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Anahit Vardanyan: Orientalische Techno-Sets aus Hamburg

Anahit Vardanyan ist Pianistin, Produzentin und Techno-DJ. Vor vier Jahren zog sie von Armenien nach Deutschland. In SZENE HAMBURG spricht sie über den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat, unterschiedliche Musikszenen und ihren künstlerischen Werdegang

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Anahit, wie kam es dazu, dass du nach Hamburg gezogen bist?

Anahit Vardanyan: Nachdem ich mein Musik-Bachelorstudium in Jerewan erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich neue Wege für meine Zukunft finden. Ich bin Pianistin und in Deutschland habe ich die Möglichkeit, mich als Musikerin weiterzuentwickeln.

Leider ist es in Armenien schwieriger als Künstlerin international Fuß zu fassen. Für niemanden ist es einfach, seine Heimat zu verlassen, weit weg von Familie und Freunden. Die größte Hürde war und ist die Sehnsucht nach meinem vergangenen Leben.

Hast du noch engen Kontakt in deine alte Heimat?

Obwohl ich in Hamburg wohne, ist meine Verbindung nach Armenien noch stärker geworden. Meine Familie und mein enger Freundeskreis leben dort. Ich besuche sie so oft wie möglich und freue mich jedes Mal da zu sein. Diese kurze, aber intensive Zeit gibt mir Kraft und ist sehr wertvoll für mich.

 

Ehrlich und geradeaus

 

Seit wann legst du auf?

Seit ungefähr zweieinhalb Jahren. In Hamburg hatte ich mein Masterstudium Multimediale Komposition begonnen und anschließend kam die Leidenschaft, aufzulegen. Ich habe dort auch erste Erfahrungen mit dem Produzieren von elektronischen Klängen gemacht, entwickle mich ständig weiter und versuche, meinen einzigartigen Sound zu finden. Dadurch, dass die elektronische Musik sehr vielfältig ist, kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Mit einem starken Drang zur Dramatik, aber immer ehrlich und geradeaus. Gefüllt mit akustischem Klavierklang, melodischen und orientalischen Elementen.

Hast du schon in Armenien aufgelegt?

Mein letzter Gig war im März 2020 in Jerewan bei der Kitchen Label Night. Ein paar Tage vor dem Lockdown. Dies war auch mein erster Auftritt in Armenien. Es war so eine besondere Atmosphäre, die mir bis heute Gänsehaut bereitet. Das armenische Publikum schenkte mir so viel Liebe und positive Energie.

Kannst du die Technoszene dort in ein paar Sätzen beschreiben?

Die elektronische Musik in Armenien entwickelt sich in großen Schritten weiter. Immer mehr DJs und Producer legen international auf und gründen eigene Labels. Ich bin sehr stolz, wenn ich deren Arbeit sehe und habe die Hoffnung, dass unsere Techno-Community wächst.

Was sind die größten Unterschiede zur deutschen Community?

Berlin als Techno-Hauptstadt prägt das ganze Land und international. Wirtschaftlich ist Deutschland mit den großen Festivals sehr weit vorne. Auch die Hamburger Szene ist eine ganz besondere. Ich hatte schon viele Gigs in den großen Clubs wie Uebel & Gefährlich, Fundbureau, Waagenbau oder Docks.

 

„Ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes“

 

Dass Armenien in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen stand, hatte einen ernsten Hintergrund. Kannst du die aktuelle Situation beschreiben?

Letztes Jahr erlebten wir einen Krieg um die Region Berg-Karabach. Die Nachkriegszeit ist sehr schwierig für meine Nation und es ist schmerzhaft zu sehen, wie die Bevölkerung mit den Konsequenzen umgehen muss. Aber ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes. Wir haben schon sehr viele schwierige Zeiten erlebt und werden auch diese Situation meistern.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf dich und dein Umfeld?

Natürlich ist es sehr schmerzhaft, einen Teil deines Landes zu verlieren. Einen Ort, den ich selbst sehr oft besucht habe. Das ist unsere Geschichte und ein Teil unserer Kultur. Sich davon zu verabschieden, ist nicht einfach und die Hoffnung bleibt bestehen.

Findest du die Berichterstattung in Deutschland hierzu angemessen?

Meine ehrliche Meinung dazu ist, dass Deutschland eine zu neutrale Position eingenommen hat. Insgesamt war für mich die Menge an Berichterstattung leider zu wenig. Trotzdem bin ich dankbar für Politiker, Journalisten und Künstler, die darauf aufmerksam geworden sind und ihre internationale Reichweite genutzt haben, um zu polarisieren.

Wie könnte man von Deutschland aus helfen?

Die größte Organisation, die ich empfehle, ist The Armenia Fund. 1994 in Los Angeles gegründet, steuerbefreit, nichtstaatlich und nichtpolitisch. Deren Vision ist ein globales armenisches Netzwerk aufzubauen und Entwicklung zu fördern. Und jeder Mensch, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und die Geschichte von Armenien versteht, ist wertvoll für unsere Zukunft.

Corona ist auch in Armenien ein Thema. Wie geht das Land damit um?

Die Maßnahmen und Beschränkungen sind ähnlich wie in Deutschland. Impfungen werden aktuell noch nicht durchgeführt. Aktuell sinkt aber die Zahl an neuen Fällen und das öffentliche Leben entwickelt sich zur Normalität.

 

Techno zu Corona

 

Du bist als Künstlerin in Deutschland besonders von den Maßnahmen betroffen. Wie hat Corona dein Leben verändert?

Es hat meinen Beruf sehr stark eingeschränkt. Von heute auf morgen wurden alle Auftritte abgesagt und es gab keine Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Für eine Musikerin ist es sehr wichtig, die Verbindung mit den Menschen aufzubauen und die Musik zu teilen. Auch finanziell sind alle Einnahmen weggebrochen und ich habe lediglich ein paar Hilfen vom Staat erhalten, die von Monat zu Monat weniger wurden.

Hast du Alternativen gesucht?

Durch engagierte Eventmanager wurden großartige Projekte im Live-Stream umgesetzt. Dadurch ist die Branche weiterhin lebendig geblieben, es wurde sehr viel Herz und Fleiß investiert und durch kleine Spendenaktionen gezeigt, wie stark sie zusammengewachsen ist. Ich habe ein paar Live-Stream-Sets in Berlin, Hamburg und Jerewan gespielt.

Du kannst der Pandemie also auch Positives abgewinnen?

Ja, ich habe viel mehr Zeit gehabt, mich ins Studio einzuschließen, zu musizieren und viele Projekte für die Zukunft geplant. Aber ich kann für alle Künstler sprechen, dass es das Wichtigste ist, vor einem Live-Publikum zu stehen und dessen Reaktion und Liebe aufzusaugen.

Reaktionen erhältst du auch auf Instagram. Dein Account hat über 30.000 Follower. Wie wichtig sind soziale Netzwerke für dich?

Allgemein ist es als Künstlerin wichtig, eine große Reichweite aufzubauen. Ich erreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, die Teil der Community sind.

Techno ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Philosophie, die Menschen zusammenbringt, die eine gleiche Weltanschauung teilt und friedlich kommuniziert. Meine Community gibt in der schwierigen Zeit so viel positives Feedback, was mich immer wieder aufs Neue motiviert.

Welche musikalischen Projekte verfolgst du zurzeit?

Ich habe kürzlich meine EP „Tatev“ auf dem Label Hydrozoa aus Los Angeles releast. Ein Freund und talentierter Produzent, André Winter, hat einen Remix für den Track beigesteuert. Dazu habe ich auch ein künstlerisches Musikvideo herausgebracht. Gebt mir gerne Feedback und schreibt mich an. Ich würde mich freuen.

 

 

Wo können wir im Februar mehr von dir hören?

Ich werde einen Live-Stream mit Oliver Huntemann im Uebel & Gefährlich spielen und ein einstündiges Set bei dem Label Octopus auflegen. Meine Musik ist auf allen Plattformen wie Spotify, Beatport, Apple Music oder Soundcloud zu hören.

 

 

Was planst du für 2021?

Pläne sind schwer zu verwirklichen, wenn es um Auftritte geht. Es gibt einige Booking-Anfragen, nur muss auch der Veranstalter die Situation mit Corona abschätzen. Deshalb nutze ich die Zeit für ein Projekt, welches ich ab Februar in Armenien verwirkliche. Hoffentlich wird es wieder möglich sein, vor einem Live-Publikum zu spielen, denn dies ist meine Leidenschaft und werde ich auch in Zukunft verfolgen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lara: Neuer Film von Jan-Ole Gersters

Lange sieben Jahre nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ kommt Jan-Ole Gersters zweiter Film ins Kino: „Lara“, mit einer fantastischen Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das Warten hat sich gelohnt

Text und Interview: Bettina Aust, Christian Aust

 

Vor sieben Jahren eroberte Jan-Ole Gerster mit seinem schwarz-weißen Debütfilm „Oh Boy“ und Tom Schilling in der Hauptrolle sämtliche Herzen, die des Publikums, der Kritiker und der Jurys diverser nationaler und internationaler Festivals. Man wollte sofort den nächsten Gerster-Film sehen, musste sich dann aber in unendlicher Geduld üben. Jetzt ist er endlich fertig und heißt „Lara“.

Dabei seufzt man innerlich immer wieder „Oh Lara“. Denn Antiheldin Lara Jenkin (Corinna Harfouch) macht sich das Leben unnötig schwer. Ihr sechzigster Geburtstag steht an. Nur will den niemand mit ihr feiern. Selbst den verliebten Nachbarn vergrault sie mit ihrem ätzenden Zynismus.

Die Ursache für ihre fortgeschrittene emotionale Verwahrlosung gründet in einem Jugendtrauma. Ein Klavierlehrer bescheinigt seiner eifrigen Schülerin Talentlosigkeit. Sie verwirft ihren Traum von einer Karriere als Pianistin und arbeitet als leitende Beamtin bei der Stadtverwaltung.

 

Teil der Gesellschaft

 

In einem Akt der Verzweiflung hebt Lara nun ihr Guthaben vom Konto ab und kauft sämtliche Restkarten für ein Konzert ihres Sohnes (Tom Schilling), um sie an irritierte Ex-Kolleginnen und Fremde zu verschenken. Freunde hatte sie nie, bei der Arbeit wurde sie eher gehasst als respektiert. Auch das Mutter-Sohn-Verhältnis ist eine Katastrophe. Schließlich hat sie den virtuosen Pianisten, der an diesem Abend sogar sein Debüt als Komponist feiern will, jahrelang mit ihrer sezierenden Kritik gemartert. Hat er doch gewagt, wozu seine Mutter nie den Mut hatte.

„Lara“ ist eine feierliche Hommage an Corinna Harfouch. Ähnlich wie Michael Haneke seine Muse Isabel Huppert, lässt Haneke-Fan Jan-Ole Gerster ihr hier in jeder Szene den Raum zu strahlen, immer wieder auch wunderbar schräg, und findet dafür auch noch extrem stylishe Bilder. Da wirkt selbst eine trostlose Neubausiedlung hip.

Wie in „Oh Boy“ scheitert hier ein Mensch bei dem Versuch, sich in die Gesellschaft einzugliedern, trotzdem glücklich zu werden – und an den eigenen Erwartungen. Der zeitliche Rahmen sind wieder die 24 Stunden eines Tages, Ort ist wieder Berlin. Doch die Zutaten Komik und Tragik sind in anderen Mengenverhältnissen dosiert. Der lässige Witz des Vorgängers ist immer mit der Schwere der Verzweiflung durchwirkt. Ein reiferer Jan-Ole Gerster betritt auch mit seinem zweiten Film Neuland: das Schauspielerinnen-Kino – ein Genre, das in Deutschland unterrepräsentiert ist. Und allein wegen Corinna Harfouch hat sich das Warten gelohnt.

 

 

SZENE HAMBURG: Jan­-Ole, Lara wird von ihrem Klavierlehrer der­artig entmutigt, dass sie ihre ganze Karriere hin­schmeißt. Wenn du so gestrickt gewesen wärst, dann wärst du nicht weit gekommen: Es heißt, du hast dich vierzig Mal bei der Produktions­ firma X­-Filme beworben?

Jan-Ole Gerster: Ich weiß nicht, ob es vierzig Mal waren. Aber es stimmt, ich hatte eine gewisse Hartnäckigkeit. Ich bin in der Provinz groß geworden, hatte den dringenden Wunsch, beim Film zu arbeiten und fand, dass die Firma X-Filme zu dem Zeitpunkt die interessantesten deutschen Filme produzierte. Die war damals der heiße Scheiß mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Absolute Giganten“ oder „Lola rennt“.

Ich habe mich dann als Praktikant beworben, aber natürlich erst mal nichts von denen gehört. Trotzdem habe ich immer wieder dort angerufen. Die waren sich zwischenzeitlich nicht sicher, ob ich ein bisschen irre bin oder wirklich nur den Job wollte. Schließlich durfte ich irgendwann zum Gespräch vorbeikommen und hatte kurz darauf mein Praktikum. Später wurde ich Assistent von Wolfgang Becker, einem der Gründer von X-Filme, und habe die Entstehung von „Good- bye, Lenin!“ begleitet. So fing alles an.

Mit „Lara“ hast du ein Drehbuch verfilmt, das du nicht selbst geschrieben hast. Was hat dich an diesem Stoff vor allem berührt?

Das Drehbuch hatte eine große Wirkung auf mich. Lara ist eine sechzigjährige Frau, hat einen erwachsenen Sohn hat und liebt klassische Musik. Die Gemeinsamkeiten waren erst mal nicht so augenscheinlich. Und trotzdem gab es irgendetwas in der Geschichte, das mich betraf. Das hat sicher damit zu tun, dass ich Leute mit einer großen Leidenschaft interessant finde. Und ich finde es sehr tragisch, wenn diese Leidenschaft nicht gelebt werden kann. Das ist wie eine unerwiderte Liebe

Inwiefern kennst du dieses Gefühl?

Es geht um Zweifel und die permanente Angst, deinen eigenen Absolutheitsansprüchen nicht zu genügen. Mit diesem Thema haben viele Menschen in künstlerischen Prozessen zu tun. Ich hatte diese Zweifel vor allem als Filmstudent. Man hat das natürlich nie ausgesprochen, wusste aber, dass, wenn der Debütfilm nicht einschlägt, es schwer sein würde, weiterzumachen.

Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn ich scheitern werde? Dann würde das Kino, das ich so sehr liebe, plötzlich zu einer schlechten Erfahrung werden. Und ich würde zum Zaungast meiner eigenen Leidenschaft werden. In Laras Figur habe ich all diese Ängste und Zweifel wiedererkannt. Bei ihr haben sie dazu geführt, dass sie ihren Traum aufgibt und Platz macht für andere. An diesem Punkt war ich auch.

 

„Grausamer als zu scheitern ist es, es gar nicht probiert zu haben“

 

Und warum hast du dann trotzdem weitergemacht?

Weil ich fand, dass eine Sache noch grausamer ist als zu scheitern: nämlich die, es gar nicht erst probiert zu haben. Das wollte ich mir ersparen, dass ich irgendwann wie Lara auf mein Leben zurückblicke und mich frage: Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Warum habe ich es nicht wenigstens probiert? Und dann habe ich mich eines Besseren besonnen und brav meinen Abschlussfilm gedreht.

Und dieser Film, „Oh Boy“, wurde gleich ein richtiger Hit. Hast du trotz­dem noch Zweifel an deinen Fähig­keiten als Regisseur?

Es ist wichtig, dass es so ist. Ich bin zum Glück weit davon entfernt, routiniert zu sein. Ich habe zwei Filme gedreht und frage mich jetzt, kriege ich auch einen dritten hin – und wird er gut oder bestenfalls brillant sein? Man muss sich immer fragen, wo ist die Herausforderung? Was ist der Kern,
zu dem man vordringen will, auch erzählerisch? Welche Angst gilt es zu überwinden? Ich will nicht einer dieser Regisseure werden, die am Set immer und immer wieder das gleiche Ding durchziehen. Dafür ist mir das Filmemachen zu heilig.

Die Fans von „Oh Boy“ hatten gehofft, dass du gleich mit dem nächsten Knaller nachlegst. Warum hat es dann doch sieben Jahre gedauert?

Mir war es wichtig, dass ich sicherstelle, dass der zweite Film nach meinen Bedingungen gedreht werden kann. Und ich nicht als „Auftragsregisseur“ von einem Projekt zum nächsten springe und gar nicht so genau weiß, warum ich diese Filme mache.

Ich versuche, irgendetwas zu finden, mit dem ich etwas von mir zeigen kann. Mit „Oh Boy“ war es so, dass er mich fast zwei Jahre in Schach gehalten hat. Nach etlichen Festivals und Auslandsstarts kam ich irgendwann im Sommer 2014 mit einem regelrechten „Oh Boy“-Kater nach Hause und war, ehrlich gesagt, von dieser Aufmerksamkeit ein bisschen erschlagen.

Stimmt es tatsächlich, dass dich ein Lob von Regisseur Michael Haneke etwas blockiert hat?

Michael Haneke hat mir sehr überraschend ein schönes Kompliment gemacht. Das war ein absolutes Highlight – fast wie eine Audienz beim Papst. Seine E-Mail endete mit den Worten: „Ich freue mich auf Ihren nächsten Film.“ Dieser Satz hing die ganze Zeit über mir. Oh Gott, Haneke guckt sich meinen nächsten Film an – wahrscheinlich hatte er unsere kurze Korrespondenz zwischenzeitlich schon wieder längst vergessen, aber ich habe ihn Anfang des Jahres bei einer Buchpräsentation getroffen und ihm erzählt, dass er für meine jahrelange Blockade verantwortlich sei.

Da hat er gelacht und gesagt, dass ich nicht so lange warten soll. Ich habe das nie so gesehen, aber jetzt erkenne ich darin fast eine Parallele zu Laras Begegnung mit ihrem ehemaligen Professor. Erstaunlich, wie viel Gewicht diese beiläufig gesagten Sätze haben können.

Wie weit hat Hanekes Arbeit dich da­rüber hinaus inspiriert?

Ich will eigentlich gar nicht so gern darüber reden, da Haneke einer der ganz Großen des Kinos ist. Davon bin ich Lichtjahre entfernt. Aber natürlich bin ich ein großer Fan. Dass mein Film nun oberflächlich ein, zwei Ähnlichkeiten zu „Die Klavierspielerin“ aufweist, ist allerdings ein Zufall.

Beide Hauptfiguren sind in einem ähnlichen Alter und bewegen sich in der Welt der klassischen Musik. Ich habe stets den Anspruch originell zu sein, aber diese Parallele hat mich tatsächlich nicht weiter gestört. Dafür finde ich beide Filme eigenständig und unterschiedlich genug. Hanekes Film ist ein Meisterwerk – meiner ist auch nicht schlecht.

Lara: Regie: Jan-Ole Gerster. Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung. ab 7.11. in den Kinos


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Chilly Gonzales-Doku – Punk war nicht genug

Mit Peaches, Leslie Feist und natürlich the one and only Chilly Gonzales führt Philipp Jedicke durch die rasende Karriere des kanadischen Entertainers. Wir haben den Regisseur von „Shut Up and Play the Piano“ getroffen.

Dieser Film muss einfach im Herbst starten. Möglichst an einem grauen, verregneten Tag. Rein ins Kino und heraus mit überbordend guter Laune und der Gewissheit, dass Leidenschaft ein unglaublicher Motor ist. So wie Chilly Gonzales sie lebt, Rapper, Klavierkünstler, begnadete Rampensau.

Er legt die Maske nur selten ab. Auch in Philipp Jedickes Dokumentation, die einmal quer durch die Karriere des Kanadiers führt. Von Montreal nach Berlin, Paris und Köln. Von den wilden Shows mit The Shit über die legendäre Pressekonferenz, die er ausrief, um sich zum Präsidenten des Berliner Undergrounds zu krönen bis hin zu aktuellen Auftritten in Puschen und seidenem Morgenmantel mit den Wiener Philharmonikern.

Steht Chilly Gonzales auf der Bühne, ist er schweißnass. Sich völlig zu verausgaben gehört zu seiner Kunst – genauso wie die verschiedenen Rollen, in die er schlüpft, ob mit Schnauzer und im rosa Anzug, mit dicker Goldkette und freigelegtem Brusthaar oder in ironisch gebrochener Oscar-Wilde-Pose. Eigentlich heißt er Jason Charles Beck und man sieht Fotografien seines Vaters, einem der größten Immobilienspekulanten Kanadas, mit Clinton und Bush. Über seine Familie aber sagt er einzig, dass sie vor den Nazis aus Ungarn nach Kanada flüchtete und ihre einzige Religion das Geld war.

Chilly Gonzales: Der Künstler ohne Grenzen

Über sich selbst sagt er, dass es ihm nicht gereicht hat, Punk zu sein. Er ist viele Performance-Artist, Klavierkünstler, Wortakrobat und lakonischer Poet. Die Dissonanzen mit seinem Bruder, der heute Musik für Blockbuster wie „Hangover“ schreibt, bringt er mit dem Satz „Er mochte Sting“ auf den Punkt.

Gonzo, wie seine Freunde ihn nennen, macht keine Kompromisse, sondern überschreitet unermüdlich Grenzen. Wenn er sich am Ende eines Klavierabends wie auf einem Rockkonzert auf den Händen der Besucher durch den ehrwürdigen Konzertsaal tragen lässt, möchte man sich unbedingt dazugesellen.

SZENE HAMBURG: Philipp Jedicke, wie wird man vom Musikjournalisten zum Filmemacher?

Philipp Jedicke: Ehrlich gesagt war das eine ziemlich spontane Entscheidung. 2014 habe ich ein Interview mit Chilly Gonzales geführt, es sollte eigentlich nur 20 Minuten dauern, doch dann wurde eine Stunde daraus. Wir haben entdeckt, dass ich zur gleichen Zeit, als Gonzo von Toronto nach Berlin zog, nach Toronto gegangen bin und auch, dass wir einige gemeinsame Bekannte hatten.

Und da hast du entschieden, den Film zu machen?

Ich habe ihn ganz spontan gefragt, ob ich ein Porträt über ihn drehen könnte. Und eigentlich hat er direkt zugesagt.

Und war es von Anfang an klar, dass es ein Kinofilm wird?

Eigentlich war es als Fernseh-Doku geplant, doch dann gab es Finanzierungsprobleme und es wurde ein Kinofilm. Das war erst mal ein Schock für mich, denn ich habe ja noch nie meinen eigenen Dokumentarfilm gemacht.

„Die Doku soll ein Fantasma sein, ganz so wie Gonzales“

War dir klar, dass es umfangreiches Archivmaterial gibt?

Gonzo hat mir eine Kiste in die Hand gedrückt. Drin waren VHS-Kassetten, Betacams, Festplatten, alles ziemlich lückenhaft beschriftet. Und dann gab es dann noch den Spielfilm „Ivory Tower“ von und mit Chilly Gonzales, der von der Konkurrenz zwischen Gonzales und seinem Bruder erzählt. Daraus zeigen wir Szenen ohne sie großartig zu kommentieren. Die Doku soll ein Fantasma sein, ganz so wie Gonzales es ist, ein Rausch aus Bildern und Musik, bei dem Erklärungen nicht allzu wichtig sind.

Woher stammt das Material von den ganz frühen Auftritten?

Von Peaches. Ich habe sie erst an einem der letzten Drehtage interviewt und plötzlich kam sie mit diesen ganzen unglaublichen Sachen um die Ecke. Kennt man ihre Bühnenpersona, kann man kaum glauben, wie ordentlich und fein säuberlich sie alles archiviert, in durchsichtigen Boxen, durchnummeriert und mit Datum versehen. Sie hat mir einfach einen Stick in die Hand gedrückt und meinte, ich sollte mir runterziehen, was ich brauche. Da waren dann auch die Auftritte von The Shit drauf. Ich dachte, ich spinne, denn das Material ist noch nie so gezeigt worden.

War es schwierig über jemanden einen Film zu machen, der vor Ideen so sprüht wie Chilly Gonzales?

Etwas Besseres als ihn kann man sich natürlich nicht wünschen. Er hat einen unglaublichen Antrieb, eine unermüdliche Energie und Kreativität. Das wollte ich unbedingt zeigen. Eingemischt aber hat er sich nicht. Bei der Sichtung hat er bei einigen Close-ups von ihm gestöhnt, aber nie gefordert, etwas rauszunehmen. Auf Nachfrage hat er auch Ideen geliefert. Der Part mit dem Casting, als er einen Doppelgänger sucht, der ihn bei Promo-Termin ersetzt, war seine Idee. Die trug er schon lange mit sich herum und hat sich gefreut, sie umzusetzen.

Bühnengefährtinnen wie Peaches und Leslie Feist kommen in dem Film vor, aber auch Sibylle Berg. Sie bringt man eigentlich nicht mit Musik in Verbindung.

Wir wollten, dass Gonzo mal richtig gegrillt und aus der Reserve gelockt wird. So kamen wir auf Sibylle Berg. Sie hat auch sofort zugesagt, auch wenn sie im Englischen nicht so firm ist. Aber ich finde, das macht es noch besser, weil Chilly deswegen umso mehr geredet hat.

Aber sie hat ihn nicht gegrillt.

Hat sie nicht und das lag wohl auch an der Sprachbarriere. Dafür bringt sie tolle Pointen, lässt ihre Blicke sprechen und hat ihn mega im Griff. Daran, wie eifrig er antwortet, sieht man, dass er ihr unbedingt gefallen will.

Eines muss ich unbedingt noch wissen. Warum bloß wohnt Chilly Gonzales ausgerechnet in Köln?

Er ist ein großer Fußgänger und dafür ist Köln genial. Außerdem hält er die Stadt für das geheime Zentrum Europas, denn in ein paar Stunden kann man mit dem Zug in Paris, Kopenhagen, London oder Mailand sein.

Text & Interview: Sabine Danek
Foto: Olivier Hoffschir

„Shut Up and Play the Piano“ ist ab 20.9. im Kino zu sehen; Hamburger Premiere mit Regisseur am 19.9., Abaton-Kino, 20 Uhr.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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