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Premiere beim Hamburger Buchhandlungspreis

Im Rahmen der Langen Nacht der Literatur wurden am 5. September 2022, erstmals drei Buchhandlungen mit dem Hamburger Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Die Preise gingen nach Hamm, Harburg und Eimsbüttel

Text: Katharina Stertzenbach 

 

Seit 2014 verleiht die Behörde für Kultur und Medien alle zwei Jahre den Hamburger Buchhandlungspreis an besonders engagierte, inhabergeführte Buchhandlungen. Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, betrachtet den Preis als „ehrenwerten Wanderpokal“ und fügt hinzu: „Der Buchhandlungspreis zeigt, wie lebendig die Orte der Literatur in den Hamburger Stadtteilen sind. Wir möchten mit der Auszeichnung ein Zeichen setzen und die wichtige Arbeit würdigen, die jede:r Buchhändler:in täglich leistet bei Lesungen und als kultureller Herzensort ihrer Stadtteile.“

Höhepunkt der Langen Nacht der Literatur

Zum feierlichen Höhepunkt der Langen Nacht der Literatur 2022 wurden am 5. September in der Hamburger Kunsthalle die „Buchhandlung am Sand“, die „Buchhandlung Seitenweise“ und der „Buchlanden Osterstraße“ mit dem Hamburger Buchhandlungspreis ausgezeichnet und erhielten ein Preisgeld 4.000 Euro. Bis in den späten Abend wurden die Preisträger:innen von zahlreiche Buchhänderler-Kolleg:innen, Literaturexpert:innen und Gästen gefeiert.

Die Jury

Die Jury des Hamburger Buchhandlungspreises, bestehend aus Thomas Andre (Hamburger Abendblatt), Daniela Dobernigg (cohen + dobernigg Buchhandel, Preisträgerin 2021), Dr. Antje Flemming (Behörde für Kultur und Medien), Volker Petri (Börsenverein des deutschen Buchhandels), Prof. Dr. Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg), Frauke Untiedt (Bücherhallen Hamburg) und Katja Weise (NDR Kultur), hatte zehn Buchhandlungen nominiert. Entschieden hat sich die Jury erstmals für drei Preisträger:innen.

Drei kulturelle Herzensorte ausgezeichnet

Die Buchhandlung Seitenweise in Hamm ist eine kleine, feine Buchhandlung und aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken. Unweit der S-Bahn Hasselbrook führt Alexandra Kröger seit 2020 diese Institution im Stadtteil. Trotzdem sind ihre Vorgängerinnen Beatrix Holtmann und Elke Ehlert nicht weg. Sie stehen immer noch regelmäßig hinter dem Ladentisch.

Die Buchhandlung am Sand in Harburg wird seit rund 20 Jahren von Katrin Schmitt und ihrem Mann Georg geführt. In der Hölertwiete haben die beiden und ihr engagiertes Team seit 2020 sogar noch mehr Platz. Der Laden wurde vor zwei Jahren um 150 Quadratmeter, einen ebenerdigen Eingang und eine zweite Kasse erweitert.

„Lesen fängt links an“ ist Motto und Auftrag zugleich für den Buchladen Osterstraße in Eimsbüttel. Seit 1978 ist die Buchhandlung Treff- und Anlaufpunkt für politische Literatur, auch über Eimsbüttel hinaus. Wie auch die Buchhandlung am Sand und die Kolleginnen in Hamm war die Pandemie keine einfache Zeit für das Trio um Torsten Meinicke, Ute Meyer und Bettina Wittich. Aber da geht es ihnen, wie vielen und sie selbst sagten 2021 Frei nach Giuseppe Tomasi di Lampedusa: „Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“

 


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Harry Potter: Magie im Mehr! Theater

Endlich hat sich der Vorhang für „Harry Potter und das verwunschene Kind“ gelüftet: ein ungewöhnliches Theatererlebnis – zwischen Familienkonflikt und anderen dunklen Welten

Text: Hedda Bültmann 

 

Wenn die Fußspuren des Vaters, in die man glaubt treten zu müssen, groß sind, kann es schwer sein, den eigenen Weg zu finden. Das geht nicht nur uns Muggeln so, auch Zauberern – vor allem, wenn der Vater Harry Potter heißt. Neunzehn Jahre nachdem der berühmteste Magier den Kampf gegen das Dunkle gewonnen hat, setzt die Geschichte des verwunschenen Kindes ein. Mittlerweile ist er Vater und sein Sohn Albus ist in Hogwarts, wo er im Schatten seines Vaters nicht glücklich ist. Um sich zu beweisen, reist er in die Vergangenheit und löst so eine Katastrophe aus – doch am Ende rettet er sie alle. Ein typischer, fantastischer Harry-Potter-Plot, durchzogen von einem Generationenkonflikt.

Das Bühnen- und Lichtdesign kreieren die magische Welt von Harry Potter (Foto Manuel Harlan)

Das Bühnen- und Lichtdesign kreieren die magische Welt von Harry Potter (Foto Manuel Harlan)

 

Fantastisch in jeder Hinsicht

 

Eine Geschichte, zwei Teile, sechs Stunden. Klingt zunächst etwas einschüchternd, aber die Geschichte braucht die Zeit. Und sie ist ohne Längen – ganz im Gegenteil: temporeich mit schnellen Schnitten (fast schon filmisch). Das Bühnenbild samt Lichtdesign verändert sich ständig und jedes ist in seiner Wirkung umwerfend. Ebenso die Umsetzung der Harry-Potter-Welt auf die Bühne: sprechende Bücher, Fabelwesen oder Reisen durch die Zeit. Die Szenerie lebt von überraschenden Spezialeffekten und magischen Momenten. Aus dem Nichts erscheinen und verschwinden Gestalten, verwandeln sich und schweben durch den Raum. Allein das würde reichen, um am Ende des Abends beseelt den Saal zu verlassen.

Doch Theater ist natürlich nichts ohne sein Ensemble. Dieses überzeugt durch Spielfreude und beeindruckendes Timing. Und ist optisch – gemessen an den Film-Schauspielern – perfekt gecastet. Es ist ein bisschen so, als gehe man nach Jahren mit alten Freunden auf eine Reise,  die Freunde, mit denen man schon die Harry Potter Filme gesehen hat – alle sind wieder zusammen, nur eben älter. Das Mehr! Theater wurde in 281 Tagen für das Stück umgebaut: Drachenlampen im Saal, Harry-Potter-Teppich, Patronus-Motive an den Wänden und eine zauberhafte Beleuchtung im Foyer. Fazit: fantastisch in jeder Hinsicht.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hier findet ihr schöne Weihnachtsgeschenke

Jedes Jahr die selbe Frage: Was verschenkt man zu Weihnachten? In den folgenden zehn Stores wird man auf jeden Fall fündig – egal ob für den Freund, die Tante oder den Postboten

Text: Isabel Rauhut & Felix Willeke

 

B-Lage

 

In der B-Lage gibt es Mode, Accessoires, Design- und Geschenkartikel (Foto: Parker Burchfield/unsplash)

In der B-Lage gibt es Mode, Accessoires, Design- und Geschenkartikel (Foto: Parker Burchfield/unsplash)

Die B-Lage ist ein Collective Design Store mit Pop Up Fläche im Herzen des Hamburger Schanzenviertels. Der Laden ist eine zentrale Anlaufstelle für die Akteure der lebendigen Start-up-Szene, junge Unternehmen haben hier die Möglichkeit, ihre Produkte und Ideen einer interessierten Zielgruppe vorzustellen und den eigenen Bekanntheitsgrad sowie Marktwert zu steigern. Das Sortiment besteht aus schönen Modestücken und Accessoires sowie Design- und Geschenkartikeln. In der B-LAGE wurden die Produkte ums Franzbrötchen geboren: Neben Socken und Shirts mit Franzbrötchen-Patches gibt es hier Kerzen mit Franzbrötchenduft. Das duftet fein unterm Weihnachtsbaum!

B-Lage, Kampstraße 11, Mo, Mi–Sa 12–18 Uhr

 

Buchhandlung am Mühlenkamp

 

Die Buchhandlung am Mühlenkamp ist ein Spezialist für amerikanische Literatur (Foto: Rosa Krohn)

Die Buchhandlung am Mühlenkamp ist ein Spezialist für amerikanische Literatur (Foto: Rosa Krohn)

„Es wird immer Menschen geben, die Bücher lieben“, sagt der Mitinhaber der Buchhandlung am Mühlenkamp im Interview mit SZENE HAMBURG. Und er hat recht, trotz E-Book und Co. kommt das Buch nicht aus der Mode und erst recht nicht zu Weihnachten. In Hamburg gibt es viele inhabergeführte Buchhandlungen. Hier ist die Beratung super, die Auswahl riesig und es lässt sich noch richtig schön stöbern.

PS: In der Buchhandlung am Mühlenkamp werden neben Büchern am Tresen auch noch Schätze in Vinyl verkauft, denn Mitinhaber Jörg Bauer ist ein großer Blues-Fan.

Buchhandlung am Mühlenkamp, Mühlenkamp 39, Mo–Fr 10–19, Sa 10–18 Uhr

 

Faire Fritzi

 

Bei Fair Fritzi geht es fair und nachhaltig zu (Foto: Laura Lück)

Bei Fair Fritzi geht es fair und nachhaltig zu (Foto: Laura Lück)

Fair ist im Trend und Kathi und Heike haben es gemerkt, könnte man sagen. Aber Faire Fritzi ist mehr als ein Store mit fair produzierten Lieblingsprodukten von Mode bis Interior. Seit Anfang 2020 gibt es den kleinen Laden in Eimsbüttel und mittlerweile ist dieser mit seiner großen Stammkundschaft schon ein echter Nachbarschaftstreff. Bald sollen auch Events für die Fritzi-Community dazu kommen. Doch erst einmal heißt es: hingehen, entdecken und verzaubern lassen.

Faire Fritzi, Osterstraße 136, Mo–Sa 11–18 Uhr

 

Men’s Needs

 

Regional, nachhaltig und von Männern für Männer, das ist Men’s Needs (Foto: Men’s Needs)

Regional, nachhaltig und von Männern für Männer, das ist Men’s Needs (Foto: Men’s Needs)

Lifestyle, Genuss und Gemeinschaft, Men’s Needs präsentiert ein Sortiment aus regional und nachhaltig produzierten Waren und Unikaten. Weine und Spirituosen, Bar- und Küchenzubehör, Feinkost, Zigarren, Textilien, Lederwaren, Accessoires, Lautsprecher und Kopfhörer, Bart- und Körperpflegeprodukte bis hin zu Spielzeugen, Möbeln und Interieur bilden das Sortiment. In gemütlicher Lounge-Atmosphäre bei Kaffee, Bier oder Glühwein können hier Weihnachtsgeschenke geshoppt werden.

Men’s Needs, Valentinskamp 18, Mo–Fr 10–19, Sa 10–16 Uhr

 

Matter – Urban Market

 

Matter ist ein Urban Market, wie er im Buche steht, hier findet sich fast alles (Foto: matter urban market)

Matter ist ein Urban Market, wie er im Buche steht, hier findet sich fast alles (Foto: matter urban market)

Seit Oktober 2020 ist in der Schlankreye ein toller Store beheimatet: Im „Matter – Urban Market“ findet man auf 230 Quadratmetern ein vielfältiges Sortiment aus Mode, Sneakern und Lifestyle, Papierwaren und Wohnaccessoires, Food, Spirituosen und Kunst. Ein integriertes Café sorgt für eine schöne Portion Gemütlichkeit und macht das Shopping-Erlebnis rund um schön.

Matter – Urban Market, Schlankreye 71, Mo–Fr 11–19, Sa 11–17 Uhr

 

Nostalgie Shop

 

Bei Jürgen Schewior gibt es das Beste aus drei Jahrzehnten und jetzt auch österreichischen Rockabilly-Wein (Foto: Rosa Krohn)

Bei Jürgen Schewior gibt es das Beste aus drei Jahrzehnten und jetzt auch österreichischen Rockabilly-Wein (Foto: Rosa Krohn)

Rock ’n’ Roll ist ein Lebensgefühl und der Nostalgie-Shop in Hamburg-Dulsberg ist der perfekte Ort für die Liebhaber der 1940er-, 50er- und 60er-Jahre. Hier findet sich alles, was das nostalgische Herz begehrt: Antiquarische Möbelstücke und vor allem neu produzierte Mode im Stil der Zeit. Darunter Collegejacken aus echtem Leder, die gute alte Blue Jeans und elegant geschnittene Kleider im Stil der Swinging Sixties. Natürlich gibt’s auch Platten mit den guten alten Klassikern.

Nostalgie Shop, Dithmarscher Straße 46, Di–Fr 15–19, Sa 11–15 Uhr

 

Oak Store

 

Bei Oak gibt’s aktuelle Mode von Sneakern bis zum Blouson (Foto: Malte Helmhold/unsplash)

Bei Oak gibt’s aktuelle Mode von Sneakern bis zum Blouson (Foto: Malte Helmhold/unsplash)

Sneaker und  sind im Trend?! Wer das noch nicht mitbekommen hat, für den ist es höchste Zeit, sich bei Oak umzusehen – und erst recht, wenn in der Familie die News auch noch nicht durchgedrungen ist. Denn Oak hat alles: Von internationalen Marken wie Carhartt bis zu fairer Kleidung wie den Schuhe von Veja. Strores gibt es in Ottensen und in Eimsbüttel, also auf geht’s.

Oak Store, Bahrenfelder Straße 130 & Osterstraße 175, Mo–Fr 11–20, Sa 10–19 Uhr

 

Porzellanfräulein

 

Im Porzellanfräulein kann Porzellan ganz individuell gestaltet werden (Foto: Andreas Sibler)

Im Porzellanfräulein kann Porzellan ganz individuell gestaltet werden (Foto: Andreas Sibler)

Do it yourself ist im Trend und selbst gemachte Geschenke sind doch bekanntlich auch die schönsten. Genau deswegen lohnt sich ein Besuch beim Porzellanfräulein. Hinter diesem Laden versteckt sich ein besonderes Konzept: Kunden können ihre Keramiktassen, -teller und Co. selbst bemalen. Die Porzellanfräuleins glasieren und brennen die fertig bemalten Keramiken anschließend und nach nur einer Woche sind die Kunstwerke abholbereit. Also gibt’s in diesem Jahr eine neue Salatschüssel für Papa und eine Vase für Mama.

Porzellanfraeulein, Preystraße 8, Mi 14–19, Do 10–19, Fr 14–19, Sa–So 11–18 Uhr; Donnerstags sind Terminabsprachen bis 22 Uhr möglich

 

 

Werte Freunde

 

Nachhaltige Geschenke gibt’s bei Werte Freunde (Foto: Lena Scherer, Hamburg)

Nachhaltige Geschenke gibt’s bei Werte Freunde (Foto: Lena Scherer, Hamburg)

In der Nähe des Rödingsmarktes gibt es eine große Auswahl an Naturkosmetik und Eco Fashion. Werte Freunde legt nicht nur Wert auf die Kundschaft, sondern Janine Werth bietet in ihrem Geschäft auch exklusive Kosmetikbehandlungen wie auch Workshops und Events an, bei denen sich alles um den grünen Lifestyle dreht. Ansonsten gibt es auf 350 Quadratmetern Mode von über 70 Marken wie Armedangels, Jan ’n June oder People Tree. Dazu kommen Naturkosmetikprodukte von Dr. Hauschka oder Tata Harper.

Werte Freunde, Großer Burstah 42, Mo–Fr 11–19, Sa 11–18 Uhr

 

Zardoz Records

 

Musikauswahl at it’s best bei Zardoz Records (Foto: Noemi Smethurst)

Musikauswahl at it’s best bei Zardoz Records (Foto: Noemi Smethurst)

Dieser Laden hat Geschichte: Seit über 30 Jahren ist Zardoz Records einer der führenden Hamburger Platten-Vollsortimentern. Sie bieten nahezu jede musikalische Richtung: von gängigem Mainstream bis zu total einmalig. 2018 sind sie in die Martktraße 55 umgezogen und haben sich noch einmal komplett neu sortiert. Geblieben sind dabei aber die weiterhin große Auswahl und die exzellente Beratung. Es ist also egal, ob es die alte Led Zeppelin-Platte für die Mutter oder das neue Album von Adele für den Sohn sein soll, hier findet man alles.

Zardoz Records, Marktstraße 55, Mo–Fr 12–18, Sa 11–18 Uhr


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Leseempfehlungen: 4 Bücher für die Auszeit

Jetzt ist die Zeit zum Lesen. Sich entspannen und in eine fremde Welt entfliehen geht hervorragend mit diesen vier Büchern

 

Herzklappen von Johnson & Johnson

Vom Theater des Lebens

 

Wie der kanadische Soziologe Erving Goffman schon klarstellte: Wir alle spielen Theater. Das Bild unserer Identität wird auf der Bühne des Lebens sichtbar, wir pflegen unser Image, nur auf der Hinterbühne dürfen wir aus der Rolle fallen. So verhält es sich auch in der Familie der kleinen Alma aus Valerie Fritschs neuem Roman „Herzklappen von Johnson und Johnson“.

herzklappen-fritsch-coverDie Kindheit des Mädchens ist durchsetzt von quälender Sprachlosigkeit, ihre Eltern und Großeltern scheinen eigens für sie Theater zu spielen. Insbesondere ihr Großvater beansprucht das Schweigen für sich: „Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und Danach geteilt.“ Erst im Erwachsenenalter entwickelt Alma eine „späte Liebe“ zu ihrer Großmutter, die das Schweigen der Familie bricht und über die Kriegsverbrechen des Großvaters berichtet.

Alma, inzwischen Ehefrau und Mutter, fasziniert die Leidensgeschichte der Großmutter. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, ihr Sohn Emil könnte ebenso kalt und berechnend werden wie der Großvater – zumal Emil mit einem Gendefekt zur Welt kommt, der ihn keinen Schmerz spüren lässt. Wie kann man jemandem, der sich zu Demonstrationszwecken Stifte in den Arm rammt, das Schmerzempfinden anderer Menschen nachvollziehen lassen? Hier setzt sich das Theaterstück auch in der vierten Generation fort: Emil inszeniert, er lernt auswendig und setzt in den passenden Momenten ein schmerzverzerrtes Gesicht auf.

Fritsch besticht mit ihrer altmodischen und lakonischen Sprache. Die von der Grazer Autorin und Fotografin entworfenen Szenen sind wie vergilbte Polaroidfotos, welche die skurrilen Momente mit präzisem Blick umso klarer aufzeigen. Am Ende steht der große Aufbruch bevor, die Suche nach dem Ursprung des Familienschmerzes. Fritsch arbeitet hierbei mit kräftigen, mystischen, teils dystopischen Naturbeschreibungen. „Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Lebensrollen, über Empathie und vererbtes Schweigen. Fritsch selbst wird dabei ihrer Rolle als Schriftstellerin mehr als gerecht – mit eindringlichen Motiven und ungewöhnlichen Sprachbildern. Nach dem Zuklappen möchte man den Roman noch einmal lesen, die Sätze aufsaugen, wie ein Gedicht auswendig lernen und im Geiste nachhallen lassen.

/ Ingrun Gade

Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhr- kamp, 174 Seiten

 

Fehlstart

Houellebecqs Erbin?

 

Marion Messinas Debütroman „Fehlstart“ wurde verkaufsfördernd als das neue „Ausweitung der Kampfzone“ angekündigt. Die Berechtigung des Houellebecq-Vergleichs liegt im Thema: die Übertragung der ökonomischen Marktlogik auf andere Lebensbereiche.

fehlstart-coverAurélie ist 18, als erste aus ihrer Familie hat sie das Abitur gemacht. Das Studium entpuppt sich für sie als trostlose Angelegenheit. Aurélie kann sich nicht einfügen, sie beherrscht nicht den Habitus der vergnügungssüchtigen „Bürgerkinder“ mit „netten Gesichtern ohne Zukunftsangst“. Messina beschreibt pointiert und kühl die Anarchie des Wohnungsmarktes, die unterschwelligen Codes des Bürgertums, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt gehören, die Lieblosigkeit der Fun-Kultur und die Selbstausbeutung des akademischen Prekariats.

Leider opfert sie im Laufe ihres Romans die Form der politischen Botschaft. Die Analysen werden unmotiviert in die Monologe der Nebenprotagonisten gepresst, die Sprache wird unpräzise, Messina greift auf schwammige Superlative („grenzenlos“) zurück. Die schlafwandlerische Klarheit, die in Houellebecqs boshafter, gekonnter Mischung aus Erzählung und essayistischen Exkursen liegt, hat Messina nicht.

/ Ulrich Thiele

Marion Messina: „Fehlstart“, Hanser, 168 Seiten

 

 

Ganz nebenbei

Woody Allens Memoiren

 

Was für ein Wirbel: Menschen protestierten, Autoren boykottierten, der amerikanische Verleger stoppte die Veröffentlichung. Der Rowohlt Verlag hingegen publizierte trotz des Protests einiger seiner Autoren. „Apropos of Nothing“, in der deutschen Variante: „Ganz nebenbei“ – passend zum koketten Understatement des New Yorker Filmemachers Woody Allen. Sein Nimbus als Drehbuchautor und Regisseur ist – unabhängig von den privaten Anschuldigungen – unbestritten. Umso neugieriger stürzten sich Kritiker wie Fans auf sein Werk.

woody-allenEines vorweg: Das Buch ist eine Verweigerung aller modernen Lesegewohnheiten. Es gibt keine Kapitel, keine Zwischenüberschriften, nur Absätze und alle 30 bis 40 Seiten auch mal ein Initial. Woody Allen mutet dem Leser durchaus was zu. Doch schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, dass er sein Handwerk – das Schreiben – versteht.

Es ist, als säße Woody Allen vor einem, an seinem Schreibtisch, in seinem Appartement in Manhattan, an seiner geliebten Olympia-Schreibmaschine: „Ich schweife wieder ab.“. „Wo war ich stehengeblieben?“ Allen schreibt wie er denkt – und so liest sich das Buch: sprunghaft, witzig, launisch. Mal ist er misanthropisch, mal euphorisch, mal herablassend, mal vernichtend.

Wer auf neue Erkenntnisse zum Missbrauchsvorwurf hofft, wird enttäuscht: Auf etwa 50 Seiten kaut Allen seinen bereits bekannten Standpunkt noch einmal ausführlich wieder. Ansonsten führt er in kurzen, griffigen Sätzen durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit in Brooklyn. Viele Fragen werden anekdotisch beantwortet: Was treibt ihn an? Welche Frauen mochte er? Wer hatte Einfluss auf seine Filmkarriere? Welche Filmdrehs mochte er? Welche nicht? Das ist stellenweise trivial, dann wieder bewegend, hin und wieder auch deplatziert – aber stets in charmantem Allen-Stil vorgetragen. Wer eine kritische oder gar intellektuelle Selbstreflexion erwartet, wird enttäuscht. Wer schlichtweg eine fiese und zugleich unterhaltsame Erzählung eines „zum Filmemacher mutierten Witzboldes“ erwartet, wird seine Freude haben.

/ Marco Arellano Gomes 

Woody Allen: „Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag, 448 Seiten

 

 

Naturtrüb

Dadaistisches Bandtagebuch

 

Ei, ei, ei! Eigentlich ist damit das Buch schon ganz gut zusammengefasst. Tatsächlich ist überdurchschnittlich häufig die Zubereitung von Eierspeisen Thema dieser Sammlung abwechselnd geschriebener Tagebucheinträge mit dem schönen Titel „Naturtrüb“. Naturtrüb ist ja quasi das back to nature des kleinen Mannes, und auch die vier Männer über 50 – als da wären „Reverend“ Christian Dabeler, Timur Mosh Çirak, Gereon Klug und Maurice Summen – haben sich selbst für einige Tage in die Natur zurückgezogen, um eine Band zu gründen. Was erst mal etwas heikel klingt, gestaltet sich erfreulicherweise viel weniger schmierig als ihr Bandname OIL. Im Gegenteil, eher etwas trocken, geradezu sandig rieseln die vielen subjektiven Eindrücke ins Getriebe der Bandgründung und bringen sie hier und da ins Stocken.

naturtrübZu Beginn kreisen die Gedanken noch um die anderen Bandkollegen: „Er (Reverend Christian Dabeler, Anm. d. Red.) will das Sagen haben, den Hut aufhaben, ist Macher und Bestimmer. Das kommt aus seiner Jugend. Alles kommt aus seiner Jugend. Sein beschränkter Musikgeschmack, sein Essensgeschmack, sein Stilgeschmack. Alles hat sich seit seiner Adoleszenz nicht mehr verändert. Und er ist stolz darauf, hält Blues für die Wiege der Menschheit und Wurzel von allem.“ Doch mit der Zeit werden die Gedanken deeper: „Ich kann gar nicht mehr schnell gehen. Ich hab es mir irgendwann abgewöhnt, vielleicht aus Snobismus. Sich wie ein Dienstbote beeilen zu müssen, ist einfach nur grauenvoll. Selbst beim Autofahren stelle ich mir lieber vor, ich würde stillstehen und die Welt um mich herum bewegt sich wie Weltraumschrott an mir vorbei. Das beruhigt mich“, schreibt besagter Reverend an einer Stelle.

Und dann ist da ja noch die Bandhündin Emma, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt … Am Ende entstehen Songs mit Titeln wie „Derogation“, „Frack it“ oder „Wichsbold“, und man muss die Musik nicht mögen – aber das Buch, begleitet von diversen Zeichnungen, die den ganzen Wahnsinn dieser Unternehmung bebildern, geht direkt ins (Tomaten-)Mark der eigenen nichtigen Existenz.

/ Julia Kleinwächter

Die Gruppe OIL: „Naturtrüb“, Verbrecher Verlag, 224 Seiten


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Die Welt von Gestern: Severus Verlag feiert Jubiläum

Messen wurden abgesagt, Neuveröffentlichungen verschoben. Grund genug, die weite Welt des Vergangenen zu entdecken – zum Beispiel im Sortiment des Severus Verlags, der sein 10. Jubiläum feiert

Interview: Ulrich Thiele

 

Am 8. Mai 2010 wurde der Severus Verlag als Imprint der Bedey Media GmbH gegründet. Dennoch feiert er seinen 830. Geburtstag, wie er ironisch verkündet, denn in seinem Sortiment stehen auch mittelalterliche Werke wie die altbretonischen Liebes-Sagen „Die Lais der Marie de France“. Severus hat es sich zur Aufgabe gemacht, bekannte und vergessene Originaldokumente aus dem Fundus des letzten Jahrtausends in edlen Ausgaben neu zu verlegen. Eine bewusste Entscheidung „gegen den Trend der Zeit, Inhalte und Themen möglichst schnell und oberflächlich abzuhandeln“, wie es in der Selbstbeschreibung des Verlags heißt. Ein Gespräch mit Programmleiterin Anna Klöhn.

 

SZENE HAMBURG: Frau Klöhn, was bietet uns die literarische Welt von gestern?

Anna Klöhn: Einblicke in die Gedankenwelt unserer Vorfahren. In alten Büchern können wir hautnah erfahren, wie sie lebten und die Welt beurteilten. Gerade aus heutiger Perspektive ist das ungeheuer spannend.

Inwiefern?

Wir können zum Beispiel in Rudolf Diesels Tagebuch ganz dicht an seinen Gedanken während der Erfindung des Dieselmotors sein. Auch das Thema Entschleunigung ist momentan ja in aller Munde – diesbezüglich können wir viel von dem norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen lesen und lernen. Er hat als erster Mensch Grönland durchquert und seine ganzen Forschungen in drei Bänden herausgebracht. Darin können wir Seite für Seite lesen, wie Menschen früher wochenlang und unter schwierigsten Bedingungen gereist sind.

Heute ist die Welt längst vermessen worden, wir können in wenigen Stunden auf einem anderen Kontinent sein oder die Welt im Internet mit einem Klick durchreisen – was alles natürlich seinen Reiz hat, aber da fehlt das Ursprüngliche.

Welche alten Bücher sind besonders beliebt?

Kochbücher aus dem 19. Und 20. Jahrhundert haben seit zwei Jahren einen großen Anreiz bei unseren Lesern. Momentan kommt der Trend „Kochen und Backen wie zu Omas Zeiten“ wieder auf. 2016 haben wir angefangen, das Hamburger Kochbuch von Hulda Behnke aus dem Jahr 1923 neu aufzulegen – mit Hamburger Gerichten wie „Teufelstunke“ und „Rührei auf andere Art“.

 

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„Bücher sind Schätze“, sagt Anna Klöhn (Foto: Henry Be via Unsplash)

 

Ihre Neuauflagen sind sehr aufwendig. Wie gehen Sie vor – zum Beispiel bei Marx’ „Das Kapital“?

Das Besondere an unserer „Kapital“-Ausgabe ist, dass wir uns das Hamburger Original ausgesucht haben, also den allerersten Band. Wir besorgen uns die Bücher in der Regel selbst aus Antiquariaten und scannen sie ein. Wir haben ein Programm, mit dem die Frakturschrift dann übertragen wird. Anschließend überprüfen wir, was man an die heutige Rechtschreibung anpassen und was man so stehen lassen kann.

Im Hamburger Kochbuch gibt es zum Beispiel Mengenangaben, die es heute nicht mehr gibt. Das müssen wir in Fußnoten erläutern. Wenn das Lektorat durchgelaufen ist, gucken wir, wie wir die Bücher noch optisch aufwerten können – zum Beispiel durch eigens angefertigte Illustrationen wie in „Vegetarische Zeitreise“. Das ist unser Markensymbol: Wir geben uns große Mühe mit der Ausstattung der Bücher und füttern sie zusätzlich mit Bildmaterial. Und dann setzen wir sie ganz klassisch und entwerfen gleichzeitig ein passendes Cover.

Wie lange dauert das?

„Das Kapital“ ist natürlich sehr umfangreich, die Produktion hat entsprechend länger als normal gedauert. Bei einem Buch mit einem Umfang von 150 bis 300 Seiten dauert es zwischen drei und fünf Monaten, bis es auf den Markt kann. Was auch daran liegt, dass wir mehrere Projekte gleichzeitig betreuen.

Viele Ihrer Bücher haben Nischencharakter. Finden Sie trotzdem genug Leser?

Ja, auch Nischenthemen haben ihre Liebhaber. Außerdem achten wir immer auf anstehende Jubiläen, zu denen wir etwas beisteuern können. Gerade ein Schriftsteller wie Theodor Storm hat eine breite Leserschaft, die an Schmuckausgaben von Büchern interessiert ist, die es schon auf dem Markt gibt.

Wie entscheiden Sie, welche Jubiläen Sie aufgreifen und welche Sie auslassen?

Wir achten auf die Beliebtheit des Jubilars und oft auch auf den regionalen Hamburg-Bezug. Der Hamburger
Schriftsteller Wolfgang Borchert hatte auch gerade ein Jubiläum, zu dem Anlass haben wir seine bekanntesten Werke in liebevoller Gestaltung und aufeinander abgestimmten Ausgaben neu aufgelegt.

 

Ein anderes Leseerlebnis

 

Warum fokussieren Sie sich so stark auf die Haptik?

Unser Prinzip lautet: Bücher sind Schätze. Ich finde es sowieso spannend, antiquarische Bücher in der Hand zu halten, weil man ihnen ansieht, dass das Büchersetzen früher ein richtiges Handwerk war. Die Seiten wurden aufwendig mit Pergamentseiten dazwischen gestaltet. Oder es gab besondere Ledereinbände, was sich heute kein Verlag mehr leisten kann, weil die Kosten zu hoch sind. Wir streben an, diesen haptischen Reiz weiterhin zu erhalten – nur eben auf die heutige Zeit angepasst.

Legen Sie auch mal Bücher auf, von denen Sie wissen, dass sie sich nicht groß rentieren werden?

Ja, mein persönliches Faible zum Beispiel: Kunstbände. Ich komme aus der Romanistik und habe im Nebenfach Kunstgeschichte studiert. Wir haben Bände über Auguste Rodin, Edgar Degas oder Worpswede neu aufgelegt, obwohl zum Jubiläum schon welche veröffentlicht wurden und wir nicht wussten, ob es sich finanziell lohnt, sie noch mal neu aufzulegen.

Aber gerade Bildbände bieten ganz viel Gestaltungsfreiraum, der einfach verlockend ist. Manchmal probieren wir auch Nischenthemen aus, ohne einschätzen zu können, wie gut sie ankommen. Vor ein paar Jahren haben wir Märchen aus aller Welt veröffentlicht, mit japanischen und altindischen Märchen. Viele kennen ja nur die gängigen Märchen der Brüder Grimm oder von Andersen und wir wollten den Blick erweitern.

Liest man schöne Bücher anders?

Ja, ich denke schon. Manche Titel, die besonderes Interesse erregen, bringen wir auch als E-Book heraus. Ich merke dabei immer, dass es ein enormer Unterschied ist, ob man Bücher digital oder analog liest. Selbst zwischen Paperback und Hardcover gibt es einen großen Unterschied. Das ist ein anderes Leseerlebnis.

Warum heißt Ihr Verlag eigentlich „Severus“, also übersetzt „ernst“ oder „streng“?

So fing es damals an. Ganz ursprünglich hatten wir eine Reichskanzlerserie, die wir inzwischen ein bisschen zurückgestellt haben. Der Schwerpunkt war früher historisch-politisch und der Verlagsname spielt auf den damaligen Tonus an. Die Auffächerung mit mehr Literatur, Kunstbänden und Biografien von Künstlern und Musikern im Programm, folgte erst später.

Zum 75. Todestag der Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz beleuchtet der Severus Verlag auf seiner Facebook-Seite die Werke der Künstlerin in einer digitalen Werkstatt


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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