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Sternbrücke: „Die Clubs müssen weichen“

Die Zukunft ist ungewiss. Im Dezember will die Bahn ihre Neubau-Entwürfe zur Abstimmung stellen. Anwohnende kritisieren die Dimensionen und fehlenden demokratischen Beteiligungsprozess. Zur aktuellen Situation an der Sternbrücke und warum die Clubs nicht mehr Teil des Protestes sind, äußert sich Daniel Höötmann von der Astra Stube

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Daniel, wie konntet ihr die Zeit während der Schließung überstehen?

Daniel Höötmann: Die ersten zwei Monate hat uns die Aktion von Tourhafen und dem Friese, Mercher von Turbostaat, geholfen. Die Aktion hieß „Be My Quarantine“ und Tourhafen, eine Hamburger Firma, die Merchandise für Bands und Clubs macht, hat T-Shirts drucken lassen, wo hinten im Nacken das Logo des Clubs war und vorne ein Druck von Künstler*innen. Die Erlöse sind den Clubs zugutegekommen. Danach kam natürlich der Rettungsschirm der Kulturbehörde, wo unsere Fixkosten bezahlt wurden.

Ist das Team noch dasselbe?

Ja. Wir haben ein paar neue Gesichter dazubekommen, da wir mit der 2G-Regelung mehr Personal brauchen. Aber unsere Leute waren sofort am Start, als wir wieder aufgemacht haben. Und sind natürlich geimpft, um sich und andere zu schützen.

Wurde im Laden etwas verändert?

Wir haben im ersten Lockdown den Club renoviert: Gestrichen, eine neue Lichtanlage hinter der Bühne installiert und die kompletten Stromleitungen neu gelegt. Das Lager wurde von unserem Hauke Horeis innerhalb eines Monats entrümpelt und er hat dort einen Backstage eingerichtet. Ab und zu habe ich gedacht er wohnt da schon. Und wir haben unseren Tresen und die Holztheken an den beiden großen Fenstern schick gemacht.

 

„Schlangestehen in 2021 ist sehr angesagt“

 

Wie liefen die ersten 2G-Veranstaltungen?

2G ist momentan die einzige Lösung, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Die ersten Konzerte und Partys liefen alle super. Die Leute wollen wieder raus, feiern, Live-Musik hören, Bier trinken und Menschen treffen. Die Gäste sind super, wir haben null Stress mit unserem Publikum. Alle akzeptieren die 2G-Regeln. Natürlich dauert alles länger beim Einlass: Luca-App oder handschriftlich eintragen, Impfzertifikat und Personalausweis vorzeigen, dazu das Ticket bereithalten. Schlangestehen in 2021 ist sehr angesagt.

Glaubst du, dass ihr trotz „vierter Welle“ geöffnet bleibt?

Wir hoffen es. Ich denke nicht das der Hamburger Senat noch mal einen Lockdown machen wird oder wie am Anfang von 2G erneut Abstand und Maskenpflicht einführt. Dann müssten wir wohl wieder zumachen, denn die Menschen werden dies in Clubs nicht noch mal akzeptieren.

Welche musikalischen Highlights sind für Dezember geplant?

Am 2.12. kommen die Cigaretten zu uns. Da freue ich mich sehr drauf. Der Feine Herr Soundso, Pony Royal und Passierzettel kommen unter anderem auch. Im Dezember haben wir viele Hamburger Bands dabei. Denn Newcomer-Förderung ist uns immer noch wichtig. Egal, ob von hier oder aus der ganzen Welt.

 

Party bis Ende 2022?

 

Was passiert in der Astra Stube an Silvester?

Es wird wieder unsere Silvester Party geben. Die machen wir jedes Jahr. Unsere Techniker, von denen einige auch DJs sind, legen auf. An Silvester sind alle Clubs unter der Sternbrücke voll. Waagenbau und Fundbuero haben auch immer auf und unter der Sternbrücke ist es rappelvoll.

Es wird in Zukunft also wieder Partys geben?

Klar doch. Wir haben bis Ende Dezember jeden Freitag und Samstag nach den Konzerten ab null Uhr Partys. Musikalisch ist alles dabei: HipHop, Electro, Reggae, Indie Punk. Wir haben ein paar neue Partys, die wir ausprobieren. Wie „Astra Colada’s Tanzcafe“. Das ist die Party von mir und Hauke. Den Podcast „Astra Colada“ haben wir im ersten Lockdown gestartet. Den nehmen wir in der Astra Stube mit Gästen aus dem Kulturbereich auf. Mit aktuell 1800 Hörenden pro Folge. Und wir haben uns gedacht: „Na dann machen wir doch mal eine Party.“

Bis wann läuft euer aktueller Mietvertrag?

Bis zum 31.12.2022. Ab Januar 2023 soll wohl angefangen werden, die Gebäude abzureißen.

 

„Kein normal denkender Mensch würde den Mietvertrag der Bahn unterschreiben“

 

19 Jahre in der Branche: Clubbetreiber Daniel Höötmann (Foto: Cindy Gusinski)

19 Jahre in der Branche: Clubbetreiber Daniel Höötmann (Foto: Cindy Gusinski)

Diskussionen darüber gibt es schon lange. Wenn ihr einen Wunsch frei hättet, wie sähe die Zukunft der Astra Stube aus?

Ich bin ehrlich. Ich liebe die Astra Stube dort, wo sie jetzt ist. Nur wird es immer schwerer, den Club am Laufen und instand zu halten. Kein normal denkender Mensch würde den Mietvertrag der Bahn unterschreiben. Wenn die Brücke abgerissen und neu gebaut wird, wovon wir zu 100% ausgehen, wünsche ich mir, dass wir zusammen mit allen Clubs unter der Sternbrücke das Kulturhaus gegenüber bauen dürfen und so einen neuen, alten Platz bekommen. Denn egal, ob Abriss oder Sanierung der Brücke, die Clubs müssen weichen und werden abgerissen.

Wie müsste so ein Haus aussehen, damit du dort eine Zukunft siehst?

In das Kulturhaus kommen nicht nur die Clubs. Es sollen Bandproberäume, Bandwohnungen, Kita, Gastro reinkommen. Wir haben mit einem Architekten aus der Schanze dieses Projekt geplant und jeder Club unter der Sternbrücke bekommt in diesem Kulturhaus seinen Platz. Natürlich legen wir viel Wert auf Schallisolierung und Besucherleitung, damit Nachbarn nicht unnötig gestört werden. Der alte Look der Brücke soll in dieses Kulturhaus mit einfließen.

Gibt es bereits konkrete Zusagen für so ein Projekt?

Wir stehen in engem Kontakt mit der Stadt Hamburg, der Bahn und der Lawaetz Stiftung. Letztere hilft uns sehr, zwischen Bahn, Stadt und Anwohnenden zu kommunizieren. Was dabei rauskommt, kann ich leider noch nicht sagen.

 

Die Clubs werden abgerissen, es gibt keinen Erhalt

 

Ihr habt während Corona in den Club investiert. Wäre das nicht umsonst, wenn die Brücke abgerissen wird?

Nein. Der Club brauchte dringend eine Renovierung und neue Technik. Wir hätten nicht wieder öffnen können und haben durch ein paar Förderungen neue Sachen anschaffen können. Die nehmen wir mit, wenn wir eine neue Bleibe haben. Und natürlich ein paar „alte“ Sachen aus dem Club, damit im neuen dann noch der alte Astra-Stube-Charme zu sehen ist.

Ihr wart zuerst Teil der Sternbrücken-Initiative zum Erhalt der Brücke und jetzt nicht mehr. Warum?

Wir haben uns mit der Ini getroffen, aber schnell gemerkt, dass sie nicht unsere Interessen vertreten und dort eher „Schreihälse“ dabei sind. Wir verstehen natürlich, dass die Ini keine riesige Brücke direkt vor ihren Wohnungen möchte. Aber sie haben keine Ideen, wo wir hinsollen, wenn die Brücke, so wie sie es fordern, saniert wird. Die Ini verschweigt immer, dass die Clubs abgerissen werden, egal, ob Sanierung oder neuer Brückenbau. Auch die Kreiselkonzerte, die sie veranstalten. Da wird den Bands, die dort spielen suggeriert, dass sie für den Cluberhalt unter der Brücke spielen. Was totaler Quatsch ist. Das finden wir sehr bedenklich und absolut nicht ehrlich.

 

Eine Astra Stube ist auch woanders möglich

 

Die Gegner eines Abrisses argumentieren mit der Dimension der neuen Brücke und dem fehlenden demokratischen Beteiligungsprozess. Versteht ihr diese Argumente nicht?

Wir verstehen die Aufregung in Ansätzen. Diese Brücke ist alt und keiner weiß das besser als wir Clubs darunter. Wir kämpfen mit Schimmel, Wasserschäden und so weiter. Aber auch der Verkehr unter dieser Brücke ist katastrophal. Es braucht richtige Radwege und bessere Busspuren, damit dort sicher gefahren werden kann. Ob die Brücke so groß sein muss, wie sie werden soll, kann ich nicht beantworten.

Wäre die Astra Stube auch an einem ganz anderen Ort möglich?

Wir denken ja. Die Astra Stube hängt natürlich mit der Brücke zusammen. Aber die Astra Stube lebt von seinen Künstler*innen, Besucher*innen und unserer Crew. Ich denke, das schaffen wir auch an einem anderen Ort. Aber das Kulturhaus ist unser Wunsch, damit wir am Standort Sternbrücke bleiben können.

Abstimmung Bahn; Initiative Sternbrücke


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Krach+Getöse: Karriereboost für Nachwuchstalente

Neue Runde für den Hamburger Musik-Nachwuchspreis – erneut mit kompetenter Fachjury und großem Supportprogramm

Text: Anna Meinke

 

Junge, ambitionierte Künstler und Bands gibt es wie Sand am Meer. Und alle sind sie talentiert, wunderbar und voller Ideen. Doch wer hat das gewisse Etwas? Wer ist originell und experimentierfreudig? Und wer hat vor allem den Mut, die eigene Musik weiterzudenken, die Kunst auf das nächste Level zu heben?

Genau solche Künstler wollen die Haspa Musik Stiftung und RockCity Hamburg e. V. erneut mit dem Musik-Nachwuchspreis Krach+Getöse küren und sie mit einer begehrten Förderung belohnen: Die fünf Gewinner erwartet ein Preisgeld in Höhe von 1.200 Euro sowie ein individuelles, krisentaugliches Supportprogramm über zwölf Monate. Und das ist noch nicht alles. Workshops, Coachings, Produktionen, Aufnahmen und Supports von und mit zum Beispiel Clouds Hill Recordings und JustMusic sollen die Nachwuchstalente auf ihrem Weg unterstützen.

 

Talente gesucht!

 

Die Highlights, einige heiß begehrte Booking-Slots für unter anderem das MS Dockville Festival, das Futur 2 Festival, das Reeperbahn Festival, Wutzrock und die Millerntor Gallery, müssen in diesem Jahr aufgrund der Pandemie leider entfallen. Für adäquaten Ersatz wird jedoch gesorgt – und der Rückenwind für die Karriere ist den Preisträgern sicher! Ausgewählt werden diese von einer Fachjury aus etwa Alice von Chefboss, Annett Louisan, Celina Bostic und Megaloh.

Interessierte Solo-Musiker, Bands und Kollektive aus Hamburg und der Metropolregion können sich vom 1. bis zum 29. April online bewerben. Angesprochen sind Künstler, die als Nachwuchs oder Semi-Profis in der Popmusik arbeiten und Bock haben auf Unterstützung und Perspektiverweiterung. Als besonderes Highlight des Ganzen werden die neuen Preisträger am 22. Juni in der digitalen Award Show bekanntgegeben.

Infos und Teilnahmebedingungen: krachundgetoese.de; rockcity.de; haspa-musik-stiftung.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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klub katarakt: Experimentelle Musik auf Kampnagel

klub katarakt ist ein Festival für experimentelle Musik, das sich auf sämtlichen künstlerischen Ebenen offen präsentiert

Text: Erik Brandt-Höge

 

Das Jahr 1992. Snap!, Dr. Alban und Die Prinzen bestimmen die deutschen Charts, schlichte Beats und noch schlichtere Lyrik laufen im Radio rauf und runter. In ebendieser Zeit gründen Kompositionsstudenten der Hamburger Musikhochschule den Verein katarakt – und stehen damit für das experimentelle Gegenteil zum Gedudel. Sicher, einerseits ging es den Studenten darum, ihre Kompositionen einmal außerhalb der Hochschule aufführen zu können, und zwar an eher ungewöhnlichen Orten dafür, etwa Rockclubs. Aber sie wollten auch nicht-radiofreundliche Sounds der breiten Masse vorstellen.

 

Springer zwischen multimedialen Welten

 

Das gelang ihnen spätestens mit der ersten Ausgabe des klub katarakt 2005. Sie machten Neue Musik zugänglich, indem sie eben diese sprengten, durch sich ständig im Wandel befindende Klang- und Bildinstallationen sowie durch Öffnung der bespielten Räumlichkeiten. Auf Kampnagel hat das Festival ein Zuhause gefunden, in dem die Macher gleich drei ineinander übergehende Hallen zur Verfügung haben. Besucher werden zu Springern zwischen multimedialen Welten, erleben Sounds und Bilder beim Flanieren.

Die klub katarakt-Eröffnung (15.1., 20 Uhr) wird auch in diesem Jahr ein Event der Wandelkonzerte. Viele Hamburger Musiker, Komponisten und Künstler stehe dafür bereit, zum Beispiel die Elektroniker Nika Son und Thomas Leboeg, die Violinistin Lisa Lammel, die Pianistin Daria Iossifova und der Harvestehuder Kammerchor unter der Leitung von Edzard Burchards.

 

 

Der zweite Festivaltag steht ganz im Zeichen einer Arbeit für Blechblasinstrumente und Elektronik, aufgeführt von der schwedischen Komponistin Ellen Arkbro zusammen mit dem Berliner Ensemble Zinc & Copper. An den beiden darauffolgenden Tagen werden das Splitter Orchester & The Pitch zu erleben sein, ein Kollektiv aus 24 international renommierten Musikern, es gibt eine sogenannte „Lange Nacht“ mit unter anderem einem Zusammenspiel von 17 akustischen Gitarren und ein Nachtkonzert mit Streichquartett und Klavier. Im Ganzen ein Spektakel für alle, nicht nur für Fans von Neuer Musik, und nach wie vor ein Gegenpol zu Charts-Stücken für das schnelle Hörerglück.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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MS Stubnitz: Das Kulturschiff muss ins Dock

Das Kulturschiff MS Stubnitz muss ins Dock und unter hohen Kosten wieder flott gemacht werden – dabei können Paten einen großen Beitrag leisten. Ein Interview mit Urs „Blo“ Blaser, der das Projekt Stubnitz vor 27 Jahren anstieß

Text & Interview: Jan Paersch
Foto (o.): Phalque

Hinten, in der Ecke eines dunklen Ganges, hängt die „Crew List“ der MS Stubnitz. Darauf: ein gewisser „Blaser, Urs“. Dahinter das Kürzel „Rat/eng wk“. Es steht für den „rating engine watch keeper“. Urs Blaser mag Querflöte und Saxofon studiert haben, doch er ist auch ein hochseetauglicher Seemann, der befähigt ist, an Bord des Schiffes die Maschinenwache zu übernehmen. Der Schweizer ist Geschäftsführer und Tontechniker des denkmalgeschützten Kulturortes.

Wer auf abseitigere Konzerte, aber auch auf trippige Electro-Sets steht, kennt die MS Stubnitz. Unten im Laderaum spielten schon Rammstein, Marteria und Feine Sahne Fischfilet – als Newcomer. Das Schiff, am 1. Juni 1964 in Stralsund vom Stapel gelaufen, gehörte zur Hochsee-Fischfangflotte der DDR, ehe es 1992 von einer Gruppe von Künstlern übernommen wurde. Seit 2014 hat die Stubnitz ihren festen Liegeplatz in der Hamburger HafenCity. Im hinteren Teil des 80 Meter langen ehemaligen Kühlschiffes, dort, wo früher die Heringe lagerten, ist Platz für Konzerte, vorne finden zumeist DJ-Sets statt.

Im letzten Jahr spielten hier 340 Live-Acts aus Dutzenden Ländern. Doch die kulturelle Vielfalt ist bedroht: im Juli muss die Stubnitz ins Dock, um die sogenannte Klassenerneuerung vorzunehmen, die den Betrieb für die nächsten fünf Jahre sichert. Das Geld dafür kommt nur zum Teil von öffentlichen Geldgebern. Die Stubnitz sucht nun Paten, um gegenüber den öffentlichen Förderern zu zeigen, dass eine Öffentlichkeit hinter dem technischen Denkmal und dessen Nutzung steht. Für jeden Euro eines Spenders werden aus den Töpfen des Denkmalschutzes sieben bewegt – so werden aus jedem Patenschafts-Euro acht.

 

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Kapitän des Kulturschiffs: Urs Balser / Foto: Jan Paersch

 

Urs Blaser, genannt „Blo“, leitet seit 1994 die Stubnitz. Der 1960 in Bern geborene strahlt die Gelassenheit eines erfahrenen Seemanns aus. An diesem sonnigen Freitagnachmittag herrscht auf dem Schiff schon reges Treiben, später wird dort eine griechische Stoner-Rock-Band auftreten, während im Bug-Raum zwei Jungs ihren 18. Geburtstag feiern. Das Interview findet bei Filterkaffee in der alten Offiziersmesse statt. An der Wand hängt, gerahmt hinter Glas, die damalige Sitzordnung.

SZENE HAMBURG: „Blo“, bevor es die Stubnitz gab, warst du Teil des Medienkunst-Projekts „Radio Subcom“ und fuhrst quer durch Europa.

Urs „Blo“ Blaser: Wir waren ein mobiles Kollektiv und sind mit Lkws voller Equipment herumgefahren. Wir haben offen stehende Industrieräume annektiert, denn wir brauchten Platz. Für die optimale Akustik braucht man mindestens vier Meter Höhe und 200 Quadratmeter Grundfläche. Wir hatten Veranstaltungen mit 50 Leuten, dann 100 Leuten, dann 400 Leuten – und dann kam die Polizei. Wir haben überall gespielt, bis wir verjagt wurden, so in London, Wien und im Ruhrpott.

Du hast ja Saxofon und Querflöte studiert. Verstehst du dich als Musiker?

Ich war Musiker, und bin dann mehr und mehr in die Elektroakustik abgedriftet. Irgendwann habe ich begriffen, dass für mich die Lautsprecher die Instrumente sind. Also habe ich für die komponiert. Ich war immer mit zwei Tonnen Lautsprechern unterwegs. Aber auf Dauer war es ermüdend, ich war Lkw-Chauffeur, Roadie und Bühnenbauer in Personalunion. Ein festes Set-up kam uns also entgegen.

 

 

Die Stubnitz habt ihr 1992 von der Treuhand übernommen, die die Hochsee-Fischfangflotte der ehemaligen DDR auflöste.

Das Schiff wurde ja ausgemustert, es hatte keinen wirtschaftlichen Wert mehr. Es war damals schon 25 Jahre alt. Das war eine coole Zeit damals, es herrschte richtig Aufbruchsstimmung in den neuen Bundesländern. Schon damals war die Idee, einen mobilen Kulturort zu haben, mit Heimathafen Rostock, in die verschiedenen Regionen Europas fahren und dort Kooperationen aufbauen. Die allererste Anlaufstation war St. Petersburg. Die sind richtig darauf abgefahren, zumal es in der Stadt nicht viele Szeneclubs gab.

Aber finanziell war es nie leicht, oder? Ihr arbeitet zum Teil mit Ehrenamtlichen.

Als kommerzieller Veranstaltungsraum ist die Stubnitz zu klein, als Schiff, das es zu erhalten gilt, ist es zu groß. Das ist ein schwieriger Kompromiss. Wenn wir alle Räume gleichzeitig bespielen, können wir 700 Leute indoor an Bord holen, aber für eine Veranstaltung ist die Obergrenze 400 Personen. Das reicht kaum zum Überleben. In Rostock haben wir 1998 mit Ach und Krach eine Projektförderung durchgesetzt. Die Förderung, circa 80.000 Euro, ist aber 15 Jahre gleich geblieben, während unsere laufenden Kosten gestiegen sind. Wir sind also oft mit hohen Verbindlichkeiten in den skandinavischen Raum gefahren, weil es dort wirtschaftlich am besten lief.

Und nun muss die Stubnitz wieder ins Dock.

Ja, für zehn bis 14 Tage. Man macht dort nur so viel wie nötig, denn die Zeit ist teuer. Das kann uns über 200.000 Euro kosten, die wir aus Bundes-, Landes- und Eigenmitteln bestreiten müssen. Die Konservierung vom Unterwasserschiff und die Überholung der großen Aggregate, Ruder und Propeller, sind die größten Posten. Wir haben noch die Zulassung als Seeschiff.

 

Die MS Stubnitz: Zeugin der Zeit

 

Wäre ein dauerhafter Liegeplatz nicht günstiger, ohne die Möglichkeit zu fahren?

Ich halte den Funktionserhalt des technischen Denkmals für wichtig. Wenn wir den Status als Seeschiff aufgeben, brauchen wir eine baurechtliche Genehmigung. Dann müssten wir die Türen umbauen, und auch die Stolperkanten, die auf See Sinn machen. Dann würde das Schiff aber auch an Authentizität verlieren. Es gibt Denkmalschiffe, die von außen die Silhouette haben, aber innen ist es auswechselbar.

Was macht die Stubnitz so besonders?

Sie ist eines der wenigen noch erhaltenen Schiffe mit einer überragenden Aussagekraft. Als Zeitzeugin erzählt sie von deutscher Schiffbauleistung und von der großen Hochseefischerei. Und natürlich hat es mittlerweile eine Historie als Ort der tausend Subkulturen. Als Spielstätte hat sie die richtige Größe, und auch die Flexibilität, diese Genres abzubilden. Und einen richtig guten Konzertsaal. Für mich hat der Laderaum 4 die ultimative Akustik.

Deshalb muss die Stubnitz erhalten bleiben?

Es geht um das Schiff, aber auch um die Musik. Solange aus der ganzen Welt spannende Bands hierherkommen, wäre es schade, aufzugeben. Künstler, die nicht von der Wirtschaft vermarktet werden, spielen gerne bei uns. Sie können an Bord übernachten und bekommen eine warme Mahlzeit. Schließlich wird in Deutschland fast nur die Musikkultur gefördert, die schon lange Vergangenheit ist. Das musikalische Erbe wird gepflegt – aber die aktuelle Musik wird dem Kommerz überlassen.

MS Stubnitz.com


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Konzert des Monats – Granada im Nochtspeicher

Popmusik aus Österreich hat ihren jüngsten Hype überlebt – auch dank Granada aus Graz. Ein Gespräch mit Sänger Thomas Petritsch

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Carina Antl

Etabliert ist er, der Rock aus Österreich. Wie unterschiedlich die Protagonisten jedoch sind, zeigt allein der Vergleich Granada (Graz) und Wanda (Wien). Während letztere fröhlich über Exzess und Tod singen, macht die Grazer Formation lieber Musik wie Pastelltöne. Auf dem aktuellen Granada-Album „Ge Bitte“ geht es musikalisch höchst harmonisch, textlich sehr versöhnlich zu.

Ein Gespräch mit Sänger Thomas Petritsch über Stadtrivalitäten, Verständnisprobleme außerhalb des eigenen Landes, eine Stimmung, die sich nirgendwo vermeiden lässt und einen Ort an der Elbe, der es ihm offensichtlich angetan hat.

SZENE HAMBURG: Thomas, setze doch mal folgenden Satz fort: Denk ich an Graz, denk ich an …

Thomas Petritsch: … den Lebensmittelpunkt. Und an den Uhrturm, das Wahrzeichen der Stadt.

Denkst du ausschließlich an Positives? Oder hat Graz auch Schattenseiten?

Graz ist vor allem eine sehr sichere, ungefährliche Stadt. Ich wohne in Lend, einem Viertel, das vielleicht nicht so gute Referenzen hat, aber die Kriminalitätsrate ist sehr niedrig. Klar, es gibt ein paar Drogendealer, aber die gibt’s anderswo auch.

Okay, nächste Satzforsetzung, bitte: Denk ich an Wien, denk ich an …

… eine sehr lebenswerte Stadt. Und an Freunde, die ich gerne besuche.

Ist irgendjemand aus der Band mal für kurz oder lang in Wien gelandet?

Nein, wir sind alle immer in Graz geblieben. Aber wir mögen alle Wien. Es ist immer wieder schön dort, vor allem am Gürtel, in der Mariahilferstraße, im 7. Bezirk. Hat sich alles a bissl gewandelt, ist aber immer noch super.

Irgendwelche speziellen Stadtrivalitäten zwischen Grazern und Wienern?

Klar, die Hauptstädter nennen alle anderen Bauern, und die anderen sagen auch was zu den Hauptstädtern. Aber ab einem bestimmten Alter gibt’s das alles nicht mehr.

Auch Bands dissen sich nicht untereinander?

In dem Bereich, in dem wir unterwegs sind, überhaupt nicht.

 

„Die Melancholie ist überall zu Hause“

 

Ein musikalischer Graz-Wien-Vergleich, der zumindest in Deutschland immer wieder bemüht wird, ist der zwischen euch und Wanda. Nervt’s langsam?

Ich glaube, dieser Vergleich ist der Sprachbarriere geschuldet, also der, die es ab dem Weißwurstäquator nordwärts gibt. Dabei ist es, als wenn man die Toten Hosen mit Von Wegen Liesbeth oder Isolation Berlin vergleicht. Aus der Perspektive von Österreichern besteht die Gemeinsamkeit nur darin, dass beide Deutsch-Pop-Rock machen.

Allein die textlichen Geschichten sind extrem unterschiedlich: Wanda spielen da mit Rock ’n’ Roll-Klischees, mit Suff, Sex und Tod. Und ihr lasst es durchweg ruhiger angehen, singt nicht über das wilde Leben, sondern über Saunagänge und den Mallorca-Urlaub. Außerdem, heißt es, würdet ihr lieber mal einen Gin Tonic trinken als ständig Bier. Wirkt alles, als würden die Pastelltöne auf dem Albumcover von „Ge Bitte“ einen generell recht hellen Gemütszustand widerspiegeln.

Ja, sicher. Wobei Pastelltöne ja immer auch etwas Verblassendes zeigen, fast schon herbstlich sind. Die Farben signalisieren also auch: Der Sommer geht zu Ende.

Allzu viel Melancholie möchte man mit euch aber nicht in Verbindung bringen.

Die Melancholie ist überall zu Hause, nur unterschiedlich ausgeprägt. Graz zum Beispiel liegt südlicher als Wien, wenn’s auch nur 200 Kilometer Entfernung sind. Es liegt also näher an Slowenien, Kroatien und Italien, hat südländische Einflüsse. Wien dagegen hat eher einen deutschen Einschlag.

 

„Hochdeutsch würde ich mir selbst nicht abkaufen“

 

Apropos Deutsch: Mundart im Gesang würdet ihr wahrscheinlich nicht gegen Hochdeutsch eintauschen, oder?

Die Authentizität würde vielleicht verloren gehen, wenn wir nicht mehr Mundart sängen. Das Ausleben der Emotionen über die Sprache würde auf Hochdeutsch nicht mehr so gut gehen, jedes Wort wäre anders und würde sich irgendwie falsch anhören. Hochdeutsch würde ich mir selbst nicht abkaufen – ich kann’s nicht einmal wirklich gut sprechen.

Könnte das Dritte Granada-Album denn ein englischsprachiges sein? Oder eins auf Italienisch?

Italienisch wäre schon toll!

Sprichst du Italienisch?

Un poco. Pizza bestellen könnte ich schon.

Zum Schluss noch mal vollenden, ein Hamburg-Konzert steht ja an: Denk ich an Hamburg, denk ich an …

die Schanze, den Hafen, den Fischmarkt, den Schellfischposten, „Inas Nacht“, das Dockville, Reeperbahn Festival, Uebel & Gefährlich – das ist alles supergeil! Außerdem denke ich an HipHop! Zum Beispiel an Dynamite Deluxe, die ich in meiner Jugend sehr oft gehört habe. Und Dendemann ist ja auch Hamburger. Ach, ich liebe Hamburg!

Granada: 28.11., Nochtspeicher, 20 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 


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