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Zoe Wees über Erfolg und Heimat

Die 19-jährige Hamburgerin veröffentlichte Ende März 2020 ihre erste Single, später war sie die erste Deutsche, die bei den American Music Awards auftreten durfte. Ein Gespräch über schnellen Erfolg, die Musikindustrie und den therapeutischen Wert von Musik

Interview: Henry Lührs

Zoe Wees merkt man in keinster Weise an, dass ihre Muttersprache nicht Englisch ist. Akzentfrei singt die gebürtige Hamburgerin selbstbewusst auf den Bühnen der Late Night Shows in den USA oder bei den American Music Awards. Stellt man ihr eine Frage auf Deutsch, dann bricht es zuerst auf Englisch in gewohnter Popstar-Manier aus ihr heraus. Schon mit ihren 19 Jahren hat sie den Sprung über den Großen Teich geschafft.

Trotzdem hat man den Eindruck, dass die deutsche Sprache sie zu ihrer Herkunft nach Hamburg ins kleine Dulsberg zurückzieht. Zurück in ihre ehemalige Schulklasse, in den Aufenthaltsraum, in den sie gegangen ist, wenn sie wieder mal einen epileptischen Anfall hatte. Als Jugendliche litt sie an der Rolando-Epilepsie. Daraus erwuchsen die Sehnsucht und die Hoffnung nach Kontrolle. Eine Hoffnung, die sie in ihrem Hit „Control“, der ihr 2020 den Durchbruch bescherte, verarbeitet. Auch wenn Hamburg der Ausgangspunkt ihrer Karriere war – zu Hause ist sie mittlerweile überall dort, wo Freunde und Familie sind. Die Hansestadt verblasst dabei und wird zur deutschen Provinz. Für ihren Tourabschluss kommt Zoe Wees im April 2022 trotzdem nochmal vorbei.

„Im Studio sein ist für mich Freizeit“

SZENE HAMBURG: Zoe, erst die Late Late Show, jetzt die Tonight Show und ein Auftritt bei den American Music Awards (AMA) – als erste deutsche Künstlerin überhaupt. Wie geht es dir mit dem ganzen Hype um dich? 

Zoe Wees: Das ist verrückt, ich bin die erste schwarze deutsche Künstlerin die dort auftreten durfte…

Hast du damit gerechnet, dass es so kommt?

Sowas von gar nicht. Ich bin überrascht von mir selbst. Ich wusste zwar, dass ich bestimmt irgendwann irgendwas in Amerika schaffen werde, aber so früh? Und dass es gleich so ‚Boom‘ losgeht mit den AMA´s und Jimmy Fallon, das hätte ich nicht gedacht.

Hast du zwischen den ganzen Reisen, Fernsehauftritten und Konzerten überhaupt mal die Möglichkeit runterzukommen?

Aktuell auf jeden Fall. Davor nicht so wirklich, ich war ja auch gerade noch in den USA. Jetzt habe ich aber die Zeit dafür.

Und was machst du dann?

Schlafen, tatsächlich. Ansonsten bin ich gerade viel im Studio. Das ist für mich aber keine Arbeit. Studio sehe ich als Freizeit.

Deine Karriere nahm während der Corona-Pandemie so richtig Fahrt auf. Jetzt sind auch wieder Live-Shows möglich und du siehst das erste Mal ein Publikum vor dir. Wie geht es dir mit Blick auf deine Tour?

Meine Tour beginnt Ende März 2022, das wird krass (strahlt). Ich weiß, dass die Menschen, die kommen werden, ein gutes Herz haben und meine Musik und mich dafür feiern, wie ich bin. Ich werde mich wie zu Hause fühlen. Das wird sehr emotional und sehr schön.

Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes zählst du aktuell zu den 30 einflussreichsten europäischen Unterhaltungskünstlern und -künstlerinnen unter 30…

What´s good, Zoe Wees is here, hello, good morning, I arrived (lacht).

Ich finde alles, was gerade passiert krass und ich weiß nicht, womit ich das verdient habe. Ich weiß nicht, warum das passiert, warum ich das bin. Aber das alles ist crazy shit und sowas habe ich tatsächlich auch noch nie irgendwo gesehen. Das beweist aber auch, dass mein Team, meine gesamte Community und ich richtig gute Arbeit machen.

In „Girls Like Us“ singst du auch von Vertrauen, woran merkst du, wem du in der sehr kommerziellen Musik-Welt vertrauen kannst?

Am meisten Angst hatte ich davor, meinen Major-Deal mit einem großen Label zu unterschrieben. Einige Labels haben mir versprochen, dass sie mich zur größten Künstlerin weltweit machen würden. Bei meinem aktuellen Label (Capitol Records, Anm. d. Red.) war das zum Glück nicht so, die waren realistischer. Bei solchen Dingen hilft mir mein Team hier in Deutschland. Wenn ich die nicht hätte, hätte ich blauäugig alles unterschrieben. Deswegen würde ich allen raten, die in der Musikwelt weiterkommen wollen: Baut euch erstmal ein gesundes Team auf, mit einem Manager, und arbeitet euch hoch. Geht zu Produzenten, dem ersten Label und immer weiter. So lief es bei mir auch.

„Ich möchte sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann“

In „Control“ beschreibst die Hoffnung, die Kontrolle zu behalten. Du hattest als Kind Rolando-Epilepsie, die Krankheit ist mittlerweile ausgeheilt. Ist die Sorge vor Kontrollverlust damit auch verschwunden?

Die Sorge gibt es immer noch. Damals war es der Moment, indem ich auf den Boden gefallen bin und gekrampft habe. Jetzt ist es das Gefühl, wenn ich meinen Körper nicht spüre, zum Beispiel wenn es draußen zu kalt ist oder ich eine Panikattacke habe, dann bin ich erstmal lost.

Und was machst du dagegen?

Ich mache tatsächlich gar nichts, ich lasse es einfach passieren. Denn jedes Mal, wenn ich versucht habe, etwas dagegen zu machen, wurde es schlimmer. Jetzt akzeptiere ich die Situation, wie sie ist.

Du sagst oft, das Musikmachen für dich wie Therapie ist. Wie meinst du das?

Ich möchte Sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann. Im Ernst, dann möchte ich wirklich nicht hier sein. Ohne Musik wäre mein Leben ganz schlimm.

Ich verarbeite in der Musik viel. Sachen wie meine Epilepsie und in „Girls Like Us“ beschreibe ich einen mentalen Zusammenbruch. Aber auch aktuelle Dinge wie im Song „That’s How It Goes“. Darin geht es um Menschen, die nie an meiner Seite waren und die im Moment des Erfolgs plötzlich aufgetaucht sind. Ich schreibe diese Dinge einfach auf. Früher hatte ich eine Therapeutin. Ich habe mich aber dazu entschieden, das zu lassen und mich mit meiner Musik selbst zu therapieren. So wie ich Dinge in meiner Musik ausdrücke, formuliere ich sie auch gegenüber meiner Therapeutin oder meiner besten Freundin. Manchmal habe ich auch Angst, solche persönlichen Dinge zu veröffentlichen.

Wie gehst du mit dieser Angst um?

Ich veröffentliche trotzdem. Denn in dem Moment, indem das passiert, bekommt das Ganze eine neue Energie. Leuten, die sich auch so fühlen, geht es besser und dadurch geht es auch mir besser. Wir geben uns gegenseitig was und das gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Musik als meine Therapie nutze.

Du arbeitest auch mit Songschreibern zusammen, ist das dann der gleiche Prozess für dich?

Ich fange gerne allein an zu schrieben, aber aufhören kann ich nicht allein. Dafür bin ich nicht fokussiert genug. Ich habe auch schon Songs komplett selbst geschrieben. Wenn wir aber als Freunde zusammen im Studio daran arbeiten, klingt es einfach besser.

Ein magischer Tour-Abschluss

Du bist in Hamburg-Dulsberg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dein Musiklehrer hat dich bei deiner Karriere sehr unterstützt. Gibt es noch mehr Menschen, die dich auf deinem Weg unterstützt haben?

Meine Mama! Ich war nie wirklich gut in der Schule und sie hat dann gesagt: „Zoe, das ist nichts für dich, mach Musik, das ist das, was du willst.“ Meine Mama hat immer gesehen, dass ich das mit der Schule nicht kann und dass ich ins Studio gehöre. Sie hat das unterstützt und das machen bestimmt nicht alle Eltern.

Wann habt ihr denn gemerkt, dass du Musik professionell machen wirst?

Als mein erste Single ‚Control‘ rauskam, habe ich gemerkt: Jetzt ist das offiziell mein Job, es ist nicht mehr nur ein Hobby.

Du warst gerade in Köln, davor in den USA und in Interviews erzählst du, dass England wie eine zweite Heimat für dich geworden ist. Was bedeutet für dich Zuhause?

Zuhause ist für mich ein Gefühl. Das sind meine Mutter, mein Freund oder meine beste Freundin, das ist kein Ort.

Dein Tourfinale 2022 steigt im Hamburger Gruenspan, worauf freust du dich am meisten bei deinem Heimspiel?

Ich freu mich auf die Leute: Meine Mama, ihre Freunde, meine Freunde, einfach alle werden da sein und wir werden viel Spaß haben. Der Tour-Abschluss wird nochmal richtig magisch.

Zoe Wees, am 19. (bereits ausverkauft)  und 20. April 2022 (wenig Restkarten) im Gruenspan


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Tocotronic: „Liebe war uns ganz wichtig“

Die Rockband Tocotronic hat ihr 13. Album „Nie wieder Krieg“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit Bassist Jan Müller über „Pandemie-Konzerte“, Politik per Musik und ein Gefühl, das die neuen Songs unbedingt transportieren sollen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Jan, Live-Konzerte fielen und fallen immer wieder aus, was zahlreiche Musikerinnen und Musiker auf mehreren Ebenen belastet. Wie schwer hat Corona Tocotronic getroffen?

Jan Müller: Wir haben zwar noch GEMA- und Streaming-Einnahmen, aber unsere wesentlichen Einkünfte stammen aus dem Live-Geschäft, was ja gerade nicht möglich ist. Die Corona-Hilfen gleichen nicht aus, was uns weggefallen ist. Vereinfacht gesagt, haben wir ein Jahr verloren. „Nie wieder Krieg“ sollte ja eigentlich auch schon im Januar 2021 rauskommen.

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Das neue Album von Tocotronic „Nie wieder Krieg“ ist am 28. Januar 2022 erschienen

Alternativen zur gewohnten Live-Show, etwa Autokino-Konzerte, schienen euch nicht zu reizen …

Das kann man so sagen. Wir haben 2021 einige Pandemie-Konzerte gespielt, wie ich sie mal nennen will, an die wir mit sehr geringen Erwartungen gegangen sind. Bestuhlte Konzerte mit unserem alten Programm aus der Hamburger Zeit – das kam uns schon sehr dialektisch vor. Letztlich hat es aber toll funktioniert. Es war auch schön zu sehen, dass sich die Leute darauf einließen. Am 28. Januar werden wir im SO36 unser Release-Konzert als Streaming-Konzert spielen, was die nächste Herausforderung ist. Als Band verkapselt man sich ja lange im Studio und Proberaum, um etwas zu erschaffen, das man irgendwann mit seinem Publikum teilt. Wenn das Publikum dann aber nicht da ist, ist das schon ein Manko. Ich persönlich bin jetzt aber nicht der Typ, der für sein Leben die Bühne braucht. Bei einigen Kolleginnen und Kollegen haben sich fast Entzugserscheinungen eingestellt. So ging es mir und den anderen in der Band nicht.

 

Haltung

 

Gab es weitere Erkenntnisse während der Pandemie?

Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, dass ich froh bin, dass sich in der Pandemie in der Musikszene von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr wenig Nihilismus breit gemacht hat. Unter anderem gab es eine tolle, von der Band Die Ärzte initiierte Impfkampagne. Die konstruktive Haltung der Musikszene ist vielleicht auch dadurch zu erklären, dass Musikerinnen und Musiker oft in Gruppen arbeiten und dadurch antiaufklärerische Schwurbelei, die ja meist auch viel mit Vereinzelung und Narzissmus zu tun hat, zurückgedrängt wird.

Kommen wir zum angesprochenen „Nie wieder Krieg“, dem mittlerweile 13. Tocotronic-Album. Daraus wurden bereits Singles veröffentlicht, etwa „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“. Sicher kein Zufall, dass dieser Song kurz vor der Bundestagswahl 2021 und der damit verbundenen Entscheidung, wie viel Macht die AfD bekommen würde, erschienen ist …

Genau. Wir sind keine Band, die sich parteipolitisch engagiert, auch wenn wir viele Anfragen bekommen. Das ist nicht unser Stil. Aber gerade, wenn man in unserem Alter ist und noch Parteien wie die Republikaner miterlebt hat, die nur eine kurzlebige Vorankündigung waren, so ist es schon sehr schockierend, zu erleben, wie sich nun eine rechtsextreme Partei dauerhaft im Parlament festsetzt und dort ihre Zersetzungsarbeit betreibt. Die Veröffentlichung von „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ zur Bundestagswahl war daher auch ein bescheidener Versuch, ein Statement zu setzen.

Du hast von vielen Anfragen gesprochen. Kam auch mal eine von der AfD?

Nein – wenn die uns überhaupt kennen. Diese Partei hat ja auch kulturell keine große Kompetenz. Und wenn sie von uns wissen, dann wissen sie auch, dass wir am anderen Ende der Skala stehen.

 

Die Sensorik von Dirk von Lowtzow

 

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Tocotronic haben Lust auf die Live-Bühne, aber keine Entzugserscheinungen (Foto: Gloria Endres de Oliveira)

Der weitere textliche Inhalt von „Nie wieder Krieg“ handelt von einer grundsätzlichen Verwundbarkeit, Einsamkeit, von Existenzängsten – und dann doch von Liebe. Klingt ein bisschen wie eine ungewollt geschriebene Corona-Bilanz, und das sogar vor den pandemischen Ereignissen.

(lacht) Dirk hat ein Talent dafür, immer ein wenig früher Sachen zu kommentieren, als sie passieren. Ich denke da auch an das Album „Kapitulation“ (2007 erschienen; Anm. d. Red.), das mit seiner Kritik am neo-kapitalistischen System einen gewissen Zeitgeist schon vorweggenommen hat. Die Texte von „Nie wieder Krieg“ sind alle vor der Pandemie entstanden, insofern ist es wirklich eine Sensorik von Dirk, mit der er etwas erfasst hat, das so in der Luft schwebte. Wenn das Album denn eine Corona-Bilanz sein soll, wäre es natürlich schön, wenn Liebe das vorherrschende Gefühl beim Hören sein würde.

Liebe war uns auf diesem Album ganz wichtig. Es gibt so viel Hass in dieser Gesellschaft. „Freiburg“, das erste Stück auf unserem ersten Album, beginnt mit der Zeile: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“ (erschienen 1995; Anm. d. Red.). Es war für uns damals sehr lustig, uns unserem Hass auf läppische Nervereien hinzugeben. Aber jetzt, wo der Hass vielerorts so dominant wütet, scheint es uns angebrachter, sanftere Saiten zum Schwingen zu bringen.

 

Es wird nicht mehr, wie es mal war

 

„Nie wieder Krieg“ wird hoffentlich schnellstmöglich auch vor Publikum live präsentiert werden. Entzugserscheinungen, hast du schon gesagt, gibt es nicht – aber womöglich bestimmte Tocotronic-Live-Szenarien, auf die deine Vorfreude besonders groß ist?

Ich freue mich auf Konzerte, wie wir sie immer gemacht haben – wenn es die Umstände denn zulassen: eng und schwitzig. Manche Sachen wird es aber nie wieder geben. Wir mögen es nicht, wenn es auf der Bühne zieht, also haben wir bisher immer die Lüftungsanlage im Saal ausstellen lassen. Deshalb war es bei unseren Konzerten auch immer besonders heiß. Es war toll, wenn dieses Körperliche, das die Rockmusik eh in sich hat, sich auch in der Raumtemperatur widerspiegelt. Wir haben nun mit Demut bilanziert, dass vermutlich nie wieder Konzerte mit deaktivierter Lüftungsanlage stattfinden werden.

„Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist am 28. Januar 2022 auf Vertigo Berlin/Universal Music erschienen

Live gibt es Tocotronic am 16. April 2022 in der Edel-Optics Arena zu sehen (es gibt noch Karten). Außerdem kommen sie am 19. August in den Hamburger Stadtpark (ausverkauft).

Das Release-Konzert im re-live gibt’s hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist ab dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hoffnung und Sein: dokumentarfilmwoche Hamburg

Vom 15. bis 19. September 2021 findet in Hamburg die 18. dokumentarfilmwoche statt. „Herr Bachmann und seine Klasse“ ist dabei nur einer der, bei der Berlinale 2021 prämierten, Filme, die gezeigt werden

Text: Marco Arellano Gomes

 

Die 18. dokumentarfilmwoche findet in diesem Jahr im Herbst statt. Vom 15. bis 19. September 2021 gibt es in den drei teilnehmenden Kinos Metropolis, B-Movie und Lichtmeß jede Menge anspruchsvolle Dokumentationen, unter anderem das achtstündige Landschaftsepos „The Works and Days“ (15.9., 10 Uhr im Metropolis) von C. W. Winter und Anders Edström, die beide auch zu Gast sein werden. Der Gewinner-Film der 70. Berlinale in der Kategorie „Best Film Encounters“ ist ein kinematografisches Ereignis über die Landwirtschaft und ein Liebesbrief an das Kino. 14 Monate lang wurde der Film in einem kleinen japanischen Bergdorf gedreht und beschreibt eindrucksvoll den Kreislauf des Daseins.

 

Viel Programm

 

Das Festivalteam hat ein breites Programm zusammengestellt – von der international prämierten Produktion bis hin zu Hamburger Debütfilmen. Einige Höhepunkte sind: „Please Hold the Line“ (15.9., 20.30 Uhr, Metropolis), die herzerwärmende Doku „Herr Bachmann und seine Klasse“ (16.9., 19 Uhr, Metropolis) sowie „Her Name was Europa“ (18.9., 21 Uhr, Lichtmeß). Besonders im Fokus stehen unter dem Label „Dokland Hamburg“ auch Hamburger Produktionen. Das volle Programm ist bereits veröffentlicht.

 

Herr Bachmann und seine Klasse

 

Diese Dokumentation lässt einen noch mal die Schulbank drücken. Nur sitzt man während der rasant laufenden knapp dreieinhalb Stunden auf den ungleich bequemeren Kinosesseln statt auf den harten Holzbänken. „Herr Bachmann und seine Klasse“ gibt einem das Gefühl, als wäre man mittendrin, statt nur dabei. Der kurz vor der Pension stehende Lehrer Dieter Bachmann unterrichtet seine 6b in Stadtallendorf (Hessen), einer Industriestadt mit hohem Anteil an ausländischen Mitbürgern, auf eine Art und Weise, die einen mitreißt.

 

Hoffnung

 

Es geht zwar auch um Mathematik, Deutsch, Englisch und Musik, vor allem aber ist diese Dokumentation eine Lehrstunde in Demokratie und Menschlichkeit. Dieser Lehrer macht Hoffnung und entlässt einen mit dem Gefühl, dass es keine Barrieren gibt, die nicht überwunden werden können, wenn Menschen einander aufrichtig zuhören, sich vertrauen und mit Ehrlichkeit und Respekt begegnen. Diese profunde und elementare Erkenntnis wird aber nicht oberlehrerhaft dargeboten, sie fließt vielmehr ganz ungezwungen und mit einer stoischen Ruhe, die Herr Bachmann mit jeder Pore ausstrahlt, von der Leinwand in die Köpfe des Kinopublikums. Eine Lehrstunde des Kinos.

Die 18. dokumentarfilmwoche, 15.-19.09; 15. dokfilmwoche.com
Herr Bachmann und seine Klasse, Regie: Maria Speth. 217 Min. Ab 16.9. in den Kinos

Hier der Trailer zum Film „Herr Bachmann und seine Klasse“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger des Monats – Kübra Gümüşay von „eeden“

In einem Hinterhof an der Stresemannstraße entsteht „die erhoffte Realität schon jetzt“, sagt Kübra Gümüşay. Sie gehört zu den Gründerinnen von „eeden“, das in der Schanze zum Jahresbeginn als ein Netzwerk, Denk- und Arbeitsraum für engagierte Frauen eröffnet hat. In einer der ersten Veranstaltungen hat die Feministin dort mit der Grünen Renate Künast über Hass und Hetze im Internet gesprochen. Ein Gespräch mit der 32-jährigen Autorin und Journalistin über Sprache, den „Sisters’ March“ und ein starkes Zeichen des Kultursenators

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Kübra, was wollt ihr mit „eeden“ erreichen?

Kübra Gümüşay: „eeden“ ist ein experi­menteller Ort, an dem wir Menschen, die in ihren jeweiligen Bereichen visionäre Arbeit machen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, zusammenbringen und sie gemeinsam nach neuen Lösungen suchen für die Herausforderungen unserer Zeit. Dabei wollen wir es uns nicht leicht machen.

Denn es reicht in diesen aufgewühlten Zeiten nicht, nur reaktiv zu sein. Ja, es ist wichtig, für eine plurale Gesellschaft einzustehen. Haltung zu zeigen. Das ergibt aber nur temporär Sinn. Wenn wir dauerhaft da­mit beschäftigt sind zu reagieren und lediglich versuchen, stagnieren wir als Gesellschaft. Es geht jetzt um was.

Hast du konkrete Beispiele?

Momentan arbeiten wir daran, Strukturen zu schaffen, in denen neue Formen der Begegnung, der Zusam­menarbeit und des gemeinsamen Denkens experimentiert werden können. Aber auch daran, den Zugang zu gesellschaftlichem Engagement zu erleichtern und mehr Menschen dazu zu bewegen, Verantwortung zu übernehmen.

Beispielsweise, als wir 2017 den „Sisters’ March“ organisierten, gingen sehr un­terschiedliche Gruppen gemeinsam auf die Straße – nicht nur gegen die gegen­ wärtige Politik, sondern für die Werte unserer Demokratie, für die Umsetzung demokratischer Ideale. Es war ein Miteinander, das vielen Hoffnung und Mut gemacht hat. Das wollen wir mit „eeden“ verstetigen.

Gründerinnen sind neben dir die Musikerin und Stiftungsbeirätin von „Viva con Agua“ Onejiru Arfmann und Art Directorin Jessica Louis. Wie habt ihr Kultursenator Carsten Brosda von euren Plänen überzeugt, immerhin unterstützt die Kulturbehörde „eeden“ in der Startphase in diesem Jahr mit 100.000 Euro?

Der Kultursenator hat damit ein sehr starkes Zeichen gesetzt. Schon vom ersten Moment an hat er verstanden, worum es uns bei „eeden“ geht und weshalb es gerade jetzt in diesen Zeiten dringlichst Räume braucht, in denen die Zivilgesellschaft neu, offen, zweifelnd und selbstkritisch denken und nach neuen Antworten für die Herausforderungen unserer Zeit suchen kann – statt so zu tun, als gäbe es auf alle großen Fragen klare, absolute Antworten. Diese Unterstützung macht über „eeden“ hinaus Mut, Visionen zu formulieren, zu experimentieren und in einen zugewandten öffentlichen Austausch zu gehen.

 

„Ich vermisse die Lust am Andersdenken“

 

Du bist vor fünf Jahren wieder zurück aus Oxford nach Hamburg gezogen. Wo bist du aufgewachsen?

In meinen ersten Lebensjahren habe ich in Altona gewohnt, dann in Billstedt. Hamburg ist eine sehr schöne Stadt. Es gibt viele Inseln von inspirierenden, engagierten Menschen. Meine Familie und viele meiner Freunde sind hier. Ich fühle mich inzwischen wieder in Hamburg zu Hause. Aber es ist mir manchmal etwas zu träge und zu gemütlich.

Im Vergleich zu London und Oxford vermisse ich die Lust am Andersdenken, generell Dinge zu über­denken, zu hinterfragen oder anders zu machen. Ebenso die Freude am Über­fordertsein. Aber das ändert sich nun hoffentlich durch „eeden“ und zahl­reiche andere Initiativen, denn wir sind natürlich nicht die einzigen, die sich um neue Räume bemühen.

Gerade ist dein Buch „Sprache und Sein“ erschienen. Darin zeigst du Wege auf, wie Menschen weniger hasserfüllt kommunizieren können.

Ja, denn die gegenwärtigen Debatten sind von Destruktivität geprägt. Wir hören absolute, vermeintlich zu Ende gedachte Antworten, die keinen Erkenntnisgewinn bringen, und lediglich gegeneinander antreten und um die Gunst des Publikums buhlen. Diese Art von Inszenierung erleben wir auch im Alltag.

 

„Sprache öffnet uns die Welt“

 

In meinem Buch gehe ich auf die Suche nach den Gründen und beschreibe die Architektur unserer Diskurskultur – aber auch die Architektur der Sprache, welchen Einfluss sie auf unsere Wahrnehmung und unser Denken hat. Denn Sprache ist nicht neutral. Sprache öffnet uns die Welt, sie grenzt uns aber auch ein. Sie formt uns und unseren Blick auf die Welt.

Wie sehr prägen Hassbotschaften im Internet inzwischen den Diskurs?

Mein öffentliches Schreiben wurde sehr früh von Hass und Morddrohun­gen begleitet. Schon vor zehn Jahren, als Kolumnistin bei der „taz“, fanden sich stets hasserfüllte Kommentare unter meinen Texten. Als ich, aber auch zahlreiche andere Autoren, die davon betroffen waren, dies thematisierten, wurde uns kaum Gehör geschenkt.

Inzwischen sind auch andere Bevölkerungsteile davon betroffen und der Hass wird nicht mehr derart normalisiert, die Sorgen etwas ernster genommen. Was lernen wir aber daraus? Zum einen, dass man marginalisierten Gruppen früher hätte zuhören müssen. Die zweite Lehre ist: Die Hassenden haben nicht einfach nur das Ziel, die Betroffenen einzuschüchtern. Nein, es geht viel­ mehr darum, diejenigen zu beeinflussen, die mitlesen. Das Publikum. Da­durch vermitteln sie den Eindruck, bestimmte Personen oder Themen seien zu provokant, zu marginal für die Mitte unserer Gesellschaft. Und der Diskurs wird dadurch künstlich verschoben.

eeden GmbH + e.V.: Stresemannstraße 132a (Altona-Nord)
www.ein-fremdwoerterbuch.com


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Thorben Goebel-Hansen

Südlich der Elbe gab es lange keine Unterkunft für obdachlose Menschen – bis das Deutsche Rote Kreuz letztes Jahr das Harburg-Huus eröffnete. Einrichtungsleiter Thorben Goebel-Hansen über eine Einrichtung, die ihren Gästen nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch Hoffnung schenkt

Interview: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Herr Goebel-Hansen, wenn Sie über Ihre Arbeit im Harburg-Huus sprechen, fällt selten das Wort „Obdachlose“ und viel häufiger „Gäste“. Welche Bedeutung hat dieses Wort für Sie?

Thorben Goebel-Hansen: Die Menschen, die zu uns kommen, sind ja nicht nur obdachlos. Sie sind auch Musikliebhaber, Fußballfans, lesen gern, sind Mutter, Vater, Oma, Opa … Das alles wird bei der Bezeichnung Obdachlose ausgeblendet. Wir wollen unseren Gästen aber einen Perspektivenwechsel ermöglichen, und auch dafür ist es wichtig, sie nicht auf die Rolle eines Obdachlosen zu reduzieren.

Erst im Juni letzten Jahres wurde das Harburg-Huus als erste Obdachlosenunterkunft in Harburg eröffnet. Warum erst jetzt?

Das kann ich nicht beurteilen. Das DRK hat schon sehr lange auf dieses Thema hingewiesen und schließlich auf die immer weiter wachsende Obdachlosigkeit in Harburg reagiert. Vielleicht hat man sich auf behördlicher Ebene auf die anderen Einrichtungen in Hamburg verlassen. In Gesprächen wurde oft auf Unterkünfte im Zentrum Hamburgs, also nördlich der Elbe, verwiesen, zu denen die Obdachlosen ja gehen könnten.

 

„Freundschaften sind auf der Straße selten“

 

Die kommen aber für die obdachlosen Menschen in Harburg nicht immer infrage …

Für viele unserer Gäste ist die Innenstadt einfach schwer zu erreichen. Erst mal muss ja eine Fahrkarte her, die kostet Geld. Außerdem hat jeder Mensch seine eigene Sozialraumorientierung – eine Gegend, in der er lebt und sich auskennt.

Für obdachlose Menschen ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, welcher Bäcker um die Ecke ihnen mal ein Brötchen spendiert. Viele sind hier verankert, der Stadtteil ist ihr Zuhause. Freundschaften sind auf der Straße selten, wenn sie also noch soziale Kontakte vor Ort haben, wollen sie ihr Quartier nicht einfach wechseln.

Werden die 15 Schlafplätze im Harburg-Huus denn seit der Eröffnung regelmäßig in Anspruch genommen?

Wir sind so gut wie jede Nacht komplett ausgebucht. Ab und zu bleibt ein Bett frei, wenn uns Gäste, die sich telefonisch angemeldet haben oder uns zum Beispiel von einer anderen sozialen Einrichtung angekündigt wurden, dann doch nicht erreichen. Der Bedarf ist offensichtlich da, wir hatten sogar schon vor der offiziellen Eröffnung eine Warteliste.

Wir vergeben unsere Betten zuerst an die Menschen, die sie nötig brauchen, zum Beispiel weil sie gesundheitlich geschwächt sind. Auch bei Frauen sehen wir häufig eine besondere Dringlichkeit. Für sie gibt es ein eigenes Zimmer.

Wenn ein obdachloser Mensch spontan bei uns vor der Tür steht und wir ihm keinen Schlafplatz mehr anbieten können, versuchen wir kurzfristig etwas in einer anderen Unterkunft zu organisieren.

Warum kommt das Konzept des Harburg-Huus bis jetzt so gut an?

Das mag daran liegen, dass wir als Deutsches Rotes Kreuz einen Vertrauensvorschuss haben. Einige Gäste haben in der Vergangenheit vielleicht keine guten Erfahrungen mit Behörden gemacht, die oft Träger anderer Unterkünfte sind.

Außerdem erlauben wir als eine der wenigen Notunterkünfte im Hamburger Raum auch Hunde. Viele obdachlose Menschen schlafen lieber auf der Straße, als sich von ihren vierbeinigen Begleitern zu trennen.

Warum werden dann nicht in mehr Unterkünften Hunde zugelassen?

Weil es schon ein gewisser Aufwand ist. Wie vertragen sich die Hunde untereinander? Wie vertragen sich die Hunde und die anderen Gäste? Das müssen wir bei der Bettenverteilung bedenken, und deshalb muss sich auch jeder potenzielle Gast mit seinem Hund bei uns vorstellen, damit wir einschätzen können, ob das funktioniert. Außerdem geht es auch um die Folgebetreuung der Tiere. Man muss sie nicht nur unterbringen, sondern Hundefutter bereitstellen oder medizinische Versorgung. Viele Träger schrecken dabei wohl auch vor den Kosten zurück.

 

„Jeden Cent müssen wir über Spenden reinholen“

 

Wie finanzieren Sie das denn?

Wir erhalten keine öffentliche Förderung, das heißt: Jeden Cent, den wir ausgeben, müssen wir über Spenden wieder reinholen. Bei 250.000 Euro im Jahr ist das eine große Herausforderung. Mit dem DRK haben wir aber einen Träger, der Projekte wie das Harburg-Huus anschieben kann und mit seinem Namen natürlich eine gewisse Wirkung hat.

Außerdem bekommen wir Unterstützung vom Förderkreis des Harburg-Huus, gegründet von Schirmherr Rüdiger Grube. Lebensmittel liefert uns die Tafel. Die Tierarztkosten, die sich unsere Gäste für ihre Hunde nicht leisten können, übernimmt ein Hamburger Verein.

Und nicht nur das – Sie organisieren auch Lesungen im Harburg-Huus, schauen gemeinsam mit Ihren Gästen Fußball oder bieten Musik- und Zeichenkurse. Warum schaffen Sie diese zusätzlichen Angebote?

Menschen brauchen Hoffnung, auf eine gute Zukunft, auf ein gutes Leben. Deshalb ist es für uns enorm wichtig, unseren Gästen zu zeigen: Es gibt so viele Dinge im Leben, die Spaß machen. Bitte verliere nicht die Hoffnung! Deshalb wollen wir ihnen genau diese Angebote auch machen.

Zusätzlich gibt es bei uns auch eine psychosoziale Betreuung, und einmal wöchentlich kommen das Caritas Krankenmobil und ein mobiler Zahnarzt bei uns vorbei. In Zukunft planen wir noch den Ausbau der Suchtberatung.

Was sagen Ihre Gäste?

Viele sagen, dass wir eine sehr familiäre Einrichtung aufgebaut haben. Das liegt daran, dass wir überschaubare Räumlichkeiten mit einem sehr wohnlichen Gemeinschaftsraum für den Tagesaufenthalt und 15 Betten für die Übernachtung anbieten. Auf diese Anzahl kommen dann nicht nur 15 festangestellte Mitarbeiter, sondern auch noch die gleiche Zahl an Ehrenamtlichen, die zum Beispiel abends eine kleine Mahlzeit ausgeben.

Natürlich sind nicht alle gleichzeitig vor Ort. Doch es ist immer jemand da und ansprechbar, die Gäste fühlen sich wahrgenommen. Das fängt schon bei den Kleinigkeiten an. Wenn jemand Geburtstag hat, organisieren wir immer ein kleines Geschenk, also vielleicht Buntstifte für jemanden, der gerne malt. Oder einen Kuchen, den wir zusammen essen. Da fließen nicht selten Tränen, weil unsere Gäste das lange nicht mehr erlebt haben.

 

Neue Strukturen

 

Umso schlimmer ist es, dass Sie im August die Nachricht bekommen haben, dass das Gelände für Wohnungsbau verkauft wurde …

Ja, das hat uns alle schockiert und entsetzt. Als wir 2017 mit dem Vermieter der ehemaligen Gewerbeimmobilie ins Gespräch kamen, haben wir uns darauf verständigt, dass wir dieses Objekt umbauen. Wir haben über 200.000 Euro an Spenden- und Eigenmitteln dafür aufgebracht. Das wir, so wie es jetzt aussieht, in spätestens drei Jahren raus sollen, trifft uns auch angesichts dieser enormen Summe natürlich sehr.

Was passiert mit Ihren Gästen bei einem Standortwechsel?

Obdachlose Menschen brauchen sichere Strukturen. Alles, was wir hier aufbauen, das ist nicht von heute auf morgen gemacht. Das ist eine unglaubliche Vertrauensarbeit, den Menschen einen Ort zu geben, den sie in ihren Alltag integrieren können. Dass diese Strukturen eingerissen werden sollen, stimmt das Team mehr als traurig.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe die Hoffnung, dass wir neue Räume finden, in denen wir ein paar Betten mehr unterbringen. Aber dieses Objekt müssen wir erst mal finden. Das Thema Obdachlosenhilfe berührt Menschen. Aber wenn ich Vermieter anspreche, schrecken die häufig zurück, weil sie Angst haben, dass sie Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe einer Obdachloseneinrichtung nicht mehr für den gleichen Preis vermieten können.

Wir rennen bei unserer Suche keine offenen Türen ein. Deshalb bin ich für jeden Hinweis dankbar, wo es in Harburg vielleicht eine geeignete Immobilie gibt.

Haben Sie Ihre Entscheidung, die Leitung zu übernehmen, bereut?

Nein, auf keinen Fall. Das klingt plakativ, aber ich gehe jeden Tag wirklich gerne zur Arbeit. Wir sind noch eine junge Einrichtung, das heißt auch, dass sich noch vieles entwickelt. Das finde ich spannend, weil ich dabei auch viel Neues lernen kann.

Möglichkeiten dazu habe ich hier reichlich. Die Menschen, die zu uns kommen, kommen von überall her. Die meisten aus Deutschland, einige aus Osteuropa, wir hatten aber auch schon Gäste aus Brasilien, den USA, Afghanistan, dem Iran oder Irak. Gerade in der Sozialberatung kommen also ganz viele unterschiedliche Lebensläufe zum Vorschein. Jeder Gast hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Einen anderen Arbeitsplatz als diesen könnte ich mir gerade gar nicht vorstellen.

www.drk-harburg.hamburg


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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