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Elbphilharmonie

Erst Traumschloss, dann Millionengrab, heute eines der Wahrzeichen Hamburgs. Die Elbphilharmonie ist noch keine zehn Jahre alt und hat jetzt schon eine bewegte Geschichte

Text: Felix Willeke

Die Elbphilharmonie zählt heute zu den bekanntesten Wahrzeichen Hamburgs. Sie hat der Stadt in der Musikwelt neue Bedeutung verliehen. Doch ihr Bau war umstritten. Für das Konzerthaus auf dem historischen Kaispeicher A brauchte es zehnmal mehr Geld als gedacht, einen langen Atem und doch lockt die Elphi, wie sie auch genannt wird, heute bis zu einer Million Konzertbesucher:innen pro Jahr an. Eine bewegte Geschichte, die mit einer Postkarte begann.

Entstehung

Von der ersten Idee zur Elbphilharmonie Anfang der 2000er-Jahre bis zur Eröffnung 2017 gab es eine lange Anlaufzeit, Bauverzögerungen, Kostenexplosionen und Rechtsstreitigkeiten. Viele Hürden für Hamburgs neues Wahrzeichen. 

Idee

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Die Architekten des neuen Hamburger Wahrzeichens: Jacques Herzog. Pierre de Meuron und Ascan Mergenthaler (v. l.n.r.) (Foto: Maxim Schulz)

Ende der 1990er-Jahre plante Hamburg einen neuen Stadtteil: Die HafenCity. Zu Beginn war jedoch unklar, was genau mit dem alten Kaispeicher A passieren sollte. Das frühere Lager für Kaffee und Kakao sollte entweder kulturell genutzt werden oder es sollte, wie von der Politik gewollt, mit dem MediaCityPort ein Bürokomplex entstehen. Während Mieter:innen für das neue Gebäude gesucht wurden, hielt im Hintergrund eine Gruppe um den Architekten Alexander Gérard und seine Frau Jana Marko an den Plänen für eine kulturelle Nutzung fest.

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Gibt es einen besseren Ort für ein Konzerthaus als den Kaiserhöft? (Foto: Thies Rätzke)

Seit 2001 waren beide auf der Suche nach Untersützer:innen für ihre Idee, ein Konzerthaus anstelle des Kaispeichers zu errichten. Dafür reisten sie Ende desselben Jahres in die Schweiz, um sich mit den Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron in Basel zu treffen. Gérard legte dabei keine fertigen Baupläne vor, sondern zeigte lediglich eine Postkarte des Kaispeichers. Die Architekten erkannten das Potenzial des Standorts sofort und Jacques Herzog zeichnet eine Welle auf das Dach des Speichers: Die erste grobe Skizze der Elbphilharmonie. 

Doch politisch wurde weiter der Bürokomplex favorisiert. Während die Politik in der Hansestadt sich unter dem neuen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und nach 40 Jahren SPD-Regierung neu sortierte, ließen sich auch Gérard, Marko und ihre Mitstreiter:innen Zeit. Schlussendlich dauerte es zwei Jahre, bis sie die Pläne zur Elbphilharmonie erstmals öffentlich präsentieren. Die Pläne wurden begeistert bei der Bevölkerung aufgenommen, sodass sich auch die Politik immer mehr mit der Idee anfreundete. Ende 2003 gab es dann den ersten offiziellen Beschluss, die Elbphilharmonie zu bauen. Auch Zahlen wurden erstmals genannte: Das Konzerthaus sollte 53 Millionen Euro kosten.

Finanzierung

Dabei blieb es bekanntlich nicht und die 53 Millionen Euro waren auch nur ein erster Richtwert. Als der Senat 2005 den Bau endgültig am heutigen Standort beschließt, sind es bereits 186 Millionen Euro, wobei sich die Stadt mit maximal 77 Millionen Euro beteiligen will. Doch auch diese Summe hat nur ein Jahr bestand. Ende 2006 verkündet Bürgermeister von Beust neue Zahlen: Jetzt sind es 241,3 Millionen ingesamt und 114,3 Millionen Euro von der öffentlichen Hand. Vor dem Hintergrund dieser Summe stimmt die Bürgerschaft 2007 für den Bau des Konzerthauses und noch im gleichen Jahr wird der Grundstein gelegt. 

Was folgt, ist ein Bau voller Hindernisse. Zuerst verkündet das Bauunternehmen Hochtief 2011 einen Baustopp aufgrund von Sicherheitsbedenken, es folgen Rechtsstreitigkeiten und auf der Baustelle bewegt sich ein Jahr lang fast nichts. Der ursprünglich anvisierte Eröffnungstermin im Jahr 2010 ist längst verstrichen als der neue Bürgermeister Olaf Scholz im April 2013 nach einer Einigung mit Hochtief die endgültigen Kosten für die Elbphilharmonie bekannt gibt. Nach anfänglich weniger als 100 Millionen Euro kostet das Konzerthaus die Stadt schlussendlich 789 Millionen Euro, inklusive einiger Großspenden belaufen sich die Gesamtkosten auf 866 Millionen Euro. 

Bau

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Früher war der Kaispeicher A ein Lager für Kakao und Kaffee, heute steht nur noch die Fassade und oben thront die Elbphilharmonie (Foto: Zoch)

Doch nicht nur Rechtsstreitigkeiten und Bauverzögerung haben die Elbphilharmonie derartig teurer werden lassen. Ein weiterer Grund sind die baulichen Herausforderungen sowie die architektonischen Besonderheiten. So steht der historische Kaispeicher A auf 1.111 im Hafenschlick versengten Betonpfählen. Diese allein tragen aber kein Gebäude wie die Elbphilharmonie, das rund 200.000 Tonnen wiegt. So mussten, nachdem der historische Speicher entkernt worden war, 634 weitere Pfähle bis zu 15 Meter tief in den Boden versenkt werden. Dann wurde der alte Speicher, dessen denkmalgeschützte Backsteinfassade erhalten wurde, um ein Stockwerk erweitert und das neue Dach des Speichers ist heute die Plaza der Elbphilharmonie. Das eigentliche Konzerthaus wurde auf den Speicher gebaut und ist mit seinen 110 Metern Höhe das achthöchste Gebäude der Hansestadt.

Einmalige Architektur

Das neue Wahrzeichen der Stadt sollte kein einfaches Hochhaus werden. Die Architekten Herzog & de Meuron entschieden sich für den Entwurf, den Herzog schon 2001 auf der Postkarte skizziert hatte: Eine sich-brechende Welle. Die Schaumkrone ist das Dach des Hauses. Es besteht aus rund 5.800 Dachpalietten, die aus Aluminium gefertigt wurden. Während das Dach den Schaum auf der sich brechenden Welle symbolisiert, steht die Fassade für das Wasser innerhalb der Welle. Insgesamt sind rund um die Elbphilharmonie rund 1.100 Glaselemente mit zwei bis drei Scheiben angebracht. Fast ein Drittel dieser Scheiben sind dabei sphärisch gebogen, sodass sie von außen betrachtet, wie Luftbläschen im Wasser wirken. Mit 48 Millimeter Scheibenstärke halten die Fenster auch den stärksten Unwettern stand. Um das Gebäude einmal komplett von außen zu reinigen, braucht eine Spezialfirma mit Fassadenkletterern rund drei Wochen.

Besuch

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Die Tube ist die längste Rolltreppe Westeuropas und weltweit die einzig gebogene (Foto: Michael Zapf)

Wer am Haupteingang die Elbphilharmonie betritt, fährt zuerst mit der längsten Rolltreppe Westeuropas, der Tube, rund vier Minuten bis zu einer Zwischenebene. Von hier aus gelangt man einerseits zum Störtebeker Restaurant in der Elbphilharmonie, wie auch zur gleichnamigen Bar. Nach einer weiteren Rolltreppe betreten die Besucher:innen die Plaza auf 27 Metern Höhe. Die (noch) kostenlose Plattform ist für alle zugänglich, egal ob sie in der Elbphilharmonie wohnen, ein Konzert besuchen oder nur die Aussicht genießen wollen.

Die Plaza eröffnete bereits vor dem Konzerthaus im November 2016 ihre Tore und bietet einen Rundumblick über die Stadt: Im Norden schaut man vom Hamburger Dom, dem Stadtteil St. Pauli und den Hauptkirchen bis zur historischen Speicherstadt. Im Osten schließt sich die HafenCity an und mit etwas Glück lassen sich sogar die Elbbrücken erkennen. Während die Besucher:innen im Süden über das riesige Hafengebiet bis zu den Harburger Bergen blicken können, erwartet sie im Westen ein Panoramablick über die Elbe und die Landungsbrücken.

Zu Beginn waren die Tickets für Konzerte in der Elbphilharmonie über Monate, wenn nicht sogar Jahre im Voraus vergriffen. Auch wenn noch heute fast jedes Konzert ausverkauft ist, wird es immer einfacher, an Karten zu kommen. Wer jedoch im Vorverkauf kein Glück hatte, für den gibt es einen bewährten Trick. Einfach rund zwei Stunden vor Konzertbeginn an der Konzertkasse vorbeischauen. Oft kommen hier zurückgegebene Karten wieder in den Verkauf und so lässt sich spontan noch Musik genießen. 

Das Konzerthaus

Wer sich vom Außenbereich der Plaza wieder nach innen begibt, findet inmitten des Gebäudes zwei Eingänge, hier gelangen die Besucher:innen zu den zwei Foyers der beiden Konzertsäle und damit zu noch mehr architektonischen Highlights. 

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Der Große Saal fasst über 2.000 Zuschauer:innen und dank des Weinberg-Prinzips haben alle freie Sicht (Foto: Michael Zapf)

Großer Saal

Der große Konzertsaal der Elbphilharmonie verfügt über rund 2.100 Sitzplätze, die in Terrassen nach dem „Weinberg-Prinzip“ angeordnet sind. So haben alle Gäste, egal ob sie Sitzplatz für 10 Euro in der obersten Etage gekauft haben oder für deutlich mehr Geld in der ersten Reihe sitzen, freie Sicht auf den Dirigenten in der Mitte der Bühne. Der Große Saal erstreckt sich dabei vom 12. Stock – die Plaza ist im 8. Stockwerk – bis zum 16. Stock. 

Der Kleine Saal wird auch liebevoll Schuhkarton genannt (Foto: Michael Zapf)

Kleiner Saal

Der Kleine Saal ist im Gegensatz zu seinem großen Nachbarn nur einstöckig und liegt unterhalb des Großen Saals im 10. Stock. Er bietet Platz für bis zu 550 Gäste. Aufgrund seiner Architektur wird er liebevoll auch als Schuhkarton bezeichnet. Der Saal ist länglich gezogen und man blickt aus einer Richtung auf die Bühne, je nach Anordnung. Während im großen Saal viele klanggewaltige Ensembles und Orchester zu Gast sind, wird der kleine Saal für die intimen Konzerte und kleine Formationen genutzt.

Kaistudio

Noch kleiner als der kleine Saal ist nur das Kaistudio. Als einziges befinden sich die für Musikvermittlung und als Proberaum genutzten Studios im alten Kaispeicher unterhalb der Plaza und bieten bei Konzerten Platz für bis zu 170 Menschen.  

Der perfekte Klang

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Akustiker Yasuhisa Toyota im Großen Saal der Elbphilharmonie (Foto: Michael Zapf)

Der für die Elbphilharmonie verantwortliche Akustiker Yasuhisa Toyota ist Spezialist für die im Großen Saal verwendete „Weinberg-Prinzip“. Seine Ideen sorgten dafür, dass die Elbphilharmonie für jeden Gast auf jedem Platz das gleiche Hörerlebnis bietet – zumindest bei nicht-verstärkter Musik. Dafür ließ Toyota im Vorfeld ein Modell der Säle bauen, indem die Akustik getestet wurde. Letztendlich wurde in den Sälen auf jedes Detail geachtet, um für den perfekten Klang zu sorgen: Von den Stühlen bis zu den Deckenleuchten ist alles im Sinne des Klangs designt.

Als besonderen Kniff hat Toyota für den Großen Saal die „Weiße Haut“ erdacht. Der Große Saal ist mit rund 10.000 Gipsfaserplatten verkleidet, die alle als Unikat gefräst wurden – beim Kleinen Saal besteht die Wand aus individuell gefrästen Eichenholzpaneelen. Diese Wandkonstruktion sorgt jeweils dafür, dass sich der Klang gleichmäßig im Saal verteilt. Dazu kommt. Dass die Säle selbst vom Rest des Gebäudes entkoppelt sind. Um Einflüsse von außen zu minimieren, wurde für beide Säle zuerst ein Hohlraum konstruiert (die Außenschale), in den das Gerüst für den jeweiligen Saal eingebaut wurde. Dieses Gerüst ist nur über Stahlfederpakete – beim großen Saal 632, beim kleinen 56 – mit dem Rest des Gebäudes verbunden. So dringt keinerlei Schall von außen in den Saal und auch nicht vom Saal in den Rest des Gebäudes.

Die Musik

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Das Oslo Philharmonic Orchestra unter Leitung von Klaus Mäkelä am 31. Mai 2022 im Großen Saal der Elbphilharmonie (Foto: Daniel Dittus)

Als Philharmonie ist die Elbphilharmonie in erster Linie der klassischen Musik gewidmet. Mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter dem Chefdirigenten Alan Gilbert ist eines der renommiertesten Orchester Deutschlands hier beheimatet. Darüber hinaus residiert in der Elbphilharmonie mit dem Ensemble Resonanz auch ein Kammerorchester von Weltrang. Außerdem sind neben dem Philharmonischen Staatsorchester und den Symphonikern Hamburg – dem Residenzorchester der Laeiszhalle – auch immer wieder Ensembles und Orchester aus aller Welt zu Gast.

Doch wer jetzt denkt: „Die Elbphilharmonie, das ist doch nur Klassik“, dem beweist das Programm der Elbphilharmonie seit der Eröffnung im Januar 2017 das Gegenteil. Die Bandbreite der Musik reicht von Klassik über Pop, Rock, Jazz, Funk bis hin zu Weltmusik. So waren neben der US-Sängerin Solange Knowles auch schon die Berliner Band Einstürzende Neubauten und Jazzlegenden wie John Zorn zu Gast. 

Orgel

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Die Orgel der Elbphilharmonie erstreckt sich über mehrere Stockwerke (Foto: Michael Zapf)

Die Bonner Orgelbauwerkstatt Johannes Klais hat schon die Orgel im Pekinger Nationaltheater, in der St. Petersburger Philharmonie wie auch in der Kölner Philharmonie und etlichen Kirchen gebaut. Auch für das Instrument im Großen Saal der Elbphilharmonie sind sie verantwortlich. Die Orgel ist 15 Meter hoch und 15 Meter breit, sie wiegt 25 Tonnen und besteht aus 4765 Pfeifen, wovon 380 aus Holz gefertigt wurden, der Rest aus Zinnlegierungen. Die kürzeste Pfeife ist dabei nur elf Millimeter lang und die längste ganze zehn Meter. Gespielt wird die Orgel entweder vom mechanischen Orgeltisch direkt am Instrument oder von einem mobilen in der Mitte des Saals. 

Wohnen und Leben

Neben der Musik gibt es in der Elbphilharmonie aber auch noch mit dem Westin ein Luxushotel sowie 44 Eigentumswohnungen mit Blickrichtung Landungsbrücken.

Hotel

Das Westin Hotel in der Elbphilharmonie gehört mittlerweile zu den besten Adressen der Stadt. Eine Nacht in einer der 244 Zimmer kostet ab 225 Euro aufwärts. Ein Preis für den sich die Gäste neben einem Spa Bereich auch auf ein Restaurant mit 170 Plätzen und eine fantastische Aussicht freuen dürfen. 

Wohnungen

Um einen Teil der Kosten für die Elbphilharmonie zu refinanzieren, waren ein Hotel und Luxuswohnungen von Beginn an Teil des Plans. Liegt das Hotel im Osten der Philharmonie, so haben alle 44 Luxuswohnungen die Blickrichtung Westen. Mit bis zu 38.588 Euro pro Quadratmeter gehören sie zu den teuersten Wohnungen in ganz Hamburg. Daher versteht es sich, dass die Bewohner:innen neben einem eigenen Foyer mit Servicepersonal auch über einen eigenen Parkbereich im Parkhaus der Elbphilharmonie verfügen. 

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Die Plaza bietet einen einmaligen Blick auf die Elbe und die Landungsbrücken (Foto: Michael Zapf)

Wie viel kostet eine Nacht in der Elbphilharmonie?

Eine Nacht im Westin Hotel in der Elbphilharmonie kostet mindestens 225 Euro.

Kann man ohne Ticket in die Elbphilharmonie?

Ja, man kann ohne Konzertkarte die Plaza der Elbphilharmonie (noch) kostenfrei besuchen. Man muss nur ein Ticket für die Plaza haben, das allerdings kostenlos ist. Wer sich einen Konzertsaal anschauen möchte, braucht entweder eine Konzertkarte oder macht eine Führung.

Wie teuer ist ein Ticket für die Elbphilharmonie?

Ein Ticket für die Plaza ist zurzeit noch kostenlos. Karten für die Konzerte gibt es ab 10 Euro. 


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Hamburger Ferienprogramm: SalutDeluxe Summercamp

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Von den Besten lernen: HipHop meets Klassik beim SalutDeluxe Summercamp

Klassik trifft auf Rap, Etüden auf Freestyle und Konzertsaal auf Clubkultur. Vom 10. bis 17. August 2022 erwartet Kinder und Jugendliche bei SalutDeluxe ein spannendes Summercamp zum krönenden Abschluss der Hamburger Schulferien.

Auf dem Programm stehen Workshops wie Breakdance & HipHop, Graffiti oder Drum&Rhythm. Bei allen Workshops steht ein Übersetzer-Team bereit, um die Teilnahme auch für ukrainische Kinder und Jugendliche zu ermöglichen.

Musikpädagogisches Angebot

Der Verein SalutDeluxe wurde 2020 mit Unterstützung der Haspa Musik Stiftung gegründet. Initiatoren und Gründer sind der Rapper Samy Deluxe und die Frontfrau und Geigerin Angelika Bachmann von dem Klassik-Quartett Salut Salon. Ziel des Vereins ist es, in einem geschützten Raum Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Welten zusammenzubringen und sie unabhängig von ihrem sozialen Background und ihrer musikalischen Vorprägung anzuregen und zu inspirieren.

„Wer verschiedene Milieus kennenlernt und diverse Einflüsse zulässt, ist weniger anfällig für ausgrenzendes Verhalten‟, erläutert Samy Deluxe. „Samy und ich haben unabhängig voneinander immer wieder festgestellt, wie groß das Thema Rassismus auch in der Musik ist. Warum zum Beispiel sind People of Color so extrem unterrepräsentiert in den Orchestern? Warum wird Afrodeutschen eher Hip-Hop als Klassik zugetraut? Das ist absurd. Damit wollen wir aufräumen“, ergänzt Angelika Bachmann.

SalutDeluxe richtet sich an Kinder und Jugendliche ab dem Schulalter. Besonderes Augenmerk liegt darauf, dass sich Coaches, Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Augenhöhe begegnen. Nach dem Prinzip „each one teach one‟ sollen sich die Kinder und Jugendlichen auch untereinander Wissen und Fähigkeiten vermitteln.

Weiteres Highlight im Sommerprogramm von SalutDeluxe: das Kinderkonzert „Mozart“ auf ukrainisch und russisch. Hier spielen die Pianistinnen Olga Shkrygunova (Salut Salon) und
Oksana Poleshook zwei- und vierhändig auf dem Klavier und erzählen über Mozart, einen der berühmtesten Komponisten der Welt. Zu hören sind seine allerersten Werke mit dem Cembalo-Klang, und es gibt ein Treffen mit der Königin der Nacht und der Zauberflöte. Für Bewegung sorgt ein Stopp-Tanz während des Konzertes.

Mehr Infos und Anmeldung unter: salutdeluxe.hamburg


SalutDeluxe e.V.
Volkmannstraße 6
22083 Hamburg

Eingang: Biedermannplatz 19, 22083 Hamburg


Talente an die Waterkant – das ist das Motto der Haspa Musik Stiftung. Seit 2008 unterstützt die Stiftung den Nachwuchs auf seinem musikalischen Weg und fördert vielfältige Musikprojekte.

Die Wasserlichtkonzerte sind zurück

Aufgrund der Corona-Pandemie gab es sie seit 2019 nicht mehr, jetzt sind sie zurück: Die Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen

Text: Felix Willeke

In jedem Sommer gibt es die traditionellen Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen. In den letzten beiden Jahren mussten die farbenfrohen und klangvollen Konzerte Pandemie-bedingt ausfallen. Jetzt kehren sie zurück. Die Saison 2022 startet am 1. Mai mit dem Programm „Von Sibelius über Tschaikowski bis Rachmaninow“. Dazu kommen mit „Cinema“, „Scheherazade“, „L‘art de la danse“, „Tango“, „Karneval der Tiere“ und der Premiere von „Reverie und Bacchanal“ sechs weitere Programme bis zum 30. September. Während der Konzerte kommt die Musik vom Band, die Wasserlichtorgel wird live gespielt. Schon 1938 wurde die erste Wasserfontäne in Planten un Blomen installiert. Mit den Internationalen Gartenschauen 1953, 1963 und 1973 entwickelte sie sich zur Orgel in der heutigen Form. Nach einer umfangreichen Sanierung 2018 hat sie heute 566 LED-Scheinwerfer mit bis zu 32 Watt.

Das ganze Programm, inklusive aller Konzerte im Musikpavillon gibt es bei Planten un Blomen


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Ostern in und um Hamburg

Ostern steht vor der Tür und das Wetter könnte sogar mitspielen. Hier kommen zehn Ideen für ein entspanntes, gemütliches oder ereignisreiches Osterfest – von Eiersuche bis zu fernen Galaxien

Osterhasen in Hamburgs Stadtnatur

Das Osterwochenende bringt den Frühling zurück! Hamburgs Naturschutzgebiete eignen sich dann wieder hervorragend für ausgiebige Spaziergänge. Im Naturschutzgebiet Höltigbaum kann man zum Beispiel ideal auf Spurensuche gehen und den Lebensraum unserer tierischen Nachbarn erforschen. Vielleicht gibt es sogar den einen oder anderen Osterhasen zu entdecken. Für alle, die die Galloway Rinder im Höltigbaum noch nicht kennen, lohnt sich der Ausflug allemal.

Tierische Natur gibt es aber auch an vielen anderen Orten der Stadt: egal ob Damwild im Niendorfer Gehege oder Heidschnucken in der Fischbeker Heide. Die Loki-Schmidt-Stiftung und einzelne Parks bieten darüber hinaus auch verschiedene Workshops und Aktionen.

Traditionsreiche Hamburger Osterfeuer 

In den letzten zwei Jahren waren sie aufgrund der Corona-Pandemie verboten, jetzt kehren die traditionsreichen Osterfeuer zurück – auch privat ist wieder mehr möglich. Die Osterfeuer in Stellingen oder Langenhorn sind beispielsweise wieder als organisierte Osterfeuer-Highlights dabei. Eine Übersicht über öffentliche Osterfeuer gibt es auf hamburg.de.

Aber auch private Osterfeuer sind wieder nahezu unbeschränkt möglich. Aber egal ob im kleinen Kreis oder gemeinsam mit der Nachbarschaft – das Osterfeuer gehört in Hamburg einfach dazu!

„Prostern“ mit Rum oder Eierlikör

In der 2ten Heimat gibt es am Ostermontag einen echten Geheimtipp für alle Rum-Liebhaber:innen. Die Expert:innen Ueli und Frau Antje entführen alle Teilnehmer in die Karibik und versüßen den Abend mit karibischen Rum-Köstlichkeiten und kubanischen Zigarren. Beginn ist um am 17. April um 17:00 Uhr. Tickets gibt es ab 73 Euro.

Wer es an Ostern lieber traditionell mag, greift vermutlich zum Eierlikör. Absoluten Kultstatus genießt in Hamburg der Eierlikör vom Eier Carl. Die berühmte Kneipe am Fischmarkt macht den Eierlikör noch selbst und steht für feinste Hamburger Qualität. Den Likör gibt es in verschiedenen Geschmackssorten und wer weiß, vielleicht wartet hier auch ein Osterspecial darauf vernascht zu werden. 

Norddeutsche Ostern am Kiekeberg

Am Ostermontag von 10 bis 18 Uhr gibt es im Freilichtmuseum am Kiekeberg ein Oster-Programm für die ganze Familie! Es wird gebastelt, marmoriert und dekoriert. Die Kids können Eierlaufen spielen und Ostereier suchen. Absolutes Highlight: Bei einer digitalen Rallye über die App „Actionbound“ kann das Gelände interaktiv erkundet werden. 

Auch für die Erwachsenen gibt es am 18. April Programm: In der Museumsbrennerei gibt es Frühschoppen zu plattdeutschen Liedern. Die Koffietied Rösterei und das Gasthaus Stoof Mudders Kroog versorgen alle Besucher:innen mit leckeren Snacks. Der Eintritt kostet 9 Euro für Erwachsene und ist für alle unter 18 Jahren frei. 

Klassische Ostern 

Wer es an Ostern gerne klassisch mag, für den ist die Auswahl groß: Angefangen beim Konzert des Landesjugendorchester Bremen (Sa., 16. April 2022, Laeiszhalle Großer Saal, 19:30 Uhr) über einen Klavierabend mit Marianna Shirinyan (Mo., 18. April 2022, Laeiszhalle Kleiner Saal, 17 Uhr) bis zum Ensemble Arabesques (Mo., 18. April 2022, Elbphilharmonie Kleiner Saal, 19:30 Uhr). Karten gibt es ab knapp 20 Euro und wenn das Konzert ausverkauft sein sollte, besonders an der Abendkasse der Elbphilharmonie ist die Chance auf Restkarten fast immer gegeben.

Es geht aber auch kostenlos, bei der Osternacht mit Johann Sebastian Bach am 16. April ab 20 Uhr in der Hauptkirche St. Michaelis – zeitiges kommen lohnt sich. Wer dennoch keinen Platz mehr in der Kirche ergattern kann, kann um Mitternacht dem Micheltürmer lauschen. Dieser läutet dann mit einem Auferstehungschoral das Osterfest ein. 

Kulinarische Ostern

Im Stadtrestaurant Hamburg im Reichshof (Restauranttest des Genuss Guide Hamburg) wartet am Ostersamstag nicht nur ein Vier-Gänge-Menü in edlem Ambiente, dazu gibt es auch Live-Musik der Hamburger Singersongwriterin tucumcari. Der Abend am 16. April kostet 79 Euro inklusive Weinbegleitung.

Wer abends schon etwas anderes vor hat, kann sich zu Ostern auch morgens bestens kulinarisch verwöhnen lassen: Bei diesen 10 Restaurants gibt es einen richtig guten Osterbrunch.

Trödeln und Stöbern statt Eiersuche

Nicht nur Ostereier warten darauf gefunden zu werden, sondern auch alte Schätze und Secondhand-Fundstücke. Egal ob Vintage, Antik, groß oder klein. In fast jedem Viertel Hamburgs gibt es einen beliebten Flohmarkt.

Am Osterwochenende laden zum Beispiel der Flohdom auf der Bahrenfelder Trabrennbahn oder der Horner Rennbahn, aber auch der Kult-Flohmarkt Flohschanze zum Stöbern ein. Eine komplette Liste mit schönen Flohmärkten gibt es hier

Ostern auf dem Dancefloor

Das TurTur in Wilhelmsburg lädt am Freitag in seinen Räumen zur musikalischen „Nachtwanderung“ für Erwachsene ein. Die herrlich unkonventionelle Mischung aus Pizzeria, Bar und Club am Veringkanal ist bekannt für kreative Events, gute Partys und einen toleranten Dancefloor. Am 15. April stehen unter anderem Dj Knarf und Megaföön an den Reglern. 

Die Disco-Barkasse Frau Hedi legt am Samstag zu alten Underground-Disco-Perlen ab und schippert durch den Hamburger Hafen. Die Crew verspricht: „keine ollen Kamellen aus dem Radio, sondern liebevollst ausgewählte Perlen“. Angesteuert wird übrigens ein großes Osterfeuer.

Entspannte Oster-Wellness

Ein langes Osterwochenende, der perfekte Zeitpunkt für Wellness und Selfcare. Kaum etwas sorgt für mehr Entspannung, als im Spa die Seele baumeln zu lassen. Orientalische Wellness gibt es zum Beispiel im Hamam Hafen Hamburg auf St. Pauli. Auf die Besucher wartet ein großer Wellnessbereich mit Kissenlandschaft, beheizten Marmor-Podesten, Körperpeelings und Seifenschaummassagen. Individuelle Behandlungen gibt es hier bereits ab 35 Euro.

Aber natürlich finden sich auch in anderen Teilen der Stadt viele weitere Wohlfühloasen. Klassische und beliebte Anlaufstellen sind zum Beispiel das Meridian Spa, die Kaifu Lodge oder das Heavenly Spa im Westin.

Ostern in den Sternen

Nicht alle können mit den klassischen Ostern etwas anfangen! Wer statt Eiersuche gerne in ferne Galaxien reisen möchte, kommt am 16. April ab 19:30 Uhr in Barclays Arena auf seine Kosten. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg bringt unter der Leitung von Ben Palmer bei Star Wars in Concert die Rückkehr der Jedi-Ritter musikalisch auf die Bühne. Tickets gibt es ab 47,75 Euro.

Und für alle anderen hat das Planetarium auch an Ostern diverse Blicke ins All, in die Welt der Musik und unter Wasser zu bieten.


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Himmel über Hamburg: Dresdner Sinfoniker begeistern in höchsten Tönen

Die Elbphilharmonie und Kampnagel luden am 17. Juli 2021 zum Konzert „Himmel über Hamburg“ in die Lenzsiedlung: Die Dresdner Sinfoniker ließen für eineinhalb Stunden Plattenbauten und Sportplatz erklingen – mit ungewöhnlichem Instrumentarium, an einem ebenso ungewöhnlichen Ort

Text: Kevin Goonewardena

 

Grauer Beton, rauer Jargon, Plattenbauten, dazwischen ein grüner Fleck, aber nicht mal der ist natürlich, handelt es sich doch um einen Kunstrasenplatz. An der Schnittstelle zwischen Eimsbüttel und Lokstedt prallen, nun ja, Welten aufeinander. Hier die Altbauten des immer noch zu den beliebtesten Wohnadressen der Hansestadt zählenden Eimsbüttels, dort die grauen Betonfassaden der in den 70er und 80er Jahren errichteten Lenzsiedlung, benannt nach dem großen Hamburger Schriftsteller Siegfried Lenz, dessen Werk „Deutschstunde“ zum Standard der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört und erst kürzlich für das Kino neu verfilmt wurde.

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45 Musiker:innen des Dresdner Sinfonikers verteilt um und auf der Lenzsiedlung in Eimsbüttel (Foto: Maximilian Probst)

Auch wenn die rund 3000 Bewohner:innen der Lenzsiedlung seit geraumer Zeit von diversen Förderprogrammen, die die Siedlung aufwerten sollen, entsprechender Wettbewerbe und Auszeichnungen profitieren, einen Abend wie Samstag, dem 17. Juli 2021, hatte es so bisher dort noch nicht gegeben: Bei bestem Wetter versammelten sich rund 500 Besucher:innen auf dem Sportplatz des Vereins SV Grün-Weiss Eimsbüttel – dessen bekannteste ehemalige Spieler Bernd Dörfel, später unter anderem beim HSV aktiv, und Patrick Owomoyela, in der Jugend ab Mitte der 1980er aktiv, heißen – um dem Konzertereignis beizuwohnen.

Ungezählte taten es ihnen gleich, saßen im Grün neben dem Sportplatz, standen auf den Gehwegen, der Straße und natürlich auf den eigenen Balkonen, sofern sie zu den Bewohner:innen gehörten und obendrein zu Interessierten an klassischer Musik, für wenigstens einen Moment.

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Rund 500 Besucher nahmen Platz auf dem Fußballfeld von Grün-Weiss-Eimsbüttel (Foto: Jérome Gerull)

Auf die Dächer selbst durften zwar nur wenige, denn Corona ließ auch den Platz oben in 40 Metern Höhe schrumpfen, vor allem aber hätte jede:r Besucher:in gesichert werden müssen – 12 Höhenkletterer standen für die Musiker:innen und Pressevertreter:innen zur Verfügung. Und doch, alleine der Anblick der unwirklich anmutenden, zu Schatten verkommenen Figuren an der Dachkante mit ihren Instrumenten, in schwindelerregender Höhe und bei bestem Sonnenschein ließ auch bei den Besucher:innen auf den Sitzplätzen ein Kribbeln im Bauch zurück, noch bevor der erste Ton überhaupt erklungen war. 

Begonnen haben die Musiker:innen – 16 Alphörner, neun Trompeten, vier Tuben, vier chinesische Da Gu-Trommeln und weiteres Schlagwerk kamen zum Einsatz – mit der von John Williams zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles komponierten Fanfare und nicht etwa mit dem „Imperial March“ aus „Star Wars“, wie man vermuten könnte. Aufgeteilt wurden die Musiker:innen auf die Hochhäuser, den Sportplatz und das Vereinsheim des Sportclubs, so dass die Zuhörer:innen letztlich von allen Seiten beschallt wurden.

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Vier der insgesamt 16 Alphörner beim Konzert zu „Himmel über Hamburg“ (Foto: Jérome Gerull)

Gespielt wurde gleichzeitig, mal klangen mehr, mal weniger die Instrumente auf den Hochhausdächern durch. Wenn, dann klang das Gehörte weniger wie Klassik, mehr wie Drone-Musik und das passte wunderbar. Über ein Werk des venezianischen Komponisten Giovanni Gabrieli, der bereits vor 400 Jahren mit Raumklängen – erzielt durch auf zwei gegenüberliegenden Emporen gespielte Musik – im Markusdom in Venedig für Furore sorgte, ging der Abend über in das Hauptwerk der Veranstaltung: Ein neues Stück des Münchener Komponisten Markus Lehmann-Horn. Eine Klangcollage aus Beethovens „Ode an die Freude“ bildete im Anschluss das große Finale.

Nicht nur die Höhe, sondern auch die großen Abstände zwischen den Musiker:innen auf den Dächern und am Boden stellte die Beteiligten vor große Herausforderungen. So wurde etwa die Unmöglichkeit des Einsatzes von Dirigent:innen aufgrund der Umstände durch einen Computer aufgefangen, der, zeitverzögert, ein Signal zu den jeweiligen Sinfoniker:innen aussandte.

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Die Tuben machten auch vom Dach aus große Töne (Foto: Maximilian Probst)

Für das Dresdner Ensemble ist der Auftrittsort auf dem Dach eines Hochhauses übrigens kein ungewöhnlicher: Nach der Neuvertonung des Soundtracks zu Sergei Eisensteins Stummfilmklassikers „Panzerkreuzer Potemki“ zusammen mit dem britischen Pop-Duo Pet Shop Boys 2004, komponierten sie zusammen mit den Musikern die sogenannte Hochhaussinfonie, die sie, ebenfalls zusammen mit den Briten, im Rahmen der 800-Jahr-Feier der Stadt Dresden auf dem Dach eines 35 Meter hohen Wohnblocks aufführten, wobei die Fassade als Leinwand für die dazugehörige Lichtinstallation genutzt wurde.

Von den Besucher:innen gab es auch bei „Himmel über Hamburg“ Standing Ovations, keine Zugabe zwar, aber rundum glückliche Gesichter und das Wissen, nicht nur bei einem qualitativ hochwertigen, sondern eben auch einem Konzert, das die eigene Konzert-Historie als Besucher:in um einen der wenigen, außergewöhnlichen Orte bereichert, an die man sich noch in vielen Jahren erinnern wird, bereichert.

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„Himmel über Hamburg“ von oben (Foto: Jérome Gerull)

 


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Das Ensemble Reflektor entstaubt die Klassik-Szene

Ensemble Reflektor – Das 40-köpfige Orchester hat einen Plan: Klassikkonzerte ohne steifes Korsett, dafür mit Witz und Bier.

Interview: Lilli Gavrić
Foto: Heide Benser

SZENE HAMBURG: Conny und Selma, ihr seid zwei von vierzig jungen Klassikmusikern, die das Ensemble Reflektor gegründet haben. Warum?

Conny: Wir sind ausgebildete Klassikmusiker. Das Studium ist darauf ausgelegt, in einem Orchester zu spielen, was zwar großen Spaß macht, aber in festen Strukturen verläuft. Häufig stellt sich bereits während des Studiums eine Arbeitsroutine ein, die musikalisch dröge macht, ernüchternd ist. Bei einigen Kollegen war das aber nicht so. Die wollten auf der Stuhlkante ganz vorne sitzen. Hatten Lust die Musik, wie wir sie empfinden auch so zu spielen. Das war der Grundimpuls.

Selma: In staatlichen Orchestern hat man den Job nach der Probezeit sein Leben lang. Die Stücke werden festgelegt, der Dirigent, die Proben, dein Dienst. Wir waren Studenten, die darüber hinausgehen wollten. Lust hatten, vieles selbst und anders zu machen.

Auf das Publikum zuzugehen. Spielt man in der Oper, betritt man das Haus durch eine andere Tür als der Gast, sitzt unten im Graben, trinkt anschließend mit den Kollegen in der Kantine ein Bier und geht nach Hause. Das Publikum sieht man nicht. Es gibt diese Barriere, alles hat eine gewisse Starrheit. Das wollten wir aufbrechen.

Ihr fragt euch immer wieder: „Wie kann man als klassisch ausgebildeter Musiker Leidenschaft vermitteln?“ Ist das in sich ein Widerspruch?

Conny: Nicht unbedingt. Wir lernen im Studium vor allem das Handwerk. Natürlich auch leidenschaftliches Spielen. Aber in wieweit das Publikum berührt oder gar abholt wird, darum geht es nie. Was braucht es also, um dieBegeisterung rüberzubringen? Distanz abzubauen. Die Musiker sehen, ihnen in die Noten schauen, die Kommunikation untereinander spüren.

 

Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung

 

Wie seid ihr in eurem „Wohnzimmer“, dem Proberaum im Oberhafenquartier, gelandet?

Selma: Das war etwas chaotisch. Anfangs haben wir nur ein Konzert gespielt, ein halbes Jahr später waren es schon vier. Allerdings haben wir erst kurz zuvor überlegt, wo überhaupt. Allen Bescheid gesagt, aber null Euro für das Projekt gehabt und keine Location (lacht). Bei 40 Leuten gibt es zum Glück immer irgendeinen, der irgendwen kennt.

Einer arbeitete mit der Stadt Hamburg zusammen, hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und die Halle gefunden. Der Besitzer hat uns mit offenen Armen empfangen: „Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung.“ Das war 2015, die Heizung gab es da noch nicht. Wir saßen mit dicken Wintermänteln in der Probe.

Conny: Es gab zu dem Zeitpunkt auch nur eine Toilette für 40 Leute.

Was zeichnen eure Konzerte neben der Musik noch aus?

Conny: Jeder kann so, wie er ist, auch direkt nach der Arbeit, zum Konzert kommen, sich ein Bier aufmachen und einfach entspannen. Niemand muss sich verbiegen.

Eure Konzerte im Gruenspan sind auch anders. Moderiert von Jannes Vahl, werden auch viele Witze gerissen. Nimmt das der Klassik den Staub?

Selma: Seine Art nimmt den Staub. Seit eine Kollegin ihn auf der Tagebuchlesung der Clubkinder kennengelernt hat, ist er dabei. Es ist etwas Neues und Eigenes zwischen ihm und uns.

Eure Arbeit folgt einem Beethoven-Zyklus, zuletzt habt ihr Beethovens Achte „Liebeslied“ im Gruenspan gespielt. „Eine Schaffensphase, in der Beethoven stark verliebt war.“ In der Fünften, eurer Debüt-CD „Gewaltakt“, war er demnach mies drauf?

Selma: Als er die Fünfte schrieb, äußert er im „Heiligenstädter Testament“, ein Brief an seine Brüder, depressive Gedanken. Der Moment, in dem er merkt, er wird taub. Die Fünfte ist aber keine aggressive Musik. Am Ende eher strahlend und triumphal. Wir hatten den Wunsch, seine innerlich düsteren Aspekte herauszuarbeiten. Man kann den Schluss als Überwindung des Schmerzes sehen, oder gezwungenes Glück hören. Das überlassen wir dem Publikum.

Ensemble Reflektor


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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