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Trixsi: Für den Glam-Faktor

Vor zwei Jahren formierte sich eine Band, die sich ebenso vom gängigen deutschsprachigen Indie-Kosmos abgrenzen wollte wie von substanzlosen Deutschrockern. Kürzlich veröffentlichten Trixsi ihr erstes Album „Frau Gott“

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Es ist ein Supergroup-Projekt von Nicht-Superstars. Trixsi wurden im Herbst 2018 von Herrenmagazin- Gitarrist Torben Leske und Paul Konopacka gegründet, Bassist derselben Band. Dazu kamen bald Sänger Jörkk Mechenbier, bekannt aus den Gruppen Love A und Schreng Schreng & La La, sowie Ex-Jupiter-Jones-Basser Klaus Hoffmann und Kristian Kühl, ehemals Gitarrist bei Findus. Übergeordnetes Ziel dieses Fünfers: Spaß, und zwar bedingungslos. Lieber keinen kommerziellen Erfolg haben und stattdessen alles spielen und singen, worauf sie Lust haben.

Große Gesten sind jederzeit erlaubt, ebenso Kritik am schnöden Alltagsleben – aus dem es mit Trixsi schließlich zu entfliehen gilt. Das erste Produkt dieser, nun ja, Arbeit ist „Frau Gott“, ein rumpelndes Gitarrenrockalbum samt ungenierter Gesellschaftskritik. Torben Leske über die Alles-ist-erlaubt-Attitüde, einen Hang zum Glam und Exzess und „den letzten verdammten Rockstar“.

 

 

SZENE HAMBURG: Torben, in einer Pressemitteilung zum Trixsi-Debütalbum „Frau Gott“ hat Sänger Jörkk Mechenbier kürzlich erklärt, Deutschrock würde aktuell nur scheitern, weil „die Leute keinen gesellschaftskritischen Auftrag“ hätten. Wer sind denn „die Leute“?

Torben Leske: Keine Ahnung, wer die Leute sind – aber Jörkk ist einfach der letzte verdammte Rockstar, zumindest, wie ich Rockstars als Jugendlicher idealisiert habe. Ich rede nicht von Idioten wie Axl Rose oder so, sondern von glamourösen Persönlichkeiten mit einem kreativen Output, der auf eine gewisse Art und Weise der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, ohne dabei penetrant politisch und fingerzeigend zu sein, aber das eigene Sein und Tun ständig in Frage stellt.

Rockmusik muss in meinen Augen stark sein, aufwühlen und gleichzeitig tief zerbrechlich sein. Aktuelle Deutschrock-Stars hingegen scheinen ziemlich austauschbar zu sein – das wiederum ist natürlich auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Inwiefern?

Ich meine den hyperangepassten Menschen im Turbokapitalismus als letzte Form der Revolte. Spießigkeit als der neue Punk. Es wird Zeit für einen abgefuckten Star! Jörg wird es leider nicht. Er ist zu alt.

Habt ihr euch denn gezielt vorgenommen, Deutschrock Substanz zu verleihen?

Keiner meiner Bandkollegen mag das Wort Rock in den Mund nehmen. Das Deutschrock-Ding habe ich ins Leben gerufen, weil ich mich in diesen Indie- und Punk-Gefilden relativ fehl am Platz fühle. Ich vermisse da einfach den Glam-Faktor. Die Szenen sind oft etwas dogmatisch und in sich geschlossen – auch das ist spießig.

Früher fand ich genau das saucool und spannend und habe mich für meine Jugendmucke geschämt. Jetzt höre ich wieder Aerosmith und merke, dass mich die großen Gesten einfach abholen.

 

„Trixsi sind frei, textlich wie musikalisch“

 

Tatsächlich wird beim Hören von „Frau Gott“ schnell klar: Trixsi, das steht nicht für Anbiederung gegenüber der breiten Masse, sondern für das Gegenteil – klanglich wie lyrisch. Gleich die ersten zehn Sekunden des Albums beinhalten die erste klare, unbequeme Ansage: „Es geht mir schlecht, jeden Tag, wenn ich sehe, was die Leute um mich herum so interessiert.“ Gab es anfänglich ganz bestimmte Botschaften, die ihr textlich unbedingt mit den Songs transportieren wolltet?

Wir haben uns wirklich überhaupt keine Gedanken gemacht, was wir transportieren wollen. Vor dem ersten Konzert haben wir nicht mal darüber nachgedacht, wie wir die Instrumente transportieren sollen (lacht).

Aber ich denke, unterbewusst weiß jeder von uns, was ihn erwartet, wenn wir Jörkk texten lassen. Wenn er nicht gezügelt wird, geht er bei ihm ab, der lyrische Durchfall. Ungehemmt bricht er dann bei den Proben heraus. Wir sind sehr oft einfach nur am Lachen und können nicht fassen, was Jörkk da singt. Zum Beispiel: „Alle wollen höher, schneller, weiter, leider frisst das Pferd dabei den Reiter.“ Großartig! Wir stellen seine Texte aber eh nie in Frage. Trixsi sind frei, textlich wie musikalisch.

Apropos musikalisch: Bei Trixsi ist klassischer Slacker Rock ebenso hörbar wie die zweite Welle des Britpop Mitte der Nullerjahre. Konntet ihr, die aus ganz unterschiedlichen Bands stammt und erst seit zwei Jahren zusammen Musik macht, euch fix auf einen Stil einigen?

Wir wollten der Musik einfach etwas zurückgeben, was unserer Ansicht nach in den letzten Jahren verloren gegangen ist, nämlich die Message: Musik machen muss keine harte Arbeit sein, sondern darf eben anders sein als – in Anführungszeichen – ein Job.

Darum ging es doch immer: Anders zu sein als die arbeitende, alltägliche Welt. Es ging um Exzentrik, Exzess und emotionale Achterbahnfahrten. Zumindest ist das die Rockwelt, die uns als Teenager verkauft wurde. Wir leben einfach unsere kleine Illusion bei Trixsi weiter, auch wenn wir mittlerweile zur klassischen deutschen Mittelschicht gehören. Wenn man nämlich mit Naivität und Spaß zur Sache geht, entsteht automatisch ein Soundgemisch aus allem, was einen beeinflusst hat.

Manchmal fängt Jörkk an, Pearl Jam-Texte über ein Gitarrenriff zu singen – aber es juckt eben niemanden. Und wenn es mal alberner Deutsch- punk ist: auch gut.

Wohin soll es denn noch gehen mit Trixsi? Oder anders gefragt: Wie sehr halten sich der Wunsch nach Spaß und der nach kommerziellem Erfolg die Waage?

Den Wunsch nach kommerziellem Erfolg hat keiner von uns. Wenn der Erfolg kommen sollte, dann nehmen wir ihn mit – wir sind aber realistisch genug, um zu wissen, dass das Quark ist. Ich kann nur für mich sprechen: Ich gehe lieber arbeiten – solange es mich ausfüllt – und bewahre mir dadurch die künstlerische Freiheit.

Ebenso halten wir es mit dem Spielen von Konzerten. Wir wollen in ausgewählten Herzensläden spielen, mit der Energie eines Stadionkonzerts (lacht). Trixsi-Konzerte sollen eine Party für uns sein, und es würde uns umso glücklicher machen, wenn viele mitfeiern. Bescheidenheit und Egozentrik: Das sind Trixsi. Ein Höllengemisch.

„Frau Gott“ ist am 26.6. auf Glitterhouse Records erschienen


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Rick McPhail über sein Musikprojekt Mint Mind

Rick McPhail, bekannt als Tocotronic-Gitarrist und -Keyboarder, setzt mit seinem Musikprojekt Mint Mind auf simple Riffs und deutliche Botschaften

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Verstärker, Pedale, Platten, Kabel und, vor allem: Gitarren, in jeder Ecke Gitarren. Rick McPhails Proberaum, den er sich in seinem Altonaer Zuhause eingerichtet hat, ist ein regenbogenbuntes, pickepackevolles Musiklabor. Hier hat der gebürtige US-Amerikaner auch die Songs für „Thoughtsicles“ ausgetüftelt, das neue Album seines Drei-Mann- Projekts Mint Mind. Geradliniger Garage-Rock ist die Basis für McPhails Texte, in denen es auch um aktuelle Politik geht.

 

SZENE HAMBURG: Rick, es heißt, deine Ziele für das neue Mint-Mind-Album wären gewesen: wenig Ambition, viel Spaß. Geht das so leicht?

Rick McPhail: Eigentlich schon. Ich glaube, ich kann einfache Songs eh besser schreiben, als welche für, zum Beispiel, mein vorheriges Projekt Glacier. Die Texte für Glacier waren immer sehr ernst, die Musik auch, und das hat wahnsinnig viel Arbeit gemacht.

Klar, einige Texte für Mint Mind sind schon auch ernst, aber doch mit einem Augenzwinkern zu nehmen.

Du sagst, du kannst einfache Songs besser schreiben. Bedeutet das auch schneller?

Auf jeden Fall. Wir haben „Thoughtsicles“ innerhalb von nur einem Monat fertig gemacht. Einerseits sind die Texte sehr schnell gekommen, und dann haben wir die Stücke auch noch sehr Riff-basiert arrangiert, in einer Dreierbesetzung ohne Bassist, das hat es uns zusätzlich vereinfacht.

 

„Ich habe ganz klare Vorstellungen“

Rick McPhail

 

Die Dreierbesetzung machen Schlagzeuger Tim Wenzlick und Gitarrist Christian Klindworth komplett. Gibt es in der Band eine klare Hierarchie?

Ja, leider (lacht).

Wieso leider?

Na ja, ich hätte die Rollen schon gerne gleichmäßiger verteilt, vielleicht kommt das auch noch. Aber wenn ich momentan Lieder schreibe, habe ich schon alles im Kopf. Ich habe ganz klare Vorstellungen, wie die Songs am Ende klingen sollen. Also nehme ich Demos auf, verschicke sie an die anderen, und die müssen das dann lernen (lacht).

Womöglich schauen die beiden anderen ja auch zu dir auf, also zu dem Rockstar, der auf den ganz großen Bühnen steht?

Ach, das weiß ich nicht. Tim zum Beispiel ist, glaube ich, nicht unbedingt ein Tocotronic-Fan (lacht). Außerdem haben wir uns als ganz normale Menschen kennengelernt, nicht als Rockstars oder Nicht-Rockstars.

Wie habt ihr euch denn gefunden?

Diese Band hatte schon viele Besetzungen, und ich wollte irgendwann etwas Festes, also eine Gruppe von Leuten, mit denen man aufnehmen und auf Tour gehen kann, wenn es denn soweit ist. Und ich wollte eine Band, bei der die Aufgaben klar verteilt sind. Das halten wir bei Tocotronic auch so, wo Dirk die Lieder schreibt und ich mich um das Equipment und die Roadies kümmere.

Gibt es einen Austausch zwischen Tocotronic-Autor Dirk von Lowtzow und Mint Mind-Autor Rick McPhail?

Nein, ich zeige Dirk meine Texte nicht. Er bekommt immer eine fertige Platte von mir – wobei ich gar nicht genau weiß, ob er sie auch hört (lacht).

 

 

Zurück zu „Thoughtsicles“. Nicht durchgängig sind die Lyrics leicht und locker, es gibt auch eine politische Ebene, etwa im Song „The Hassle From The Man“, in dem „Man“ offensichtlich für eine Regierung steht. Gab es etwas Politisches, was du unbedingt ausdrücken wolltest?

„The Hassle From The Man“ handelt tatsächlich von politischen Protesten und Polizeibrutalität. Es geht dabei um vieles: die „Black Lives Matter“-Bewegung ebenso wie G20 und Greta Thunberg. Ich habe gesehen, welche heftigen Reaktionen es zuletzt in Amerika auf Greta gab, wo Leute mit SUVs durch die Gegend fuhren, aus deren Kofferräumen Zöpfe hingen und auf deren Scheiben stand: „The solution to the problem with Greta.“ Und dann habe ich angefangen, etwas dazu zu schreiben.

War Wut der Antrieb beim Schreiben?

Ja, schon. Ich hatte auch schnell die Musik aus alten Biker-Filmen im Ohr, aus „Die wilden Engel“ zum Beispiel, mit Peter Fonda. Und da ich schon immer einen Bongo-Song machen wollte, kam mir das Instrument auch gerade recht.

Hattest du eigentlich Schreibroutinen?

Ich muss mich beim Schreiben grundsätzlich sehr zusammenreißen, weil ich dazu neige, es vor mir herzuschieben.

Woher kommt das?

Vielleicht, weil ich oft Angst davor habe, dass ein Songtext nicht gut genug wird, und dann fange ich gar nicht erst an (lacht). Ich kann ewig in meinem Musikzimmer herumdaddeln, weil es Spaß macht. Liederschreiben sehe ich eher als Arbeit an, und dafür brauche ich den Druck, den eine Deadline mit sich bringt. Dann kann ich auch jeden Tag einen Song schreiben, so war es auch bei „Thoughtsicles“.

Und wenn so ein Album herauskommt: Hoffst du, der sehr erfolgsverwöhnt ist, dass der kommerzielle Durchbruch schnell passiert?

Natürlich wünsche ich mir, dass wir mit Mint Mind auch außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfinden können. Aber ich bin kein Snob, der nur vor Tausenden von Leuten auftreten will. Jede Publikumsgröße ist gut, ich freue mich auch sehr über 150 Menschen vor der der Bühne.

Komet: Erichstraße 11 (St. Pauli), 27.+28.2., 22 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Burger Invasion: Indie- und Punk-Party im Molotow

Das kalifornische Label Burger Records kommt erneut für eine Präsentation ihres Katalogs ins Molotow und veranstaltet mit der Burger Invasion eine Club-Party mit Live-Musik und kunterbuntem Punk-Merch

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Pooneh Ghana

 

Fullerton, Kalifornien, 2007. Im immer sonnigen Palmentstädtchen haben zwei High-School-Kumpels die Idee von einer eigenen Plattenfirma, und zwar einer sehr speziellen. Sean Bohrmann und Lee Rickard wollen ein Label, das unbekannten Garagenrockbands eine Plattform bietet und sich gleichzeitig einem, nun ja, etwas aus der Mode gekommenen Tonträger widmet: der Kassette. Im industriellen Teil des Küstenortes mieten sie Büroräume und richten sich ein, mit zerknautschten Sofas und Sesseln, Bandpostern als Tapeten und unzähligen, wackligen Regalen – die ziemlich fix voll werden sollen.

Burger Records, wie Bohrmann und Rickard ihr Unternehmen nennen, signt wie verrückt, auch weil die Burger-Philosophie Indie- und Punk-Bands aus der Seele spricht und sie geradezu magnetisch anzieht. In den ersten zehn Jahren kann das Duo mehr als 1.000 Veröffentlichungen realisieren, natürlich vornehmlich auf Tapes.

 

Club-Partys rund um den Globus

 

Eines der Burger-Release-Highlights: Die Punk-Superstars Green Day erlauben ihnen, das legendäre „Dookie“-Album von 1994 auf Kassette herauszubringen. Und neben dem bestens laufenden Tonträgergeschäft veranstalten Bohrmann und Rickard bald sogar ein Burger-Festival. Im nicht weit entfernten Santa Ana lassen sie ihre Künstler auftreten und verkaufen ihren Katalog, gewinnen immer mehr Anhänger und Marktanteile.

Und weil das alles so prima klappt, setzen die Burger-Jungs noch einen drauf: „Burger Invasion“ nennen sie ihre Club-Partys, die sie rund um den Globus veranstalten. Zum dritten Mal kommen sie nun schon ins Molotow, präsentieren Punkrock, kunterbuntes Burger-Merchandising von Shirts über Plakate, Sticker und Buttons, und, eh klar, die Prestigeobjekte des Labels: Kassetten.

Bohrmann: „Lee und ich lieben unser Festival in dieser Stadt. Geradezu surreal zu sehen, dass unser Logo mittlerweile an in so vielen verschiedenen Orten zu sehen ist, vor allem in einer Stadt namens Hamburg.“

Auftreten werden am Burger-Tag im Molotow auf den drei Bühnen des Clubs u. a. die New Yorker Gruppe Surfbort (Punk), Fruit Tones aus Manchester (Garage), die Kasseler Suck (Punk), Jealous aus Berlin (Post-Punk) und – regelmäßige Molotow-Gänger kennen sie längst – die Lokalmatadoren Swutscher (Indie-Rock).

 

 

Burger Invasion: 17.8., Molotow, ab 15 Uhr


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Szene #backstage – mit The Bland

Fünf Schweden für ein Redaktionskonzert: The Bland kommen mit sommerleichtem Indie-Pop – und ihr seid am 24.6. mit dabei!

The Bland stehen für einen locker-flockigen Folk-Sound, karibische Rhythmen, Melodien wie Piña Coladas mit Schirmchen. Die Vorboten ihres neuen Albums (Veröffentlichung 30.8.), nämlich die Singles „17“ und „Like The Rest“, laufen bereits auf starker Radiorotation – und bald auch in der SZENE HAMBURG-Redaktion.

/ EBH / Foto: Olof Grind

Los geht’s am Montag, 24.6.19, um 19:00 Uhr in der Gaußstraße 190c.


Perserteppich, Yuccapalmen, Lichterketten und gute Geschichten: Das ist das Rezept für die ­SZENE HAMBURG-Redaktionskonzerte. In unseren Räumen waren unter anderen schon Fotos, Y’akoto, Vivie Ann, EUT  und ZIBBZ zu Gast und haben vor SZENE-Lesern und -Redakteuren Akustik-Sets gespielt.

 

So war’s die letzten Male bei SZENE HAMBURG #backstage:

 

Abramowicz sind der Hammer und waren zu Gast bei unserem Redaktionskonzert #szenebackstage. 🖤❤️🖤❤️🖤Nicht verpassen: ✔️Release-PARTY am 19.4. im Molotow! ✔️Release-KONZERT am 11.5. auch im Molotow! 😘

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Dienstag, 16. April 2019

ZiBBZ bei SZENE #backstage

Jetzt live bei uns in der Redaktion: ZiBBZ! 🎉Morgen, 30.10.18, im Häkken.

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Montag, 29. Oktober 2018


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Hamburger des Monats – Anne de Wolff

Die Musikerin Anne de Wolff spielte schon mit Popgrößen wie Bosse, Elif oder BAP zusammen. Eines ihrer Herzensprojekte neben der Musik ist das Benefizkonzert der Stiftung „Initiative Courage“

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Rene van der Voorden

SZENE HAMBURG: Anne, du hast ja einen traumhaften Wintergarten hier bei dir zu Hause …

Anne de Wolff: Danke. Ja, hier haben wir auch schon oft geprobt. Zum Beispiel mit Bosse die „Leise Landung“. Oder mit Mark Forster das zdf@bauhaus. Mit Elif, mit Tokunbo, Stoppok und sogar mit BAP. Natürlich alles nicht in voller Lautstärke. Aber dennoch: Wir haben sehr freundliche Nachbarn, die das geduldig aushalten.

Erzähl doch mal, was du als Musikerin genau machst.

Ich bin Multi-Instrumentalistin. Angefangen hat alles mit der Geige, doch da fühlte ich mich später musikalisch zu sehr eingeschränkt. Nicht jede Band braucht in jedem Song ein Geigengeräusch, deshalb hatte ich schnell Lust, meine klangliche Bandbreite zu erweitern und es kamen unter anderem Bratsche, Akkordeon, Percussion, Cello, ein bisschen Gitarre, Mandoline und Posaune dazu.

Du spielst nicht nur auf der Bühne, sondern arbeitest auch im Studio, das praktischerweise auch hier im Hause ist …

Genau. Vieles nehme ich hier zusammen mit meinem Mann Ulle (Gitarrist Ulrich Rode, Anm. d. Red.) auf. Es kommen oft Musiker zu uns, die noch Farben für ihr Album suchen, so wie letzte Woche zum Beispiel Fayzen. Für Niels Frevert und Johannes Oerding haben wir gerade ein paar Streicher aufgenommen. Momentan bereiten wir das neue BAP-Album vor.

 

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In ihrem Wintergarten hat Anne de Wolff (48) schon mit Bosse geprobt

 

Hast du dir schon einmal gewünscht, du hättest einen anderen Beruf?

Nein, Musik spielte schon in meiner Kindheit eine wichtige Rolle und ließ mich seitdem nie los. Dazu kam noch ein bisschen Glück. Eigentlich hätte ich nie gedacht, dass ich von Musik leben kann – erst recht nicht so lange. Ich dachte früher, Popmusik wäre eher etwas für junge Frauen, da ich quasi keine Instrumentalistinnen jenseits der 40 kannte.

Leider gibt es aber generell einfach ziemlich wenige „Sidefrauen“ – ich frage mich immer, warum? Mittlerweile spiele ich mit vielen unglaublich tollen, zum Teil auch erheblich jüngeren Musikern und Musikerinnen und empfinde dies als sehr bereichernd. Man kann sich gegenseitig inspirieren und voneinander lernen.

Ein anderes Thema. Du bist Schirmherrin der Stiftung Initiative Courage. Wie kam es dazu?

Ich habe die Initiatorin dieser Stiftung, Karin Schmedt, kennengelernt. Und als wir uns unterhalten haben, sprach sie mir so aus der Seele: Ich finde es schlimm, dass Leute sich die ganze Zeit über Missstände beschweren, ohne selbst initiativ zu sein. Dieses passive Gemecker strengt mich an. Ich habe lange nach etwas gesucht, wo ich mich engagieren kann.

Was macht die Stiftung?

Sie schenkt Kindern, denen das nicht möglich ist, schöne Momente. Momente, in denen sie respektiert und wertgeschätzt und dadurch gestärkt werden. Karin macht das beispielsweise für Kinder in Kinderheimen und für Flüchtlingskinder. Aber auch für Kinder, die es offensichtlich zuhause schwerer haben. Damit sie merken, dass es auch Gutes gibt.

 

Fußball-Camps und Reisen ins Wunderland

 

Welche Momente sind das?

Sie betreut mehrere kleinere Initiativen, für die sie Geld sammelt. Es gibt zum Beispiel ein Fußballcamp und die „Wunderlandreisen“, bei denen die Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit ihren Familien eine Woche in den Urlaub fahren können. Es gibt Trommelgruppen und auch eine Zusammenarbeit mit der HipHop Academy. Diese Aktionen unterstützen wir mit dem Geld, das wir unter anderem bei dem jährlichen Benefizkonzert einnehmen.

Und die Organisation des Konzertes ist dein Part …

Genau. Ich kümmere mich um die Bands und stelle das Programm auf. Und natürlich wickle ich die Koordination im Vorfeld ab. Woher kommt der Flügel, wer sponsert den, wie bekommen wir ihn in unsere Location, die Markthalle? Ist der Fahrstuhl groß genug? Es ist übrigens ganz wundervoll, wie schnell alle Musiker immer Lust hatten, dabei zu sein. Das waren in den letzten Jahren unter anderem Aino Löwenmark, Jon Flemming Olsen, das Tingvall Trio, von Brücken, Johannes Oerding, Fayzen, Tokunbo, Diane Weigmann, Phil Siemers …

Die Markthalle steht ja unter anderem auch für soziale Nachhaltigkeit. Eine perfekte Partner-Location …

Die Markthalle ist so großartig und unterstützt uns seit Anfang an – jetzt schon das fünfte Jahr. Bis 2018 war das Konzert eher eine Veranstaltung für Sponsoren, in diesem Jahr wollten wir das Ganze öffnen, um auch andere Menschen für das Thema zu sensibilisieren und weitere Spenden zu generieren. Wir hatten Spendenboxen aufgestellt, und die Eintrittsgelder gingen komplett an die Stiftung. Es war toll, mit den Leuten von der Markthalle zusammenzuarbeiten. Die haben uns den kompletten Tag alles für einen sehr geringen Unkostenbeitrag für Personal zur Verfügung gestellt.

Zurück zum passiven Meckern: Woran liegt es, dass viele Menschen zwar ständig nörgeln, aber nicht aktiv werden?

Gefühlt prasseln auf uns täglich Unmengen von Geschichten ein über Gewalttaten, Umweltsünden, Kriege und Menschen, die betrügen oder schlecht zueinander sind. Zudem fällt es immer schwerer, Dinge in Gut oder Böse einordnen zu können, da alles unheimlich komplex ist in diesen Zeiten der Globalisierung und des Internets. Angesichts dessen fühlt man sich oft überfordert und neigt dazu, immer misstrauischer zu werden. Daraus entstehen dann oft diese Wut und Hilflosigkeit, die unser Leben eigentlich traurig macht, weil das Geschimpfe am Ende nur uns selbst schadet.

Hast du einen Vorschlag, wie es besser gehen kann?

Ich halte es für ganz wichtig, trotz allem davon auszugehen, dass die meisten Menschen gut sind. Dabei hilft ungemein, selbst die Initiative zu ergreifen, sich im Kleinen irgendwie zu engagieren. An jeder Ecke gibt es Gruppierungen, man kann sich etwas aussuchen, das einem liegt. Das könnte das Einkaufen für eine Oma sein und Gespräche mit ihr. Man verbessert so nicht nur das soziale Miteinander, sondern auch das eigene Leben. Man lernt andere tolle, liebevoll engagierte Menschen kennen und spürt die Dankbarkeit und Freude der Menschen, die man unterstützt. Diese kleinen Dinge machen am Ende das große Ganze aus und damit unsere Welt besser.

Annedewolff.de

Sic-stiftung.de


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Volker

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Robin, Julian und Micha von Volker – präsentiert von hamburg elektronisch.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

Szene Hamburg: Wie würdet ihr euren Sound beschreiben?

Wir spielen House mit Elementen aus Disco, Funk und Soul. Nur live und ohne Computer.

Was steckt hinter eurem Namen?

Am Anfang hatte jeder von uns nur einen winzigen Synthesizer, nicht viel größer als eine DIN-A5-Postkarte. Diese Baureihe von Korg heißt Volca. Wir haben damit nächtelang bei Bier und Kerzenschein in unserer Küche gejammt und uns im Spaß vorgestellt wie Kraftwerk Konzerte zu spielen – jeder steht an einem einzelnen Pult und bedient einen dieser Mini-Synthies. Für unseren ersten Gig haben wir aus Volca den Männervornamen „Volker“ gemacht. Der Abend ging gründlich in die Hose und wir haben festgestellt, dass wir unser Set-up erweitern müssen.

Ihr spielt live, was bedeutet das für euch?

Dass wir alle Instrumente, die in unseren Songs vorkommen auch dabei haben und spielen. Dadurch entsteht eine ganz andere Energie und die Songs sind einzigartig. Außerdem haben wir die Möglichkeit, auf das Publikum einzugehen. Wenn wir merken, dass ein Song besonders gut ankommt, können wir ihn live viel weiter ausbauen und darüber improvisieren.

Wer macht was?

Julian ist bei uns die Rhythm Section, er bedient die Drum Machine, Bass und die MPC. Micha kümmert sich vor allem um den Mix und Robin spielt die Harmony Section, also Keyboard und andere Synthesizer.

Welchen Act würdet Ihr gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

DJ Harvey.

Was ist eure Platte des Monats?

„Dan’s dancing EP“ von Donald’s House auf Touch from a Distance.

 

Hier könnt ihr in Volkers Platte des Monats hören

 

Wo geht ihr in Hamburg hin, um Spaß zu haben?

Golden Pudel Club und Chrissi’s Kneipe in Eimsbüttel.

Was ist eure witzigste Band-Erfahrung?

Letztes Jahr, auf einer Party eines St. Pauli-Fanclubs. Wir wurden herzlich mit belegten Brötchen und selbst gemachter Bowle im Backstage begrüßt. Unser erstes Backstage-Erlebnis. Nach dem Soundcheck sind wir auf ein paar Bier, um die Ecke gegangen. Zurück in der Location stellten wir fest, dass vor uns drei Punkbands spielen. Der Laden platzte aus allen Nähten und bestand vor allem aus „echten Kerlen“. Als wir drei „Jungs“ die Bühne betraten, in bunten Hemden und Anzughosen, hat man bereits den ein oder anderen skeptischen Blick erhaschen können. Als Julian uns dann vorstellte und erklärte, dass wir jetzt Disco-Musik spielen, leerte sich die Tanzfläche im Handumdrehen.

Was sind für Euch Hamburgs Stärken?

Hamburg versucht nicht unbedingt das nächste Berlin zu werden, Hamburg ist Hamburg.

Und die Schwächen?

Das schlechte Wetter Hamburgs macht uns echt zu schaffen – sobald es jedoch wieder schön ist, ist Hamburg die schönste Stadt der Welt.

Wo seht ihr euch in einem Jahr?

Hoffentlich auf Welttournee. Nee, Spaß. Wahrscheinlich im Studio mit 1.000 Groupies – neue Tracks machen.

Grüße gehen an wen?

An Carsten, danke für den Support. An Paulina dafür, dass sie uns nach jahrelanger Suche unser eigenes Studio organisiert hat, an Lars und an Mrki Sas.

Wann ist euer nächster Gig?

Am 25.4. bei Ogay im Thier.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Volker


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Fettes Brot über „Viva La Bernie“ und Protestkultur

Fettes Brot: Die Hamburger HipHopper haben kürzlich gemeinsam mit weiteren Künstlern ihr Arbeitszuhause in der Bernstorffstraße 117 gerettet. Die Bewegung „Viva La Bernie“ wurde zum Symbol gegen Gentrifizierung nicht nur in Hamburg, sondern in allen deutschen Großstädten.

Wir haben Dokter Renz, König Boris und Björn Beton besucht und über Band- und Stadtpolitik gesprochen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Jens Herrndorff

SZENE HAMBURG: Fettes Brot, im Rahmen eurer Radioshow „Was Wollen Wissen“, zu der es nun auch ein Buch gibt, habt ihr erklärt: „Wir wissen zwar nicht alles, haben aber auf alles eine Antwort.“ Beschreibt das auch den Drang, zu allem etwas zu sagen?

Björn: Null! Ich finde, es ist eine bescheuerte Entwicklung unserer Zeit – vermutlich durch das Internet befeuert – zu allem seinen Senf abzugeben.

Bei anderen vielleicht auch eine Folge des ständigen In-der-Öffentlichkeit-Stehens? Viele prominente Künstler entwickeln mit der Zeit geradezu einen Äußerungszwang.

Björn: Ja, wobei wir Musiker mittlerweile ja auch zu den absurdesten Themen der Welt befragt werden – als ob wir dazu wirklich etwas sagen könnten.

Nie in Versuchung gekommen?

Boris: Ist ’ne Trainingssache. Ich spreche jetzt mal nur für mich: Als wir mit Fettes Brot anfingen, war ich deutlich ängstlicher, was das Dasein in der Öffentlichkeit angeht.

Inwiefern?

Boris: Ich war unsicher, wie ich reagieren sollte, wenn mich Leute ansprechen und mir sagen, dass sie mich entweder toll oder doof finden. Das musste ich erst mal lernen.

 

Fettes-Brot-c-Jens-Herrndorff-2

Fettes Brot wollen Hamburg nicht als „Hort der Glückseligkeit“ erhöhen.

 

Wie hast du das geschafft?

Boris: Indem ich mir eine Distanz zu mir selbst bewahrt habe, also mich nicht all zu ernst genommen habe. Ich habe nie geglaubt, besonders wichtig zu sein, nur weil wir zum Beispiel gerade einen Chart-Hit hatten. Ich wusste immer: Es ist nur Musik – wir retten nicht die Welt.

Nicht die ganze, aber kleine Teile – etwa einen Hamburger Hinterhof, in dem ihr seit Jahren ein Arbeitszuhause habt – wie Dutzende andere Künstler. Um diesen Ort in der Bernstorffstraße zu erhalten, habt ihr euch klar positioniert …

Björn: … allerdings nicht, ohne vorher ausreichend darüber nachzudenken und zu reden. Wir sind da sehr besonnen.

 

„Es war eine sehr emotionale Geschichte für uns“

 

Was war das Contra-Argument bei „Viva La Bernie“?

Boris: Das generelle Problem, wenn wir uns äußern, ist dass es dann schnell heißt: „Fettes Brot sind gegen …“ Da geht es dann plötzlich nicht mehr um einzelne Berufe und Schicksale, sondern nur noch um unsere Fressen in der Presse. Aber damit muss man letztlich leben können.

War das Verantwortungsbewusstsein für euch und andere am Ende so groß, dass ihr euch entschieden habt, das Gesicht von der Bewegung zu werden?

Boris: Es war vor allem eine sehr emotionale Geschichte für uns. Hier auf dem Hof sind nur nette Leute, die sich kennen und ein solidarisches Miteinander pflegen. Wenn man so was hat und es bedroht wird, kann man sich aus der Sache eigentlich gar nicht raushalten.

Renz: Es war ein gemischtes Gefühl aus persönlicher Betroffenheit und eben diesem Verantwortungsbewusstsein einer Stadtentwicklung gegenüber, die letztlich nicht nur Hamburg, sondern ganz Deutschland betrifft.

 

„Geld regiert die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder“

 

Viele fühlen sich dieser Entwicklung gegenüber nahezu ohnmächtig. Ihr euch auch manchmal?

Björn: Ja und nein. Einerseits denke ich: Verdammt, Geld regiert wirklich die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder kleine Siege, die mich optimistisch stimmen. Ein weiterer Grund zur Hoffnung ist, dass es ein Umdenken in der Politik gibt, zumindest kommt es mir so vor. Ich will da gar nicht von bestimmten Parteien sprechen, aber es scheint doch, als würden gewisse Werte von denen, die in den wichtigen Ämtern sind, mehr und mehr verstanden werden.

Den Immobilieninvestoren kann man mit Pop-Kultur, Coolness, Kreativität und Diversität nicht kommen. Den Politikern schon. Und wenn die Stadt daraufhin die ein oder andere Immobilie zurückkauft, finden wir das toll.

Apropos Politik: Auf eurem neuen Album „Lovestory“ gibt es den Song „Du driftest nach rechts“. Es geht um die persönliche Enttäuschung des lyrischen Ichs, als es merkt, dass sein Freund sich zum Negativen verändert. Der Song erscheint durch seine Ohrwurm-Melodie am massentauglichsten auf dem Album. Habt ihr das ganz bewusst so gestaltet, damit die Message auch ins Radio kommt?

Renz: Mir war erst mal wichtig, dass wir das Thema Rechtsruck in einem Liebeslied abhandeln. Es wird also ganz anders erzählt, als in den meisten Songs, die es darüber gibt. Weder geht es um Parteien, noch gibt es einen erhobenen Zeigefinger. Nur die persönliche Ebene.

Boris: Wenn der Song ins Radio kommt, freuen wir uns natürlich, aber es gibt keinen Trojanisches-Pferd-Gedanken dahinter. Das Stück ist eher einfach so passiert.

 

„Du driftest nach rechts“ von Fettes Brot könnt ihr hier hören

 

Passiert euch Politik in Songtexten immer einfach so?

Boris: Ja, Politik ist fest in unsere Band-DNA. Sie kommt immer vor, aber wir müssen sie uns nie vornehmen.

Was den Rechtsruck in Hamburg angeht, ist Kollege Jan Delay sehr entspannt und meint: „Wenn Deutschland ein bisschen mehr wie Hamburg wäre, gäbe es zum Beispiel viel weniger Angst vor dem Fremden …“

Boris: … und das sagt man über eine Stadt, in der mal 20 Prozent Schill gewählt haben.

Jan meinte, durch den Hafen hätten Hamburger gelernt, dass ein Zusammenkommen der Kulturen eine Bereicherung wäre.

Björn: Klingt für mich nach Seefahrerromantik.

Renz: Aber ich mag dieses romantische Bild.

Björn: Ja, wohl fühle ich mich auch damit, dass man in Hamburg theoretisch Heimund Fernweh haben kann.

Boris: Fakt ist: Es gibt eine starke linke Protestkultur in Hamburg, die über Jahrzehnte gewachsen ist und feste Strukturen geschaffen hat. Das kann man richtig gut finden – aber ein Rückkehrschluss, dass es hier deshalb nur noch Friede, Freude, Eierkuchen und keine Idioten mit falschen Gedanken mehr gibt, ist nicht zulässig. Das Erhöhen von Hamburg als Hort der Glückseligkeit stößt bei uns auf Ablehnung.

Fettes Brot: 25.3., Knust, 20 Uhr (Die Lesung ist bereits ausverkauft).


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Jamliner – die Musikschule auf Rädern

Der „Jamliner“ ist eine rollende Musikschule, die regelmäßig in die benachteiligten Viertel Hamburgs fährt und Jugendlichen ermöglicht, ihre eigene Musik aufzunehmen. Ein Besuch am Standort Steilshoop.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Jérome Gerull

Collin und Abdurrahman haben es sich draußen auf dem Steintisch bequem gemacht. Den Jungs bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und sich die Zeit mit Gesprächen über Videospiele zu vertreiben, denn im Moment gibt es für sie nichts zu tun. Drinnen, im Jamliner, arbeiten ihre zwei Bandkolleginnen gerade an der Schlagzeugspur für ihren ersten gemeinsamen Song. Titel: „Mobbingopfer“.

Ein Lied über den Hilferuf eines Mädchens an ihren besten Freund, der aus Feigheit die Mobbingattacken seiner Mitschüler unterstützt – bis er am Ende des Liedes den Mut fasst, sich ihnen zu widersetzen und zu seiner Freundin zu halten. Ein ernstes Thema. „Hilf mir! Hilf mir! Ich brauche jemanden, der mit mir durch dick und dünn geht“, heißt es an einer Stelle. Collin hat den Text geschrieben. „Das ist wirklich bei uns so an der Schule passiert“, erklären Collin und Abdurrahman. Das Thema lag ihnen auf der Seele.

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Im Proberaum mit Tonstudio: Sänger Collin und die Band Jalac Foto: Jérome Gerull

Eine Band gründen, einen Song schreiben und diesen im Proberaum aufnehmen – der Traum vieler Jugendlicher. Hamburgs musikalische Buslinie erfüllt ihnen diesen Traum. Der Jamliner ist ein ehemaliger Linienbus, der in einen mobilen Bandproberaum inklusive Tonstudio umgebaut wurde. Auf den Straßen fällt das mit einem Graffiti-Gemälde übersäte Gefährt sofort auf – passend zu dem ungewöhnlichen Linienbus. Das Projekt der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, des Förderverein der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg e. V. und Reinhold Beckmanns Stiftung Nestwerk e. V. richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren, die von sich aus niemals eine Musikschule besuchen würden.

Vormittags kommen die Jugendlichen aus den naheliegenden Schulen, nachmittags können auch andere Gruppen – jede Band muss fünf Mitglieder haben – vorbeikommen und sich für das Projekt anmelden. Die „rollende Musikschule“ kommt einmal pro Woche mit zwei Pädagogen direkt in ihr Viertel, wo sie mit der Unterstützung von zwei Pädagogen – und an fünf Standorten auch zusätzlich mit einer FSJlerin – ein halbes Jahr lang an ihrem eigenen Song basteln. Am Ende der intensiven Probe- und Aufnahmezeit können die Jungs ihr eigene CD mit ihrem Song in den Händen halten.

Heute ist Donnerstag, der Standort Steilshoop steht auf dem Plan. Der Jamliner steht auf dem Verkehrsübungsplatz in der Gründgensstraße. Nach rund zehn Minuten ist die Wartezeit für Collin und Abdurrahman vorbei. Die Bustür öffnet sich, Angelina und Leonie kommen gut gelaunt heraus. Jasmine, das fünfte Bandmitglied, ist heute nicht da. Halb so wild, dann wird der Part fürs Keyboard eben auf nächste Woche verschoben. Die fünf Jugendlichen sind zwischen 12 und 13 Jahren alt und besuchen dieselbe Klasse an der naheliegenden Stadtteilschule, mit der der Jamliner eng zusammenarbeitet. Ihr Bandname Jalac setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Mitglieder zusammen.

 

„Die Kinder halten nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand“

 

Unterstützt werden die Nachwuchsmusiker in Steilshoop von Gesa Zill, Isabel Bonkat und Matthias Möller-Titel. Die 18-jährige Isabel absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr und ist jeden Tag im Jamliner unterwegs. Die Arbeit passt zu ihr, schließlich spielt sie Bass in einer Jazzband und will Musik auf Lehramt studieren. Der studierte Musikwissenschaftler Matthias Möller-Titel komponiert außerhalb des Jamliners Filmmusik in seinem Tonstudio. Seit mehr als zehn Jahren ist er zweimal pro Woche als Musikpädagoge für den Jamliner in Hamburg unterwegs. „Es ist ein sehr zielgerichtetes Arbeiten“, erzählt der 39-Jährige. „Die Kinder kommen her, um ein Ziel zu erfüllen – nämlich nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand zu halten.“

Dafür ist der ehemalige Linienbus bestens ausgerüstet. Der Jamliner ist in zwei Räume aufgeteilt: Direkt hinter der Fahrerkabine befindet sich der schallisolierte Bandraum mit einem Schlagzeug, einem Keyboard, einem Verstärker, Mikrofonen, Gitarren und einem Platz für die Sänger. Im hinteren Teil des Busses ist das mit Sitzecke gemütlich eingerichtete Tonstudio. Hier können die Kids an ihren Songs schreiben, proben und schwierige Parts bei Bedarf über Kopfhörer spielen. Der Laptop ist mit dem Tonstudio und dem Bandraum verbunden, wodurch Aufnahmen aus beiden Räumen möglich sind.

 

„Ab und zu singen auch Jungs über Liebe“

 

Zwei solcher Busse sind von montags bis freitags in Hamburg unterwegs, einen Tag in Jenfeld, den anderen in Harburg, auf St. Pauli oder eben in Steilshoop. Jedes Instrument steht spielfertig zur Verfügung und bedarf keiner aufwendigen Umbauzeit – was wichtig ist, denn jedes Details im Jamliner soll auf die Arbeit mit Jugendlichen ohne musikalische Vorbildung abgestimmt sein.

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Helfen den Jugendlichen bei den Songaufnahmen: Matthias Möller-Titel und Isabel Bonkat. Foto: Jérome Gerull

„Die Kinder müssen nichts können, wenn sie hier anfangen“, betont Matthias, sie lernen alles hier im Jamliner. Zuerst stehen einfache Rhythmusübungen auf dem Plan: stampfen, klatschen, einzählen. Dann geht es schon an die Instrumente, erste Töne werden geübt. Meistens bringen die Kids einen Song mit, den sie mögen. Davon inspiriert entwickelt die Crew gemeinsam mit der Band Ideen für einen eigenen Song. Momentan ist der Rapper Capital Bra am meisten angesagt. „Das ist gerade der heiße Scheiß“, sagt Matthias und lacht. In den meisten Songs geht es um Freundschaft, viele singen auch über ihre Herkunft: Steilshoop, mein Ghetto.

Ab und zu singen auch Jungs über Liebe, aber das ist eher selten der Fall. Meistens dominiert das für den HipHop typische „Wir sind die Geilsten“. Aber auch ernste Themen werden angeschnitten: das Thema Mobbing, über das Jalac singen, ist dieses Jahr in Steilshoop mehrfach vertreten.

Über 200 Bands hat Matthias schon bei ihren Songaufnahmen begleitet, darunter auch solche, die mit besonderen Themen auffielen. Zum Beispiel vor fünf Jahren, als fünf Jugendliche, die gerade Deutschland erreicht und den Arabischen Frühling miterlebt hatten, ein Lied über die Revolution aufnahmen. Auf Deutsch wohlgemerkt. Denn auch das ist eine der Regeln im Jamliner: gesungen werden nur eigene Lieder – Coverversionen sind nicht erlaubt – und immer auf Deutsch.

Die Regel gilt auch für Flüchtlingskinder aus den Vorbereitungsklassen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet. Vor drei Jahren, im Sommer 2015, gab das Projekt auch eine Woche lang einen Crashkurs in der Flüchtlingsunterkunft im Harburger Max Bahr. Eine Gruppe kurdischer Mädchen aus dem Irak nahm daran teil und besuchte auch unabhängig vom Workshop den Harburger Standort des Jamliner regelmäßig.

 

„Die Musik ist das Werkzeug für die Pädagogik“

 

Man habe beobachten können, wie schnell sich ihr Deutsch verbesserte, berichtet Matthias. Sie nahmen schließlich einen Song darüber auf, was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Grundlegende Wünsche: eine Arbeit und ein Zuhause zu haben. „Für uns ist das selbstverständlich, für sie war es das aber eben nicht. Sie haben in dieser riesigen Halle mit 600 Menschen und ohne Privatsphäre gewohnt“, sagt Matthias. „Das hat mich sehr berührt.“

Das sind die schönen Momente einer Arbeit, die oft anstrengend ist. Die Schulen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet, entscheiden, welche Jugendlichen am Projekt teilnehmen können. Auch mit den lernschwachen Kindern aus den regionalen Bildungszentren arbeiten die Musiker zusammen. Gerade die Kinder, die im Klassenkontext Schwierigkeiten haben, sollen herkommen. Das kann schwierig sein, die Aufmerksamkeitsspanne bei manchen ist sehr gering, die drei Betreuer werden von den Bands schon mal auf Trab gehalten.

„Was ich gleich zu Beginn gelernt habe, ist, dass ungefähr 80 Prozent der Arbeit hier pädagogisch ist. Die Musik ist das Werkzeug, um den pädagogischen Teil zu vermitteln.“ Über die Musik sollen die Kinder lernen, zusammenzuarbeiten, aufeinander zu hören und auf andere Rücksicht zu nehmen. Soziale Grundwerte, die nicht alle von ihnen von zu Hause mit auf den Weg bekommen. Doch die Musik wirkt: „Wenn die Kinder an den Instrumenten sind, sind sie plötzlich ganz ruhig und vertieft“, sagt Matthias.

Um 13 Uhr müssen Collin, Abdurrahman, Angelina und Leonie los, sie sind spät dran, der Deutschunterricht fängt gleich an. Eilig haben sie es nicht, doch Matthias macht Druck. „Los jetzt, ihr seid schon zu spät!“ Eine Stunde hat jede Band Zeit, insgesamt sechs Bands pro Tag kommen in den Jamliner. Nach der Mittagspause kommt Lena von der nächsten Band. „Hey, pünktlich auf die Minute. Sonst seid ihr immer alle zu spät“, freuen sich Matthias und Isabel. Die anderen sind nicht pünktlich, nur ein Bandmitglied kommt später noch dazu, die anderen drei tauchen gar nicht auf. Heute müssen sie zu zweit an ihrem Song arbeiten. Thema des Lieds: Mobbing.

www.jamliner.net


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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