Beiträge

„Ich suche die Wahrheit“

Der neue Fatih Akin-Film „Rheingold“ feierte auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Mit SZENE HAMBURG traf sich der Hamburger Regisseur gemeinsam mit Hauptdarsteller Emilio Sakraya zu einem exklusiven Vorgespräch über den Gangster-Rapper Xatar, die eigene Herkunft und Hamburg als Drehort

Interview: Marco Arellano Gomes 

 

SZENE HAMBURG: Fatih, dein neuer Film „Rheingold“ feiert auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Wann kam dir die Idee, die Geschichte des Gangster-Rappers Xatar alias Giwar Hajabi zu verfilmen?

Interview mit Fatih Akin und Emilio Sakraya_7919_©Jérome Gerull

SZENE HAMBURG im Gespräch mit Regisseur Fatih Akin (Foto: Jérome Gerull)

Fatih Akin: Die Idee kam mir, nachdem ich seine Autobiografie gelesen hatte. Das Leben, das er gelebt hat, ist einmalig. Die ersten Sätze in seiner Biografie lauten: „Die ersten Erinnerungen meines Lebens sind Erinnerungen an den Knast.“ Das ist erst mal ein Satz! Wenn du dir das visualisierst, spürst du direkt die Kraft, die hinter seiner Lebensgeschichte steckt.

Fatih Akin: Der Geschichtenerzähler

Was hat dich an dem Stoff am meisten fasziniert?

Akin: Als ich seine Lebensgeschichte entdeckte, dachte ich: „Okay das ist mal ein Narrativ! Das würde ich gern verfilmen.“ Ich meine, der Typ wurde während der Bombardierung kurdischer Freiheitskämpfer in einer Höhle geboren, dann floh er mit seiner Familie über Irak und Paris bis nach Bonn. Als Jugendlicher wird er kriminell, um zu Geld zu kommen – bis hin zum spektakulären Goldraub und der legendären Aufnahme seiner Platte „Nr. 415“ im Gefängnis. Das ist ein einmaliges, episches Leben. Ich bin Geschichtenerzähler und daher immer auf der Suche nach so was. Das Leben schreibt nun mal die besten Geschichten.

Man muss sich also nicht für Rap interessieren, um sich „Rheingold“ anzusehen?

Akin: Ich habe mich nicht für Deutsch-Rap interessiert, aber für Xatars Leben. Das Konzept war immer, dass der Film auch für Ü-60 funktioniert, Alter! (lacht)

„Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind“

Mit dem Titel „Rheingold“ wird auf eine der großen deutschen Mythen verwiesen. Was hat es damit auf sich?

Akin: Die Idee kam mir bei einem Besuch bei G (Giwar, Anm. der Red.). Wir sind durch Bad Godesberg gecruist, dem reichen Teil von Bonn. Er zeigte mir, wo er zur Schule ging und den ganzen Shit: Drachenfels und so weiter – der Ort, wo die Nibelungen herkommen. Die Parallele ist klar: Das Gold von Xatars Raub ist wie das der Nibelungen nie gefunden worden. Gleichzeitig gibt es im Mythos das Motiv, dass das Gold unsterblich macht und Ruhm gibt. Das trifft auf den Erfolg mit Musik auch zu. Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind.

Hat Xatar den Film bereits gesehen?

Akin: Ja. Es hat ihn sehr beeindruckt und emotional ergriffen. Er hat nie gesagt: „Ey, das möchte ich aber nicht, und das möchte ich nicht.“ Nichts! Er hat uns vertraut und sich fallen lassen, als wäre das eine Therapiesitzung – so fühlte es sich jedenfalls an. Das ist ja auch eine Nummer: Das Leben von jemanden zu verfilmen, der noch lebt und dann daneben sitzt und sich den Film anschaut.

Die wichtige Rolle der Musik 

Im Film spielt Musik eine große Rolle. Wann machst du dir im Prozess des Filmemachens um den Einsatz der Musik Gedanken – und war es bei diesem Film anders?

Akin: Der Film beginnt mit einem kurdischen Klagelied aus dem Morgenland, der Wiege der Zivilisation und der Musik in Mesopotamien und endet mit Wagner als Höhepunkt der abendländischen, klassischen Musik. Die Reise von Ost nach West ist auch eine musikalische. Gleichzeitig war es die Gelegenheit, die Entwicklung des Deutsch-Rap und des Gangster-Rap filmisch ein wenig zu verarbeiten. Auch die Musik des Vaters von Xatar spielt eine Rolle, der mit seinen Kompositionen Ost und West verbindet. Der Film ist also auch eine musikalische Archäologie.

Als du das Drehbuch geschrieben hast, hattest du da schon Emilio als Hauptdarsteller vor Augen?

Akin: Emilio kam früh ins Game. Dabei dachte ich, dass es sehr schwer sein würde, Xatar zu besetzen. Das ist ja ein Brocken. Ich dachte: „Wie mache ich das denn, Alter!“ Der Typ hat ja nicht nur eine unique Story, er sieht ja auch unique aus und hat diese Wahnsinnspräsenz. Bei der Recherche fürs Casting habe ich dann „4 Blocks“ geguckt. Ich hatte die Serie noch nicht gesehen. Da sah ich Emilio als hübschen Kleindealer, der abgezockt wird, also eigentlich eine schwächere Figur. Aber er hatte eine Präsenz, die mich umgehauen hatte …

… und in dem Moment wusstest du, dass er der Richtige ist?

Akin: Ich hatte mir bloß notiert, dass ich irgendwann mal mit dem Typen arbeiten wollte. Meine Frau Monique ist für den Cast zuständig – und eines Tages brachte sie mir eine Liste mit fünf, sechs Namen von Schauspielern, einer war Emilio. Da sagte ich zu ihr: „Monique, ist das dein Ernst? Der sieht doch viel zu … gut aus!“ (lacht)

Next-Generation-Schauspieler: Emilio Sakraya

Was überzeugte dich dann?

Akin: Irgendwann stand die Frage im Raum, ob man den Film eher dokumentarisch oder glamourös machen möchte – so wie bei „Gomorrha“ von Matteo Garrone, mit Typen, die Haare auf dem Rücken haben, oder so wie bei „GoodFellas“ von Martin Scorsese, mit eleganten Schauspielern wie Robert De Niro, Joe Pesci und Ray Liotta. Ich entschied mich für Großmeister Scorsese. Also rief ich Emilio an. Gleich beim ersten Casting überzeugte er uns mit Wucht.

Wie würdest du Emilio als Schauspieler beschreiben?

Akin: Emilio ist ein Next-Generation-Schauspieler. Das sind nicht so faule Säcke wie die Darsteller in den 1990ern und 2000ern. Das sind Arbeiter, richtige Macher. Die stürzen sich richtig rein und lernen, sich zu bewegen, trainieren sich Muskeln an und all so ein Shit.

„Ich bin nicht nur der Pferde-Junge von ‘Bibi und Tina’“

Emilio, was war deine erste Reaktion, als du wusstest, dass Fatih Akin dich besetzen möchte? 

Emilio Sakraya, Schauspieler und Musiker-8032_0002

Emilio Sakraya, Schauspieler und Musiker (Foto: Jérome Gerull)

Emilio Sakraya: Ich habe mich total gefreut und war unfassbar aufgeregt. Ich wollte schon immer etwas spielen, wo ich mich reinschmeißen, mich physisch verändern und aus meiner Komfortzone rauskommen muss. Ein Film, mit dem ich allen Leuten zeigen kann, dass ich nicht nur der Pferde-Junge von „Bibi und Tina“ bin. Das braucht man als Schauspieler einfach: eine Vision, ein nächstes Ziel, die nächste Figur.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Sakraya: Ich habe sofort angefangen zu essen und zu trainieren, um Muskeln aufzubauen und schaute mir die ganzen Sachen von G an. Ich verbrachte viel Zeit mit G. Fatih und G kannten sich schon, als ich ihn zum ersten Mal in Köln kennenlernte. Noch am gleichen Abend verbrachte ich vier bis fünf Stunden mit ihm. Von da an fühlte ich mich wie sein persönlicher Assistent. Ich habe ihm viele Fragen gestellt. Ich war die ganze Zeit bei ihm. Es war spannend, ihn zu beobachten. Er ist eine unglaublich interessante Person. Sein Gang war auch immer anders: Er läuft in Bonn anders als in Köln, drinnen anders als draußen.

„Angst hatte ich nicht, aber Respekt“

Gab es auch einen Moment, in dem du Angst vor dem eigenen Mut hattest?

Sakraya: Angst hatte ich nicht, aber Respekt. Der Film behandelt ja etwas viel Größeres als nur einen Menschen. Es geht darin auch um die Themen Migration und Integration. Der Film handelt von jemandem, der klug und musikalisch ist, dem aber nicht erlaubt wird, das auszuleben, weil er nicht deutsch ist. Es wird viele Leute geben, die sich in dieser Figur wiedererkennen werden.

Fiel es dir schwer, dich in diese Welt hineinzudenken?

Sakraya: Was mir in die Karten spielte, war, dass ich die Straße auch ein wenig kenne. Nicht so krass wie im Falle von G, aber es gibt Parallelen. Ich bin auch als Migrant großgeworden und habe mich durchgekämpft.

Fatih, wie wichtig ist es dir, dass es solche Parallelen zwischen Darsteller und Rolle gibt?

Akin: Es hilft. Ich hatte, bevor ich Emilio kennengelernt habe, ein Youtube-Video mit ihm gesehen. Ich kannte ihn ja nicht. Er labert da mit irgendwelchen Leuten und hängt auf der Straße ab. Da sah ich das erste Mal, dass er auch street ist.

„Irgendwann ist man nicht mehr auf der Street“

Würdest du dich denn noch als street beschreiben?

Akin: Irgendwann ist man nicht mehr auf der street. Ich habe eine Frau, ich habe zwei Kinder, ich habe einen Hund, ich habe zwei Firmen, aber ich fahre noch immer S-Bahn. Ich bin mit Jugendgangs aufgewachsen. Meine Eltern lebten im Eckernförder Straße-Ghetto. Das ist etwas ganz anderes als das, was Xatar kannte. Aber die Basic, dass die Straße ein anderes Narrativ hat als das Grundgesetz, kenne ich. Der Film war eine gewisse Rückbesinnung, da er wieder mit Känäks zu tun hat. Und ich merke, dass ich nach wie vor mit denen voll klarkomme.

Hatte Xatar deshalb Respekt vor dir?

Akin: Für Gangster-Rapper ist Erfolg wichtig. Ich komme zwar aus der Filmkunst-Welt, aber dennoch bin ich in deren Augen erfolgreich. Deswegen bin ich auch in deren Hood respected.

Emilio, stimmt es, dass Xatar dir die Glatze für die Rolle persönlich rasiert hat?

RHEINGOLD_Making of_©Warner Bros Germany

Making of „Rheingold“ (Foto: Warner Bros Germany)

Sakraya: Ja, das stimmt. Die erste Glatze in meinem Leben hat sich komisch angefühlt. (lacht) Aber es war wie der letzte Ritterschlag, die finale Verwandlung. Wenn ich in den Spiegel schaue und die Figur visuell sehe, hilft das ungemein. Dann fühle ich, wer diese Figur ist. Der erste Drehtag mit Glatze war der im Puff mit Schwesta Ewa. Da habe ich diesen langen Ledermantel an, den Bart im Gesicht und die Glatze … Akin: … Du sahst aus wie Samuel L. Jackson in „Shaft“, Alter! Sakraya: Das war schon ein geiles Gefühl!

Emilio, wie würdest du die Zusammenarbeit mit Fatih Akin beschreiben?

Sakraya: Für mich war es die Art, wie man Filme machen muss und sollte – das ist mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gemacht habe.

Worin liegt der Unterschied?

Sakraya: Ich habe selten einen Film gedreht, bei dem es so sehr um den Film geht wie mit Fatih. Für alles wird sich Zeit genommen. Fatih kam jeden Morgen mit kleinen Zetteln in die Maske und erklärte, worum es für ihn in der jeweiligen Szene geht. Er ist immer offen für Ideen und Vorschläge – egal, von wem die kommen. Es geht ihm immer darum, das Beste für den Film rauszuholen. Das erlebt man selten. Ich würde ja gerne noch mal mit ihm zusammenarbeiten, aber er will ja nicht. Akin: Ey, das stimmt gar nicht. (lacht)

„Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich“

Fatih, in einem Interview in der SZENE HAMBURG beschrieb dich Moritz Bleibtreu mit den Worten: „Fatih hat diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss.“ Fühlst du dich damit gut beschrieben?

Akin: Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich. Früher, in der guten alten Zeit reichten mir ein, zwei Takes (klatscht in die Hände) – und ab zum nächsten Set-up. Heute mache ich mehr Takes, weil ich auf der Suche nach etwas bin. Ich glaube, ich suche die Wahrheit. Ich weiß, das ist ein bescheuertes Wort. Wie hat Rainer Werner Fassbinder gesagt: „Film ist Lüge, 24 mal pro Sekunde.“ Vielleicht enthält das 25. Bild aber die Wahrheit. Filmen ist für mich irgendwie die Suche nach dieser Wahrheit.

Steht einem irgendwann auch die eigene Erfahrung im Wege?

Akin: Je mehr man weiß, desto weniger weiß man! Die eigene Sicht auf Film ändert sich permanent. Und jede Änderung erzeugt auch Zweifel.

Wenn man sich deine Karriere anschaut, dann gab es eigentlich nur mit „The Cut“ einen kommerziellen Misserfolg. Braucht es solche Dämpfer, um sich selbst neu zu erfinden?

Akin: Man erfindet sich mit jedem Film neu. Ich bin mit „The Cut“ im Reinen – der Film ist cool. Aber klar: Ich habe seither auch ein wenig gezweifelt. Und ja, ich musste auch die Richtung ein wenig ändern. „The Cut“ war vielleicht der Endpunkt des reinen Filmemachers – so fand ich in mir auch den Regisseur, der mal einen Film als Auftragsarbeit dreht, für den es bereits ein Drehbuch gibt.

Du hast als Regisseur mit deinen Filmen oft den Zeitgeist getroffen. Bei „Gegen die Wand“ war dies der Fall, bei „Soul Kitchen“, bei „The Cut“ und bei „Aus dem Nichts“. Was sagt dir dein Gefühl bei „Rheingold“?

Akin: Keine Ahnung. Vielleicht ist die Zeit gerade etwas gekrümmt. Kann auch sein, dass der Film als anachronistisch betrachtet wird, weil es eine patriarchale Welt beschreibt. Ich wache jedenfalls nicht morgens auf und denke darüber nach, was den Zeitgeist treffen könnte. Das hat viel mit Glück zu tun.

„Ich mache gerne Filme über amoralische Leute“

In deinen Filmen wird oft auch körperliche Gewalt gezeigt. Stehen diese Kämpfe für dich stellvertretend für das Leben oder ist es einfach ein effektives filmisches Erzählmittel?

Akin: Ich mache gerne Filme über amoralische Leute – schon seit „Kurz und schmerzlos“. Ich habe Film immer als ein Mittel der Erforschung des Menschen gesehen. Das ist meine Form von Anthropologie. Es ist natürlich visueller, wenn jemand einem anderen aufs Maul haut, als wenn alles ausdiskutiert wird. In „Rheingold“ gibt es eine Figur, die Xatar trainiert, um auf der Straße zu überleben. Das ist kein Schauspieler. Das ist der Bodyguard von Xatar. Der war früher Türsteher. Das ist ein echt harter Hund. Den habe ich ausgefragt: Warum machst du das? Und wie machst du das? Und er: „Ich hau dem auf die Nase oder breche ihm den Daumen.“ Und ich sagte nur: „Erzähl das im Film, erzähl das im Film.“

Im Film gibt er die perfekte Anleitung zum Straßenkampf …

Akin: … voll! Ich habe ihn gefragt: „Wie schaffst du es, kein Mitleid zu haben?“ Ich kann niemanden verprügeln. Irgendwann setzt bei mir das Gefühl von Mitleid ein. Und was hat er gesagt? Akin: Er sagte: „Es geht am Ende darum: Er oder ich! Deswegen muss ich den ersten Schlag machen, deswegen muss ich ihn auseinandernehmen, deswegen muss ich ihn so aufs Maul hauen, dass er mir nichts antun kann.“ Und ich dachte nur: „Wow! Das ist mal eine Ansage.“ Ich versuche das alles zu verstehen.

„Gewalt ist einfacher als Sex“

Gewalt funktioniert in der Unterhaltungsindustrie ähnlich gut wie Sex. Sex scheint in Filmen aber zunehmend eine geringere Rolle zu spielen. Woran liegt das?

Akin: Sexszenen sind auch wirklich schwierig. Wir haben eine derart sexualisierte Welt, dass ich meist versuche, die Dinge auf einer anderen Ebene zu erzählen. Ich mache gerade eine Serie über Marlene Dietrich, da geht es viel um Sex. Da ist Sex Mittel zum Zweck, ein reines Werkzeug. Da braucht es diese Szenen, um die Handlung voranzubringen. Gewalt ist einfacher als Sex. Aber das bitte nicht als Überschrift wählen. (alle lachen)

Hamburg: Der beste Drehort Deutschlands

„Rheingold“ ist in Teilen in Hamburg gedreht worden: Was bedeutet es für dich in Hamburg zu drehen?

Akin: Ich habe in Berlin, NRW, Baden-Württemberg und in Hamburg gedreht. Und ich kann ganz objektiv sagen – und das nicht, weil ich Hamburger bin –, dass Hamburg der beste Ort zum Drehen in Deutschland ist.

Woran liegt das? Akin: Hamburg ist wie ein Studio. Ich kann eigentlich mehr oder weniger in jeder Straße drehen. Du kannst in Hamburg in Ruhe und für preiswertes Geld drehen. Es ist pragmatischer, effektiver und kostengünstiger.

Wirst du irgendwann wieder einen richtigen Hamburg-Film drehen, oder bist du damit vorerst durch?

Akin: Ja, natürlich. Damit bin ich nicht durch! Das ist ja auch irgendwie ein Marketing-Tool, wie Woody Allen und New York oder Tom Tykwer und Berlin. Ich kenne die Stadt. Ich habe bereits die eine oder andere Geschichte in Vorbereitung. Zum Beispiel würde ich wahnsinnig gern etwas übers Cuneo machen. Da gibt’s schon Pläne, vielleicht eine Serie.

„Rheingold“  läuft ab dem 27. Oktober 2022 in den Kinos

 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:

 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

„Uns interessieren Filme, die Fragen stellen“

Am 29. September 2022 startet das 30. Filmfest Hamburg. Festival-Leiter Albert Wiederspiel spricht anlässlich Jubiläums über das Jubiläumsprogramm, die Stärken Hamburgs als Filmfest-Standort und erläutert, wieso der Douglas-Sirk-Preis an Ulrich Seidl nicht vergeben wird

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Albert, 30 Jahre Filmfest Hamburg, davon 19 unter deiner Leitung: Mit welchem Gefühl gehst Du in das diesjährige Fest?

Albert Wiederspiel: Obwohl es mein 19. Filmfest ist, kommt es mir so vor, als wäre es das Erste, weil es das erste nach zwei Jahren Pandemie ist. Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren ziemlich magere Filmfeste. Viel Film, aber wenig Fest. Das kam etwas zu kurz. Aktuell sieht es danach aus, dass wir dieses Jahr ein ganz normales Filmfest machen können, mit fast normaler Belegung der Säle. Es gibt einige Vorstellungen mit Abstand, um denen entgegen zukommen, die sich noch nicht wieder so richtig trauen.

Es wird also wieder ein großes Fest sein

Oh ja! Wir haben eine große Eröffnungsfeier, abendliche Treffen in unserer neuen Filmfest-Bar / Kasematte20, direkt um die Ecke vom Cinemaxx-Dammtor. Wir wollen zurück zu einer Festival-Normalität, die wir seit zwei Jahren vermisst haben.

Bist Du entsprechend aufgeregt?

Inzwischen weniger. Wir hatten kürzlich noch befürchtet, dass es doch eine Maskenpflicht im Kino geben könnte. Sowas bekommt einem Festival einfach nicht. Aber ich bin jetzt zuversichtlich, dass es bis zum Start keine böse Überraschung mehr geben wird. Und nach uns die Sintflut.

Kyiv zu Gast in Hamburg

Filmfest Hamburg_30.Jubilaeum_Logo_gelber-kleinMit welchem Film eröffnet das Filmfest in diesem Jahr?

Ich bin froh, dass wir mit einem extrem hamburgischen Film eröffnen können: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid. Ich bin ein großer Fan von ihm. Er macht zu selten Kinofilme, finde ich. Er hat ja seit 10 Jahren keinen Kinofilm mehr gedreht. Und jetzt über ein Thema, das hier in Hamburg tief verankert ist: Die Reemtsma-Entführung. Die haben wir alle ja irgendwie noch präsent. Es ist ein wunderbarer, fast lakonischer Film geworden. Schmid ist ja ein sehr nüchterner Filmemacher. Das hat mir sehr gut gefallen.
Wir freuen uns auch auf die Weltpremiere vom neuen Fatih Akin-Film „Rheingold“. Wir fühlen uns mit Akin von Beginn an verbunden.

Das Filmfest Hamburg hat sogar ein zweites Filmfest eingeladen. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein bisschen ein Festival im Festival. Ich bin begeistert darüber, dass wir die Ukrainer zu Gast haben. Das ist etwas, was mir sehr am Herzen lag. Wir zeigen im Rahmen des „Molodist Kyiv International Film Festival“, die ihren nationalen Wettbewerb ausrichten, acht Langfilme und 15 Kurzfilme. Es ist toll, dass trotz der Situation die Film- und Festivalwelt weitergeht und zusammenhält.

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass ihr beim Filmfest Hamburg nur Filme zeigt, die ihr vorher gesehen habt. Schaust du Dir alle Filme auch selbst an?

Nein. Das ist schier unmöglich. Aber normalerweise habe ich bei Beginn des Filmfestes etwa die Hälfte der Filme gesehen. Wir nehmen nichts rein, was nicht gesichtet wurde. Es ist ein hervorragend kuratiertes Programm.

Albert Wiederspiel empfiehlt:

MyNeighborAdolf_c_team_productions_Luis-Cano-1-klein

Für Albert Wiederspiel ist „My Neighbor Adolf“ von Leonid Prudovsky eine echte Empfehlung (Foto: team productions/Luis Cano)

Was entscheidet schlussendlich darüber, welche Filme auf dem Filmfest gezeigt werden?

Was das anbelangt, sind wir fast basisdemokratisch. Ich habe jedenfalls kein Veto-Recht. Das letzte Wort hat meist Kathrin Kohlstedde, die die Programmleitung seit Jahren innehat. Wir versuchen pro Sektion eine bestimmte Anzahl an Filmen zu zeigen, aber davon abgesehen gibt es keine maßgeblichen Richtlinien. Wir wählen nur die Filme, die uns gefallen, beeindrucken und Relevanz haben – sei es filmästhetisch, politisch oder gesellschaftlich. Seit Jahren versuchen wir einen Spagat zwischen anspruchsvollen Filmen und dem Unterhaltungskino. Ich finde, dass uns das inzwischen gut gelingt.

Wenn man nur Zeit hat, einen oder zwei Filme auf dem Filmfest zu schauen, was sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen?

Grundsätzlich bin ich immer dafür, die Filme auszuwählen, die später nicht direkt ins Kino kommen, Filme, die einmalig bei uns zu sehen sind. Ich empfehle zum einen den Film R.M.N. vom rumänischen Regisseur Cristian Mungiu: Ein erschreckendes Porträt von einem Ort, der vor lauter Xenophobie und Rassismus zerfällt. Zusätzlich empfehle ich „My Neighbor Adolf“. Eine sehr skurrile israelische Komödie mit über einen Holocaust-Überlebenden in Brasilien, der meint, dass der rechts von ihm eingezogene Nachbar, gespielt von Udo Kier, Adolf Hitler sei. Israel ist nicht unbedingt für Komödien bekannt, aber diese ist wirklich die skurrilste, die ich seit Langem gesehen habe.

Hamburg ist intimer als Cannes oder Venedig

Du bist seit 2003 – also seit 19 Jahren – Leiter des Filmfest Hamburg. Hand aufs Herz: Ist es das schönste Amt nach Papst und Vorsitzender der SPD?

Viel schöner als beide Ämter. Die Filmfest-Leitung ist ein Traumjob. Als SPD-Vorsitzender kann man doch nur heulen. Dagegen ist mein Leben ein Tanz auf Rosen. Es ist ein Privileg, Filme zu zeigen, die man gut findet. Ich kam ja damals aus dem Verleihwesen und ich habe sehr darunter gelitten, dass ich sehr oft Filme an die Leute verticken musste, hinter denen ich überhaupt nicht stand. Mit Anfang 40 hatte ich eine Krise und dachte, das kann doch nicht der Rest meines Lebens sein! Ich kann doch nicht nur schreckliche Hollywood-Schinken auf die Leinwände schicken. Damals hatte ich mir vorgenommen, nur noch mit Filmen zu tun zu haben, die für mich auch Sinn haben.

Welche Momente sind dir in 30 Jahren besonders hängen geblieben?

Ich vergesse nie die italienischen Paparazzi, als Sophia Loren in der Stadt war. Das war mein erstes oder zweites Jahr als Filmfestleiter. Das war die absurdeste Situation, die wir je hatten. Wir wussten nicht, dass sie von weltweit aktiven Paparazzi verfolgt wird und waren nicht darauf vorbereitet. Es gibt ja diese Brücke, die vom Dammtor zum CinemaxX rüber führt. Wir schauten dort hoch – und die gesamte Brücke war voller Paparazzi mit ihren Tele-Objektiven. Das war total verrückt und passte weder zum Filmfest noch zu Hamburg. (lacht)

Was macht das Filmfest Hamburg im Vergleich zu anderen Filmfesten aus?

Das Schöne ist, dass wir im Vergleich zu Cannes, Venedig und Berlinale so schön klein sind. Dadurch entsteht mehr Intimität bei den Gästen und beim Publikum. Es ist leichter, mit Regisseuren und Filmcrew ins Gespräch zu kommen.

Kein Douglas-Sirk-Preis für Ulrich Seidl

Rheingold-©-2022-bombero-international-Warner-Bros-Ent-Gordon-Timpen-4-scaled-klein

Der Film „Rheingold“ von Fatih Akin feiert beim Filmfest Hamburg Weltpremiere (Foto: bombero international/Warner-Bros Entertainment/Gordon Timpen)

Täuscht der Eindruck, oder ist das Filmfest Hamburg auch politischer als vergleichbare Filmfeste?

Uns interessieren Filme, die Fragen stellen. Es ist dabei unerheblich, ob es politische, soziale oder filmästhetische Fragen sind. Filme, die fragen stellen, interessieren uns deutlich mehr als affirmative Filme. Ich vermute, dass man das unserem Programm auch anmerkt.

Kurz vor Bekanntgabe des Programms wurden vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel brisante Hintergründe zum Film „Sparta“ von Regisseur Ulrich Seidl veröffentlicht …

… Der Film ist ein hervorragender Film. Das geht in der ganzen Diskussion ein wenig unter. Wir haben den Film gesehen und ausgewählt, lange bevor der SPIEGEL mit der Geschichte aufkam. Wir hatten uns für den Film entschieden, weil er sehr sehr gut ist und ein extrem schwieriges Thema behandelt. Es gibt ja kaum etwas, das so tabuisiert ist wie das Thema Pädophilie. Seidl geht extrem feinfühlig mit dem Thema um. Man sieht im Film nichts, was man nicht sehen möchte. Es war für uns daher nie eine Frage, ob wir den Film zeigen wollen. Das wollen wir.

Aber den Douglas-Sirk-Preis kriegt er nicht?

Wir haben lange überlegt. Uns wurde aber schnell klar, dass, wenn wir den Preis übergeben würden, das gesamte Filmfest von dieser Diskussion überschattet werden würde. Das wäre weder im Interesse von Ulrich Seidl noch in unserer. Denn wir wollten ihm einen Preis für seine Verdienste um die Filmkultur geben. Plötzlich wäre es ein Forum für eine Diskussion über Dreharbeiten in Rumänien geworden. Das wollten wir nicht.

Wie kann man nun sinnvoll mit dem Thema umgehen?

Wir wollen eine Panel-Veranstaltung machen, um das Thema Dreharbeiten in Osteuropa generell zu thematisieren. Es gibt immer eine gewisse Gefahr, wenn Produktionen aus reicheren Ländern in ärmere Länder gehen. Es gibt das Risiko von Machtmissbrauch. Zum besagten Panel wollen wir sowohl deutsche als auch rumänische Produzenten einladen.

Der Film muss sich mit brisanten Themen auseinandersetzen

Wo wir gerade bei den ernsten Themen sind: Anfang Juli wurde der lange Zeit in Hamburg lebende iranische Regisseur Mohammad Rasulof in Teheran wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung festgenommen. Wenige Tage später traf es auch die iranischen Regisseure Mostafa al-Ahmad und den Douglas-Sirk-Preisträger Jafar Panahi. Wie habt ihr diese Nachrichten aufgenommen?

Das trifft mich wirklich persönlich, weil ich mit Mohammad seit Jahren befreundet bin. Er hat für viele Jahre in Hamburg gelebt, bevor wieder nach Iran geflogen ist. Jafar habe ich zwar nie persönlich kennengelernt, aber wir waren immer wieder mal in Kontakt. Es gibt im Moment offensichtlich eine gewisse Konzentration des iranischen Regimes auf Filmemacher. Man zielt bewusst auf Filmemacher. Jafar ist bereits verurteilt. Mostafa ebenfalls. Jetzt warten wir auf ein Urteil gegen Mohammad. Wir befürchten das Schlimmste. Drei tolle Filmemacher, die de facto ohne Grund im Gefängnis sitzen. Es ist ohne Worte … Umso mehr freue ich mich, dass wir „No Bears,“ den neuesten Film von Jafar Panahi zeigen können.

Große Sorgen machen wir uns auch um unsere Freundin und Produzentin Çiğdem Mater, die eineinhalb Jahre in Hamburg lebte. Sie hatte sich entschieden, wieder in die Türkei zu gehen und wurde, kaum dass sie dort war, zu 18 Jahren Haft verurteilt. Sie sitzt jetzt seit vier bis fünf Wochen. Wegen eines Films, den sie nicht mal gemacht hat! Sie plante, einen Film über die Gezipark-Proteste zu machen. Das muss man sich mal vorstellen! Das sind schlimmste stalinistische Zeiten, die gerade wiederkommen.

Zeugen gerade diese Schicksale davon, dass es in der heutigen Zeit auch die filmische Auseinandersetzung mit politisch und gesellschaftlich brisanten Themen braucht?

Absolut. Auf jeden Fall.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Filmfest Hamburg: Filme vom Feinsten

30 Jahre Filmfest in der Hansestadt! Das will gefeiert werden – und zwar mit großartigen Filmen wie „Rheingold“ von Fatih Akin, „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund und dem Eröffnungsfilm „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid

Text: Marco Arellano Gomes 

 

Das Filmfest Hamburg feiert in diesem Jahr sein 30. Jubiläum. Vom 29. September bis 8. Oktober 2022 werden 110 Produktionen aus aller Welt als Europa-, Deutschland- oder Hamburg-Premieren gezeigt, darunter viele hochkarätige Filme. Unter anderem feiert der neue Fatih Akin-Film „Rheingold“ in Hamburg seine Weltpremiere. Der Hamburger Regisseur und Douglas-Sirk-Preisträger Fatih Akin zeigt darin den dramatischen und abenteuerlichen Weg von Rapper Xatar (gespielt von Shooting Star Emilio Sakraya) – vom Knast bis zum erfolgreichen Musiker und Unternehmer.

Film-Highlights

Filmfest Hamburg_30.Jubilaeum_Logo_gelber-kleinEröffnet wird das Filmfest mit „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid („Was bleibt“), der die Entführung von Jan Philipp Reemtsma aus der Perspektive dessen Sohnes thematisiert. „Endlich wieder ein Kinofilm von Hans-Christian Schmid! Und dazu einer über einen bundesweit bekannten Hamburger Kriminalfall, der in Hamburg gedreht wurde und bei uns seine Weltpremiere feiern wird“, so Festivalleiter Albert Wiederspiel.

Sehnsüchtig erwartet wird auch der Goldene-Palme-Gewinner „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund („The Square“) – eine sozialkritische Satire, die mit einigen provokanten und unvergesslichen Szenen aufwartet. Der Film „Meinen Hass bekommt ihr nicht!“ von Kilian Riedhof („Gladbeck“) greift die Geschehnisse und Folgen rund um das Attentat im Pariser Club Bataclan vom 13. November 2015 auf. Der Dokumentarfilm „Lars Eidinger – Sein oder nicht sein“ nähert sich, wie der Titel bereits ausdrückt, dem Ausnahmekünstler und gibt einen intimen Einblick darin, wie Eidinger sich seine Rollen erarbeitet. Das Filmfest Hamburg hatte schon immer ein Herz für ungewöhnliche Filme und zeigt auch den in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichneten Film „EO“ des mehrfach preisgekrönten polnischen Regisseurs Jerzy Skolimowski. Darin wird die Welt aus der Perspektive eines Esels gezeigt. Das kann bei so viel Eselei in der Welt nicht von Nachteil sein.

MICHEL Kinder und Jugend Filmfest

Auch das zum Filmfest Hamburg gehörende MICHEL Kinder und Jugend Filmfest (30. September bis 5. Oktober im Abaton) bietet ein buntes Portfolio an Filmen, die sich an Kinofans zwischen vier und 16 Jahren richtet. Themen sind Freundschaft, Mut und Identität. Eröffnungsfilm ist die bittersüße Familienkomödie „Lucy ist jetzt Gangster“ (Regie: Till Endemann). Der Film erzählt die Geschichte von Lucy, deren Eltern eine Eisdiele führen. Nachdem die Eismaschine kaputtgeht, heckt sie einen teuflischen Plan aus, um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu bewahren.

Neben den Kinofilmen versprechen auch die „Reihe für Minis“ und zwei neue Detektivgeschichten der „Pfefferkörner“ beste Unterhaltung. „Die Themen sind vielschichtig und bieten generationsübergreifend die Möglichkeit, sich auszutauschen und in verschiedene Perspektiven einzufühlen“, sagt Steffi Falk, Leiterin des MICHEL Kinder und Jugend Filmfest.

Festival im Festival

Eine Besonderheit in diesem Jahr ist die Einbindung des Molodist Kyiv International Film Festivals im Rahmen des Filmfest Hamburg – quasi als Festival im Festival (30. September bis 5. Oktober im Alabama Kino). Ukrainische Regisseure zeigen in der Hansestadt – sofern es die aktuelle und sich ständig ändernde politische Lage in der Ukraine zulässt – ihre Kurz- und Langfilme. „Es geht um gelebte Solidarität und um das Sichtbarmachen der ukrainischen Filmkultur“, so Filmfest-Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel. „Wir freuen uns auf neue ukrainische Filme und auf einen lebhaften Austausch.“

Arbeits- und Dialograum

Rheingold-©-2022-bombero-international-Warner-Bros-Ent-Gordon-Timpen-4-scaled-klein

Der Film „Rheingold“ von Fatih Akin feiert beim Filmfest Hamburg Weltpremiere (Foto: bombero international/Warner-Bros Entertainment / Gordon Timpen)

Erstmals bietet das Filmfest Hamburg in Kooperation mit der Semaine de la Critique in Cannes, dem Verbund der deutschen Filmhochschulstudierenden und dem Institut français mit dem #ATELIER22 einen kreativen Arbeits- und Dialograum für Filmstudierende aus Deutschland und internationale Debütfilmer an. Die Idee ist, Theorie und Praxis besser zu vernetzten, das gegenseitige Verständnis zu erweitern und Kontakte zu knüpfen. Die auserwählten Debütfilme sind: „Summer Scars“ von Simon Rieth (Frankreich 2022), „Love according to Dalva“ vom Emmanuelle Nicot (Belgien, Frankreich 2022) und „The Woodcutter Story“ von Mikko Myllylahti (Finnland, Dänemark, Niederlande, Deutschland 2022).

Festivalkinos sind das Abaton, Cinemaxx Dammtor, Metropolis, Passage und das StudioKino.

Hier gibt’s den Trailer zu „Rheingold“:

 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

„Man muss das Gras wachsen hören“

Kathrin Kohlstedde ist seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg verantwortlich. Im Interview erzählt sie, wie magische Momente entstehen und warum Kinos nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden

Interview: Andreas Daebeler

 

SZENE HAMBURG: Frau Kohlstedde, seit 1999 sind Sie Programmleiterin beim Filmfest Hamburg. Ein Traumjob?

Kathrin Kohlstedde: Als ich während meines Studiums in einem Kino jobbte, hatte ich das große Glück, zum ersten Mal auf ein Filmfestival reisen zu dürfen. Das war das Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Dort habe ich den Zauber und die Kraft kennengelernt, die von Filmfestivals ausgeht und die mich seit jeher motiviert und begeistert.

Was macht das Filmfest Hamburg zu einem besonderen Festival?

Das Publikum sieht Filme, die es sonst selten im Kino sieht und trifft auch noch auf die Filmschaffenden. Filme werfen Fragen auf und Themen provozieren. Wir suchen im Gespräch danach im Foyer oder in der Bar nach Antworten. Das macht das Filmerlebnis so nahbar, fordert und formt die eigene Offenheit für Neues und macht das Leben eines jeden ein Stück reicher. Diese Magic Moments versuchen wir beim Filmfest Hamburg zu schaffen, und gemeinsam mit unseren internationalen Gästen und einem großartigen, neugierigen Publikum gelingt uns das glaube ich auch seit einigen Jahren sehr gut.

 

Nachhaltigkeit gegen Schnelllebigkeit

 

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Die Branche ist schnelllebig. Es geht oft darum, auf den letzten Drücker produzierte Streifen noch ins Programm zu bekommen. Was ist Ihr Geheimnis, tatsächlich die neuesten Filme in Hamburg an den Start zu bekommen?

Der Schnelllebigkeit setzten wir nachhaltige Beziehungen entgegen. Über das Jahr hinweg pflegen wir ein Netzwerk zu Filmschaffenden und Lizenzgebern, denen wir Respekt schenken und sie wertschätzen. Sie wissen, dass das ehrlich gemeint ist und so geben sie auch gern die Filme nach Hamburg. Als Programmer:in muss man aufmerksam sein, das Gras wachsen hören und furchtlos sein. So kommen die aufregenden neuen Film ins Programm. Der Charme von Hamburg tut sein Übriges, dass alle gerne mit ihren Filmen kommen.

Corona hat die Kinobranche stark getroffen. Glauben Sie, dass klassische Filmtheater nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden?

Absolut. Ich glaube, diese immer noch andauernde Ausnahmezeit hat den Wunsch nach Fokussierung verstärkt, nach nachhaltigen Erlebnissen in guter Gemeinschaft. Das bietet das Kino, wenn es gut geführt ist, aufs Beste.

In Hamburg wird der Douglas Sirk Preis vergeben. Das beschert unserer Stadt prominente Besucher wie Tilda Swinton, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, François Ozon, Kim Ki-Duk oder Julian Schnabel. Welche dieser Begegnungen hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Es ist für uns und unser Publikum immer eine große Ehre, wenn die Preisträger:innen nach Hamburg kommen. Alle Verleihungen waren besonders, viele unvergesslich. Ich persönlich finde die Begegnung mit Regisseur:innen spannend. Da hab ich das Gefühl, dass sie uns mit den Filmen viel mehr Einblick in ihre Seele geben, schließlich dürfen wir die Welt für einen Moment durch ihre Augen sehen.

 

„Der Film ist eine Wucht“

 

Hamburg in allen Ehren, aber es gibt auch andere Festivals, die das Kino feiern. Welches schätzen Sie besonders?

Cannes, das ist wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag zusammen. Es ist das unumstritten wichtigste Festival, das im Mai die Filme zeigt, die die Maßstäbe für das Kinojahr setzen. Dort ist die gesamte Filmbranche versammelt und Frankreich schätzt und feiert das Kino wie kaum ein anderes Land. Das ist für uns der Moment, die besten Filme nach Hamburg zu bringen und zu wissen, was das Filmjahr noch so bringen wird.

Was war der letzte richtig gute Film, den Sie gesehen haben?

Gerade vor zwei Tagen war das: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf. Der Film ist eine Wucht. In drei Stunden zeigt er uns all das, was Kino kann und warum Film so einzigartig ist. Ganz große Empfehlung.


 Die SZENE HAMBURG Lichtspiele 2021/2022 ist seit dem 11. Dezember 2021 im Handel und im Online Shop erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

November in Hamburg: Zeit für Filmfeste

Draußen ist es kalt und nass, da kommt ein warmes und gemütliches Kino gerade recht. Im November 2021 finden in Hamburg drei Filmfeste statt. Dabei gibt es fantastisches im Savoy Filmtheater, Filme vom afrikanischen Kontinent im Studio-Kino und zum Schluss das cinefest

Texte: Marco Arellano Gomes & Rosa Krohn

 

Fantasy Filmfest

 

Vom 31. Oktober bis zum 7. November 2021 gibt es im Savoy Filmtheater acht Tage Horror, Splash und Trash vom Feinsten. Kurz: das Fantasy Filmfest. 37 Filme gibt’s zu sehen, einer grauenvoller als der andere – im positiven Sinne natürlich! Denn um das Grauen geht es bei dieser Sammlung von Filmen aus unterschiedlichsten Genres zumindest auch – vom Thriller über Science-Fiction bis hin zum blanken Horror gibt es jede Menge Special Interest. Jede Menge „Filme, die aus der Reihe tanzen, auffallen, fordern und überfordern, mit Konventionen brechen und provozieren“, wie das Filmfest betont. Der Eröffnungsfilm „Gunpowder Milkshake“ lässt es ordentlich knallen, besonders sehenswert ist der isländische Horrorfilm „Lamb“ mit Noomi Rapace. Seit 35 Jahren ist das Fantasy Filmfest ein Muss für alle Cineasten mit Faible zum Gruseln.

Fantasy Filmfest, vom 31. Oktober bis 7. November 2021 im Savoy Filmtheater; fantasyfilmfest.com

 

Afrikanisches Filmfestival Hamburg

 

Zum zehnten Mal wird in Hamburg mit dem Afrikanischen Filmfestival der Vielseitigkeit des Lebens auf dem afrikanischen Kontinent eine Plattform gegeben. Vom 3. bis 14. November 2021 werden Projekte von Filmschaffenden vom gesamten Kontinent präsentiert. Zur Eröffnung im Kulturzentrum der Afrodiaspora in Barmbek, dem Afrotopia, ist auch Kultursenator Dr. Carsten Brosda zu Gast. Das eigentliche Festival beginnt am 4. November mit dem Dokumentarfilm „Gardenie Nocturne – Night Nursery“ im Studio-Kino. Hinzu kommen VR-Filme in der Bücherhalle Altona. Für die Eröffnung gilt die 3G-Regel, im Studio-Kino die 2G-Regel.

Afrikanisches Filmfestival Hamburg, vom 3. bis 14. November 2021 im Studio-Kino und der Bücherhalle Altona; augen-blicke-afrika.de

 

Cinefest

 

Im Metropolis findet vom 12. bis 21. November 2021 das cinefest statt. Schwerpunkt sind die Karrieren ost- und mitteleuropäischer Filmschaffender, die ins Exil vertrieben wurden. Darunter zahlreiche polnische und ukrainische Filmemacher, die nach Gründung der Sowjetunion vor der Wahl standen, weiterzuarbeiten oder in den Westen zu gehen. 30 Filme sind zu sehen. Am 4. und 9. November gibt es darüber hinaus eine cinefest Preview im Abaton und am 24. und 25. November ein cinefest Encore-Programm im Metropolis und im Alabama Kino. Zusätzlich werden die Filme auch auf dem Streamingkanal Metropolis+ gezeigt. Für das cinefest gilt die 2G-Regelung.

Cinefest, vom 12. bis 21. November 2021 in mehreren Kinos; cinefest.de

Horror aus Island gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Lamb“, zu sehen beim Fantasy Filmfest:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Roter Teppich wird wieder ausgerollt: Filmfest Hamburg startet

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 wird in Hamburg wieder der rote Teppich ausgerollt. Das diesjährige Filmfest verspricht hochkarätige Filme. Eröffnet wird mit „Große Freiheit“, der in Cannes Premiere feierte

Text: Marco Arellano Gomes

 

Schau! Wow! heißt es im of­fiziellen Trailer des Filmfest Hamburg 2021. Der Trailer vom finnischen Regisseur Ma­tias Autio ist inspiriert „von einer Autowerkstatt im Osten Helsinkis“, in der einst Zigaretten und Alkohol an minder­ jährige Teenager vertickt wurden. Den Nervenkitzel samt schweißnassen Händen wollte der Regisseur im Trailer transportieren. Das ist ihm gelungen. Die Vorfreude steigt. Das Publikum besucht wieder fleißig die Kinos – fehlt nur noch das alljährliche Highlight: das Filmfest Hamburg.

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 ist es so weit: Der rote Teppich wird wieder ausgerollt, Stars und Sternchen sind zu Besuch und das Publikum bekommt eine erlesene Filmauswahl zu sehen, darunter einige Premie­ren. 100 Produktionen stellten Filmfest-­Leiter Albert Wieder­spiel und sein Team zusam­men. Eröffnet wird das Fest mit „Große Freiheit“ von Sebastian Meise, Gewinner in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“. Der Film handelt von der Kriminalisierung Homo­sexueller im Nachkriegsdeutsch­land – einem bislang wenig be­achteten Thema im deutschen Film. Hauptdarsteller ist Franz Rogowski. Im Film spielt er Hans, der im Gefängnis auf den Zellengenossen Viktor (Georg Friedrich) trifft, einen verurteilten Serienmörder. „Ge­rade heute, wo die Intoleranz zunimmt, müssen wir aus der Geschichte lernen“, sagt Fes­tivalleiter Albert Wiederspiel.

 

Viele weitere Highlights

 

Auch die weiteren Filme versprechen einen filmreifen Start in den Kinoherbst: „Die Geschichte meiner Frau“ von Berlinale-Preisträgerin Ildikó Enyedi („Körper und Seele“) wurde in Teilen in der Ham­burger Speicherstadt gedreht. Hauptdarstellerin Léa Seydoux spielt auch im Film „France“, der ebenfalls in Cannes aufge­führt wurde. Darin wird die Ge­schichte der Starjournalistin France de Meurs erzählt, deren Leben außer Kontrolle gerät. Produziert wurde Bruno Du­monts Film unter anderem auch von der Hamburger Produk­tionsfirma Red Balloon Film.

Weitere Highlights: Andrei Kon­chalovskys Film „Dear Com­rades!“, „Töchter“ von Nana Neul, „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“, produziert von Fatih Akins Bombero Interna­tional und The Match Factory. Viel­ versprechend sind zudem „Hinterland“ von Oscarpreisträ­ger Stefan Ruzowitz­ky („Die Fälscher“) sowie „Niemand ist bei den Kälbern“ mit der für ihre Leistung ausgezeichneten Darstellerin Saskia Rosendahl („Fabian – oder Der Gang vor die Hunde“).

„Wir freuen uns, dass so viele ausgezeichnete Filme ihre Deutschlandpremieren in Hamburg feiern“, so Wieder­spiel. Festivalkinos sind Aba­ton, Cinemaxx Dammtor, Me­tropolis, Passage und Studio­ Kino. Programm und Tickets gibt es auf filmfesthamburg.de.

Filmfest Hamburg: 30.9. bis 9.10. in diversen Hamburger Kinos


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Kino: Japan-Filmfest Hamburg

Zum 22. Mal findet 2021 das Japan-Filmfest Hamburg statt. Vom 18. August bis 1. September gibt es über 80 Filme zu sehen, in diesem Jahr allerdings nur online

Text: Marco Arellano Gomes

 

Zum 22. Mal bietet das Japan-Filmfest Hamburg Einblicke in die japanische Filmkultur. Das diesjährige Festivalmotto ist ein altes japanisches Sprichwort: „Die Augen sind der Spiegel der Seele“. Zwar wird das Filmfest ausschließlich online stattfinden, dafür läuft es in diesem Jahr länger als sonst: Satte 14 Tage – vom 18. August bis zum 1. September – sind die über 80 Filme über leihkarte.de abrufbar. Sie reichen vom farbenfrohen Anime über anregende Kurzfilme bis zu Arthouse-Perlen und Genrekracher. Zahlreiche Premieren sind darunter. 2021 feiern Deutschland und Japan 160 Jahre diplomatische Beziehungen. Das Japan-Filmfest ist ein wichtiger Beitrag. „Über die audiovisuelle Sprache des Films lassen sich Einblicke in das Seelenleben einer Gesellschaft gewinnen“, lässt das Festival wissen. Man muss nur die Augen öffnen und hinschauen.

Das Japan-Filmfest Hamburg, online vom 18. August bis 1. September

Zum Reinschnuppern gibts hier den Trailer zum Quasi-Eröffnungsfilm „All Aboard!“ von Regisseur Seiichi Hishikawa:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Prince Kuhlmann: „Wir brauchen Quoten“

Die ghanaisch-deutsche Filmproduktion „Borga“ wurde beim Filmfestival Max Ophüls mit vier Preisen (u. a. bester Film und Publikumsliebling) ausgezeichnet. Im Interview erzählt der Hamburger Schauspieler Prince Kuhlmann über seine Erfahrungen beim Dreh, die Schwierigkeit, als schwarzer Schauspieler in Deutschland engagiert zu werden und die Vorteile einer Diversity Checklist

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Prince Kuhlmann, du spielst in dem Film „Borga“ von York-Fabian Raabe mit, der im Januar auf dem Filmfestival Max Ophüls viermal ausgezeichnet wurde. Was macht den Film so besonders?

Prince Kuhlmann: Als ich die Anfrage erhielt und hörte, dass es sich um eine deutsch-ghanaische Geschichte handelt, war mir sofort klar, dass ich dabei sein wollte. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit. Es ist die Geschichte meiner Eltern und Großeltern – und es ist die Sprache, die ich noch immer spreche.

Das Besondere ist, dass wir endlich diese ungehörte Geschichte eines schwarzen, afrikanischen Mannes erzählen können, der auf die Reise geht, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Dieses Narrativ sieht man in Deutschland in dieser Form und Qualität selten.

Was ist an diesem Narrativ so anders?

Die Reise, die die Hauptfigur Kojo (Eugene Boateng) durchlebt – als Schwarzer in Deutschland, als Borga in Ghana – kommt ohne die sonst übliche Form der Indirektheit aus. Wir sehen und erleben die Geschichte aus seiner Perspektive. Es ist wichtig, dass die Zuschauer diese Geschichte auf diese Weise miterleben.

Spiegelt der Film die Realität der ghanaischen Community gut wider?

Es ist natürlich etwas dramatisierter und zugespitzter, was in der Natur des Mediums Film liegt. Aber es gibt viele Aspekte, die sehr realitätsnah sind. Gerade die Odyssee, auf die Kojo sich einlässt, aber auch die afrikanische Community in Mannheim oder das Bild eines Borgas.

Wofür steht das Wort Borga?

Ein Borga ist ein erfolgreicher, wohlhabender Mann von Welt, der es schafft, Dinge zu ermöglichen, die in den Heimatländern normalerweise nicht möglich sind. Wenn du zu einem anderen Afrikaner sagst „Hey Borga! What up?!“, dann bestätigst du diesen quasi als gemachten Mann. Insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren war die Zielsetzung vieler afrikanischer Auswanderer, nach Europa oder nach Übersee zu gehen und ein Borga zu werden.

 

„Größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg“

 

Stimmt es, dass der Begriff sich von Hamburg ableitet?

Ja, das stimmt. Aus „das ist ein Hamburger“, wurde „das ist ein Borga“. Die größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg. Meine Eltern kamen 1979 nach Hamburg. Es gab eine Welle von Westafrikanern, die damals nach Deutschland kam.

In dem Film geht es um die zwei Brüder Kojo und Kofi, die in Ghana aufwachsen und auf einer Elektroschrottmüllhalde nach wertvollen Stoffen suchen, um mit ihrer Familie über die Runden zu kommen. Als Kojo von einem Freund die Erfolgsgeschichten von dessen Onkel in Deutschland hört, entwickelt er den Wunsch, es ihm gleich zu tun. Als junger Erwachsener macht er sich auf nach Mannheim. Gibt es noch immer diese Vorstellung, dass man in Europa und speziell Deutschland leicht zu Wohlstand kommt?

Die Technik hat viel verändert. Durch das Internet, die Handys und Social Media bekommt man viel mehr mit, wie das Leben in den europäischen Städten wirklich ist. Niemand läuft dem noch so blauäugig hinterher. Lange Zeit hat man aber daran geglaubt, dass man nach Europa geht und ein Borga wird. In Wahrheit erwartete einen harte Arbeit – Tag und Nacht. Das durfte zu Hause aber keiner erfahren. Der Schein musste unbedingt aufrechterhalten werden. Da geht es um Prestige und Ansehen. Wer den Weg nach Europa einschlägt, muss erfolgreich sein. Der Druck der Familie, der Nachbarn, der Community ist groß.

In einer Schlüsselszene stößt Kojo auf den von dir gespielten Ebo, der kein Borga geworden ist, sondern ein etwas heruntergekommener, verbitterter älterer Mann. Was hat dich an dieser Rolle gereizt?

Ebo ist eine Art Antagonist von Kojo. Er gilt in Afrika noch als Borga, ist es aber nicht. Diese Scheinrealität zerbricht in dem Moment, in dem die beiden sich treffen. Das war eine sehr intensive, emotionale Szene. Ebo ist verletzt und verbittert, innerlich zerbrochen, weil ihm nicht gelang, was er sich so sehnlichst gewünscht hatte. Und mit der Ankunft von Kojo droht dieses Bild zu zerbrechen.

 

 

Wie hast du dich auf den Dreh vorbereitet?

Ich stieß zwei Wochen vor Drehbeginn zum Projekt dazu. Das war schon eine Herausforderung, in kurzer Zeit die Sprache, Emotion und Körperlichkeit in Einklang zu kriegen. Zudem musste ich der Figur eine Tiefe geben, die glaubhaft machte, dass er diese Reise bereits hinter sich hatte. Ich weiß noch, dass ich vor der Szene länger als sonst im Trailer saß und viel Musik gehört habe, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen. Ich sauge die Emotionen über die Musik quasi auf und lasse sie dann in der Szene einfließen.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur York-Fabian Raabe?

Die Zusammenarbeit mit York war sehr intensiv. Er wollte das Extremste von uns herausholen. Es gibt Regisseure, die erklären detailliert, wie sie sich eine Szene vorstellen. York gehört eher zu denen, die sagen: „Spiel einfach!“ Durch dieses Machen-Lassen ist diese Figur überhaupt erst entstanden.

In solchen Momenten merkt man, dass es einen Zusammenhalt gibt, der über das Vertrauen entsteht. Irgendwann fängt man an, nicht bloß zu spielen, es passiert dann einfach. Man reagiert nur auf das, was der andere tut.

 

„Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.“

 

Du hast mit „T.H.U.G. – True Hustler Under God“ und „Borga“ gleich in zwei deutschen Filmen mitgespielt, die unter die Rubrik „Schwarzer Film“ in Deutschland gezählt werden können. Woran liegt es, dass nicht mehr dieser Filme produziert werden?

Ich glaube, dass die Ideen, Geschichten und Leute da sind, um diese Art Filme zu machen. Nach dem Film „Borga“ kann jedenfalls keiner behaupten, es gäbe nicht genug schwarze Schauspieler in Deutschland. Dieser Film ist der Beweis, dass hervorragende schwarze Schauspieler da sind und bereit sind, zu spielen. „Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.

Scheitert es auch an der Finanzierung?

Beim Film „T.H.U.G.“ hatten wir nicht viel Geld. Ich habe nicht mal eine Gage bekommen. Wir wollten eine Bewegung in Gang bringen und andere inspirieren. Das war ein Film, um zu zeigen, dass es möglich ist, einen Jugendfilm mit schwarzer Besetzung zu machen und in die Kinos zu bringen.

Die Preise beim Filmfestival Max Ophüls sprechen dafür, dass Deutschland reif für solche Geschichten und Perspektiven ist.

Ich habe auch den Eindruck, dass alle Bock darauf haben. Der Film zeigt eindrucksvoll die Menschen am Rand, die auch im Filmbusiness meist nur vom Rand zuschauen dürfen. Jetzt stehen wir mit diesem Film mittendrin – und sehen, dass es viele interessiert, was wir zu erzählen haben.

Wäre der nächste Schritt nicht, dass auch schwarze Regisseure ihre Geschichten erzählen? Borga ist zwar ein schwarzer Film, aber von einem weißen Regisseur.

Klar! Auf jeden Fall! Das ist die nächste Etappe, die gegangen werden muss. York hat mit „Borga“ aber großartige Pionierarbeit gemacht. Ich bin froh und so stolz darauf, dass er das mit so viel Leidenschaft und Können umgesetzt hat. Damit hat York uns alle nach vorn in die erste Reihe geschoben. Aber klar, es muss der nächste Step sein, dass auch schwarze Regisseure und Produzenten ihre Storys erzählen. Irgendwo muss man ja beginnen. „Borga“ könnte die Initialzündung sein. Ich hoffe, dass dadurch Türen für die kommenden Generationen geöffnet werden und sich diese Türen nicht wieder schließen. Das ist – gerade in der jetzigen Zeit – sehr wichtig.

 

Verbindliche Quoten

 

Ist die Diversity Checklist, die die Filmförderung Hamburg-Schleswig- Holstein im vergangenen Jahr eingeführt hat, ein Schritt in die richtige Richtung?

Das ist auf jeden Fall gut. Von mir aus hätte man sogar einen Schritt weiter gehen können. In anderen Ländern, wie beispielsweise UK gibt es verbindliche Quoten.

Was entgegnest du Kritikern, die eine Checklist als Eingriff in die künstlerische Freiheit betrachten?

Die Checklist ermöglicht doch, künstlerisch vielmehr neue Perspektiven und Möglichkeiten einzunehmen und in die Geschichten einzubauen. Wir haben hier in Deutschland eine Community von talentierten schwarzen Schauspielern, die gerne mitspielen wollen. Auch sie sind Teil von Deutschland. Es kann doch nicht sein, dass man diese Gruppen außen vor lässt.

Wenn ich auf der Berlinale bin, kann ich die schwarzen Schauspieler an einer Hand abzählen. Das liegt nicht daran, dass es keine gäbe. Ich selbst werde wiederum von einigen überrascht angestarrt. Wenn also jemand fragt, wozu eine Checklist sinnvoll ist, dann ist die Antwort ganz einfach: Es funktioniert nicht anders. Wir brauchen Quoten, um Dinge zu verändern.

Wie findest du die Idee, wie in „The Personal History of David Copperfield“, Schauspieler unterschiedlichster Hautfarben Rollen spielen zu lassen, die eigentlich weiß waren?

Das ist doch ein faszinierender, mutiger Ansatz. Warum sollte ein schwarzer Schauspieler nicht auch eine weiße Rolle spielen und umgekehrt. Viele werden sich dann fragen, warum man das macht. Nach dem Motto: „Das ist ja nicht die Realität.“ Aber wer entscheidet, was im Film möglich ist und was nicht?

Kann das nicht auch ins Absurde führen, wenn beispielsweise eine Frau George Washington spielt, oder ein Weißer Martin Luther King?

Klar, es gibt natürlich Bilder, die bereits fest in den Köpfen der Menschen sind und an denen schwer zu rütteln ist. Ich finde grundsätzlich, dass man Dinge ausprobieren sollte und dann wird man sehen, wie die Resonanz ist. Man sollte zumindest vorab keine feste Linie bestimmen, die besagt, dass es nur so oder so geht, weil die Realität nun mal so ist. Wir leben im Jahr 2021. Heutzutage ist alles möglich.

Es gibt einen Regisseur, den ich extrem feiere: Ryan Murphy. Er ist für einige Golden Globes nominiert worden. Murphy erzählt Geschichten, die sein könnten, aber nicht so sind. Unter anderem Geschichten aus den 1920er Jahren. Damals saßen schwarze Schauspieler bei den Academy Awards allesamt in den hinteren Reihen. Ryan ließ sie vorne sitzen. Das ist mutig, weil er sich einfach die Freiheit nimmt, das Narrativ zu ändern.

 

„Schwarzsein ist kein Trend“

 

Ist es schwieriger, als dunkelhäutiger Schauspieler an interessante Rollen zu kommen?

Es ist ein Armutszeugnis, das so klar zu sagen, aber es ist sehr wichtig, dass es eine Agentur wie „Black Universe Agency“ gibt. Wenn du als schwarzer Künstler in einer Agentur mit überwiegend hellhäutigen Schauspielern und Schauspielerinnen bist, dann bist du eine Karteileiche. Ich bin der Agentur von Bradley Iyamu sofort beigetreten, als er sie gegründet hat. Und ich bin ihm und der Agentur sehr zu Dank verpflichtet.

Wir leben in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Bewegungen wie „Black Power“, oder „Black Lives Matter“, die gerade im Fokus stehen. Aber das alles ist kein Trend. Schwarzsein ist kein Trend. Ich bin schwarz geboren. Das wird sich nicht verändern. Was sich aber verändern kann, ist die Einstellung der Menschen zueinander.

Glaubst du, dass sich das zum Positiven verändern kann?

Ja, aber es ist noch ein langer Weg. In England und Frankreich ist es inzwischen normal, dass in einer Serie ein Schwarzer Polizist ist oder Staatsanwalt. Hier muss darüber zunächst diskutiert werden. Da hilft jedes Positivbeispiel, weil es zeigt, dass es funktioniert. Florence Kasumba liefert als erste schwarze „Tatort“-Kommissarin neben Maria Furtwängler beispielsweise eine klasse Performance ab.

Das inspiriert und motiviert junge schwarze Kinder und Jugendliche. Ich hoffe nur, dass nicht gesagt wird: „Na ja, jetzt haben wir ja ein Beispiel. Das reicht dann erst mal.“

_______

Prince Kuhlmann, 1990 in Hamburg-Jenfeld geboren und aufgewachsen, ist Schauspieler und lebt in Wandsbek. Schon früh wusste Prince, dass er Schauspieler werden will. Mit zehnJahren nahm ihn seine Mutter zum Casting für das Musical „Der König der Löwen“ mit. Er bekam die Hauptrolle als Simba. Später lernte er im Schauspiel-Studio Frese in Altona drei Jahre lang das Schauspiel. Erste Auftritte hatte Kuhlmann in TV-Serien wie „Notruf Hafenkante“ oder „Nachtschicht“. Sein Durchbruch erfolgte mit dem Kinofilm „T.H.U.G – True Huster Under God“. Es folgte sein Auftritt in der Erfolgsserie „4 Blocks“ und die Nebenrolle in dem mit vier Max Ophüls Preisen ausgezeichneten Kinofilm „Borga“ von York-Fabian Raabe.

blackuniverseagency.com


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Klein aber (sehr) fein: Filmfest Hamburg startet

Vom 24. September bis zum 3. Oktober findet das Filmfest Hamburg statt. Einiges ist anders, doch im Mittelpunkt stehen, wie immer, die Filme. Highlights: der Eröffnungsfilm „Enfant Terrible“ über das Leben von Regielegende Rainer Werner Fassbinder sowie „Cortex“, das Regiedebüt von Schauspielstar Moritz Bleibtreu

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nicht weniger als einen „Kino-Rausch“ kündigt das Filmfest Hamburg für dieses Jahr an. „Klein, aber (sehr) fein“ soll das werden, gab Filmfest Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel bereits im Juni zum Besten, wenn auch „der aktuellen Situation angepasst“. Damals war noch unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt ein Filmfest geben wird. Andere Festivals mussten komplett in digitale Sphären ausweichen, andere wurden verschoben oder gar abgesagt.

Das Filmfest Hamburg findet statt. Vom 24. September bis zum 3. Oktober wird es eine der Situation angepasste 28. Ausgabe des Festivals geben – mit Kinovorführungen in den üblichen Lichtspielhäusern, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis und Studio Kino, einem digitalen Film- und Rahmenprogramm und bis zu 70 hochkarätigen Filmen. Da das Platzkontingent begrenzt ist, werden zusätzliche Streaming-Tickets angeboten. „Streamfest Hamburg“ wird die digitale Option genannt.

Eröffnungsfilm am 24.9. ist „Enfant Terrible“. Der Film von Oskar Roehler zeichnet episodenhaft das Leben des deutschen Ausnahmeregisseurs Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) nach, der im Mai dieses Jahres 75 Jahre alt geworden wäre. Ursprünglich hätte „Enfant Terrible“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes laufen sollen, die aber Corona-bedingt abgesagt wurden. Fassbinder steht, wie kaum ein anderer, für den Neuen Deutschen Film, eine Bewegung, die sich gegen das kommerzielle Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit wandte. Bundesweit kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Enfant Terrible“:

 

Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Regiearbeit von Moritz Bleibtreu: „Cortex“. Der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Schauspieler hat auch das Drehbuch verfasst, den Film produziert und spielt darüber hinaus die Hauptrolle. In dem Streifen spielt er Hagen, den unkontrollierte Schlafphasen plagen, und der zwischen Traum und Realität zunehmend nicht mehr unterscheiden kann. Darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl). Als diese einen Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) eingeht, kommt eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Der diesjährige Abschlussfilm ist „Nomadland“ von Chloé Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle, die eine Frau aus Nevada spielt, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr verbliebenes Hab und Gut in einen Van packt, die Stadt verlässt und in den Westen aufbricht, um ein Leben außerhalb der Zivilisation zu führen.

Einige der Filme wären auch bei den Filmfestivals in Venedig und Berlin gezeigt worden und finden nun ihren Weg in die Hansestadt. Zudem werden im Format „Gegenwartskino im Fokus“ auch dieses Jahr zwei Filmemacher im Mittelpunkt stehen: die US-Amerikanerin Kelly Reichardt („First Cow“) und der chilenische Regisseur Pablo Larraín („Ema“). Sowohl ihre beiden aktuellen Werke als auch einige ihrer alten Filme werden gezeigt. Beide stehen auch für digitale Werkgespräche zur Verfügung.

Die im April ausgefallene „17. Dokumentarfilmwoche Hamburg“ findet in einer abgespeckten Version im Rahmen des Filmfestes statt. Zwölf Dokumentationen werden an einem Wochenende (2. bis 3. Oktober) im Metropolis gezeigt. Mit Ausnahme des Publikumspreises für den besten Film sind alle Wettbewerbe ausgesetzt. Neu sind die digitalen Live-Gespräche und die vorab aufgezeichnete Q&As – abrufbar auf der Website des Filmfestes.

filmfest-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.