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Hamburger Trendbüro – So verändert sich der Arbeitsmarkt

Mit seinem Hamburger „Trendbüro“ betreibt Peter Wippermann ein „Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel“. Ein Gespräch über die Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt, die daraus folgenden Spannungen und über die Spaltung der Gesellschaft.

Interview: Ulrich Thiele
Beitragsbild: Salvatore Vastano via Flickr, CC BY-ND 2.0

Im Jahr 1992 gründete Peter Wippermann das „Trendbüro“.

SZENE HAMBURG: Herr Wippermann, das Jahr 2019 hat gerade angefangen. Welche Entwicklungen haben Sie, sagen wir, vor 15 Jahren für heute vorausgesagt?

Das kann ich Ihnen relativ genau sagen. Damals war das Thema Globalisierung zentral, vor allem der Export deutscher Arbeitsplätze nach Asien.

Mit welchen Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Steigende Arbeitslosigkeit und eine Veränderung der Arbeitsplätze im Land. Es hat sich insofern nicht viel verändert, als die qualifizierten Arbeitsplätze nach wie vor im Land bleiben, aber ein großes Thema war damals die Internationalisierung der Führungskräfte.

Wie sieht es heute, 15 Jahre später, aus?

Ich würde das ins Verhältnis zu damals setzen. Was sich verändert hat, ist, dass die Großunternehmen genauso unsichere Arbeitgeber geworden sind wie all die Start-ups, die wir heute haben. Die Konzentration auf die eigenen Fähigkeiten hat enorm zugenommen. Erstaunlicherweise hat sich der mittelständische Arbeitgeber kaum verändert.

Es hat also eine zunehmende Individualisierung stattgefunden?

Sie müssen sich das so vorstellen: Seit der Industrialisierung war es so, dass man seine Arbeitskraft perspektivisch sein Leben lang an eine Firma verkauft hat. Das nannte man Karriere und bedeutete: Je länger man dabeibleibt und je mehr Know-how man erwirbt, desto mehr Geld, Privilegien und Aufgaben kriegt man zugeteilt. Wenn man angefangen hat, gehörte man noch zu der Gruppe, die erst einmal etwas lernen muss. Es handelte sich also um ein relativ sicheres, hierarchisches System.

Und heute?

Was wir heute haben, ist ein sehr flexibles System, das sich permanent neu erfindet. „Agilität“, also Anpassungsfähigkeit, ist im Moment das Lieblingswort im Management. Das Überraschende ist, dass die jungen Menschen, die heute auf den Arbeitsmarkt kommen, schon Qualifikationen haben und digitale Infrastrukturen zu nutzen wissen. Die Älteren haben diese Qualifikationen mühsam erlernt oder müssen sie noch erlernen. Es gibt also einen Switch im Know-how zwischen Jung und Alt.

 

„Die alte, sichere Arbeitswelt verliert an Wert“

 

Welche Nachteile ergeben sich daraus?

Dass die lebenslange Planung zum künstlerischen Projekt geworden ist. Früher konnte man relativ genau absehen, in welchem Altersstadium man was genau erreicht haben muss und wo man hingehen muss, um mit seiner Grundausbildung und ein paar Updates genug Geld zu verdienen. Heute muss man damit rechnen, dass man sich mehrfach völlig andere Qualifikationen zulegen muss, um auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu sein.

Inwiefern haben diese Umbrüche mit der Polarisierung in unserer Gesellschaft zu tun, die wir heute erleben?

Die Polarisierung ist sozusagen eine Folge. Diejenigen, die sich gerne in der alten, sicheren Arbeitswelt aufhalten würden und nicht bereit sind, sich zu verändern, verlieren als Arbeitnehmer an Wert und werden ausgesondert. Auf der anderen Seite sind neue Arbeitsplätze entstanden, die vor allem von Jüngeren verstanden und ausgefüllt werden. Die Youtube-Bloggerin Bibi verdient über 100.000 Euro im Monat an Werbegeldern. Eine solche Ebene hätte man früher nicht der Jugend, sondern den Arbeitnehmern im letzten Drittel ihres Berufslebens zugerechnet.

Hat dieses flexible Modell auch Vorteile?

Klar, wenn Sie Spaß daran haben, Chancen zu suchen und auszubauen, dann haben sie eine traumhafte Zeit – weil sich viel verändert und immer wieder neue Möglichkeiten entstehen.

Sie sind Trendforscher, kein Hellseher. Haben Sie die Ereignisse der letzten Jahre überrascht? Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Trump, AfD …

Ja, besonders die Finanzkrise habe ich nicht kommen sehen. Ich will mich mit meiner persönlichen Meinung zurückhalten. Aber so viel: Sehen Sie sich die Finanzkrise an, die ihren Ursprung in den USA hatte, aber Auswirkungen auf den weltweiten Arbeitsmarkt hatte – diese Entwicklung macht deutlich, dass wir unterschiedliche Einflusssphären in der Wirtschaft haben, die unmittelbar durchschlagen auf jeden Arbeitsplatz. Die Jüngeren haben gelernt, mit diesen veränderten Umweltbedingungen gut zu leben und sich mehr auf sich selbst zu konzentrieren – während die Älteren das verdrängen und eher Angstgefühle haben.

 

„In den 90ern sind wir auf die amerikanische Idee gekommen“

 

Sie machen also vor allem eine Jugend-Alter-Unterscheidung?

Nein, eigentlich mache ich eine Analog-Digital-Unterscheidung. Sehen Sie: Vor zwölf Jahren kam das iPhone auf den Markt. Damit ist ein anderes Businessmodell möglich geworden, nämlich global gesehen individuell mit Kunden zu handeln. Denken Sie an die Musikindustrie oder auch an Unternehmen wie Amazon. Dieses sich verändernde Businessmodell ist etwas, dass man als Umwelt aufnimmt, wenn man jünger ist, und deswegen wunderbar damit umgehen kann. Für Ältere bedeutet es das Entlernen alter Strukturen, um die neuen zu erlernen und zu meistern. Insofern gibt es eine unterschiedliche Standpunktlogik zwischen Jung und Alt.

Sie betonen, dass Sie Entwicklungen beschreiben und nicht bewerten wollen. Die von Ihnen beschriebene Flexibilisierung und Individualisierung wird scharf als neoliberal kritisiert, weil damit auch ein Sozialabbau einhergeht. Inwiefern ist dieser Vorwurf berechtigt, oder wäre Ihnen das zu viel Wertung?

Wie Sie bereits sagten: Ich versuche, Veränderungen zu beschreiben und nicht zu propagieren. Aber ich kann sagen: Ich finde diese Entwicklung interessant, weil wir in einer Gesellschaft leben, die ursprünglich mal nach dem Faschismus auf Ausgleich ausgerichtet war. Die Wiederaufbau-Phase und das Wirtschaftswachstum waren über viele Jahrzehnte davon geprägt, den großen Bauch der Gesellschaft, den Mittelstand, zu stärken. In den 90ern sind wir allmählich auf die amerikanische Idee gekommen: Wer nicht arbeitet, sollte auch nichts zu essen kriegen. Gott sei Dank sind wir von den amerikanischen Verhältnissen noch weit entfernt, trotzdem ist Eigenverantwortlichkeit heute für die Politik viel wichtiger geworden als sozialer Ausgleich.

Blicken wir in die Zukunft: Was werden die größten Umwälzungen der nächsten 15 Jahre sein?

Die größten Umbrüche sind relativ deutlich zu erkennen. Der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer ist gerade auf der Computer-Elektronik- Show in Las Vegas vorgestellt worden – noch mit recht geringen Rechnerfähigkeiten. Die Beschleunigung und die Möglichkeiten der Kalkulation werden weiter zunehmen, immer mehr Prozesse werden in die virtuelle Welt verlagert. Denken Sie allein an die Auswirkungen, die das autonome Fahren auf die Automobilindustrie haben wird. Diejenigen, die in der virtuellen Welt aktiv sind, werden gewinnen. Gleichzeitig entsteht als Gegentrend eine neue Industrie. Ich verwende dafür den Arbeitsbegriff „Zuwendungsindustrie“.

Diese Industrie ist eng verknüpft mit den Entwicklungen unserer Gesellschaft, die sich immer stärker virtuell organisiert und gleichzeitig individualisiert. Die Familien nehmen ab, die Singlehaushalte zu. Menschen aber sind soziale Wesen und brauchen Zuwendung. Das schafft neue Arbeitsplätze in der Gesundheitspflege: über Therapien, Altenpflege bis hin zu Nagelstudios. Wir haben jetzt in Deutschland 60.000 Nagelstudios. Vor zehn Jahren hätte wohl niemand gedacht, dass man damit mal so gut seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Es wird also ein Spannungsfeld zwischen Analog und Digital geben.

Was noch?

Wir haben enorme Veränderungen zwischen Jung und Alt. Wir haben mehr Alte als Junge. 1960 hatten wir in Deutschland 14 Prozent Über-60-Jährige, heute sind es 23 Prozent. Und wir hatten damals 31 Prozent Unter-20-Jährige, heute sind es 16 Prozent. Das Verhältnis zwischen Jung und Alt hat sich umgedreht.

 

„Neue Berufe entstehen, die früher als skurril gegolten hätten“

 

Die Prognosen angesichts dieser Veränderungen sind meist beängstigend – auch in Bezug auf die Digitalisierung und ihre Auswirkung auf die Arbeitsplätze …?

Nein, das sind sie im Moment nicht. Die erste Studie der University of Oxford besagte, dass ein Großteil der Arbeitsplätze entfallen würde. Mittlerweile sagen viele kompetente Leute das Gegenteil, nämlich dass viele neue Arbeitsplätze entstehen werden. Die Mehrheit der Experten rechnet damit, dass viele Arbeitsplätze wegfallen und in der gleichen Größe neue entstehen.

Womit rechnen Sie?

Ich vermute, dass tatsächlich erst einmal mehr Arbeitsplätze verschwinden werden als neue entstehen. Aber am Beispiel der Influencer kann man sehen, wie neue Berufe entstehen können, die früher noch als skurril gegolten hätten.

Wie soll man die Übergangsphase bewältigen?

Eigentlich muss man das gesellschaftlich bewältigen – und genau das tun wir in Deutschland nicht.

Können Sie das konkretisieren?

Eine öffentliche Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen findet praktisch nicht statt. Auf den Konferenzen, die ich besuche, sagen sowohl technologisch versierte Leute, als auch Leute aus der Finanzszene, dass es absolut notwendig ist, eine Auffangsituation zu haben für all die Leute, die aus dieser Arbeitswelt herausfallen – einfach um die Gesellschaft ruhig zu halten. Die bisherigen Versuche mit einem bedingungslosen Grundeinkommen – zum Beispiel in Skandinavien – wurden positiv aufgenommen. Warum testet man ein solches Modell nicht auch mal in Deutschland?

 

„Bei Flut sollte man sich ein Boot anschaffen, anstatt Sandburgen zu bauen“

 

Welche Chancen gibt es für die Lebensqualität der Menschen?

Die Debatte über die Frage, wie wir eigentlich leben wollen, findet interessanterweise auch nicht statt. Man trifft meist nur auf Empörung, nach dem Motto: Um Gottes Willen, die Welt verändert sich, lasst uns am liebsten nach hinten gucken, Retrotrends nutzen und den Stillstand feiern. Die Politik unter Frau Merkel ist ein gutes Beispiel dafür: Solange wir uns nicht verändern müssen, ist die Welt in Ordnung. Oder sehen Sie sich die Re-Nationalisierung an, die wir in Deutschland mit der AfD erleben, in den USA mit Trump, in Ungarn mit Orbán oder in Brasilien mit Bolsonaro.

Wohin man auch schaut, kann man die gleichen Reaktionen beobachten: Es gibt Teile der Bevölkerung, die sich nicht ändern möchten, die Angst haben und versuchen, eine Festung zu bauen. Aber der Wandel wird kommen, ob man will oder nicht. Das ist wie Ebbe und Flut: Momentan haben wir Flut. Man sollte versuchen, sich ein Boot anzuschaffen, anstatt Sandburgen zu bauen.

Sie wirken ziemlich genervt von den Reaktionen auf Entwicklungen, die nicht aufzuhalten sind …

Ja! Es gibt einfach so viele Chancen, die nicht genutzt werden. Gerade in Deutschland herrscht eine Lust an der Empörung, die notwendige Debatten verhindert.


 Diese Topliste stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Falk Richters Königsweg

Das neue Jelinek-Stück am Schauspielhaus ist ein starker Stoff über autokratische Herrscher in unserer Zeit und das Debüt des frisch gebackenen Hausregisseurs Falk Richter. Im Interview spricht er über Rechtsextremismus, den kulturellen Wandel und persönliche Bedrohungen aus dem rechten Lager.

SZENE HAMBURG: Sie sind in Hamburg geboren und haben vor 18 Jahren im Schauspielhaus erste Erfahrungen als Regisseur gemacht. Ist es für Sie eine besondere Herausforderung in Hamburg zu inszenieren?
Falk Richter: Es ist besonders schön, wieder in Hamburg zu sein. Ich habe hier meine ersten Theatererfahrungen gemacht, mit 14, 15 Jahren, als Peter Zadek Intendant war. Und Ilse Ritter am Schauspielhaus gespielt hat. Sie spielt jetzt auch in meiner Inszenierung „Am Königsweg“. Damals habe ich meine Liebe fürs Theater entdeckt. Das ist auch eine persönliche Geschichte für mich. Ich freue mich total, hier inszenieren zu dürfen. Herausforderung ist es immer, weil es eines der größten Theater in Deutschland ist. Mit meinem Interesse an aktuellen, gesellschaftspolitisch relevanten Stoffen fühle ich mich hier am Haus gut aufgehoben. Das Stück von Elfriede Jelinek ist ein Auftragswerk. Die Intendantin Karin Beier hat Jelinek sofort nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten angerufen.

Das Stück „Am Königsweg“ ist eine Parodie auf Trump, worum geht es?
Es geht um die Verzweiflung darüber, dass jetzt wirklich Rechtsextreme an die Regierung gekommen sind in den USA, und dass die autokratischen Herrscher zunehmen in der Welt. Dieser Schock ist unglaublich spürbar. Jelinek erlebt das als echte Kulturrevolution, als Bruch auch. Und es ist eine Selbstanklage an sich und die Intellektuellen, die es trotz jahrelanger Warnungen nicht geschafft haben, diesen Prozess zu stoppen.

Sehen Sie auch so einen kulturellen Wandel?
Ja, das sehe ich ähnlich. Wir werden in den nächsten Jahren einen krassen gesamtgesellschaftlichen Wandel auf allen Ebenen erleben. Der Klimawandel wird zunehmen, das ist wahrscheinlich die schlimmste Bedrohung. Aufgrund von Klimakatastrophen, Kriegen und Hunger werden immer mehr Menschen weltweit ihre Heimat verlassen und sich auf die Flucht begeben müssen, auch nach Europa. Die westlichen Demokratien sind stark gefährdet, wir erleben auch in Deutschland einen enormen Rechtsruck, eine Radikalisierung der Gesellschaft und eine zunehmende Gewaltbereitschaft.

Vor zwei Jahren haben Sie in der Berliner Schaubühne „Fear“ aufgeführt, ein Stück über die Ängste von Rechtspopulisten. Dafür wurden Sie angezeigt und haben auch Morddrohungen erhalten. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Ich versuche, mich nicht davon beeindrucken zu lassen. Die drei Klägerinnen Beatrix von Storch, Hedwig von Beverfoerde und Gabriele Kuby stehen alle den Positionen der AfD sehr, sehr nahe. Das sind schwerst reaktionäre, radikal christliche Aktivistinnen, die aus dem gleichen ideologischen Lager wie Trump, Putin, Orban, Le Pen stammen. Ich habe alle drei Gerichtsverfahren gewonnen. Das war nervig, zeitaufwendig und ärgerlich. Jedes Verfahren war verbunden mit einer großen Internet- Aktion gegen mich. Die Neurechten sind ja sehr umtriebig in den sozialen Medien. Sie nutzen das Internet viel aggressiver als die etablierten Parteien. Es sind alte faschistische Positionen, die jetzt mit den sozialen Medien im neuen Gewand zu den Menschen getragen werden. Es hat mich nicht davon abgehalten, weiter politische Texte zu schreiben oder Stücke zu inszenieren, in denen ich neurechte Strategien beschreibe und ihre antidemokratischen und rassistischen Positionen offenlege. Ich habe noch mehr über die Arbeits- und Wirkungsweise der neuen Rechten gelernt. Auch über ihre Verleumdungskampagnen, wie sie im Internet versuchen, Hass zu schüren. Ich kriege viele Mails von Leuten, die noch nie ein Stück von mir gesehen haben und nur auf bestimmte Trigger-Wörter reagieren, die im Internet über mich verbreitet werden.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zieht in ihrem Stück einen Bogen von Ödipus zu Donald Trump.
Das Stück zeigt Trump als Teil einer riesigen Muppet Show. Dahinter verbergen sich aber viel größere Kräfte: Kolonialisierung und Imperialismus, die weiße Vorherrschaft, die letztlich die Welt ausbeutet. Ödipus tritt an, das Land von der Pest zu befreien. Irgendwann wird klar, dass er die Ursache dafür ist. Ähnlich ist es mit Donald Trump, der nur vorgibt, er würde die Gesellschaft heilen und Menschen Arbeit geben. Aber es ist genau dieser Geschäftsmann Trump, der ausbeutet und das Land spaltet. Er ist genau das Gegenteil von dem, was er verspricht. So ein Mensch regiert jetzt die Welt!

Interview: Angela Kalenbach

Am Königsweg, 28.10.2017 (Premiere), SchauSpielHaus

 


Dieser Text ist ein Auszug aus der SZENE HAMBURG, November 2017. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

 

Ein Neonazi steigt aus

Ausländer waren für ihn Abschaum. 15 Jahre lang hat Oliver Riek gehasst. „Die Burschenschaft hat mich indoktriniert“, sagt er. Für den ehemals überzeugten Nationalisten zählte nur Deutschland. Jetzt ist der 36-Jährige aus der rechten Szene ausgestiegen

Oliver Riek wartet schon. „Lebenslänglich“, steht auf seinem Shirt. Das Wort Hamburg unten fällt erst auf den zweiten Blick auf. Ein waschechter Hamburger. „Hey, schön dass du da bist“, sagt er mit kräftiger Stimme und strahlt. Sein Händedruck ist fest, sein Blick offen und einnehmend. Das war nicht immer so. „Früher hätte ich wahrscheinlich nicht mit dir geredet“, wird er später sagen. „Du bist recht dunkel, ich hätte meine Zweifel gehabt, ob du deutsch bist. Mit Menschen wie dir wollte ich damals nichts zu tun haben.“

Damals. Als Oliver Riek Nazi war. Einer von der ganz üblen Sorte. „Man muss keine Glatze haben und Springerstiefel tragen“, sagt er. „Leute wie ich sind viel gefährlicher – geistige Brandstifter, die alles tun, um der Demokratie zu schaden.“ Oliver Riek kippt einen Schluck Milch in seinen „ganz normalen Filterkaffee“, albert mit der libanesischen Bedienung, spricht selbstbewusst und schämt sich seiner Worte im vollbesetzten Eppendorfer Café nicht. „Warum auch? Ich möchte andere Menschen schließlich vor der Ideologie der neuen Rechten warnen und zeigen, wie man aus dem Sog des Rechtsradikalismus herauskommen kann. Ich stehe zu meiner Vergangenheit.“

Die Vergangenheit. Ihren Anfang nimmt sie in Finkenwerder. Dort wächst Oliver in einem behüteten Zuhause auf – mit einer älteren Schwester und einer Mutter, die SPD wählt. „Ich komme aus einem eher linken Haus. Mein Onkel war sogar Mitglied in der PDS“, sagt der heute 36-Jährige. Als ihm vor 20 Jahren das Fotoalbum seines Opas in die Hände fällt, ist er fasziniert. Ein strammer Nationalsozialist, der seine Zeit bei der Wehrmacht mit der Kamera begleitete. Die Geschichte interessiert den Jugendlichen, er verschlingt alles, was er über die deutsche Vergangenheit findet. Und knüpft während der Bäckerlehre erste Kontakte zur rechten Szene.

Die Burschenschaft. An sie gelangt Oliver Riek über Umwege. Ein Mitglied der umstrittenen „Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg“ merkt schnell, dass er mit seinen rechten Parolen bei dem Jugendlichen auf fruchtbaren Boden stößt. „In die Burschenschaft kommst du nur über einen Leumund“, erzählt Oliver, der an seinem ersten Abend sofort begeistert ist. „Ein großes Männerbündel. Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Rechtsanwälte, Ärzte. Alle waren sehr nett, wir haben wahnsinnig viel Bier getrunken, alle haben sich für mich interessiert. Und dann ging es ganz schnell und ich wurde Fux.“

„Du musst tun, was man dir sagt: Trinken bis zum Umfallen oder bei Verfehlungen ein Glas Salzwasser runterkippen“

Die Fuxenzeit. „Du musst tun, was man dir sagt: Trinken bis zum Umfallen oder bei Verfehlungen ein Glas Salzwasser runterkippen“, sagt Oliver und erzählt von strengen Hierarchien und permanenter Anwesenheitspflicht. Die Hitlertouren findet er „spannend“. Im Vollwichs mit Band und Mütze geht’s nach Obersalzberg, in den Löwenbräukeller, zum Grab des Groß-Admirals Karl Dönitz, zu befreundeten Burschenschaften. Auch zu ehemaligen SS-Männern. „Das waren Popstars für uns“, sagt Oliver, der sich von ihnen Autogramme geben lässt. Er ist fasziniert. „Ich hatte das Gefühl, dass wir einen besonderen Platz in der Welt haben. Mit unserem deutschen Fleiß, unserer Identität. Während andere Länder permanent pleite sind, geht es bei uns immer weiter hoch. Ich fühlte mich plötzlich einem sehr starken Volk zugehörig.“ Der nächste Schritt: „Wir müssen patriotischer sein. Wir müssen nationalistischer sein. Wir müssen stolz auf unsere Nation sein.“ Ausländer? Alles böse Menschen. Oliver ist wütend. Immer. Die Wut wird zum Lebensinhalt. „Wenn ich etwas in der Zeitung gelesen hab und die Namen sah, dachte ich sofort: ,Das ist nun eindeutig kein Bio-Deutscher.‘ Das war für mich immer ein Beweis, dass die hier falsch sind. Integrieren sich nicht und machen nur Mist.“

Zwei Jahre dauert Olivers Fuxenzeit. Zwei Jahre, die er heute mit einer Sektenzeit vergleicht. „Du wirst dort extrem indoktriniert“, warnt der 36-Jährige. Das Gefährliche sei, dass auf den ersten Blick nicht wirklich erkennbar sei, welche Burschenschaften rechtsradikal sind. „Nach außen geben sich alle immer als völkisch, aber auch demokratisch aus: ,Wir sind stolz, Deutsche zu sein, aber wir diskriminieren nicht.‘ Aber das ist natürlich alles Quatsch. Gerade die Chattia ist eine rechtsradikale ultra-antisemitische Vereinigung“, betont Oliver Riek. Das sieht auch der Verfassungsschutz so, der die Chattia als rechtsextrem einstuft. „In den bisherigen Äußerungen der Chattia ist ihre Affinität zu völkisch-rassistischem Gedankengut deutlich erkennbar“, sagt Annika Frahm vom Hamburger Verfassungsschutz, „seit ihrer Gründung wirken in der PB! Chattia außerdem Personen mit, die Beziehungen in die rechtsextremistische Szene unterhalten, unter anderem für die NPD aktiv waren und die deutliche Sympathien für den Nationalsozialismus zu erkennen geben.“ Als „schlagende“ Burschenschaft erwarte die PB! Chattia von ihren aktiven Mitgliedern zudem mindestens einen „Waffengang“ (Mensur) auf dem „pennalen Säbel“ gefochten. So sollen „Feiglinge und Dummschwätzer“ aussortiert werden.

So weit kommt Oliver nicht. Kurz vor Ende der Fuxenzeit entscheidet er sich für die Bundeswehr. „Das wird dort nicht gern gesehen. Die Bundeswehr ist schließlich die Besatzungsarmee, das ist unehrenhaft.“ Als er an seinem ersten Heimwochenende auch noch eine Einladung zu einer Ausfahrt ablehnt, kappt die Burschenschaft die Verbindung. „Ich wurde mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt“, erzählt er, der plötzlich als Abtrünniger gilt. Im Kopf jedoch ist er keiner. „Ideologisch eckte ich bei der Bundeswehr gar nicht an. Dort gibt es eh nur einen ganz schmalen Grad zwischen Patriotismus und Rechtsradikalismus.“ Oliver verbreitet auch dort weiter Verschwörungstheorien, spricht vom Weiterbestehen des Deutschen Reichs, sucht sich die richtigen Leute, die er auf seine Seite ziehen kann. Und lernt irgendwann einen Pakistaner kennen, der im Bus nach dem Weg fragt. „Ich wollte ihn ignorieren, aber meine gute Kinderstube siegte. Und dann haben wir uns irgendwie angefreundet.“ An seiner Einstellung ändert das aber nichts. „Ich hab einfach entschieden: Der ist nett, aber die anderen finde ich weiterhin scheiße. Dass das total beknackt ist, war mir damals nicht klar.“

„Ich will nicht mehr hassen. Ich will die Menschen sehen, wie sie wirklich sind.“

Die Wende. Sie beginnt erst, als Oliver seine Ausbildung zum Restaurantfachmann beginnt – ausgerechnet in einem Hotel, das für Integration und Inklusion bekannt ist. Dort lernt er, der überzeugte Nationalist, viele ausländische Kollegen kennen, lässt nach und nach Kontakt zu. Das Schlüsselerlebnis: Im Dezember 2016 bringt die Tochter der syrischen Nachbarsfamilie einen Teller mit Keksen zu Oliver und seiner Verlobten, wünscht frohe Weihnachten. „Einfach so. Ich dachte, das kann nicht wahr sein. Das war der allerletzte Tropfen.“ Oliver entscheidet: „Ich will nicht mehr hassen. Ich will die Menschen sehen, wie sie wirklich sind.“ Eine Woche später macht er seine Geschichte das erste Mal öffentlich, warnt in der Hamburger Morgenpost vor dem braunen Sumpf. Seitdem wird der 36-Jährige vom Hamburger Verein Kurswechsel betreut – dessen Psychologen erleichtern den Ausstieg aus der Szene.

Aber ist das so einfach? Ist es möglich, mit einer solchen 15-jährigen Vergangenheit ein ganz aufrechtes demokratisches Leben zu führen? „Mein Ausstieg ist ein langer, langer Prozess“, sagt Oliver und gibt zu: „Es ist auch heute noch schwierig. Manchmal muss ich noch mal einen Schritt zurückgehen und neu denken. Man ist ja nicht irgendwann geheilt. Ich habe viele Jahre aktiv daran gearbeitet, die Demokratie zu zerstören.“ Kurz überlegt er und sagt dann: „Es ist schwer, an sich zu arbeiten, aber wenn man niemanden hat, der etwas erwartet, der fordert oder von mir verlangt, eine einseitige Haltung einzunehmen, so ist man in der Lage, die Welt wirklich rational zu betrachten. Immer ein Stück mehr. Ich bin noch nicht am Ziel. Das ist auch nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt ist, zu wissen, was das Ziel ist.

Vieles ist jetzt neu für den Restaurantfachmann, der von Familie, Freunden und Arbeitgeber sehr bei seinem Ausstieg unterstützt wird. „Ich fange jetzt erst an, mir auch andere Meinungen anzuhören, informiere mich auch über Parteien wie Die Linke zum Beispiel. Das wäre früher nie in Frage gekommen, da wären es Volksverräter für mich gewesen. Jetzt fange ich an, andere Meinungen zu akzeptieren. Da stoße ich manchmal schon noch an meine Grenzen. Nicht, weil ich jemanden ablehne, sondern weil es so schwer ist, zu lernen, die Welt aus einer anderen Sicht zu betrachten.“

Was motiviert ihn, so offensiv mit seiner Geschichte nach außen zu gehen? „Mein Weg ist kein typischer. Ich will zeigen, dass es ganz normale Menschen sein können, denen man das Rechts-sein nicht gleich ansieht. Und das macht es so viel gefährlicher. Wie die AfD: die posten bewusst Fake-News zum Thema Asylpolitik und nutzen das, um Stimmung zu machen. Die kommen mit einem bürgerlichen Anstrich und haben damit auch noch ganz großen Erfolg. Das darf nicht sein!“

www.kurswechsel-hamburg.de

Text: Ilona Lütje / Beitragsbild: Philipp Jung

 


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist erscheinen in der  SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist im Oktober am Kiosk, in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


 Das sagt der Verfassungsschutz

Die Schülerverbindung „Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg“ (PB! Chattia) ist im Dachverband „Allgemeiner Pennälerring“ (APR) organisiert, dem nach Eigenangabe aus dem Jahr 2013 neun Bünde angehören. 2013 fand ein von der „PB! Chattia“ ausgerichtetes APR-Treffen in Hamburg statt. Da die Schülerverbindung kein eigenes Verbindungshaus besitzt, ist sie bei größeren Veranstaltungen stets auf die Unterstützung anderer Burschenschaften angewiesen. Für dieses APR-Treffen hatte die studentische Hamburger Burschenschaft Germania („HB! Germania“) ihr „Germanenhaus“ zur Verfügung gestellt. Da die „PB! Chattia“ in der Vergangenheit bereits öfter im Fokus kritischer Berichterstattung stand, erhielt auch die „HB! Germania“ unerwünscht mediale Aufmerksamkeit, was das Verhältnis belastete und zu einer gewissen Distanzierung führte. Die Internetseite der Verbindung ist mittlerweile knapp und allgemein gehalten. Ihre Zurückhaltung und Vorsicht dürfte auch darauf zurückzuführen sein, keine weiteren Angriffsflächen für den Vorwurf des Rechtsextremismus zu bieten sowie um „Outings“ und Angriffen der hiesigen Antifa-Szene zu entgehen.

Frauen gegen die AfD: Neue Kampagne gegen Rechts

Am 24. September geht’s ums Kreuz. Dann entscheiden 61,5 Millionen Wahlberechtigte darüber, wer künftig das Land regieren soll. Jetzt hat sich ein überparteiliches Bündnis gebildet, das vor allem eines will: „Keine AfD im deutschen Bundestag!“ Heute startet dazu die Social-Media-Kampagne der Frauen* gegen die AfD (#FgdAfD)  

„Unsere Demokratie ist in Gefahr“, sagt #FgdAfD-Initiatorin Carolin. Ihren Nachnamen möchte sie nicht veröffentlichen. Grund: Der Gegenwind scheint unausweichlich, aber er sollte es so schwer wie möglich haben. „Man soll uns nicht gleich mundtot machen“, betont die 44-Jährige. Die letzten 14 Tage vor der Bundestagswahl wollen sie und ihre Mitstreiter*innen dazu nutzen, das wahre Gesicht der Partei, die sich selbst als „bürgerlich-demokratisch“ bezeichnet, zu zeigen. Und das sei durch und durch rechtspopulistisch und stütze sich auf einen „krassen Antifeminismus“, wie Carolin betont. „Viele wissen leider gar nicht, was die AfD für ein Frauenbild hat.“ Mit ihrer Video- und Social-Media-Kampagne wollen die Frauen* gegen die AfD darum die Aufmerksamkeit auf die Frauen- und Familienpolitik der AfD lenken. „Diese Partei vertritt nicht nur rassistische, völkische und antiislamische Inhalte“, sagt die Initiatorin der Kampagne. „Durch die Ablehnung von Frauenförderung, Gender-Mainstreaming und Quoten sowie das Propagieren einer traditionellen Geschlechterordnung wird auch eine frauenfeindliche Politik verfolgt.“

Frank Spilker: „Wenn eine Partei mit menschenverachtenden Positionen auf Stimmenfang geht, sollte man nicht nur Frauen darin unterstützen, sich zu wehren, sondern jeden.“

Vorbild des Bündnisses: Die österreichische Kampagne „Frauen gegen Hofer“, die vor der letzten Bundespräsidentenwahl an den Start gegangen ist und sich gegen die rückständige Frauenpolitik der FPÖ und deren Kandidaten Norbert Hofer stark machte. Mit den Initiatorinnen hatte Carolin Kontakt aufgenommen, nachdem sie aus ihrer Schockstarre erwacht war: „Erst der Brexit, dann Donald Trump und dazu jede Menge europafeindliche und antidemokratische Länder wie Ungarn, Türkei und Polen  – wir dürfen nicht untätig daneben sitzen und zuschauen, wie die Demokratie den Bach runter geht.“ Durch Aufklärung über die frauenfeindliche Politik der AfD will das Bündnis jetzt vor allem potenzielle Nichtwähler*innen und auch AfD-Sympathisant*innenmotivieren, zur Wahl zu gehen und sich für die Demokratie einzusetzen. Und das bedeutet: „Auf keinen Fall die AfD wählen!“ Denn eine Stimme für die AfD sei nicht nur eine Stimme für Rechts, sondern auch eine Stimme gegen die Frauenrechte.

Über die sozialen Medien werden zu diesem Zweck ab heute Videobotschaften unter dem Hashtag #FgdAfD verbreitet. Das Bündnis hatte frauenfeindliche und antifeministische Zitate der AfD aus den Programmen und anderen Schriften der Partei, Protokollen von Landtagssitzungen und Äußerungen aus sozialen Medien gesammelt.Passant*innen und Personen des öffentlichen Lebens wurden mit diesen Zitaten konfrontiert und ihre Reaktionen gefilmt. Zusätzlich werden die Frauen* gegen die AfD von Personen des öffentlichen Lebens unterstützt. Dazu zählen unter anderem die Autorin Simone Buchholz, der Journalist Michalis Pantelouris, die Schauspielerin Pheline Roggan und Frank Spilker, Autor und Sänger der Band „Die Sterne“. Zwei Wochen lang bis zur Bundestagswahl werden nun auf Facebook, Twitter und YouTube die Videoclips mit den Reaktionen veröffentlicht.

Michalis Pantelouris: „Das Programm der AfD reduziert Frauen zu Bürgern zweiter Klasse. Ich erziehe aber zwei erstklassige Töchter. Deshalb unterstütze ich die #FgdAfD.“

„Wir wollen auf keinen Fall unvorbereitet vor dem Ergebnis der Bundestagswahl stehen, sondern handeln, bevor es zu spät ist“, betont Carolin. „Wir werden nicht alle dieselbe Partei wählen, aber wählen wird jede von uns, denn wir sind überzeugte Demokratinnen“, sagt sie und fügt hinzu. „Und wir wollen verhindern, dass die AfD in den Bundestag einzieht.“

Text: Ilona Lütje

Weitere Informationen und jeden Tag ei neuer Film unter:

www.frauengegendieafd.org

Wer die #FgdAfD unterstützen möchte, kann per E-Mail Kontakt aufnehmen: fgdafd@posteo.de