Die Schanze hält mich jung, hier ist es lebendig! Und immer, wenn ich wiederkomme, habe ich das Gefühl nach Hause zu kommen.“ 


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