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„Kino ist der perfekte Ort gegen Einsamkeit“

Matthias Elwardt, Geschäftsführer der Zeise Kinos in Ottensen, über die Situation und Bedeutung der Kinos, kommende Filmhighlights und was ihn optimistisch stimmt

Text: Marco Arellano Gomes 

 

SZENE HAMBURG: Matthias Elwardt, Pandemie, Krieg in der Ukraine, Energiekrise und Inflation machen der Gesellschaft und auch der Kultur zu schaffen. Wie geht es den Hamburger Kinos zurzeit?

Matthias Elwardt vom Zeise Kino: Wir sind noch nicht bei den Besucherzahlen von vor Corona. Wir müssen uns anstrengen, um das Publikum wieder zu gewinnen. Das ist betriebswirtschaftlich nötig, weil alles teurer geworden ist: Miete, Energiekosten, Löhne. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Leute das Gemeinschaftserlebnis Kino zu schätzen wissen.

Wie kann man dafür sorgen, dass das Publikum wieder in die Kinosäle zurückfindet?

Das Wichtigste sind publikumsstarke Filme. Das wird jetzt besser, mit „Triangle of Sadness“, „Rheingold“ und „Mittagsstunde“. Das lässt hoffen.

„Kinos brauchen jeden Monat eine Lokomotive“

Was braucht es noch für den Erfolg?

Wir haben viele Veranstaltungen mit Gästen. Im Dezember haben wir die siebte Veranstaltung zum Film „Mittagsstunde“. Regisseur Lars Jessen ist wieder dabei und zum ersten Mal kommen die Romanautorin Dörte Hansen und Drehbuchautorin Catharina Junk. Auch das Filmquiz mit dem großartigen Filmexperten Rex Kramer kommt am 22. Dezember wieder nach Hamburg. Ansonsten versuchen wir auch mit lokalen Filmen zu punkten.

„Menschen brauchen das Kino – gerade in schwierigen Zeiten.“
Matthias Elwardt

Bislang kehrt das Publikum noch nicht so recht in die Kinos zurück. Spielt nicht auch eine Rolle, dass viele lieber zu Hause streamen?

Das Problem ist, dass die Streamingportale viele Kreative binden. Wenn man mal überlegt: Der letzte Leonardo DiCaprio-Kinofilm wurde 2018 gedreht. Und wann haben die Coen-Brüder oder Scorsese zuletzt einen Kinofilm gemacht? Die Kinos brauchen im Idealfall jeden Monat eine Lokomotive – den einen Film, der das Kino ins Bewusstsein der Menschen bringt.

Kino: Ein Ort des Zusammenkommens

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Seit 1993 ist in den historischen Zeisehallen das Kino Zuhause (©Heike Blenk)

Während der Pandemie erhielten die Kinos Hilfen vom Staat. Was droht nach Auslaufen dieser Hilfen?

Der Sonderfond Kulturveranstaltungen bietet eine gewisse Absicherung. Aber diese Hilfe läuft Ende des Jahres aus. Was ab 2023 folgt, wissen wir noch nicht. Die Kosten sind alle extrem gestiegen, Kinos sind energieintensive Orte.

Drohen dann Preiserhöhungen?

Im Augenblick werden wir die Preise so belassen, wie sie sind. 2023 werden wir wohl nicht um eine moderate Preiserhöhung herumkommen. Wir werden aber darauf achten, dass es die Menschen nicht überfordert. Das Kino soll für möglichst viele ein Ort des Zusammenkommens bleiben. Da sind wir vorsichtig und respektvoll.

„Der Streaming-Hype scheint vorbei“

Hans-Joachim Flebbe, Inhaber der ASTOR FILMLOUNGE befürchtet ein großes Kinosterben …

… das hoffe ich nicht. Wir bieten mit dem Kino ein unvergleichliches Gemeinschaftserlebnis. Menschen brauchen das Kino – gerade in schwierigen Zeiten.

„Sich zum Kino zu verabreden ist eine sehr niederschwellige, vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit“
Matthias Elwardt

Auch Hollywood-Regisseur Roland Emmerich ist der Ansicht, dass das Kino „ein Auslaufmodell“ sei …

… Kino ist nach wie vor ein gutes, vernünftiges Rezept. Wir müssen ein neues Publikum erreichen und zugleich diejenigen wieder zurückholen, die sich daran gewöhnt haben, Filme vorzugsweise zu Hause zu sehen. Streaming ist wirtschaftlich schwierig – die müssen auch schauen, dass sie profitabel werden und bleiben. Der Hype scheint jedenfalls vorbei zu sein.

Vorfreude auf Oscar-Kandidaten

Warum lohnt es sich, die heimische Couch zu verlassen und ins Kino zu gehen?

Das Kino ist der perfekte Ort gegen Einsamkeit. Sich zum Kino zu verabreden ist eine sehr niederschwellige, vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit – wesentlich günstiger als beispielsweise ein Restaurant- oder Theaterbesuch.

Auf welche Kinofilme sollte sich die Hamburger besonders freuen?

„She Said“ von Maria Schrader finde ich sehr stark. „Räuber Hotzenplotz“ wird die Familien begeistern. Im Januar/Februar kommen dann die Festival-Lieblinge und Oscar-Kandidaten: „The Banshees of Inisherin“, „Tár“, mit der großartigen Cate Blanchett, aber auch „The Fabelmans“ von Spielberg und „Babylon“ vom „La La Land“- Regisseur Damien Chazelle.


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„Ich suche die Wahrheit“

Der neue Fatih Akin-Film „Rheingold“ feierte auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Mit SZENE HAMBURG traf sich der Hamburger Regisseur gemeinsam mit Hauptdarsteller Emilio Sakraya zu einem exklusiven Vorgespräch über den Gangster-Rapper Xatar, die eigene Herkunft und Hamburg als Drehort

Interview: Marco Arellano Gomes 

 

SZENE HAMBURG: Fatih, dein neuer Film „Rheingold“ feiert auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Wann kam dir die Idee, die Geschichte des Gangster-Rappers Xatar alias Giwar Hajabi zu verfilmen?

Interview mit Fatih Akin und Emilio Sakraya_7919_©Jérome Gerull

SZENE HAMBURG im Gespräch mit Regisseur Fatih Akin (Foto: Jérome Gerull)

Fatih Akin: Die Idee kam mir, nachdem ich seine Autobiografie gelesen hatte. Das Leben, das er gelebt hat, ist einmalig. Die ersten Sätze in seiner Biografie lauten: „Die ersten Erinnerungen meines Lebens sind Erinnerungen an den Knast.“ Das ist erst mal ein Satz! Wenn du dir das visualisierst, spürst du direkt die Kraft, die hinter seiner Lebensgeschichte steckt.

Fatih Akin: Der Geschichtenerzähler

Was hat dich an dem Stoff am meisten fasziniert?

Akin: Als ich seine Lebensgeschichte entdeckte, dachte ich: „Okay das ist mal ein Narrativ! Das würde ich gern verfilmen.“ Ich meine, der Typ wurde während der Bombardierung kurdischer Freiheitskämpfer in einer Höhle geboren, dann floh er mit seiner Familie über Irak und Paris bis nach Bonn. Als Jugendlicher wird er kriminell, um zu Geld zu kommen – bis hin zum spektakulären Goldraub und der legendären Aufnahme seiner Platte „Nr. 415“ im Gefängnis. Das ist ein einmaliges, episches Leben. Ich bin Geschichtenerzähler und daher immer auf der Suche nach so was. Das Leben schreibt nun mal die besten Geschichten.

Man muss sich also nicht für Rap interessieren, um sich „Rheingold“ anzusehen?

Akin: Ich habe mich nicht für Deutsch-Rap interessiert, aber für Xatars Leben. Das Konzept war immer, dass der Film auch für Ü-60 funktioniert, Alter! (lacht)

„Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind“

Mit dem Titel „Rheingold“ wird auf eine der großen deutschen Mythen verwiesen. Was hat es damit auf sich?

Akin: Die Idee kam mir bei einem Besuch bei G (Giwar, Anm. der Red.). Wir sind durch Bad Godesberg gecruist, dem reichen Teil von Bonn. Er zeigte mir, wo er zur Schule ging und den ganzen Shit: Drachenfels und so weiter – der Ort, wo die Nibelungen herkommen. Die Parallele ist klar: Das Gold von Xatars Raub ist wie das der Nibelungen nie gefunden worden. Gleichzeitig gibt es im Mythos das Motiv, dass das Gold unsterblich macht und Ruhm gibt. Das trifft auf den Erfolg mit Musik auch zu. Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind.

Hat Xatar den Film bereits gesehen?

Akin: Ja. Es hat ihn sehr beeindruckt und emotional ergriffen. Er hat nie gesagt: „Ey, das möchte ich aber nicht, und das möchte ich nicht.“ Nichts! Er hat uns vertraut und sich fallen lassen, als wäre das eine Therapiesitzung – so fühlte es sich jedenfalls an. Das ist ja auch eine Nummer: Das Leben von jemanden zu verfilmen, der noch lebt und dann daneben sitzt und sich den Film anschaut.

Die wichtige Rolle der Musik 

Im Film spielt Musik eine große Rolle. Wann machst du dir im Prozess des Filmemachens um den Einsatz der Musik Gedanken – und war es bei diesem Film anders?

Akin: Der Film beginnt mit einem kurdischen Klagelied aus dem Morgenland, der Wiege der Zivilisation und der Musik in Mesopotamien und endet mit Wagner als Höhepunkt der abendländischen, klassischen Musik. Die Reise von Ost nach West ist auch eine musikalische. Gleichzeitig war es die Gelegenheit, die Entwicklung des Deutsch-Rap und des Gangster-Rap filmisch ein wenig zu verarbeiten. Auch die Musik des Vaters von Xatar spielt eine Rolle, der mit seinen Kompositionen Ost und West verbindet. Der Film ist also auch eine musikalische Archäologie.

Als du das Drehbuch geschrieben hast, hattest du da schon Emilio als Hauptdarsteller vor Augen?

Akin: Emilio kam früh ins Game. Dabei dachte ich, dass es sehr schwer sein würde, Xatar zu besetzen. Das ist ja ein Brocken. Ich dachte: „Wie mache ich das denn, Alter!“ Der Typ hat ja nicht nur eine unique Story, er sieht ja auch unique aus und hat diese Wahnsinnspräsenz. Bei der Recherche fürs Casting habe ich dann „4 Blocks“ geguckt. Ich hatte die Serie noch nicht gesehen. Da sah ich Emilio als hübschen Kleindealer, der abgezockt wird, also eigentlich eine schwächere Figur. Aber er hatte eine Präsenz, die mich umgehauen hatte …

… und in dem Moment wusstest du, dass er der Richtige ist?

Akin: Ich hatte mir bloß notiert, dass ich irgendwann mal mit dem Typen arbeiten wollte. Meine Frau Monique ist für den Cast zuständig – und eines Tages brachte sie mir eine Liste mit fünf, sechs Namen von Schauspielern, einer war Emilio. Da sagte ich zu ihr: „Monique, ist das dein Ernst? Der sieht doch viel zu … gut aus!“ (lacht)

Next-Generation-Schauspieler: Emilio Sakraya

Was überzeugte dich dann?

Akin: Irgendwann stand die Frage im Raum, ob man den Film eher dokumentarisch oder glamourös machen möchte – so wie bei „Gomorrha“ von Matteo Garrone, mit Typen, die Haare auf dem Rücken haben, oder so wie bei „GoodFellas“ von Martin Scorsese, mit eleganten Schauspielern wie Robert De Niro, Joe Pesci und Ray Liotta. Ich entschied mich für Großmeister Scorsese. Also rief ich Emilio an. Gleich beim ersten Casting überzeugte er uns mit Wucht.

Wie würdest du Emilio als Schauspieler beschreiben?

Akin: Emilio ist ein Next-Generation-Schauspieler. Das sind nicht so faule Säcke wie die Darsteller in den 1990ern und 2000ern. Das sind Arbeiter, richtige Macher. Die stürzen sich richtig rein und lernen, sich zu bewegen, trainieren sich Muskeln an und all so ein Shit.

„Ich bin nicht nur der Pferde-Junge von ‘Bibi und Tina’“

Emilio, was war deine erste Reaktion, als du wusstest, dass Fatih Akin dich besetzen möchte? 

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Emilio Sakraya, Schauspieler und Musiker (Foto: Jérome Gerull)

Emilio Sakraya: Ich habe mich total gefreut und war unfassbar aufgeregt. Ich wollte schon immer etwas spielen, wo ich mich reinschmeißen, mich physisch verändern und aus meiner Komfortzone rauskommen muss. Ein Film, mit dem ich allen Leuten zeigen kann, dass ich nicht nur der Pferde-Junge von „Bibi und Tina“ bin. Das braucht man als Schauspieler einfach: eine Vision, ein nächstes Ziel, die nächste Figur.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Sakraya: Ich habe sofort angefangen zu essen und zu trainieren, um Muskeln aufzubauen und schaute mir die ganzen Sachen von G an. Ich verbrachte viel Zeit mit G. Fatih und G kannten sich schon, als ich ihn zum ersten Mal in Köln kennenlernte. Noch am gleichen Abend verbrachte ich vier bis fünf Stunden mit ihm. Von da an fühlte ich mich wie sein persönlicher Assistent. Ich habe ihm viele Fragen gestellt. Ich war die ganze Zeit bei ihm. Es war spannend, ihn zu beobachten. Er ist eine unglaublich interessante Person. Sein Gang war auch immer anders: Er läuft in Bonn anders als in Köln, drinnen anders als draußen.

„Angst hatte ich nicht, aber Respekt“

Gab es auch einen Moment, in dem du Angst vor dem eigenen Mut hattest?

Sakraya: Angst hatte ich nicht, aber Respekt. Der Film behandelt ja etwas viel Größeres als nur einen Menschen. Es geht darin auch um die Themen Migration und Integration. Der Film handelt von jemandem, der klug und musikalisch ist, dem aber nicht erlaubt wird, das auszuleben, weil er nicht deutsch ist. Es wird viele Leute geben, die sich in dieser Figur wiedererkennen werden.

Fiel es dir schwer, dich in diese Welt hineinzudenken?

Sakraya: Was mir in die Karten spielte, war, dass ich die Straße auch ein wenig kenne. Nicht so krass wie im Falle von G, aber es gibt Parallelen. Ich bin auch als Migrant großgeworden und habe mich durchgekämpft.

Fatih, wie wichtig ist es dir, dass es solche Parallelen zwischen Darsteller und Rolle gibt?

Akin: Es hilft. Ich hatte, bevor ich Emilio kennengelernt habe, ein Youtube-Video mit ihm gesehen. Ich kannte ihn ja nicht. Er labert da mit irgendwelchen Leuten und hängt auf der Straße ab. Da sah ich das erste Mal, dass er auch street ist.

„Irgendwann ist man nicht mehr auf der Street“

Würdest du dich denn noch als street beschreiben?

Akin: Irgendwann ist man nicht mehr auf der street. Ich habe eine Frau, ich habe zwei Kinder, ich habe einen Hund, ich habe zwei Firmen, aber ich fahre noch immer S-Bahn. Ich bin mit Jugendgangs aufgewachsen. Meine Eltern lebten im Eckernförder Straße-Ghetto. Das ist etwas ganz anderes als das, was Xatar kannte. Aber die Basic, dass die Straße ein anderes Narrativ hat als das Grundgesetz, kenne ich. Der Film war eine gewisse Rückbesinnung, da er wieder mit Känäks zu tun hat. Und ich merke, dass ich nach wie vor mit denen voll klarkomme.

Hatte Xatar deshalb Respekt vor dir?

Akin: Für Gangster-Rapper ist Erfolg wichtig. Ich komme zwar aus der Filmkunst-Welt, aber dennoch bin ich in deren Augen erfolgreich. Deswegen bin ich auch in deren Hood respected.

Emilio, stimmt es, dass Xatar dir die Glatze für die Rolle persönlich rasiert hat?

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Making of „Rheingold“ (Foto: Warner Bros Germany)

Sakraya: Ja, das stimmt. Die erste Glatze in meinem Leben hat sich komisch angefühlt. (lacht) Aber es war wie der letzte Ritterschlag, die finale Verwandlung. Wenn ich in den Spiegel schaue und die Figur visuell sehe, hilft das ungemein. Dann fühle ich, wer diese Figur ist. Der erste Drehtag mit Glatze war der im Puff mit Schwesta Ewa. Da habe ich diesen langen Ledermantel an, den Bart im Gesicht und die Glatze … Akin: … Du sahst aus wie Samuel L. Jackson in „Shaft“, Alter! Sakraya: Das war schon ein geiles Gefühl!

Emilio, wie würdest du die Zusammenarbeit mit Fatih Akin beschreiben?

Sakraya: Für mich war es die Art, wie man Filme machen muss und sollte – das ist mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gemacht habe.

Worin liegt der Unterschied?

Sakraya: Ich habe selten einen Film gedreht, bei dem es so sehr um den Film geht wie mit Fatih. Für alles wird sich Zeit genommen. Fatih kam jeden Morgen mit kleinen Zetteln in die Maske und erklärte, worum es für ihn in der jeweiligen Szene geht. Er ist immer offen für Ideen und Vorschläge – egal, von wem die kommen. Es geht ihm immer darum, das Beste für den Film rauszuholen. Das erlebt man selten. Ich würde ja gerne noch mal mit ihm zusammenarbeiten, aber er will ja nicht. Akin: Ey, das stimmt gar nicht. (lacht)

„Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich“

Fatih, in einem Interview in der SZENE HAMBURG beschrieb dich Moritz Bleibtreu mit den Worten: „Fatih hat diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss.“ Fühlst du dich damit gut beschrieben?

Akin: Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich. Früher, in der guten alten Zeit reichten mir ein, zwei Takes (klatscht in die Hände) – und ab zum nächsten Set-up. Heute mache ich mehr Takes, weil ich auf der Suche nach etwas bin. Ich glaube, ich suche die Wahrheit. Ich weiß, das ist ein bescheuertes Wort. Wie hat Rainer Werner Fassbinder gesagt: „Film ist Lüge, 24 mal pro Sekunde.“ Vielleicht enthält das 25. Bild aber die Wahrheit. Filmen ist für mich irgendwie die Suche nach dieser Wahrheit.

Steht einem irgendwann auch die eigene Erfahrung im Wege?

Akin: Je mehr man weiß, desto weniger weiß man! Die eigene Sicht auf Film ändert sich permanent. Und jede Änderung erzeugt auch Zweifel.

Wenn man sich deine Karriere anschaut, dann gab es eigentlich nur mit „The Cut“ einen kommerziellen Misserfolg. Braucht es solche Dämpfer, um sich selbst neu zu erfinden?

Akin: Man erfindet sich mit jedem Film neu. Ich bin mit „The Cut“ im Reinen – der Film ist cool. Aber klar: Ich habe seither auch ein wenig gezweifelt. Und ja, ich musste auch die Richtung ein wenig ändern. „The Cut“ war vielleicht der Endpunkt des reinen Filmemachers – so fand ich in mir auch den Regisseur, der mal einen Film als Auftragsarbeit dreht, für den es bereits ein Drehbuch gibt.

Du hast als Regisseur mit deinen Filmen oft den Zeitgeist getroffen. Bei „Gegen die Wand“ war dies der Fall, bei „Soul Kitchen“, bei „The Cut“ und bei „Aus dem Nichts“. Was sagt dir dein Gefühl bei „Rheingold“?

Akin: Keine Ahnung. Vielleicht ist die Zeit gerade etwas gekrümmt. Kann auch sein, dass der Film als anachronistisch betrachtet wird, weil es eine patriarchale Welt beschreibt. Ich wache jedenfalls nicht morgens auf und denke darüber nach, was den Zeitgeist treffen könnte. Das hat viel mit Glück zu tun.

„Ich mache gerne Filme über amoralische Leute“

In deinen Filmen wird oft auch körperliche Gewalt gezeigt. Stehen diese Kämpfe für dich stellvertretend für das Leben oder ist es einfach ein effektives filmisches Erzählmittel?

Akin: Ich mache gerne Filme über amoralische Leute – schon seit „Kurz und schmerzlos“. Ich habe Film immer als ein Mittel der Erforschung des Menschen gesehen. Das ist meine Form von Anthropologie. Es ist natürlich visueller, wenn jemand einem anderen aufs Maul haut, als wenn alles ausdiskutiert wird. In „Rheingold“ gibt es eine Figur, die Xatar trainiert, um auf der Straße zu überleben. Das ist kein Schauspieler. Das ist der Bodyguard von Xatar. Der war früher Türsteher. Das ist ein echt harter Hund. Den habe ich ausgefragt: Warum machst du das? Und wie machst du das? Und er: „Ich hau dem auf die Nase oder breche ihm den Daumen.“ Und ich sagte nur: „Erzähl das im Film, erzähl das im Film.“

Im Film gibt er die perfekte Anleitung zum Straßenkampf …

Akin: … voll! Ich habe ihn gefragt: „Wie schaffst du es, kein Mitleid zu haben?“ Ich kann niemanden verprügeln. Irgendwann setzt bei mir das Gefühl von Mitleid ein. Und was hat er gesagt? Akin: Er sagte: „Es geht am Ende darum: Er oder ich! Deswegen muss ich den ersten Schlag machen, deswegen muss ich ihn auseinandernehmen, deswegen muss ich ihn so aufs Maul hauen, dass er mir nichts antun kann.“ Und ich dachte nur: „Wow! Das ist mal eine Ansage.“ Ich versuche das alles zu verstehen.

„Gewalt ist einfacher als Sex“

Gewalt funktioniert in der Unterhaltungsindustrie ähnlich gut wie Sex. Sex scheint in Filmen aber zunehmend eine geringere Rolle zu spielen. Woran liegt das?

Akin: Sexszenen sind auch wirklich schwierig. Wir haben eine derart sexualisierte Welt, dass ich meist versuche, die Dinge auf einer anderen Ebene zu erzählen. Ich mache gerade eine Serie über Marlene Dietrich, da geht es viel um Sex. Da ist Sex Mittel zum Zweck, ein reines Werkzeug. Da braucht es diese Szenen, um die Handlung voranzubringen. Gewalt ist einfacher als Sex. Aber das bitte nicht als Überschrift wählen. (alle lachen)

Hamburg: Der beste Drehort Deutschlands

„Rheingold“ ist in Teilen in Hamburg gedreht worden: Was bedeutet es für dich in Hamburg zu drehen?

Akin: Ich habe in Berlin, NRW, Baden-Württemberg und in Hamburg gedreht. Und ich kann ganz objektiv sagen – und das nicht, weil ich Hamburger bin –, dass Hamburg der beste Ort zum Drehen in Deutschland ist.

Woran liegt das? Akin: Hamburg ist wie ein Studio. Ich kann eigentlich mehr oder weniger in jeder Straße drehen. Du kannst in Hamburg in Ruhe und für preiswertes Geld drehen. Es ist pragmatischer, effektiver und kostengünstiger.

Wirst du irgendwann wieder einen richtigen Hamburg-Film drehen, oder bist du damit vorerst durch?

Akin: Ja, natürlich. Damit bin ich nicht durch! Das ist ja auch irgendwie ein Marketing-Tool, wie Woody Allen und New York oder Tom Tykwer und Berlin. Ich kenne die Stadt. Ich habe bereits die eine oder andere Geschichte in Vorbereitung. Zum Beispiel würde ich wahnsinnig gern etwas übers Cuneo machen. Da gibt’s schon Pläne, vielleicht eine Serie.

„Rheingold“  läuft ab dem 27. Oktober 2022 in den Kinos

 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:

 


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Filmfest Hamburg: Filme vom Feinsten

30 Jahre Filmfest in der Hansestadt! Das will gefeiert werden – und zwar mit großartigen Filmen wie „Rheingold“ von Fatih Akin, „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund und dem Eröffnungsfilm „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid

Text: Marco Arellano Gomes 

 

Das Filmfest Hamburg feiert in diesem Jahr sein 30. Jubiläum. Vom 29. September bis 8. Oktober 2022 werden 110 Produktionen aus aller Welt als Europa-, Deutschland- oder Hamburg-Premieren gezeigt, darunter viele hochkarätige Filme. Unter anderem feiert der neue Fatih Akin-Film „Rheingold“ in Hamburg seine Weltpremiere. Der Hamburger Regisseur und Douglas-Sirk-Preisträger Fatih Akin zeigt darin den dramatischen und abenteuerlichen Weg von Rapper Xatar (gespielt von Shooting Star Emilio Sakraya) – vom Knast bis zum erfolgreichen Musiker und Unternehmer.

Film-Highlights

Filmfest Hamburg_30.Jubilaeum_Logo_gelber-kleinEröffnet wird das Filmfest mit „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid („Was bleibt“), der die Entführung von Jan Philipp Reemtsma aus der Perspektive dessen Sohnes thematisiert. „Endlich wieder ein Kinofilm von Hans-Christian Schmid! Und dazu einer über einen bundesweit bekannten Hamburger Kriminalfall, der in Hamburg gedreht wurde und bei uns seine Weltpremiere feiern wird“, so Festivalleiter Albert Wiederspiel.

Sehnsüchtig erwartet wird auch der Goldene-Palme-Gewinner „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund („The Square“) – eine sozialkritische Satire, die mit einigen provokanten und unvergesslichen Szenen aufwartet. Der Film „Meinen Hass bekommt ihr nicht!“ von Kilian Riedhof („Gladbeck“) greift die Geschehnisse und Folgen rund um das Attentat im Pariser Club Bataclan vom 13. November 2015 auf. Der Dokumentarfilm „Lars Eidinger – Sein oder nicht sein“ nähert sich, wie der Titel bereits ausdrückt, dem Ausnahmekünstler und gibt einen intimen Einblick darin, wie Eidinger sich seine Rollen erarbeitet. Das Filmfest Hamburg hatte schon immer ein Herz für ungewöhnliche Filme und zeigt auch den in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichneten Film „EO“ des mehrfach preisgekrönten polnischen Regisseurs Jerzy Skolimowski. Darin wird die Welt aus der Perspektive eines Esels gezeigt. Das kann bei so viel Eselei in der Welt nicht von Nachteil sein.

MICHEL Kinder und Jugend Filmfest

Auch das zum Filmfest Hamburg gehörende MICHEL Kinder und Jugend Filmfest (30. September bis 5. Oktober im Abaton) bietet ein buntes Portfolio an Filmen, die sich an Kinofans zwischen vier und 16 Jahren richtet. Themen sind Freundschaft, Mut und Identität. Eröffnungsfilm ist die bittersüße Familienkomödie „Lucy ist jetzt Gangster“ (Regie: Till Endemann). Der Film erzählt die Geschichte von Lucy, deren Eltern eine Eisdiele führen. Nachdem die Eismaschine kaputtgeht, heckt sie einen teuflischen Plan aus, um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu bewahren.

Neben den Kinofilmen versprechen auch die „Reihe für Minis“ und zwei neue Detektivgeschichten der „Pfefferkörner“ beste Unterhaltung. „Die Themen sind vielschichtig und bieten generationsübergreifend die Möglichkeit, sich auszutauschen und in verschiedene Perspektiven einzufühlen“, sagt Steffi Falk, Leiterin des MICHEL Kinder und Jugend Filmfest.

Festival im Festival

Eine Besonderheit in diesem Jahr ist die Einbindung des Molodist Kyiv International Film Festivals im Rahmen des Filmfest Hamburg – quasi als Festival im Festival (30. September bis 5. Oktober im Alabama Kino). Ukrainische Regisseure zeigen in der Hansestadt – sofern es die aktuelle und sich ständig ändernde politische Lage in der Ukraine zulässt – ihre Kurz- und Langfilme. „Es geht um gelebte Solidarität und um das Sichtbarmachen der ukrainischen Filmkultur“, so Filmfest-Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel. „Wir freuen uns auf neue ukrainische Filme und auf einen lebhaften Austausch.“

Arbeits- und Dialograum

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Der Film „Rheingold“ von Fatih Akin feiert beim Filmfest Hamburg Weltpremiere (Foto: bombero international/Warner-Bros Entertainment / Gordon Timpen)

Erstmals bietet das Filmfest Hamburg in Kooperation mit der Semaine de la Critique in Cannes, dem Verbund der deutschen Filmhochschulstudierenden und dem Institut français mit dem #ATELIER22 einen kreativen Arbeits- und Dialograum für Filmstudierende aus Deutschland und internationale Debütfilmer an. Die Idee ist, Theorie und Praxis besser zu vernetzten, das gegenseitige Verständnis zu erweitern und Kontakte zu knüpfen. Die auserwählten Debütfilme sind: „Summer Scars“ von Simon Rieth (Frankreich 2022), „Love according to Dalva“ vom Emmanuelle Nicot (Belgien, Frankreich 2022) und „The Woodcutter Story“ von Mikko Myllylahti (Finnland, Dänemark, Niederlande, Deutschland 2022).

Festivalkinos sind das Abaton, Cinemaxx Dammtor, Metropolis, Passage und das StudioKino.

Hier gibt’s den Trailer zu „Rheingold“:

 


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Top 10: Hamburg-Filme

Vom blonden Hans über drei junge Giganten bis zur Geschichte des Serienmörders Fritz Honka – die Liste der Hamburg-Filme ist lang und reicht weit in der Zeit zurück. Hier kommen zehn Kultstreifen und ihre Szenen, die nach Elbe, Astra und Fischmarkt schmecken

Text: Andreas Daebeler

 

Große Freiheit Nr. 7

 

Den Gassenhauer „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ kennt jeder Kiezianer. Dudelt schließlich ständig aus Boxen am Millerntor, in den Kneipen rund um die Davidwache und in Bars am Hamburger Berg. Gesungen wurde das Lied einst von Hans Albers in seine Rolle als Hannes Kröger, der sich in „Große Freiheit Nr. 7“ als Sänger und Anreißer in Hamburgs Rotlichtviertel durchschlägt. Gedreht im Jahr 1943, bekommen die Deutschen den ersten Agfa-Farbstreifen der Terra-Film erst nach dem Krieg zu sehen. Grund: Den Nazis passt die Darstellung eines ziemlich abgehalfterten Seemanns nicht, Großadmiral Karl Dönitz nennt ihn sogar „wehrkraftzersetzend“. Das ändert nichts daran, dass „Große Freiheit Nr. 7“ nach dem Krieg zum Klassiker wird und Hamburg ein Denkmal setzt. Übrigens mit vielen Szenen, die tatsächlich gar nicht an der Elbe gedreht wurden. Der Film von Helmut Käutner entstand weitgehend in Prag.

„Große Freiheit Nr. 7“, erschienen 1944, Regie: Helmut Käutner, mit Hans Albers, 109 min

 

Supermarkt

 

Der Film von Roland Klick zeichnet ein oft tristes und hoffnungsloses Bild vom Kiez der 1970er-Jahre. Auf dem gaunert sich der junge Willi, gespielt von Charly Wierzejewski, durch seine Tage, bis er die Prostituierte Monika (Eva Mattes) kennenlernt und sich verliebt. Doch St. Pauli ist nicht für ein Happy-End gemacht und so gipfelt die Geschichte in einem Mord und dem gnadenlos misslungenen Raubüberfall auf einen Supermarkt, der dem Film den Titel gibt. Der Streifen gilt als schonungslose Milieustudie ohne Zeigefinger und übertrieben sozialkritischen Ansatz. Zu sehen gibt es 84 Minuten konzentrierte Wirklichkeit zwischen Landungsbrücken und Reeperbahn. Gedreht wurde „Supermarkt“ fast ausschließlich rund um den Hamburger Hafen. Das Lied „Celebration“, das im Film eine Rolle spielt, steuert ein noch weitgehend unbekannter Marius Müller-Westernhagen bei.

„Supermarkt“, erschienen 1974, Regie: Roland Klick, mit Charly Wierzejewski und Eva Mattes, 84 min

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Die Wilhelmsburger Hochhaussiedlung in „Nordsee ist Mordsee“ (Foto: Andrea David)

 

Nordsee ist Mordsee

 

Der Film ist die Geschichte von zweien, die ausziehen, weil sie zu Hause nur das Fürchten lernen. So heißt es im Trailer zu „Nordsee ist Mordsee“ von 1976. Die Geschichte des 14-jährigen Uwe, der in einer Wilhelmsburger Hochhaussiedlung lebt, vom Vater verprügelt wird und sich mit dem gleichaltrigen Dschingis mit einem selbst gebauten Floß in Richtung Meer aufmacht, ist Hark Bohms vierter Spielfilm. Gedreht hat der Regisseur unter anderem an der Neuenfelder Straße und am Veringkanal, der vom Reiherstieg abgeht. Viele der im Film zu sehenden Schauplätze sind heute verschwunden, da Wilhelmsburg sich stark verändert hat. „Nordsee ist Mordsee“ gilt Mitte der 1970er-Jahre als eine Art moderner Abenteuerfilm, Freiheit und Freundschaft sind die Hauptmotive. Die Dialoge kommen auf den Punkt, das gesprochene Hamburgisch ist im Kino heute fast ausgestorben. Und Udo Lindenbergs Textzeile „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen und einfach abzuhauen’“ kann wohl fast jeder Hamburger mitsingen.

„Nordsee ist Mordsee“, erschienen 1976, Regie: Hark Bohm, mit Uwe Enkelmann, 87 min

 

Der Amerikanische Freund

 

Der von Dennis Hopper gespielte Amerikaner Tom Ripley lebt in Hamburg. Ein zwielichtiger Typ, der sein Geld mit Kunstgeschäften verdient. Ripley überredet den todkranken Jonathan, einen von Bruno Ganz gespielten Bilderrahmen-Macher, zu zwei Auftragsmorden. Es entwickelt sich ein undurchsichtiges Spiel mit ungewissem Ausgang. Einen großen Teil des Films „Der amerikanische Freund“ drehte Regisseur Wim Wenders von Oktober 1976 bis März 1977 in Hamburg. Vor allem der Hafen und St. Pauli dienten als Kulisse. Zu sehen sind auch der Alte Elbtunnel und die Strandperle. Kritiker lobten die Atmosphäre des manchmal düsteren Films, dessen Produktion wegen des schlechten Gesundheitszustands von Hauptdarsteller Hopper zeitweise am seidenen Faden hing. Für Wim Wenders zahlten sich die Dreharbeiten in Hamburg aus: „Der amerikanische Freund“ wurde zu seinem bis dahin erfolgreichsten Streifen. Die Vorlage für den Film lieferte ein im Jahr 1974 erschienener Kriminalroman der britischen Autorin Patricia Highsmith.

„Der Amerikanische Freund“, erschienen 1977, Regie: Wim Wenders, mit Bruno Ganz und Dennis Hopper, 127 min

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Die beliebte Strandperle als Kulisse für den leicht düsteren Film „Der amerikanische Freund (Foto: Andrea David)

 

Bandits

 

Emma (Katja Riemann), Luna (Jasmin Tabatabai), Angel (Nicolette Krebitz) und Marie (Jutta Hoffmann) sind vier weibliche Knackis, wie sie unterschiedlicher eigentlich kaum sein können. Eines jedoch verbindet das Quartett – die Liebe zur Musik. Unter dem Namen „Bandits“ gründen sie die Band des Frauengefängnisses, in dem sie einsitzen. Und geraten musikalisch auf die Überholspur.

Auf dem Weg zum ersten Gig außerhalb der Mauern ergreifen die Frauen dann die Flucht. Gejagt von der Polizei, Musikfans und sensationshungrigen Medien beginnt eine irre Reise durch Hamburg. Regisseurin Katja von Garnier nimmt uns in die Hafenstraße, auf die Köhlbrandbrücke und an andere Schauplätze unserer Stadt mit. Auf der Flucht SZENE HAMBURG LICHTSPIELE 37 nimmt das Quartett zwischenzeitlich nach einem Gig in einem Club sogar eine Geisel. Kommissar Schwarz, gespielt von Hannes Jaenicke, bleibt den „Bandits“ immer auf den Fersen – bis zum furiosen und etwas surrealen Finale. Katja Riemann heimste für diesen Hamburg-Film 1998 den deutschen Filmpreis ein. Und der Soundtrack war sehr erfolgreich.

„Bandits“, erschienen 1997, Regie: Katja von Garnier, mit Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz und Jutta Hoffmann, 108 min

 

Absolute Giganten

 

Vielleicht der Hamburg-Film einer ganzen Generation. Die Story von drei Freunden, die ihre letzte gemeinsame Nacht verleben, weil einer von ihnen auf einem Frachter angeheuert hat, ist nicht nur wegen den grandiosen Soundtracks von The Notwist längst Kult. Und das obwohl der Streifen 1999 an der Kinokasse zunächst floppte. Regisseur Sebastian Schipper schafft eine dichte Atmosphäre, indem er abgerockte Ecken unserer Stadt zu Schauplätzen macht. Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot Jr. düsen im Ford Granada durch den Freihafen, chillen vor Industriebrachen und kickern sich durch düstere Kaschemmen. Großes Kino mit vergleichsweise kleinem Aufwand.

Das Motto der Nacht, durch die wir die drei Freunde Floyd, Ricco und Walter begleiten, bringt eine Szene des Films auf den Punkt. „Einmal alles bitte“, lautet die Bestellung beim Burger-Brater auf dem Kiez. Die volle Portion Hamburg eben. Dass der Film heute noch funktioniert, zeigte sich 2016, als 14 Kinos „Absolute Giganten“ nochmals spielten – und fast alle Vorstellungen ausverkauft waren.

„Absolute Giganten“, erschienen 1999, Regie: Sebastian Schipper, mit Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot Jr., 76 min

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Als „Absolute Giganten“ gedreht wurde, war die Elphi noch nicht in Sicht (Foto: Andrea David)

 

Fleisch ist mein Gemüse

 

Heinz Strunk als Heinz Strunk – das funktioniert. In der Verfilmung seines 2004 erschienenen Bestsellers „Fleisch ist mein Gemüse“ stellt sich das Mitglied von „Studio Braun“ selbst vor die Linse. Und erzählt seine Geschichte, die hauptsächlich im Hamburger Stadtteil Harburg und dem Umland spielt. Regisseur Christian Götz nimmt uns mit auf Schützenfeste, in Dorfdiscos und miefige, mit reichlich Gedöns vollgestopfte Wohnstuben, wie sie in den 1980er-Jahren nicht selten waren. Der Spaß beim Zuschauern wird immer weder kunstvoll gestört, etwa wenn die Resignation beim scheiternden Musiker Heinz die Oberhand gewinnt und einem das Lachen im Halse stecken bleibt. „Fleisch ist mein Gemüse“ zeigt einen Teil Hamburgs, der nicht ständig im Kino gewürdigt wird. Fernab von Alster, Mö und Landungsbrücken. Rocko Schamoni als Schützenkönig und die wunderbare Susanne Lothar als Strunks Mutter sind ein Gedicht. Ein lebensnaher Hamburg-Film zwischen Komödie und Tragödie.

„Fleisch ist mein Gemüse“, erschienen 2008, Regie: Christian Görlitz, mit Heinz Strunk, 101 min

 

Soul Kitchen

 

„Soul Kitchen“ setzt Wilhelmsburg ein Denkmal. Die Halle, in der der von Adam Bousdoukos gespielte Zinos sein vom Abriss bedrohtes Lokal betreibt, steht in der Nähe des Reiherstieg-Hauptdeichs. Mit Moritz Bleibtreu, Jan Fedder, Wotan Wilke Möhring, Maria Ketikidou, Peter Lohmeyer und Udo Kier hat Regisseur Fatih Akin so ziemlich alles am Start, was 2009 die deutsche Filmszene rockt.

Die straff inszenierte Story ist mal urkomisch, mal rührend und strotzt nur so vor Leben. Birol Ünel als exzentrischer und mit Messern bewaffneter Koch Shyan ist ein Highlight von „Soul Kitchen“. Monica Bleibtreu hat kurz vor ihrem Tod ihren letzten Auftritt auf der Leinwand. Akin soll den Film selbst mal als einen modernen Heimatfilm bezeichnet haben. Für Hamburger ist das kaum zu bestreiten. Gedreht wurde schließlich nicht nur im Hafen, sondern auch an der Alster, im Mojo und in der Astra Stube an der Sternbrücke. Wie auch im Gängeviertel. Viel mehr Hamburg geht kaum.

„Soul Kitchen“, erschienen 2009, Regie: Fatih Akin, mit Adam Bousdoukos, Birol Ünel, Moritz Bleibtreu und Anna Bederke, 100 min

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Die Soul Kitchen-Halle in Wilhelmsburg: Kultfilm, Kult-Location (Foto: Andrea David)

 

Taxi

 

Alex fährt Taxi. Im Hamburg der 1980erJahre. Eigentlich hat sie gerade eine Ausbildung in einer Versicherung machen wollen. Aber das kann doch nicht das Leben sein. Also ab ins Auto. Und so nimmt Regisseurin Kerstin Ahlrichs uns mit durch de Straßen unserer nächtlichen Stadt. Mit Alex treffen wir Freaks, Betrunkene, einen Mann, der einen wilden Affen im Schlapptau hat – und ihren späteren Liebhaber Marc, der von Peter Dinklage gespielt wird. Wir erleben den Niedergang des kleinen Taxiunternehmens namens Mergolan. Und dessen Rettung durch einen Crash, den Alex verursacht.

Hauptdarstellerin Rosalie Thomass liefert uns herrliche Schnodderigkeit. Die Kultschauspieler Eisi Gulp und Armin Rohde haben skurrile Auftritte. Robert Stadelober gibt den öden Bildungsbürger, mit dem Alex irgendwie im Bett gelandet ist. Alles ist herrlich lakonisch erzählt und das Zeitgefühl der Achtzigerjahre, irgendwo zwischen sinnsuchend und verloren, wird in vielen Szenen greifbar. Vorlage zu dem Film ist der gleichnamige, 2008 erschienene Roman von Karen Duve.

„Taxi“, erschienen 2015, Regie: Kerstin Ahlrichs, mit Rosalie Thomass, Peter Dinklage, Stipe Erceg und Robert Stadlober, 94 min

 

Der Goldenen Handschuh

 

Wer sich Fatih Akins Fim „Der Goldene Handschuh“ anschaut, sollte nicht zu zart besaitet sein. In der Geschichte von Serienmörder Fritz Honka gibt es Szenen, die für manch einen Grenzen des Erträglichen überschreiten. Gedreht wurde auf St. Pauli und an anderen Schauplätzen in unserer Stadt. Für Innenaufnahmen aus der legendären Kiez-Kneipe wurde der „Handschuh“ im originalgetreuen Maßstab in den Hallen des ehemaligen Überseezentrums nachgebaut.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen und 2016 erschienenen Roman von Heinz Strunk, für den der Autor sich im Zuge der Recherche manche Nacht in der einst von Honka besuchten und noch heute geöffneten Spelunke um die Ohren geschlagen hat. Die Handlung spielt in den frühen 1970ern, als Honka sich seine Opfer auf dem Kiez suchte, um die Frauen zu ermorden und dann in seiner Wohnung in Ottensen zu zerstückeln und die Leichenteile zu verstecken. Fatih Akin bescherte dieser Hamburg-Film nicht nur Nominierungen für Preise, sondern auch Kritik für zu drastische Bilder.

„Der Goldenen Handschuh“, erschienen 2019, Regie: Fatih Akin, mit Jonas Dassler, 110 min


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Film in Hamburg – gedreht wird immer

In Hamburg wird gedreht – oft und gerne. Welche Ecken in der Stadt zu welcher Geschichte passen und wo es sich filmisch durch die Zeit reisen lässt, das weiß Alexandra Luetkens. Sie ist Film Commissionerin bei der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und berät Filmemacher aus aller Welt

Text: Hedda Bültmann 

 

Hollywood zu Besuch auf St. Pauli: Philip Seymour Hoffman trifft sich auf einen Drink mit Robin Wright in der Rooftopbar 20up des Empire Riverside Hotels. Das kann passieren, wie hier für den Film „A Most Wanted Man“. Auch in „Der Morgen stirbt nie“ hat Hamburg einen Auftritt, bekannt ist vor allem die Szene, in der James Bond (Pierce Brosnan) auf das Dach des Atlantic Hotel flüchtet. Und auch die Landungsbrücken und der Blick auf den Hafen schaffen es als Kulisse immer wieder in große internationale Produktionen, aber auch Arthouse Filme.

 

Von langer Hand vorbereitet

 

Die Liste der Streifen, die zumindest teilweise hier gedreht wurden, ist lang. Seit 2000 kümmert sich Alexandra Luetkens gemeinsam mit ihrer Kollegin Christiane Dopp als Film Commissionerin bei der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unter anderem um Anfragen, Drehorte und Beratung. Sie hat schon einige Kreative vom Filmstandort Hamburg überzeugen können.

Wie die von „The Story of My Wife“, auf Deutsch „Die Geschichte meiner Frau“ – ein Liebesdrama, das in den 1920er-Jahren in Hamburg und Paris spielt. Der Film feierte im Juli dieses Jahres auf den Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere. Doch bereits Anfang 2018 hat Alexandra Luetkens die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi, den Kameramann, die Szenenbildnerin und die Berliner Produktionsfirma Komplizen Film im Namen der Filmförderung nach Hamburg eingeladen, und ist mit ihnen in einem Kleinbus durch die Stadt gefahren – an all die Plätze, die von einem Hamburg in den 1920ern erzählen könnten. Am Ende haben Enyedi die vielfältigen Möglichkeiten überzeugt, sodass sie dann 2019 elf Tage hier gedreht hat, unter anderem natürlich in der Speicherstadt. Aber auch an der Trostbrücke, im Atlantic Hotel, im Museumshafen und auf den Fleeten, wo im Film historische Barkassen fahren.

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Zeitreise: Die Speicherstadt wurde für die Dreharbeiten von „The Story of My Wife“ in die 1920er verlegt (Foto: Hanna Csata)

 

„Die historischen Aufnahmen waren sehr aufwendig“

 

Die MOIN Filmförderung hat die Film Produktion in Hamburg mit 450.000 Euro unterstützt, wobei diese wiederum rund eine Million Euro in Hamburg ausgegeben hat. In der Vorbereitung arbeitete Luetkens eng mit dem Motivaufnahmeleiter zusammen: von ersten Motiv-Vorschlägen über logistische Organisation bis zu den notwendigen Behördengängen.

„Die historischen Aufnahmen waren sehr aufwendig. Die öffentlichen Bereiche mussten weiträumig abgesperrt werden, damit zum Beispiel die Pferdekarren durch die Speicherstadt fahren konnten, ohne dass moderne Autos das Bild durchkreuzten“, erzählt sie. „Wir haben weit im Voraus angefangen alles vorzubereiten, Termine mit den städtischen Behörden vereinbart und auch mit der Port Authority, um die Motivaufnahmeleitung zu unterstützen, dann die Drehgenehmigungen einzuholen.“ Doch es habe sich gelohnt. „Hamburg sieht in dem Film so fantastisch aus, es macht einfach Freude, das zu sehen“, schwärmt die Commissionerin, „und für uns von der Filmförderung ist es eine schöne Bestätigung, dass von hier, aus diesem Projekt heraus, solch großartige Bilder um die Welt gehen.“

 

Hamburgs Plus: die Vielseitigkeit

 

Mehr als 500 öffentliche Plätze in der Stadt sind als potentzielle Drehorte in der Datenbank der MOIN Filmförderung erfasst. Hamburg selbst ist wie eine Leinwand, auf die vieles projiziert werden kann. Zuletzt verlegte Alexandra Luetkens kurzerhand Duisburg nach Hamburg. Die Firma Weydemann Bros, die 2019 den erfolgreichsten Arthouse Film „Systemsprenger“ verantwortet hat, hat für einen im nächsten Jahr geplanten Film eine Förderungszusage bekommen. Und da sie zwar gerne in Hamburg drehen möchten, aber die Geschichte in Duisburg spielt, hat Alexandra Luetkens alle passenden Ecken, wie zum Beispiel das südliche Wilhelmsburg, rausgesucht. Denn was Hamburg als Filmstandort besonders auszeichnet, ist die Vielseitigkeit. „In Deutschland ist es die Stadt mit den meisten Grünflächen einerseits, andererseits gibt es hier viel Industrie. Dann ist da die urbane HafenCity mit ihrer modernen Architektur, dem alteingesessenen Reichtum entlang der Elbchaussee oder rund um die Alster. Und durch den Hafen hat Hamburg ein internationales Flair“, erklärt sie.

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Damit keine Filmfehler passieren, wird bei Drehs oft weiträumig abgesperrt (Foto: Hannah Csata)

 

Der Kiez ist nicht mehr das, was er einmal war

 

Nach wie vor ist aber vor allem auch die Reeperbahn mit ihrem Rotlichtviertel weltweit bekannt und Anziehungspunkt. „Die Nachfrage nach St. Pauli verläuft im Hinblick auf die letzten Jahre immer in Wellen“, meint Luetkens, „aber gerade in diesem Jahr war der Kiez wieder sehr gefragt.“ Aktuell drehe Amazon die (nicht geförderte) Serie „Luden“, die auf dem St. Pauli der 1980er-Jahre spielt. Eine weitere hier ansässige Geschichte, die gerade in Arbeit sei und die von der Filmförderung unterstützt werde, sei die Amazon Miniserie „German Crime Story: Gefesselt“ über den Säurefassmörder Lutz Reinstrom. Historische Stoffe, die ein vergangenes St. Pauli zeigen. „Auch wenn es immer noch viele ursprüngliche Ecken gibt, hat sich der Kiez stark verändert im Vergleich zu dem klassischen Rotlicht- und Prostitutionsviertel der 90er-Jahre“, so Luetkens, „Er ist viel mehr eventisiert, aber auch das kann für andere Projekte passen und wird gebraucht.“

 

Soul Kitchen – ein Zeitzeugnis

 

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Alexandra Luetkens ist seit 2000 Film Commissionerin für Hamburg (Foto: Alexandra Luetkens)

Als Film Commissionerin verfolgt sie sehr aufmerksam die städtische Entwicklung: „Die Stadt verändert sich ja ständig, es entstehen neue Stadtteile wie zwischen HafenCity und den Elbbrücken oder alte Hafenindustrie wie in Steinwerder verschwindet und wird durch andere Bauten ersetzt.“ Die Gentrifizierung und der Verdichtungsprozess haben auch Auswirkungen auf Hamburg als Filmstadt: „Es wird auch aus filmischer Sicht zu viel abgerissen. Alte Bausubstanz geht verloren, vieles, was interessant ist.“ Das thematisierte Hamburgs Kult-Regisseur Fatih Akin bereits 2009 in „Soul Kitchen“, in dem ein Restaurantbesitzer sich in schlechten wirtschaftlichen Zeiten gegen einen Immobilienhai wehren muss.

Der Film ist mittlerweile auch ein Zeitzeugnis, denn die Soul Kitchen-Halle, in der ursprünglich Kulturveranstaltungen stattfanden, wurde aus Sicherheitsgründen geschlossen und verfällt. Auch die Astra Stube unter der Sternbrücke, in der sich Zinos (Adam Bousdoukos) und Lucia (Anna Bederke) betrinken, ist akut vom Abriss bedroht, da die Brücke erneuert werden soll. Doch: „Wir brauchen auch die abgerockten Ecken, subkulturelle Räume, um die Inhalte von Krimis oder gesellschaftliche Randgruppen darzustellen“, erklärt Alexandra Luetkens. „Ein Drehort muss nicht immer glatt und schön sein.“ So sei auch eine vermeintlich hässlich wirkende Location ein attraktives Motiv und: „Ein Ort braucht nur gewisse logistische Voraussetzungen, ansonsten kann alles, was sich mit Fantasie umgestalten lässt, ein tolles Filmmotiv sein.“

 

Wahrzeichen locken Stars

 

Um so erfreulicher ist es, dass auch neuere Wahrzeichen von Hamburg große internationale Stars nach Hamburg locken. In dem Film „Drei Engel für Charlie“ von Elizabeth Banks aus dem Jahre 2019 – unter anderem mit Kristen Stewart – ist die Elbphilharmonie als einer der zentralen Orte zu sehen. „Dass diese große US-Produktion in Hamburg gedreht hat, war ein persönliches Highlight“, erzählt Luetkens. „Dass das möglich war, haben viele tolle Leute erwirkt und auch wir haben uns dafür sehr reingehängt.“

Der Film habe eine enorme Wirtschaftskraft in die Stadt und weltweite Aufmerksamkeit gebracht. Auch wenn Blockbuster nicht für die Art der Filme stehen, für die die Filmförderung bekannt ist. Das sind eher Arthouse-Filme wie für viele der Hamburgfilm überhaupt, „Absolute Giganten“ von Sebastian Schipper. Diesen hat Alexandra Luetkens sofort vor Augen, wenn sie durch den Alten Elbtunnel schlendert: „Ich weiß, das ist ein Klassiker, aber für mich ist er einer der schönsten Drehorte in Hamburg.“ Und ihr Lieblings-Hamburgfilm? „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Der Film hat nach all den Jahren immer noch diese Power und einen enormen Druck“, sagt sie. „Sobald er losgeht – mit der Autofahrt durch den Elbtunnel zu dem Song ,I Feel You‘ von Depeche Mode – bekomme ich Gänsehaut.“


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Close-Up – Hamburger Film- und Kinogeschichte

Die neue Ausstellung „Close-up“ im Altonaer Museum ermöglicht einen Tauchgang in die Tiefen der Hamburger Film- und Kinogeschichte – von Hans Albers über Edgar Wallace bis Fatih Akin

Text: Rosa Krohn

 

Der Hamburger Erfolgsregisseur Fatih Akin debütierte 1998 mit seinem Spielfilm „Kurz und schmerzlos“. Mit dem ikonischen Kriminalfilm, der in Hamburg-Altona spielt, setzte Akin den Startschuss für seine bis heute andauernde Ausnahmekarriere. Sein bislang letzter Spielfilm, „Der Goldene Handschuh“ aus dem Jahr 2019, porträtiert den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka. Akin hatte dafür – mit außerordentlicher Liebe zum Detail – Hamburger Szeneorte der 1970er-Jahre nachgestellt. Begehbare Kulissen dieses Meisterwerks sind nur eine von vielen Sehenswürdigkeiten der neuen Ausstellung „Close-up: Hamburger Film- und Kinogeschichten“ im Altonaer Museum.

Gabriel (Mehmet Kurtuluş) und Costa (Adam Bousdoukos) vor der malerischen Kulisse von Övelgönne im Film „Kurz und schmerzlos“ (Foto: Wüste Film/Gordon Timpen)

Gabriel (Mehmet Kurtuluş) und Costa (Adam Bousdoukos) vor der malerischen Kulisse von Övelgönne im Film „Kurz und schmerzlos“ (Foto: Wüste Film/Gordon Timpen)

 

Es begann mit der Ankunft Kaiser Wilhelms II.

 

Hans Albers um 1950 (Foto: picture alliance Keystone)

Hans Albers um 1950 (Foto: picture alliance Keystone)

Hamburg ist eine Filmstadt durch und durch – sogar die Anfänge des Mediums führen in die Hansestadt: Die ersten datierbaren Kameraaufnahmen in Deutschland zeigen die Ankunft Kaiser Wilhelms II. am Bahnhof Dammtor 1895. 1901 eröffnete mit dem Knopf ’s Lichtspielhaus zudem das wohl erste ortsfeste Kino im Land. Die Ausstellung beginnt weit in der Vergangenheit, greift aber insbesondere die Entwicklung einer unabhängigen Filmszene ab den 1960er-Jahren sowie die zunehmende Vielfalt in der Filmbranche ab den 1980er-Jahren auf. Dabei gibt es jede Menge zu sehen, zu lernen und zu erfahren.

Vom 8. Dezember 2021 bis zum 18. Juli 2022 nimmt das Altonaer Museum die Besucher mit auf eine spannende Zeitreise durch die Hamburger Filmgeschichte, indem es Fragmente ausgewählter Filme – von Kostümen und Requisiten, über Filmplakate bis hin zu Drehbüchern und Szenenfotos – präsentiert. Das gab es bisher so noch nicht zu sehen. Und immer als heimliche Protagonistin im Hintergrund mit dabei: Hamburg selbst.

„Close-Up – Hamburger Film- und Kinogeschichte“ bis zum 18. Juli 2022 im Altonaer Museum


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Roter Teppich wird wieder ausgerollt: Filmfest Hamburg startet

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 wird in Hamburg wieder der rote Teppich ausgerollt. Das diesjährige Filmfest verspricht hochkarätige Filme. Eröffnet wird mit „Große Freiheit“, der in Cannes Premiere feierte

Text: Marco Arellano Gomes

 

Schau! Wow! heißt es im of­fiziellen Trailer des Filmfest Hamburg 2021. Der Trailer vom finnischen Regisseur Ma­tias Autio ist inspiriert „von einer Autowerkstatt im Osten Helsinkis“, in der einst Zigaretten und Alkohol an minder­ jährige Teenager vertickt wurden. Den Nervenkitzel samt schweißnassen Händen wollte der Regisseur im Trailer transportieren. Das ist ihm gelungen. Die Vorfreude steigt. Das Publikum besucht wieder fleißig die Kinos – fehlt nur noch das alljährliche Highlight: das Filmfest Hamburg.

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 ist es so weit: Der rote Teppich wird wieder ausgerollt, Stars und Sternchen sind zu Besuch und das Publikum bekommt eine erlesene Filmauswahl zu sehen, darunter einige Premie­ren. 100 Produktionen stellten Filmfest-­Leiter Albert Wieder­spiel und sein Team zusam­men. Eröffnet wird das Fest mit „Große Freiheit“ von Sebastian Meise, Gewinner in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“. Der Film handelt von der Kriminalisierung Homo­sexueller im Nachkriegsdeutsch­land – einem bislang wenig be­achteten Thema im deutschen Film. Hauptdarsteller ist Franz Rogowski. Im Film spielt er Hans, der im Gefängnis auf den Zellengenossen Viktor (Georg Friedrich) trifft, einen verurteilten Serienmörder. „Ge­rade heute, wo die Intoleranz zunimmt, müssen wir aus der Geschichte lernen“, sagt Fes­tivalleiter Albert Wiederspiel.

 

Viele weitere Highlights

 

Auch die weiteren Filme versprechen einen filmreifen Start in den Kinoherbst: „Die Geschichte meiner Frau“ von Berlinale-Preisträgerin Ildikó Enyedi („Körper und Seele“) wurde in Teilen in der Ham­burger Speicherstadt gedreht. Hauptdarstellerin Léa Seydoux spielt auch im Film „France“, der ebenfalls in Cannes aufge­führt wurde. Darin wird die Ge­schichte der Starjournalistin France de Meurs erzählt, deren Leben außer Kontrolle gerät. Produziert wurde Bruno Du­monts Film unter anderem auch von der Hamburger Produk­tionsfirma Red Balloon Film.

Weitere Highlights: Andrei Kon­chalovskys Film „Dear Com­rades!“, „Töchter“ von Nana Neul, „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“, produziert von Fatih Akins Bombero Interna­tional und The Match Factory. Viel­ versprechend sind zudem „Hinterland“ von Oscarpreisträ­ger Stefan Ruzowitz­ky („Die Fälscher“) sowie „Niemand ist bei den Kälbern“ mit der für ihre Leistung ausgezeichneten Darstellerin Saskia Rosendahl („Fabian – oder Der Gang vor die Hunde“).

„Wir freuen uns, dass so viele ausgezeichnete Filme ihre Deutschlandpremieren in Hamburg feiern“, so Wieder­spiel. Festivalkinos sind Aba­ton, Cinemaxx Dammtor, Me­tropolis, Passage und Studio­ Kino. Programm und Tickets gibt es auf filmfesthamburg.de.

Filmfest Hamburg: 30.9. bis 9.10. in diversen Hamburger Kinos


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Zeise Open Air: „Nordsee ist Mordsee“

Bald 50 Jahre alt, gehört das Coming of Age-Drama „Nordsee ist Mordsee“ auch heute noch zu den beliebtesten Hamburg-Filmen überhaupt – denn Regisseur Hark Bohm gelang es, die von vorenthaltener Liebe geprägten Lebensverhältnisse der Arbeiterkinder der Nachkriegsjahre glaubhaft zu portraitieren. Die moderne Abenteuer-Geschichte aus Wilhelmsburg wird bei der diesjährigen Open Air-Kino Saison des Zeises im Innenhof des Altonaer Rathauses gezeigt – in Anwesenheit des Regisseurs.

Text: Kevin Goonewardena

 

Der 14-jährige Uwe (gespielt von Bohms späterem Adoptivsohn Uwe Enkelmann) wächst mit seiner Familie in prekären Verhältnissen in einer Hochhaussiedlung in Wilhelmsburg der 1970er Jahre auf. Der Vater trinkt, schlägt ihn und auch die Mutter. 

Als Anführer einer Jugendbande lässt Uwe seinen Frust außerhalb der Familie an anderen ab, Dschingis, ein asiatischer Junge, ist eines der Opfer der Halbstarken. Eines Tages beobachtet Uwe Dschingis dabei, wie dieser ein Floß baut; gleichzeitig fängt Uwes Gang an ihm wegen einbehaltener Beute aus einem geknackten Spielautomaten zu misstrauen. Nach der erneuten Misshandlung durch seinen Vater (in dessen Rolle Bohms Bruder schlüpfte), beschließen Uwe und Dschingis mit dem Floß abzuhauen. Ihre abenteuerliche Reise soll sie bis auf die Elbe führen …

 

Filmisches Denkmal

 

Mit seiner modernen Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Geschichte schuf Bohm eine glaubhafte Erzählung der Lebenswirklichkeit ohne Liebe heranwachsender Nachkriegs-Arbeiterkinder, wie Kritiker:innen befanden. 

Der emeritierte Professor für Film und Mitbegründer des Hamburger Filmfests Hark Bohm setzte mit seinem Werk insbesondere dem Stadtteil Wilhelmsburg ein filmisches Denkmal, lange bevor Fatih Akin die Elbinsel durch seinen Film „Soul Kitchen“  von 2009 weit über Hamburg hinaus bekannt machte. 

Mit Akin wiederum hatte Bohm seine letzten Erfolge – zusammen schrieben sie die Drehbücher zur Kino-Adaption des Buches „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf und dem Golden Globe-prämierten „Aus dem Nichts“, für das Hark Bohm auch den Deutschen Filmpreis gewann.

 

 

Viele Drehorte von „Nordsee ist Mordsee“ sind auch heute noch besuchbar – größtenteils wurde der Film im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel, rund um die die S-Bahn-Station und das Luna-Einkaufszentrum gedreht. Uwes Familie wohnt im Film beispielsweise in einer Wohnung in der Neuenfelder Straße 86, die Kneipe in der Uwes Mutter im Film arbeitet, befand sich in der Ladenzeile in der heute unter anderem eine Filiale der Kette Schweinske angesiedelt ist.

„Nordsee ist Mordsee“ bildet den filmischen Auftakt der diesjährigen Veranstaltungsreihe im Rahmen des Kultursommers, die neben Filmen (u.a. auch den diesjährigen Oscar-Gewinner „Nomadsland“, „Der Rausch“, die Klassiker „Der Hauptmann von Köpenick“ und Fatih Akins-Durchbruchfilm „Gegen die Wand“ oder die Kult-Mockumentary „Fraktus – Der Film“), Lesungen (u.a. der Bestseller-Autor:innen Kübra Gümüsay und Johann Scheerer, sowie Benjamin Maack und die Vorstellung der Biografie Dieter Kosslick, der über  20 Jahre die Fäden der Berlinale zog), Poetry Slams und Konzerte beinhaltet. 

 

Von Allem etwas

 

Vor allem Film-Fans kommen erwartungsgemäß auf ihre Kosten: Neben Sneak-Previews, sind bei vielen Vorführungen Gäste anwesend, andere Filme feiern im Rahmen des Programms ihre Hamburg-Premiere – etwa „Fabian – oder der Gang vor die Hunde“, eine Adaption des Klassikers von Erich Kästner mit Tom Schilling in der Hauptrolle. Auch „Alles ist eins. Ausser der 0“ des ehemaligen Managers der Band Einstürzende Neubauten, Gesellschafter des ersten Punk-Plattenladens Rip Off (heute Ruff Trade in der Feldstraße), Gründer des Freibank Musikverlags und einer gemeinsamen Filmproduktionsfirma mit Fatih Akin, Klaus Maeck, gibt’s im Zeise Open Air zuerst zu sehen. 

Die Doku „Bis die Gestapo kam – das Chinesenviertel auf St. Pauli“ behandelt hingegen eines der dunkelsten Kapitel der NS-Zeit der Hansestadt: Die Auflösung des Chinesenviertels auf St. Pauli durch die Gestapo, welche mit Inhaftierung, Enteignung und dem Tod einiger chinesischer Mitbürger:innen handelte. Unter den Gefangenen war damals auch Chong Tun Lam, der Gründer des 1934 eröffneten Hotels HongKong auf dem Hamburger Berg. Das ehemalige Chinesenviertel ist auch Standort der zuletzt verlegten und des insgesamt 6000. Stolpersteins, mit denen dort an 13 durch die Nazis ermordete chinesische Mitbürger:innen erinnert wird.

zeise.de


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Fatih Akin und „Der Goldene Handschuh“ – Hamburger Horror

Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ über den Serienkiller Fritz Honka feierte auf der Berlinale Premiere. Produzentin Nurhan Sekerci-Porst hat uns von den Dreharbeiten, Sauf-Exzessen in der Kiezkneipe und Akins Vorliebe fürs Abseitige erzählt.

Text & Interview: Maike Schade
Foto (o.): Warner Bros.

Fatih Akin wurde 1973 geboren. Zwei Jahre später wurde Fritz Honka verhaftet – jener Serienkiller, der über Jahre hinweg in der Kiez-Kaschemme „Zum Goldenen Handschuh“ Frauen abgeschleppt, in seiner Wohnung in der Ottenser Zeißstraße ermordet, zerstückelt und die Leichenteile in seiner Mansarde versteckt hat. Das beispiellose Verbrechen erschütterte die Hamburger nachhaltig – lange noch ging Honka als Manifestation des sprichwörtlichen „Schwarzen Mannes“ in den Gedanken um.

Auch bei Fatih Akin, der in Altona aufgewachsen ist. Nun hat er Heinz Strunks Roman über die damaligen Geschehnisse verfilmt, in die Kinos kommt der Film ab 21. Februar. Premiere ist auf der Berlinale (7. bis 17. Februar). Hoffentlich. Schließlich geht es hier um den Goldenen Bären. Doch das Ganze ist ein ziemlich enges Höschen, der Horrorstreifen wird wohl erst kurz vor knapp fertig. Sehen konnten wir den Film deshalb noch nicht, Akin schraubte zu Redaktionsschluss noch mit Hochdruck daran. Von der Produzentin Nurhan Sekerci-Porst haben wir trotzdem eine Menge Interessantes über den Film erfahren.

SZENE HAMBURG: Nurhan, mit dem Buch und der Theaterinszenierung am Schauspielhaus ist das Thema Fritz Honka ja eigentlich schon ziemlich gut bedient. Warum wolltet ihr trotzdem diesen Film machen?

Nurhan Sekerci-Porst: Wir haben das beschlossen, gleich nachdem wir den Roman gelesen hatten. Fatih war total begeistert von dem Buch, er kennt ja auch Heinz Strunk und die Geschichte aus eigener Erfahrung – er ist in Altona aufgewachsen, dieser Serienmörder lebte also quasi in seiner Nachbarschaft. Er braucht immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff, den er verfilmt, und das war hier natürlich gegeben. Denn hinzukommt noch, dass die Griechen, die in der Wohnung unter Fritz Honka in der Zeißstraße lebten, Verwandte von Fatihs gutem Freund Adam Bousdoukos waren. Der Onkel, genauer gesagt. Und so entstand schnell die Idee, den Roman zu verfilmen, obwohl der sich mit all der Grausamkeit eigentlich gar nicht unbedingt dafür anbietet.

 

Die Nacktheit der Frauen und das Zersägen hat uns alle sehr mitgenommen

 

Wie war das denn bei dem Dreh? War es für dich überhaupt erträglich, bei der Zerstückelung der Leichen zuzusehen?

Das war für uns alle, für das gesamte Team und die Schauspieler, ziemlich krass. Diese Nacktheit der Frauen, dieses Abschlachten und Zersägen, das hat uns alle sehr mitgenommen. Deshalb hatte ich auch entschieden, dass ein Psychologe am Set sein sollte, wenn es an die expliziteren Szenen geht.

Habt ihr ihn – oder sie – gebraucht?

Das war Dr. Angélique Mundt, eine Psychologin. Es gab Gespräche mit ihr am Set, wenn auch eher genereller Natur. Aber Fatih ist ja auch ein sehr einfühlsamer Regisseur. Es war alles sehr respektvoll, er hat sich sehr viel Zeit genommen für die Szenen und ist erst einmal sehr technisch da rangegangen, um etwas mehr Abstand dazu zu haben. Dennoch war es gut und auch notwendig, dass die Psychologin dabei war.

Das klingt, als wäre es auch für die Zuschauer keine leichte Kost …

Nein, das ist nichts für zartbesaitete Seelen. Allerdings findet beim Zuschauer auch viel im Kopf statt, vieles hört man nur. Das geht aber voll unter die Haut, weil wir in Dolby Atmos gedreht haben, da haut dich der Sound wirklich um. Es ist ein Horrorfilm, das muss man ganz klar sagen.

Also nichts mit Sozialstudie oder so?

Nein. Wir ergründen auch nicht, warum Honka zum Serienmörder geworden ist. Im Grunde genommen ist es wie „Große Freiheit Nr. 7“ (Hans-Albers- Klassiker von 1944, Anm. d. Red.) als Horrorfilm.

Habt ihr den Roman eins zu eins verfilmt?

Nicht eins zu eins. Der Film hat eine stringentere erzählerische Struktur. Der Roman erzählt die Story um die Kneipe herum. Wir erzählen die Story um den Serienkiller. Die Reeder-Familie und den Reeder-Sohn, die in Strunks Roman ja durchaus eine größere Rolle spielen, haben wir beispielsweise weggelassen.

Ihr habt aber in den Originalkneipen gedreht? Also im Handschuh, dem Elbschlosskeller und dem HongKong Hotel?

Jein. Die Außenszenen auf der Reeperbahn und in der Zeißstraße haben wir an den Originalschauplätzen gedreht. Die Interieurs, also den Goldenen Handschuh und auch die Wohnung von Fritz Honka, hat unsere Ausstattungsabteilung komplett und eins zu eins im Überseezentrum nachgebaut. Sascha Nürnberg, einer der Besitzer des Goldenen Handschuhs und ein Enkel des damaligen Besitzers, war völlig geplättet, als er da hineinkam. Er meinte: „Krass, wie haargenau das hier aussieht wie bei uns. Ich fühle mich wie im Handschuh, es fehlt nur der Geruch.“

Warum habt ihr den Goldenen Handschuh denn nachgebaut, wenn es die Location noch gibt?

Es stimmt, und es sieht wohl auch noch genauso aus wie zu Honkas Zeiten. Aber es wäre sehr schwierig geworden, im Goldenen Handschuh zu drehen. Der Laden hat ja bis auf einen Tag im Jahr wirklich immer und rund um die Uhr auf, und die Besitzer wollten ihn nicht längerfristig schließen, er ist ja quasi das Zuhause von vielen Leuten. Und die wären dann vermutlich auf die Barrikaden gegangen, wir hätten dann sowieso nicht in Ruhe drehen können. Es war schon schwierig genug, mitten im Sommer auf dem Kiez zu drehen. Da braucht man super viel Geduld, man darf nicht ausflippen, wenn die Passanten einen anquatschen oder durchs Bild laufen wollen.

 

„ ‚Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka‘, hieß es in der Schule immer“

 

Aber der Kiez sieht doch ganz anders aus als damals, oder?

Ja, das kommt noch hinzu. Die Ausstattung musste vieles anfassen. Trotzdem, alles geht da natürlich nicht. Wir haben deshalb in der Postproduktion für VFX (visuelle Effekte, Anm. d. Red.) eine sehr hohe Summe ausgegeben, weil beispielsweise die Autos verdreckt, Schilder bearbeitet und Fenster retouchiert werden mussten. Oder die Häuserfassaden in der Zeißstraße, die so was von totsaniert wurden – es hat unheimlich viel Zeit und Geduld gekostet, das so nachzubearbeiten, dass es so original wie möglich wirkt.

Hättet ihr das Ganze nicht im Heute spielen lassen können?

Das haben wir tatsächlich ganz kurz diskutiert. Aber nee.

Kann sich Fatih eigentlich an die Geschehnisse damals erinnern?

Er sagt, dass er mit der Angst vor Fritz Honka aufgewachsen ist. In der Schule hieß es wohl immer: „Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka“ oder so ähnlich. An die Verhaftung Honkas erinnert er sich natürlich nicht, da war er ja erst zwei, drei Jahre alt. Aber das hing wohl wie ein Schatten über seiner Kindheit, schließlich war das der skrupelloseste, gewalttätigste Serienmörder der Bundesrepublik. Der hat über fünf Jahre hinweg mehrere Frauen ermordet, hat die Leichenstücke die ganze Zeit da in seiner Mansarde gehortet und immer nur Teile weggeschleppt, alles war abgeklebt und überall in der Wohnung hingen Wunderbäume, um den Geruch zu überdecken. Zu wissen, dass das nebenan passiert ist … Das ist ja das Finstere an der Geschichte: So etwas kann auch in deiner Nachbarschaft geschehen, auch heute noch, und keiner merkt es.

 

Seht hier den Trailer zu „Der Goldene Handschuh“

 

Adam Bouskoudos spielt doch auch mit – wen denn?

Er spielt seinen Onkel. Der hat Honka wegen des Gestanks mehrfach angesprochen und sich auch beim Vermieter beschwert. Aber niemand hat was unternommen. Nicht einmal die Polizisten, die vor Ort waren, weil eines der Opfer entkommen ist und ihn wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt hat. Als die den Geruch ebenfalls bemerkt haben, hat Honka ja behauptet, der käme von den Griechen – also Adams Onkel –, die immer Hammelköpfe kochen würden. Das steht wirklich in den Polizeiakten. Und die sind dann einfach von dannen gezogen.

Die Rolle des knapp 40-jährigen Fritz Honka spielt Jonas Dassler (beim Dreh 22 Jahre alt, Anm. d. Red.). Wie seid ihr denn auf den gekommen, der ist doch viel zu jung und hübsch dafür?

Ja, das stimmt. Wir haben ihn bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises gesehen, wo er als Bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Wir waren so beeindruckt von seinem Auftreten. Er war zwar sehr nervös, dabei aber unglaublich charismatisch. Und da sagte Monique, Fatihs Frau, die auch das Casting für den „Goldenen Handschuh“ gemacht hat: Schade, wenn der ein paar Jahre älter wäre, wäre das dein Fritz Honka. Und da fing es bei Fatih an zu rattern, und er hat ihn zum Casting eingeladen. Eigentlich zuerst eine Schnapsidee, aber Jonas hat uns voll überzeugt.

Wie habt ihr ihn so hässlich und alt gemacht?

Da haben wir sehr, sehr lange getüftelt. Honka hatte ja mehrere Unfälle und ein sehr eingedrücktes, entstelltes Gesicht, und er hat geschielt. Das wollten wir entsprechend umsetzen. Das hieß für Jonas, dass er jeden Tag drei Stunden Maske durchziehen musste. Morgens musste er schon um fünf, sechs am Set sein, abends noch mal eine Stunde zum Abschminken.

 

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Kneipenbesuche waren Pflicht für Fatih Akin

 

Wie habt ihr das mit dem Schielen hinbekommen?

Wir haben in London von einer Expertin, die zum Beispiel auch für den „Fluch der Karibik“ arbeitet, eine riesengroße Linse anfertigen lassen, die die Iris nicht erkennen lässt, sodass wir damit das schielende Auge erzeugen konnten. Die konnte Jonas immer nur eine halbe Stunde am Tag für die Nahaufnahmen tragen – er musste sie nicht immer tragen, ging ja auch gar nicht, in der Kneipe wurde ja auch wirklich geraucht, und da bekam das Auge nicht genug Sauerstoff. Für ihn war das alles körperlich schon sehr, sehr anstrengend. Auch mental natürlich. Und er musste ja auch noch mit Akzent spielen. Aber er hat es wirklich großartig gemacht, und seine eigene Figur Honka mitentwickelt. Wirklich ein ganz, ganz toller Schauspieler, obwohl er ja noch gar nicht so viel Erfahrung hat.

Wie viele Fakos (Fanta-Korn, angeblich Honkas Lieblingsgesöff, Anm. d. Red.) habt ihr eigentlich während des Drehs getrunken?

(lacht) Oh, das waren einige. Natürlich nicht während des Drehs, beim Arbeiten gibt’s keinen Alkohol – nur die Komparsen, echte Gäste aus dem Goldenen Handschuh, haben da richtige Fakos bekommen, die durften das und brauchten es auch. Aber wir waren vor allem während der Vorbereitungszeit viel im echten Goldenen Handschuh und ich muss ganz ehrlich sagen: Du kannst in diesem Laden nicht nüchtern sein. Er lässt dich auch nicht nüchtern sein. Ich habe mir so oft vorgenommen: Heute Abend betrinke ich mich nicht. Aber der Laden hat eine so merkwürdige Energie, das macht irgendwas mit dir, du entkommst dem nicht.

Du beobachtest eigentlich nur die Leute, und irgendwann wirst du dann eins damit und erwischst dich dann am Ende des Abends Arm in Arm mit irgendwelchen Frauen, die du eigentlich gar nicht kennst und plötzlich erzählt man sich die traurigsten Lebensgeschichten. Wirklich eine ganz eigenartige Dynamik, ich kann das gar nicht richtig erklären.

Und wie schmeckt ein echter Handschuh-Fako?

Eigentlich gar nicht. Wir haben uns ja auch die richtige Mische zeigen lassen – nicht halbe-halbe, sondern es muss ein bisschen mehr Korn als Fanta sein. Der arme Jonas hat so viel Korn getrunken! Aus Recherchezwecken natürlich, er war sehr oft im Goldenen Handschuh. Ehrlich gesagt glaube ich, Fako ist eigentlich ein Fantasiegetränk von Heinz Strunk. Der war natürlich auch oft im Goldenen Handschuh, zusammen mit Fatih.

 

„Superhelden interessieren ihn nicht“

 

Ach, das hat Fatih aber doch bestimmt gefallen? Bei den Dreharbeiten zu „Tschick“ hat er doch gesagt: „Auch wenn ich mit Jugendlichen drehe: Ich rauche, ich saufe und ich fluche trotzdem.“

Ja, ja, total. Diese rauen Außenseitergeschichten, abgehangene Leute, die der Gesellschaft oft egal sind, das ist so voll seins – er liebt ja auch Bukowski, genau wie Heinz Strunk. Superhelden interessieren ihn nicht.

Du arbeitest schon seit 2005 mit Fatih zusammen. Was nervt dich an ihm?

Tja … Also, er ist ja Künstler. Und das bedeutet, dass man Dinge immer wieder ausdiskutieren muss. Und es ist aber nicht so, dass dann etwas besprochen und abgehakt ist, sondern drei Tage später ist alles wieder ganz anders. Doch genau das ist es ja auch, was das Arbeiten mit Künstlern so spannend macht – auch wenn einem an manchen Tagen schier die Haare ausfallen vom Raufen. Doch wenn das Ergebnis stimmt, und das tut es bei Fatih immer, dann war es das Ganze auch wert.

Ab 21.2; Premiere mit Akin, Schauspielern und Crew am 20.2., 20 Uhr, roter Teppich ab 19 Uhr, Astor Film Lounge.

 24.2., Sondervorstellung mit den Maskenbildnerinnen, Zeise Kinos, 20 Uhr; 27.2., Sondervorstellung mit Heinz Strunk, Zeise Kinos, 19.30 Uhr.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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