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Hamburger Nachwuchs: Taschenlabel OAK25

Aus dem Hamburger Stadtbild sind sie kaum noch wegzudenken: Die Rucksäcke und Bauchtaschen von Oak25, die nicht nur praktisch und stylish sind, sondern durch ihre reflektierende Oberfläche auch Sicherheit im Straßenverkehr bieten. Hinter dem Label stecken die beiden Hamburger Emil Woermann, 19, und Jacob Leffers, 21

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Emil und Jacob, wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Emil: Wir kennen uns seit Grundschulzeiten aus dem Chor. Mit Einsetzen des Stimmbruchs hatte sich das Singen jedoch erledigt, und das entstandene Freizeitvakuum haben wir mit unzähligen Projekten gefüllt.

Jacob: Wir hatten einen YouTube-Kanal, haben eine Website …

Emil: … und einen Computer gebaut. Vor zwei Jahren haben wir darüber sogar ein Buch geschrieben: „Secret Book For Digital Boys“.

Jacob: Für uns war so etwas immer erfüllender, als jeden Tag nur vorm Computer zu sitzen und Fifa zu zocken.

Meist waren es digitale Projekte, um die es ja auch in eurem Buch geht. Warum?

Jacob: Uns hat es immer schon Spaß gemacht, sich in die Komplexität digitaler Themen reinzudenken. Ein Buch darüber hätten wir damals selbst gerne gehabt, aber das gab’s nicht. Also haben wir es kurzerhand selbst geschrieben.

 

„Wir sind da sehr naiv rangegangen“

Jacob Leffers

 

Wie kam es dann zur Gründung von Oak25?

Emil: In der Stadt nutzen wir zur Fortbewegung vor allem das Fahrrad. Unsere Eltern wollten immer, dass wir Warnwesten anziehen, damit wir von Autofahrern gesehen werden. Das fanden wir aber immer semi-sexy und kamen daher auf die Idee, reflektierende Rucksäcke zu machen.

Jacob: Das war der Ausgangspunkt für unsere Luminant Bag.

Wie habt ihr das finanziert?

Emil: Uns selbst fehlte das nötige Geld, also haben wir gekickstartert. Mit dem eingesammelten Startkapital von 20.000 Euro konnten wir loslegen.

Was waren die ersten Schritte?

Jacob: Wir sind da sehr naiv rangegangen. Wir dachten, wir zeichnen das mal auf und zeigen das jemandem, der uns daraus dann ein Muster näht – aber so einfach funktioniert das natürlich nicht. Allein das Zeichnen der Rucksäcke war kompliziert. Erst habe ich das auf Papier gemacht, aber damit konnte niemand arbeiten. Daraufhin hat Emil sich in Photoshop reingefuchst und darin die erste Vorlage erstellt.

Warum habt ihr nicht andere Leute gebeten, das für euch zu übernehmen?

Jacob: Weil wir uns in sämtliche Bereiche unseres Unternehmens lieber selbst reinfuchsen. Das dauert zwar und ist manchmal auch frustrierend, kostet aber weniger Geld und führt dazu, dass wir ständig lernen, uns weiterentwickeln und uns in allen Bereichen, die unsere Firma betreffen, perfekt auskennen.

Klingt, als hättet ihr beide eine Menge Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz.

Jacob: Es gibt immer mal Phasen, durch die man sich ein bisschen quält, aber dass wir stets am Ball geblieben sind, hat uns eben auch erst vorangebracht. Und es dann geschafft zu haben, fühlt sich doppelt gut an.

„Wir haben uns gefühlt wie Steve Jobs“

Emil Woermann

 

Warum der Name Oak25?

Emil: Der hat mit dem Sitz unseres ersten Büros zu tun: in der Eichenstraße 25. Das war noch bei meinen Eltern. In deren Fahrradkeller.

Jacob: Büro ist leicht übertrieben – da stand halt ein Schreibtisch. (lacht) An dem saßen wir jeden Abend und haben gearbeitet.

Emil: Wir hatten immer die Vorstellung, ein Büro zu brauchen. Eigentlich voll unwichtig, aber das hat uns die Vision für das Ganze eröffnet. Wir haben uns dadurch ein bisschen wie Steve Jobs gefühlt, bei dem ja auch alles in seiner Garage angefangen hat. Mittlerweile haben wir aber richtige Büroräume in der Eimsbütteler Chaussee.

Wie sind eure Eltern mit eurer Geschäftstüchtigkeit umgegangen?

Emil: Die fanden das immer cool und haben uns unterstützt. Deren Sorge war bloß, dass die Schule dabei hintenüberfällt – oder später mein E-Commerce-Studium. Das pausiere ich aber gerade.

Gehst du davon aus, das Studium weiterzuführen?

Emil: Ich glaube nicht. Das hat zwar Spaß gemacht, war mir aber viel zu theoretisch.

Jacob: Ich habe meine E-Commerce- Ausbildung auch pausiert. Was uns immer gestört hat: Dass es immer darum geht, was man tun würde, wenn man mal in einem entsprechenden Unternehmen arbeitet. Wir haben stattdessen lieber ein Unternehmen gegründet und all unsere Ideen praktisch umgesetzt, nicht nur theoretisch.

 

„Wir zahlen uns keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum“

Emil Woermann

 

Könnt ihr von Oak25 schon leben?

Jacob: Ja. Im letzten Jahr haben wir Investoren gefunden, was es uns ermöglicht, das Ganze Vollzeit zu betreiben.

Emil: Wir zahlen uns aber keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum. Aber wir können davon leben und unsere Mitarbeiter bezahlen.

Wie viele Exemplare gab es von eurer ersten Kollektion?

Emil: 8.000 Stück. Die waren aber schnell ausverkauft.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr das erste Mal auf der Straße einen Fremden mit einem eurer Rucksäcke gesehen habt?

Jacob: Ja. Da bin ich mit dem Fahrrad übern Jungfernstieg gefahren und hab da innerhalb von fünf Minuten drei Leute mit unserem Rucksack gesehen. Das war schon krass. Ich bin selten mit einem so breiten Grinsen nach Hause gefahren.

Ihr seid Freunde, die nun auch Geschäftspartner sind. Macht es das leichter oder schwieriger?

Emil: Sowohl als auch. Wir reden schon viel übers Geschäft. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir im Büro nicht nur ständig über Privates quatschen.

Ihr wohnt auch noch zusammen. Ihr seht euch also nur nicht, wenn ihr schlaft.

Jacob: (lacht) Abends sind wir schon auch gerne mal für uns alleine. Und im Büro hat jeder von uns seine Aufgabenbereiche, sodass wir auch da nicht ständig aufeinanderhocken. Ich bin vorrangig fürs Marketing zuständig … Emil: … und ich betreue die IT und die ganze Administration – von Steuern bis Personal.

Was waren bisher die wichtigsten Learnings?

Emil: Dass man keine Angst haben sollte, Dinge direkt anzugehen. Manchmal macht es zwar Sinn, vorher noch mal einen Schritt zurückzugehen und mit etwas Abstand draufzukucken, aber uns hat es immer geholfen, direkt loszulegen. Und wenn man mal einen Fehler macht – auch nicht schlimm. Beim nächsten Mal ist man schlauer.

oak25.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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30M Records: Strahlkraft persischer Klangästhetik

Der Hamburger Matthias Koch hat ein Label gegründet, das als Plattform für eine aufstrebende Musikergeneration aus dem Iran dient. Ein Gespräch über die Strahlkraft persischer Klangästhetik

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Matthias-Koch-Credit-Lena-Dann

Setzt auf den Zauber iranischer Musik: Matthias Koch (Foto: Lena Dann)

SZENE HAMBURG: Matthias, kleiner Zeitsprung zurück ins Jahr 2015. Damals bist du zum ersten Mal in den Iran gereist. Steckte mehr dahinter als ein Urlaub?

Matthias Koch: Damals, kurz nach dem Atom-Deal, fing das deutsche Feuilleton gerade an, über die iranische Kunst- und Kulturszene zu schreiben. Es gab erste Reiseberichte, Backpackergeschichten, den ersten „Lonely Planet“-Reiseführer vom Iran. Das Land wurde immer interessanter.

Und da ich schon ein paar Rucksackreisen in den Nahen Osten gemacht hatte, dachte ich irgendwann: Hin da! Hattest du bestimmte Erwartungen? Nein, nur eine große Neugier auf ein Reiseziel, das ganz anders war als alle, die ich zuvor hatte. Eine Reise an einen Ort, der nicht wirklich westlich ist, und wo ich nichts verstehen und lesen können würde. Es fühlte sich abenteuerlich an. Im Flugzeug dann dachte ich auch kurz, ob das wirklich so eine gute Idee war …

… aber die Zweifel verflogen sofort bei der Ankunft?

Nicht sofort. Am Flughafen musste ich erst mal an den Uniformierten vorbei, den Revolutionsgarden. Diese wickeln dort, wie bei uns der Bundesgrenzschutz, den Betrieb ab. An den Wänden in der Empfangshalle hingen riesige Bilder von den Revolutionsführern. Aber erste Widersprüche tauchten auf: Neben ihnen direkt großflächige Werbung für das aktuelle Top-Handy von Samsung! Und draußen war es vor allem erst mal sehr warm.

Der Flughafen von Teheran liegt fast in der Wüste, es gab eine ganz eigene Luft, ganz eigene Gerüche. Alle Frauen trotz Hitze mit Kopftuch! Vor der Tür warteten klapprige Taxis mit freundlichen alten Männern, die mir „Mister, welcome to Iran! Mister, come here!“ zuriefen. Ich nahm dann so ein Taxi – und bekam vom Fahrer erst mal Datteln und Tee gereicht.

Gab es auch Musik im Taxi?

Ja. Aus dem Autoradio kamen scheinbar religiöse Gesänge, untermalt von Saiteninstrumenten, die mir bis dahin noch nicht geläufig waren.

Ein Überbleibsel aus der Zeit nach der Revolution 1979, als im Iran nur religiöse Musik erlaubt war?

Genau. Populär- und Weltmusik ganz allgemein wurden damals verboten – und das nach einer sehr erfolgreichen Ära des iranischen Pop in den 60er und 70er Jahren. Googoosh etwa hört man ja auch hier noch bis heute auf Partys. Viele Künstler sind nach der Revolution ins Ausland gegangen, andere wollten oder konnten nicht auswandern und haben dann eben damit weitergemacht, was nicht verboten war, nämlich mit religiöser, meist sehr melancholischer Musik. So haben sie ihr Schaffen gerettet.

 

 

Im Laufe der Jahre hat sich die Lage für iranische Musiker wieder relativ entspannt – vor allem, seit es das Internet gibt. Iran war ja nie komplett abgeschottet, und die Leute dort waren und sind bestens informiert, was Kunst und Kultur aus dem Ausland angeht. Dazu zählt natürlich auch die Musik.

Westliche Klangästhetik ist heute überhaupt kein Problem mehr im Iran, im Gegenteil, sie wird sogar hoch angesehen. Einzig HipHop und eventuell Metal ist nach wie vor nicht etabliert. Zu klischeehaft westlich für die Ordnungshüter. Ich habe HipHop-Künstler kennengelernt, die wegen ihrer Musik auch schon temporär hinter Gittern saßen.

 

„Frauengesang solo ist verboten“

 

Sind Auftrittsgenehmigungen erforderlich?

Ja, die braucht jeder Künstler. Sämtliche Musik, die öffentlich aufgeführt werden soll, geht erst mal zu einer Kontrollbehörde: Ministry of Culture and Islamic Guidance. Die prüfen alles, vom Cover der CDs bis zu den Texten. Auch, ob Frauen mit dabei sind und, wenn ja, welche Rolle sie haben.

Frauengesang solo ist zum Beispiel verboten. Es besteht auch keine wirkliche Infrastruktur für Musik, wie es sie zum Beispiel in Deutschland gibt. Und Förderung für Popmusik gibt es schon mal gar nicht. Da ist eine Handvoll Label, aber kein Export von iranischer Musik. Auch ein Copyright ist im Grunde nicht vorhanden, was nicht gerade zur Wirtschaftlichkeit des inländischen Musikbusiness beiträgt.

Du bist nach deiner ersten Iran-Rucksackreise immer wieder ins Land gekommen, hast aufgrund deiner jahrelangen Arbeit in der Musikbranche auch irgendwann Musiker nach Teheran gebracht und ihnen Auftritte organisiert …

… zum Beispiel für Martin Kohlstedt. Meine Kontakte habe ich der deutschen Botschaft vermittelt, auch dem Goethe Institut. Ich wusste ja, dass es im Iran ein Publikum für sie gibt. Schon auf meiner Rucksackreise habe ich das gemerkt. Ich war in der Wüste unterwegs, in Orten, in denen es gerade mal Elektrizität gab, und bin trotzdem auf Leute gestoßen, die die aktuelle Platte von zum Beispiel Nils Frahm auf ihrem Handy hatten oder streamten. Radiohead sind Superstars im Iran!

Dieses große Interesse dort an dieser nicht unbedingt fröhlichen Musik erkläre ich mir mit der musikalischen Geschichte des Landes und dem Hang der Iraner zur Poesie, das passt gut. Das Konzert von Martin Kohlstedt war dann auch gut besucht. Die Leute standen Schlange, auch später, um noch ein Autogramm zu bekommen. Genauso war es mit Ólafur Arnalds und Frederico Albanese, mit denen ich später wiederkam. Es besuchten wirklich Tausende ihre Konzerte.

Und dann wolltest du mehr.

Richtig. Ich habe natürlich von Reise zu Reise mehr Musiker mit wahnsinnig spannenden Projekten kennengelernt, auch Konzertveranstalter, Plattenläden. Ich habe recherchiert, mich mit vielen Leuten hier unterhalten und festgestellt, dass es in der westlichen Welt kein Label gibt, das sich darauf spezialisiert hat, Musik aus dem Iran zu veröffentlichen. Und das wollte ich von meinem Lebensmittelpunkt Hamburg aus ändern.

 

„Es geht nur ganz oder gar nicht“

 

War die Label-Gründung leicht für dich, weil du wusstest, wie es funktioniert?

Ich kannte die einzelnen Elemente, aber wie lange es vom ersten Gespräch mit den Künstlern bis zur fertigen Platte dauert, wenn man alles selber macht, hat mich dann doch ein bisschen überrascht.

Und der Label-Name, heißt es, sei angelehnt an eine persische Erzählung.

Stimmt, an eine persische Fabel aus dem 12. Jahrhundert. Es geht darum, dass die Vögel der Welt etwas desorientiert sind und deshalb den großen Weisenvogel aufsuchen, um ihn zu fragen, wo sie ihren König finden können. Der Weisenvogel beschreibt ihnen den Weg, durch Unwetter und alle möglichen Prüfungen, und verspricht ihnen, am Ende der langen Reise den König zu finden. Letztlich kommen nur 30 Vögel an, finden zwar keinen König, merken aber, dass sie durch ihre Erfahrungen, durch ihre eigenen Werte, selbst zu Königen geworden sind. Das gefiel mir und passt gut! Der Label-Name setzt sich aus der Zahl, dem Fabel-Namen des Königs und dem persischen Wort für Vögel zusammen.

Und wie kamen die ersten Label-Signings zustande?

Die waren gar nicht so kompliziert. Am Ende meiner zuletzt unternommenen Iran-Reise, das war im Dezember 2019, habe ich den ersten Vertrag gemacht. Die Veröffentlichung („RAAZ“; Anm. d. Red.) ist für November 2020 geplant. Wie gut dieses erste Projekt funktioniert hat, hat dann auch den Ausschlag dafür gegeben, dass ich gesagt habe: Ich mache nicht nur ein kleines Digital-Label, sondern ein richtiges, mit digitalem und physischem Vertrieb.

Ich presse schick aussehendes Vinyl und versuche, alles in möglichst vielen Ländern zu promoten und Einnahmen für die Künstler zu generieren. Als Nächstes ist eine Compilation geplant, die die Teheraner Musikszene präsentieren soll, mit rund zehn vertretenen Künstlern. Mir ist längst klar: Es geht nur ganz oder gar nicht.

Du hast im Zuge der Label-Gründung einmal gesagt, du würdest damit auch mit Missverständnissen aufräumen wollen. Was ist denn deiner meiner nach das größte Missverständnis bezüglich des Iran?

Das liegt auf kultureller Ebene. In der westlichen Welt wird oft gedacht, dass die Iraner im Wesentlichen mit Flaggen verbrennen oder Geiseln nehmen beschäftigt sind. Religiöse Fanatiker eben. Mit diesem hier gern genutzten Klischee geht auch eine abschätzende Wertung gegenüber Kulturellem, das von dort kommt, einher.

Wenn man sich aber mit den Menschen beschäftigt, mit der Kultur und Musik dort, stellt man fest, dass es unglaublich viel Modernes, Spannendes und Hintergründiges zu entdecken gibt.

30m-records.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Ladies – Artists – Friends: Konzert des Monats

Miu, Sarajane, Debby Smith, Kathrin Ost, Linda Kauffeld und Joscheba Schnetter geben gemeinsam ein Konzert. Ein Gespräch über die Vorteile für die Musik und das Geschäft.

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Miu und Sarajane, mit Ladies-Artists-Friends habt ihr einen Schulterschluss mehrerer Hamburger Musikerinnen geschafft. War es leicht, alle an einen Tisch zu bekommen und gemeinsame Sache zu machen?

Sarajane: Ja, denn viele Hamburger Musikerinnen kennen sich schon lange, haben teils zusammen studiert und sind freundschaftlich miteinander verbunden.

Miu: Wir haben viel Kontakt. Auch weil alle ähnliche alltägliche Probleme und Wehwehchen haben.

 

Ladies-Artists-Friends-c-ELENA ZAUKE

Die Initiatorinnen von Ladies-Artists-Friends mit Miu (M.) und Sarajane (3. v. l.) Foto: Elena Zauke.

 

Zum Beispiel?

Sarajane: Man muss es sich so vorstellen, dass wir alle jeden Tag in unseren Büros sitzen und versuchen, unsere Karrieren zu pushen. Wir sind gleichzeitig Künstlerinnen, Label, Management, Booker.

Miu: Es ergeben sich immer Situationen, in denen wir die Unterstützung der anderen gut gebrauchen können. Zum Beispiel, wenn wir mal eine Vertretung für einen Gig suchen oder einen bestimmten Booking-Kontakt. Auch Dinge wie das Playlist-Marketing für Spotify und Co. sind nicht so einfach, da ist es gut zu wissen, dass wir jemanden anrufen können, der vielleicht schon mehr Erfahrung hat.

 

Hier könnt „Bullets Out Of Love“ von Sarajane hören

 

Wie verlief denn das erste Treffen von Ladies-Artists-Friends? Ging es dabei nur um Musikgeschäftsfragen?

Sarajane: Erst mal wollten wir unser Wissen gegenüber den anderen Künstlerinnen offenlegen, damit alle etwas davon haben. Wenn wir immer nur als Einzelkämpferinnen unterwegs wären, würden wir womöglich ständig in die gleichen Fallen tappen. Zum Beispiel, was Auftritte in Clubs angeht, in denen wir noch nicht waren, andere aber schon. Dann können wir diejenigen einfach kurz fragen, ob u. a. die Konditionen dort okay sind.

Miu: Unsere Herzen schlagen aber weniger fürs Geschäft, als für die Musik an sich. Deshalb kamen wir ziemlich schnell auf den Gedanken, mal etwas zusammen auf der Bühne zu machen.

Wettbewerbsgedanken gab es bei all dem nicht untereinander?

Miu: Nein. Wettbewerbsgedanken kann ich in der Musik aus Sicht von Plattenfirmen zwar grundsätzlich verstehen, die wollen schließlich ihren Gewinn maximieren. Aus Musiker- und Musikrezipientensicht sind solche Gedanken aber total unangebracht. Musik entsteht schließlich durch gemeinsames Musizieren, und dafür macht es Sinn, dass man sich alles, was einem Labels über Wettbewerb vielleicht schon eingeimpft haben, schnellstmöglich wieder abtrainiert.

Also keine Wettbewerbsgedanken – aber sicher verschiedene musikalische Geschmäcker. Seid ihr schnell auf einen Nenner gekommen, was euer Live-Programm betrifft?

Miu: Ja. Wir haben eine Band, die uns bei Auftritten begleitet, jede Künstlerin spielt drei oder vier Songs mit ihr und kann ihre Ideen so umsetzen, wie sie möchte. Für Singer/Songwriterinnen, die normalerweise nur mit der Gitarre auf der Bühne stehen, bietet diese Konstellation auch ganz neue Möglichkeiten, weil sie ihre Stücke größer arrangieren können, zum Beispiel mit Percussion-Parts und Chören.

 

Hört hier „Ohana“ von Miu

 

Ist der Kreis der Ladies-Artists-Friends eigentlich begrenzt?

Miu: Es gibt zwar einen harten Kern, aber wir sind kein abgeschlossener Club. Vielmehr geht es uns darum, dass diejenigen, die richtig Bock haben, sich auch einbringen können.

Sarajane: Miu und ich übernehmen normalerweise viel von der Organisation, machen aber gerade beide Solo-Alben und sind sehr eingespannt. In dieser Phase freuen wir uns, dass etwa Kathrin Ost von der Band August August, die neu im Orga-Team ist, bei der Ladies-Artists-Friends-Planung oft mit anpackt und auch große Lust darauf hat. Wir haben auch offene Stammtische mit allen Künstlerinnen, die wir am liebsten noch regelmäßiger veranstalten würden.

 

Hier könnt „Shape of You“ als Cover von Debby Smith hören

 

Euer nächstes gemeinsames Konzert veranstaltet ihr am 8. März im Knust. Ist es Zufall, dass es auf den internationalen Frauentag fällt?

Sarajane: Nein, das ist pure Absicht. Die Leute vom Knust haben uns dieses Datum für Ladies-Artists-Friends vorgeschlagen – und wir waren natürlich sofort Feuer und Flamme.

Wird es danach womöglich auch ein Ladies-Artists-Friends-Album geben?

Miu: Wir haben mal über einen Sampler nachgedacht. Dafür müssen wir aber auch die Zeit und das Geld haben. Ladies-Artists-Friends ist im Moment noch ein teurer Spaß für uns, auch weil wir die Band stellen und uns als Ziel gesetzt haben, dass jede auftretende Künstlerin ein Honorar bekommt. Aber: Es gibt schon eine Spotify-Liste mit Songs von vielen, die bei uns sind.

Ladies – Artists – Friends: 8.3., Knust, 21 Uhr.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Patlac

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG präsentiert von Hamburg Elektronisch Resident DJs vor. Diesmal mit Patlac (35), DJ seit 1999, beim Label liebe*detail.

Dein Sound?
House und Techno.

Größter Moment als DJ?
Immer dann, wenn sich etwas zwischen dir und dem Publikum entwickelt, eine Verbindung entsteht und die Gäste Spaß an der Musik haben die ich in dem Moment ausgewählt habe.

Wo gehst du in Hamburg hin um Spaß zu haben?
Mit Freunden kann ich überall Spaß haben. Wenn es um elektronische Musik geht würde ich wohl den Pudel oder das PAL ansteuern.

Welchen DJ würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?
Eurokai! Toller Dj, mit tollem Geschmack.

Platte des Monats?
Afriqua – Vice/Principle / R&S Records

Hamburgs Stärken?
Die „Unaufgeregtheit“ die in der Stadt herrscht. Und damit meine ich nicht „emotionslos“ sondern eher die entspannte Grundstimmung.

Und die Schwächen?
Schlechte Radwege.

Lieblings-Ort in Hamburg?
Unten am Hafen wo die großen Schiffe schlafen.

Schrecklichste Gast-Frage?
Schwer zu definieren, denn wenn sich mal ein Gast ein Bier bei mir bestellt hat oder sich einen Track wünscht, der so gar nicht passt, empfinde ich es eher als witzig als schrecklich.

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?
Ich würde ungern einen einzelnen hervorheben wollen. Ich denke auf die ganze Hamburger Szene sollte man ein Auge haben.

Welcher Gig in Hamburg ist bisher dein Favorit?
Jeder Gig in Hamburg ist etwas Besonderes, denn es ist nicht immer leicht die Gäste sofort von dir zu überzeugen. Allerdings wenn du es schaffst bleiben sie treu bei dir.

Wo kann man dich als nächstes hören?

In Hamburg etwa alle zwei Monate im PAL, ansonsten werden Berlin, Barcelona, Kiel, San Francisco und New York die nächsten Stationen sein.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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10 Jahre Diynamic: „Lieber selber machen“

Diynamic, das Hamburger Label  für elektronische Musik, feiert sein 10-jähriges Jubiläum im Bunker und übernimmt für ein Wochenende das Nachtleben der Stadt

Vor über zehn Jahren bildeten sich jeden Samstag auf einem Hinterhof in der Bartelsstraße lange Schlangen. Vorbei an Garagen der umliegenden Wohnhäuser, verschwand die Menschenschlange hinter schwarzen Vorhängen. Ein Stockwerk höher, zwei Stahltüren später, stand man auf der bassdurchfluteten Tanzfläche des zu der Zeit wichtigsten Hamburger Underground-Spots für Techno- und Housemusik. Jedes Wochenende wurde in den tagsüber als Kita genutzten Räumen, das Mobiliar beiseite geräumt, der Teppich eingerollt und mit nationalen und internationalen Szene-Größen bis in die Morgenstunden gefeiert. Getauft wurde das Projekt auf den Namen Ro.DIY e.V. – ein Zusammenspiel aus der im Erdgeschoss liegenden türkischen Großbäckerei Rodi-Brot und den hier stattfindenden DIY-Partys von Adriano Trolio und Mladen Solomun. Der Verein legte den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte die in diesem Jahr ihr Jubiläum feiert: Diynamic.

Nachdem das Ro.DIY Anfang 2006 wegen Ärger mit Mitbewerbern und behördlichen Problemen schließen musste, zog man als Veranstalter ins Uebel & Gefährlich und gründete fast zeitgleich das heute wohl einflussreichste Hamburger Label für elektronische Musik.

Diynamic

„Wir hatten damals angefangen, erste eigene Tracks zu produzieren. Kai Fräger von Wordandsound meinte zu uns, gründet doch einfach ein Label dafür“, erzählt Solomun. „Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden, weil wir getreu unserer DIY-Attitude keine große Lust hatten, anderen Labels Musik zu schicken, in der Hoffnung, dass es ihnen gefällt. Nein, dann lieber selber machen!“ Nach dem gleichen Prinzip wurde kurze Zeit später die hauseigene Booking-Agentur eröffnet. Jungs der ersten Stunde waren neben Solomun die befreundeten Künstler H.O.S.H. und Stimming, sowie Wunderkind David August, der mittlerweile eigene Wege geht. Heute gehören Acts wie Kollektiv Turmstraße oder Deichkinds DJ Phono zum Label. Mit Solomuns Schwester Magdalena als Chefin – die seit ein paar Jahren ebenfalls hinter Plattentellern steht – folgte 2009 das EGO in der Talstraße.

 

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg trägt Labelboss Solomun selbst bei. 2012 kürte ihn das einflussreiche Mixmag Magazin zum DJ of the year. Resident Advisor führt ihn mittlerweile auf Platz 13 der besten DJs weltweit. Erst kürzlich beendete er seine diesjährige Residency-Saison im Pacha auf Ibiza. Bei den Solumun+1 Nächten lädt er Gäste wie Richie Hawtin oder Sven Väth zu sich in die DJ-Kanzel. So erstaunt es wenig, dass das 10-jährige Bestehen des Labels ebenfalls groß ausfällt.

„Zu ein paar Städten haben wir als Diynamic Music eine enge Beziehung und deshalb wollten wir dort auch etwas besonderes machen“, erzählt Trolio. Da mittlerweile viele Künstler zur Familie gehören die alle Lust haben zu spielen, kam Solomun auf die Idee sogenannter Städte-Take-Over’s. Alle unsere Acts spielen in verschiedenen Clubs, so dass man seine Lieblingskünstler in einer Nacht gleich mehrfach sehen kann.“

In Amsterdam, Ibiza, Berlin, Zürich, Paris und demnächst London wurde so bereits gefeiert. Zudem kam im September die 10-Years-Diynamic Compilation mit unveröffentlichten Tracks von Solomun, Adriatique, H.O.S.H., Kollektiv Turmstrasse, Stimming, Karmon, NTFO, Thyladomid, Ost & Kjex, Magdalena, Johannes Brecht, Undercatt und Lehar heraus. Mit genau diesem Lineup ist man Ende November in Hamburg. Die Clubnachbarn Uebel & Gefährlich und Terrace Hill, sowie das PAL für die Aftershow, stehen bereit.

Wie sich Diynamic in den nächsten Jahren entwickelt bleibt spannend. Weltweite Festivals sind in Planung. „Einen eigenen Club in Hamburg wird es vermutlich im nächsten Jahr nicht geben, meint Solomun, „aber wir planen Dinge in Hamburg, über die wir noch nicht reden können. Egal wo wir sind oder was wir machen, wir werden der Stadt ohnehin immer ganz besonders verbunden sein.“

 

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Text: Ole Masch. Der Text ist ein Auszug aus gleichnamigen Artikel, erschienen in der November-Ausgabe von SZENE HAMBURG

Fotos: Diynamic

 10 Jahre Diynamic. Die Party am  26.November 2016, Uebel & Gefährlich und Terrace Hill, 22 Uhr; Afterhour im PAL