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Sebastian Junge: Hamburgs erster BIOSpitzenkoch

Sebastian Junge ist mit seinem Restaurant Wolfs Junge Vorreiter in Sachen nachhaltiger Genusskultur und darf sich nun Hamburgs erster BIOSpitzenkoch nennen

Text: Laura Lück

 

Die Blutwurst pflegt nicht gerade ein Fine-Dining-Image. Das liegt zum einen wohl an ihrem sehr bildlichen Namen. Ihr darin enthaltener Hauptbestandteil entfacht makaberes Kopfkino, dem der moderne Beeftatar- Esser lieber mit Scheuklappen begegnet. Er greift doch lieber zum Carpaccio, das seinen Namen einem venezianischen Maler verdankt, der berühmt für leuchtende Rottöne war. Aber Blutwurst, das klingt nach bäuerlichem Lönneberga und längst vergangenen Zeiten, in denen Blut und Schlachtfett keine Abfallprodukte waren und die vollständige Verwertung eines Tieres nicht Trend sondern pure Notwendigkeit bedeutete. Nun besteht so ein Hoftier aber nicht nur aus Filetstücken. Die ständige Verfügbarkeit seiner vermeintlich besten Einzelteile verdrängt Hühnerherz und Ochsenschwanz aus Menükarten und Supermarktregalen.

 

„Land- und handgemacht“

 

Wenn Sebastian Junge für sein Restaurant in Hamburg-Uhlenhorst einkauft, muss so mancher Bauer erstmal nachschlagen oder groß-väterlichen Rat einholen, um ihm das gewünschte gerührte Blut zu liefern. In den meisten Schlachtbetrieben hat seit Jahrzehnten keiner mehr danach gefragt. Dass Wissen um traditionelles Handwerk und Zubereitung nicht verloren gehen, ist Sebastian Junge ein persönliches Anliegen.

„Land- und handgemacht“ lautet der Slogan seines Restaurants. Er backt sein eigenes Sauerteigbrot, macht seine Wurst selbst, pökelt, beizt und säuert. Frische Kräuter wachsen rund ums Restaurant, sein Gemüse kommt aus dem eigenen biodynamischen Garten in Ochsenweder. Vieles davon wird eingeweckt und das Jahr über verwendet. Kunterbunte Gläser mit Fermenten stehen überall im Gastraum verteilt – da braucht es keine Kunst mehr an den Wänden.

 

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Zum Schweine­ nacken gibt’s Fermente vom eigenen Acker (Foto: BLE)

 

In seinen schönen Räumen empfängt der Küchenchef Anfang Februar Elmar Seck vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN). Die Initiative wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft finanziert. Vor Presse und weiteren geladenen Gästen wird Junge heute als erster Hamburger vom BÖLN in den Kreis der Vereinigung BIOSpitzenköche aufgenommen. Die zählt bundesweit zwanzig Mitgliedsköche, die eine Gourmetküche aus nahezu ausschließlich ökologisch erzeugten Lebensmitteln anbieten, ihre Lieferanten oft persönlich kennen und dabei einen Fokus auf saisonale und regionale Produkte setzen. Es geht aber auch darum, eine Vorbildfunktion in der Branche einzunehmen und Wissen zu teilen.

 

Ernährungs- und Agrarwende mitgestalten

 

Die BIOSpitzenköche beraten gastronomische Betriebe, öffnen ihre Küchen für Hospitationen oder schreiben eigene Kochbücher. Zum Konzept im Wolfs Junge gehören neben regional und fair gehandelten Biolebensmitteln außerdem die Verwendung von Ökostrom, Besorgungsfahrten mit dem Lastenrad, ein eigener Wurmkompostierer für die gastronomischen Grünabfälle und diverse Re- und Upcycling-Produkte.

Food-Trends interessieren Junge nicht. Nose-to-Tail-Prinzip und Fermentation sind für ihn nicht Mode, sondern Tradition. Manchmal sieht man eben den eingemachten Kohl vor lauter Kimchi nicht. Sebastian Junges Blutwurst hätte aber trotzdem Instagram-Potenzial: Er serviert sie mit Apfelchutney und armen Rittern vom Weizensauer, den er vor sechs Jahren selber angesetzt hat. „Der Geruch einer Sauerteigkultur ist für mich einer der schönsten überhaupt“, erklärt er und lässt seine Gäste an diesem Abend kleine Gläser zum Mitnehmen abfüllen.

In der Backstube des Demeter zertifizierten Hofs Klostersee in Grömitz, von dem Junge auch Fleisch und Käse bezieht, hat er ein Praktikum gemacht und alles über das Mahlen mit der Steinmühle und Brotteigproduktion gelernt. Mit den Hofbetreibern ist er bis heute nicht nur beruflich, sondern auch freundschaflich verbunden. Geschäfsführer Knut Ellenberg ist zur feierlichen Aufnahme Junges in die BIOSpitzenköche-Vereinigung auch in sein Restaurant auf die Uhlenhorst gekommen. Zwischen den servierten Gängen erklärt er, was Sebastian Junge und ihn verbindet. Es ist Leidenschaft und der Wille, die Ernährungs- und Agrarwende, die Tiere, Natur und Klima schützt, aktiv mitzugestalten.

 

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Im Dessert stecken eingeweckte Erdbeeren aus dem letzten Sommer (Foto: BLE)

 

Handel und Gastronomie müssen wieder enger zusammenarbeiten und direkter kommunizieren. Wer im Austausch mit seinem Abnehmer stehe, werfe am Ende weniger weg und könne besser planen. Außerdem sei Wertschätzung ein wichtiger Punkt, der bis zum Restaurantgast reiche. „Ich muss dem Produkt einen Wert beipflegen, damit der Koch etwas daraus machen kann und der Wert am Ende wieder auf dem Teller erkennbar ist.“

Den Tellern im Wolfs Junge kann man nur mit Wertschätzung begegnen. Die Leberpastete mit üppigem Fettrand löst zwar bei manchem Testesser am Tisch ähnliche Gefühle aus wie die Blutwurst – letztlich ist man sich allerdings einig: Bestellt hätte das Gericht niemand aus freien Stücken. Angesichts des verpassten Geschmackserlebnisses wäre das jedoch eine Schande gewesen. Gleiches gilt für den Schweinenacken, assoziieren wir ihn doch mit der proletarischen Zubereitung als Grillgut mit Soße im Brötchen. Mit fermentiertem Gemüse vom Wolfs Junge-Acker und Kartoffelschaum schmeckt er nach Fine-Dining-Delikatesse.

Wolfs Junge: Zimmerstraße 30 (Uhlenhorst); biospitzenkoeche­-blog.de


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Heldenmarkt zeigt: So geht umweltbewusster Konsum

Die Verbrauchermesse „Heldenmarkt“ kommt dieses Wochenende nach Hamburg und zeigt, wie einfach und spaßig umweltbewusster Konsum geht

Text: Ulrich Thiele

 

Neue Helden braucht das Land, nein, die Welt. Nachhaltigkeit ist das Schlagwort des Heldenmarkts, Deutschlands größter Verbrauchermesse für umweltbewussten Konsum, die am 25. und 26. Januar 2020 in Halle A2 der Hamburger Messehallen ihre ökologisch korrekten Pforten öffnet. Das Motto: #fuerallediewasmerken. Nein, keine Angst, der Hashtag steht nicht für Verurteilungsgestus und Konsumanprangern. Der Heldenmarkt will lediglich zeigen, wie einfach es ist, nachhaltig und gesund zu leben, ohne sich in strenger Askese üben zu müssen. Damit jeder zum Helden des Alltags werden kann, jenseits industrieller Massenproduktion.

 

Vom Plattenladen zum Heldenmarkt

 

Ins Leben gerufen wurde die Messe, die neben Hamburg auch in Großstädten wie Berlin, Nürnberg, München und Stuttgart stattfindet, von Lovis Willenberg aus Berlin. Der ist eigentlich studierter Landschaftsplaner, wollte dann aber lieber DJ werden und einen Plattenladen aufmachen. Eines Tages las er im Greenpeace-Magazin einen Artikel über Turnschuhe aus gänzlich recyceltem Material und fand sie so cool, dass er sie haben musste.

Da der Schuhproduzent aber nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien saß und sein Produkt nur in großen Mengen verkaufte, bestellte er kurzerhand eine große Ladung und bot sie in seinem Plattenladen an. Bald kamen fair produzierte T-Shirts dazu – Willenberg hat die Ökomode für sich entdeckt, die Idee einer großen Messe schlummerte damals wohl schon in der weichen Biobaumwolle der Babystrampler, die ebenfalls im Sortiment standen.

 

Konsum sollte Spaß machen

 

Willenbergs seitdem unveränderte Botschaft: Konsum sollte Spaß machen, ohne dass sich das schlechte Gewissen meldet. Und zwar in allen Lebensbereichen, wie die mehr als 80 Aussteller auf dem Heldenmarkt zeigen: Von Ökostromanbietern über ethische Geldanlagen bis hin zu bio-fairer Streetwear und Accessoires, Naturkosmetik und Bio-Lebensmitteln. In den Bereichen Wohnen und Lifestyle, Urlaub und Reisen, Freizeit und Mobilität gibt es diverse Angebote, die sich dem fairen Handel und einer ressourcenschonenden Produktion verschrieben haben. Sei es durch die Verwendung von recycelten Materialien oder durch die Förderung von Klimaschutzprojekten. Über 50 Prozent an jedem Standort sind zudem regionale Aussteller.

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Gummistiefel, 100 Prozent ökologisch korrekt? Ja, das geht! (Foto: Forum Futura)

Damit niemand schummelt, man weiß ja nie, müssen alle Aussteller nachweisen, dass ihre Lebensmittel biologisch produziert worden sind. Recycelte Materialien dürfen nur zu einem Viertel aus neuen Stoffen bestehen, Entwickler von Geldanlagen müssen beweisen, dass sie in ökologische Projekte investieren. Zudem erhalten die Besucher auch einen Blick hinter die Kulissen der Produktion. Wer wissen will, woher sein Produkt kommt, welchen Weg es gegangen ist und welche Menschen dahinterstehen, kann die Hersteller hinter dem Markenzeichen in persönlichen Gesprächen kennenlernen.

Ein reine Konsumveranstaltung ist der Heldenmarkt nicht, dafür sorgt das umfangreiche Rahmenprogramm zum Thema Nachhaltigkeit. Workshops, interaktive Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge, eine Tombola, DIY-Bastelaktionen, Modenschauen, Kochshows – puh, Moment, kurze Atempause – und Angebote für Kinder stehen auf der Liste. Sozusagen nachhaltige Nachhaltigkeit, denn für nachhaltigkeitsbewusste Generationen muss ja schließlich vorgesorgt sein.

Heldenmarkt: 25.1., 10-19 Uhr und 26.1., 10-18 Uhr, Messehallen (Halle A2)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Market Garden: Die Gemüseboxen vom Haidehof

Frischer geht Gemüse kaufen nicht – das Gut Haidehof bringt ein spannendes Farming-Konzept mit Shop in die Region Hamburg: ressourcenschonend, traktorlos und im Einklang mit der Natur

Text: Laura Lück
Fotos: Gut Haidehof

Was gerade einmal fünf Menschen hier auf die Beine stellen ist sowohl beeindruckend, als auch wunderschön: Alba, Stephan, Astrid, Arek und Corinna haben den Haidehof in Wedel dieses Jahr in ein Gemüseparadies verwandelt. Auf dem ehemaligen Reiterhof gedeihen nun, umgeben von einer bunten Bienenweide, Fenchel, Gurken, rote Bete, Kräuter und Co.

Damit findet der Haidehof zu seinen Wurzeln zurück. 1904 wurde das Gut als Landwirtschaft für die Lebensmittelversorgung des Hamburger Westens gegründet. Heute öffnet der hofeigene Farmshop jeden Samstag von 9 bis 16 Uhr seine Türen. Wer hier die bunt gemixten Gemüseboxen kauft, unterstützt nicht nur ein Herzensprojekt, sondern wird vermutlich eine ganz neue Geschmackserfahrung machen. Das Team verfolgt hier nämlich leidenschaftlich das Farming-Konzept des Market Garden.

Das Besondere: Die Anbauform ist traktorlos. Bei der täglichen Arbeit verwenden die Mitarbeiter Handwerkzeuge und Mulchsysteme, die schädliche Bodenverdichtung minimieren und nützliches Bodenleben fördern.

 

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Auf dem Gut Haidehof wird Gemüse ohne die Hilfe eines Traktors angebaut, um dem Boden nicht zu schaden

 

Bei der Zubereitung zeigt sich, dass ein Boden voller Mikroorganismen und kurze Transportwege (morgens ernten, mittags im Hofladen, abends auf dem Teller!) eben tatsächlich einen Unterschied machen. Wer Lust hat, das Projekt über den Gemüsekauf – der übrigens auch im Abo möglich ist – hinaus zu unterstützen, ist eingeladen auch selbst mal die Hände in die Erde zu stecken. Das Haidehof-Team ist für jede Hilfe dankbar; im Gegenzug gibt’s einen idyllischen Tag inmitten der Natur.

Nächsten Samstag also: Alle mal raus nach Wedel, Hände schmutzig machen, durchatmen und vor allem köstliches Gemüse probieren.

Gut Haidehof: Haidehof 3-10 (Wedel)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im
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Klimaziele: Bio-Apfelbauer verklagt die Bundes-Regierung

Der Bioapfelbauer Claus Blohm und seine Kinder verklagen die Bundesregierung, weil sie ihr Klimaziel 2020 nicht einhält. Der Vorwurf: Die Tatenlosigkeit gefährde die Existenz der Familie. Ein Besuch im Alten Land

Text: Ulrich Thiele
Foto (o.): Gordon Welters – Greenpeace

Es regnet, Gott sei Dank. Der April war warm und trocken, das milde Wetter hat dieses Jahr schon früh die ersten Mücken ins Freie gelockt. Meteorologen befürchten einen weiteren Dürresommer. An diesem Samstag kurz vor Maibeginn hängt aber ein grauer Wolkenteppich tief über Claus Blohms Apfelplantage in Guderhandviertel im Alten Land und lässt seine Schauer los. „Das reicht längst nicht“, sagt der Bioapfelbauer mit dem unverkennbar norddeutschen Einschlag trocken, als er mit seinem bunt bemalten Subaru-Kleinbus über die Felder zum Schalter des Bewässerungssystem fährt. „Wir brauchen 50 Liter, damit wir wieder durchsuppt sind.“

 

„Der Klimawandel bedroht meine Existenz“

 

Überhaupt: Was heißt hier „Gott sei Dank“? Mit göttlicher Fügung haben die schwierigen Bedingungen wenig zu tun. „Der Klimawandel bedroht meine Existenz“, sagt Blohm. Seit 1560 steht die Familie Blohm in den Kirchenbüchern, auf 21 Hektar baut der 62-Jährige mit der Unterstützung seiner beiden Kinder Johannes (28) und Franziska (26) Äpfel, Birnen und Pflaumen an.

Doch der Obstbau wird immer beschwerlicher. Laut Informationen der Umweltorganisation Greenpeace ist die Durchschnittstemperatur im Alten Land in den vergangenen 30 Jahren um einen Grad gestiegen. Für die Bauern in Nordeuropas größtem Obstanbaugebiet hat das schwerwiegende Folgen: Der Schädlingsbefall nimmt zu, unberechenbare Extremwetter-Phänomene häufen sich. Laut eigenen Angaben macht Blohm Ernteverluste von bis zu 30 Prozent.

Im Frühjahr 2017 führten die starken Regenfälle zu Staunässe auf dem Boden, wodurch die Erde aufgeweicht ist und seine Bäume umkippten. Ein Jahr später kam der Hitzesommer und hinterließ einen Sonnenbrand auf den Äpfeln. Bedeutet: dunkle Flecken und ledrige Schalen. Hinzu kommen die sich verbreitenden Apfelwickler – Schmetterlingsraupen, die sich in das Fruchtfleisch bohren. Wegen des milden Klimas fühlen sich die Schädlinge neuerdings auch im Norden wohl.

Mit Pestiziden darf Blohm sie nicht bekämpfen, seitdem er 1999 den Betrieb auf Bio umsattelte – als einer der ersten unter den insgesamt rund 650 Obstbauern im Alten Land. Den Hauptverantwortlichen für ihre bedrohte Existenz sehen die Blohms in niemand Geringerem als der Bundesregierung.

 

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Claus Blohm und seine beiden Kinder Johannes und Franziska / Foto: Gordon Welters – Greenpeace

 

Gemeinsam mit zwei weiteren Bauernfamilien und Greenpeace im Rücken ziehen sie deswegen gegen eben diese vor Gericht. Vergangenen Oktober reichten sie beim Verwaltungsgericht Berlin eine Verbandsklage ein, um die Regierung zur Einhaltung des Klimaschutzziels 2020 zu zwingen – inklusive nachträglichen Kompensationen.

Zur Erinnerung: 2007 beschloss die erste unter Kanzlerin Angela Merkel geführte Große Koalition, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu reduzieren. 2016 wurde das Vorhaben mit dem „Klimaschutzplan 2050“ ergänzt: Bis 2030 sollten die Emissionen um 55, bis 2040 um 70 und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gesenkt worden sein.

Doch mit dem aktuellen Koalitionsvertrag kam die Ernüchterung: Der 2020-Plan solle nur noch so weit wie möglich erreicht werden, heißt es darin. Im aktuellen Klimaschutzbericht rechnet die Bundesregierung nur noch mit einer Minderung der Treibhausgasemissionen um ungefähr 32 Prozent – also acht Prozent weniger als ursprünglich vorgesehen.

 

Eingriff in die Grundrechte

 

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Nach der Ernte werden die Bioäpfel direkt im Alten Land sortiert und verpackt / Foto: Fred Dott – Greenpeace


In der Anklageschrift werfen die drei Bauernfamilien und Greenpeace der Regierung vor, ihre Handlungen „ohne gesetzliche Grundlage oder Rechtfertigung“ eingestellt zu haben. Dies sei ein unzulässiger Eingriff in die Grundrechte der Kläger auf Leben und Gesundheit, Berufsfreiheit und Eigentumsgewährleistung, das Kabinett Merkel vernachlässige die Schutzpflichten gegenüber seinen Bürgern. Neben der Verletzung der Grundrechte verstoße die Bundesregierung zudem auch gegen europäisches Umweltrecht. Denn die Versprechen seien auch die Grundlage für internationale Verpflichtungen: das 2030-Ziel auf EU-Ebene und das Paris-Abkommen.

„Die Regierung verfehlt ihr Klimaziel krachend und versucht auch gar nicht mehr, das Versäumte nachzuholen“, sagt Anike Peters von Greenpeace. Die Diplom-Ingenieurin für Umweltverfahrenstechnik unterstützt die Familie Blohm bei der Klage. Schon als die Bundesregierung parallel zum wiederholt bekräftigten Versprechen neue Kohlekraftwerke plante und baute, habe Greenpeace gemahnt, dass eine echte Energiewende nicht mit dem Festhalten an der Kohlekraft vereinbar sei, sagt sie.

Ein Beispiel steht in Hamburg vor der Tür: Ab 2007 entstand in Moorburg ein neues Kohlekraftwerk. Peters ist sicher: „Wenn der Klimaschutz weiterhin verzögert wird, dann rast unsere ganze Erde und damit auch Deutschland auf eine Katastrophe zu.“ Der Dürresommer 2018 sei nur ein Vorgeschmack gewesen – Unwetter, verdorrte Ernten und ausgetrocknete Flüsse würden zur Normalität werden, mit Folgen von unvorstellbarem Ausmaß.

Dabei sei es durchaus möglich, die Klimaziele zu erreichen, sagt sie, das von Greenpeace beauftrage Energieszenario „2030 kohlefrei“ des Fraunhofer Instituts bestätige dies. Demnach könne die Bundesregierung bis zum Jahr 2030 Kohlekraftwerke gänzlich durch Gaskraftwerke sowie Solar- und Windkraftanlagen ersetzen und so das Klimaziel 2020 erreichen. Bis zum Jahr 2030 würde der CO2-Ausstoß zudem so weit sinken, dass Deutschland seinen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen leisten könnte, den weltweiten Temperaturanstieg bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Die Stromversorgung würde dabei nicht gefährdet werden, heißt es.

Stephan Gamm von der CDU ist Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und Fachsprecher seiner Fraktion für Umwelt und Energie. Er hält die Vorwürfe für ungerechtfertigt. „Von einem Einstellen der Handlungen der Bundesregierung kann keine Rede sein“, sagt er.

 

„Erst wenn alle an einem Strang ziehen“

 

Die Erreichung der Klimaziele sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und könne nicht von oben verordnet werden. „Gerade Teile der Umweltschützer und die Grünen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es nicht unredlich ist, den Ausbau der erneuerbaren Energie vehement zu fordern und gleichzeitig den Ausbau der Übertragungsnetze – Stromautobahnen – bei jeder Gelegenheit auf lokaler Ebene mit allen Mitteln zu bekämpfen“, kritisiert er. Dies habe dazu geführt, dass Deutschland mit dem Ausbau der Netze zehn Jahre zurückliege und allein im letzten Jahr 1,3 Milliarden Euro für nicht genutzten Ökostrom gezahlt werden mussten.

„Erst wenn alle an einem Strang ziehen, werden wir unsere ambitionierten Klimaziele erreichen können.“ Es könnten nicht ohne Sinn und Verstand radikale Maßnahmen umgesetzt und dadurch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes in Gefahr gebracht werden. „Gerade unsere wirtschaftliche Stärke ermöglicht erst den hohen Standard in Umwelt-, Arten- und Klimaschutz“, so Gamm.

Auf das Argument der Wirtschaftskraft angesprochen, reagiert Anike Peters mit einem empörten Lachen. „In all den Geschäften, die heute getätigt werden, sind die finanziellen Folgen der Klimakrise durch die Nutzung fossiler Energieträger noch gar nicht mit einberechnet.“ Man müsse sich allein den Braunkohleabbau im Rheinland und der Lausitz ansehen: „Da wird seit Jahrzehnten der Grundwasserspiegel künstlich abgesenkt und die Pumpen müssen noch weitere Jahrzehnte laufen, bis alles wieder im Gleichgewicht ist – das sind Folgekosten, die noch gar nicht abschätzbar sind“, entgegnet sie.

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Die Idylle trügt: Blohms Plantage ist wachsenden Gefahren ausgesetzt / Foto: Fred Dott – Greenpeace

 

Die Versprechen der Bundesregierung sind nicht verbindlich, Kabinettsbeschlüsse sind keine Verwaltungsgepflogenheiten – normalerweise. Die Frage ist: Kann es dennoch rechtlich relevant sein, wenn die Regierung ihre Versprechen nicht einhält?

Ja, ist Roda Verheyen in diesem Fall überzeugt. Die auf Umwelt- und Völkerrecht spezialisierte Rechtsanwältin aus Hamburg vertritt die Familie Blohm. Sie sagt: „Das Versprechen ist die Grundlage mehrerer Gesetze für die Energiewende, die viel Geld gekostet haben – zum Beispiel das Strommarktgesetz 2014 mit der Einführung der teuren Stilllegungsreserve im Energiewirtschaftsgesetz. Man kann hier von einer Selbstbindung der Verwaltung sprechen.“

Die Rechte einzelner Betroffener und der Umweltschutz generell sind Verheyens große Themen. Sie arbeitet in einer Kanzlei nahe der Alster und vertritt Bauern aus aller Welt. Ihr wohl aufsehenerregendster Prozess ist jener des peruanischen Bauern Saúl Luciano Lliuya gegen den Großkonzern RWE, Deutschlands zweitgrößter Stromversorger und einer der größten CO2-Verursacher weltweit.

Über der Heimatstadt von Lliuya in den peruanischen Anden schmilzt ein Gletscher. Der Bauer befürchtet deswegen, dass sein Haus überschwemmt werden könnte. Weil RWE seit Jahrzehnten in großem Stil Kohle verbrenne und damit zur Erderwärmung beitrage, müsse der Konzern dem Bauern finanziell helfen, sich vor den Fluten zu schützen, sagt Verheyen.

 

Die Regierung schweigt

 

Die Klage der Blohms ist vor einem deutschen Gericht Neuland. Doch sie kommt in einer Zeit, in der die Anzahl der Klimaklagen zunimmt. Als die Familie vergangenen Oktober ihre Klage einreichte, verlangten von den weltweit 1.160 klimabezogenen Klagen 77 mehr Klimaschutz von Regierungen. In den Niederlanden wurde letztes Jahr die Klage einer Stiftung für Nachhaltigkeit zugelassen, die der Regierung vorschreibt, bis 2020 die CO2-Emissionen um 25 Prozent gegenüber 1990 zu verringern.

So weit ist es mit der Vollzugsklage der Familie Blohm noch nicht. Der Prozess kommt schleppend voran. Die Anwälte des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) haben bereits zum zweiten Mal eine Verlängerung der Prüfungsfrist bis Mitte Juni beantragt, man habe einige Unterlagen erst im März erhalten. „Das passt ins Bild dieser sich vorm Klimaschutz wegduckenden Bundesregierung – sie taktiert und betreibt eine klare Verzögerungspolitik“, glaubt Anike Peters, schließlich habe man die Unterlagen bereits im Oktober eingereicht.

Auf Anfrage beim Bundesumweltministerium antwortet ein Sprecher, man wolle, wie bei laufenden Verfahren üblich, zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage zu den detaillierten Vorwürfen treffen. „Es ist aber das gute Recht von Greenpeace und den Familien, vor Gericht zu ziehen und auf diese Weise öffentliche Aufmerksamkeit zu suchen und Druck zu machen.“

Die Klimaschutzanstrengungen Deutschlands hätten durchaus Fortschritte gebracht, sagt er, aber eben noch nicht zum Erreichen der Ziele geführt. „Deshalb konzentrieren wir uns darauf, beim Klimaschutz wieder nach vorne zu kommen.“ Die Klimaschützer und die Regierung eine also dasselbe Ziel. „Zu prüfen, ob die Klage gerechtfertigt ist oder nicht, ist jedoch Sache der Gerichte, hier mischen wir uns nicht ein.“ Bedeutet für Familie Blohm: abwarten und Kaffee trinken.

 

Schwieriger Schritt

 

Zurück nach Guderhandviertel ins Alte Land. Claus, Johannes und Franziska Blohm sitzen bei Kaffee am Küchentisch, sichtlich erschöpft. Claus Blohm ist auch am Wochenende permanent auf Zack, gerade ist er von einem Kontrollgang über die Plantage zurückgekehrt. Später erwartet die Familie noch einen von Greenpeace beauftragten Fotografen, der Bilder für die Pressearbeit der Organisation macht. Als das Gespräch wieder auf die Regierung kommt, ballt Claus Blohm die Fäuste. „Ich darf mich nicht aufregen“, sagt er und lächelt in einer Mischung aus Selbstironie und Verärgerung.

Seit der Elbvertiefung ist er von der Bundesregierung enttäuscht. Er befürchtet, dass das Wasser verschmutzt und der Salzwassergehalt im Fluss ansteigt, aus dem er das Wasser für seine Apfelbäume zapft. „In Berlin werden Entscheidungen getroffen ohne Rücksicht auf ihre Auswirkungen“, sagt er frustriert.

Das Ausmaß seiner Enttäuschung hat auch eine nicht rein finanzielle Komponente. Vor drei Jahren musste die Familie ihre Kirschbäume – ein Viertel des gesamten Baumbestandes – roden. Die Kirschfruchtfliege, deren Maden im Fruchtfleisch schlüpfen, hat die Früchte verdorben. Bis vor einigen Jahren war sie nur südlich von Kassel beheimatet, inzwischen ist sie der steigenden Temperaturen wegen bis ins Alte Land vorgedrungen.

Gerade für Johannes und Franziska Blohm, für die die Bäume mit Kindheitserinnerungen verbunden sind, sei der Schritt schmerzhaft gewesen. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehören die Fahrten am Wochenende nach Hamburg zum Markt, um die Ernte zu verkaufen – damals noch unter dem Siegel „garantiert madenfrei“.

 

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Gerodete Kirschbäume: Mit dem Klimawandel kamen die Schädlinge / Foto: Ulrich Thiele

 

Als Franziska Blohm von einem Auslandsjahr zurückkehrte, waren die Bäume fort. Die Überreste liegen noch immer auf der Plantage, ein tristes Brachland zwischen der gerade sprießenden Blütenpracht der Apfelbäume. „Das war ein Schock, als die Bäume, unter denen wir als Kinder gespielt haben, weg waren“, sagt die Studentin. Ihr Bruder Johannes sieht die Entscheidung als notwendigen Schritt: „Wir konnten die Kirschen so einfach nicht mehr verkaufen, unsere Kunden erwarten Qualität“, sagt er.

„Im großen Stil die Klappe aufmachen“, sagte er einmal einem Journalisten, das sei es, was sie mit dieser Klage tun. Der Fotograf für die Pressebilder ist inzwischen aus Berlin angekommen. Claus, Johannes und Franziska Blohm streifen mit ihm zwischen den Apfelbäumen entlang, posieren mit ihrem Hund Jürgen für die Fotos. Sie sind ruhig und wirken müde, doch auch das hier sei eine Form des Klappeaufmachens, wie sie sagen, denn die Bilder werden durch die Medien gehen. Vielleicht wird im Juni ein Meilenstein gesetzt. Sollte das Verwaltungsgericht die Klage zulassen, käme der Prozess erst richtig ins Rollen.

Biobauerblohm.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
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Wissen, was gut ist #4 – Das Gut Wulksfelde in Tangstedt

Wer sich mit guten und ehrlichen Lebensmitteln beschäftigt, will wissen, wo sie ihren Ursprung haben. Deswegen haben wir fünf regionale Erzeuger besucht. Hier kommt Teil 4 unser Serie „Wissen, was gut ist“, in der wir euch das Gut Wulksfelde vorstellen.

Geschäftsführer Rolf Winter und Leiterin der Tierhaltung Ulrike Schreiber stehen stellvertretend für das gesamte Team von 160 festen Mitarbeitern und ca. 40 Saisonarbeitern des Guts Wulksfelde in Tangstedt. Es liegt direkt vor den Toren Hamburgs und wird seit 1989 konsequent ökologisch bewirtschaftet. Auf den Äckern des Guts wachsen Gemüse und Getreide, Kartoffeln und Erdbeeren (auch zum Selberpflücken).

Rund um den Hof leben außerdem 250 Rinder der robusten Rasse Limousin und Deutsch Angus. Auch die Schweine haben jede Menge Platz zum Ausleben ihres Wühltriebs und die rund 2.350 Legehennen und ihre 40 Hähne leben in zwei Mobilställen, die regelmäßig auf frische Grasnarben verschoben werden.

Als Vorzeigebetrieb ist das Gut Wulksfelde auch ein beliebtes Ausflugsziel: „Mit unseren Veranstaltungen bieten wir den Hamburgern eine tolle Möglichkeit, mit der ökologischen Landwirtschaft, der Natur und mit uns in Kontakt zu kommen“, sagt Winter.

Das hofeigene Restaurant, der Hofladen und das Café sind besonders an den Wochenenden sehr gut besucht. Gut so, denn schließlich steht der Betrieb für eine transparente Landwirtschaft zum Anfassen. Hofführungen, Märkte und Feriencamps für Kinder gehören ebenso zum Programm wie die Möglichkeit, einen der vorbepflanzten, biozertifizierten Gemüseäcker für eine Saison selbst zu bewirtschaften – eine Kooperation mit dem Anbieter Ackerhelden.

Ein Acker mit einer Fläche von 40 Quadratmetern kostet für eine Saison (Mai bis November) 199 Euro und versorgt bis zu drei Erwachsene mit Biogemüse.

Text: Mira Eggerstedt
Foto: Philipp Schmidt

Wulksfelder Damm 15-17, 22889 Tangstedt/Hamburg; www.gut-wulksfelde.de


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG Essen+Trinken 2018/2019. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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