Beiträge

Beke: „Ich brauche den Perspektivwechsel“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Beke begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

 

„Ich arbeite als Filialleitung in der Gastronomie in St. Georg. Ich liebe diesen Stadtteil mit seiner Mischung aus Toleranz und Vielfalt, in der sich die verschiedensten Menschen und Geschäfte zu etwas Tollem verbinden – ein Ort, an dem nicht nur entweder das eine oder das andere geht. Das passt zu mir, denn wenn ich mich Leuten vorstelle, kann ich eigentlich nie sagen: ‚Ich bin Beke und mache diese eine Sache.‘ Ich bin Künstlerin und Musikerin, male Ölgemälde und spiele Synthesizer in einer Band. Außerdem bastle ich an Fahrrädern und mache viel Sport. Mein Vollzeitjob finanziert mir das Ganze.

 

Kreativer Scheiß und Struktur

 

Manchmal denke ich: ‚Kann ich überhaupt diese eine Sache so richtig gut?‘ Vielleicht nicht, aber ich bin mittlerweile von dem Gedanken weg, dass ich das müsste. Ich glaube, viele Menschen arbeiten auf diesen einen Job, dieses eine Haus, diese eine Familie und dieses eine Auto hin. Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich mag es, an dem einen Abend mit verrückten Künstler*innen Bier zu trinken, kreativen Scheiß zu bereden und ein ungesundes Leben zu führen. Aber ich mag es auch, einen strukturierten Job zu haben, regelmäßig ins Gym zu gehen und nicht jede Nacht bis drei Uhr zu malen und mich der Ekstase hinzugeben. Ich brauche den Perspektivwechsel.

 

„Es kann fluent sein“

 

Früher habe ich sehr darunter gelitten, dass sich nicht dieser eine Weg für mich abzeichnete. Ich fand das furchtbar. Alle hatten irgendwann mit 15 ihre ersten Boyfriends, während ich merkte: ‚Ich mag Jungs richtig gerne, aber ich steh vielleicht auf Frauen.‘ Ich dachte immer, ich müsse mich für den einen Studiengang, den einen Beruf entscheiden. Auch wenn ich heute selbstsicher wirke, fällt es mir schwer, mich davon zu lösen. Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass dieses Sich-Festlegen nicht sein muss. Es kann fluent sein. Jeden Tag zu nehmen, wie er kommt und all seinen Interessen nachzugehen ist zwar komplizierter, aber auf lange Sicht hat man so zumindest das Gefühl, sich nie eingeschränkt zu haben.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Kunsthalle: Vom Lauf der Zeit

Zum 25-jährigen Bestehen von Bogomir Eckers „Tropfsteinmaschine“ beleuchtet die Ausstellung „Futura“ in der Hamburger Kunsthalle das Phänomen Zeit. Wir sprachen mit der Kuratorin Dr. Brigitte Kölle über erkaltete Lava und das Abheben ins All, das Denken in Bildern – und über ihre Zusammenarbeit mit dem Künstler Bogomir Ecker

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, Ausgangspunkt von „Futura“ war nicht nur das 25-jährige Bestehen der Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle, sondern vor allem das der „Tropfsteinmaschine“ von Bogomir Ecker, die das gesamte Haus von Anfang an durchzieht. Wie kam die Ausstellung zustande, die Sie gemeinsam mit dem Künstler konzipiert haben?

Brigitte Kölle: Es gibt den Verein Tropfsteine e. V. dessen 26 Mitglieder sich darum kümmern, dass die Tropfsteinmaschine läuft. Dazu gehören die Restauratorin, der Technische Leiter der Galerie der Gegenwart, ich als Sammlungsleiterin, der ehemalige Kunsthallen-Direktor Uwe M. Schneede und Interessierte, die die Tropfsteinmaschine seit Langem begleiten. Wir haben uns mehrmals getroffen und langsam rückte das Thema Zeit, und wie unterschiedlich man mit ihr umgehen kann, immer mehr in den Mittelpunkt. Wir haben ein buntes, interdisziplinäres Programm geplant. Bogomir Ecker hatte sich ein Stück des Komponisten Daniel Ott und Interventionen des Schriftstellers Oswald Egger gewünscht, Workshops mit Aktivist:innen von Fridays for Future kamen hinzu und eine Science-Fiction-Reihe im Metropolis Kino. Irgendwann dachten wir es sei schade, nicht auch bildende Künstlerinnen und Künstler einzuladen, die sich mit dem Thema Zeit beschäftigen und damit, wie man diese überhaupt fassen und vermessen kann.

Und so entstand eine Ausstellung mit gleich 30 Künstlerinnen und Künstlern …

Und dazu eine, wie man sie sonst nicht kennt! Hier hängen keine abgeschlossenen Arbeiten nebeneinander, schön im Rahmen und unter Glas. Die Ausstellung ist vielmehr wie eine Assoziationskette oder wie der Besuch in einem Künstleratelier. Wichtig sind die Bezüge der Arbeiten miteinander, dass eine zarte Zeichnung von John Cage auf Tektite trifft, dass Naturalien neben Kunstwerken zu sehen sind, Werke von Gustave Courbet und Caspar David Friedrich neben vielen neuen Arbeiten, die speziell für die Ausstellung entstanden sind.

 

Die Transformation von Materialien und Materie

 

Bogomir Ecker_Tropfsteinmaschine_Detail-klein

Bogomir Ecker: Tropfsteinmaschine (Detail) (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Fotoarchiv Bogomir Ecker)

Wie war es, mit einem Künstler als Kurator zu arbeiten?

Ich fand es prima. Bogomir Ecker denkt in Bildern und das mit ihm teilen zu können war unglaublich spannend. Er hat ein riesiges Archiv mit über 15.000 Vintage- und Pressefotografien, die von historischen Gletscher-Aufnahmen bis hin zu Bildern von AtommüllEndlagern reichen und arbeitet ganz assoziativ. Wir argumentieren mit und durch die Kunst und das sieht man der Ausstellung an. Es ist anregend, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben und eigene Ideen zu entwickeln.

Und das in einer Ausstellung, die sich quasi schon verändert während man sie besucht.

Ja, es ist eine Ausstellung, in der viel passiert. Die Transformation von Materialien und Materie spielt eine wichtige Rolle im Umgang mit Zeit. Die Künstlerin Nina Canell beispielsweise hat einen großen Bottich mit Wasser aufgestellt. Darin tönt ein Ultrasound, den das menschliche Gehör nicht wahrnehmen kann. Aber man kann ihn sehen, denn er erzeugt Vibrationen, die als Nebel aufsteigen und den Zement, der daneben liegt, nach und nach hart werden lässt.

Jens Risch hingegen hat neben seine „Knoten-Stücke“, die wie kleine Korallen wirken und unglaublich schön anzuschauen sind, ein „Stunden-Stück“ gelegt. Es ist ein kurzer Faden, an dem der Künstler von 10.55 Uhr bis 11.15 Uhr geknotet hat. Gleichzeitig hat die Ausstellung auch Werkstattcharakter, denn es finden viele Veranstaltungen direkt in ihr statt, Konzerte, Gespräche und Führungen, die auch hinter die Kulissen der Tropfsteinmaschine führen. Da gibt es ein riesiges Wasserreservoir von 1500 Litern, falls es mal nicht genug regnen sollte. Was in Hamburg natürlich relativ unwahrscheinlich ist. (lacht)

 

Hamburger Künstler:innen im internationalen Kontext

 

Auch sind Arbeiten von Hamburgern wie Axel Loytved oder Elena Greta Falcini zu sehen. Achten Sie besonders darauf, auch vor Ort die Augen aufzuhalten?

Ich finde es schön, dass Ihnen das auffällt. Gleichzeitig kommt es mir selbst aber immer etwas unfair vor, das in den Vordergrund zu stellen. Denn es geht nicht darum, ob die Künstler:innen aus Hamburg kommen, sondern darum, dass sie gut sind und im internationalen Kontext bestehen können. Elena Greta Falcini mixt aus alten Autoreifen und anderen Stoffen ihre eigenen Materialien und hat damit eine Art schwarzes Loch im Raum verspannt. Es wirkt wie Lava, die gerade erst erkaltet ist und man spürt förmlich die Energie. Falcini hat gerade erst ihr Studium an der HFBK abgeschlossen und ist eine eigenständige, interessante Künstlerin.

Und von Axel Loytved sind die tollen Schneematsch-Plastiken zu sehen.

Sie sehen wie abstrakte Bronzen aus und erinnern an Meteoriten. Dann aber liest man, dass es Abgüsse der Klumpen sind, die sich bei Schneefall an den Radkappen bilden. Loytved erhöht die Banalität des Alltags in die Kunst und holt die Kunst gleichzeitig auf eine ganz reale Ebene zurück. In Nachbarschaft zu den Bronzegebilden von Loytved hängen historische Fotos von Gletschern, die es heute nicht mehr gibt und um die Ecke stehen Kühltruhen, die Bogomir Ecker mit Gegenständen gefüllt hat, die langsam einfrieren. Stillstehende Zeit.

 

„Wir Menschen sind doch eher marginal“

 

E. Dekyndt_Brei–armerkurfjara Beach-klein

Edith Dekyndt: Videostill aus Breiđarmerkurfjara Beach, 2012 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Galerie Karin Guenther Hamburg / Galerie Greta Meert Brüssel)

„Futura“ hebt gleich mit mehreren Arbeiten ins Weltall ab. Gehört das zum Thema Zukunft dazu?

Bei der Beschäftigung mit der Zukunft kommen automatisch das große Ganze ins Spiel und der Versuch, dieses unvorstellbare Universum zu greifen. Daniel Janik hat dazu einen „Prototyp zur Rückführung von Himmelskörpern“ gebaut. Es ist eine Arbeit, die so ernst wie augenzwinkernd ist, denn käme ein Meteroit angeflogen, würde sie vermutlich sofort zerbrechen. Aber es geht um die Vorstellung, dass wir etwas auffangen können aus dem All und es auch wieder zurückschicken. Wie bei dem Bild des Pärchens, das 1972 mit der Raumsonde Pioneer X ins All geschickt wurde, um anderen Lebewesen, falls es sie gibt, etwas über uns mitzuteilen. Absurderweise gab es damals Diskussionen, ob man die Geschlechtsteile so deutlich zeigen darf. (lacht)

Dachte man früher an die Zukunft, ging es um Fortschritt, heute muss man die Zerstörung der Welt immer mitdenken.

Das ist auch ein Aspekt, der in der Ausstellung ziemlich klar wird. Gleichzeitig war es uns wichtig, über Atommülllagern und Dystopien hinaus abstrakter zu denken. Es geht um Kunst, um Fantasie und einen spielerischen und zugleich ernsthaften Ansatz. Und es geht um Transformation und Veränderung, um chemische und physikalische Prozesse, zu denen letztendlich auch die Tropfsteine gehören. Die ganze Diskussion um das Anthropozän ist immer so auf den Menschen fixiert. Doch im Vergleich zum Universum mit seinen Milliarden Jahren, sind wir Menschen doch eher marginal. Deswegen tauchen wir in der Ausstellung stärker in die Natur ein und in die unaufhörlichen Prozesse von Verdampfen, Gefrieren, Verdichten oder Sich-Auflösen.

Futura. Vermessung der Zeit, Hamburger Kunsthalle, bis zum 10. April 2022, Buchvorstellung „Internationale Zukunftsprojekte“ am 3. Februar 2022 (2G-Plus-Veranstaltung) 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Sängerin Zoe Wees im Interview

Vor drei Jahren war Zoe Wees bei „The Voice Kids“ zu bestaunen. Auch wenn sie damals nicht gewann, ist die 18-Jährige mit der rauen Soulstimme nicht mehr aus dem nationalen Pop-Geschehen wegzudenken. Mehr noch: Zoe Wees, die in ihrer Kindheit mit Rolando-Epilepsie zu kämpfen hatte, strebt eine Weltkarriere an

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Zoe, du warst 15, als du an „The Voice Kids” teilgenommen hast. Was hast du von deinem Ausflug ins Casting-TV gelernt?

Zoe Wees: „The Voice Kids“ war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung und hat Spaß gemacht. Aber es hat mir eigentlich nur gezeigt, dass ich lieber selbst Schritt für Schritt eine eigene Karriere aufbauen möchte, mit einem starken Team, das mich unterstützt.

Was würdest du denn generell jungen Talenten empfehlen, um ins Musikgeschäft einzusteigen: die Teilnahme an einer Castingshow oder Eigenmarketing per Social Media? 

Das muss, glaube ich, jeder selbst für sich herausfinden. Ich persönlich finde, man sollte versuchen, sich selbst etwas aufzubauen. Über Social Media zu gehen, ist meiner Meinung nach der beste Weg dafür. Jeder hat eine Chance verdient, und jeder hat dort die Möglichkeit, kreativ zu werden und sich eine Fanbase aufzubauen, vor allem auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram.

Nicht fehlen dürfen sicherlich auch Mentoren auf dem frühen Karriereweg. Eine Förderin besingst du in deiner Single „Control“: deine ehemalige Grundschullehrerin. Inwieweit hat sie dich unterstützt?

Sie war damals immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Jedes Mal, wenn ich einen epileptischen Anfall hatte, hat sie mich an die Hand genommen und ist mir zur Seite gestanden. Sie hat sich viel Zeit für mich genommen, was nicht selbstverständlich ist. Dafür bin ihr unendlich dankbar, und darum habe ich den Song „Control“ auch für sie geschrieben. Es war ein sehr emotionaler Moment, als ich ihr den Song zum ersten Mal vorgespielt habe.

 

„Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben”

 

In „Control“ erzählst du von eben diesen Erfahrungen mit Rolando-Epilepsie. Steht diese deiner Karriere heute noch im Weg? 

Nicht direkt. Die Rolando-Epilepsie ist eine Krankheit, die in den meisten Fällen während der Pubertät ausheilt, und das war glücklicherweise auch bei mir so. Aber auch heute habe ich morgens manchmal noch das Gefühl und die Angst, dass ich einen Anfall haben könnte, obwohl ich eigentlich weiß, dass es nicht sein kann. Das verfolgt mich also weiterhin, aber ich habe gelernt, damit zu leben.

Und wenn besagte Karriere ein Wunschkonzert wäre: Wo genau würdest du als Musikerin bestenfalls noch überall landen? 

In ein paar Jahren würde ich am liebsten auf Welttour gehen und auf den größten Bühnen stehen. Mein größter Traum ist es, vor einer riesigen Menschenmenge aufzutreten und gemeinsam mit den Leuten meine Songs zu singen. Außerdem will ich so viel Musik wie möglich releasen!

Hier könnt ihr in Zoe Wees’ Debüt-Single „Control“ reinhören:


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Lisa Bassenge: Musik von Müttern

„Mothers“ heißt das neue Album der Berliner Jazz-Sängerin. Darauf interpretiert sie die Songs von Künstlerinnen, die ihr besonders wichtig sind, von Carole King bis Billie Eilish. Geplante Konzerte fallen aktuell aus – aber über „Mothers“ konnten wir mit ihr sprechen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lisa, erinnerst du dich, wann du zum ersten Mal beim Hören von Musik einer Künstlerin das Gefühl hattest: Die ist es – die ist ab sofort so etwas wie eine musikalische Ziehmutter für mich?

Lisa Bassenge: Ich war zwölf, als ich das Madonna-Album „Like A Virgin“ zum ersten Mal hörte (erschienen 1984; Anm. d. Red.). Das hat mich sofort und total hineingezogen in die Welt dieser Künstlerin.

Was hat dir daran so sehr gefallen?

Ich fand den Stil der Songs irre toll! Und Madonna an sich. Sie war damals ja ein weibliches Rollenmodell, das es so vorher im Pop-Bereich noch nicht gegeben hatte: Eine starke Künstlerin, die sich positioniert und so ein „Selbst ist die Frau“-Ding macht. Mich hat das extrem fasziniert.

Warst du fortan Fan und wolltest mehr und mehr über Madonna wissen?

Ja, ich war schon ein richtiger Fan und wusste irgendwann tatsächlich so ziemlich alles über sie. In einem damaligen Bravo-Quiz konnte ich alle Fragen beantworten (lacht).

 

 

Glaubst du, dass es generell wichtig ist, die Biografie einer Künstlerin zu kennen, um ihre Musik voll und ganz verstehen zu können?

Kommt darauf an. Musik sollte immer einen Aspekt haben, der die Allgemeinheit anspricht, also in dem sich jeder wiederfinden kann, ohne große Künstlerinnenrecherche zu betreiben. Wenn man ein musikalisches Werk aber wirklich interpretieren möchte, ist es natürlich ratsam, auch mehr über die Künstlerin zu erfahren.

Für „Mothers“ hast du nun zwölf Songs von Künstlerinnen ausgesucht, die dich und die Pop-Musik ganz generell stark beeinflusst haben: Joni Mitchell, Carole King, Suzanne Vega, aber auch die blutjunge Billie Eilish sind dabei. Nach welchen Kriterien bist du bei der Auswahl vorgegangen?

Ich habe Stücke ausgewählt, zu denen ich einen Bezug habe, die mich berühren. Und natürlich musste ich mir sicher sein: Ich kann etwas daraus machen, das nach mir klingt und passend für meine Stimme ist. Es gab auch Songwriterinnen in der engeren Auswahl, die ich sehr mag, zum Beispiel Regina Spektor, die aber so eigen sind, dass ich ihre Stücke nicht auf meinen Stil umwandeln kann. Es überlagern sich auf „Mothers“ ja ganz verschiedene Pop-Welten, allein zeitlich.

Meinst du, jemand wie Billie Eilish hätte auch in der Zeit und Welt von Carole King bestanden?

Hmm, den Vergleich würde ich lieber nicht ziehen. Es gibt eben ganz klassische Songwriterinnen, von denen man sagen kann: Die hat auf jeden Fall ihre Hausaufgaben gemacht und ihr Handwerk gelernt. Jemand wie Carole King zum Beispiel. Und Billie Eilish hat sich einfach mal guerillaartig übers Internet nach oben katapultiert, ohne sich dabei den Strukturen zu bedienen, die im Musikgeschäft bis heute gängig sind, etwa einen Major-Label-Deal.

Vielleicht hätte Billie Eilish in die Welt von Madonna gepasst?

Den Vergleich finde ich schon besser. Zwei Künstlerinnen, die zu Pop-Phänomenen wurden und mit ihrer Musik vor allem junge Menschen ansprechen. Bei Billie Eilish wird das besonders deutlich. Zu ihren Konzerten gehen ja nicht nur Erwachsene und pubertierende Jugendliche, sondern teilweise sogar Kinder.

 

 

Könntest du eigentlich auch einen Bravo-Test über Billie Eilish bestehen?

Nein, überhaupt nicht. Von ihr weiß ich gar nicht so viel. Ich finde einfach ihre Musik super.

Hast du ihr deine Interpretation ihres Songs „All The Good Girls Go To Hell“ zugeschickt?

Nein, dazu bin ich zu bescheiden.

Und wenn sie ihn hören würde: Wäre es dir wichtig, dass er ihr gefällt?

Oh ja, natürlich! Es wäre furchtbar, wenn er ihr nicht gefallen würde!

Deine „Mothers“-Songs sind nun musikalisch sehr einheitlich: reduzierte Arrangements, Klavier im Fokus, sehr jazzig gehalten – typisch Lisa Bassenge …

… auch weil es mir darum ging, groß produzierte Pop-Stücke in eine kleine Form zu bringen. Darum, die Essenz des Songs herauszuarbeiten und etwas Eigenes daraus zu machen. Dafür ist die Trio- Konstellation, in der wir „Mothers“ aufgenommen haben, auch genau richtig. Der Schwede Jacob Karlzon ist mit ganzem Herzen Jazz-Pianist und leistet einen ebenso großen Beitrag wie mein Mann Andreas Lang am Bass.

Besteht eigentlich in Zukunft auch die Chance auf ein „Fathers“-Album?

Ach, es gibt so viele Männer in der Musikwelt und auch so sehr männliche Strukturen, dass ich denke: Ein „Fathers“-Album ist nicht unbedingt nötig. Mit „Mothers“ möchte ich jetzt lieber ein Augenmerk auf die weiblichen Teilnehmer an der Musikwelt richten.

„Mothers“ ist am 13.3. erschienen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Shirana Shahbazi – Von lichten Räumen und tintiger Nacht

Das Kunsthaus Hamburg zeigt Shirana Shahbazis Lichtkunst  im Rahmen der Photo-Triennale.

Shirana Shahbazi liebt die klare Kante. In ihrer Kunst bezeugen das die klaren Konturen ihrer fotografischen Konstruktionen. Sie selbst bezeugte es beim Presserundgang am Tag der Eröffnung. Da stand die iranisch-deutsch-schweizerische Künstlerin recht entschieden vor ihren Arbeiten im Kunsthaus und korrigierte, was ihr falsch oder auch nur ungenau erschien: Nein, meinte sie. Das, was viele als abstrakt bezeichnen, die im Studio fotografierten Arbeiten seien nicht abstrakt.

Foto: Shirana Shahbazi, Raum-Gelb-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich

Und tatsächlich. Man kann das so sehen: Denn diese hier eleganten, leuchtend monochromen, manchmal aber auch vielfarbigen geometrischen Strukturen sind in ihrem Züricher Atelier entstandene Fotografien von realen, sorgfältig austarierten Arrangements lackierter Podeste, Stellwände und Objekte. Sie sind also Bilder realer Szenerien – insofern sind sie geometrisierend und konstruiert, aber nicht abstrakt.

Und umgekehrt mögen, so betonte Shahbazi, ihre großformatigen Siebdrucke, bei denen sich Naturfragmente, Innenräume und Menschen in unterschiedlich farbigen Schichten überlagern, zwar auf den ersten Blick wie Abbilder der Wirklichkeit scheinen, tatsächlich aber seien es Konstruktionen hybrider, sich in der Wirklichkeit nicht eröffnender Kombinationen. Und ja: Diese Arbeiten überlagern Ansichten des kalifornischen L.A. mit solchen des japanischen Kirishima. Sie verblenden das subtropische Ishigaki mit dem türkischen Istanbul und rücken das kroatische Plitvica optisch an das ostanatolische Erzurum heran.

Shirana Shahbazi, Raum-Rot-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Ähnlich wie die Arbeiten Wolfgang Tillmans’ kreisen Shahbazis Arbeiten im Kern um das Verhältnis Abstraktion und Repräsentation in der Fotografie. Und auch ihre Einzelarbeiten tauchen in Büchern wie in Ausstellungen in immer neuen Konstellationen auf und aktivieren so das Nebeneinander von dokumentarisch scheinenden Wirklichkeitsansichten und Studiokonstruktionen immer wieder neu.

Die 1974 in Teheran geborene Künstlerin kam im Alter von elf Jahren nach Deutschland, sie studierte in Dortmund, später in Zürich, wo sie heute lebt. Zu den eindringlichsten der in Hamburg gezeigten Arbeiten gehören die als Lithografien auf Büttenpapier gedruckten nächtlichen Ansichten ihrer Geburtsstadt. Ihr Titel „Tehran North“ verweist auf den wohlhabenderen und westlicher anmutenden Teil der Stadt.

In ihnen scheinen aber nicht deren charakteristischen Orte und Sehenswürdigkeiten auf, vielmehr die Spuren des Lichts im tintigen Dunkel der Nacht, wie erhascht im Vorüberfahren: die Lichterbänder der Autos auf den Schnellstraßen, die Reflexionen in den Scheiben der Wohnblöcke, der Lichtkegel eines Verkaufstandes. So zeichnen die Blicke ins Dunkle eine Annäherung an eine Stadt nach, die sich nur zögernd preisgibt – zumindest, so kann man vielleicht ergänzen, dem fragenden Kamerablick einer Frau, die schon lange in Mitteleuropa lebt und nicht mehr recht zu Hause ist in der Stadt ihrer Kindheit.

Shirana Shahbazi, Raum-Blau-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Besonders wichtig ist Shahbazi die Materialität, die Objekthaftigkeit ihrer Bilder. Ihre Publikationen erscheinen nicht als Kataloge, sondern als eigenständige Präsentationsformen. Sie entstehen, wie sie selbst sagt, „in symbiotischer Zusammenarbeit“ mit ihrem Partner, dem Grafikdesigner Manuel Krebs. Gemäß ihrem genauen Gespür für Präsentationsweisen hat sie auch im Kunsthaus ihre Arbeiten nicht einfach nebeneinander gehängt, sondern zusammen mit starkfarbigen getönten Wandflächen in eine Wandmalerei einfügt, so dass der Raum den Betrachter – trotz und entlang der vielen klaren Kanten – in einen poetisch-zarten Bilderstrom hineinzieht.

Text: Karin Schulze
Beitragsbild: Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Shirana Shahbazi: Objects in Mirror Are Closer than They Appear. Bis 26.8.2018, Kunsthaus Hamburg


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Du willst mehr Stories aus Hamburg? Folge SZENE HAMBURG auf Facebook und Instagram!


Noch mehr Lust auf Fotografie?

Flaka Haliti – Das Blau am Bau

Die Farbe des Himmels, die Sehnsucht und das Überschreiten von Hindernissen: die Ausstellung von Flaka Haliti im Kunsthaus Hamburg.

I See a Face. Do You See a Face – so heißt eine Arbeit der Künstlerin Flaka Haliti (*1982), für die sie in digitale Wolkenaufnahmen mit dem Digitalstift krakelig die Konturen von Gesichtern hineinzeichnete. Und sofort muss man an öde Kindheitsnachmittage denken, als sich nichts tat, als dass die Wolken mal wie die doofe Chemielehrerin aussahen und mal wie Winnie-the-Pooh.

Muss man? Nein, vermutlich nicht. So wie schon damals die beste Freundin in die wattigen Cumuli ganz andere Wesen hineinsah, so unterscheiden sich auch unsere Assoziationen zu Kunstwerken. Das ist generell so, aber die Arbeiten der aus Priština stammenden Künstlerin verweisen direkter als andere auf diese Tatsache.

Stierhoden in Cellophan

Dabei hat die künstlerische Laufbahn der Flaka Haliti mit einem ziemlich eindeutigen Statement begonnen. Sie studierte damals Grafikdesign in ihrer kosovarischen Heimatstadt und ärgerte sich über die abschätzige Haltung von männlichen Künstlern gegenüber Künstlerinnen, die angeblich „keine Eier“ hätten. Zur Eröffnung einer Ausstellung der Nationalgalerie von Priština trat sie den Gegenbeweis an: Sie wickelte ein paar Stierhoden in Cellophan und legte sie wie einen duftigen Blumengruß auf die Treppen des Museums.

Flaka Haliti stellt im Kunsthaus Hamburg aus. Foto: Marcel Schwickerath

Flaka Haliti Foto: Marcel Schwickerath

Vor dieser radikalen Aktion war sie Ende der 90er Jahre zusammen mit ihrer Familie vor dem Kosovokrieg zu Verwandten nach Mazedonien geflohen. Als sie nach Priština zurückkehrte, war ihre Heimat eine andere: vom Krieg zerrüttet, durch KFOR-Truppen kontrolliert und unter UN-Aufsicht. 2008, als die Republik Kosovo ihre Unabhängigkeit erklärte, ging Haliti zum Kunststudium an die Frankfurter Städelschule. Heute lebt und arbeitet sie in München. Inzwischen kann sie nicht nur auf eine Einzelausstellung in der Nationalgalerie von Priština zurückblicken, sie hat auch ein Jahr in der Villa Romana in Florenz verbracht und 2015 auf der Biennale von Venedig im Pavillon des Kosovo ausgestellt. Das Kunsthaus zeigt nun ihre erste umfangreiche Einzelausstellung, die vorher in Lingen gezeigt wurde und im Herbst nach Priština geht.

Ein Motiv taucht in Halitis Arbeiten wiederholt auf: Sie verwandelt das materielle Rüstzeug politischer Konflikte in träumerisch-phantastische Bilder. So zeigt sie gleich am Beginn der Ausstellung aus Holz und Feinputz nachgebaute Elemente von Betonbarrikaden. Diese sind durch den Materialwechsel nicht nur ihrer Funktion beraubt, sie scheinen, lose ineinander geschoben, auch entspannt Löffelchen zu liegen. Im nächsten Raum hockt ein quietschgrüner Roboter, den Haliti aus dem Schrott aufgelöster KFOR-Militäreinrichtungen zusammengeschraubt hat, ermattet an der Wand. Und der „Schwerter zu Flugscharen“-Verwandlung nicht genug: Hinter dem Maschinenwesen hat sie ein Flügelpaar installiert, zu dem sie bei  Engelsdarstellungen der italienischen Renaissance inspiriert haben.

Politik und Poesie

„Natürlich ist ein Großteil meiner Arbeit politisch“, so zitiert die österreichische Tageszeitung Die Presse die Künstlerin. „Zugleich aber ist sie poetisch, und manches ist vielleicht sogar romantisch.“ Diesen Übergang vom Politischen zum romantischen Ideal einer Welt ohne Grenzen vollzog auch ihre bei der Biennale gezeigte Arbeit Speculating on the Blue. Sie zitierte die blauen Betonwände herbei, die in Priština zum Schutz des UN-Quartiers errichtet worden waren. Zu sehen aber waren in Venedig nur noch die stählernen Armierungen, während die Wände selbst zu blauem Sand zerbröselt schienen, der den Raum durchzog und – nach der Intention der Künstlerin – durch die Rillen in den Sohlen der Besucher noch bis in die benachbarten Nationenpavillons weitergetragen werden sollte.

Um Farben wie dieses UN-Blau geht es auch in der Doktorarbeit, die Haliti derzeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien verfasst. Sie erforscht dort die visuelle Kommunikation und die gesamte Corporate Identity von NGOs und supranationalen Organisationen wie der EU oder der UN. Schließlich dekonstruieren auch ihre künstlerischen Arbeiten die Elemente symbolischer Imagebildung. So legte etwa ihre Venedig-Arbeit einen Gegensatz bloß: Einerseits sollten die UN-Betonbarrikaden in Priština eine unüberwindliche Absperrung darstellen, andererseits war ihre blaue Oberfläche eine Art verharmlosender Camouflage, die an die grenzenlose Unendlichkeit des blauen Himmels denken ließ.

Generell zielen Halitis Arbeiten darauf, Grenzen oder festgefahrene Sichtweisen aufzulösen, Sehnsüchte und befreiende Träume einzuschreiben in scheinbar unverrückbare oder ungreifbare Zusammenhänge und das Fremde vertraut erscheinen zu lassen. Für Letzteres stehen ihre Wolken-Gesichter aber auch die ebenfalls gezeigten Assemblagen ihrer Is It You, Joe?-Serie: auf Marmorplatten geklebte, farbig angepasste Schwämme, in die mit kleinen Eingriffen Gesichter hineinskizziert sind.

Vielfältige Perspektiven

Mit diesen Strategien emotionaler Aneignung, die bewusst „easy going“ und auf fast naive Weise „kreativ“ daherkommen, macht Haliti vehement geltend, dass es nie nur die eine gültige Sichtweise, sondern stets das Recht auf vielfältige und emotionale Aneignungen gibt. Auch der leicht absurde Satz

„Here – Or Rather There, Is Over There“

mit dem die Künstlerin die gesamte Ausstellung betitelt hat, betont, wie sehr der jeweilige Standpunkt die Perspektive bestimmt.

Die humorvoll heraufbeschworene Sehnsucht, die realen und mentalen Betonwände zwischen Regionen, Nationen und Individuen zu überschreiten, und eine damit verbundene vielfach gebrochene, multiperspektivische Sicht auf die Welt – darauf zielen die Arbeiten von Flaka Haliti. Oder sagen wir es so: Sieht man nach dem Verlassen der Ausstellung zum Himmel, dann sehen zumindest für eine Weile die Wolken nicht mehr aus wie eitle Ansammlungen lästiger Wassertropfen, sondern es scheint ihnen eine keineswegs weltvergessene, aber heiter-optimistische Gestimmtheit anzuhaften.

Text: Karin Schulze

Flaka Haliti: „Here – Or Rather There, Is Over There“, Kunsthaus, bis 20.5.


 

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!