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„Man muss das Gras wachsen hören“

Kathrin Kohlstedde ist seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg verantwortlich. Im Interview erzählt sie, wie magische Momente entstehen und warum Kinos nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden

Interview: Andreas Daebeler

 

SZENE HAMBURG: Frau Kohlstedde, seit 1999 sind Sie Programmleiterin beim Filmfest Hamburg. Ein Traumjob?

Kathrin Kohlstedde: Als ich während meines Studiums in einem Kino jobbte, hatte ich das große Glück, zum ersten Mal auf ein Filmfestival reisen zu dürfen. Das war das Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Dort habe ich den Zauber und die Kraft kennengelernt, die von Filmfestivals ausgeht und die mich seit jeher motiviert und begeistert.

Was macht das Filmfest Hamburg zu einem besonderen Festival?

Das Publikum sieht Filme, die es sonst selten im Kino sieht und trifft auch noch auf die Filmschaffenden. Filme werfen Fragen auf und Themen provozieren. Wir suchen im Gespräch danach im Foyer oder in der Bar nach Antworten. Das macht das Filmerlebnis so nahbar, fordert und formt die eigene Offenheit für Neues und macht das Leben eines jeden ein Stück reicher. Diese Magic Moments versuchen wir beim Filmfest Hamburg zu schaffen, und gemeinsam mit unseren internationalen Gästen und einem großartigen, neugierigen Publikum gelingt uns das glaube ich auch seit einigen Jahren sehr gut.

 

Nachhaltigkeit gegen Schnelllebigkeit

 

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Die Branche ist schnelllebig. Es geht oft darum, auf den letzten Drücker produzierte Streifen noch ins Programm zu bekommen. Was ist Ihr Geheimnis, tatsächlich die neuesten Filme in Hamburg an den Start zu bekommen?

Der Schnelllebigkeit setzten wir nachhaltige Beziehungen entgegen. Über das Jahr hinweg pflegen wir ein Netzwerk zu Filmschaffenden und Lizenzgebern, denen wir Respekt schenken und sie wertschätzen. Sie wissen, dass das ehrlich gemeint ist und so geben sie auch gern die Filme nach Hamburg. Als Programmer:in muss man aufmerksam sein, das Gras wachsen hören und furchtlos sein. So kommen die aufregenden neuen Film ins Programm. Der Charme von Hamburg tut sein Übriges, dass alle gerne mit ihren Filmen kommen.

Corona hat die Kinobranche stark getroffen. Glauben Sie, dass klassische Filmtheater nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden?

Absolut. Ich glaube, diese immer noch andauernde Ausnahmezeit hat den Wunsch nach Fokussierung verstärkt, nach nachhaltigen Erlebnissen in guter Gemeinschaft. Das bietet das Kino, wenn es gut geführt ist, aufs Beste.

In Hamburg wird der Douglas Sirk Preis vergeben. Das beschert unserer Stadt prominente Besucher wie Tilda Swinton, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, François Ozon, Kim Ki-Duk oder Julian Schnabel. Welche dieser Begegnungen hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Es ist für uns und unser Publikum immer eine große Ehre, wenn die Preisträger:innen nach Hamburg kommen. Alle Verleihungen waren besonders, viele unvergesslich. Ich persönlich finde die Begegnung mit Regisseur:innen spannend. Da hab ich das Gefühl, dass sie uns mit den Filmen viel mehr Einblick in ihre Seele geben, schließlich dürfen wir die Welt für einen Moment durch ihre Augen sehen.

 

„Der Film ist eine Wucht“

 

Hamburg in allen Ehren, aber es gibt auch andere Festivals, die das Kino feiern. Welches schätzen Sie besonders?

Cannes, das ist wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag zusammen. Es ist das unumstritten wichtigste Festival, das im Mai die Filme zeigt, die die Maßstäbe für das Kinojahr setzen. Dort ist die gesamte Filmbranche versammelt und Frankreich schätzt und feiert das Kino wie kaum ein anderes Land. Das ist für uns der Moment, die besten Filme nach Hamburg zu bringen und zu wissen, was das Filmjahr noch so bringen wird.

Was war der letzte richtig gute Film, den Sie gesehen haben?

Gerade vor zwei Tagen war das: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf. Der Film ist eine Wucht. In drei Stunden zeigt er uns all das, was Kino kann und warum Film so einzigartig ist. Ganz große Empfehlung.


 Die SZENE HAMBURG Lichtspiele 2021/2022 ist seit dem 11. Dezember 2021 im Handel und im Online Shop erhältlich!

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Horror zum Jahresstart: „Lamb“

„Lamb“ ist ein Mystery-Drama in isländischer Einsamkeit. Die Verbindung von schmerzhaft-realistischem mit dem Fantastischen und Bizarren erzeugt Unbehagen – perfekt für die richtige Portion Mystery und Horror an kalten Wintertagen

Text: Christopher Diekhaus

 

Die Wolken sind dicht und grau. Bergketten ragen bedrohlich auf. Spuren größerer Siedlungen sucht man vergeblich. Valdimar Jóhannssons Regiedebüt „Lamb“ spielt irgendwo im kargen isländischen Nirgendwo und erzählt in einschüchternd-wuchtigen Bildern von einem Ehepaar, das eben dort, am gefühlten Ende der Welt, eine kleine Schafzucht betreibt. Die harte Arbeit bestimmt den Alltag. Und oft liegt ein Schweigen über dem Hof, das nicht zuletzt von einem schrecklichen Verlust herrührt. María (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason) haben, wie der Zuschauer mit etwas Verzögerung erfährt, ihr Kind verloren.

 

Eine Mischung aus Tier und Mensch

 

Umso größer ist das Staunen, als sich bei der Geburt eines Lamms plötzlich eine zweite Chance auf elterliches Glück ergibt. Dass es sich bei dem kleinen Wesen um eine Mischung aus Tier und Mensch handelt, was der Film ebenfalls nur schrittweise preisgibt, stört die beiden Bauern nur wenig. Anders als Ingvars Schwierigkeiten magisch anziehenden Bruder Pétur (Björn Hlynur Haraldsson), der sich vorübergehend bei ihnen einquartiert und seine Verwunderung über die seltsame Kreatur deutlich zum Ausdruck bringt.

 

Stimmungsvolle Bilder

 

„Lamb“, zurecht mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet (Foto: Koch Films)

„Lamb“, zurecht mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet (Foto: Koch Films)

Das in Cannes uraufgeführte, provokativ entschleunigte, ein diffuses Unbehagen erzeugende Mystery-Drama verbindet auf überraschend gelungene Weise das Schmerzhaft-Realistische mit dem Fantastischen und Bizarren. Angesichts der schrägen Familienkonstellation könnte die Handlung leicht ins Lächerliche kippen. Jóhannsson und Co-Autor Sjón ziehen aus ihrer Geschichte aber unerwartet berührende Momente und erleichtern es einem dadurch, sich auf das eigenwillige Szenario einzulassen. Dass die beim Europäischen Filmpreis für ihre visuellen Effekte ausgezeichnete Debütarbeit ihrem eindringlichen Aufbau im überhastet wirkenden Schlussdrittel nicht gerecht wird, ist sicherlich schade. Der insgesamt starke Sinn des Regisseurs für stimmungsvolle Bilder entschädigt aber für eine abrupte Auflösung, in der die Rache der Natur am Menschen ein wenig plakativ zum Vorschein kommt.

 

„Lamb“, Regie: Valdimar Jóhannsson. Mit Noomi Rapace, Hilmir Snær Guðnason, Björn Hlynur Haraldsson. 106 Min. Ab dem 6. Januar 2022 in den Kinos

Einen Vorgeschmack gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Lamb“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Adam“: eintauchen in das marokkanische Kino

„Adam“ ist ein sanfter Film über die Härten des Lebens, der einen in die selbstbewusste Welt des weiblichen marokkanischen Kinos eintauchen lässt

Text: Marco Arellano Gomes

 

Wundervolles Kino: „Adam“ (Foto: Grandfilm)

Wundervolles Kino: „Adam“ (Foto: Grandfilm)

Unverheiratet, schwanger, arbeitslos – das sind die drei Zutaten, die auch in Marokko ein schweres Los versprechen. Die junge Samia (Nisrin Erradi) trägt ihren kugeligen Babybauch durch die Straßen der Großstadt Casablanca, auf der Suche nach Arbeit, auf der Flucht vor den Urteilen der eigenen Familie und Freunden. Sie klopft sich von Tür zu Tür, bietet sich als Haushaltshilfe, Pflegekraft, Babysitterin an, erhält aber die immer gleiche Antwort: „Nein, kein Bedarf.“ Auch die alleinerziehende Mutter Abla (Lubna Azabal), die seit dem Tod ihres Mannes eine kleine Bäckerei betreibt und allein ihre quirlige, achtjährige Tochter Warda (Douae Belkhaouda) erzieht, weist die junge zunächst Frau ab. Als sie aus dem Fenster blickend sieht, wie Samia erschöpft auf einer Treppenstufe Platz nahm, bittet sie sie doch hinein. Die kleine Warda schließt die Fremde sofort ins Herz – und schafft es, auch ihre Mutter zu erweichen, ihr eine Chance zu geben. Samia entpuppt sich als talentierte Bäckerin und bringt das Geschäft mit ihren Rziza (eine Art marokkanischer Crêpes) rasch voran. Das Eis zwischen den beiden Frauen schmilzt dahin, die anfängliche Distanz weicht anerkennender Freundschaft. Doch je näher die Geburt des Kindes heranrückt, desto drängender stellt sich die Frage, wie eine Zukunft aussehen kann.

 

Ein Film zum Sich-Verzaubern-Lassen

 

„Adam“ ist ein sanfter Film, der viel Menschlichkeit zeigt und mit der Geschichte zweier Frauen und ihren Alltagssorgen in einer patriarchal geprägten Gesellschaft tief berührt. Regisseurin Maryam Touzani wird als neue weibliche Stimme des marokkanischen Kinos bezeichnet. Es ist eine selbstbewusste, smarte, einfühlsame Stimme, voller Bewusstsein für die Stärke von der Subtilität und Sinnlichkeit alltäglicher Handlungen – und einer Neugier für die Gefühlswelt der Charaktere, die sie mit der Kamera gekonnt einfängt. Das ist auch in Cannes aufgefallen, wo ihr Regiedebüt in der Rubrik „Un Certain Regard“ lief. Mehrfach auf Filmfesten ausgezeichnet, ging „Adam“ sogar als marokkanischer Beitrag ins Oscar-Rennen 2020 ein. Ein Film zum Eintauchen und Sich-Verzaubern-Lassen.

„Adam“, Regie: Maryam Touzani. Mit Lubna Azabal, Nisrin Erradi, Douae Belkhaouda. 98 Min. Seit dem 9. Dezember in den Kinos

 

Appetit? Hier gibt’s den Trailer zu „Adam“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Roter Teppich wird wieder ausgerollt: Filmfest Hamburg startet

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 wird in Hamburg wieder der rote Teppich ausgerollt. Das diesjährige Filmfest verspricht hochkarätige Filme. Eröffnet wird mit „Große Freiheit“, der in Cannes Premiere feierte

Text: Marco Arellano Gomes

 

Schau! Wow! heißt es im of­fiziellen Trailer des Filmfest Hamburg 2021. Der Trailer vom finnischen Regisseur Ma­tias Autio ist inspiriert „von einer Autowerkstatt im Osten Helsinkis“, in der einst Zigaretten und Alkohol an minder­ jährige Teenager vertickt wurden. Den Nervenkitzel samt schweißnassen Händen wollte der Regisseur im Trailer transportieren. Das ist ihm gelungen. Die Vorfreude steigt. Das Publikum besucht wieder fleißig die Kinos – fehlt nur noch das alljährliche Highlight: das Filmfest Hamburg.

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 ist es so weit: Der rote Teppich wird wieder ausgerollt, Stars und Sternchen sind zu Besuch und das Publikum bekommt eine erlesene Filmauswahl zu sehen, darunter einige Premie­ren. 100 Produktionen stellten Filmfest-­Leiter Albert Wieder­spiel und sein Team zusam­men. Eröffnet wird das Fest mit „Große Freiheit“ von Sebastian Meise, Gewinner in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“. Der Film handelt von der Kriminalisierung Homo­sexueller im Nachkriegsdeutsch­land – einem bislang wenig be­achteten Thema im deutschen Film. Hauptdarsteller ist Franz Rogowski. Im Film spielt er Hans, der im Gefängnis auf den Zellengenossen Viktor (Georg Friedrich) trifft, einen verurteilten Serienmörder. „Ge­rade heute, wo die Intoleranz zunimmt, müssen wir aus der Geschichte lernen“, sagt Fes­tivalleiter Albert Wiederspiel.

 

Viele weitere Highlights

 

Auch die weiteren Filme versprechen einen filmreifen Start in den Kinoherbst: „Die Geschichte meiner Frau“ von Berlinale-Preisträgerin Ildikó Enyedi („Körper und Seele“) wurde in Teilen in der Ham­burger Speicherstadt gedreht. Hauptdarstellerin Léa Seydoux spielt auch im Film „France“, der ebenfalls in Cannes aufge­führt wurde. Darin wird die Ge­schichte der Starjournalistin France de Meurs erzählt, deren Leben außer Kontrolle gerät. Produziert wurde Bruno Du­monts Film unter anderem auch von der Hamburger Produk­tionsfirma Red Balloon Film.

Weitere Highlights: Andrei Kon­chalovskys Film „Dear Com­rades!“, „Töchter“ von Nana Neul, „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“, produziert von Fatih Akins Bombero Interna­tional und The Match Factory. Viel­ versprechend sind zudem „Hinterland“ von Oscarpreisträ­ger Stefan Ruzowitz­ky („Die Fälscher“) sowie „Niemand ist bei den Kälbern“ mit der für ihre Leistung ausgezeichneten Darstellerin Saskia Rosendahl („Fabian – oder Der Gang vor die Hunde“).

„Wir freuen uns, dass so viele ausgezeichnete Filme ihre Deutschlandpremieren in Hamburg feiern“, so Wieder­spiel. Festivalkinos sind Aba­ton, Cinemaxx Dammtor, Me­tropolis, Passage und Studio­ Kino. Programm und Tickets gibt es auf filmfesthamburg.de.

Filmfest Hamburg: 30.9. bis 9.10. in diversen Hamburger Kinos


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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