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Holocaust-Gedenktag: 10 Orte gegen das Vergessen

Internationaler Tag gegen Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gibt es auch in Hamburg Möglichkeiten des Gedenkens

Text: Eira Richter

 

Wandbild „Für die Frauen vom Dessauer Ufer“

 

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An die Ausbeutung und unmenschliche Unterbringung von Frauen, die im Speicher G am Dessauer Ufer, einem Außenlager vom KZ-Neuengamme, untergebracht waren, erinnert das Wandgemälde „Für die Frauen vom Dessauer Ufer” (1995) von Cecilia Herrero und Hildegund Schuster. Das Gemälde zeigt die jüdische Hamburgerin Lucille Eichengreens, die im Sommer 1944 als Häftling vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit in ihre Heimatstadt zurückkehrte und Aufräumarbeiten in Mineralölraffinerien und anderen Hafenbetrieben verrichten musste.

Eichengreens war zuvor mit mehreren anderen Frauen im KZ Auschwitz nach Alter und körperlicher Verfassung zur Arbeit selektiert worden. Nach ihrer Zeit am Dessauer Ufer kam Lucille Eichengreens ins Außenlager Sasel und gegen Kriegsende ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach der Befreiung durch die Alliierten emigrierte sie in die USA.

Neumühlen 16-20 (Ottensen)

 

Gedenkstein und Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten

Der „Gedenkstein und die Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten“erinnern an die zahlreichen Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen, die aufgrund der NS-Rassenhygiene ermordet wurden.

Neben Zwangssterilisationen beteiligten sich die Ärzte auch aktiv an der Deportation von Patienten in Tötungsanstalten und an der Verlegung von Kindern in das Krankenhaus Rothenburgort, wo Experimente an ihnen durchgeführt wurden. Von den 629 körperlich behinderten, psychisch kranken oder teilweise nur verhaltensauffälligen Kindern und Erwachsenen überlebten nur 79 die „Euthanasie“-Aktionen.

Ev. Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße (Alsterdorf)

 

Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm

Das „Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm“ gedenkt den zwanzig jüdischen Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren, die am 20. April 1945 im Keller der Schule am Bullenhuser Damm ermordet wurden. Zuvor waren die Kinder von Auschwitz in das KZ-Neuengamme verlegt worden, um an ihnen medizinische Experimente durchzuführen. Um die Spuren dieses Verbrechens vor den Alliierten zu verbergen, erhängten Anhänger der SS die Kinder und verbrannten die Leichen anschließend.

Die Errichtung des Mahnmals wurde durch eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, die durch Spenden das Werk des russischen Künstlers Leonid Mogilevski finanzierten. In Erinnerung an die ermordeten Kinder wird jährlich am 20. April eine öffentliche Gedenkveranstaltung organisiert.

Roman-Zeller-Platz (Schnelsen)

 

Stolpersteine-App

 

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„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Künstler Gunter Demnig und gibt daher den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch Stolpersteine einen Namen. Seit 1995 werden mit 10×10 Zentimertern großen Betonwürfeln, die auf der Oberseite mit einer Messingplatte versehen sind, auf denen die Lebensdaten der Opfer des Nationalsozialismus eingraviert sind, an eben diese erinnert.

Über die Stolpersteine-App sowie auf der offiziellenWebsite lassen sich nicht nur die Standorte der Stolpersteine, die in den Gehweg der letzten offiziellen Wohnadressedes Opfers eingelassen sind, finden, sondern auch ausführliche Biographien der Opfer. Die Stolpersteine geben somit jedem die Möglichkeit aktiv gegen das Vergessen der Ermordeten mitzuwirken.

 

Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung

Am 15. Mai 1933 verbrannten Hamburger Studierende, die der SA angehörten, am Kaiser-Friedrich Ufer sogenannte „undeutsche“ Bücher. Dieses Ereignis war das Ergebnis einer demonstrativen, reichsweiten Aktion, mit der die systematische Verfolgung von jüdischen, marxistischen, pazifistischen und anderen oppositionellen oder politisch unliebsamen Autorinnen und Autoren begann.

Zur Erinnerung an die Hamburger Bücherverbrennung wurde eine von Wolfgang Finck gestaltete Mahnmalsanlage geschaffen. Auf vier Marmorblöcken sind ein Zitat des Dichters Heinrich Heine, die Titel verbrannter Bücher, eine Auswahl an Namen Hamburger Autorinnen und Autoren, deren Bücher verbrannt wurden, sowie die Aufforderung zum Engagement gegen Faschismus und Krieg zu finden. Zum Gedenken findet jedes Jahr am Mahnmal eine Lesung von damals verbotenen Texten statt.

Grünanlage am Isebekkanal; Kaiser-Friedrich-Ufer, Ecke Heymannstraße (Eimsbüttel)

 

Mahnmal „Verhörzelle“

Um das Mahnmal „Verhörzelle“ des Künstlers Gerd Stange zu betrachten, kommt man nicht drum herum, sich zu bücken, denn die aus Fundstücken zusammengesetzte Installation ist in einem ausgeschachteten Graben platziert. Die Installation beinhaltet einen Wehrmachtshelm, ein Stück Treibholz und einen alten Gerichtsstuhl und soll insbesondere den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung durch den Justiz-Apparat gedenken.

Geschwister-Scholl-Straße, Ecke Erikastraße (Eppendorf)

 

KZ-Gedankstätte Neuengamme

 

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Das KZ-Neuengamme ist mit den 86 Außenlager als größtes Konzentrationslager in Nordwestdeutschlands bekannt. Von 1938 bis 1945 waren dort etwa 100.400 Menschen aus ganz Europa inhaftiert – von denen nur die Hälfte die Gräueltaten des NS-Regimes überlebten. Um die Erinnerungen an die Opfer des KZ-Neuengamme aufrecht zu erhalten, wurde das ehemalige KZ-Gelände 2005 zu einer Gedenkstätte.

Obwohl die rund achtzig Fußballfelder große KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgrund der Corona-Maßnahmen ihre Ausstellungen vorerst schließen muss, kann man die Gedenkstätte auch durch viele digitale Angebote, wie virtuelle Rundgänge und Ausstellungen sowie durch Posts auf den offiziellen Social-Media-Accounts, besuchen.

Jean-Dolidier-Weg 39 (Neuengamme)

 

Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“

Das Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“ ist den Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern zur Zeit des Nationalsozialismus gewidmet. Aus Ziegelsteinen fertigte der Künstler Thomas Schütte einen von zwölf Stühlen umstellten ovalen Tisch. Dabei befinden sich auf elf Rückenlehnen die Namen von bekannten Hamburgern, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand leisteten.

Der zwölfte Stuhl ist jedoch namenlos, stattdessen wird auf einer Tafel die Gedenkstätte erläutert und der Besucher wird aufgefordert, sich zu den Frauen und Männern des Widerstands zu setzen und ihnen zu gedenken.

Kurt-Schill-Weg (Niendorf)

 

Gedenkort ehemaliger Hannoverscher Bahnhof

Zwischen 1940 und 1945 wurden mindesten 7.112 aus Hamburg und Norddeutschland stammende Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma vom Hannoverschen Bahnhof in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager nach Osten deportiert. Nur wenige hundert der Deportierten entgingen dem Tod, weil sie bei Zwangsarbeit überleben konnten.

Während des Krieges wurden das Bahnhofsgebäude sowie die Gleisanlagen stark zerstört und der historische Ort geriet vorerst in Vergessenheit. Erst mit der Planung der HafenCity bekam der Ort wieder Öffentliche Aufmerksamkeit. Heute erinnern zwanzig Steintafeln an die Namen der Deportierten und bis 2023 soll an diesem Gedenkort im und am Lohsepark das aus drei Elementen bestehende „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ entstehen sowie ein Dokumentationszentrum mit Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen.

Lohseplatz (HafenCity)

 

Mahnmal für die ehemalige Harburger Synagoge

 

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Mit der Errichtung eines Friedhofes im Jahr 1690 und der Eröffnung einer Synagoge 1862 war es der jüdischen Gemeinde in Harburg Wilhelmsburg möglich, ihr religiöses Leben frei zu entfalten. Dies änderte sich jedoch mit der Machtergreifung und den veränderten Lebensverhältnissen, weshalb viele Jüdinnen und Juden emigrierten.

Ab 1936 war die Anzahl der Gemeindemitglieder so gering, dass in der Synagoge keine Gottesdienste mehr gefeiert wurden. Zwei Jahre später zerstörten SA-Angehörige die Inneneinrichtung und Eingangstüren und im Jahr 1941 wurde das Gebäude abgerissen.

Nach Kriegsende wurden auf dem Gelände Wohnhäuser errichtet. Um an die Synagoge zu erinnern, befindet sich seit 1988 ein rekonstruiertes Portal der Synagoge an der Außenfassade an einem der neuen Wohnblöcke. Zusätzlich wird auf zwei Gedenktafeln die Geschichte der Harburger Synagoge erzählt.

Eißendorfer Straße/Ecke Knoopstraße (Harburg)


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Coolhaze: Neues Theaterstück von Studio Braun

Nach „Der goldene Handschuh“ inszeniert das Trio Studio Braun am Schauspielhaus einen literarischen Klassiker und einen Rache-­Thriller der 1970er Jahre als Stück im Stück. Heinz Strunk erklärt, warum er, Rocko Schamoni und Jacques Palminger auf Bezüge zur Gegenwart verzichten

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Strunk, für „Coolhaze“, das neue Stück von Studio Braun, haben Sie Heinrich von Kleists Erzählung „Michael Kohlhaas“ als Vorlage gewählt. Darin wird ein unbescholtener Pferdehändler zum Mordbrenner, weil an einer Grenze unrechtmäßig zwei seiner Pferde konfisziert wurden. Was reizt Sie an diesem Stoff ?

Heinz Strunk: Es geht bei uns ja nicht um Kohlhaas alleine, sondern darum, dass ein durchgeknallter Filmregisseur im Jahr 2020 auf die Idee kommt, die Geschichte als Verschnitt des Actionklassikers „Ein Mann sieht rot“ zu inszenieren. Diesem Film mit Charles Bronson liegt die gleiche Thematik zugrunde, nämlich Rache.

Die Handlung haben wir in die USA verlegt. Coolhaze, wie Michael Kohlhaas bei uns heißt, handelt mit Motorrädern. Zwei davon werden von New York nach New Jersey gebracht und dort steht plötzlich ein Schlagbaum – wie bei Kleist.

Man sieht also ein Stück im Stück?

Es gibt zwei Ebenen: die Film­-Ebene, auf der wir verfolgen, wie der Film gedreht wird, und die Set­-Ebene, wo wir die Schauspieler und den Regisseur privat erleben und wo all die Konflikte gezeigt werden, die innerhalb einer Theater-­ oder Filmhierarchie auftreten.

 

„Das hat nichts mit Trash zu tun“

Heinz Strunk

 

Der Film im Stück wird mit großen Worten als „Action-Musical mit erotischen Horrorszenen“ angekündigt …

Von dieser Bezeichnung haben wir uns schon wieder verabschiedet, weil die irreführend ist. Bei unseren Inszenierungen war in der Presse immer wieder vom „Trash-­Trio Studio Braun“ die Rede. Vielleicht hatte das, was wir früher gemacht haben, etwas mit Trash zu tun, aber mittlerweile ist das überhaupt nicht mehr der Fall.

Was haben wir stattdessen zu erwarten? Spaßige Unterhaltung? Oder wollen Sie den Leuten auch darüber hinaus etwas mitteilen?

Rache, Selbstjustiz und deren Rechtfertigung beruhen ja auf komplexen psychologischen Sachverhalten und berühren grundlegende Fragen der Ethik. Insofern ist das keine leichte Unterhaltung. Dafür sollte man lieber ins Musical gehen. Alle Studio­-Braun-­Stücke sollen zwar unterhaltend sein, aber das alleine wäre uns zu wenig.

Wollen Sie vielleicht auch ein politisches Statement abgeben und ein Amerika zeigen, das die Grenzen dichtmacht und mit seiner Politik die Selbstjustiz herausfordert?

Um Gottes willen! Auf der Bühne etwas zu machen, wo Trump und Amerika eine Rolle spielen, wäre das Allerschlimmste.

Inwiefern?

Das ist so ungefähr das abgewrackteste, abgeschmackteste und ödeste, von allen Satire­ und Kabarettveranstaltungen winkelbeleuchtete Nichtthema. Trump am deutschen Theater zu verhandeln und am besten noch jemanden über die Bühne zu jagen, der so aussieht wie er, das ist richtig schlimm. Bezüge zur Gegenwart werden bei uns nicht beleuchtet.

Charly Hübner, der jetzt als Titelfigur Coolhaze auftritt, hat auch schon den Serienmörder Fritz Honka in der Studio-Braun-Inszenierung Ihres Romans „Der goldene Handschuh“ gespielt. Soll die Gleichbesetzung irgendeine Parallele zwischen beiden Figuren aufzeigen?

Auf keinen Fall. Ich habe mit Charly auch einen Film gedreht, und er ist einfach eine absolute Spitzenkraft. Es ist ein wahnsinniges Glück, dass ich mit ihm befreundet bin und er bei uns mitmacht.

 

Erwartungen an Studio Braun

 

Sie inszenieren das Stück zusammen mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger und stehen auch mit den beiden gemeinsam auf der Bühne. Wie sieht Ihre Arbeitsteilung aus?

In rund zwanzig Jahren haben wir acht oder neun Inszenierungen zusammen gemacht. Wir sind so gut aufeinander eingespielt, dass man da schon von einem blinden Verständnis sprechen kann.

In welcher Rolle sind Sie selbst zu sehen?

Ich bin die Mutter von Coolhaze.

Wie ist das, eine Frauenrolle zu spielen?

In unseren Inszenierungen habe ich schon fünf, sechs Mal die Mutter gespielt. Das ist sozusagen meine Para­derolle.

Verunsichert es, wenn man als Schauspieler nicht aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen kann?

Auch als Schriftsteller muss ich mich ständig in andere Figuren hineinverset­zen. Wenn ich eines kann, dann das.

Keine Angst vor Klamauk?

Wir kopieren hier ja nicht „Charleys Tante“. Aber das Groteske fanden wir schon immer reizvoll.

Sie sprachen eben das Trash-Vorurteil an. Die Mitglieder von Studio Braun kennt man von Telefonstreichen im Radio, als Filmschauspieler, Musiker, Entertainer, Theatermacher und Buchautoren. Ärgern Sie sich manchmal darüber, dass die Leute mit Erwartungen, die Sie vielleicht nicht bedienen wollen, Studio-Braun-Aufführungen besuchen?

Da kann ich nur für mich sprechen. Ich mache ja sehr viele verschiedene Dinge, wobei die Musik wohl am wenigsten wahrgenommen wird. Die anderen Sachen sind aber alle ganz erfolgreich. Ich denke, wenn etwas gut ist, setzt es sich auch durch. Dann spielt es keine Rolle, ob man eigentlich für etwas anderes steht.

„Der goldene Handschuh“ war vielleicht mit „Unterwer­fung“ die erfolgreichste Produktion des Schauspielhauses. Auch die Produk­tionen „Dorfpunks“ und „Fleisch ist mein Gemüse“ waren sehr beliebt.

Gibt es ein geheimes Erfolgsrezept von Studio Braun?

Nein. Wenn man sich wie wir immer originäre Stoffe vornimmt, ist der Erfolg unkalkulierbar.

Sie haben als Autor bereits elf Bücher geschrieben. Sind Sie auch für den „Coolhaze“-Text verantwortlich?

Der ist noch gar nicht fertig. Wir haben natürlich etwas vorbereitet, aber die Dialoge werden während der Pro­duktion geschrieben.

Das heißt, die Schauspieler arbeiten mit szenischen Vorgaben?

Das kommt darauf an. Manche Szenen kann man ganz schlecht vorausplanen. Da sagen wir den Schauspielern, worum es in etwa geht und dann wird improvisiert. Das gilt für etwa ein Drittel der Szenen. Für den Rest gibt es textliche Vorgaben, die während des Spiels verfeinert werden.

Gibt es auch Filmbilder auf der Bühne zu sehen?

Ja, aber wir übertreiben es damit nicht, weil diese ständigen Video­-Einblendungen im Theater ja auch nerven.

Außerdem wird eine Bigband angekündigt …

Eine abgespeckte Bigband mit vier­ zehn Musikern.

Und was spielen die?

Filmmusik aus den 1970er und 1980er Jahren.

Bekommt der Coolhaze am Ende seine Motorräder wieder?

Das wird nicht verraten.

Deutsches Schauspielhaus: Kirchenallee 39 ( St. Georg), Coolhaze: 14.3. (Premiere), 17., 18.3. und weitere


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Der LKA-Beamte Uwe Chrobok

In 40 Jahren beim Landeskriminalamt Hamburg hat Uwe Chrobok einiges miterlebt. Ein Gespräch über Berufsethik und die enorme Entwicklung der DNA-­Analyse

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Herr Chrobok, zugespitzt formuliert, suchen Sie und Ihr Team keine Mörder, sondern ob überhaupt ein Mord oder ein Fremdeinwirken stattgefunden haben könnte. Wie gehen Sie dabei vor?

Uwe Chrobok: In aller Regel wer­den wir von Streifenwagenbesatzungen angerufen, wenn es bei einem Todesfall dubiose Umstände gibt. Je nach Lage entscheiden wir dann, ob wir ausrücken und uns die Situation vor Ort ansehen. Wenn wir hinfahren, gehen wir so vor wie die Mordkommission und die Spurensicherung: unter Vollschutz, mit weißem Anzug, Handschuhen, Mundschutz, Kapuze, um nicht einen eventuellen Tatort zu kontaminieren. Dann untersuchen wir den Leichnam so, wie ein Rechtsmediziner es auch tut.

Wie viele Fälle untersuchen Sie im Jahr?

Von insgesamt rund 18.000 Sterbefällen in Hamburg untersuchen wir ungefähr ein Drittel.

In einigen Fällen erhalten Sie auch Nachricht vom Hausarzt, wenn er ein mögliches Fremdeinwirken feststellt.

Genau. Die Schutzpolizei wird vom Hausarzt informiert, dass eine natürliche Todesursache nicht bestätigt werden kann, weil dem Tod zum Beispiel ein Sturz vorausgegangen ist, oder weil jemand im Zuge einer Operation gestorben ist und es durchaus einen Zusammenhang geben könnte. Dann wird der Sterbefall zwar gemeldet, wir stellen den Leichnam aber sicher, er kommt ins Institut für Rechtsmedizin, und wir übernehmen die Aufklärung.

 

Die sogenannte Kausalkette

 

Laut Statistik sind nur rund zwei Prozent der Todesbescheinigungen fehlerfrei. Wie kommt es dazu?

Es kommt häufig vor, dass die Ärzte einen natürlichen Tod bescheinigen, weil die Todesursache natürlich und isoliert betrachtet auch nachvollzieh­bar erscheint. Gleichwohl kann sich ein scheinbar natürlicher Todesfall aber auch anders darstellen.

Mein Pa­radebeispiel ist ein realer Fall: Es gibt einen Verkehrsunfall, der Beifahrer ist danach von Hals ab gelähmt, dadurch bettlägerig und bedarf der Pflege. Nach einem halben Jahr erkrankt er an einer Lungenentzündung. Der Patient verstirbt an dieser Lungenentzündung und die Todesursache ist, rein medizinisch betrachtet, natürlich. Dann aber kommen die Zusammenhänge ins Spiel: Warum ist er an dieser Lungenentzündung überhaupt erkrankt?

Dann greift die sogenannte Kausalkette: Wäre der Unfall nicht gewesen, hätte er keinen hohen Querschnitt erlitten, wäre nicht bettlägerig geworden und wäre durch die Bettlägerigkeit nicht an der Lungen­ entzündung erkrankt.

Mit welchen Folgen?

Es entstehen juristische Kniffe: Der Fahrer, der den Verkehrsunfall verursacht hat, wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Da der verletzte Mensch aber später daran gestorben ist, hat sich die Rechtsart in der Form geändert, dass aus der fahrlässigen Körperverletzung eine fahrlässige Tötung geworden ist.

Wie kam der Fall heraus?

Der verstorbene Mann wurde eingeäschert. Vor jeder Einäscherung ist, anders als bei einer klassischen Beerdigung, noch mal eine amtsärztliche Leichenschau vorgeschrieben. In Hamburg sind es die Rechtsmediziner, die diese Leichenschau durchführen, und die uns in diesem Fall gemeldet haben: Verkehrsunfall mit hohem Querschnitt in der Vorgeschichte – das kann daher kein natürlicher Tod sein. Wäre er beerdigt worden, wäre das nicht herausgekommen.

 

„Wir gehen mit schwierigen Themen ganz offen um“

 

Gibt es Methoden gegen solche Lücken?

Im Moment gibt es in Hamburg keine Methoden, die das sicherstellen können. Andere Bundesländer arbeiten nach einem anderen System. Bremen hat das Prinzip, dass alle Verstorbenen solange bei den Bestattungsunternehmen bleiben, bis eine amtsärztliche Un­tersuchung durchgeführt wurde.

Das Hauptproblem an dieser Methode ist aber, dass, wenn der Leichnam vom Fundort entfernt wird, ohne dass die Polizei dort tätig gewesen ist, alles verändert ist und die Spurensicherung nicht mehr richtig arbeiten kann. Der Fundort muss „eingefroren“ werden, bis wir uns den Tatort zusammen mit der Spurensicherung gründlich angesehen haben.

Was schlagen Sie vor?

Für Hamburg wäre die Ideallösung, dass die Amtsärzte gemeinsam mit der Polizei, die Leichenschau für jeden Verstorbenen vor Ort durchführen würden.

Sie sind oft mit dem Tod konfrontiert. Wie gehen Sie mit der Schwere Ihres Berufs um?

Wir haben die Möglichkeit, an unsere Seelsorger oder psychosoziale Notfallbetreuung heranzutreten. Wir in unserem speziellen Sachgebiet gehen mit schwierigen Themen ganz offen und ehrlich um. Aber nicht jeder kann mit jeder Art des Versterbens gleich gut umgehen.

Ich mag überhaupt keine Fälle, in denen Menschen von einer Bahn überfahren wurden. Wenn Leute sich vor einen Zug geworfen haben in suizidaler Absicht, birgt die Feuerwehr die Leichenteile. Ich muss dann in diesen Leichenteilen zum Beispiel nach einem Ehering suchen, was es mir ermöglicht, diese Person zu identifizieren. Andere haben damit überhaupt kein Problem.

 

Der „CSI“­-Effekt

 

Ihre Arbeit beinhaltet spezielle Herausforderungen. Wie sieht es mit Nachwuchs aus?

Wer zu uns will, hospitiert zunächst für rund zwei Wochen bei uns, in denen wir gucken, ob derjenige überhaupt geeignet ist und die Aufgabe ernst nimmt. Ich habe auch schon Leute abgelehnt, die die Voraussetzungen nicht mitgebracht haben.

Ich bin auch als Prüfer bei Bewerbungsgesprächen dabei und stelle immer wieder fest: Viele denken, die Arbeit hier wäre so, wie sie in Fernsehserien dargestellt wird. Die wollen am liebsten Forensiker und Profiler in einem sein und auch noch die bösen Buben selbst überführen.

Gucken Sie Krimiserien oder ärgern Sie sich dann nur?

(lacht) Ich war auch mal großer „CSI“-­Fan. Dieser „CSI“­-Effekt ist tatsächlich wissenschaftlich erwiesen – die Leute sehen sich diese Serie an und erwarten das gleiche Verhalten, das ein Horatio Caine an den Tag legt, auch von uns – also locker die Sonnenbrille abnehmen und dann aus fünf Metern Entfernung die Hautschuppe auf dem Gardinenbrett entdecken. Aber das ist natürlich alles nicht realistisch. Außerdem sind die Amerikaner auch weiter als wir, was die DNA­-Analytik und die Geschwindigkeit der DNA-­Ausmusterung angeht.

Aber auch in Deutschland haben sich die technischen Möglichkeiten entwickelt …

Als ich Mitte der 90er zur Mordkommission kam, steckte die DNA­-Analytik noch in den Kinderschuhen. Wir haben damals immer eine Röhre mit Blut in der Serologie abgegeben und waren schon froh, wenn wir die Blutgruppe definieren konnten.

Heute können wir einen mikroskopisch kleinen Blutfleck am Tatort sichern. Die Möglichkeiten reichen bis zum genetischen Phantombild, allerdings dürfen wir in Deutschland aus Datenschutzgründen nur bestimmte Sequenzen eines DNA-­Strangs untersuchen.

Den Niederländern und den USA ist es erlaubt, aus dem DNA­-Material ein Phantombild zu erstellen. Ich war ein­ mal dabei, als die Software mit Probanden getestet wurde – ich war beeindruckt, wie frappierend die Ähnlichkeit zwischen der realen Person und dem Phantombild war.

 

„Die Berufsethik ist enorm wichtig“

 

Wie sieht Ihre Arbeit in der Identifizierungskommission aus?

Zum Beispiel nach dem Tsunami in Südostasien 2004 waren wir Teil einer internationalen Unit, die die Identifizierung dieser Zigtausenden Menschen durchgeführt hat. Wir haben die so­ genannten Ante­-Mortem­-Daten, also der Daten, die vor dem Tod entstanden sind, beigesteuert. Auch beim Absturz der German Wings vor vier Jahren in den Alpen waren wir in diesem Bereich beteiligt.

Unser letzter Einsatz war das Busunglück auf Madeira. Da war ein Hamburger Ehepaar dabei und wir haben bei der Identifizierung geholfen, indem wir diese Daten hier erhoben haben in Form von Fingerabdrücken und DNA­-Material. Bei dieser Arbeit ist übrigens die Berufsethik enorm wichtig – ein Thema, das mich sehr beschäftigt und über das ich Vorträge halte.

Erzählen Sie.

Bei dem German-Wings-­Absturz sind sehr viele, auch kleine Leichenteile gefunden worden. Ein Beispiel: Nun findet man den Teil einer Fingerkuppe, und dann stellt sich die ethisch-­moralische Frage: Wenn ich diese Fingerkuppe untersuche, habe ich am Ende ein DNA­-Muster, aber keine Fingerkuppe mehr. Was soll ich den Angehörigen sagen? Wir haben die Fingerkuppe Ihrer Tochter gefunden, aber jetzt ist sie nicht mehr da, weil wir jetzt sicher sind, dass das die Fingerkuppe Ihrer Tochter war. Das sind die Fragestellungen, die richtig tief in den Bereich Ethik, Theologie und alles, was damit zusammen­ hängt, hineingehen.

Landeskriminalamt Hamburg: Bruno-Georges-Platz 1 (Winterhude)


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Fatih Akin und „Der Goldene Handschuh“ – Hamburger Horror

Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ über den Serienkiller Fritz Honka feierte auf der Berlinale Premiere. Produzentin Nurhan Sekerci-Porst hat uns von den Dreharbeiten, Sauf-Exzessen in der Kiezkneipe und Akins Vorliebe fürs Abseitige erzählt.

Text & Interview: Maike Schade
Foto (o.): Warner Bros.

Fatih Akin wurde 1973 geboren. Zwei Jahre später wurde Fritz Honka verhaftet – jener Serienkiller, der über Jahre hinweg in der Kiez-Kaschemme „Zum Goldenen Handschuh“ Frauen abgeschleppt, in seiner Wohnung in der Ottenser Zeißstraße ermordet, zerstückelt und die Leichenteile in seiner Mansarde versteckt hat. Das beispiellose Verbrechen erschütterte die Hamburger nachhaltig – lange noch ging Honka als Manifestation des sprichwörtlichen „Schwarzen Mannes“ in den Gedanken um.

Auch bei Fatih Akin, der in Altona aufgewachsen ist. Nun hat er Heinz Strunks Roman über die damaligen Geschehnisse verfilmt, in die Kinos kommt der Film ab 21. Februar. Premiere ist auf der Berlinale (7. bis 17. Februar). Hoffentlich. Schließlich geht es hier um den Goldenen Bären. Doch das Ganze ist ein ziemlich enges Höschen, der Horrorstreifen wird wohl erst kurz vor knapp fertig. Sehen konnten wir den Film deshalb noch nicht, Akin schraubte zu Redaktionsschluss noch mit Hochdruck daran. Von der Produzentin Nurhan Sekerci-Porst haben wir trotzdem eine Menge Interessantes über den Film erfahren.

SZENE HAMBURG: Nurhan, mit dem Buch und der Theaterinszenierung am Schauspielhaus ist das Thema Fritz Honka ja eigentlich schon ziemlich gut bedient. Warum wolltet ihr trotzdem diesen Film machen?

Nurhan Sekerci-Porst: Wir haben das beschlossen, gleich nachdem wir den Roman gelesen hatten. Fatih war total begeistert von dem Buch, er kennt ja auch Heinz Strunk und die Geschichte aus eigener Erfahrung – er ist in Altona aufgewachsen, dieser Serienmörder lebte also quasi in seiner Nachbarschaft. Er braucht immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff, den er verfilmt, und das war hier natürlich gegeben. Denn hinzukommt noch, dass die Griechen, die in der Wohnung unter Fritz Honka in der Zeißstraße lebten, Verwandte von Fatihs gutem Freund Adam Bousdoukos waren. Der Onkel, genauer gesagt. Und so entstand schnell die Idee, den Roman zu verfilmen, obwohl der sich mit all der Grausamkeit eigentlich gar nicht unbedingt dafür anbietet.

 

Die Nacktheit der Frauen und das Zersägen hat uns alle sehr mitgenommen

 

Wie war das denn bei dem Dreh? War es für dich überhaupt erträglich, bei der Zerstückelung der Leichen zuzusehen?

Das war für uns alle, für das gesamte Team und die Schauspieler, ziemlich krass. Diese Nacktheit der Frauen, dieses Abschlachten und Zersägen, das hat uns alle sehr mitgenommen. Deshalb hatte ich auch entschieden, dass ein Psychologe am Set sein sollte, wenn es an die expliziteren Szenen geht.

Habt ihr ihn – oder sie – gebraucht?

Das war Dr. Angélique Mundt, eine Psychologin. Es gab Gespräche mit ihr am Set, wenn auch eher genereller Natur. Aber Fatih ist ja auch ein sehr einfühlsamer Regisseur. Es war alles sehr respektvoll, er hat sich sehr viel Zeit genommen für die Szenen und ist erst einmal sehr technisch da rangegangen, um etwas mehr Abstand dazu zu haben. Dennoch war es gut und auch notwendig, dass die Psychologin dabei war.

Das klingt, als wäre es auch für die Zuschauer keine leichte Kost …

Nein, das ist nichts für zartbesaitete Seelen. Allerdings findet beim Zuschauer auch viel im Kopf statt, vieles hört man nur. Das geht aber voll unter die Haut, weil wir in Dolby Atmos gedreht haben, da haut dich der Sound wirklich um. Es ist ein Horrorfilm, das muss man ganz klar sagen.

Also nichts mit Sozialstudie oder so?

Nein. Wir ergründen auch nicht, warum Honka zum Serienmörder geworden ist. Im Grunde genommen ist es wie „Große Freiheit Nr. 7“ (Hans-Albers- Klassiker von 1944, Anm. d. Red.) als Horrorfilm.

Habt ihr den Roman eins zu eins verfilmt?

Nicht eins zu eins. Der Film hat eine stringentere erzählerische Struktur. Der Roman erzählt die Story um die Kneipe herum. Wir erzählen die Story um den Serienkiller. Die Reeder-Familie und den Reeder-Sohn, die in Strunks Roman ja durchaus eine größere Rolle spielen, haben wir beispielsweise weggelassen.

Ihr habt aber in den Originalkneipen gedreht? Also im Handschuh, dem Elbschlosskeller und dem HongKong Hotel?

Jein. Die Außenszenen auf der Reeperbahn und in der Zeißstraße haben wir an den Originalschauplätzen gedreht. Die Interieurs, also den Goldenen Handschuh und auch die Wohnung von Fritz Honka, hat unsere Ausstattungsabteilung komplett und eins zu eins im Überseezentrum nachgebaut. Sascha Nürnberg, einer der Besitzer des Goldenen Handschuhs und ein Enkel des damaligen Besitzers, war völlig geplättet, als er da hineinkam. Er meinte: „Krass, wie haargenau das hier aussieht wie bei uns. Ich fühle mich wie im Handschuh, es fehlt nur der Geruch.“

Warum habt ihr den Goldenen Handschuh denn nachgebaut, wenn es die Location noch gibt?

Es stimmt, und es sieht wohl auch noch genauso aus wie zu Honkas Zeiten. Aber es wäre sehr schwierig geworden, im Goldenen Handschuh zu drehen. Der Laden hat ja bis auf einen Tag im Jahr wirklich immer und rund um die Uhr auf, und die Besitzer wollten ihn nicht längerfristig schließen, er ist ja quasi das Zuhause von vielen Leuten. Und die wären dann vermutlich auf die Barrikaden gegangen, wir hätten dann sowieso nicht in Ruhe drehen können. Es war schon schwierig genug, mitten im Sommer auf dem Kiez zu drehen. Da braucht man super viel Geduld, man darf nicht ausflippen, wenn die Passanten einen anquatschen oder durchs Bild laufen wollen.

 

„ ‚Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka‘, hieß es in der Schule immer“

 

Aber der Kiez sieht doch ganz anders aus als damals, oder?

Ja, das kommt noch hinzu. Die Ausstattung musste vieles anfassen. Trotzdem, alles geht da natürlich nicht. Wir haben deshalb in der Postproduktion für VFX (visuelle Effekte, Anm. d. Red.) eine sehr hohe Summe ausgegeben, weil beispielsweise die Autos verdreckt, Schilder bearbeitet und Fenster retouchiert werden mussten. Oder die Häuserfassaden in der Zeißstraße, die so was von totsaniert wurden – es hat unheimlich viel Zeit und Geduld gekostet, das so nachzubearbeiten, dass es so original wie möglich wirkt.

Hättet ihr das Ganze nicht im Heute spielen lassen können?

Das haben wir tatsächlich ganz kurz diskutiert. Aber nee.

Kann sich Fatih eigentlich an die Geschehnisse damals erinnern?

Er sagt, dass er mit der Angst vor Fritz Honka aufgewachsen ist. In der Schule hieß es wohl immer: „Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka“ oder so ähnlich. An die Verhaftung Honkas erinnert er sich natürlich nicht, da war er ja erst zwei, drei Jahre alt. Aber das hing wohl wie ein Schatten über seiner Kindheit, schließlich war das der skrupelloseste, gewalttätigste Serienmörder der Bundesrepublik. Der hat über fünf Jahre hinweg mehrere Frauen ermordet, hat die Leichenstücke die ganze Zeit da in seiner Mansarde gehortet und immer nur Teile weggeschleppt, alles war abgeklebt und überall in der Wohnung hingen Wunderbäume, um den Geruch zu überdecken. Zu wissen, dass das nebenan passiert ist … Das ist ja das Finstere an der Geschichte: So etwas kann auch in deiner Nachbarschaft geschehen, auch heute noch, und keiner merkt es.

 

Seht hier den Trailer zu „Der Goldene Handschuh“

 

Adam Bouskoudos spielt doch auch mit – wen denn?

Er spielt seinen Onkel. Der hat Honka wegen des Gestanks mehrfach angesprochen und sich auch beim Vermieter beschwert. Aber niemand hat was unternommen. Nicht einmal die Polizisten, die vor Ort waren, weil eines der Opfer entkommen ist und ihn wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt hat. Als die den Geruch ebenfalls bemerkt haben, hat Honka ja behauptet, der käme von den Griechen – also Adams Onkel –, die immer Hammelköpfe kochen würden. Das steht wirklich in den Polizeiakten. Und die sind dann einfach von dannen gezogen.

Die Rolle des knapp 40-jährigen Fritz Honka spielt Jonas Dassler (beim Dreh 22 Jahre alt, Anm. d. Red.). Wie seid ihr denn auf den gekommen, der ist doch viel zu jung und hübsch dafür?

Ja, das stimmt. Wir haben ihn bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises gesehen, wo er als Bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Wir waren so beeindruckt von seinem Auftreten. Er war zwar sehr nervös, dabei aber unglaublich charismatisch. Und da sagte Monique, Fatihs Frau, die auch das Casting für den „Goldenen Handschuh“ gemacht hat: Schade, wenn der ein paar Jahre älter wäre, wäre das dein Fritz Honka. Und da fing es bei Fatih an zu rattern, und er hat ihn zum Casting eingeladen. Eigentlich zuerst eine Schnapsidee, aber Jonas hat uns voll überzeugt.

Wie habt ihr ihn so hässlich und alt gemacht?

Da haben wir sehr, sehr lange getüftelt. Honka hatte ja mehrere Unfälle und ein sehr eingedrücktes, entstelltes Gesicht, und er hat geschielt. Das wollten wir entsprechend umsetzen. Das hieß für Jonas, dass er jeden Tag drei Stunden Maske durchziehen musste. Morgens musste er schon um fünf, sechs am Set sein, abends noch mal eine Stunde zum Abschminken.

 

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Kneipenbesuche waren Pflicht für Fatih Akin

 

Wie habt ihr das mit dem Schielen hinbekommen?

Wir haben in London von einer Expertin, die zum Beispiel auch für den „Fluch der Karibik“ arbeitet, eine riesengroße Linse anfertigen lassen, die die Iris nicht erkennen lässt, sodass wir damit das schielende Auge erzeugen konnten. Die konnte Jonas immer nur eine halbe Stunde am Tag für die Nahaufnahmen tragen – er musste sie nicht immer tragen, ging ja auch gar nicht, in der Kneipe wurde ja auch wirklich geraucht, und da bekam das Auge nicht genug Sauerstoff. Für ihn war das alles körperlich schon sehr, sehr anstrengend. Auch mental natürlich. Und er musste ja auch noch mit Akzent spielen. Aber er hat es wirklich großartig gemacht, und seine eigene Figur Honka mitentwickelt. Wirklich ein ganz, ganz toller Schauspieler, obwohl er ja noch gar nicht so viel Erfahrung hat.

Wie viele Fakos (Fanta-Korn, angeblich Honkas Lieblingsgesöff, Anm. d. Red.) habt ihr eigentlich während des Drehs getrunken?

(lacht) Oh, das waren einige. Natürlich nicht während des Drehs, beim Arbeiten gibt’s keinen Alkohol – nur die Komparsen, echte Gäste aus dem Goldenen Handschuh, haben da richtige Fakos bekommen, die durften das und brauchten es auch. Aber wir waren vor allem während der Vorbereitungszeit viel im echten Goldenen Handschuh und ich muss ganz ehrlich sagen: Du kannst in diesem Laden nicht nüchtern sein. Er lässt dich auch nicht nüchtern sein. Ich habe mir so oft vorgenommen: Heute Abend betrinke ich mich nicht. Aber der Laden hat eine so merkwürdige Energie, das macht irgendwas mit dir, du entkommst dem nicht.

Du beobachtest eigentlich nur die Leute, und irgendwann wirst du dann eins damit und erwischst dich dann am Ende des Abends Arm in Arm mit irgendwelchen Frauen, die du eigentlich gar nicht kennst und plötzlich erzählt man sich die traurigsten Lebensgeschichten. Wirklich eine ganz eigenartige Dynamik, ich kann das gar nicht richtig erklären.

Und wie schmeckt ein echter Handschuh-Fako?

Eigentlich gar nicht. Wir haben uns ja auch die richtige Mische zeigen lassen – nicht halbe-halbe, sondern es muss ein bisschen mehr Korn als Fanta sein. Der arme Jonas hat so viel Korn getrunken! Aus Recherchezwecken natürlich, er war sehr oft im Goldenen Handschuh. Ehrlich gesagt glaube ich, Fako ist eigentlich ein Fantasiegetränk von Heinz Strunk. Der war natürlich auch oft im Goldenen Handschuh, zusammen mit Fatih.

 

„Superhelden interessieren ihn nicht“

 

Ach, das hat Fatih aber doch bestimmt gefallen? Bei den Dreharbeiten zu „Tschick“ hat er doch gesagt: „Auch wenn ich mit Jugendlichen drehe: Ich rauche, ich saufe und ich fluche trotzdem.“

Ja, ja, total. Diese rauen Außenseitergeschichten, abgehangene Leute, die der Gesellschaft oft egal sind, das ist so voll seins – er liebt ja auch Bukowski, genau wie Heinz Strunk. Superhelden interessieren ihn nicht.

Du arbeitest schon seit 2005 mit Fatih zusammen. Was nervt dich an ihm?

Tja … Also, er ist ja Künstler. Und das bedeutet, dass man Dinge immer wieder ausdiskutieren muss. Und es ist aber nicht so, dass dann etwas besprochen und abgehakt ist, sondern drei Tage später ist alles wieder ganz anders. Doch genau das ist es ja auch, was das Arbeiten mit Künstlern so spannend macht – auch wenn einem an manchen Tagen schier die Haare ausfallen vom Raufen. Doch wenn das Ergebnis stimmt, und das tut es bei Fatih immer, dann war es das Ganze auch wert.

Ab 21.2; Premiere mit Akin, Schauspielern und Crew am 20.2., 20 Uhr, roter Teppich ab 19 Uhr, Astor Film Lounge.

 24.2., Sondervorstellung mit den Maskenbildnerinnen, Zeise Kinos, 20 Uhr; 27.2., Sondervorstellung mit Heinz Strunk, Zeise Kinos, 19.30 Uhr.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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