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Bedrohte Räume #37 – Freie und Abrissstadt Hamburg

Ein Hoch auf den Fightclub Denkmalverein

Foto (o.): Kristina Sassenscheidt

Sie mögen Investoren, Maklerinnen und Oberbaudirektoren, diese ganz leckeren Leute mit den geilen Ideen für unsere gemeinsame Zukunft? Sie finden, dass Wirtschaftlichkeit vor Denkmalschutz geht, weil billig gut ist und Wachstum the best? Sie meinen, die CO2-Bilanz der Abrissbirne spielt keine Rolle, weil erst, wenn Sie persönlich spüren, dass das Klima einen Wandel vollzieht, die Sache für Sie auch wahr ist? Na, dann hoffen Sie sicher auch auf eine App, die Ihnen Luft zum Atmen spenden wird und glauben noch an den Weihnachtsmann.

Zur Rettung der Menschheit vor Ihren zerschundenen Ideen schlage ich vor: Hauen Sie sich eine Axt ins Bein, übergeben Sie ihre goldene Kreditkarte der nächsten „Hinz und Kunzt“-Verkäuferin und verlassen Sie bitte den Planeten ohne über Los zu gehen. Ziehen Sie keine 2.000 Euro ein und gewinnen Sie bitte auch keinen weiteren Architektenwettbewerb.

Sollten Sie allerdings, wie ich, auch auf Denkmalschützende, Stadtaktivistas und kluge Widerständlers stehen, weil Sie gebildet, umsichtig und politisch einwandfrei informiert sind, dann gehen Sie mit mir den nächsten Schritt: Lesen Sie weiter und werden Sie Teil einer Empörung, die mich die letzten Monate umtreibt.

Sie fragen sich, um welches arme Gebäude es heute wieder geht? Tja, ich kann mich leider nicht entscheiden und zitiere den jüdischen Maler Max Liebermann: „Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!“

Frühjahr bis Frühsommer der unbarmherzigen Abriss City Hamburg zeigen nämlich einmal mehr: Ihre und meine Kindheitserinnerungen interessieren hier genauso wenig wie der Klimawandel. Wir haben vielmehr einen gigantischen Eintopf von gefährdeten Gebäuden vor der Nase. Ob Allianz-Gebäude an der St. Nikolai-Kirche, auf dessen Grundsteinlegungsparty ich mit drei Jahren meinen ersten Luftballon bekam oder das Haus der Kirche an der Neuen Burg 1, das die Quest Investment in ein grandioses Scheusal verwandelte. Ob mein Kreuz-Ornamenten-Lieblingszaun am Wohlerspark, der so sehr vor sich hin rottet, dass die Kids daran ihre Messer schärfen oder das historische Forschungszentrum der Beiersdorf AG, in dem mein Vater einst seine kargen Piepen verdiente. Ob das Commerzbank-Hochhaus am Nikolaifleet, zu dem meine Oma immer sagte: „Einen besseren Namen für ’ne schlimme Bank gibt es gar nicht, doch das Hochhaus ist sehr schön!“ oder das megageile Parkhaus am Rödingsmarkt, in dem ich als Kind mit meinem Vater die Akustik bestaunte. Alles soll weg! Unser Hamburg verändert sich rasend schnell. Jede Baulücke wird erst gerissen, dann zacki zacki mit Glasbauoptik geschlossen. Gerade die Denkmäler der 60er Jahre springen dabei eines nach dem anderen quasi so lautlos über die Klinge.

Deshalb, meine lieben Hamburgers, sortieren Sie Ihre Gräten, greifen Sie mit mir in den städtischen Abrissdebakel-Eintopf und ziehen Sie ein besonders schönes Exemplar aus dem Pott: Die Parkhäuser in der City. Gute Wahl! Ja, echt, Sie und ich, wir setzen uns diesen Monat für die Parkhäuser der Stadt ein. Betrachten Sie die Schmuckstücke! Pilgern Sie mit Tofu-Bockwurst und Senf in der einen und ’ner Haschkola in der anderen Hand zum Beispiel einfach mal zum Parkhaus am Rödingsmarkt und checken Sie die Lage: Sie werden sehen, das Parkhaus am Rödingsmarkt ist wegen seiner ausgezeichneten Überlieferung, seiner Vollständigkeit (Parkhaus, Tankstelle, Werkstatt, Waschanlage) und seiner Gestaltung ein Juwel. Das Parkhaus an der Gröninger Straße wurde offenbar inzwischen von der Stadt aufgegeben, Ihnen bietet sich hier die Möglichkeit, das letzte Baudenkmal am Rödingsmarkt zu bestaunen, zu schützen und zu retten. Werfen Sie doch einfach mal einen Blick auf die Seite des Denkmalvereins – Sie werden sehen, hier entstehen in Parkhäusern beachtliche Projekte!

Der Denkmalverein plädiert nämlich ebenso dringend wie Sie und ich dafür, das „Parkhaus nicht nur zeitnah unter Schutz zu stellen, sondern auch zu prüfen, inwiefern das Gebäude z. B. durch Aufstockungen ,weitergebaut‘ werden kann sowie im Falle eines möglichen Funktionsverlustes eine zeitgemäße Form der Nutzung zu suchen. Eine aktuelle Studie zu Umnutzungen von Gewerbebauten zu Wohnungen zeigt, wie sinnvoll das Weiternutzen von Parkhäusern ist, und auch die Architektenschaft hat die städtebaulichen und ökologischen Potentiale bereits erkannt.“ Inspirierend!

Deshalb, ihr Investoren, Maklerinnen und Oberbaudirektoren, merkt es euch: Nein, Wirtschaftlichkeit geht nicht vor Denkmalschutz und ja, alle Denkmäler sind vor dem Gesetz gleich! Ihr haut momentan so viel um, wie seit den Wirtschaftswunderzeiten nicht mehr! Hamburgs Moderne wird durch euren Abriss, eure Ignoranz, euer bewusstes Vergessen so durchgreifend wie sie damals kam, einfach wieder ausgelöscht. Und das wider besseren Wissens! Stoppt das und überdenkt eure Haltung. Alternativ erfinden wir Denkmalschützende und Lesende sonst recht baldigst eine App, die Abrissbirnen auf den Mars beamt und Investmentfirmen in Kuhwiesen verwandelt, auf die wir dann eine Wurst machen. Long live the Fightclub Denkmalverein! Love it!

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahrt ihr unter www.andrearothaug.de


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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Bedrohte Räume #36 – AK Altona

Do the right thing, Hamburg Ciddy!

Foto (o.): GeorgHH

Wer heute schon für morgen spart, hat übermorgen Knete, heißt es. Das wusste Omi, dass weiß heute jedes Kindi. Neu aber ist, wer früher schon mit Bauklötzchen spielte, ist heute klar im Vorteil, denn bereits Kinderhänden wird im klotzigen Bauvorhaben die Bedeutung und Funktion von Architektur deutlich.

Nun sind wir heute alle erwachsen, und all diejenigen, die nicht mit Bauklötzchen rummachten, krakeelen: „Dieser unansehnliche alte Bauklotz von einem Altonaer Krankenhaus stört mein Stadtbild! Mein armes Othmarschen, von Pein gezeichnet durch einen schmucklosen Kasten! Wir wollen was Neues!“

Sie ahnen es schon, ich bin anderer Meinung als die da oben. Das hier gemeinte 21-geschossige AK Altona mit seinen umliegenden Funktionsbauten, ist nämlich ein echter Knüller! In den 60er Jahren von Star-Architekt Werner Kallmorgen als Wonneproppen der Gesundheit erbaut, wollen die Damen und Herren Investoren dem 30 Hektar großen Areal nun an den Kragen. Klar ist, das AK Altona soll in den kommenden Jahren einen fetten Neubau erhalten, doch es gibt bis dato noch keinerlei Pläne für das denkmalgeschützte Bestands-Ensemble des Geländes. Was passiert mit der alten Klinik? Diese schönen Funktionsbauten, die als herausragende Dokumente der in Hamburg immer seltener werdenden Nachkriegsarchitektur und Kulturdenkmal gelten, sind in Gefahr.

Eingebettet in Parkanlagen stehen hier auf dem Gelände des AK Altona der Wirtschaftshof mit Küchen- und Werkstattgebäuden, das Kesselhaus, das Pathologiegebäude und das Versuchstierhaus. Wie beim Hauptgebäude handelt es sich bei den umliegenden Gebäuden um ganz individuelle Architekturen. Hammerdinger! Und obwohl es kontinuierlich Erweiterungen und Modernisierungsmaßnahmen gab, bleibt das AK Altona ein bedeutendes Beispiel eines Großklinikums der 60er Jahre, das auch über Hamburg hinaus seinesgleichen sucht. Und das große Entwicklungsareal bietet heute ein Monsterpotenzial! Doch ohne Nachnutzungskonzept, wie es korrekt heißt, wird es kommen, wie es in Hamburg so oft kommt: erst verballert, dann abgeknallert. Denn ist der Klinikneubau erst einmal beschlossene Sache, wird später wegen angeblich unwirtschaftlicher Unzumutbarkeit abgerissen. Denkmalschutz hin oder her. Aufwachen, Leute! Erinnert euch an eure Bauklotzzeiten: Die notwendigen Umbaumaßnahmen und die Nachnutzung müssen im Vorhinein im Finanzierungsplan berücksichtigt werden. Nicht nachher, sonst sind die Piepen ein für alle Mal weg!

Deshalb, Bürgers der Hansestadt, entert die Barricados und klemmt euch an die Guten, an die Leute vom Denkmalverein und an die Interessierten, die sich für den Prachtklotz AK Altona starkmachen! Hier könnten preiswerte Kleinwohnungen für Pflegepersonal und Studierende entstehen oder das Hochhaus zu günstigen Mietkonditionen an Hamburger Kultureinrichtungen für Proberäume, Ateliers, Begegnungsstätten für uns tolle Piepels bereit gestellt werden und auf diese Weise etwas wirklich Modernes entstehen. Stellt euch vor, es würde gelingen, dann hätten wir einen architektonisch und inhaltlich wegweisenden Ort, über den ihr später erzählen könntet: „Ja, Sohnemädchen, du Eierloch, spiel ruhig weiter mit deinen Klötzen, und besuch mal Othmarschen, da wirst du Bauklötzchen staunen!“

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahrt ihr unter www.andrearothaug.de


Szene-Hamburg-juni-2019

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Bedrohte Räume #33 – Die Generation Y

Maybe Revolution oder eine Generation ohne Raum.

Gestern komme ich inspiriert von einer Tagung zurück, die einen schwer bedrohten Raum diskutierte, der mir vorher als solcher gar nicht bewusst war: der Raum der Generation Y. Ich wusste nicht, dass die armen Gürkchen nicht ausreichend Platz zur Selbstverwirklichung haben. Sie suchen Glück, Freiheit und Sicherheit und sie fühlen sich von uns ausgebremst. Sie wollen nach oben, doch wir lassen sie nicht ran. Wussten Sie das? Ich war scheint’s mit meiner Birne im Nebelwald der Multioptionsgesellschaft verloren gegangen! Hatte ja keine Ahnung!

Ich fordere sofort, dass die Gen Y endlich loslegt, denn wir Ollen werden weder Global Warming, digitale Transformation noch Wettrüsten ohne sie beenden. Mehr Scheiße als wir angerichtet haben, schaffen die Generationen Y und Z nicht mal im Tandem. Sie sagen, die Ypsilons sind die relaxtere Generation X und fordern den Generationswechsel now! Gen Y ist die weniger leistungsorientierte und mehr Work-Life-Balance draufhabende Generation, vor allem im Vergleich zur stressigen Generation Babyboomer. Die Neuen haben mehr Spaß, arbeiten wertvoll, founden Familys und chillen auch noch dabei. Und sie sind revolutionärer als die 68er, denn sie machen nicht so einen Radau. Sie hören keinen Hendrix und nehmen auch keine Drogen, es sei denn vielleicht mal ein Portiönchen MDMA auf ’ner Party. Die Generation Y vollzieht ihre Revolution eben leise, partizipativ, global, hat viel Spaß und kuschelt gern, anstatt die Zähne zu zeigen. Da legt sie sich nicht fest, die Maybe-Generation, denn sie muss flexibel und mobil bleiben.

„Ich bin begeistert! Leute, go, go, go!“ schmettere ich zum Schluss vom harten Tagungsstuhl Richtung Mindmap, „legt los!“ „Würden wir ja gerne“, antworten sie, „aber die Generation Schulterzucken kriegt ja keinen Space! Die Babyboomer sind nervige Berufsjugendliche, die ihre Führungspositionen nicht aufgeben. Sie sind es, die nur durch Leistung an die Werkbank kamen und so krass ihre Hacke in den Teer gerammt haben, dass sie auch mit dem Stemmeisen nicht vor die Tür zu bugsieren sind.“ „Und die 68er?“ „Noch schlimmer! Die sitzen in Politik, Konzernen und Institutionen ganz oben und trauen keinem unter 40! Die wissen nun wirklich alles besser, finden sich saucool, ziehen auf dem Stones-Konzert immer noch die Lederkutte drüber und schieben ihre Protestschilder durch jeden Türschlitz.“ Du liebe Güte, das klingt furchtbar! Generationswechsel Tschaui! Generation Y – im Netz ganz groß und doch außen vor?

Die Alten sind toxisch, Leute, um mal die Generalmetapher der Gegenwart zu zücken! Das war immer so. Neu ist aber, dass wir der Generation Y Raum GEBEN müssen, denn die grabscht sich den nicht so einfach wie wir früher. Sie ist höflich. Die Maybes brauchen Pop-up-Stores zum Ausprobieren, partizipative Festivals, flache Hierarchien und dezentrale Planungen – und am besten alles auf Englisch! Sie wollen involviert sein, agieren selbstverwirklichend, wollen materiellen Verzicht, globales Handeln, Leben im Hier und Jetzt, Crewlove und das auf Versuchsfeldern, die sie ganz eigenständig beackern. Ich liebe das und bin sofort Fan!

Doch wie, fragte ich mich im Tagungsdunkel, wie kriegt die Generation Konjunktiv II fluide, virtuelle und temporäre Räume, wenn sie doch so ungern öffentlich Haltung zeigt? Nicht, dass sich jemand defriendet! Und woher kommt der Space, wenn die Bereitschaft dafür, dicke Bretter zu bohren, so tief im Kurs liegt? Liegt das Geheimnis wirklich im Verzicht? Na, darüber können wir dann ja in den neuen mixed Teams sprechen. Ich sage, die Gen Y hat ein Recht auf jeden Raum und fordere deshalb fluide Teams, Dabeisein-to-go, shared leaderships, Home-Office, dritte Orte und 24/7 Digitalität, denn nur so können wir die Revolution anzetteln.

Das Team von RockCity hat OPERATION TON 2019 übrigens genau deshalb mit agilen Strukturen und flachen Hierarchien zum ersten kollektiv gebuchten Festival umgebaut. Es hat eine META-Plattform geschaffen, die Mitmachen, Produzieren, Interaktion und Sinn bietet, und das fast 24/7. Ihr müsst nur noch die Tickets kaufen – social ticket or pay what you can? Ich find’s geil!

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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MusicHHwomen – Ladys, gebt den Ton an!

Noch geben Männer den Ton an. Ob auf Festivalbühnen, in den Charts oder in den Führungsetagen – im Musikbusiness gehören Frauen noch immer zur Minderheit. Das muss sich ändern, sagt Musikaktivistin Andrea Rothaug. Ihr Musikerinnen-Netzwerk sorgt bundesweit für Aufsehen.

Es gibt zu viel Penis im Musikbusiness! Andrea Rothaug haut auf den Tisch. Die Chefin von RockCity Hamburg e.V., dem 1987 gegründeten Zentrum für Popularmusik, will das nicht einfach hinnehmen. Mit ihrem im letzten Sommer gegründeten Netzwerk musicHHwomen hat sie eine lokale Frauenbewegung in Gang gesetzt: Hamburgs Musikfrauen haben sich in dieser Interessenvertretung zusammengeschlossen und kämpfen für mehr Teilhabe und Gleichberechtigung. Auch in anderen Bundesländern gibt es bereits Ableger. Ziel: Das Business soll weiblicher werden.

Wie unterrepräsentiert Frauen in der Branche nämlich sind, belegen die Zahlen. Laut Datenanalyse von „Puls“, einem Programm des Bayerischen Rundfunks, in Zusammenarbeit mit der Gema lag der Frauenanteil der erfolgreichsten Radiotitel zwischen 2001 und 2015 bei rund elf Prozent. Eine aktuelle Studie der Musik-Plattform Pitchfork.com beziffert den Anteil weiblicher Acts auf Festivalbühnen auf gerade einmal 19 Prozent. Dass unter den rund 30 Nominierten des Deutschen Musikautorenpreises in diesem Jahr – abgesehen vom Nachwuchs- preis – nur zwei Frauen waren, stieß vielen bitter auf. Dass die Jury ausschließlich aus Männern bestand, machte es nicht besser. Das alles soll jetzt anders werden. Ein Gespräch über Frauen-Idole, Geschlechterkampf und schlechte Quoten.

SZENE HAMBURG: Andrea, welche Frau im Musikbusiness hat dir zuletzt imponiert und womit?

Andrea Rothaug: Cardi B., die nach Lauryn Hill mit „I like it“ die erste Rapperin ist, die in den US Billboards Nr. 1 ist. Ihr Song „Bodak Yellow“ war die meist gehörte Single. Zweimal abgeräumt. Und als Dauerbrenner die schwarze Bürgerrechtlerin Angela Davies, die es durch lebenslängliches herausragendes Engagement für Mensch und Planet in die Songs so vieler Musiker schaffte.

Als reines She-Team im Office und mit 50 Prozent Frauenanteil im Vorstand ist Rock-City die wohl weiblichste Popförderinstitution Deutschlands. Eine unschlagbare Quote. Was können Frauen denn besser?

Die Mitarbeiterinnen bei RC sind ja keine Quotenfrauen. Wir wollten einfach die besten Leute, egal welchen Geschlechts, und die haben wir jetzt. Wenn die Chefin erst mal weiblich ist, wachsen die nächsten Frauen nach – das sollten wir stets bedenken.

Warum braucht es eine Initiative wie musicHHwomen?

Wir wollen Frauen in Musikberufen stärken, das lässt sich nicht nebenbei realisieren. Das braucht Präsenz, Kontinuität, Kollaboration, Gemeinschaft und, ja, Nonprofit. Und das gibt es alles bei den musicHHwomen. Unser gemeinsames Ziel soll es sein, Frauen beim Gründen und Arbeiten in der Musikbranche zu unterstützen. Weibliches Empowerment im Beruf zu stärken, mehr Sichtbarkeit für Frauen zu schaffen und bessere Jobbedingungen zu erwirken.

Am internationalen Pophimmel hängen jede Menge weibliche Stars, nie zuvor gab es dank Internet so viel Zugang zu musikalischen Inhalten und Diskursen. Wo ist also das Problem?

„Die internationale Popmusik ist ein bisschen wie die Alpen“, heißt es in der PULS, „auf den ersten Blick ist alles in Ordnung“. Doch, egal, ob in den Charts, auf Festivals, im Radio, in Vorständen, in der Technik, in Spitzenpositionen, am Dirigentenpult oder auf Preisverleihungen: Der Pop ist männlich, und das obwohl die berühmtesten Stars weltweit Frauen sind und hier meine ich immer alle, die sich als Frauen definieren!

Die meisten Studierenden landen schlecht bezahlt in der kulturellen Bildung oder an Musikschulen, nicht etwa in unserer Branche, schon gar nicht da, wo Geld verdient wird. In den Top 100 Single Charts liegt der Anteil der weiblichen Interpreten bei nur 26 Prozent. An den deutschen Staatstheatern ist das gespielte Repertoire zu 95 Prozent männlich. Unter den 100 erfolgreichsten Radio-Songs des Jahres sind laut GEMA 11 Prozent der Kompositionen weiblich. Im Jahr 2015 wurden von den Top 100 Titeln 43 Songs mit weiblicher Beteiligung geschrieben, aber es gab keinen Song, der von einer Frau allein komponiert wurde.

Hat es die nationale Branche also noch einmal schwerer?

International sieht es nicht besser aus. Schau mal hinter die Kulissen, wer die Songs schreibt, die Tantiemen verdient, die Vorstände besetzt, die Produktionen fährt und die Festivalbühnen bespielt.

Als Sängerin wird man scheinbar schnell wahrgenommen, aber wie sieht es als Songwriterin, Produzentin, Label-Chefin, Tontechnikerin aus? Warum werden Kompetenzen bei Frauen scheinbar heftiger in Frage gestellt?

Die Ursachen sind vielfältig! Frauen werden weltweit benachteiligt, wir sind nur sehr erstaunt, dass die Quoten in der Musik immer noch so schlecht sind. Fakt ist, die Arbeitsbedingungen in der Musikbranche sind speziell. Sie sind geprägt von atypischen Arbeitsbedingungen, von hoher Konkurrenz, Nachtarbeit, vielen Überstunden und 150 Prozent Engagement. Sie sind meist nicht kontinuierlich, sondern projektgebunden, manche prekär, denn in der Musikbranche steckt nur mancherorts gutes Geld.

Doch dieser Umstand erklärt nicht, warum es so viele hochstudierte Frauen gibt, die dann doch nicht in Spitzenpositionen landen oder selbst ihren eigenen Club oder ihre eigene Firma gründen. Viele Frauen trauen sich nicht in die Männerdomäne Musikbranche. Das Zeitmanagement zwischen Beruf, Versorgung, Gesundheit, Kinder ist schwierig. Die Arbeitszeiten sind zu wenig flexibel, es gibt zu wenig gemischte Teams und zu viel Penis im Business.

Hast du auch schon mal die Erfahrung gemacht, nicht ernst genommen zu werden?

Täglich. Das ist ganz normal in den Führungsetagen des Musikbusiness. Übrigens egal, ob Indie oder Major. Aber es gibt immer mehr Männer, die sich fair und auf Augenhöhe bewegen.

Bei der letzten Reeperbahnfestival-Konferenz wurde intensiv über die fehlenden Frauen in der Branche debattiert. Bringen solche Diskussionen was? Schaffen sie Raum für Veränderungen oder ist es doch eher wieder so ein „Man müsste mal …“?

Es gibt mittlerweile einige herausragende Best Practise Beispiele, zum Beispiel die Music Industry Women vom VUT in Berlin, auch die Keychange ist ein ausgezeichnetes Programm zwecks Support von Frauen, ebenso das altgediente Female:Pressure Netzwerk, das We Make Waves Festival in Berlin oder unsere nagelneuen Schwestern in den Bundesländern: die musicBYwomen, die musicBWwomen und Ende August dann die neuen musicNRWwomen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Was hältst du von einer freiwilligen Frauenquote für Festivals?

Diese Quote gibt es ja bereits über die Keychange der PRS Foundation. Ich halte von einer solchen Quote tatsächlich in diesem Falle viel. Ich gehe aber davon aus, dass vermehrt Speakerinnen im Konferenzteil abgebildet werden, während die Livebühnen weiterhin männlich dominiert bleiben. Tatsächlich wird zurzeit davon ausgegangen, dass es eben weniger gute Musikerinnen gibt. Was für ein Irrtum!

RockCity Hamburg gehört in diesem Jahr zu den Firmen und Organisationen, die vom Nonprofit-Festival Roskilde eine Spende von rund 6.700 Euro erhalten. Ein Zeichen, dass das Thema Gender Equality in der Branche ankommt?

Zumindest werden einige Festivals weiblicher, wie das Roskilde Festival oder das Reeperbahnfestival, die die Gender Gap Bewegung der PRS Foundation aktiv supporten. Das Roskilde Festival hat meines Wissens nach keine Quotierung, aber RockCities Projekt musicHHwomen mit 50.000 DK gefördert. Mega!

Du konntest Staatsrätin Jana Schiedek voraussichtlich als zukünftige Schirmherrin von musicHHwomen gewinnen. Das ist ordentlich Rückendeckung, oder?

Jana Schiedek ist eine ganz besondere Frau: Sie ist tough, präsent, mutig, Mutter, Ehefrau, Musikfreundin, ganz oben angekommen und Mensch geblieben. Gerade deshalb passt sie so gut zu uns. Sie hat uns von Anbeginn unterstützt und es ist uns eine Ehre, sie an Bord zu wissen.

Das Netzwerk habt ihr im Sommer 2017 gegründet. Welche Erfahrungen habt ihr damit im ersten Jahr gemacht?

Wir freuen uns über 250 Frauen in der Datenbank, wir haben Fakten gesammelt, den The Club Of Heroines gegründet, sieben Frühschoppen veranstaltet, Wissen vermittelt, gecoacht, beraten und auf unzähligen Panels in ganz Europa gesessen, um das Thema Female Music Business zu transportieren und zu diskutieren. Wir werden 16 Female Netzwerke haben und eine große bundesweite Datenbank aller Musikfrauen. Also: Tragt euch ein, Ladys.

Und was kommt jetzt?

„First we take Manhattan, then we take Berlin …”, um es mit Leonard Cohen zu sagen. Wir werden diesen Herbst vier musicwomen.de-Netzwerke sein und hoffen, dass sich die Musikfrauen aus allen Bundesländern diesem Buzz anschließen. Wir hoffen, dass sich die Frauennetzwerke Schulter an Schulter bewegen und wir wirklich am Jahresende konkrete messbare Ergebnisse haben, die 2019 endlich zum fehlenden Datenmaterial führen. Evaluation, Präsenz, Know-how und Empowerment sind hierbei unsere Kernthemen.

Wann ist das Ziel erreicht?

Wenn wir nicht mehr über Gender, Gender Gap, Equal Pay Gap und Co. reden müssen.

Text und Interview: Ilona Lütje
Foto: Kerstin Behrendt


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Bedrohte Räume #24: Der fliegende DB-Salon schließt

Niemand soll mehr reden!

Mannheim – Hamburg und kein Wort von Katz zu Maus!, murmelt der vornehme Herr, dem ich den Schrankkoffer auf den bundesdeutschen Bahnsteig wuchte. „Von Mannheim bis nach Hamburg- Altona – das ist eine Strecke!“ Ich nicke zustimmend und reiche ihm die Hand zum Ausstieg. Die Stufen sind zu tief für einen Herrn um die 90.

„Früher, da haben wir gequatscht, gegessen und geliebt im Abteil. Die ganze Bude war in Stimmung, da wurde auch schon mal eine Flasche Wein geköpft. Die Revolution gebar ihre Kinder. Heute, da starren alle nur in eine Richtung!“ Ich händige ihm seinen Schirm aus, englisches Fabrikat nicht ohne Schick, und empfehle mich. Doch der Herr hängt sich rein. „Wissen Sie, dass die Bahn die Zugabteile abschafft?“, sneakt er sich ran. „Ja, ich hörte davon. Mehr Profit pro Quadratmeter. Kapitalismus eben.“ Der Herr ist dagegen.

„Junge Frau, die wollen einfach nur Ruhe im Karton. Sie wollen uns mundtot machen. Entfremdung. Einsamkeit. Anonymität.“ Er trötet ins Taschentuch und trocknet seinen beachtlichen Zinken in einer Wischbewegung, die Nachahmer verdient. „Die Bahn will, dass wir alle hintereinander sitzen wie die Pennäler, ohne Konspiration und Gemeinschaft. Dass wir allein bleiben, damit wir keine Dummheiten machen. Vereinzelung ist Programm. Divide et impera!“ Der Herr spannt den Schirm und spaziert ohne Gruß davon. Auf dem ersten Absatz der Rolltreppe dreht er sich noch einmal um und ruft „Viva la revolución!“.

Ich winke, lächle und erinnere mich an damals: „Ist hier noch frei?“ und „Ja gern, setzen Sie sich!“ Das war der Schlüsselmoment, der darüber entschied, ob die Fahrt angenehm verlief oder zur Qual wurde. Man witterte Speise- und Körperdüfte. Tupperdose, Leberwurst und hartgekochte Eier. Schuhe aus und ab in den Kniekontakt. Wir hatten Sex im Zugabteil hinter vorgezogener Gardine. Eine intime Gemeinschaft auf Rädern. Ich schloss Bekanntschaften, die entschieden, ob das Zugabteil vom engen Raum zur verriegelten Gefängniszelle wurde oder eben nicht. Es war ein Panoptikum der Blicke. Eine ratternde Talkshow ohne Moderator. Es war ein WIR.

Kein Wort von Katz zu Maus? Vereinzelung. Anonymität. Entfremdung. Der Schirm hat Recht! Im trauten Heim auf Schienen, finde ich mein Glück nur noch allein.

Das intime Zugabteil, das es in vielen Regionalzügen ohnehin nicht mehr gibt, stirbt wie das Testbild und die Telefonzelle. Es ist ein bedrohter Raum. Denn die Bahn schafft klammheimlich und kontinuierlich unsere geliebten, lauschig zusammengewürfelten Begegnungen ab. Mehr Sitze, weniger Talk. Die Bahn vereinzelt. Sie kappt die Knospen der Konspiration zugunsten digitaler Gehirnwäsche und Großraumbüros ohne Dialog. Sie ist schuld am Elend der einsamen Herzen, dem Gleichmut und dem fehlenden Widerstand.

Und während wir mit In-Ear, Handy und Laptop am Diskurshungertuch nagen, sollen bis ins Jahr 2023 alle Züge der Deutschen Bundesbahn ohne Abteile fahren. Der Schirm und ich sind dagegen. „Viva la revolución!“

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #23: Grünanlagen, Flipflops und ein Povoll!

Kaum benetzt der erste Sonnenstrahl die Hansestadt, schon fummelt der Hamburger die Flipflops raus. Ab geht’s zum DOSEN-Saufi kaufen. Dazu EINWEGgrill, PLASTIKflaschen und jede Menge KOTeletts, Würstel und lecker naschfertige Salate aus dem Kühlregal.

Und nun ab in die Grünanlage. Chillen. Decke raus, Würstel aus der Packung und Grill angeschmissen. Kaum freut er sich über das selbstgemachte Essen, erhebt sich der Hamburger, grabscht den Rhododendron, bricht ihm das Genick und tritt ihn in Stücke. Feuer fertig. Licht an. Weiter grillen.

Wenn der gemeine Hamburger dann nachts schön satt und betrunken ist, will er zügig seine Sachen packen. Er ist da praktisch veranlagt, er nimmt nur mit, was 100% ihm gehört. Den Kubikmeter Plastikmüll lässt er zurück. Ist ja alles leer. Aber er schwärmt am nächsten Tag den Kollegen vor: „Gestern im Park hab ich so richtig schön am Feuer gesessen, Holz gehackt, mal ganz regional gegessen.“ Er erinnert sich nicht mehr an Mutter, die ihn lehrte: „Ein voller Mülleimer, mein Kind, bedeutet, du musst deinen Scheiß selbst mit nach Hause nehmen!“ und „Gib nicht so an!“

Ja, so sinnierte ich, als ich heute morgen meine Eichhörnchenfriends im Park an einem verkohlten Stück Würstel knabbern hörte, ein paar Ratten an einem toten Eichhörnchen nagen sah und neben dem überquellenden Mülleimer 10 Packungen Rattengift fand.

Ja, so kam ich zu dem Schluss, dass die Sonne dem Hamburger jeden Sommer ein gehöriges Loch in die Birne fräst. Ein Sommerloch. Jeder kleine Intellekt krepiert sofort, jedes gute Benehmen wird kurzgebraten. Der Hamburger erinnert nicht, dass PLASTIK TÖDLICH ist für diesen Planeten, dass DOSEN für die ERDERWÄRMUNG mitverantwortlich sind, dass HORMONfleisch giftig ist und EINWEGgrills der schlimmste TOXICMIST sind. Der Hamburger genießt schwerelos.

Und so machte ich mich an die Arbeit, um für den bedrohten Raum „Grünanlage“ Folgendes von der Stadt zu erbitten:

  1. Hamburg – stell’ bitte von April bis Oktober sehr große Müllcontainer in alle Parks.  Getrennt nach Plastik, Papier, Glas, Kompost.
  2. Dazu helfen Gebotsschilder: Müll wegwerfen nur von 6.15h-6.16h erlaubt.
  3. Und baut endlich mehr Grünanlagen, sonst werden wir sauer.
  4. Wenn 1-4 nicht helfen, dann bitte Arschloch-Schilder verschenken und fiese Povolls verteilen.

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #22: #stopshopping #startthinking

Investoren shoppen Hamburg kaputt. 

Aus der Ferne betrachtet, sieht alles besser aus, heißt es. Ich sage: „Papperlapapp.“ Während ich nämlich fernab auf den Wogen der thailändischen Küstenregion surfe, sieht Hamburgs Raumsituation auch aus der Ferne betrachtet grauslig aus. Unsere wichtigsten Kulturräume, die uns Erker einer l(i)ebenswerten Zukunft sind, verschwinden. Hamburg wirkt auch aus der Distanz bald wie eine kulturell und kreativ ausgedorrte Savanne. Hamburg Ciddy, Du stirbst!

Nun, betrachten wir das neue Rettungsteam aus der Nähe: The Scholzing ist ja nun Geschichte. Stattdessen wird ein durchsetzungsstarker, ökologisch, kulturell, sozial und wissenschaftlich hoch kenntnisreicher und motivierter Mann, der sogenannte rote Peter, unser Kapitän. Er will dafür Sorge tragen, dass die Stadt in Zukunft eine kulturelle Perspektive bekommt. Die New York Times und The Guardian sprechen bereits vom sog. Tschentscherism. Was zunächst nach Zungenbrecher klingt, ist mehr als die Summe seiner Konsonanten. War er erst Balken im Auge vieler Hamburger, wird er dieser Tage zum Hoffnungsträger für die „No art – no future“-Bewegung.

Auch Carsten Brosda, unser Kultsenator, weiß, er muss nur alle Moleküle an einem Ort haben und dann … wusch, schon kann sein beständiger Versuch, kulturelle Herkunft mit kreativer Zukunft zu verknüpfen, gelingen. Er kennt die wahre Bedeutung von Kultur, deshalb gilt auch sein Fokus ihrem Erhalt. Schon mal ganz geil, oder? Bei all den bedrohten Räumen auf dem Globus, deren Dichte die Übersicht auch aus dem fernen Thailand verstellt, scheinen beide den Blick für das Wesentliche zu haben. Und wenn nicht, sei hier ein wenig Nachhilfe geboten:

Lieber Herr Tschentscher, lieber Herr Brosda,

wir begrüßen Ihr Vorhaben, den Berliner Investoren Raffke & Müll, die den Hinterhofkomplex Bernstorffstraße 117 gekauft haben und jetzt paragraphenreitend das Kackebeil schwingen und dabei so tun, als hätten sie von einer „Gemeinschaftsimmobilie“ nichts gewusst, den Riegel vorzuschieben. Wir sagen Bravo und gehen mit Ihnen und dem Bezirk durch dick und dünn.

Wir sind Fans von Ihren Ideen, Investoren via städtebaulicher Erhaltungsordnung zu regulieren, Mietwucher durch städtischen Ankauf abzufedern und damit den galoppierenden kulturellen Ökozid in Hamburg zu stoppen. Immerhin, die Bernie117 ist nicht irgendein Hinterhof. Die Band Fettes Brot hat ihr Studio hier, der Künstler Rocko Schamoni seine Werkstatt. Es ist eine gewachsene Gemeinschaft von mehr als 100 Menschen mit handwerklichen Betrieben, die das Viertel inhaltlich mit konstituieren.

Auch Ihr Engagement zum Thema Barner42 ist äußerst lobenswert. Selten haben wir so engagierte Verantwortliche in den Bezirken gehabt, die sich am Berliner Modell orientieren und von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, um Immobiliendeals zum Schutz der Mieter selbst abzuschließen oder denen die Klamotte bei Missbrauch wieder abzujagen. Wir sind da voll dabei, denn das Beteiligungsverfahren der Immobilien-Entwickler Köhler & von Bargen ist Bullshit und bietet den Mietern nur eines: Sie wählen Henker und Todesart selbst.

Und wenn alles gut läuft, dann könnten Sie sich auch gleich um Schnelsen49 kümmern, der Hof verfällt schneller als Sie das Problem googlen können. Auch die alte Likörfabrik in Harburg kracht jeden Moment zusammen. Lösung: Sie shoppen, wir erhalten! Die Sternbrücke mit ihren Clubs, dem Bauwagenplatz Zomia und den Altbauten drum herum warten auf Sie, greifen Sie zu! Ihre Fanbase macht den Rest und baut Ihnen Leuchttürme. Sie haben eine Vision – wir haben die Inhalte! Lassen Sie es uns tun!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: David Königsmann


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de

 

Bedrohte Räume #21: Der „Lange Jammer“ von Barmbek

Eine Stadt verspielt ihr historisches Erbe.

Neulich spazierte ich kreuz und quer durch Barmbek, dem Lotto King Karl Hamburgs. Dort, wo ich als Kind meine Mutter von der AOK abholte, nachdem ich „Gitarre“ bei Guilio Guilietti hatte. Guilio Guilietti. Verheißungsvoller konnte der Name des italienischen Gitarrenlehrers kaum sein und doch war es Guilio Guilietti, der meine Liebe zur Musik fast auf dem Gewissen gehabt hätte. Wäre da nicht meine Freundin Hedda aus der Hebebrandstraße 8 gewesen, die genau da lebte, wo damals die armen Leutchen wohnten: Bei Oma im „Langen Jammer“, 40 Quadratmeter, ohne Klo und Dusche, dafür mit Kaninchen. Hedda wusste, wenn ich meine alte Gitarre bei Onkel Hans im Hühnerstall versteckte, bräuchte ich nie wieder zu spielen. Denn Onkel Hans würde das Ding sofort schrotten. Sie sollte Recht behalten. Die Gitarre war und blieb, auch nach dem krassesten Anschiss des Jahrhunderts, für ewig verschollen. Ich war frei.

Erst viel später, als ich mit Hedda und ihrem Pinscher Wastel meine erste Band gründete, bemerkte ich, was für irre Häuschen das waren, in denen Hedda wohnte. Überall trällerten die Vögel, die Eingänge waren dick verrankt und alles war hobbitartig verwunschen. Diese alten Gesindehäuser boten uns ein dörfliches Idyll, in denen die Zeit stehen geblieben war. Für uns waren sie Übungsraum, Zuhause und Museum in einem. Sie waren Zeitzeugen. Erinnerung. Unser.

Doch die Häuser hießen nicht „Langer Jammer“, wenn es nicht wieder diese miese Hamburgensie gäbe, die einmal mehr den Profit über die Erinnerungskultur stellt. Die historischen Häuser aus dem 19. Jahrhundert stehen zwar unter Denkmalschutz, doch ihre Eckgrundstücklage ist einfach zu verlockend, als dass sich der Hamburger Senat für ihren Erhalt ausspräche. Sie wissen ja, kaum entdeckt und schon verhökert, so heißt es bei GNTM und auch bei unseren Verantwortlichen heute. Und, ob sie nun Scholz, Tschentscher, Stapelfeldt oder Steffen heißen, seit einiger Zeit packt mich bei Politikern mit Zischlaut im Nachnamen die geistige Flucht.

Der Senat setzt sich wieder gnadenlos über den Denkmalschutz hinweg und opfert auch dieses bauliche Erbe Hamburgs. Vandalen handeln bereits im Sinne der geplanten Zerstörung. Eine saftige Rendite beim Verkauf von begehrten städtischen Grundstücken wird dem Erhalt vorgezogen. Die ECE (Slogan: „Urbane Marktplätze der Zukunft!“) plant aktuell, die Hälfte der intakten Häuserzeilen abzureißen und den Rest zu entkernen, um einen schicken „Tagungsort“ draus zu machen. Dabei ist gerade der bescheidene Zuschnitt der historisch wertvollen Wohnungen so wichtig. Es gäbe ja längst Interessenten, die sich um das Heil der Häuser bemühen wollen, doch von Senatsseite wird abgeblockt. Komm schon, Du Herr Scholz, nur einmal, bevor Du gehst …

Und so trotte ich an der Fuhlsbüttler Straße Richtung Steenkoppel entlang und wieder zuckt die Faust in der Tasche. Denn, während Willi-Bredel-Gesellschaft, Denkmalschutzverein und Geschichtswerkstatt beharrlich eine Erinnerungskultur fordern, ist dieser Ort für mich das Versteck vor Guilio Guilietti. Doch für die Stadt ist es nur ein sogenanntes Potenzialgebiet.

Eure Raumsonde 

Andrea

Beitragsbild: Ana Maria Arevalo


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #19 – Tanz auf dem Vulkan in der Partystadt Hamburg

Welcome im neuen Jahr! Bienvenue chez Hamburg! Merhaba, in der besten Stadt der Welt! Heute biete ich dir ein top WG-Zimmer vom 12.1.2018 (10.00 Uhr) bis 13.1.2018 (17.00 Uhr), 12 Quadratmeter ohne Balkon, dafür Südseite. Ganze 27 Stunden heimeliges Glück. Ja, du bist gemeint: gutaussehende Frau, bis 30 Jahre, Nichtraucherin, Studentin ohne Haustier, vegan, Interesse an Platten, holistischer Ernährung, Yoga, Reisen und Apfelbäumen. Gerne aus den Stadtteilen Eimsbüttel, Altona, St. Pauli stammend und politisch eher links orientiert. Der Preis beträgt 150 Euro zzgl. Nebenkosten. Vorauskasse erbeten. Alle Daten per Mail an mich! Ja, diese Butze ist ein Schnäppchen! Bämm!

So oder so ähnlich heißt es auf dem Wohnungsmarkt der geilsten Partystadt der Welt, wie der Kölner Stadtanzeiger Hamburg nennt. Hello!?

Alternativ hätte wg-gesucht.de für dich aber auch 48 Quadratmeter für günstige 940 Euro kalt oder 52 Quadratmeter für 1.100 Euro kalt. Leider nur vom 12.1.2018 bis 30.3.2018. Woche um Woche kannst du in unseren überteuerten Wohnungen in schlichten Lagen mit Souterrain so richtig einen draufmachen! Oder willst du lieber was Eigenes mitten auf dem Kiez? Eine 90-Quadratmeter-Bude in der irren Friedrichstraße auf St. Pauli für nur 550.000 Euro, der Grundriss ist allerdings schon auf dem Papier die Hölle. Da hätten wir noch die 33 Quadratmeter Rottbude für 170.000 Euro, eher so fürs kleine Potschi, das müsste doch gehen?! Du hast Bock? Dann come along, hier tummeln sich Baulöwen und Immobilienhaie schon zum Breakfast auf deiner imaginären Dachterrasse, denn hier is’ richtig geil!

Morgens, wenn du das Haus verlässt, kann es allerdings ungemütlich werden, während du im Partyglimmer unter Brücken oder durch Parkanlagen schwankst – ob am Bahnhof, in Hauseingängen oder in der Hochglanz-City. Denn hier überleben 2.000 Obdachlose zwischen Flaschen, Kot und Hunden, davon hunderte Jugendliche, ohne Schutz und Perspektive. Jeden Tag, jede Nacht, krank, verelendet, aufgegeben von uns, von denen, von dir. Spätestens jetzt ist Schluss mit Party: Kinder und Erwachsene erfrieren auf der Straße, hungern, sind Opfer zunehmender Gewalt und Feindlichkeit, der sie täglich ausgeliefert sind. Diese Menschen und mit ihnen weitere 5.000 Obdachlose, die wenigstens für eine Nacht Unterschlupf finden, ist nicht nach Fete, so wie dir. Sie haben keinen Partykeller, keinen Kumpel im Arm, keine Wand im Rücken, weder eine eigene, noch eine teure oder eine temporäre Bleibe. Und während du morgens in deiner überteuerten Butze deinen Partykater kraulst, sind sie da draußen über Nacht halbtot gefroren.

Denn unsere obdachlosen Hamburger sind die echten Verlierer fehlgeleiteter Integrations-, Sozial- und Wohnungsbaupolitik. Sie sind die Opfer von Immobilienspekulationen, Wohnraumverknappung, Leerstand, Spekulation und hochgetriebenen Preisen in jeder Größenordnung in der geilsten Partystadt der Welt! Was? Echt? Dich interessiert das nicht? Du willst Party, Fete, Halligalli? Alles geil, fast wie in Vegas? Dann trink dir Mut an, Babe, bring den Boys & Girls was Warmes vorbei, spende einen Container oder stich der Immoblase am besten gleich die Luft aus dem Tank! Sei aktiv, damit die bedrohten Wohnräume morgen wieder den Wohnungslosen, den Armen, ja unseren Homies gehören und Hamburg die weltwärmste City wird!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Michael Kohls


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

Bedrohte Räume #18: Abriss der HafenCity 2067?

Die Uhr tickt: Hat nach 37 Jahren des Hanseviertels letztes Stündchen geschlagen? Ein Hamburger Investor soll bereits Pläne für einen Abriss präsentiert haben.

Letzte Woche war ich bei unserem architektonischen Leckerbissen, der HafenCity, zu Kaffee und Kuchen an die Elbe geladen. Unsere HafenCiddy – der Nabel der Stadt zwischen Alster und Elbe, Heimat der Elbphilharmonie,  maritimes Denkmal, Loveletter und Streitaxt der Stadtplaner. Gab ja viel Gerummel vorab, doch jetzt, da ist sie richtig schön! Mit Speicherstadt, Baakenhafen, Magellan-Terrassen – herrlich. Und wie die Straßennamen tönen: Hongkongstraße, Osakaallee, Vasco–da-Gama-Platz. Klingt wie Herkunft und Zukunft zugleich. International, modern, eine Futureworld, die doch bodenständig nach Zimt und Pfeffer duftet und die HafenCity schon heute mit ihrer zukünftigen Bedeutung identifiziert.

Umso mehr freu ich mich auf schwarzen Saft und Zitronenkuchen mit ihr und ihren Spacekollegas Hanseviertel, Deutschlandhaus, City-Hof und Co, die eine Selbsthilfegruppe für gefährdete Räume gegründet haben, um frische Bisswunden zu verarzten und Präventionsdiagnostik zu betreiben. Unsere schöne neue Lady wird da wohl eher die tröstende Gastgeberin sein, mutmaße ich, doch weit gefehlt.

Als das junge Ding mich hereinbittet, sieht sie eher verheult als fresh aus. PMS? Ich blicke durch den Raum. Nein, auch die Menopause-Bauten starren verquollen aus der Wäsche. „Was ’n los, HafenCity?“ Ich rühre im Bohnenglück. „Wir diskutieren gerade meinen Abriss 2067!“ Sie zieht nicht gerade vornehm den Rotz hoch. „Von einigen Häusern platzt hier schon der Lack. Geschäfte und Gehwege sind empty, die Kunden im Netz. Die Uhr tickt gegen mich –wie beim Deutschlandhaus oder jetzt sogar beim Hanseviertel!“

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und erblicke das feine Hanseviertel in Hütchen und Pelz: „Ich bin erst 37 Jahre alt und soll nun zum Schafott!“ Daneben verschüttet das Deutschlandhaus vor Entrüstung ein bisschen Kaffee:„Ich habe in diverse Faceliftings und Bodytunes investiert, ich sehe besser aus denn je, und jetzt soll alles umsonst gewesen sein?“ Das Hanseviertel verliert die Contenance: „Sie wollen uns umbringen, öffentliche Hinrichtungen sind in Hamburg an der Tagesordnung!“

„Leute, das kann doch alles nicht wahr sein! Der Abriss des City-Hofs ist schon eine frevelhafte Tragödie. Aber ihr seid modern und wunderschön! Das frühmoderne Deutschlandhaus ist so geschichtsträchtig wie die Finanzdirektion am Gänsemarkt. Und du, Hanseviertel, bist doch erst 1980 geboren! Du bist vollkommen staubfrei, außerdem gelungen mit deinen konkaven Klinkerkurven. Allein dein Glockenspiel, die Glaskuppelfenster, der Rundbau mit schwimmender Weltkugel aus Granit.“ Die drei blicken mich aus hohlen Augen an.

Doch, es kann sein, denke ich später. Das hier ist Hamburg 2017. Rot-grüner Senat. Erst bauen sie den Elbtower, dann wird die Innenstadt sterben und sie werden anfangen, der HafenCity die Zähne aus dem Zahnfleischzu reißen. Vorher müssen aber eventuell noch die Finanzdirektion und lieber das Chilehaus dran glauben. Und die Politik leckt dann wieder den Speichel der Investoren auf, um daraus schöne neue Logistikzentren zu bauen. Deshalb: Geht doch mal wieder bummeln, Leute, und ruft vorm Rathaus: „Gut Holz,Herr Scholz!“ Oder schreibt ihm besser einen Brief. Mief!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Panoramio – HH Oldman


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website