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Mobil im Job: Hamburger erzählen vom bewegten Alltag

Ein Kurierfahrer, ein Rettungssanitäter, ein Eiswagenfahrer und ein Schiffsführer: Vier Hamburger erzählen, wie es ist, jeden Tag für den Job durch die Straßen der Stadt zu düsen

Text & Protokolle: Erik Brandt-Höge

 

Alex (40), Kurierfahrer

Fahrradkurier

Alex hat mit Bringbock seinen eigenen Kurierdienst gegründet.

“Arschloch!” Keine hundert Meter unterwegs, wird Alex schon beschimpft. Im Zickzacksprint hat er es durch eine Menschenmenge geschafft, und nicht alle in der viel belaufenen Fußgängerzone waren von seinen fahrerischen Fähigkeiten angetan. Egal, Alex muss weiter, ein Kunde wartet auf eine Lieferung, und Zeit ist in Alex’ Job buchstäblich Geld. Seit drei Jahren ist der gebürtige Stuttgarter in Hamburg, seit einem Jahr als Kurierfahrer unterwegs. Wichtigstes Arbeitsgerät: sein orangefarbenes Cargobike. Damit transportiert der 40-Jährige alle denkbaren Dinge von A nach B: Blutproben für Labore, vergessene Schlüssel, Ladekabel, Dokumente wie Gerichtsurteile, Kündigungen und Hafenfrachtscheine. Auch ein Blumenstrauß für Helene Fischer lag schon in der schwarzen Box, die vor Alex’ Lenker installiert ist.

Was im schuhkartongroßen Paket ist, das jetzt in der Box liegt, weiß Alex nicht, nur, dass es in wenigen Minuten beim Adressaten sein soll. Also düst er weiter durch die City, rasend schnell, aber den Rest des Stadtverkehrs immer im Blick. Umgekehrt ist das nicht immer so. „Einmal hat mich ein Auto voll erwischt“, sagt er, „vorne an der Box, und dann lag ich da. Ist eben so: Die ein oder andere Narbe haben alle Kurierfahrer.“ Was laut Alex auch alle Fahrer haben: zig Fahrstuhl-Selfies. „Alter Fahrertrick: Am Ziel angekommen, geht es im Fahrstuhl hoch zur angegebenen Etage, runter auf der Treppe – weil dort Funkempfang ist und schon der nächste Auftrag angenommen werden kann.“ Und genauso macht er es dann, als das Paket sicher beim Empfänger gelandet ist. Ein paar Knopfdrücke auf die umgeschnallten Geräte, und weiter geht’s, nun sollen Klamotten von einer Boutique in ein Hotel gebracht werden.

Dass Alex in der Kurierfahrerbranche arbeitet, ist übrigens nur konsequent. Im Saarland arbeitete er lange selbstständig im Bereich der E-Mobilität, half anderem dabei, Hoverboards in Europa zu etablieren, indem er sie gekonnt platzierte, etwa in Sendungen wie „Schlag den Raab“. Alex: „Durch die ständige Beschäftigung mit alternativer Mobilität habe ich mich auch privat verändert, mein Auto verkauft und mir ein Lastenfahrrad angeschafft. Und irgendwann dachte ich: Das wäre doch auch ein Job für mich, also das Übermitteln von Waren per Lastenfahrrad.“

Er fing bei der Kurier AG an, um ein Gespür für den Beruf zu entwickeln, und baute nebenher schrittweise seine eigene Firma Bringbock auf, über die er heute zusätzlich Aufträge zum Ausliefern von Paketen von einem Berliner Onlineshop annimmt, der auf der letzten Meile via Lastenfahrrad ausliefern lässt. Das Geschäft läuft gut und macht Alex weiterhin Spaß – mal abgesehen von seltenen Unfällen, starkem Materialverschleiß, Passantengemecker und dem nicht immer fahrerfreundlichen Wetter. Auch Hamburg habe er immer besser kennen- und lieben gelernt durch den Job: „Die Stadt ist überall anders, riecht sogar überall anders, hier nach vermodertem Wasser, dort nach süßem Sanddorn. Ich nehme alles war, verbinde jeden Ort mit einem Duft.“ Und womöglich mit dem nächsten Auftrag.

 

Finn (21), Rettungssanitäter

Rettungssanitäter-c-Erik-Brandt-Höge

Finn ist bereits seit fünf Jahren für das Deutsche Rote Kreuz tätig

Vor fünf Jahren habe ich angefangen, ehrenamtlich für das Deutsche Rote Kreuz zu arbeiten, zum Beispiel im Katastrophenschutz. Nach der Schule war ich ein Jahr mit dem DRK in Namibia, habe unter anderem Hygienekampagnen organisiert und gegen den Ausbruch von Hepatitis E gekämpft. Und seit sechs Monaten bin ich Rettungssanitäter und fahre einen Rettungswagen in Hamburg. Die Ausbildung hierfür dauerte drei Monate, außerdem brauchte ich einen Führerschein für kleine Lkw, weil der Wagen über dreieinhalb Tonnen wiegt.

Mein Arbeitsalltag sieht ungefähr so aus: Wenn ich die Frühschicht habe, die von 7 bis 19 Uhr geht, komme ich morgens zur DRK-Rettungswache und treffe die Kollegen aus der Nachtschicht, die mir und einem Kollegen das Auto übergeben. Das prüfe ich dann genau, zum Beispiel, ob genug Sprit vorhanden ist und alle medizinischen Geräte da sind. Sobald der Pieper, den wir immer an der Hose tragen, piept, geht es in den Einsatz – und manchmal auch um Leben und Tod. Wir fahren zu den Patienten, helfen ihnen und bringen sie gegebenenfalls ins Krankenhaus. Was wir versuchen, ist den Zustand des Patienten stabil zu halten und ihn dann einer Fachkraft zuzuführen.

Im Verkehr müssen wir natürlich extrem wachsam sein und aufpassen, was wir tun, besonders wenn wir mit Blaulicht unterwegs sind. Wir können ja nicht einfach in hohem Tempo über Kreuzungen und rote Ampeln fahren, wir dürfen trotz der gebotenen Eile schließlich keine anderen Verkehrsteilnehmer gefährden. Wir müssen immer für andere mitdenken und auch damit rechnen, dass sich nicht alle vorschriftsmäßig verhalten. Das kann natürlich stressig sein. Bei den Autofahrern erleben wir zwei Extreme: eine Schockstarre, in die manche aufgrund der Ausnahmesituation verfallen, und ein Platzmachen der meisten, die alles versuchen, um uns nicht zu behindern. Zwischen den Einsätzen haben wir relativ entspannte Phasen unter Kollegen, was auch sehr viel wert ist. Wir ticken alle ähnlich, wollen alle das Gleiche: Menschen helfen.

 

Long (43), Eiswagenfahrer

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Eiswagenfahrer im Sommer, Taxifahrer im Winter

Seit über 20 Jahren bin ich schon Eisverkäufer in Hamburg und mit meinem Wagen unterwegs. Mein Arbeitsgebiet ist Altona, dort fahre ich so ziemlich überall hin, auch auf Bestellung zum Beispiel zu Betriebshöfen. Mein Auto ist alt, aber es läuft und läuft und läuft (lacht). Und wenn mal Kleinigkeiten anfallen, kann ich mittlerweile schon selbst die Reparaturen vornehmen. Hier mal ein bisschen flicken, da mal ein bisschen Silikon nachziehen – das ist alles kein Problem.

Wie ich zum mobilen Eisverkauf kam? Es war 1991, ich war erst 15 Jahre alt, fast noch Kind, als ich von Vietnam nach Deutschland kam. Damals habe ich angefangen, in einer Eisfirma zu arbeiten. Irgendwann habe ich gesehen, dass es Bedarf an Eiswagenfahrern gibt, da habe ich mich selbstständig gemacht und bin es bis heute.

Ich könnte das Eis auch selbst machen, aber dafür habe ich kaum Zeit, wenn ich den ganzen Tag herumfahre. Deshalb beziehe ich es von einer Firma. Ich habe übrigens noch einen zweiten mobilen Job, den allerdings in meiner Heimat. Von März bis Oktober fahre ich mit meinem Eiswagen durch Altona, im Winter fliege ich nach Vietnam – und arbeite dort als Taxifahrer.

 

Alexander (32), Schiffsführer

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„Wollte schon immer Kapitän sein“: Alexander

Ich bin gelernter Tischler, habe jahrelang in der Holzbranche gearbeitet – aber eigentlich wollte ich schon immer Kapitän sein. Es war vor gut vier Jahren, als meine Frau schließlich zu mir sagte: „Versuch’s doch einfach mal!“ Also habe mich umgehört, was machbar ist. Mit drei Kindern wollte ich ungern als Kapitän zur See fahren, aber die Fähren im Hafen haben mich sehr gereizt.

Ich habe dann eine Ausbildung zum Hafenschiffer und ein Hafenpatent gemacht, also alles gelernt, was zum nautischen Betrieb dazugehört: allgemeine Schifffahrtsgesetze und die besonderen Gesetze, die hier im Hafen gelten, Maschinenkunde und Englisch. Seitdem bin ich auf der Elbe unterwegs, fahre Linien wie die 62 (zwischen Landungsbrücken und Finkenwerder), 72 (zwischen Landungsbrücken und Elbphilharmonie) und 73 (zwischen Landungsbrücken und Ernst August Schleuse). Die frühste Schicht beginnt für mich um 4.15 Uhr und geht bis circa 13 Uhr, die späteste fängt um 15 Uhr an dauert bis 23 Uhr.

Stress kenne ich in diesem Job nicht. Das liegt sicher auch daran, dass es keine wechselnden Herausforderungen gibt, wie sie zum Beispiel ein Projektmanager zu bewältigen hat, der jeden Tag vor neuen Aufgaben steht. Ich mache einfach zu Arbeitsbeginn das Schiff klar, und dann fahre ich meine Touren. Klar, das ist manchmal ein wenig monoton, aber mir macht es trotzdem großen Spaß. Auch, weil ich eben im schönen Hamburger Hafen arbeite, in dem ich immer wieder neue Ansichten und tolle Sonnenauf- und -untergänge mitbekomme. Und ich meine: Ich fahre ein Schiff! Allein das ist schon toll. Maximal befördere ich 250 Personen. Das Schiff würde zwar 500 bis 600 Leute aushalten, aber solange nur ein Schiffsführer an Bord ist, sind laut Hafenfahrzeugattest maximal 250 Personen erlaubt. Mehr könnte ich im Notfall gar nicht evakuieren.


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Fahrrad-Stadt: So baut Hamburg den Radverkehr aus

Velorouten, Stadtrad und mehr Stellplätze: Hamburg baut die Infrastruktur für Fahrradfahrer aus. Warum ein funktionierender Verkehr auch immer einen guten Mobilitätsmix braucht, erklärt Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue

Interview: Sophia Herzog
Foto (o.): Fahrrad.Hamburg

 

SZENE HAMBURG: Frau Pfaue, Hollandrad oder Fixie-Bike?

Kirsten Pfaue: Hollandrad.

Ist das Fahrrad Teil Ihres Alltags?

Ja, definitiv. Entweder ich bringe meine Tochter zur Kita, oder ich fahre zum Einkaufen oder zur Arbeit. Ein Leben ohne Rad könnte ich mir gar nicht vorstellen.

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Kirsten Pfaue macht Hamburg Stück für Stück zur Fahrradstadt / Foto: BWVI Hamburg

Verbinden Sie besondere Erinnerungen mit dem Fahrradfahren?

Für mich steht das Fahrrad für Unabhängigkeit und Freiheit. Früher habe ich mit dem Fahrrad viele Reisen durch Europa gemacht. Dabei konnte ich das Land immer ganz unmittelbar erleben. Es ist so schön, einfach an einem französischen Marktplatz anzuhalten und vor Ort Obst oder Käse einzukaufen. Das Lebendige am Radfahren hat mich schon immer begeistert.

Diese Leidenschaft ist 2015 schließlich Teil Ihres Jobs geworden – was genau macht eine Radverkehrskoordinatorin?

Meine Aufgabe ist es, Hamburg jeden Tag ein Stück fahrradfreundlicher zu machen. Das Wichtigste dabei ist, dass alle, die sich in der Verwaltung der Stadt Hamburg um dieses Thema kümmern, an einem Strang ziehen. Deshalb laufen bei mir alle Fäden zusammen. Jede Entscheidung, die ich treffe, soll den Radverkehr in Hamburg nach vorne bringen. Dazu spreche ich natürlich mit meinen Kollegen, mit Staatsräten, und auch mit Polizisten vor Ort oder den Hamburgern selbst.

Wie motivieren Sie die Hamburger dazu, öfter mal aufs Rad umzusteigen?

Erst einmal bauen wir natürlich stadtweit die Infrastruktur und die Services aus, wir wollen aber auch mit den Hamburgern ins Gespräch kommen. Deshalb haben wir die Kampagne „Fahr ein schöneres Hamburg“ ins Leben gerufen. Mit dieser Kampagne wollen wir die Bereitschaft der Hamburger für das Radfahren steigern, das Engagement der Stadt sichtbar machen und über unsere Angebote informieren.

 

Hört hier den Song „Von Hamburg bis zum Meer“ zur Kampagne „Fahr ein schöneres Hamburg“

 

Wie verändern sich Städte, wenn mehr Menschen das Fahrrad nutzen?

Ziel des Hamburger Senats ist es, bis Ende der 2020er Jahre einen Fahrradverkehrsanteil von 25 Prozent zu erreichen. Gerade sind wir bei rund 15 Prozent. Ein hoher Radverkehrsanteil steht für die Lebensqualität einer Stadt, weil Städte durch Radverkehr viel lebendiger werden. Und er löst auch viele Herausforderungen, vor denen wir heute stehen. Radverkehr bringt bessere Luft, weniger Lärm und weniger Stau. Daher ist es ganz wichtig, dass wir den Radverkehr in Hamburg fördern.

Grundlage für diese Förderung ist auch das „Bündnis für den Radverkehr“, das unter Olaf Scholz 2016 unterzeichnet wurde. Was hat sich seitdem konkret getan?

Sehr viel! Seit der Unterzeichnung des Bündnisses haben wir in Hamburg eine Radverkehrsförderung, wie es sie vorher noch nie gab. Wir haben seitdem vorangebracht, dass an allen U- und S-Bahnhöfen hochwertige Abstellanlagen gebaut werden. Unser Stadtrad-System ist erweitert worden, sogar um E-Lastenräder. Und natürlich wird auch das Velorouten-Netz ausgebaut. Das wird immer sichtbarer, an der Ecke Krugkoppelbrücke und Harvesterhuder Weg ist beispielsweise gerade ein Kreisel auf der Veloroute 4 fertig geworden.

Jährlich entstehen rund 30 bis 40 Kilometer Radverkehrsanlagen. Das findet auch bundesweit Anerkennung, wir werden 2021 den Nationalen Radverkehrskongress mit dem Bund hier in Hamburg als Gastgeber durchführen. Dies ist ein großes Kompliment an das, was wir in den letzten Jahren geschafft haben.

 

„Wir müssen den Stadtraum völlig neu aufteilen“

 

Es wird oft kritisiert, dass Radfahren auf Hamburgs Straßen nicht sehr sicher ist, was vielerorts auch an den Konflikten zwischen Autofahrern, Radlern und Fußgängern liegt. Wie lässt sich dieses Konfliktpotential verringern?

Gute Radverkehrsförderung bedeutet auch immer Förderung für den Fußverkehr. Hamburg wächst, wir werden bald die Zwei-Millionen-Marke knacken. Das heißt, dass wir auf den Fußwegen mehr Platz brauchen, die aber gerade häufig von schmalen Radwegen besetzt sind. Der Radverkehr muss also von dort auf die Straße gelenkt werden, wo es wiederum sichere und breite Fahrradspuren braucht. Wir müssen den Straßenraum also völlig neu aufteilen.

Deshalb der Ausbau des Velorouten-Netzes in der Stadt…

Genau, beim Veloroutenausbau setzen wir auf mehr Platz für die Radfahrer. Wir wollen loskommen von diesen hubbeligen, handtuchbreiten Wegen. Stattdessen wollen wir breite Radrouten, auf denen die Fahrradfahrer sicher, zügig und komfortabel fahren können. Platz schafft Sicherheit. Wie das aussieht, können die Hamburger zum Beispiel schon an den Fahrradstraßen Chemnitzstraße oder Leinpfad sehen. Ab August wird der Ballindamm umgebaut, Radfahrer bekommen dort bis zu 2,75 Meter breite Radstreifen.

Ab wann kann die Stadt denn auf dem fertigen Velorouten-Netz erkundet werden?

Als ich meinen Job als Radverkehrskoordinatorin angefangen habe, war das Thema Velorouten ein unbeackertes Feld. Der Plan lag zwar in der Schublade, wurde aber nicht umgesetzt. Inzwischen haben wir 253 Maßnahmen über das ganze Stadtgebiet angestoßen, die gerade in Planung oder im Bau sind. Bis Ende 2020 werden wir dafür 30 Millionen Euro Bundesmittel verbaut haben. Dann wird auch das Streckennetz überwiegend fertig sein. Allerdings gibt es auch Maßnahmen, die erst danach umgesetzt werden, was einfach daran liegt, dass manche Planungen länger brauchen, weil beispielsweise Grundstücke gekauft oder Bauzeitfenster gefunden werden müssen.

 

„Bis 2025 bauen wir an S- und U-Bahnhöfen rund 25.000 Abstellplätze für Fahrräder“

 

Nicht jede Strecke lässt sich mit dem Rad fahren. Wie bringen sie Menschen dazu, die beispielsweise mit dem Auto zur Arbeit in die Innenstadt pendeln?

Da arbeiten wir an zwei Strängen. Zum einen sind das die Velorouten, die sternförmig aus dem Hamburger Umland in die Stadt hineinführen. Durch E-unterstütze Räder kann man inzwischen auch ganz andere Strecken zurücklegen als mit dem herkömmlichen Rad. Und zum anderen brauchen wir wirklich gute Mobilitätsketten. Das heißt, ein Pendler muss wissen, dass es beim nächsten Bahnhof sichere Abstellanlagen gibt, bei denen das Rad tagsüber gut aufgehoben ist.

Deshalb bauen wir bis 2025 an allen S- und U-Bahnhöfen rund 25.000 Abstellplätze in einem hohen, einheitlichen Standard. Und in der Stadt angekommen, können sich die Pendler dann ein Stadtrad schnappen und damit in die Nähe des Arbeitsplatzes fahren.

Apropos Stadtrad: Im letzten Jahr wurden neue Stationen gebaut, und die Flotte wurde erweitert. Wie geht es weiter?

Vor einem Jahr hatten wir noch 214 Leihstationen mit 2.450 Fahrrädern. Heute gibt es bereits 224 Stationen, diese werden in den kommenden Jahren schrittweise auf 350 Stationen mit 4.500 Leihrädern ausgebaut. So erreichen wir eine Vollabdeckung in der Stadt. Unser Ziel ist es, dass die Hamburger im ganzen Stadtgebiet an allen S- und U-Bahnhöfen und in allen Stadtteilzentren eine Station finden. Die erste halbe Stunde der Nutzung ist kostenlos, und per App kann man vorher prüfen, an welcher Station noch Fahrräder verfügbar sind. Das Stadtrad ist damit ein sehr komfortables Verkehrsmittel, das viele Hamburger schätzen und lieben.

Das Stadtrad scheint ein elementarer Teil des Mobilitätskonzepts der Stadt zu sein. Aber sind 4.500 Stadträder wirklich genug, um ganz Hamburg zu versorgen?

Ja, das Stadtrad erfreut sich großer Beliebtheit. Es ist sogar das meist genutzte Fahrradverleihsystem Deutschlands. Unser Ziel ist eine große Stationsdichte, die an Orten mit hohem Kundenpotenzial sowie mit hoher Einwohnerzahl im Umkreis von 500 Metern liegt. Wichtig ist uns dabei stets auch ein qualitativ hochwertiges und gepflegtes Erscheinungsbild des Stadtrad-Systems. Deshalb wachsen wir lieber im guten Tempo als zu rasant.

Gibt es andere Fahrradstädte, Kopenhagen zum Beispiel, die Hamburg sich als Vorbild nehmen könnte?

Ganz bestimmt. In diesen Städten wird schon viel weitergedacht, das merkt man oft an den Feinheiten. In Groningen zum Beispiel gibt es Radfahr-Ampeln, die bei Regen längere Grünphasen haben. So werden die Radler bei Rot nicht so lange im Regen stehen gelassen. Schöne Sache. Das sind Kleinigkeiten, die zeigen: Wir nehmen den Radfahrer ernst und geben ihm eine hohe Priorität im Straßenverkehr.

Können Sie sich vorstellen, dass in Hamburg irgendwann nur noch Radfahrer unterwegs sind?

Nein, das ist auch nicht unser Ziel. Es gibt auch gute Gründe, in einer so großen Stadt den öffentlichen Nahverkehr stark auszubauen und dem Fußverkehr einen großen Stellenwert einzuräumen. Und natürlich wird es weiter Autos und Lieferwagen geben. Das ist doch selbstverständlich, gerade in einer Wirtschafts- und Logistikmetropole wie Hamburg. Es muss uns aber nur allen klar sein, dass es so, wie es jetzt ist, nicht weitergeht. Wir brauchen neue Angebote, um gerade den individuellen Autoverkehr zu reduzieren. Sonst steht der Verkehr. In einem zukunftsfähigen Mobilitätsmix wird das Fahrrad eine zentrale Rolle spielen, aber sicher bleibt auch: Die Mischung macht’s.

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Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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HafenCity: Neues Quartier in Planung

In der HafenCity entsteht ein neuer integrierter Stadtteil – mit eigenem Innovationsmanager. Was sich verändern wird, erzählt Joscha Domdey im Interview

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Herr Domdey, das neue Quartier trägt den Namen „Westfield Hamburg-Überseequartier“ – benannt nach Unibail-Rodamco-Westfield, einem Betreiber von Shopping-Zentren in aller Welt. Warum?

Joscha Domdey: Eine wichtige Info zum Anfang: Wir werden hier kein Shoppingcenter bauen. Es wird ein sogenanntes „Mixed-­Use­-Quartier“ mit verschiedenen Nutzungen. 650 Wohnungen, 4.000 Büroarbeitsplätze, drei Hotels, Kultur­ und Freizeitangebote, über 40 Restaurants, 200 Geschäfte und ein Kreuzfahrtterminal.

Die Marke Westfield ist in Europa und international ein Qualitätsversprechen. Wir verbinden die Marke immer mit dem lokalen Kontext. Denn wir sind natürlich Teil Hamburgs. So ist „Westfield Hamburg­-Übersee­quartier“ eine gute Symbiose aus international und lokal, und das ist auch die Idee.

Was sind Ihre Aufgaben als Innovationsmanager?

Kooperationsmöglichkeiten finden, Recherche und Trend­-Scouting, kreative Workshops organisieren, Kolleginnen und Kollegen inspirieren, innovative Ideen in umsetzungsfähige Piloten wandeln – kurz: Ich kümmere mich um den Aufbau eines Netzwerks rund um neue Ideen, Start-Ups, Thinktanks und Unternehmen. Unser Ziel: ein modernes, lebhaftes Quartier.

Wo liegen die Schwerpunkte der Innovation? Technisch, wirtschaftlich oder sozial?

Der Community-­Gedanke ist bei uns ganz groß. Es soll ein sozialer Treffpunkt werden. Wir wollen den Leuten in der Nachbarschaft Gastronomiekonzepte anbieten, wo sie tagtäglich hingehen können – und auch ganz besondere Orte an der Wasserkante mit Blick auf die Elbe schaffen.

Ein weiterer Fokus: die Ausstattung der Gebäude. Wir möchten, dass sie nachhaltig gebaut und innovativ vernetzt sind: Intelligente Gebäudetechnik steuert Sanitär­, Heizungs-­ und Beleuchtungsanlagen, senkt Energiekosten und sorgt für ein gutes Wohngefühl. Smarte Logistik­ und Verkehrsleitsysteme entspannen die Verkehrssituation.

Wir möchten die verschiedenen Services auf einer App bündeln, die informiert und alles einfach zu bedienen ist. Die Plattform kann dann von Besuchern genutzt werden.

 

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Büros, Hotels, Restaurants, Geschäfte, Wohnungen und Kultur- und Freizeitangebote sollen entstehen / Foto: Moka Studio

 

Was gibt es für konkrete Pläne?

Ein großes Thema ist die Mobilität. Da denken wir in alle Richtungen und wählen am Ende die besten Konzepte aus. Wir haben eine Partnerschaft mit den e­-floatern aus der Nachbarschaft. Ein super­ spannendes Konzept: e­-floater haben drei Räder und können – anders als E-­Scooter – nicht umfallen.

Das ist gut für das Stadtbild, denn die Roller liegen nicht mehr auf den Gehsteigen. Die Vision der e-floater: Dreiräder können irgendwann autonom fahren. Wenn sie falsch geparkt sind, kann man sie auf Knopfdruck richtig parken. Sie können ohne Stecker induktiv geladen werden, indem man nur noch auf eine Plattform fährt, die lädt.

Ein anderer Partner ist Wunder Mobility. Die ent­wickeln Carpooling­-Lösungen, damit Mitarbeiter nicht alleine mit dem Auto kommen, sondern gemeinsam, also gepoolt. Oder Smart Parking Systeme: Sobald es der Datenschutz erlaubt, könnten wir Nummernschilder scannen. Der Kunde fährt dann mit einer Monatsmitgliedschaft einfach ins Parkhaus, ohne einen Papier-­Parkschein lösen zu müssen.

Haben Sie Kriterien, nach denen Sie Ihre Partner aussuchen?

Ich habe keine Checkliste. Aber wir arbeiten gerne mit jungen Start-ups und Projekten zusammen. Wir stehen mit dem Fraunhofer­-Institut in Kontakt. Dort wird an immer­siven Welten geforscht. Eine virtuelle Welt, in der es Gerüche oder Gefühle wie Wärme und Kälte gibt. Ein außergewöhnliches Erlebnis.

Wir arbeiten mit Studententeams zusammen wie von der Uni Köln: Die Studenten haben sich auf verschiedene Mobilitätsschwerpunkte fokussiert – zum einen aus der Quartiersperspektive: Wer könnten die richtigen Partner für das Quartier sein, zum Beispiel im Bereich Radverkehr? Welche Mobilitätsplattformen sind für die Kunden geeignet? Heute und in Zukunft?

Zum anderen wurde die Kundenperspektive analysiert: Bestimmte Besuchertypen wurden auf ihrem Weg zum Quartier simuliert und es wurde geschaut, welche Mobilitätsformen einfach und nachhaltig sind.

 

„Ein Ort für alle Hamburger“

 

Die HafenCity ist umringt von Stadtteilen mit hoher Diversität: Gibt es Überlegungen, wie hier ein Ort für Alt und Jung, Arm und Reich entstehen kann?

Wir möchten das Quartier für jeden erlebbar machen. Wir möchten niemanden speziell ansprechen und niemanden ausschließen. Es wird ein Ort für alle Hamburger, für Leute aus der HafenCity, für Berufstätige, für Besucher und für Jung und Alt.

Wir haben verschiedene Angebote für Familien mit Kinderspielecken. Wir machen Angebote für den Büroarbeiter, damit er sich auf dem Nachhauseweg etwas mitnehmen kann.

Unter anderem ist hier Hamburgs größtes Shoppingcenter geplant. Die Anwohnerinitative „Initiative Lebenswerte HafenCity“ kritisiert das Projekt als UFO, das den Elbblick versperrt, massiven Verkehr verursacht und zu Kommerz statt Lebenskultur führt.

Es handelt sich, wie gesagt, um kein klassisches Shopping­center. Es ist ein urbanes Quartier – ein Stück Ham­burg. Wir haben in verschie­denen Gesprächen die Sorgen aufgenommen. Da ist viel Aufklärarbeit dabei. Wir arbeiten mit dem HVV zu­sammen. Die U4­-Bahnstation Überseequartier ist direkt bei uns im Quartier. Wir sind im Gespräch mit der Hoch­bahn. Wir schauen uns neue Mobilitätskonzepte an. Neben den schon beschriebenen geht es uns um E­-Mobilität und autonome Autos.

 

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Der Blick von oben auf die Zukunft / Foto: Moka Studio

 

Gibt es neben e-floatern und Wunder Mobility weitere Projekte mit der Nachbarschaft?

Wir arbeiten eng mit dem Virtual Reality Headquarter aus der Speicherstadt zusammen. Durch die Kooperation mit der Hamburg Kreativgesellschaft unterstützen wir kreative Berufe. Man sieht heute schon drei Jahre vor Eröffnung, dass wir kein Ufo sind, sondern mit den Leuten vor Ort zusammenarbeiten.

Wir sind im Gespräch mit der Ausstellung „Märchen­ welten“, mit dem Sportsdome und anderen Konzepten. Wir überlegen mit dem Touris­musverband, wie man Kreuzfahrtgäste dazu bringt, einen Tag länger zu bleiben, um das Miniaturwunderland zu genießen, in die Speicherstadt zu gehen oder zu uns zu kommen. Wir versuchen, eine Symbiose zu schaffen.

Ueberseequartier.de


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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SZENE HAMBURG im September 2019: Titelthema Mobilität

Lest in unserem Editorial, auf welche Geschichten ihr euch im September freuen könnt

Foto: Kevin Grieve via Unsplash (Symbolbild)

Aufreger des Monats: die überall rumliegenden E-Roller. Quer über den Bürgersteig, auf Verkehrsinseln, vor Eingängen und Ausfahrten. Und in den Sperrzonen. Unabhängig von deren Sinnhaftigkeit, sollte es erkennbar sein, dass ein irgendwo fix hingeschmissener Roller für andere Menschen nervig bis gefährlich sein könnte. Den momentanen ökologischen Wert der Roller mal ganz beiseite. Aber: Die E-Roller sind ein weiterer Versuch die Mobilität in der Stadt zu verändern, zu erweitern – und das ist gut.

Denn die bisherigen Maßnahmen scheinen sich auszuzahlen. Statistiken zeigen, dass die Leute seit 2002 immer weniger Strecken in Hamburg mit dem Auto zurücklegen. Wir sind zwar noch weit entfernt von einer Fahrradstadt wie Kopenhagen, aber es tut sich eine Menge. Immer mehr Velorouten durchziehen die Stadt, mehr Stadtrad-Stationen sollen kommen und die Bike+Ride-Stationen werden ausgebaut. So erzählt es die Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue im Interview.

 

Das Umdenken ist im Gange – der Verkehr im Wandel

 

Das kommt (nicht nur) den Bewohnern in Altona entgegen. Diese haben sich mit der Initiative Cities4People zusammengesetzt und Ideen für die Umgestaltung des Verkehrs gesammelt. Einstimmig war der Wunsch nach mehr Raum für Fahrräder. Dem würde bestimmt auch Alex zustimmen. Unser Redakteur war einen Tag lang mit dem Fahrradkurier unterwegs und hat unterwegs zwischen Autos und Fußgängern einiges erlebt.

Das Umdenken ist im Gange, der Stadtverkehr im Wandel – noch ist alles natürlich nicht optimal, an einigen Stellen, wie bei den Kosten für die Nutzung von alternativen Verkehrsmitteln, muss geschraubt werden und sich zurechtruckeln – aber es wird!

Text: Hedda Bültmann, Redaktionsleitung SZENE HAMBURG


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Foto: Sophia Herzog

Hedda Bültmann, unsere Redaktionsleiterin, hat den Kopf voller Ideen und bei der SZENE HAMBURG das Ruder in der Hand. Mit ihrem Spirit, Tatendrang und ihren Ideen prägt sie unser Stadtmagazin. Lust auf Austausch? Ihr erreicht sie unter hedda.bueltmann@vkfmi.de


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Club Award – die besten Bühnen der Stadt

Das Hamburger Clubkombinat zeichnet die besten Musikbühnen der Stadt aus. Auch in diesem Jahr kann das Publikum für seinen Lieblingsladen abstimmen.

Text: Ole Masch

Neues Jahr, neue Runde. Am 24. Januar verleiht das Clubkombinat den Hamburger Club Award. Zum neunten Mal werden die begehrten Trophäen an (dann) ausgezeichnete Musikbühnenbetreiber und Veranstalter vergeben. Bereits Ende November startete die Bewerbungsphase für Kategorien wie Musikclub des Jahres, stärkste Newcomerförderung oder das beste Konzert. Eine Jury bestehend aus über 200 Personen der Hamburger Musik- und Medienwirtschaft, unter anderem von SZENE HAMBURG, wählt die Preisträger per Punktevergabe.

 

Green Clubs und die „zerbrochene Gitarre“

 

Erstmals in diesem Jahr, wird der Preis für den Green Club des Jahres vergeben. „Die Einführung dieser Kategorie ist der Versuch, das Engagement der Clubszene für eine zukunftsfähige Entwicklung sichtbar( er) zu machen“, erklärt Clubkombinat-Geschäftsführer Thore Debor. „Es gewinnt derjenige, der die Fachjury in den sechs Handlungsfeldern Licht, Technik und Energie, Gastronomie & Catering, Reinigung & Hygiene, Produktion & Büro, Mobilität und besonderes Engagement zur Integration von Umweltthemen, überzeugt.“

Der Vorstand des Clubkombinats verleiht zudem einen Ehrenpreis an eine Person oder Institution, die sich besonders für die Hamburger Clubkultur und ihr Fortbestehen eingesetzt hat und den Negativpreis „Zerbrochenen Gitarre“, der auf Missstände in der Clublandschaft aufmerksam macht.

Und natürlich darf in diesem Jahr auch das Publikum selbst abstimmen und den beliebtesten Musikclub des Jahres küren. Auf den Seiten des Clubkombinats sind Hamburgs Clubgänger ab sofort aufgefordert, für ihren Lieblingsladen abzustimmen. Das Voting läuft bis 20. Januar. Vier Tage später folgt die große Preisverleihung mit einer Gala im Docks.


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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