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„Man muss das Gras wachsen hören“

Kathrin Kohlstedde ist seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg verantwortlich. Im Interview erzählt sie, wie magische Momente entstehen und warum Kinos nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden

Interview: Andreas Daebeler

 

SZENE HAMBURG: Frau Kohlstedde, seit 1999 sind Sie Programmleiterin beim Filmfest Hamburg. Ein Traumjob?

Kathrin Kohlstedde: Als ich während meines Studiums in einem Kino jobbte, hatte ich das große Glück, zum ersten Mal auf ein Filmfestival reisen zu dürfen. Das war das Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Dort habe ich den Zauber und die Kraft kennengelernt, die von Filmfestivals ausgeht und die mich seit jeher motiviert und begeistert.

Was macht das Filmfest Hamburg zu einem besonderen Festival?

Das Publikum sieht Filme, die es sonst selten im Kino sieht und trifft auch noch auf die Filmschaffenden. Filme werfen Fragen auf und Themen provozieren. Wir suchen im Gespräch danach im Foyer oder in der Bar nach Antworten. Das macht das Filmerlebnis so nahbar, fordert und formt die eigene Offenheit für Neues und macht das Leben eines jeden ein Stück reicher. Diese Magic Moments versuchen wir beim Filmfest Hamburg zu schaffen, und gemeinsam mit unseren internationalen Gästen und einem großartigen, neugierigen Publikum gelingt uns das glaube ich auch seit einigen Jahren sehr gut.

 

Nachhaltigkeit gegen Schnelllebigkeit

 

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Die Branche ist schnelllebig. Es geht oft darum, auf den letzten Drücker produzierte Streifen noch ins Programm zu bekommen. Was ist Ihr Geheimnis, tatsächlich die neuesten Filme in Hamburg an den Start zu bekommen?

Der Schnelllebigkeit setzten wir nachhaltige Beziehungen entgegen. Über das Jahr hinweg pflegen wir ein Netzwerk zu Filmschaffenden und Lizenzgebern, denen wir Respekt schenken und sie wertschätzen. Sie wissen, dass das ehrlich gemeint ist und so geben sie auch gern die Filme nach Hamburg. Als Programmer:in muss man aufmerksam sein, das Gras wachsen hören und furchtlos sein. So kommen die aufregenden neuen Film ins Programm. Der Charme von Hamburg tut sein Übriges, dass alle gerne mit ihren Filmen kommen.

Corona hat die Kinobranche stark getroffen. Glauben Sie, dass klassische Filmtheater nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden?

Absolut. Ich glaube, diese immer noch andauernde Ausnahmezeit hat den Wunsch nach Fokussierung verstärkt, nach nachhaltigen Erlebnissen in guter Gemeinschaft. Das bietet das Kino, wenn es gut geführt ist, aufs Beste.

In Hamburg wird der Douglas Sirk Preis vergeben. Das beschert unserer Stadt prominente Besucher wie Tilda Swinton, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, François Ozon, Kim Ki-Duk oder Julian Schnabel. Welche dieser Begegnungen hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Es ist für uns und unser Publikum immer eine große Ehre, wenn die Preisträger:innen nach Hamburg kommen. Alle Verleihungen waren besonders, viele unvergesslich. Ich persönlich finde die Begegnung mit Regisseur:innen spannend. Da hab ich das Gefühl, dass sie uns mit den Filmen viel mehr Einblick in ihre Seele geben, schließlich dürfen wir die Welt für einen Moment durch ihre Augen sehen.

 

„Der Film ist eine Wucht“

 

Hamburg in allen Ehren, aber es gibt auch andere Festivals, die das Kino feiern. Welches schätzen Sie besonders?

Cannes, das ist wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag zusammen. Es ist das unumstritten wichtigste Festival, das im Mai die Filme zeigt, die die Maßstäbe für das Kinojahr setzen. Dort ist die gesamte Filmbranche versammelt und Frankreich schätzt und feiert das Kino wie kaum ein anderes Land. Das ist für uns der Moment, die besten Filme nach Hamburg zu bringen und zu wissen, was das Filmjahr noch so bringen wird.

Was war der letzte richtig gute Film, den Sie gesehen haben?

Gerade vor zwei Tagen war das: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf. Der Film ist eine Wucht. In drei Stunden zeigt er uns all das, was Kino kann und warum Film so einzigartig ist. Ganz große Empfehlung.


 Die SZENE HAMBURG Lichtspiele 2021/2022 ist seit dem 11. Dezember 2021 im Handel und im Online Shop erhältlich!

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November in Hamburg: Zeit für Filmfeste

Draußen ist es kalt und nass, da kommt ein warmes und gemütliches Kino gerade recht. Im November 2021 finden in Hamburg drei Filmfeste statt. Dabei gibt es fantastisches im Savoy Filmtheater, Filme vom afrikanischen Kontinent im Studio-Kino und zum Schluss das cinefest

Texte: Marco Arellano Gomes & Rosa Krohn

 

Fantasy Filmfest

 

Vom 31. Oktober bis zum 7. November 2021 gibt es im Savoy Filmtheater acht Tage Horror, Splash und Trash vom Feinsten. Kurz: das Fantasy Filmfest. 37 Filme gibt’s zu sehen, einer grauenvoller als der andere – im positiven Sinne natürlich! Denn um das Grauen geht es bei dieser Sammlung von Filmen aus unterschiedlichsten Genres zumindest auch – vom Thriller über Science-Fiction bis hin zum blanken Horror gibt es jede Menge Special Interest. Jede Menge „Filme, die aus der Reihe tanzen, auffallen, fordern und überfordern, mit Konventionen brechen und provozieren“, wie das Filmfest betont. Der Eröffnungsfilm „Gunpowder Milkshake“ lässt es ordentlich knallen, besonders sehenswert ist der isländische Horrorfilm „Lamb“ mit Noomi Rapace. Seit 35 Jahren ist das Fantasy Filmfest ein Muss für alle Cineasten mit Faible zum Gruseln.

Fantasy Filmfest, vom 31. Oktober bis 7. November 2021 im Savoy Filmtheater; fantasyfilmfest.com

 

Afrikanisches Filmfestival Hamburg

 

Zum zehnten Mal wird in Hamburg mit dem Afrikanischen Filmfestival der Vielseitigkeit des Lebens auf dem afrikanischen Kontinent eine Plattform gegeben. Vom 3. bis 14. November 2021 werden Projekte von Filmschaffenden vom gesamten Kontinent präsentiert. Zur Eröffnung im Kulturzentrum der Afrodiaspora in Barmbek, dem Afrotopia, ist auch Kultursenator Dr. Carsten Brosda zu Gast. Das eigentliche Festival beginnt am 4. November mit dem Dokumentarfilm „Gardenie Nocturne – Night Nursery“ im Studio-Kino. Hinzu kommen VR-Filme in der Bücherhalle Altona. Für die Eröffnung gilt die 3G-Regel, im Studio-Kino die 2G-Regel.

Afrikanisches Filmfestival Hamburg, vom 3. bis 14. November 2021 im Studio-Kino und der Bücherhalle Altona; augen-blicke-afrika.de

 

Cinefest

 

Im Metropolis findet vom 12. bis 21. November 2021 das cinefest statt. Schwerpunkt sind die Karrieren ost- und mitteleuropäischer Filmschaffender, die ins Exil vertrieben wurden. Darunter zahlreiche polnische und ukrainische Filmemacher, die nach Gründung der Sowjetunion vor der Wahl standen, weiterzuarbeiten oder in den Westen zu gehen. 30 Filme sind zu sehen. Am 4. und 9. November gibt es darüber hinaus eine cinefest Preview im Abaton und am 24. und 25. November ein cinefest Encore-Programm im Metropolis und im Alabama Kino. Zusätzlich werden die Filme auch auf dem Streamingkanal Metropolis+ gezeigt. Für das cinefest gilt die 2G-Regelung.

Cinefest, vom 12. bis 21. November 2021 in mehreren Kinos; cinefest.de

Horror aus Island gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Lamb“, zu sehen beim Fantasy Filmfest:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Roter Teppich wird wieder ausgerollt: Filmfest Hamburg startet

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 wird in Hamburg wieder der rote Teppich ausgerollt. Das diesjährige Filmfest verspricht hochkarätige Filme. Eröffnet wird mit „Große Freiheit“, der in Cannes Premiere feierte

Text: Marco Arellano Gomes

 

Schau! Wow! heißt es im of­fiziellen Trailer des Filmfest Hamburg 2021. Der Trailer vom finnischen Regisseur Ma­tias Autio ist inspiriert „von einer Autowerkstatt im Osten Helsinkis“, in der einst Zigaretten und Alkohol an minder­ jährige Teenager vertickt wurden. Den Nervenkitzel samt schweißnassen Händen wollte der Regisseur im Trailer transportieren. Das ist ihm gelungen. Die Vorfreude steigt. Das Publikum besucht wieder fleißig die Kinos – fehlt nur noch das alljährliche Highlight: das Filmfest Hamburg.

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 ist es so weit: Der rote Teppich wird wieder ausgerollt, Stars und Sternchen sind zu Besuch und das Publikum bekommt eine erlesene Filmauswahl zu sehen, darunter einige Premie­ren. 100 Produktionen stellten Filmfest-­Leiter Albert Wieder­spiel und sein Team zusam­men. Eröffnet wird das Fest mit „Große Freiheit“ von Sebastian Meise, Gewinner in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“. Der Film handelt von der Kriminalisierung Homo­sexueller im Nachkriegsdeutsch­land – einem bislang wenig be­achteten Thema im deutschen Film. Hauptdarsteller ist Franz Rogowski. Im Film spielt er Hans, der im Gefängnis auf den Zellengenossen Viktor (Georg Friedrich) trifft, einen verurteilten Serienmörder. „Ge­rade heute, wo die Intoleranz zunimmt, müssen wir aus der Geschichte lernen“, sagt Fes­tivalleiter Albert Wiederspiel.

 

Viele weitere Highlights

 

Auch die weiteren Filme versprechen einen filmreifen Start in den Kinoherbst: „Die Geschichte meiner Frau“ von Berlinale-Preisträgerin Ildikó Enyedi („Körper und Seele“) wurde in Teilen in der Ham­burger Speicherstadt gedreht. Hauptdarstellerin Léa Seydoux spielt auch im Film „France“, der ebenfalls in Cannes aufge­führt wurde. Darin wird die Ge­schichte der Starjournalistin France de Meurs erzählt, deren Leben außer Kontrolle gerät. Produziert wurde Bruno Du­monts Film unter anderem auch von der Hamburger Produk­tionsfirma Red Balloon Film.

Weitere Highlights: Andrei Kon­chalovskys Film „Dear Com­rades!“, „Töchter“ von Nana Neul, „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“, produziert von Fatih Akins Bombero Interna­tional und The Match Factory. Viel­ versprechend sind zudem „Hinterland“ von Oscarpreisträ­ger Stefan Ruzowitz­ky („Die Fälscher“) sowie „Niemand ist bei den Kälbern“ mit der für ihre Leistung ausgezeichneten Darstellerin Saskia Rosendahl („Fabian – oder Der Gang vor die Hunde“).

„Wir freuen uns, dass so viele ausgezeichnete Filme ihre Deutschlandpremieren in Hamburg feiern“, so Wieder­spiel. Festivalkinos sind Aba­ton, Cinemaxx Dammtor, Me­tropolis, Passage und Studio­ Kino. Programm und Tickets gibt es auf filmfesthamburg.de.

Filmfest Hamburg: 30.9. bis 9.10. in diversen Hamburger Kinos


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kino: Japan-Filmfest Hamburg

Zum 22. Mal findet 2021 das Japan-Filmfest Hamburg statt. Vom 18. August bis 1. September gibt es über 80 Filme zu sehen, in diesem Jahr allerdings nur online

Text: Marco Arellano Gomes

 

Zum 22. Mal bietet das Japan-Filmfest Hamburg Einblicke in die japanische Filmkultur. Das diesjährige Festivalmotto ist ein altes japanisches Sprichwort: „Die Augen sind der Spiegel der Seele“. Zwar wird das Filmfest ausschließlich online stattfinden, dafür läuft es in diesem Jahr länger als sonst: Satte 14 Tage – vom 18. August bis zum 1. September – sind die über 80 Filme über leihkarte.de abrufbar. Sie reichen vom farbenfrohen Anime über anregende Kurzfilme bis zu Arthouse-Perlen und Genrekracher. Zahlreiche Premieren sind darunter. 2021 feiern Deutschland und Japan 160 Jahre diplomatische Beziehungen. Das Japan-Filmfest ist ein wichtiger Beitrag. „Über die audiovisuelle Sprache des Films lassen sich Einblicke in das Seelenleben einer Gesellschaft gewinnen“, lässt das Festival wissen. Man muss nur die Augen öffnen und hinschauen.

Das Japan-Filmfest Hamburg, online vom 18. August bis 1. September

Zum Reinschnuppern gibts hier den Trailer zum Quasi-Eröffnungsfilm „All Aboard!“ von Regisseur Seiichi Hishikawa:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Prince Kuhlmann: „Wir brauchen Quoten“

Die ghanaisch-deutsche Filmproduktion „Borga“ wurde beim Filmfestival Max Ophüls mit vier Preisen (u. a. bester Film und Publikumsliebling) ausgezeichnet. Im Interview erzählt der Hamburger Schauspieler Prince Kuhlmann über seine Erfahrungen beim Dreh, die Schwierigkeit, als schwarzer Schauspieler in Deutschland engagiert zu werden und die Vorteile einer Diversity Checklist

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Prince Kuhlmann, du spielst in dem Film „Borga“ von York-Fabian Raabe mit, der im Januar auf dem Filmfestival Max Ophüls viermal ausgezeichnet wurde. Was macht den Film so besonders?

Prince Kuhlmann: Als ich die Anfrage erhielt und hörte, dass es sich um eine deutsch-ghanaische Geschichte handelt, war mir sofort klar, dass ich dabei sein wollte. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit. Es ist die Geschichte meiner Eltern und Großeltern – und es ist die Sprache, die ich noch immer spreche.

Das Besondere ist, dass wir endlich diese ungehörte Geschichte eines schwarzen, afrikanischen Mannes erzählen können, der auf die Reise geht, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Dieses Narrativ sieht man in Deutschland in dieser Form und Qualität selten.

Was ist an diesem Narrativ so anders?

Die Reise, die die Hauptfigur Kojo (Eugene Boateng) durchlebt – als Schwarzer in Deutschland, als Borga in Ghana – kommt ohne die sonst übliche Form der Indirektheit aus. Wir sehen und erleben die Geschichte aus seiner Perspektive. Es ist wichtig, dass die Zuschauer diese Geschichte auf diese Weise miterleben.

Spiegelt der Film die Realität der ghanaischen Community gut wider?

Es ist natürlich etwas dramatisierter und zugespitzter, was in der Natur des Mediums Film liegt. Aber es gibt viele Aspekte, die sehr realitätsnah sind. Gerade die Odyssee, auf die Kojo sich einlässt, aber auch die afrikanische Community in Mannheim oder das Bild eines Borgas.

Wofür steht das Wort Borga?

Ein Borga ist ein erfolgreicher, wohlhabender Mann von Welt, der es schafft, Dinge zu ermöglichen, die in den Heimatländern normalerweise nicht möglich sind. Wenn du zu einem anderen Afrikaner sagst „Hey Borga! What up?!“, dann bestätigst du diesen quasi als gemachten Mann. Insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren war die Zielsetzung vieler afrikanischer Auswanderer, nach Europa oder nach Übersee zu gehen und ein Borga zu werden.

 

„Größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg“

 

Stimmt es, dass der Begriff sich von Hamburg ableitet?

Ja, das stimmt. Aus „das ist ein Hamburger“, wurde „das ist ein Borga“. Die größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg. Meine Eltern kamen 1979 nach Hamburg. Es gab eine Welle von Westafrikanern, die damals nach Deutschland kam.

In dem Film geht es um die zwei Brüder Kojo und Kofi, die in Ghana aufwachsen und auf einer Elektroschrottmüllhalde nach wertvollen Stoffen suchen, um mit ihrer Familie über die Runden zu kommen. Als Kojo von einem Freund die Erfolgsgeschichten von dessen Onkel in Deutschland hört, entwickelt er den Wunsch, es ihm gleich zu tun. Als junger Erwachsener macht er sich auf nach Mannheim. Gibt es noch immer diese Vorstellung, dass man in Europa und speziell Deutschland leicht zu Wohlstand kommt?

Die Technik hat viel verändert. Durch das Internet, die Handys und Social Media bekommt man viel mehr mit, wie das Leben in den europäischen Städten wirklich ist. Niemand läuft dem noch so blauäugig hinterher. Lange Zeit hat man aber daran geglaubt, dass man nach Europa geht und ein Borga wird. In Wahrheit erwartete einen harte Arbeit – Tag und Nacht. Das durfte zu Hause aber keiner erfahren. Der Schein musste unbedingt aufrechterhalten werden. Da geht es um Prestige und Ansehen. Wer den Weg nach Europa einschlägt, muss erfolgreich sein. Der Druck der Familie, der Nachbarn, der Community ist groß.

In einer Schlüsselszene stößt Kojo auf den von dir gespielten Ebo, der kein Borga geworden ist, sondern ein etwas heruntergekommener, verbitterter älterer Mann. Was hat dich an dieser Rolle gereizt?

Ebo ist eine Art Antagonist von Kojo. Er gilt in Afrika noch als Borga, ist es aber nicht. Diese Scheinrealität zerbricht in dem Moment, in dem die beiden sich treffen. Das war eine sehr intensive, emotionale Szene. Ebo ist verletzt und verbittert, innerlich zerbrochen, weil ihm nicht gelang, was er sich so sehnlichst gewünscht hatte. Und mit der Ankunft von Kojo droht dieses Bild zu zerbrechen.

 

 

Wie hast du dich auf den Dreh vorbereitet?

Ich stieß zwei Wochen vor Drehbeginn zum Projekt dazu. Das war schon eine Herausforderung, in kurzer Zeit die Sprache, Emotion und Körperlichkeit in Einklang zu kriegen. Zudem musste ich der Figur eine Tiefe geben, die glaubhaft machte, dass er diese Reise bereits hinter sich hatte. Ich weiß noch, dass ich vor der Szene länger als sonst im Trailer saß und viel Musik gehört habe, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen. Ich sauge die Emotionen über die Musik quasi auf und lasse sie dann in der Szene einfließen.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur York-Fabian Raabe?

Die Zusammenarbeit mit York war sehr intensiv. Er wollte das Extremste von uns herausholen. Es gibt Regisseure, die erklären detailliert, wie sie sich eine Szene vorstellen. York gehört eher zu denen, die sagen: „Spiel einfach!“ Durch dieses Machen-Lassen ist diese Figur überhaupt erst entstanden.

In solchen Momenten merkt man, dass es einen Zusammenhalt gibt, der über das Vertrauen entsteht. Irgendwann fängt man an, nicht bloß zu spielen, es passiert dann einfach. Man reagiert nur auf das, was der andere tut.

 

„Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.“

 

Du hast mit „T.H.U.G. – True Hustler Under God“ und „Borga“ gleich in zwei deutschen Filmen mitgespielt, die unter die Rubrik „Schwarzer Film“ in Deutschland gezählt werden können. Woran liegt es, dass nicht mehr dieser Filme produziert werden?

Ich glaube, dass die Ideen, Geschichten und Leute da sind, um diese Art Filme zu machen. Nach dem Film „Borga“ kann jedenfalls keiner behaupten, es gäbe nicht genug schwarze Schauspieler in Deutschland. Dieser Film ist der Beweis, dass hervorragende schwarze Schauspieler da sind und bereit sind, zu spielen. „Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.

Scheitert es auch an der Finanzierung?

Beim Film „T.H.U.G.“ hatten wir nicht viel Geld. Ich habe nicht mal eine Gage bekommen. Wir wollten eine Bewegung in Gang bringen und andere inspirieren. Das war ein Film, um zu zeigen, dass es möglich ist, einen Jugendfilm mit schwarzer Besetzung zu machen und in die Kinos zu bringen.

Die Preise beim Filmfestival Max Ophüls sprechen dafür, dass Deutschland reif für solche Geschichten und Perspektiven ist.

Ich habe auch den Eindruck, dass alle Bock darauf haben. Der Film zeigt eindrucksvoll die Menschen am Rand, die auch im Filmbusiness meist nur vom Rand zuschauen dürfen. Jetzt stehen wir mit diesem Film mittendrin – und sehen, dass es viele interessiert, was wir zu erzählen haben.

Wäre der nächste Schritt nicht, dass auch schwarze Regisseure ihre Geschichten erzählen? Borga ist zwar ein schwarzer Film, aber von einem weißen Regisseur.

Klar! Auf jeden Fall! Das ist die nächste Etappe, die gegangen werden muss. York hat mit „Borga“ aber großartige Pionierarbeit gemacht. Ich bin froh und so stolz darauf, dass er das mit so viel Leidenschaft und Können umgesetzt hat. Damit hat York uns alle nach vorn in die erste Reihe geschoben. Aber klar, es muss der nächste Step sein, dass auch schwarze Regisseure und Produzenten ihre Storys erzählen. Irgendwo muss man ja beginnen. „Borga“ könnte die Initialzündung sein. Ich hoffe, dass dadurch Türen für die kommenden Generationen geöffnet werden und sich diese Türen nicht wieder schließen. Das ist – gerade in der jetzigen Zeit – sehr wichtig.

 

Verbindliche Quoten

 

Ist die Diversity Checklist, die die Filmförderung Hamburg-Schleswig- Holstein im vergangenen Jahr eingeführt hat, ein Schritt in die richtige Richtung?

Das ist auf jeden Fall gut. Von mir aus hätte man sogar einen Schritt weiter gehen können. In anderen Ländern, wie beispielsweise UK gibt es verbindliche Quoten.

Was entgegnest du Kritikern, die eine Checklist als Eingriff in die künstlerische Freiheit betrachten?

Die Checklist ermöglicht doch, künstlerisch vielmehr neue Perspektiven und Möglichkeiten einzunehmen und in die Geschichten einzubauen. Wir haben hier in Deutschland eine Community von talentierten schwarzen Schauspielern, die gerne mitspielen wollen. Auch sie sind Teil von Deutschland. Es kann doch nicht sein, dass man diese Gruppen außen vor lässt.

Wenn ich auf der Berlinale bin, kann ich die schwarzen Schauspieler an einer Hand abzählen. Das liegt nicht daran, dass es keine gäbe. Ich selbst werde wiederum von einigen überrascht angestarrt. Wenn also jemand fragt, wozu eine Checklist sinnvoll ist, dann ist die Antwort ganz einfach: Es funktioniert nicht anders. Wir brauchen Quoten, um Dinge zu verändern.

Wie findest du die Idee, wie in „The Personal History of David Copperfield“, Schauspieler unterschiedlichster Hautfarben Rollen spielen zu lassen, die eigentlich weiß waren?

Das ist doch ein faszinierender, mutiger Ansatz. Warum sollte ein schwarzer Schauspieler nicht auch eine weiße Rolle spielen und umgekehrt. Viele werden sich dann fragen, warum man das macht. Nach dem Motto: „Das ist ja nicht die Realität.“ Aber wer entscheidet, was im Film möglich ist und was nicht?

Kann das nicht auch ins Absurde führen, wenn beispielsweise eine Frau George Washington spielt, oder ein Weißer Martin Luther King?

Klar, es gibt natürlich Bilder, die bereits fest in den Köpfen der Menschen sind und an denen schwer zu rütteln ist. Ich finde grundsätzlich, dass man Dinge ausprobieren sollte und dann wird man sehen, wie die Resonanz ist. Man sollte zumindest vorab keine feste Linie bestimmen, die besagt, dass es nur so oder so geht, weil die Realität nun mal so ist. Wir leben im Jahr 2021. Heutzutage ist alles möglich.

Es gibt einen Regisseur, den ich extrem feiere: Ryan Murphy. Er ist für einige Golden Globes nominiert worden. Murphy erzählt Geschichten, die sein könnten, aber nicht so sind. Unter anderem Geschichten aus den 1920er Jahren. Damals saßen schwarze Schauspieler bei den Academy Awards allesamt in den hinteren Reihen. Ryan ließ sie vorne sitzen. Das ist mutig, weil er sich einfach die Freiheit nimmt, das Narrativ zu ändern.

 

„Schwarzsein ist kein Trend“

 

Ist es schwieriger, als dunkelhäutiger Schauspieler an interessante Rollen zu kommen?

Es ist ein Armutszeugnis, das so klar zu sagen, aber es ist sehr wichtig, dass es eine Agentur wie „Black Universe Agency“ gibt. Wenn du als schwarzer Künstler in einer Agentur mit überwiegend hellhäutigen Schauspielern und Schauspielerinnen bist, dann bist du eine Karteileiche. Ich bin der Agentur von Bradley Iyamu sofort beigetreten, als er sie gegründet hat. Und ich bin ihm und der Agentur sehr zu Dank verpflichtet.

Wir leben in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Bewegungen wie „Black Power“, oder „Black Lives Matter“, die gerade im Fokus stehen. Aber das alles ist kein Trend. Schwarzsein ist kein Trend. Ich bin schwarz geboren. Das wird sich nicht verändern. Was sich aber verändern kann, ist die Einstellung der Menschen zueinander.

Glaubst du, dass sich das zum Positiven verändern kann?

Ja, aber es ist noch ein langer Weg. In England und Frankreich ist es inzwischen normal, dass in einer Serie ein Schwarzer Polizist ist oder Staatsanwalt. Hier muss darüber zunächst diskutiert werden. Da hilft jedes Positivbeispiel, weil es zeigt, dass es funktioniert. Florence Kasumba liefert als erste schwarze „Tatort“-Kommissarin neben Maria Furtwängler beispielsweise eine klasse Performance ab.

Das inspiriert und motiviert junge schwarze Kinder und Jugendliche. Ich hoffe nur, dass nicht gesagt wird: „Na ja, jetzt haben wir ja ein Beispiel. Das reicht dann erst mal.“

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Prince Kuhlmann, 1990 in Hamburg-Jenfeld geboren und aufgewachsen, ist Schauspieler und lebt in Wandsbek. Schon früh wusste Prince, dass er Schauspieler werden will. Mit zehnJahren nahm ihn seine Mutter zum Casting für das Musical „Der König der Löwen“ mit. Er bekam die Hauptrolle als Simba. Später lernte er im Schauspiel-Studio Frese in Altona drei Jahre lang das Schauspiel. Erste Auftritte hatte Kuhlmann in TV-Serien wie „Notruf Hafenkante“ oder „Nachtschicht“. Sein Durchbruch erfolgte mit dem Kinofilm „T.H.U.G – True Huster Under God“. Es folgte sein Auftritt in der Erfolgsserie „4 Blocks“ und die Nebenrolle in dem mit vier Max Ophüls Preisen ausgezeichneten Kinofilm „Borga“ von York-Fabian Raabe.

blackuniverseagency.com


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Klein aber (sehr) fein: Filmfest Hamburg startet

Vom 24. September bis zum 3. Oktober findet das Filmfest Hamburg statt. Einiges ist anders, doch im Mittelpunkt stehen, wie immer, die Filme. Highlights: der Eröffnungsfilm „Enfant Terrible“ über das Leben von Regielegende Rainer Werner Fassbinder sowie „Cortex“, das Regiedebüt von Schauspielstar Moritz Bleibtreu

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nicht weniger als einen „Kino-Rausch“ kündigt das Filmfest Hamburg für dieses Jahr an. „Klein, aber (sehr) fein“ soll das werden, gab Filmfest Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel bereits im Juni zum Besten, wenn auch „der aktuellen Situation angepasst“. Damals war noch unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt ein Filmfest geben wird. Andere Festivals mussten komplett in digitale Sphären ausweichen, andere wurden verschoben oder gar abgesagt.

Das Filmfest Hamburg findet statt. Vom 24. September bis zum 3. Oktober wird es eine der Situation angepasste 28. Ausgabe des Festivals geben – mit Kinovorführungen in den üblichen Lichtspielhäusern, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis und Studio Kino, einem digitalen Film- und Rahmenprogramm und bis zu 70 hochkarätigen Filmen. Da das Platzkontingent begrenzt ist, werden zusätzliche Streaming-Tickets angeboten. „Streamfest Hamburg“ wird die digitale Option genannt.

Eröffnungsfilm am 24.9. ist „Enfant Terrible“. Der Film von Oskar Roehler zeichnet episodenhaft das Leben des deutschen Ausnahmeregisseurs Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) nach, der im Mai dieses Jahres 75 Jahre alt geworden wäre. Ursprünglich hätte „Enfant Terrible“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes laufen sollen, die aber Corona-bedingt abgesagt wurden. Fassbinder steht, wie kaum ein anderer, für den Neuen Deutschen Film, eine Bewegung, die sich gegen das kommerzielle Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit wandte. Bundesweit kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Enfant Terrible“:

 

Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Regiearbeit von Moritz Bleibtreu: „Cortex“. Der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Schauspieler hat auch das Drehbuch verfasst, den Film produziert und spielt darüber hinaus die Hauptrolle. In dem Streifen spielt er Hagen, den unkontrollierte Schlafphasen plagen, und der zwischen Traum und Realität zunehmend nicht mehr unterscheiden kann. Darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl). Als diese einen Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) eingeht, kommt eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Der diesjährige Abschlussfilm ist „Nomadland“ von Chloé Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle, die eine Frau aus Nevada spielt, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr verbliebenes Hab und Gut in einen Van packt, die Stadt verlässt und in den Westen aufbricht, um ein Leben außerhalb der Zivilisation zu führen.

Einige der Filme wären auch bei den Filmfestivals in Venedig und Berlin gezeigt worden und finden nun ihren Weg in die Hansestadt. Zudem werden im Format „Gegenwartskino im Fokus“ auch dieses Jahr zwei Filmemacher im Mittelpunkt stehen: die US-Amerikanerin Kelly Reichardt („First Cow“) und der chilenische Regisseur Pablo Larraín („Ema“). Sowohl ihre beiden aktuellen Werke als auch einige ihrer alten Filme werden gezeigt. Beide stehen auch für digitale Werkgespräche zur Verfügung.

Die im April ausgefallene „17. Dokumentarfilmwoche Hamburg“ findet in einer abgespeckten Version im Rahmen des Filmfestes statt. Zwölf Dokumentationen werden an einem Wochenende (2. bis 3. Oktober) im Metropolis gezeigt. Mit Ausnahme des Publikumspreises für den besten Film sind alle Wettbewerbe ausgesetzt. Neu sind die digitalen Live-Gespräche und die vorab aufgezeichnete Q&As – abrufbar auf der Website des Filmfestes.

filmfest-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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