Beiträge

„Jetzt Bayern, Dortmund oder den HSV“

Der FC Teutonia 05 gewinnt das Lotto-Pokalfinale und träumt von einem großen Gegner im DFB-Pokal

Text: Felix Willeke

„Altona hat ein tolles Spiel gemacht“, sagte Jan-Philipp Rose, Trainer vom FC Teutonia 05 nach dem Pokaltriumph gegen Altona 93. In der Tat schlug sich der Absteiger aus der Regionalliga Nord sehr gut im Lotto-Pokalfinale gegen die Teutonen aus Ottensen. Teutonia 05 ging als klarer Favorit in das Spiel. Schließlich hatten sie in der Saison beide Duelle gegen Altona 93 gewonnen. So überraschte es nur wenige, dass Teutonia schon nach zwei Minuten das 1:0 vor knapp 3.000 Zuschauer:innen erzielte – Fabian Istefo verwandelte einen frühen Strafstoß sicher. Auch in den kommenden Minuten war Altona immer einen Schritt zu spät. Das 2:0 für Teutonia nach einem Kopfball durch Can Düzel in der 14. Minute schien die logische Folge. „Wir haben die ersten zehn Minuten verpennt“, sagte Noah Gumpert von Altona 93 nach dem Spiel.

PokalfinaleHamburg-c-EBH4-klein
Altona 93 versuchte in der 2. Halbzeit alles, um noch zum Ausgleich zu kommen, doch Teutonia 05 brachte die Führung über die Zeit (Foto: Erik Brandt-Höge)

Aufbäumen und Verwaltungsmodus

Nach dem Seitenwechsel versuchte Teutonia mit dem 2:0 im Rücken den Vorsprung zu verwalten und Altona 93 kam immer mehr ins Spiel. In der 62. Minute war es dann soweit: Noah Gumpert schlenzte den Ball sehenswert ins lange Eck zum 1:2 und bei den knapp 1.000 Fans von Altona keimte Hoffnung auf. Jedoch die mangelnde Chancenverwertung und ein guter Malte Schuchardt im Tor von Teutonia verhinderten den Ausgleich.

Erster Triumph und Abstiegsfrust

PokalfinaleHamburg-c-EBH1-klein
Freuen sich über den Sieg im Lotto-Pokal: Der FC Teutonia 05 (Foto: Erik Brandt-Höge)

So feiert der FC Teutonia 05 seinen ersten Pokalerfolg im ersten Finale der Vereinsgeschichte. Währenddessen verpasste Altona 93 den ersten Einzug in den DFB-Pokal seit 1993/94. „So wie wir spielen, müssen wir das Spiel gewinnen. Natürlich sind wir total enttäuscht“, sagte Richard Golz, Sportdirektor von Altona, nach dem Abpfiff.

Bei Teutonia hingegen herrscht Euphorie und das zurecht. Spielte der Club noch vor sechs Jahren in der sechstklassigen Landesliga, können sie sich in der kommenden Saison auf ein Spiel im DFB-Pokal freuen. „Bayern, Dortmund oder HSV, wäre auch ein geiles Spiel“, sagte Ridel Monteiro, Mittelfeldspieler von Teutonia 05 nach dem Abpfiff. Das Team aus Ottensen blickt jetzt gespannt auf den 29. Mai 2022 um 19.15 Uhr, dann wird die erste Runde des DFB-Pokal 2022/23 live in der ARD ausgelost – gespielt wird zwischen dem 29. Juli und 1. August 2022. Unterdessen wartet auf Altona 93 eine Saison in der Oberliga. Beide Teams werden sich nach dieser Saison neu aufstellen, so auch Teutonia-Trainer Jan-Philipp Rose, er verlässt den Verein.

LOTTO Pokalfinale Collage-c-Altona93-Teutonia05
Standen sich im Lotto-Pokal-Finale gegenüber: Altona 93 und der FC Teutonia 05 (Foto: Altona 93, FC Teutonia 05)

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hamburger Pokalfinale: Alte Bekannte und neue Rivalen

Am Samstag, den 21. Mai 2022, steigt das Lotto-Pokalfinale Hamburg. Um 12.15 Uhr trifft Altona 93 auf den FC Teutonia 05 – eine gewachsene Rivalität unter Nachbarn

Text: Felix Willeke

Nur 600 Meter trennen Altona 93 und den Teutonia 05 aus Ottensen. Nach zwei Derbys in der Liga treffen sie jetzt im Lotto-Pokalfinale aufeinander. In der Regionalliga-Saison gewann Teutonia das Hinspiel in Altona denkbar knapp mit 2:1. Im Rückspiel fiel der Sieg mit 5:1 schon deutlicher aus. Die Favoritenrolle für das Pokalfinale am 21. Mai scheint damit klar. Während Teutonia in der Regionalliga Nord sogar noch kurzzeitig vom Aufstieg in Liga drei träumen durfte, steht für Altona 93 der Abstieg in die Oberliga schon fest. Doch für beide hat das Pokalfinale eine große Bedeutung. Denn abgesehen vom Derby-Charakter verspricht ein Sieg für die kommende Saison die Teilnahme im DFB-Pokal und damit nicht nur eine Prämie von über 100.000 Euro, sondern auch einen potenziell sehr attraktiven Gegner aus der Bundesliga. 

„Er müsste eigentlich noch auf mich hören“

Andreas Bergmann, Trainer von Altona 93

Umgekehrte Vorzeichen

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Ragnar Törber SZENE HAMBURG. Während Altona 93 eine lange Tradition hat, ist Teutonia der Emporkömling. Altona spielte zuletzt in der Saison 1993/94 im DFB-Pokal. Damals verloren sie in der ersten Runde gegen Borussia Dortmund. Für Teutonia ist es hingegen sogar das erste Pokalfinale im Hamburger Landespokal, auch im DFP-POkal war der Verein aus Ottensen noch nie vertreten. Vor sechs Jahren spielten die Teutonen noch in der sechstklassigen Landesliga, heute hat der Kader laut transfermarkt.de einen doppelt so hohen Marktwert wie der von Altona 93. Ein Aufstieg, der ohne Investoren wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre.

LOTTO Pokalfinale Collage-c-Altona93-Teutonia05
Stehen sich im Lotto-Pokal-Finale gegenüber: Altona 93 und der FC Teutonia 05 (Foto: Altona 93, FC Teutonia 05)

Konfliktpotenzial und alte Bekannte

Doch nicht nur ideologisch – Tradition versus Investoren – unterscheiden sich die Clubs. Aktuell läuft ein Konflikt rund um den Stadionneubau von Altona. Teutonia möchte auch gern zukünftig am neuen Standort spielen. Das sorgt für noch mehr Konfliktpotential zwischen den beiden Clubs. Doch abseits der Rivalität treffen beim Pokalfinale auch alte Bekannte aufeinander. Der heutige Interimstrainer von Teutonia, Jan-Philipp Rose, spielte 2004 noch beim FC St. Pauli. Der heutige Trainer von Altona 93, Andreas Bergmann, trainierte damals den Club vom Millerntor und holte Rose zu den Profis. „Er müsste eigentlich noch auf mich hören“, scherzte Bergmann im Vorfeld des Spiels. Das wird Rose am Samstag sicherlich nicht tun, auch wenn er die Favoritenrolle seines Teams nur widerwillig annimmt: „Laut der Tabelle sind wir Favorit, aber ein Finale muss auch immer erst gespielt werden“. 

Lotto-Pokalfinale, Anstoß am 21. Mai um 12.15 Uhr (Einlass ab 11 Uhr) im Stadion Hoheluft.
Tickets gibt es an der Tageskasse. Das Spiel wird zudem im Rahmen des Finaltag der Amateure in der ARD live übertragen. 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Zu hundert Prozent ausgeschlossen“

Der FC Teutonia 05 möchte Untermieter im neuen Stadion seines Nachbarn Altona 93 werden. Die Absage ist deutlich und zeigt einen tiefen Konflikt

Text: Mirko Schneider

Ein Sonntagnachmittag an der Griegstraße. Im altehrwürdigen, etwas modrigen Stadion an der Adolf-Jäger-Kampfbahn kämpft in wenigen Minuten Regionalligist Altona 93 gegen den Lüneburger SK Hansa um Punkte für den Klassenerhalt. 1000 Fans warten auf der langen Gegengerade, der gegenüberliegenden Haupttribüne, der „Meckerecke“ links daneben und dem „Zeckenhügel“ hinter dem Tor auf der Westseite auf den Anpfiff. Jeder Ball, der beim Aufwärmen von den Spielern versehentlich auf den „Zeckenhügel“ geschossen wird, löst bei den Hunden einiger Altonaer Anhänger große Freude aus. Der Einlauf der Mannschaften sagt schließlich mehr als tausend Worte. Wie üblich spielt die Stadionregie die berühmte Melodie aus „Star Wars: A new hope“. So sieht sich Altona 93 selbst. Die Jedi-Ritter treten gegen das Imperium an. Nur eben auf dem Fußballfeld.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball. Ich kann mit den Spielern schnacken und den Rasen anfassen. Der Besuch eines Spiels fühlt sich an wie ein großer, entspannter Nachbarschaftstreff. Und das auf einem sportlichen Niveau in der 4. Liga, welches wirklich Spaß macht“, sagt Ragnar Törber. Der heute 47 Jahre alte selbstständige Architekt und stellvertretende Vorsitzende von Altona 93 wurde in den 80er-Jahren als Fan des FC St. Pauli sozialisiert. Damals verfolgte er die Partien der Kiezkicker von den Bäumen der Nordkurve aus. Mit Altonas nur 800 Meter Luftlinie entferntem Nachbarverein, dem Staffelrivalen FC Teutonia 05, kann Törber wenig anfangen. „Was der FC Teutonia 05 macht, ist für uns nicht wichtig. Wenn Teutonia mit viel Geld in die 3. Liga will, ist das deren Sache. Unsere Planungen bleiben davon unberührt“, sagt Törber.

Für viele der Inbegriff von Fußballkultur: Altona 93 und die Adolf-Jäger-Kampfbahn (Foto: Erik Brandt-Höge)

Die geeignete Fläche ist längst gefunden

Diese Planungen betreffen das neue Stadion von Altona 93 am Diebsteich. 2007 verkaufte Altona 93 nämlich die Adolf-Jäger-Kampfbahn für 11,25 Millionen Euro an Behrendt Wohnungsbau und den Altonaer Spar- und Bauverein für den dringend benötigten Bau 300 neuer Wohnungen. Der Deal mit der Stadt Hamburg versprach Altona dafür eine andere Fläche, auf der der Amateurfußballkultclub eine neue Heimat finden sollte. Den Verkaufspreis sollte Altona dort zweckgebunden für die Errichtung eines neuen Stadions einsetzen.

„Ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Erst wenn das neue Stadion steht, muss Altona seine Adolf-Jäger-Kampfbahn verlassen. Allerdings spätestens bis zum 31. Dezember 2026. Die geeignete Fläche ist längst gefunden, seit fünf Jahren laufen die konkreten Planungen für einen Umzug von Altona 93 in ein neu zu errichtendes Stadion am Diebsteich mit einer Zuschauerkapazität von 5000 Fans. Törber hat die Stadionfrage gemeinsam mit der Stadt Hamburg, dem Sportamt und der Bezirksversammlung Altona in vielen Gesprächen weit vorangetrieben. 2023 sollen die Bauverträge unterzeichnet werden, wobei zuvor 75 Prozent der Mitglieder von Altona 93 zustimmen müssen. Ende 2026 soll dann der Umzug erfolgen.

Teutonia möchte auch gerne am Diebsteich spielen

An dieser Stelle kommt Altonas Nachbar ins Spiel, der FC Teutonia 05. Die Teutonen, die in der Saison 2016/17 noch in der sechstklassigen Landesliga spielten, haben einen rasanten sportlichen Aufstieg hingelegt. Teutonia darf auf einige potente Geldgeber zählen und möchte hinter dem HSV und dem FC St. Pauli dritter Proficlub in Hamburg werden. Das nächste Ziel ist der Aufstieg in die 3. Liga. Nur ist kein passendes Stadion in Sicht. Da die Stadt Hamburg für Teutonia bislang keine geeignete Fläche anbot, möchte Teutonia gerne ebenfalls am Diebsteich spielen und in die bestehenden Stadionplanungen mit einsteigen. Liborio Mazzagatti (48), stellvertretender Vorsitzender Teutonias, betonte bereits, gerne mit Altona über das Thema sprechen zu wollen.

Törber wiederum verwundert das. „Teutonia ist mit seinem Wunsch, bei uns zu spielen, an die Medien gegangen, ohne auch nur einmal vorher mit uns zu sprechen. Das fühlt sich unsportlich an“, sagt Törber. Gegen ein Treffen und ein freundliches Gespräch mit Mazzagatti habe er nichts einzuwenden. Ändern werde sich an der Haltung Altonas aber nichts. „Wir brauchen uns nicht zu einigen. Für uns ist es zu hundert Prozent ausgeschlossen, gemeinsam mit Teutonia in unserem neuen Stadion zu spielen. Denn das wird unsere neue Heimat und wir werden alle Spielzeiten für unsere Teams brauchen“, sagt Törber. In so lange bestehende Planungen noch einmal einzugreifen sei unmöglich. Zumal Teutonia sich ein Stadion für 10.000 Fans wünscht.

Schneller Erfolg mit vermögenden Investoren – das ist nicht Altona 93

altona93-live_c_ebh-3-klein
Altona 93 spielt aktuell in der Regionalliga Nord gegen den Abstieg (Foto: Erik Brandt-Höge)

Was unter anderem durch Banner in Altonas Stadion offensichtlich ist: Der FC Teutonia 05 steht für einen Fußball, der von den Fans von Altona 93 zutiefst abgelehnt wird. Schnellen Erfolg mit vermögenden Investoren – Teutonia plant in Liga drei mit einem Etat von bis zu 15,3 Millionen Euro – will in Altona niemand, weil das dem ursprünglichen Fußball widerspricht. Dem, was Altonas Fans als „echt“ empfinden. Fußball gilt beim Altonaer Fußballclub von 1893 als kulturelles Gut, welches es zu verteidigen gilt gegen die „Höher, schneller, weiter“-Mentalität des einst kleinen Nachbarn Teutonia, der Altona mittlerweile in der Tabelle sportlich überflügelt hat. Würde Törber den Mitgliedern einen Vertrag über das neue Stadion am Diebsteich vorlegen, der Teutonia die Möglichkeit eines Einstiegs ließe, würde er niemals 75 Prozent Zustimmung bekommen.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Dennoch steigt der Druck in der öffentlichen Debatte. Christian Okun, der Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes, hat sich eindeutig pro Teutonia positioniert. Er sieht die Notwendigkeit eines Stadions mittlerer Größe für die Sportstadt Hamburg. Bei der Öffentlichen Planungsdiskussion im Rathaus Altona traten Redner auf, die sich ebenfalls für Teutonia positionierten. Sogar aus der Amateurabteilung des FC St. Pauli. „Ich spreche mit St. Pauli seit vielen Jahren und dort findet man unsere Pläne gut. Das wirkte auf mich inszeniert und hatte etwas von RTL 2“, sagt Törber. Mit den Altonaer Politikern, die sich auf Teutonias Seite schlugen, möchte Törber nun wieder ins Gespräch kommen. Genauso wie mit Verbandspräsident Okun, dessen Vorgehen Törber zutiefst irritiert hat. „Zwei unserer ehemaligen Schatzmeister arbeiten beim Verband. Unsere Pläne sind seit Jahren bekannt. Ich verstehe daher den plötzlichen Vorstoß von Herrn Okun nicht.“

Ohne das „Ja“ von Altona 93 ist es ein „Nein“ für Teutonia

Entscheidend wird nun sein, ob die Stadt Hamburg ihr Wort gegenüber Altona 93 hält. Das alleinige Nutzungsrecht für das neue Stadion ließ sich der Verein längst zusagen. Ohne Altonas „Ja“ kann Teutonia nicht dabei sein. Was aber passiert, wenn der Stadt Hamburg die Vision eines dritten Proficlubs in der Stadt so gut gefällt, dass sie ihre Meinung ändert? Törber ist da glasklar. „Das wird keinesfalls passieren, weil die politisch Verantwortlichen in Hamburg vernünftige Leute sind. Aber wenn es passieren würde, dann wären wir als Altona 93 aus dem Projekt sofort raus. Dann allerdings müsste die Stadt öffentlich zu ihrer Verantwortung stehen, uns als Traditionsclub über die Klippe springen zu lassen. Denn ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Altona 93 vs. FIFA – Bürokratie behindert Integration

Eine Regel des Fußball-Weltverbandes FIFA behindert die Integrationsarbeit des Hamburger Kultvereins Altona 93.

Text: Mirko Schneider
Foto (o.): Frank Molter

Zum Auftakt der Rückserie der Oberliga Hamburg demonstrierte Fußballclub Altona 93 seine große Klasse. 4:1 siegte der AFC bei Titelverteidiger TuS Dassendorf und setzte sich an die Ligaspitze. Der Wiederaufstieg in die Regionalliga Nord am Saisonende ist eine sehr realistische Option. „Dort wollen wir Altona 93 etablieren, da ist unser Ziel“, sagt Altonas Trainer Berkan Algan immer wieder.

Dieses Ziel findet auch Altonas Integrationsbeauftragter Wladimir Bondarenko (54) gut. Er ist ein großer Fan der ersten Herrenmannschaft, die vor bis zu 1.000 Zuschauern spielt „Ich freue mich sehr über jeden Sieg“, sagt er. Dann legen sich ernste Sorgenfalten auf Bondarenkos Stirn: „Aber ich sage all meinen Jugendtrainern, sie sollen Kinder mit Migrationshintergrund bis spätestens Juni anmelden. Klappt bei den Herren der Aufstieg, ist es sonst vielleicht zu spät.“

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Altona 93 (@altonaer_fussball_club_v._1893) am

 

Um die aktuelle Betriebsamkeit in Altonas Fußball Jugendabteilung – mit 600 Kindern eine der Größten in Hamburg – zu verstehen, ist ein Blick in die Regularien des Fußball-Weltverbandes FIFA hilfreich. Auf Seite 22 findet sich dort unter Artikel 19 folgende Bestimmung: „Ein Spieler darf nur international transferiert werden, wenn er mindestens 18 Jahre alt ist.“ Der Regel, das sieht auch Bondarenko so, liegt ein durchaus sinnvolles Anliegen zugrunde. Im durchkommerzialisierten Profi-Business Fußball boten Anfang der Jahrtausendwende Weltclubs wie zum Beispiel der FC Barcelona Millionensummen für Kinderfußballer, um die Talente zu einem Wechsel zu bewegen.

Die FIFA deklarierte dieses Gebaren als unzulässigen Menschenhandel mit Minderjährigen, dem ein Riegel vorzuschieben sei. Nur setzte der Weltverband auf einen groben Klotz einen groben Keil, denn sein Artikel 19 bezieht sich auf die ersten vier Spielklassen. Dort verfährt man nach Auskunft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der die Regel über seine Landesverbände in Deutschland umsetzen muss, „deutlich restriktiver“.

Und so hatte im Sommer 2017 die Jugendabteilung von Altona 93 den Salat. Der Hamburger Amateurfußball-Kultclub, der von gigantischen Umsätzen nationaler Topclubs wie Barcelona, Manchester City oder Bayern München nur träumen darf, durfte nach dem damals gelungenen Aufstieg der Herrenmannschaft in die viertklassige Regionalliga Nord plötzlich keine Kinder mit Migrationshintergrund mehr aufnehmen. Außer, diese besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft oder lebten seit mindestens fünf Jahren ununterbrochen in Deutschland.

 

„Nach dem Abstieg war die Anmeldung kein Problem“

 

An zwei Kinder erinnert sich Wladimir Bondarenko, selbst 1995 aus Kasachstan nach Hamburg eingewandert, besonders gut. „Bei uns spielte seit zwei Monaten ein geflüchteter syrischer Junge in der C-Jugend, die ich trainiere. Im August 2017 brachte er einen ebenfalls geflüchteten Freund mit“, wie er erzählt, „Nur war unsere erste Mannschaft eben gerade in die Regionalliga Nord aufgestiegen. Ich konnte den Freund unseres Spielers nicht anmelden, auch wenn ich es die ganze Saison versucht habe.“

Die Jungs hätten oft Tränen in den Augen. Sie verständen nicht, warum der eine bei uns spielen durfte und der andere nicht. Mittlerweile kicken beide gemeinsam in der B-Jugend des Vereins, da Altona 93 in der letzten Saison aus der Regionalliga Nord in die Oberliga Hamburg abstieg. Bondarenko: „Nach dem Abstieg war die Anmeldung des zweiten Jungen ja kein Problem mehr und ging ganz schnell.“

Ohne viel zu spätes Happy End blieb die Geschichte eines niederländischen Jungen, dessen Eltern aus beruflichen Gründen nach Hamburg zogen. Er fiel eigentlich unter die leichteste der sonst schwierig zu erfüllenden Ausnahmebedingungen des FIFA-Artikels 19: „Die Eltern des Spielers nehmen aus Gründen, die nichts mit dem Fußballsport zu tun haben, Wohnsitz im Land des neuen Vereins (…)“, heißt es dort. Das war eindeutig der Fall. „Trotzdem hat die Anmeldung nicht geklappt“, erklärt Bondarenko. „Der Junge hätte bei uns nur trainieren und nicht in Punktspielen mitmachen dürfen. Er ist traurig wieder gegangen.“
Ähnliche Fälle drohen dem Verein nun ab Sommer bei einem Aufstieg der ersten Mannschaft wieder.

 

„Die Integrationskraft des Fußballs darf man nicht unterschätzen“

 

Dabei ist es geradezu paradox, dass es ausgerechnet Altona 93 trifft. Die Integrationsarbeit des Vereins gilt als vorbildlich. Der Verein ist durch die unermüdliche Arbeit von Menschen wie Wladimir Bondarenko und seinen Mitstreitern in seinem Multikulti-Stadtteil bestens vernetzt, Kinder aus 40 Nationen kicken hier. Über ein Drittel der Kids besitzen einen Migrationshintergrund. Aktionen wie Mini-Weltmeisterschaften oder die sogenannten Länderpaten im Verein, die aufgrund ihrer Biografie als Mitglied einer entsprechenden Community als Ansprechpartner für Kinder aus demselben Kulturkreis im Verein da sind, sorgten sogar bundesweit für Aufmerksamkeit. Im März 2018 gewann Altona 93 trotz der starken Konkurrenz von 111 Mitbewerbern den mit 45.000 Euro dotierten DFB-Integrationspreis.

„Die Integrationskraft des Fußballs darf man auf gar keinen Fall unterschätzen. Es ist so viel wert, wenn Kinder aus verschiedenen Nationen in einer Mannschaft gemeinsam auf dem Feld stehen“, sagt Bondarenko. Der frühere kasachische Zweitligaspieler spricht dabei aus tiefster Erfahrung. „Durch den Fußball habe ich in Deutschland meine ersten Kontakte bekommen, habe die Sprache gelernt, Anerkennung erhalten“, sagt er, „diese FIFA-Regel muss so geändert werden, dass sie nicht mehr zulasten der Kinder geht.“

 

„Wir erhalten Zustimmung und Verständnis“

 

Hoffnung gibt es immerhin. Viele betroffene Amateurvereine der insgesamt fünf Regionalligen in Deutschland haben sich an die Landesverbände in ihrem Bundesland und den DFB gewandt. Dieser versucht nun, seinen Einfluss in der FIFA zu nutzen, damit die Regel nicht mehr die Integration von Kindern torpediert. „Ich habe das Gefühl, das Problem wird nun ernst genommen“, sagt Bondarenko, „Wir erhalten Zustimmung und Verständnis vom Hamburger Fußball-Verband und vom DFB.“

Was aber, wenn Altonas erste Mannschaft es im Sommer nicht in die Regionalliga Nord schafft? Dann verschiebt sich das Problem wohl nur um 800 Meter Luftlinie zum Stadtteilrivalen Teutonia 05, der mit Altona in der Spitzengruppe der Oberliga Hamburg um den Aufstieg kämpft. Und dessen Jugend- und Integrationsarbeit ebenfalls einen sehr guten Ruf hat. Es ist also Eile geboten. Damit die Herren Tore schießen können, ohne ungewollt den Kindern im Verein zu schaden.

www.altona93.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Altona 93 – „So jetzt Mischen wir uns ein“

Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde: Fans #3.

Karsten Groth, 64, ist stellvertretender Obmann der Abteilung FußballFans bei Altona 93.  Schon als Schüler war er begeisterter Fußballfan und hat im Laufe seiner „Fankarriere“ auch die großen Hamburger Fußballvereine HSV und FC St. Pauli begleitet.

Herr Groth, wie definieren Sie den Begriff Fußballfan?
Manche finden, ein echter Fan sei nur der sogenannte Allesfahrer. Der sich jedes Pflicht- und Freundschaftsspiel ansieht, möglichst sogar im Trainingslager dabei ist. Das sehe ich anders, obwohl ich fast alle Partien von Altona 93 besuche. Auch der 80-Jährige, der auf der Tribüne sitzt und nur die Heimspiele schauen kann, ist ein Fan. Mir persönlich wichtig ist ein Fan-Accesoire, zum Beispiel ein Schal. Und ich erhebe meine Stimme für meinen Verein, supporte also aktiv. Es ist wichtig, was auf dem Platz geschieht. Der Sport steht während des Spieles im Mittelpunkt, nicht Biertrinken oder nette Unterhaltung.

Sie haben ein aufregendes Fandasein hinter. Bitte erzählen Sie…
Mein erster Verein war der HSV. Ich stand als Schüler in der Westkurve. Mein erstes Spiel war ein Derby gegen Werder Bremen im Oktober 1964 vor 18.000 Zuschauern im alten Volkspark. Der DFB-Pokalsieg gegen Kaiserslautern mit 2:0 im Endspiel am 26. Juni 1976 im Frankfurter Waldstadion war mein letztes Spiel als HSVer. Eine Erinnerung daran kam mir übrigens beim Pokalfinale 2017 zwischen Dortmund und Frankfurt in den Sinn, als Sängerin Helene Fischer ausgebuht wurde.

Welche?
Damals, 1976, trällerten vor dem Spiel die Fischer-Chöre im Rahmenprogramm. Hatte der DFB sich so ausgedacht. Das gefiel beiden Fanlagern nicht. Gemeinsam wurde dagegen angeschrien.

Warum wandten Sie sich vom HSV ab?
Es gefiel mir einfach atmosphärisch nicht mehr. Da liefen zu viele Leute mit politisch rechten Meinungen rum. Also gönnte ich mir eine schöpferische Pause. Bis ich Anfang der 80er-Jahre durch den damaligen Arbeitskollegen und St.-Pauli-Stadionsprecher Gerd Thomsen den Weg ans Millerntor fand. Witzigerweise war auch wieder Musik ein Thema. Thomsen spielte gern deutsche Volksmusik. Die wollte bald kaum noch einer hören. Sportlich lief es erst mäßig, manchmal waren nur 2500 Zuschauer da. Jüngere Leute gingen hin, Gewerkschaftskollegen, eher links, bald kamen die Leute von der Hafenstraße dazu – und die von Doc Mabuse auf dem Dom entdeckte Totenkopffahne. Einmalig war der Roar, diese ganz besondere Form der ununterbrochenen und dennoch aufs Spiel bezogenen Anfeuerung. Es war irre laut am Millerntor. Nach vielen Spielen, wie nach dem gescheiterten Aufstieg zur Bundesliga 1987 in der Relegation gegen Homburg, war ich drei Tage lange heiser.

Und Sie wurden in der Filmbranche aktiv…
(lacht) Sozusagen. 10 Fans, ich war einer davon, produzierten 1990 den Film „…und ich weiß, warum ich hier stehe“. Wir interviewten St.-Pauli-Anhänger und Bürger auf dem Kiez und in den Kneipen, machten vom Drehbuch bis zum Schnitt alles selbst. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Ich wohnte zu der Zeit auf St. Pauli in der Hopfenstraße, gehörte zum harten Fankern.

Um 1990, begann Ihre große Liebe zu Altona 93 zu wachsen.
Meine erste Partie von Altona 93 habe ich 1966 gesehen. In der DFB-Pokal-Qualifikation wurde der 1. FC Nürnberg auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn 2:1 bezwungen. In der 1.Hauptrunde vor offiziell 33.000 Zuschauern – manche sagen bis heute es waren 45.000 – im Volksparkstadion beim HSV, der 6:0 gewann, stand ich in der Ostkurve bei den Gästefans von Altona 93. Obwohl eigentlich HSV-Fan, hatte der Außenseiter, meine Sympathien. Außerdem begann ich gerade, bei den Senioren des Vereins zu kicken. Mit gut 50 Leuten vom FC St. Pauli gingen wir also zur Adolf-Jäger-Kampfbahn. Ein Trainer von Altona meinte später mal, der Verein habe nun „Leihfans vom FC St. Pauli.“

Tatsächlich sahen Sie sich lange beide Clubs an.
Ja, aber 2005 ließ ich meine Dauerkarte beim FC St. Pauli auslaufen. Denn ich musste bei den Senioren des AFC bei fast jedem Spiel ran. Und mir war zu viel Eventpublikum am Millerntor. Das Finanzgebaren des Clubs, speziell die Bezahlung von Ex-Trainer und Manager Franz Gerber und Ex-Spieler Nascimento in der dritten Liga zu Erstligakonditionen, ging mir gegen den Strich. Heute gehe ich nur ab und zu mal zum Millerntor. An der Adolf-Jäger-Kampfbahn stehe ich in der Meckerecke. Die gab es dort schon, bevor es eine bei St. Pauli gab.

Wie hat sich Altona 93 im Laufe der Jahre verändert?
Damals kamen nur so 300 Leute zu den Spielen, aktuell liegt unser Schnitt in der Regionalliga bei fast 1200 Fans. Seit gut zwei Jahren ist Altona 93 wieder richtig “In“. Dadurch haben übrigens auch wir nun etwas Eventpublikum. Unseren eigentlichen Zuschauerstamm würde ich auf circa 600 beziffern.

Was waren die schönsten Erlebnisse?
Das schon erwähnte Pokalspiel 1966 hatte wirklich was. Obwohl ich mir in der Kälte am zweiten Weihnachtsfeiertag Arsch und Füße abgefroren habe. Auch der Pokalerfolg 1994 gegen den VfL 93. Da gab es wenigstens noch einen richtigen Pokal, aus dem man was trinken konnte. Was wir dann auch mit den Spielern zusammen getan haben. Die beiden Aufstiege in die Regionalliga 1996, durch zwei Superschüsse von Thorsten Koy in den Winkel gegen Pinneberg. Generell hat sich auch vieles erhalten, was ich schätze. Es geht bei uns in der vierten Liga lockerer und entspannter zu als im Profifußball. Es gibt keine Leibesvisitationen beim Einlaß, keine elektronischen Zugangssysteme, zudem ist der Support spielbezogen. Besonders letzteres ist für viele von uns ein wichtiger Punkt.

Ist Altona 93 heute das St. Pauli von früher?
Also wenn ich mir unseren Kabinentrakt und das Clubhaus angucke, da toppen wir das frühere St. Pauli noch. Obwohl es damals schon seinen Charme hatte, als die Spieler von Bayern München durch die verqualmte Kneipe zur Umkleide mussten. Altona 93 und St. Pauli sind sicher politisch nicht weit auseinander. Aber es gibt auch Fans beider Clubs, die mögen sich ganz und gar nicht. Wir haben von der Fan-Abteilung vor drei Jahren mal eine Umfrage gemacht. 20 Prozent unserer Anhänger bekannten sich dort zum FC St. Pauli, 15 Prozent zum HSV.

Wie stehen Sie eigentlich zur Kommerzialisierung im Profifußball?
Da scheiß der Hund drauf. Geld regiert eben die Welt, das Fernsehen bestimmt die Anstoßzeiten. Rund um die Uhr läuft irgendwo Fußball, worunter vor allem die Amateurclubs leiden. Altona allerdings weniger, wir haben ja einen ganz guten Schnitt.

Die Fan-Abteilung bei Altona 93 hat heute 45 Mitglieder. Wie kam es zu deren Gründung?
Das lag am bitteren Abstieg aus der Regionalliga in der Saison 2008/09. Altona 93 hatte Krankenkassenbeiträge und Steuern nicht ordnungsgemäß abgeführt, musste für mehrere Jahre an das Finanzamt nachzahlen. Es wurde existenzbedrohend für den Verein. Unser Hauptsponsor und Präsident Dirk Barthel half mit Geld aus. 250.000 Euro aus dem Kaufvertrag für die Adolf-Jäger-Kampfbahn holte sich der Club als Vorschuss. Wir Fans hatten schon lange über mehr Aktivität nachgedacht. An diesem Punkt sagten nun einige Fans: So, jetzt mischen wir uns ein und warten damit nicht weiter.

Das klappte so einfach?
Natürlich gab es Vorbehalte und Widerstände. Manche dachten: Aha, die wollen sich den Verein unter den Nagel reißen. Darum ging es aber gar nicht. Und mittlerweile sind wir im Verein anerkannt.

Was hat die Fan-Abteilung erreicht?
Wir wollten, dass es eine weitere Kontrollinstanz im Verein gibt, die sich um die Liga-Finanzen kümmert. Dies erreichten wir durch Gründung eines Wirtschaftsausschusses vor viereinhalb Jahren, dem ich auch seither angehöre. Wir haben umfassend und mehrmals Stellung genommen zur Frage eines neuen Stadions, eigene Vorschläge gemacht, waren bei der AG Sportanlagen mit dabei. Wir riefen das Projekt eines Stammtisches ins Leben, zu dem Spieler und Verantwortliche fünf Jahre lang regelmäßig kamen. Das wollen wir vielleicht in anderer Form wieder aufleben lassen, weil wir uns wieder mehr Kontakt zur aktuellen Mannschaft wünschen. Und das sind nur einige Beispiele unserer Aktivitäten.

Was erhoffen Sie sich für Altona 93?
Es soll bei uns entspannt und locker bleiben. Kein Ultra-Singsang. Sportlich etablieren in der Regionalliga, vielleicht irgendwann ganz verträumt mal über die 3. Liga nachdenken.

Aktuell steht Altona auf dem letzten Rang in der Regionalliga Nord. Gelingt in diesem Jahr der Klassenerhalt?
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Interview: Mirko Schneider


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!