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Hamburger Menetekel – Zukunft aus der Spraydose

Schüler von sieben Schulen haben die Graffitis ihrer Stadtteile analysiert – und daraus mit dem Projekt „Hamburger Menetekel“ unheilvolle Prognosen für die Zukunft formuliert.

Text: Sophia Herzog
Foto (o.): Jérome Gerull

Sie sind überall: Auf Hauswänden und Brückenpfeilern, Stromkästen, S-Bahnen und Mülltonnen – Graffitis. Für die einen sind sie die Schandflecken Hamburgs, für die anderen Kunst. Insgesamt 2.401 Graffitis wurden zwischen Januar und September 2018 offiziell erfasst, Spitzenreiter sind die Bezirke Altona und Mitte mit jeweils über 500. Das geht aus einer „kleinen Anfrage“ des CSU-Politikers Michael Westenberger an den Senat von Mitte Januar dieses Jahres hervor. Stadt, Unternehmen und Privatleute lassen die Farbe für ein Vermögen von den Wänden schrubben – nur um bald das nachfolgende Kunstwerk entfernen zu müssen.

Dabei gab es Graffitis schon lange vor der Erfindung der Spraydose: In den Ruinen von Pompeji wurden an die 10.000 Wandzeichnungen freigelegt, die vor über 2.000 Jahren in den Stein geritzt wurden. Beliebteste Themen: Sex und Gladiatorenkämpfe. Fundorte von prähistorischen Wandmalereien wie in den Lascaux oder Chauvet-Höhlen in Frankreich zählen zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten der Welt. Sind die heutigen Graffitis also die Wandmalereien unserer Zeit?

Christian Tschirner findet: Ja. Der Dramaturg vom Deutschen Schauspielhaus arbeitet seit letztem Herbst mit seinen Kollegen am Projekt „Hamburger Mentekel“, einer Kooperation des Theaters mit der Künstlergruppe Graffitimuseum. Zusammen mit Schülergruppen aus den sieben Hamburger Bezirken hat er Graffitis in Hamburg dokumentiert, gesammelt, analysiert und für alle Bezirke eine Zukunftsprognose aufgestellt. Die Ergebnisse der Arbeit präsentieren Schüler und Schauspielhaus an drei Kongresstagen im Mai.

 

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Auf einer Pressekonferenz stellen die Schüler ihre Prognosen vor. Foto: Sinje Hasheider

 

„Die meisten Graffitis bestehen aus Buchstaben, Kürzeln, Akronymen und Namen“, erklärt Tschirner. „Also aus Sprachspielereien.“ Die Lesart als „Menetekel“ liege auf der Hand, „nach der berühmten Bibel-Geschichte“, so Tschirner. Im Buch Daniel des Alten Testaments erscheint Belsazar, dem babylonischen Prinzen, eine Geisterhand, die den Schriftzug „Mene mene tekel u-parsin“ an die Wand zeichnet. Keiner von Belsazars Gelehrten kann die Schrift entziffern, nur der Weise Daniel schafft es schließlich, das Omen zu deuten – und prophezeit Belsazar seinen nahen Tod und den Untergang seines zReiches.

In der biblischen Überlieferung wird er noch in der gleichen Nacht ermordet, und das babylonische Königreich zwischen Persern und Medern geteilt. Der mysteriöse Schriftzug ist auch heute noch in unserem Sprachgebrauch verankert: Als „Menetekel“ werden unheilvolle Omen und Zukunftsprognosen bezeichnet. Im 21. Jahrhundert malen zwar keine Geisterhände Schriftzüge an die Wände, dafür aber Graffitikünstler. Für Tschirner und das Team der „Hamburger Menetekel“ ist die naheliegende Frage also: „Was ist, wenn die Graffitis an unseren Wänden Mentekel sind, und wenn man aus diesen Graffitis etwas über unsere Zukunft ablesen könnte?“

 

Keine rosige Zukunft – laut Graffitis

 

Rosig sieht die Zukunft nicht aus, die die Schüler und Schülerinnen für die Bezirke daraus vorhersagen. Auf den Wänden Altonas tauchen immer wieder die Worte „Ehek“, „Labor“, „Raus“ oder „Lüge“ auf. Das Fazit: Hier wird vor der drohenden Antibiotikaresistenz gewarnt. Aus „Chaos“ und „TEK DGR“ auf einer Wandsbeker Backsteinmauer wird „TechniK ist omnipräsent, DiGitale Realität“ – eine Zukunft, in der die Welt von Maschinen beherrscht wird? In Harburg ist der Klimawandel ein präsentes Thema, Hamburg-Nord beschäftigt die Rückkehr des Nationalismus.

„Die Schüler haben auch positive Zeichen gefunden, aber die standen immer in Verbindung mit einer Krise“, berichtet Tschirner. Das hätte aber auch an der Herangehensweise des Projekts gelegen. In Projektwochen haben sich die Schüler mit der biblischen Geschichte Belsazars und dem Untergang des babylonischen Reichs beschäftigt, und die Graffitis stark unter diesem Aspekt gelesen. „Das ist aber auch das Wesen des Menetekels“, führt Tschirner fort. „Sie werfen zunächst kein zu optimistisches Licht auf die Dinge.“

 

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Graffiti in Altona: Kunst oder Sachbeschädigung? Foto: Hamburger Menetekel

 

Weltuntergangsstimmung, nur wegen ein paar bunten Graffitis? Tschirner zieht den Forscher Stephan M. Maul heran, der sich mit der Zeichendeutung im Orient beschäftigt hat. Damals wurden die Entscheidungen eines Herrschers durch die Deutung mit Tiereingeweiden abgesegnet. „Da stellt sich die Frage, warum ein System, das auf einer so obskuren Technik beruht, 8.000 Jahre stabil bleiben konnte?“, so Tschirner. „Wir können uns sehr viel wissenschaftlicheren Methoden bedienen, haben aber Probleme überhaupt die nächsten hundert Jahre zu überstehen.“

Beim Thema Klima oder der Antibiotikaresistenz stünden die Prognosen der Wissenschaft schon lange im Raum, ohne, dass die Gesellschaft adäquat darauf reagieren würde. Hier zieht Tschirner wieder Parallelen zwischen der biblischen Überlieferung von Belsazar und der Gegenwart. Denn der babylonische Prinz wusste, was die Zeichen bedeuten, ignorierte die Warnung trotzdem. Tschirner will die Deutung der Graffiti dabei aber keinesfalls wissenschaftlichen Forschungen gleich setzen. „Natürlich gibt es grundlegende Unterschiede, insbesondere zur Naturwissenschaft“, betont er. „Aber auch Naturwissenschaften sind nicht in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.“

Sie könnten nur bestimmte Zusammenhänge darstellen, etwa zwischen CO2-Gehalt und Klimaerwärmung. „Wie wir, als Gesellschaft mit diesem Wissen umgehen, und wie wir unsere Zukunft gestalten, ist eine andere Frage.“

Ebendies soll auch zentrales Thema beim Kongress im Mai sein – hier wollen die Schüler nicht nur unheilvolle Zukunftsprognosen verkünden, sondern auch Lösungen entwickeln. In sieben Panels werden die Vorhersagen der jeweiligen Bezirke von den Schülern vorgestellt und anschließend mit Experten und Wissenschaftlern diskutiert. „Zu jeder Krise wollen wir dann gerne drei Handlungsoptionen für Hamburg formulieren“, so Tschirner.

 

„Hört auf die Zeichen!“

 

Bei einer anschließenden Abschlussgala werden die Ergebnisse zur „Zukunftsoper“: Ein Sprechchor der teilnehmenden Schüler verknüpft die verschiedenen Aspekte des Kongresses mit einer Neukomposition von Händels „Belshazzar“, aufgeführt von den Jungen Symphonikern. Die „Hamburger Menetekel“ wirken auf den ersten Blick zwar wie Kaffeesatzleserei, dahinter verbirgt sich aber eine viel eindringlichere Nachricht. „Hört auf die Zeichen!“ rufen nicht nur die Schüler aus Hamburg, sondern aus der ganzen Welt – ganz aktuell bei den „Fridays for Future“- Protesten gegen den Klimawandel.

Und was bedeutet das alles für die Graffitis an Hamburger Hauswänden? In einem offenen Brief fordert die Gruppe der „Hamburger Mentekel“ das Ende der Graffiti-Zerstörung. Denn in ihnen sieht die Gruppe die moderne Form der uralten Schätze, die weltweit an Höhlendecken und -wände gemalt wurden. „Graffiti stehen damit in einer 30.000 Jahre alten Tradition, den Zeitgeist auf Stein festzuhalten und Botschaft sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft zu sein“, schreibt das Kollektiv.

„Für uns sind die Graffitis Offenbarungen“, fügt Tschirner hinzu. „Die Ängste und Hoffnungen, die wir in uns tragen, werden bei der Deutung des Graffitis gespiegelt.“ Gerade deshalb hätten die Wandmalereien einen Wert, „weil wir dadurch wichtige Erkenntnisse aus ihnen ziehen können“. Dass Graffitis nicht nur Kunst, sondern oft Sachbeschädigung sind, ist für Tschirner eine Werteabwägung: „Ist Privatbesitz wichtiger als unsere Zukunft?“

www.hamburgermenetekel.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Gegen den Strom“ – Öko-Thriller-Drama aus Island

Sehr artifiziell, völlig überhöht – und unbedingt sehenswert: Benedikt Erlingssons zweiter Film „Gegen den Strom“, in dem eine Chorleiterin den Kampf gegen einen mächtigen Industriekonzern aufnimmt.

Text & Interview: Maike Schade

Mit „Von Menschen und Tieren“ präsentierte der isländische Schauspieler und Regisseur Benedikt Erlingsson ein ebenso skurriles wie beachtenswertes Debüt. Sein neuer Film, „Gegen den Strom“, handelt wieder vom Missbrauch der Natur, ist aber wesentlich klassischer und stringenter erzählt – auch wenn Erlingsson sich einiger ungewöhnlicher Kniffe bedient (doch dazu später mehr). In Deutschland wird „Gegen den Strom“ als Komödie angepriesen. Das ist es nicht. Auch Erlingsson kann (und will) diese Einordnung nicht nachvollziehen. Es ist, so sagt er uns im Gespräch, ein „enviromental action arthouse thriller-drama with some jokes“. Das wiederum trifft es ziemlich gut.

Im Mittelpunkt dieser raffiniert gestrickten Heldengeschichte: Halla, Mitte 40, Chorleiterin (Halldóra Geirharðsdóttir). Eine angenehme, sympathische Frau – die aber ein Doppelleben als Umweltaktivistin führt. In warme Klamotten eingemummelt, schleicht sie sich wiederholt auf das Gebiet einer Aluminiumhütte, um durch Sabotage an Strommasten den Betrieb in der Fabrik lahmzulegen. Erst mit Pfeil und Bogen, um mit einem Stahlseil die Leitung kurzzuschließen, später mit Sprengstoff.

Tatsächlich gibt es in Island von Naturschützern starken Widerstand gegen die Aluminiumfabriken; auch Benedikt Erlingsson gehörte einer Aktivistengruppe an. Glücklicherweise beschloss er, seinen Protest statt auf handgreifliche auf künstlerische Weise kundzutun.

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„Gegen den Strom“ handelt vom Missbrauch an der Natur. Foto: Pandora Film

Dass er mit seinem Film keineswegs nur unterhalten, sondern auch eine Botschaft loswerden will, macht uns der Regisseur beständig deutlich: Der Soundtrack ist Teil der Szenerie, und zwar in Gestalt eines isländischen Instrumentaltrios und eines dreiköpfigen ukrainischen Chors. Beide sind nicht nur sichtbar, sondern greifen auch in die Handlung ein, fixieren gelegentlich den Zuschauer, zwinkern ihm zu – was man unterhaltsam, aber auch durchaus störend finden kann.

Das ist gewollt: Denn kaum hat man sich wieder in der Geschichte verloren, bangt um Halla, die, von einem Hubschrauber gejagt, durch die karge, doch betörende isländische Weite hetzt, dann kickt Erlingsson einen mit seinen Musikern wieder aus dem Geschehen. Hey, scheint er einem mit dem Finger gegen die Brust zu stupsen, wach auf, ich habe dir etwas zu sagen!

Die beiden Musikensembles repräsentieren – wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter – die zwei unterschiedlichen Bedürfnisse, die Halla antreiben: Soll sie ihren Kampf gegen die Aluminiumhütte vorantreiben oder ihn aufgeben, um die bevorstehende, lang ersehnte Adoption eines ukrainischen Mädchens nicht aufs Spiel zu setzen? Weitere personifizierte Manifestation dieses Gewissenskonflikts ist Hallas Zwillingsschwester Ása, eine esoterisch angehauchte Yoga-Lehrerin, ebenfalls gespielt von der überragenden Halldóra Geirharðsdóttir. Erlingsson inszeniert den inneren Kampf auf beeindruckend metaphorische Weise, verpackt philosophische Grundsatzfragen, einen moralischen Appell und deutliche politische Kritik mehr als gekonnt in einem äußerst spannenden, dabei humorvollen Gewand. Wir haben ihn und Halldóra Geirharðsdóttir zu einem Gespräch getroffen.

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Benedikt Erlingsson: Regisseur, Schauspieler, Aktivist.

SZENE HAMBURG: Benedikt, du zeigst uns Halla als eine starke Frau, die weder für ihren Kampf noch zum Kinderkriegen einen Mann braucht. Bist du ein Feminist?

Benedikt Erlingsson: Ja, vielleicht. Ich würde diese Bezeichnung als Ehre empfinden. Ich habe drei Töchter, das zwingt mich ja gerade dazu, einer zu sein. Und ich komme aus einer Familie von Matriarchinnen. Ich hatte eine sehr starke Mutter und zwei Großmütter, die die Oberhäupter der Familie waren.

Ist das in der isländischen Gesellschaft so üblich?

BE: Ja, dort gab es und gibt es viele starke Frauen, die führten und führen. Ich glaube, das kommt vielleicht von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Wir haben viele Feministen in ganz Nordeuropa, weil wir alle dieses Buch gelesen haben.

Eine sehr interessante Sichtweise … Halldóra, ist Pippi Langstrumpf für dich auch ein Vorbild?

Halldóra Geirharðsdóttir: Nicht bewusst. Sie ist natürlich Teil unseres Lebens. Bislang habe ich das nicht so gesehen wie Benedikt. Aber ich stimme ihm zu.

Hm, Pippi Langstrumpf als Blaupause für Halla? Darauf wäre ich nicht gekommen, ich dachte eher an eine Göttin. Vielleicht auch David und Goliath. Oder Robin Hood.

BE: Pippi Langstrumpf ist eine Göttin! Aber im Ernst, natürlich dachte auch ich an Artemis, die Göttin der Jagd und Beschützerin von Frauen und Kindern. Und, in gewisser Weise, auch an Athena, die Weise, die immer eine Lösung findet.

Warum hast du Halldóra für diese Rolle ausgesucht?

BE: Tatsächlich dachte ich schon beim Schreiben des Drehbuchs an Dóra, aber irgendwie bin ich unterwegs vom richtigen Weg abgekommen. Ich schäme mich sehr zuzugeben, dass ich Castings veranstaltet habe. Irgendwann fiel es mir aber wie Schuppen von den Augen: Ich brauchte eine starke Frau, eine Göttin – und das ist sie. Wir kennen uns schon aus unserer Kindheit, waren zusammen auf der Schauspielschule, haben bei unserem ersten Job und später an mehreren Theatern zusammen gearbeitet.

Halldóra, wenn ich das richtig verstanden habe, ist Halla eine Kurzform deines eigenen Namens. Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen dir und ihr?

BE: Darauf würde ich gerne antworten. Halldóra bezieht in der #MeToo- Debatte eine sehr klare Position. Sie ist wie Halla eine wirkliche Kämpferin, auch in feministischer Hinsicht. Sie ist eine Musikerin, spielt Saxofon. Sie ist eine Revolutionärin. Sie hat viel in sich, was auch die Filmfigur hat.

 

Seht hier den Trailer zu „Gegen den Strom“

 

Halldóra, stimmst du ihm zu?

HG: Och, ja, ja … Und ich war ja auch für sieben, acht Jahre alleinerziehende Mutter. Ich weiß sehr gut, wie es ist, wenn man alles alleine machen muss. Und wie es ist, Mutter zu sein. Ich hatte also einen sehr einfachen Zugang zu Halla und konnte gut verstehen, wie sie und warum sie so handelt.

Nun hat Halla ja aber eine Zwillingsschwester, eine andere Seite. Kannst du die auch verstehen?

HG: Ja. Das ist wohl etwas, das man lernt, wenn man älter wird. Dir wird klar, dass du geduldiger werden und in manche Dinge tiefer eintauchen musst. Das Äußerliche ist dir nicht mehr so wichtig. Ása ist bereit, ins Kloster zu gehen. Ich selbst habe da auch einmal einige Zeit verbracht. Ich konnte mich also auch gut in sie hineinfühlen.

Die beiden Schwestern symbolisieren, so verstehe ich es, eigentlich zwei Seiten einer Person, den äußeren und den inneren Kampf, den Halla ausficht. Benedikt, wie bist du darauf gekommen, das mit Zwillingen darzustellen?

BE: Na ja, das ist ja ein sehr altes Stilmittel. Außerdem habe ich selbst Zwillingstöchter, und ich kenne welche in Reykjavík, die für die Natur kämpfen. Ich habe schon in einer frühen Phase des Drehbuchschreibens darüber nachgedacht. Weil wir ja alle diese zwei Seiten in uns haben, diese Zerrissenheit – sollen wir für das große Ganze handeln oder zu unserem persönlichen Besten? Die Zwillinge konnten diesen Kampf auf metaphorische, cineastische Weise darstellen.

 

„Ich war ein frustrierter Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte“

 

Wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

BE: Ich war Mitglied einer Aktivistengruppe gegen die Aluminiumhütten, also war mir dieses Thema sehr nah. Wir hatten Bulldozer und Ähnliches, haben viele Male versucht, etwas gegen diese Strommasten auszurichten. Mehrmals haben Farmer versucht, sie in die Luft zu jagen und das Tal zu retten. Und da habe ich begonnen, darüber nachzudenken, ob das wirklich der richtige Weg ist. Ist das Sabotage? Und wenn ja, ist das in diesem Falle gerechtfertigt? Ich war also dieser frustrierte Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte, und entschied dann aber, stattdessen lieber einen Film darüber zu machen.

HG: Feigling. Aber na ja, er hat ja auch eine Familie …

Ah, deshalb diese kuriose Adoptions-Geschichte …

BE: Mhm ja, das ist wohl so. Aber das Kernproblem des Ganzen ist natürlich der Klimawandel. Und das paradoxe Verhalten der Regierungen, die ganz einfach und mal eben so Umweltaktivisten zu Staatsfeinden erklären. Menschen, die für die Natur und damit auch unsere langfristigen Interessen kämpfen! Die Schwachstelle unseres demokratischen Systems ist es, wie einfach Regierungen so manipuliert werden können, dass sie mit denjenigen zusammenarbeiten, die ihre eigenen, speziellen Interessen verfolgen – entgegen denen der Menschheit. Das ist eine Debatte, die überall, in allen Ländern und Gesellschaften geführt wird.

Es gibt diese Szene, bei der die Ministerialen unbewusst eine Art magischen Kreis bilden, und Halla spürt oft tief ins Moos hinein. Gibt es in Island den Glauben an die mystische Mutter Erde?

HG: Wir würden nie sagen, dass wir daran glauben. Aber wir würden auch nie sagen, dass es sie nicht gibt. Wir praktizieren aber keine Riten oder dergleichen.

BE: Das ist eher eine spirituelle Sache. Ich würde sagen, wir fühlen die Macht der Natur. Und wir respektieren sie. Dóra hatte da übrigens eine schöne Idee. Wir sprachen über Mutter Natur und ihren Missbrauch. Und sie sagte: Vielleicht sollten wir sie nicht Mutter Natur nennen, sondern unser Kind. Der Himmel, die Atmosphäre, die Ozeane, sie alle sind unsere Kinder. Kinder, die missbraucht werden. Vergiftet. Dann würden wir vielleicht viel eher losrennen und versuchen, sie zu retten. So wie Halla.

Als Sündenbock für Hallas Anschläge muss im Film ein Ausländer herhalten, der immer wieder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist. In Island spielt Immigration aber keine große Rolle, oder?

BE: Nein, nicht wirklich, zu uns kommen kaum Flüchtlinge. Es gibt auch keine Partei, die irgendwelchen Rassismus predigen würde, nur ein paar Einzelpersonen. Aber das ist ein universelles Thema. Es ist so einfach, dem Ausländer die Schuld zu geben. Das passiert überall derzeit.

Gegen den Strom“: Ab 13.12. im Kino; Regie: Benedikt Erlingsson. Mit Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson, Juan Camillo Roman Estrada.


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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