Beiträge

Bedrohte Räume #33 – Die Generation Y

Maybe Revolution oder eine Generation ohne Raum.

Gestern komme ich inspiriert von einer Tagung zurück, die einen schwer bedrohten Raum diskutierte, der mir vorher als solcher gar nicht bewusst war: der Raum der Generation Y. Ich wusste nicht, dass die armen Gürkchen nicht ausreichend Platz zur Selbstverwirklichung haben. Sie suchen Glück, Freiheit und Sicherheit und sie fühlen sich von uns ausgebremst. Sie wollen nach oben, doch wir lassen sie nicht ran. Wussten Sie das? Ich war scheint’s mit meiner Birne im Nebelwald der Multioptionsgesellschaft verloren gegangen! Hatte ja keine Ahnung!

Ich fordere sofort, dass die Gen Y endlich loslegt, denn wir Ollen werden weder Global Warming, digitale Transformation noch Wettrüsten ohne sie beenden. Mehr Scheiße als wir angerichtet haben, schaffen die Generationen Y und Z nicht mal im Tandem. Sie sagen, die Ypsilons sind die relaxtere Generation X und fordern den Generationswechsel now! Gen Y ist die weniger leistungsorientierte und mehr Work-Life-Balance draufhabende Generation, vor allem im Vergleich zur stressigen Generation Babyboomer. Die Neuen haben mehr Spaß, arbeiten wertvoll, founden Familys und chillen auch noch dabei. Und sie sind revolutionärer als die 68er, denn sie machen nicht so einen Radau. Sie hören keinen Hendrix und nehmen auch keine Drogen, es sei denn vielleicht mal ein Portiönchen MDMA auf ’ner Party. Die Generation Y vollzieht ihre Revolution eben leise, partizipativ, global, hat viel Spaß und kuschelt gern, anstatt die Zähne zu zeigen. Da legt sie sich nicht fest, die Maybe-Generation, denn sie muss flexibel und mobil bleiben.

„Ich bin begeistert! Leute, go, go, go!“ schmettere ich zum Schluss vom harten Tagungsstuhl Richtung Mindmap, „legt los!“ „Würden wir ja gerne“, antworten sie, „aber die Generation Schulterzucken kriegt ja keinen Space! Die Babyboomer sind nervige Berufsjugendliche, die ihre Führungspositionen nicht aufgeben. Sie sind es, die nur durch Leistung an die Werkbank kamen und so krass ihre Hacke in den Teer gerammt haben, dass sie auch mit dem Stemmeisen nicht vor die Tür zu bugsieren sind.“ „Und die 68er?“ „Noch schlimmer! Die sitzen in Politik, Konzernen und Institutionen ganz oben und trauen keinem unter 40! Die wissen nun wirklich alles besser, finden sich saucool, ziehen auf dem Stones-Konzert immer noch die Lederkutte drüber und schieben ihre Protestschilder durch jeden Türschlitz.“ Du liebe Güte, das klingt furchtbar! Generationswechsel Tschaui! Generation Y – im Netz ganz groß und doch außen vor?

Die Alten sind toxisch, Leute, um mal die Generalmetapher der Gegenwart zu zücken! Das war immer so. Neu ist aber, dass wir der Generation Y Raum GEBEN müssen, denn die grabscht sich den nicht so einfach wie wir früher. Sie ist höflich. Die Maybes brauchen Pop-up-Stores zum Ausprobieren, partizipative Festivals, flache Hierarchien und dezentrale Planungen – und am besten alles auf Englisch! Sie wollen involviert sein, agieren selbstverwirklichend, wollen materiellen Verzicht, globales Handeln, Leben im Hier und Jetzt, Crewlove und das auf Versuchsfeldern, die sie ganz eigenständig beackern. Ich liebe das und bin sofort Fan!

Doch wie, fragte ich mich im Tagungsdunkel, wie kriegt die Generation Konjunktiv II fluide, virtuelle und temporäre Räume, wenn sie doch so ungern öffentlich Haltung zeigt? Nicht, dass sich jemand defriendet! Und woher kommt der Space, wenn die Bereitschaft dafür, dicke Bretter zu bohren, so tief im Kurs liegt? Liegt das Geheimnis wirklich im Verzicht? Na, darüber können wir dann ja in den neuen mixed Teams sprechen. Ich sage, die Gen Y hat ein Recht auf jeden Raum und fordere deshalb fluide Teams, Dabeisein-to-go, shared leaderships, Home-Office, dritte Orte und 24/7 Digitalität, denn nur so können wir die Revolution anzetteln.

Das Team von RockCity hat OPERATION TON 2019 übrigens genau deshalb mit agilen Strukturen und flachen Hierarchien zum ersten kollektiv gebuchten Festival umgebaut. Es hat eine META-Plattform geschaffen, die Mitmachen, Produzieren, Interaktion und Sinn bietet, und das fast 24/7. Ihr müsst nur noch die Tickets kaufen – social ticket or pay what you can? Ich find’s geil!

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Bedrohte Räume #29 – Die Freihafen-Elbbrücke geht baden!

Sie mögen das Monument Westwerk, den schrödeligen Elbtunnel oder die Adolf-Jäger Kampfbahn? Dann geht es Ihnen wie mir. Egal, ob Kunst klein, Treppen schief oder Stadien verlebt sind: Es sind Denkmäler, die uns lebendige Geschichte und Erinnerung sind. Ich besuche und begreife sie als Teil meiner Ciddy-Identität und weltoffene, für jeden zugängliche Orte. Und genau so steht’s mit den Hamburger Brücken. Mmmmhh, Brücken, Love it 1.0!

Schon Oma Emma prahlte: „Hamburch hett mehr Brüggen as Venedich!“ Nailed it, Oma! Hamburg ist Brücken-Ciddy und steht mit 2.500 Brücken als brückenreichste Stadt Europas sogar im Guinness Buch der Rekördchens. Ob Poggenmühlenbrücke, Brooksbrücke oder Jungfernbrücke – sie alle sind schön, stark und zweckmäßig. Dabei sind die Hafenbrücken, über die wir per Bahn, zu Fuß, mit Rad oder Auto stilvoll die andere Elb­seite, ihre Anleger oder Häfen erobern, besonders heiß. Die 300 Meter langen Norderelbbrücken wurden sogar zum Wahrzeichen von Hamburg. Love it 2.0!

Meine persönliche Amour gilt den Brücken mit dem sogenannten „Deutschen Bogen“ (das sind diese Fachwerkbogenträger mit dem eleganten Zugband). Sie sind typisch für die ollen Großbrücken, die supertief in die elbliche Flusssohle gerammt wurden und astrein einfach alles überstehen werden, den gesamten Klimawandel inklusive. Die Ratten des Brückenvolks sozusagen. Geilerweise stehen hier in Hamburg die einzigen Deutschen Bögen mit zwei Geschossen. Wahnsinn! Denkmalpflegende auf der ganzen Welt messen dem denkmalgeschützten Brückenensemble mit der Freihafen-Elbbrücke eine nationale, historische Bedeutung bei. Love it 3.0!

Und nun, ihr Brückennarren, Brückenschützende und Brücken: Achtung, Hamburger Hammer! Die dösige Hafenverwaltung Hamburg Port Authority (HPA) will die Freihafen-Elbbrücke an der letzten Haltestelle der U4 abreißen und durch einen schepperigen Neubau ersetzen. Wenn ich das schon höre! Neubau! Dabei eignet sich gerade diese Elbbrücke für den ewigen Erhalt, denn sie ist extrem solide ausgeführt. Ein fetter Stahlbau, der Stadtutopien zulässt. Mit einem öffentlichen Planungswettbewerb, könnte die Freihafen-Elbbrücke sogar zu einem weltweit beneideten Hotspot werden, zudem wäre eine amtliche Sanierung der Elbbrücke weit günstiger als ihr Neubau. Doch die HPA bimmelt das Ende des seeschifftiefen Hamburger Hafens ein und droht dem ältesten Bauwerk des Ensembles mit der Abrissbirne. Tschaui, Brücke, heißt es wieder mal in Hamburg! Verarscht, rasiert, gekillt.

Und so sprechen wir hier von einer ernsten Brückenkrise in dieser Stadt, denn, wenn wir annehmen, dass ein privater Unternehmer ein öffentliches Gebäude abreißt, das wäre ja illegal. Das würde ja die HPA von arroganten rücksichtslosen Aufschneidern zu kleingeistigen Unsympathen machen. Dann handelt ja die HPA gegen unseren Willen. Sie mähen sozusagen um, was ihnen im Weg steht. Das darf doch nicht wahr sein. Liebe HPA – diese Stadt gehört euch nicht! Unsere Erinnerung gehört euch nicht! Stattdessen muss Hamburgs Headquarter und damit auch die HPA eine ordentliche Sanierung des gesamten Ensembles abliefern und die Einhaltung ihres eigenen Denkmalschutzes umsetzen. Und zwar zackig! ­Never forget: Wir sehen euch!

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Mehr von “Bedrohte Räumen”:



#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Viva La Bernie – Hoffnung für den Gemeinschaftshof

Die Hinterhofgemeinschaft in der Bernstorffstraße in Altona will den freien und kreativen Raum erhalten – und hat nun 7 Millionen Euro gesammelt, um einen Abriss zu verhindern.

Es gibt sie in ganz Hamburg, die bedrohten Räume: Kreative Keimzellen und Gemeinschaftsprojekte, alteingesessene Mieter und Kult-Orte, deren Wohn- und Arbeitsraum von großen Investoren aufgekauft, abgerissen, und an deren Stelle teure Neubauten hochgezogen werden. Hamburg kennt dieses Phänomen wie jede andere deutsche Großstadt – wehrt sich aber oft und laut dagegen. So auch bei „Viva La Bernie“: Der Verein kämpft seit letztem Jahr für den Erhalt eines Hinterhofes in der Bernstorffstraße.

Das Gelände der „Bernie 117“, wie die Mieter es liebevoll nennen, wird schon seit fast vier Jahrzehnten von den 19 ansässigen Parteien frei gestaltet. Über 100 Menschen leben und arbeiten hier: Handwerker, Mechaniker, Tänzer, Designer, Heilpraktiker, Künstler. Rocko Schamoni hat hier eine Töpferwerkstatt, Fettes Brot ein Tonstudio. „Wir sind eine bunte Mischung aus Kunst und Handwerk, die hier sehr gut funktioniert“, erzählt Ralf Gauger. Er ist mit seiner Baufirma schon 25 Jahre Teil der Hofgemeinschaft. „Viele sind schon sehr lange hier“, fügt er hinzu. „Wir können also eine große Kontinuität vorweisen.“ Doch diese ist in Gefahr: 2017 verkaufte der ehemalige Besitzer das Gelände an die Berliner AC Immobilien-Investment GmbH. Die Parteien der Bernie 117 mobilisierten sich schnell, Gauger wurde zum Sprecher ernannt – der „Viva la Bernie e.V“ war geboren.

Drei Bier und zwei Spezi

„Die Anfänge der Verhandlungen mit den Eigentümern war sehr ernüchternd“, erinnert sich Ralf Gauger heute. Während der Verein schon zu Beginn ein offenes Gespräch suchte, blockten die Investoren erst einmal ab – zum ersten Treffen durfte Gauger nur alleine kommen. „Da wurde mir dann schnell klar, dass wir hier nur als einzelne Mieter gesehen werden“, erzählt Gauger. Dass es dem Verein aber vor allem um die Gemeinschaft und den Zusammenhalt geht, die sich die Hofbewohner über viele Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben, hätten die Investoren gar nicht erkannt. Angstfrei wohnen und arbeiten, in einer sozialen Gemeinschaft: „Das sind Grundbedürfnisse, die man nicht einfach auf einen Kaufpreis umrechnen kann.“

Freiräume wie die Bernie 117 würden außerdem dazu beitragen, den Stadtteil lebendig und sozial zu gestalten. „Wir sind ja nicht einfach nur 110 glückliche Menschen, die ihren Hof behalten wollen, wir haben auch einen engen Kontakt zum Viertel“, erklärt Gauger. Sein Bauunternehmen übernahm einen großen Teil der Planung des neuen Pudelclubs, zusammen mit drei weiteren Firmen betreute es außerdem den Bau des FC St. Pauli Museums. 14 Monate lang saßen sie  dafür jede Woche zusammen. Die Bezahlung: „Drei Bier und zwei Spezi.“

Über die letzten Jahrzehnte hat die Gemeinschaft der Bernie 117 nicht nur den eigenen Hof geformt und mitgestaltet – auch das Viertel. Kreative Vereine wie sie schaffen den Flair, den Viertel wie Altona, die Schanze oder St. Pauli so attraktiv für Einwohner und Touristen machen. „Und dann kommt ein Investor mit dickem Geldbeutel und schöpft hier Gewinn ab, obwohl er nie etwas zur Gestaltung des Stadtteils beigetragen hat“, so Gauger.

Die Finanzierung ist geschafft

Dass der Hof in Gefahr gerät, löste nicht nur innerhalb der 110-köpfigen Hofgemeinschaft eine Welle der Empörung und Unterstützung aus: Jan Delay, Fettes Brot, Deichkind, Fatih Akin, Heinz Strunk oder FC Pauli Präsident Oke Göttlich setzten sich ein, auch aus dem Bezirksamt und der Handwerkskammer kam Zuspruch. „Im Falle einer Konfrontation stehen alle hinter uns“, bestätigt Rocko Schamoni, der auf dem Bernie-Hof ein Töpferstudio hat. Den Grund für den lauten Aufschrei sieht er in einem grundlegenden Frustration der Hamburger: „Ich denke, es gibt hier ein unglaubliches Bedürfnis nach einer Stadt, über die man selbst verfügt und in der man gefragt wird, wie man überhaupt gemeinschaftlich leben will.“

Selbst über den Hof verfügen möchten auch die Mitglieder von „Viva La Bernie“: „Wir wollen gar kein Gegner sein“, erklärt Gauger. „Deswegen ist unser Friedensangebot, den Berliner Investoren den Hof abzukaufen.“ In den letzten Wochen hat die Hofgemeinschaft das Unglaubliche geschafft: Jetzt liegen sieben Millionen Euro auf dem Tisch, finanziert von 130 privaten Kreditgebern und einer sozial engagierten Bank. „In dieser unfassbar hohen Summe ist nach unserer Einschätzung auch ein sechsstelliger Gewinn für die Investoren enthalten.“

Dass der Verein diese Summe stemmen konnte, sieht Rocko Schamoni auch als eine Verpflichtung für die Besitzer, den Finanzierungsplan ernst zu nehmen. Aber auch, wenn noch unklar ist, ob die Berliner Investoren auf das Angebot eingehen oder nicht: Der erste Meilenstein wird bei Viva La Bernie trotzdem ordentlich gefeiert. Am Freitag, den 28. September will sich der Verein bei allen Unterstützern bedanken. Die Party steigt um 19 Uhr, auf der Bühne tummeln sich Hamburger Künstler wie Jan Delay, Sammy Deluxe oder Fettes Brot.

Text: Sophia Herzog

Dieser Artikel wurde am 27. September 2018 veröffentlicht und erscheint nicht im Print-Magazin, sondern exklusiv auf www.szene-hamburg.com.


Lust auf mehr spannende Stories aus Hamburg?



Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Bedrohte Räume #26 – Die Poesie der Barbarei!

Dienstagnachmittag, Kickboxtraining: Mein Coach strahlt zur Begrüßung und faltet die Zeitung mit der Headline „Flüchtling flüchtet …“ zusammen. „Is ja auch egal, näch, die saufen ja eh alle irgendwann ab bei den billigen Kreuzfahrten, he he, ob nun hier oder in Afrika.“ Er zeigt auf das Foto mit dem Schlauchboot vor der italienischen Küste, grinst mich an und steckt die Trillerpfeife zwischen die Zähne. Rainer, 37 Jahre und von Beruf Unmensch.

Mittwoch zwischen Knust und Hanseplatte: „Alter, diese ganzen Flaschensammler hier, noch eine Frage nach meiner leeren Pulle und ich zieh denen richtig eine. Ich kann das nicht mehr ertragen, dieses Volk. Immer diese glupschigen Kuhaugen, als hätte auch nur einer hier Mitleid.“ Ich sitz auf dem Platz mit dem beknacktesten Namen der Stadt, LATTENPLATZ. Plötzlich schreit er eine Flaschensammlerin aus voller Kehle an: „Verpiss dich, du widerliche Kuh oder ich reiß dir den Arsch auf.“ Hipsterhippie aus Barmbek, 28 Jahre und von Beruf Arschloch.

Wochenende, Pushnachrichten: „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag“, der Mann grinst mit sadistischer Vergnüglichkeit, „sind 69, das war von mir nicht so bestellt, he he, Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war. Äh, der vorvorletzte Flug war mit zehn.“ Vollhorst Seehofer, Schlimmerminister und von Beruf Barbar.

Montagabend, Heimweg: „Sie können mich an der Ecke rauslassen“, sage ich zum Taxifahrer als ich gestern Nacht aus einem bedrohten Raum auf der Veddel nach Hause komme. „Und am besten gleich ganz vom Planeten werfen“, denke ich, „bin nicht sicher, ob ich hier noch bleiben will.“

Denn hier bei uns reißen jetzt plötzlich Menschen den Mund auf, die frei von der Leber weg und ganz öffentlich, ihre Nachbarn, die arm, bedürftig, geknechtet, voller Leid und in Lebensgefahr sind, verprügeln, vergessen, ignorieren, deportieren oder lieber gleich ganz abmurksen wollen. Wir sind wieder Leute, die Sammelbegriffe wie DIE Flüchtlinge, DIE Flaschensammler, DIE Asis benutzen und damit ihr eigenes Mitgefühl vom Erlebten entkoppeln.

Aber, wenn in Thailand eine kleine Fußballmannschaft eingeklemmt ist, dann sind alle dabei. Warum? Sicherlich, die Story war sehr bewegend, doch auch die Leidensgeschichte der gefolterten Lehrerin Anin (27) ist es, deren zwölfjähriger Sohn Hanan beim Fußballtraining erschossen wurde und die von ihrem zweiten Sohn auf der Flucht mit dem Gummiboot getrennt wird, und die von David, dem Flaschensammler, dessen Eltern ihn blau prügelten und der schon als Kind vom Jugendamt aus der Familie geholt wurde. Ob in der Bahn, auf der Gartenparty oder im Großraumbüro – der bedrohte Raum des Monats ist ganz offensichtlich DIE Menschlichkeit.

Klar, alle haben Schiss vor irren Oligarchen, vor Klimawandel, fehlender Perspektive, Barbarei etc., aber wir Hamburger hier, wir sind mutig und stark. Wir wissen: Ohne Menschlichkeit kommen wir nicht klar, da geht es jedem von uns an den Kragen. Jeder von uns ist darauf angewiesen, dass sich ein Mitmensch zu ihm verhält. Also, geben wir diesen Mitmenschen wieder Namen und Geschichte und benutzen gefälligst KEINE Sammelbegriffe, sondern verhalten uns menschlich!

Eure Raumsonde

Andrea

 To-Do-Liste

👉Aus gegebenem Anlass hier für euch ein Katalog an menschlichen Verhaltensweisen für Beginner. Sucht euch so viele aus, wie ihr mögt, geht richtig hart shoppen und verhaltet euch wieder wie Menschen.

Achtsamkeit
Akzeptanz
Anstand
Anteilnahme
Aufgeschlossenheit
Aufmerksamkeit
Aufrichtigkeit
Begleitung
Behutsamkeit
Bescheidenheit
Bestärkung
Bewusstsein
Bildung
Dankbarkeit
Demokratie
Demut
Durchblick
Eigenständigkeit
Eigenverantwortlichkeit
Einfühlung
Empfindsamkeit
Entgegenkommen
Erbarmen
Freiheit
Freundlichkeit
Geduld
Gefühl
Gegenseitigkeit
Gemeinnützigkeit
Gemeinsamkeit
Gerechtigkeit
Gewissen
Großherzigkeit
Güte
Hilfsbereitschaft
Hoffnung
Humor
Identität
Innerlichkeit
Interesse
Klugheit
Konsequenz
Kommunikationsfähigkeit
Kompromissbereitschaft
Kreativität
Kritikfähigkeit
Kunstverständnis
Lernfähigkeit
Liebenswürdigkeit
Logik
Menschenrechte
Milde
Mitgefühl
Mitmenschlichkeit
Moral
Musikalität
Mut
Nähe
Natürlichkeit
Offenheit
Ordnungswille
Recht
Respekt
Risikobereitschaft
Selbstachtung
Selbstbeschränkung
Selbstdisziplin
Selbstvertrauen
Selbstwahrnehmung
Solidarität
Standhaftigkeit
Toleranz
Treue
Tugend
Unabhängigkeit
Unbefangenheit
Unterstützung
Verantwortlichkeit
Verbindlich­keit
Vernunft
Versöhnlichkeit
Verständnis
Vertrauen
Vorsicht
Wärme
Wandlungsfähigkeit
Warmherzigkeit
Wertschätzung
Wissen
Würde
Zivilcourage
­Zusammenarbeit
Zugehörigkeit
Zuverlässigkeit
Zuversicht
Zuwendung


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Lust auf mehr?

 

Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.

Bedrohte Räume #24: Der fliegende DB-Salon schließt

Niemand soll mehr reden!

Mannheim – Hamburg und kein Wort von Katz zu Maus!, murmelt der vornehme Herr, dem ich den Schrankkoffer auf den bundesdeutschen Bahnsteig wuchte. „Von Mannheim bis nach Hamburg- Altona – das ist eine Strecke!“ Ich nicke zustimmend und reiche ihm die Hand zum Ausstieg. Die Stufen sind zu tief für einen Herrn um die 90.

„Früher, da haben wir gequatscht, gegessen und geliebt im Abteil. Die ganze Bude war in Stimmung, da wurde auch schon mal eine Flasche Wein geköpft. Die Revolution gebar ihre Kinder. Heute, da starren alle nur in eine Richtung!“ Ich händige ihm seinen Schirm aus, englisches Fabrikat nicht ohne Schick, und empfehle mich. Doch der Herr hängt sich rein. „Wissen Sie, dass die Bahn die Zugabteile abschafft?“, sneakt er sich ran. „Ja, ich hörte davon. Mehr Profit pro Quadratmeter. Kapitalismus eben.“ Der Herr ist dagegen.

„Junge Frau, die wollen einfach nur Ruhe im Karton. Sie wollen uns mundtot machen. Entfremdung. Einsamkeit. Anonymität.“ Er trötet ins Taschentuch und trocknet seinen beachtlichen Zinken in einer Wischbewegung, die Nachahmer verdient. „Die Bahn will, dass wir alle hintereinander sitzen wie die Pennäler, ohne Konspiration und Gemeinschaft. Dass wir allein bleiben, damit wir keine Dummheiten machen. Vereinzelung ist Programm. Divide et impera!“ Der Herr spannt den Schirm und spaziert ohne Gruß davon. Auf dem ersten Absatz der Rolltreppe dreht er sich noch einmal um und ruft „Viva la revolución!“.

Ich winke, lächle und erinnere mich an damals: „Ist hier noch frei?“ und „Ja gern, setzen Sie sich!“ Das war der Schlüsselmoment, der darüber entschied, ob die Fahrt angenehm verlief oder zur Qual wurde. Man witterte Speise- und Körperdüfte. Tupperdose, Leberwurst und hartgekochte Eier. Schuhe aus und ab in den Kniekontakt. Wir hatten Sex im Zugabteil hinter vorgezogener Gardine. Eine intime Gemeinschaft auf Rädern. Ich schloss Bekanntschaften, die entschieden, ob das Zugabteil vom engen Raum zur verriegelten Gefängniszelle wurde oder eben nicht. Es war ein Panoptikum der Blicke. Eine ratternde Talkshow ohne Moderator. Es war ein WIR.

Kein Wort von Katz zu Maus? Vereinzelung. Anonymität. Entfremdung. Der Schirm hat Recht! Im trauten Heim auf Schienen, finde ich mein Glück nur noch allein.

Das intime Zugabteil, das es in vielen Regionalzügen ohnehin nicht mehr gibt, stirbt wie das Testbild und die Telefonzelle. Es ist ein bedrohter Raum. Denn die Bahn schafft klammheimlich und kontinuierlich unsere geliebten, lauschig zusammengewürfelten Begegnungen ab. Mehr Sitze, weniger Talk. Die Bahn vereinzelt. Sie kappt die Knospen der Konspiration zugunsten digitaler Gehirnwäsche und Großraumbüros ohne Dialog. Sie ist schuld am Elend der einsamen Herzen, dem Gleichmut und dem fehlenden Widerstand.

Und während wir mit In-Ear, Handy und Laptop am Diskurshungertuch nagen, sollen bis ins Jahr 2023 alle Züge der Deutschen Bundesbahn ohne Abteile fahren. Der Schirm und ich sind dagegen. „Viva la revolución!“

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #23: Grünanlagen, Flipflops und ein Povoll!

Kaum benetzt der erste Sonnenstrahl die Hansestadt, schon fummelt der Hamburger die Flipflops raus. Ab geht’s zum DOSEN-Saufi kaufen. Dazu EINWEGgrill, PLASTIKflaschen und jede Menge KOTeletts, Würstel und lecker naschfertige Salate aus dem Kühlregal.

Und nun ab in die Grünanlage. Chillen. Decke raus, Würstel aus der Packung und Grill angeschmissen. Kaum freut er sich über das selbstgemachte Essen, erhebt sich der Hamburger, grabscht den Rhododendron, bricht ihm das Genick und tritt ihn in Stücke. Feuer fertig. Licht an. Weiter grillen.

Wenn der gemeine Hamburger dann nachts schön satt und betrunken ist, will er zügig seine Sachen packen. Er ist da praktisch veranlagt, er nimmt nur mit, was 100% ihm gehört. Den Kubikmeter Plastikmüll lässt er zurück. Ist ja alles leer. Aber er schwärmt am nächsten Tag den Kollegen vor: „Gestern im Park hab ich so richtig schön am Feuer gesessen, Holz gehackt, mal ganz regional gegessen.“ Er erinnert sich nicht mehr an Mutter, die ihn lehrte: „Ein voller Mülleimer, mein Kind, bedeutet, du musst deinen Scheiß selbst mit nach Hause nehmen!“ und „Gib nicht so an!“

Ja, so sinnierte ich, als ich heute morgen meine Eichhörnchenfriends im Park an einem verkohlten Stück Würstel knabbern hörte, ein paar Ratten an einem toten Eichhörnchen nagen sah und neben dem überquellenden Mülleimer 10 Packungen Rattengift fand.

Ja, so kam ich zu dem Schluss, dass die Sonne dem Hamburger jeden Sommer ein gehöriges Loch in die Birne fräst. Ein Sommerloch. Jeder kleine Intellekt krepiert sofort, jedes gute Benehmen wird kurzgebraten. Der Hamburger erinnert nicht, dass PLASTIK TÖDLICH ist für diesen Planeten, dass DOSEN für die ERDERWÄRMUNG mitverantwortlich sind, dass HORMONfleisch giftig ist und EINWEGgrills der schlimmste TOXICMIST sind. Der Hamburger genießt schwerelos.

Und so machte ich mich an die Arbeit, um für den bedrohten Raum „Grünanlage“ Folgendes von der Stadt zu erbitten:

  1. Hamburg – stell’ bitte von April bis Oktober sehr große Müllcontainer in alle Parks.  Getrennt nach Plastik, Papier, Glas, Kompost.
  2. Dazu helfen Gebotsschilder: Müll wegwerfen nur von 6.15h-6.16h erlaubt.
  3. Und baut endlich mehr Grünanlagen, sonst werden wir sauer.
  4. Wenn 1-4 nicht helfen, dann bitte Arschloch-Schilder verschenken und fiese Povolls verteilen.

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #21: Der „Lange Jammer“ von Barmbek

Eine Stadt verspielt ihr historisches Erbe.

Neulich spazierte ich kreuz und quer durch Barmbek, dem Lotto King Karl Hamburgs. Dort, wo ich als Kind meine Mutter von der AOK abholte, nachdem ich „Gitarre“ bei Guilio Guilietti hatte. Guilio Guilietti. Verheißungsvoller konnte der Name des italienischen Gitarrenlehrers kaum sein und doch war es Guilio Guilietti, der meine Liebe zur Musik fast auf dem Gewissen gehabt hätte. Wäre da nicht meine Freundin Hedda aus der Hebebrandstraße 8 gewesen, die genau da lebte, wo damals die armen Leutchen wohnten: Bei Oma im „Langen Jammer“, 40 Quadratmeter, ohne Klo und Dusche, dafür mit Kaninchen. Hedda wusste, wenn ich meine alte Gitarre bei Onkel Hans im Hühnerstall versteckte, bräuchte ich nie wieder zu spielen. Denn Onkel Hans würde das Ding sofort schrotten. Sie sollte Recht behalten. Die Gitarre war und blieb, auch nach dem krassesten Anschiss des Jahrhunderts, für ewig verschollen. Ich war frei.

Erst viel später, als ich mit Hedda und ihrem Pinscher Wastel meine erste Band gründete, bemerkte ich, was für irre Häuschen das waren, in denen Hedda wohnte. Überall trällerten die Vögel, die Eingänge waren dick verrankt und alles war hobbitartig verwunschen. Diese alten Gesindehäuser boten uns ein dörfliches Idyll, in denen die Zeit stehen geblieben war. Für uns waren sie Übungsraum, Zuhause und Museum in einem. Sie waren Zeitzeugen. Erinnerung. Unser.

Doch die Häuser hießen nicht „Langer Jammer“, wenn es nicht wieder diese miese Hamburgensie gäbe, die einmal mehr den Profit über die Erinnerungskultur stellt. Die historischen Häuser aus dem 19. Jahrhundert stehen zwar unter Denkmalschutz, doch ihre Eckgrundstücklage ist einfach zu verlockend, als dass sich der Hamburger Senat für ihren Erhalt ausspräche. Sie wissen ja, kaum entdeckt und schon verhökert, so heißt es bei GNTM und auch bei unseren Verantwortlichen heute. Und, ob sie nun Scholz, Tschentscher, Stapelfeldt oder Steffen heißen, seit einiger Zeit packt mich bei Politikern mit Zischlaut im Nachnamen die geistige Flucht.

Der Senat setzt sich wieder gnadenlos über den Denkmalschutz hinweg und opfert auch dieses bauliche Erbe Hamburgs. Vandalen handeln bereits im Sinne der geplanten Zerstörung. Eine saftige Rendite beim Verkauf von begehrten städtischen Grundstücken wird dem Erhalt vorgezogen. Die ECE (Slogan: „Urbane Marktplätze der Zukunft!“) plant aktuell, die Hälfte der intakten Häuserzeilen abzureißen und den Rest zu entkernen, um einen schicken „Tagungsort“ draus zu machen. Dabei ist gerade der bescheidene Zuschnitt der historisch wertvollen Wohnungen so wichtig. Es gäbe ja längst Interessenten, die sich um das Heil der Häuser bemühen wollen, doch von Senatsseite wird abgeblockt. Komm schon, Du Herr Scholz, nur einmal, bevor Du gehst …

Und so trotte ich an der Fuhlsbüttler Straße Richtung Steenkoppel entlang und wieder zuckt die Faust in der Tasche. Denn, während Willi-Bredel-Gesellschaft, Denkmalschutzverein und Geschichtswerkstatt beharrlich eine Erinnerungskultur fordern, ist dieser Ort für mich das Versteck vor Guilio Guilietti. Doch für die Stadt ist es nur ein sogenanntes Potenzialgebiet.

Eure Raumsonde 

Andrea

Beitragsbild: Ana Maria Arevalo


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #20: Zardoz Records

Miethai frisst Plattenlegende!

Die Finger zittern, meine Pumpe schlägt dreizehn und wieder heißt es: Wir verlieren unsere Besten! Denn während ich hier in meiner Kajüte auf dem Hotelboot in Groningen diese Zeilen tippe, findet in Hamburg eine echte Tragödie statt. Sie kennen doch sicher das Schulterblatt in Hamburg. Dort, wo sich ein trister Geldwäscheladen an den nächsten reiht. Wo Ketten wie H&M, Weekdays und Vodafone die kulturelle Vielfalt wie die Termiten vertilgen und Miethaie, Hedgefondsbetreiber und andere Kanaillen Mieter brutal auf die Straße setzen. Hier rasen die Mieten seit Jahren erbarmungslos gen Orbit, holländische Spekulanten fressen die so wichtige Diversität und freuen sich über die Geldwäscher, die ihnen offenbar jeden Mietpreis bereitwillig zahlen. Genau. Sie haben es schon vernommen, neuerdings kann sich nicht mal mehr die Hamburger Stadtentwicklungsgesellschaft STEG die horrende Miete im ehemaligen Montblanc Haus auf dem Schulterblatt leisten. Sie zieht auf und davon.

Doch jetzt hat es einen alteingesessenen Laden erwischt, der für die gesamte Infrastruktur im Schanzenviertel und auf St. Pauli eine bedeutende, weil lebenserhaltende Rolle für alle Hamburger Plattenhändler spielt: den Fachhandel für Tonträger jeder Art – Zardoz Records! Seit über 30 Jahren zählt Zardoz Records zu den führenden Hamburger Platten-Vollsortimentern, der alles anbietet: jede musikalische Richtung von gängigem Mainstream bis zu total einmalig. Das macht sonst niemand mehr in dieser Breite. Hier könnt ihr hingehen, wenn ihr eine Elton-John-Platte für Onkel Gerhard kaufen wollt oder aber aktuellste Neuerscheinungen benötigt. Schallplatten, CDs, DVDs oder ähnliche Träger: Hier kriegt ihr quer durch alle Genres einfach alles – ob Ambient-Gebimmel, Sound-tracks oder Obskures. Doch die Hedgefondsgangster setzen den Plattenladen nun zum Sommer 2018 mit einem blutigen Hieb vor die Tür.

Einen so bedeutenden Laden wie Zardoz? Seid ihr vollkommen irre geworden, ihr Kakerlaken? Zardoz Records ist einer der letzten 20 Plattenläden, die gemeinsam eine Struktur aufgebaut haben, die ihnen das Überleben sichert, gerade weil sie alle in 15 Minuten Gehweite erreichbar sind. Aus aller Welt kommen Kunden nach Hamburg, um hier in Laufweite Vinyl-Spezialitäten, Obskures, Berühmtes und Ersehntes einzukaufen. Die Plattenkäufer wissen, hier kann ich durch die Regale ziehen und einen Laden nach dem anderen abklappern. Unsere Hamburger Plattenläden schicken einander die suchenden Kunden zu, jeder ein Spezialist in seinem Metier und doch gemeinsam ein eingespieltes Team. Allein könnte keiner von ihnen überleben, zu niedrig ist der Umsatz für den Einzelnen.

Und so gilt für alle: Eine Mieterhöhung und der Laden ist dicht! Doch wenn auch nur ein Laden zumacht, sterben die anderen nach und nach mit. Championship und Burn Out Records sind schon weg. Slam Records hat eventuell auch nur noch ein paar Jahre. Selekta Records kann sich besser auf dem Schulterblatt halten, wenn Zardoz da ist. Wenn Zardoz geht, dann bricht also eine ganze Struktur ein. Das ist wie ein Gummistiefel mit Loch: Nur ein Tropfen und der ganze Fuß ist nass. Deshalb lasst uns das Massensterben von intelligenten, kulturprägenden und engagierten Hamburger Plattenläden stoppen. Machen wir Hamburg wieder zur Vinyl-Stadt und retten Zardoz Records. Macht euren Einfluss geltend und spendet Raum, Geld oder Macht! Rettet Zardoz! JEDE IDEE ZÄHLT!

Eure Raumsonde 

Andrea

Beitragsbild: Natalie Perea 


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #19 – Tanz auf dem Vulkan in der Partystadt Hamburg

Welcome im neuen Jahr! Bienvenue chez Hamburg! Merhaba, in der besten Stadt der Welt! Heute biete ich dir ein top WG-Zimmer vom 12.1.2018 (10.00 Uhr) bis 13.1.2018 (17.00 Uhr), 12 Quadratmeter ohne Balkon, dafür Südseite. Ganze 27 Stunden heimeliges Glück. Ja, du bist gemeint: gutaussehende Frau, bis 30 Jahre, Nichtraucherin, Studentin ohne Haustier, vegan, Interesse an Platten, holistischer Ernährung, Yoga, Reisen und Apfelbäumen. Gerne aus den Stadtteilen Eimsbüttel, Altona, St. Pauli stammend und politisch eher links orientiert. Der Preis beträgt 150 Euro zzgl. Nebenkosten. Vorauskasse erbeten. Alle Daten per Mail an mich! Ja, diese Butze ist ein Schnäppchen! Bämm!

So oder so ähnlich heißt es auf dem Wohnungsmarkt der geilsten Partystadt der Welt, wie der Kölner Stadtanzeiger Hamburg nennt. Hello!?

Alternativ hätte wg-gesucht.de für dich aber auch 48 Quadratmeter für günstige 940 Euro kalt oder 52 Quadratmeter für 1.100 Euro kalt. Leider nur vom 12.1.2018 bis 30.3.2018. Woche um Woche kannst du in unseren überteuerten Wohnungen in schlichten Lagen mit Souterrain so richtig einen draufmachen! Oder willst du lieber was Eigenes mitten auf dem Kiez? Eine 90-Quadratmeter-Bude in der irren Friedrichstraße auf St. Pauli für nur 550.000 Euro, der Grundriss ist allerdings schon auf dem Papier die Hölle. Da hätten wir noch die 33 Quadratmeter Rottbude für 170.000 Euro, eher so fürs kleine Potschi, das müsste doch gehen?! Du hast Bock? Dann come along, hier tummeln sich Baulöwen und Immobilienhaie schon zum Breakfast auf deiner imaginären Dachterrasse, denn hier is’ richtig geil!

Morgens, wenn du das Haus verlässt, kann es allerdings ungemütlich werden, während du im Partyglimmer unter Brücken oder durch Parkanlagen schwankst – ob am Bahnhof, in Hauseingängen oder in der Hochglanz-City. Denn hier überleben 2.000 Obdachlose zwischen Flaschen, Kot und Hunden, davon hunderte Jugendliche, ohne Schutz und Perspektive. Jeden Tag, jede Nacht, krank, verelendet, aufgegeben von uns, von denen, von dir. Spätestens jetzt ist Schluss mit Party: Kinder und Erwachsene erfrieren auf der Straße, hungern, sind Opfer zunehmender Gewalt und Feindlichkeit, der sie täglich ausgeliefert sind. Diese Menschen und mit ihnen weitere 5.000 Obdachlose, die wenigstens für eine Nacht Unterschlupf finden, ist nicht nach Fete, so wie dir. Sie haben keinen Partykeller, keinen Kumpel im Arm, keine Wand im Rücken, weder eine eigene, noch eine teure oder eine temporäre Bleibe. Und während du morgens in deiner überteuerten Butze deinen Partykater kraulst, sind sie da draußen über Nacht halbtot gefroren.

Denn unsere obdachlosen Hamburger sind die echten Verlierer fehlgeleiteter Integrations-, Sozial- und Wohnungsbaupolitik. Sie sind die Opfer von Immobilienspekulationen, Wohnraumverknappung, Leerstand, Spekulation und hochgetriebenen Preisen in jeder Größenordnung in der geilsten Partystadt der Welt! Was? Echt? Dich interessiert das nicht? Du willst Party, Fete, Halligalli? Alles geil, fast wie in Vegas? Dann trink dir Mut an, Babe, bring den Boys & Girls was Warmes vorbei, spende einen Container oder stich der Immoblase am besten gleich die Luft aus dem Tank! Sei aktiv, damit die bedrohten Wohnräume morgen wieder den Wohnungslosen, den Armen, ja unseren Homies gehören und Hamburg die weltwärmste City wird!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Michael Kohls


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

Bedrohte Räume #18: Abriss der HafenCity 2067?

Die Uhr tickt: Hat nach 37 Jahren des Hanseviertels letztes Stündchen geschlagen? Ein Hamburger Investor soll bereits Pläne für einen Abriss präsentiert haben.

Letzte Woche war ich bei unserem architektonischen Leckerbissen, der HafenCity, zu Kaffee und Kuchen an die Elbe geladen. Unsere HafenCiddy – der Nabel der Stadt zwischen Alster und Elbe, Heimat der Elbphilharmonie,  maritimes Denkmal, Loveletter und Streitaxt der Stadtplaner. Gab ja viel Gerummel vorab, doch jetzt, da ist sie richtig schön! Mit Speicherstadt, Baakenhafen, Magellan-Terrassen – herrlich. Und wie die Straßennamen tönen: Hongkongstraße, Osakaallee, Vasco–da-Gama-Platz. Klingt wie Herkunft und Zukunft zugleich. International, modern, eine Futureworld, die doch bodenständig nach Zimt und Pfeffer duftet und die HafenCity schon heute mit ihrer zukünftigen Bedeutung identifiziert.

Umso mehr freu ich mich auf schwarzen Saft und Zitronenkuchen mit ihr und ihren Spacekollegas Hanseviertel, Deutschlandhaus, City-Hof und Co, die eine Selbsthilfegruppe für gefährdete Räume gegründet haben, um frische Bisswunden zu verarzten und Präventionsdiagnostik zu betreiben. Unsere schöne neue Lady wird da wohl eher die tröstende Gastgeberin sein, mutmaße ich, doch weit gefehlt.

Als das junge Ding mich hereinbittet, sieht sie eher verheult als fresh aus. PMS? Ich blicke durch den Raum. Nein, auch die Menopause-Bauten starren verquollen aus der Wäsche. „Was ’n los, HafenCity?“ Ich rühre im Bohnenglück. „Wir diskutieren gerade meinen Abriss 2067!“ Sie zieht nicht gerade vornehm den Rotz hoch. „Von einigen Häusern platzt hier schon der Lack. Geschäfte und Gehwege sind empty, die Kunden im Netz. Die Uhr tickt gegen mich –wie beim Deutschlandhaus oder jetzt sogar beim Hanseviertel!“

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und erblicke das feine Hanseviertel in Hütchen und Pelz: „Ich bin erst 37 Jahre alt und soll nun zum Schafott!“ Daneben verschüttet das Deutschlandhaus vor Entrüstung ein bisschen Kaffee:„Ich habe in diverse Faceliftings und Bodytunes investiert, ich sehe besser aus denn je, und jetzt soll alles umsonst gewesen sein?“ Das Hanseviertel verliert die Contenance: „Sie wollen uns umbringen, öffentliche Hinrichtungen sind in Hamburg an der Tagesordnung!“

„Leute, das kann doch alles nicht wahr sein! Der Abriss des City-Hofs ist schon eine frevelhafte Tragödie. Aber ihr seid modern und wunderschön! Das frühmoderne Deutschlandhaus ist so geschichtsträchtig wie die Finanzdirektion am Gänsemarkt. Und du, Hanseviertel, bist doch erst 1980 geboren! Du bist vollkommen staubfrei, außerdem gelungen mit deinen konkaven Klinkerkurven. Allein dein Glockenspiel, die Glaskuppelfenster, der Rundbau mit schwimmender Weltkugel aus Granit.“ Die drei blicken mich aus hohlen Augen an.

Doch, es kann sein, denke ich später. Das hier ist Hamburg 2017. Rot-grüner Senat. Erst bauen sie den Elbtower, dann wird die Innenstadt sterben und sie werden anfangen, der HafenCity die Zähne aus dem Zahnfleischzu reißen. Vorher müssen aber eventuell noch die Finanzdirektion und lieber das Chilehaus dran glauben. Und die Politik leckt dann wieder den Speichel der Investoren auf, um daraus schöne neue Logistikzentren zu bauen. Deshalb: Geht doch mal wieder bummeln, Leute, und ruft vorm Rathaus: „Gut Holz,Herr Scholz!“ Oder schreibt ihm besser einen Brief. Mief!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Panoramio – HH Oldman


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website