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Hinter der Fassade

Hamburg ist eine der reichsten Städte Deutschlands, mit der höchsten Dichte an Millionären, doch hinter der hübschen Fassade gibt es auch massive Armut – und diese nimmt jährlich zu. Die soziale Spaltung der Gesellschaft ist längst Realität. Kann der Hamburger Bundeskanzler Olaf Scholz das Ruder rumreißen?

Text: Marco Arellano Gomes

Armut hat viele Gesichter. Einige davon sieht man täglich: beim Einkauf, beim Spazierengehen, bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Menschen, die nach einem Euro fragen, die in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen, die emotions- und kraftlos mit Pappschild und Pappbecher in einer Ecke sitzen und auf die Großzügigkeit der Passanten hoffen. Armut hat viele Gesichter. Viele davon sind nicht öffentlich: Menschen, die abgehängt sind, die viel verloren haben, die sich kaum noch aus ihrer Wohnung trauen, vor Scham. Sie existieren, aber sie partizipieren nicht mehr am gesellschaftlichen Leben. Weil das Geld fehlt, die Kraft, die Würde. Die Pandemie hat die Armut aus dem Zentrum des medialen Interesses gerückt – obwohl sie die prekäre Lage der betroffenen Menschen verschärft hat.

Das Armutsrisiko in Deutschland ist gestiegen – das zeigt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtverbands, der am 16. Dezember in Berlin vorgestellt wurde. In der Hansestadt liegt es über dem Bundesdurchschnitt. Demnach lag die Armutsrisikoquote 2020 in der Hansestadt bei 17,8 Prozent – und somit über dem Bundesschnitt von 16,1. Eine Steigerung zum Vorjahreswert von 1,9 Prozentpunkten (2019: 15,9 Prozent) – wobei die Daten aufgrund methodischer und Corona-bedingter Besonderheiten nur bedingt vergleichbar seien, wie Dr. Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes ausdrücklich betont.

„Die Armut in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand“

Die Zahlen beruhen auf Angaben des Statistischen Bundesamtes. Sie zeigen den höchsten Wert an, der je gemessen wurde. „Die Armut in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand“, so der Befund. Der Anstieg der Armutsquote um „nur“ 0,2 Prozentpunkte zeigt aber auch, dass „die rasch ergriffenen Unterstützungsmaßnahmen von Bund und Ländern noch höhere Armutswerte durchaus verhindern konnten“, so Schneider. Kurzarbeitergeld, Wirtschaftshilfen und Arbeitslosengeld I konnten ein – an­gesichts der Herausforderung einer Pandemie – zu erwartendes Anwachsen der Armut zum großen Teil verhindern. Dennoch: 16,1 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland – also 13,4 Millionen Menschen – müssen zu den Armen gerechnet werden.

Die Entwicklung ist eindeutig: 2006 lag die Quote noch bei 14 Prozent. Gerade das schlechte Abschneiden der Hansestadt gibt zu denken: „Deutschland ist nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief gespaltenes Land und die Gräben werden immer tiefer. Während Bayern (11,6 Prozent) und Baden-Württemberg (12,2 Prozent) vergleichsweise gut abschneiden, kommt Hamburg gerade mal auf den 11. Platz – vor Sachsen (17,9 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (19,7 Prozent), Berlin (20,6 Prozent), Sachsen-Anhalt (20,6 Prozent) und Schlusslicht Bremen (28,4 Prozent). Wenn in einem Bundesland jeder zehnte und in einem anderen mehr als jeder vierte Einwohner zu den Armen gezählt werden muss, hat dies mit gleichwertigen Lebensbedingungen in ganz Deutschland nichts mehr zu tun“, so Schneider.

Formen der Armut

Doch was heißt Armut? Wie wird sie definiert? Wer zählt dazu? Und wer ist davon bedroht? Ein Blick auf die Zahlen: Demnach sind es vor allem Erwerbslose (52 Prozent), Alleinerziehende (40,5 Prozent), Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (36 Prozent) und mit niedrigen Bildungsabschlüssen (31 Prozent) sowie kinderreiche Paarhaushalte (30,9 Prozent) besonders von Armut betroffen. Es ist das seit Jahren bekannte soziodemografische Risikoprofil der Armut. Maßstab zu dieser Beurteilung ist ein relativer Armutsbegriff, der auf EU-Standards fußt. Als armutsgefährdet gilt in Europa demnach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Gezählt werden Personen, die in Haushalten leben und deren Ein­kommen diese Grenze unterschreitet. Bei Einpersonenhaushalten lag die Armutsschwelle 2020 bei 1126 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2364 Euro. Arm ist demnach also, wer an der Lebensweise der Gesellschaft nicht oder nicht in ausreichendem Maße teilhaben kann.

Erwerbsarmut, Altersarmut und Kinderarmut

Diese Armut hat viele Formen: Erwerbsarmut ist eine davon: 9,7 Prozent aller Beschäftigten in der Hansestadt Euro brutto im Monat. Sie sind arm – trotz Arbeit. Fast jeder fünfte Vollzeitarbeitende in Deutschland musste einer Studie vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) zufolge 2020 mit maximal 2284 Euro brutto im Monat auskommen.

Eine weitere Form ist die Altersarmut: Aus einer aktuellen Studie des Bundesseniorenministeriums im Dezember geht hervor, dass fast ein Viertel der Menschen mit über 80 Jahren in Deutschland von Armut betroffen sind. 22,4 Prozent der Bevölkerung im Alter von 80 Jahren und älter verfügen demnach maximal über ein monatliches Netto-Einkommen von 1.167 Euro. In Hamburg sind nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) 64.400 Vollzeitbeschäftigte selbst nach 45 Arbeitsjahren im Rentenalter von Armut bedroht. Das Statistikamt Nord informierte darüber, dass „am Jahresende 2020 gut 47.685 Frauen und Männer im Alter in Hamburg Grundsicherungsleistungen zur Sicherstellung der laufenden Lebensführung erhalten.

Die tragischste Form ist die Kinderarmut. Sie wird in aller Regel vererbt. Haben die Eltern ein zu geringes Einkommen, erleben die Kinder in aller Regel ebenfalls ein Leben in Armut, aus dem sie aufgrund der vielfältigen Nachteile schwer herausfinden. Fast jedes fünfte Kind (19,6 Prozent) in Hamburg ist laut Statistikamt Nord von Hartz IV abhängig (Stand: 2019). Die Klassenfahrt, die man sich nicht leisten kann, Klamotten, die man sich nicht leisten kann, Bücher, die nicht erworben werden können – die Benachteiligungen sind vielfältig.

Was Armut bedeutet

Hinter diesen Zahlen stehen Schicksale, Belastungen und Nöte, die durch Statistiken nicht zum Ausdruck kommen. Arme Menschen leben unter Zuständen, die einer wohlhabenden Demokratie nicht würdig sind. Armut macht ängstlich, traurig, verzweifelt. Das Leben erscheint weniger plan- und kontrollierbar. Überforderungen, Stress und materielle Entbehrungen haben auf Dauer Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben ist da kaum möglich. Urlaub wird zum unerreichbaren Traum. Die psychische Belastung von Armen ist höher als von Nichtarmen.

Zunahme der Ungleichheit

Dass immer mehr Menschen von Armut betroffen sind, sollte in einer funktionierenden Demokratie Alarm auslösen. Denn eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass alle Menschen gleiche Chancen haben, am Wohlstand und der Gesellschaft zu partizipieren. Tendenziell erodiert die Mittelschicht hingegen seit geraumer Zeit. Wer mit offenen Augen durch die Stadt spaziert, kann dies erkennen: Am wachsenden Leerstand, an Rentnern, die in Mülleimern nach Pfandflaschen Ausschau halten, an den sorgenvollen Gesichtern. Der Frust, der daraus entsteht, manifestiert sich in Politikverdrossenheit, einem Zulauf an alternativen Parteien und demokratiefeindlichen Bewegungen.

Die schwarz-rote Bundesregierung veröffentlichte am 25. April vergangenen Jahres ihren Armuts- und Reichtumsbericht, der seit 2001 in regelmäßigen Abständen publiziert wird. In dieser inzwischen sechsten Version wird einmal mehr deutlich, dass die Ungleichheit in Deutschland wächst. Doch in einen Alarmzustand versetzte das die Regierung nicht. Der Sozialforscher Christoph Butterwegge, der den Bericht kritisch begleitete, konstatierte gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass der Bericht ohnehin einem neoliberalen Narrativ folge, „das Armut verharmlost und Reichtum verschleiert“. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehören den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mehr als 67 Prozent des Nettogesamtvermögens. Wenn 45 Familien mehr besitzen als die Hälfte der gesamten Bevölkerung, also 40 Millionen Menschen, dann ist etwas schiefgelaufen.

Gründe für die Ungleichheit

Die Ungleichheit hat System. Sie ist zum einen die Folge eines deregulierten Arbeitsmarktes, eines gelockerten Kündigungsschutzes, der Einführung von Leiharbeit, Mini- und Midijobs – kurz: der prekären Beschäftigungsverhältnisse. Der Niedriglohnsektor macht inzwischen fast ein Viertel aller Beschäftigungsverhältnisse aus. Parallel dazu wurde der Sozialstaat durch Reformen schrittweise demontiert. Hinzu kommt die Fiskalpolitik: Kapital- und Gewinnsteuern wurden entweder abgeschafft (unter anderem die Börsenumsatz- und die Gewerbekapitalsteuer), werden nicht mehr erhoben (Vermögenssteuer) oder wurden drastisch gesenkt (Körperschafts- und Kaptitalertragssteuer sowie der Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer).

Wer erbt, kann dies aufgrund der hohen Freibeträge tun, ohne nennenswerte Summen an Erbschaftssteuer zu zahlen. Erhöht wurde 2007 hingegen die Mehrwertsteuer (von 16 auf 19 Prozent) – die seither insbesondere die Armen und die Mittelschicht belastet. Die gegenwärtige Inflation verteuert das Leben zusätzlich und trifft ebenfalls diejenigen, die wenig haben ungleich härter. Laut Statistischem Bundesamt ist die Jahresinflation in Deutschland 2021 mit 3,1 Prozent so hoch ausgefallen wie seit 1993 nicht mehr. Im Dezember lag die Teuerungsrate mit 5,3 Prozent auf dem höchsten Niveau seit fast 30 Jahren. Vor allem die Preise für Energie (plus 18,3 Prozent) und Lebensmittel (plus 6 Prozent) zogen stark an.

Wohnen: Die neue soziale Frage

Nirgends macht sich die Kluft zwischen Arm und Reich so stark bemerkbar wie beim „sozialräumlichen Zerfall der Städte“, so Butterwegge. Viele Familien können sich die Innenstadt-Lagen nicht mehr leisten und werden an die Ränder der Stadt gentrifiziert. Kein Wunder, so der Sozialforscher, wenn die Wohnungsbau- und Stadtentwicklungspolitik seit den 1980er-Jahren privaten Investoren weitestgehend das Feld überlässt. Wohnen wurde zum Spekulationsobjekt. Viele Kommunen verkauften ihre Wohnbestände und hofften, dass die Märkte es schon richten. Immer mehr Wohnungen fielen zudem aus bestehenden sozialen Mietpreisbindungen, während nicht genügend sozialer Wohnraum dazukam. Die Wohnfrage drohe „die soziale Frage des nächsten Jahrzehnts“ zu werden, so Butterwege gegenüber der „SZ“.

Gerade in Großstädten wie Hamburg verschärft sich die Lage von Jahr zu Jahr. Der im Dezember vorgestellte Mietenspiegel zeigt, dass die Mieten seit 2019 um 7,3 Prozent gestiegen sind. Die stärkste Steigerung seit 20 Jahren! Die Mietervereine sind entsetzt und fordern mehr Engagement des Senats. Offenbar reiche das viele Bauen nicht aus, um den Anstieg der Mieten in Hamburg zu bremsen. Die Durchschnitts-Nettokaltmiete beträgt in Hamburg aktuell 9,23 Euro pro Quadratmeter. Für Neubauten in guten Wohnlagen liegt der Wert im Schnitt über 17 Euro. Die Anzahl der Haushalte, die Wohngeld erhalten, hat sich laut Statistikamt Nord im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent auf 12.960 erhöht.

Arme und reiche Stadtteile

Der Hamburger Verein Mieter helfen Mietern spricht von einem „Versagen der Mietenpolitik“. Weitere Mieterhöhungen seien zu befürchten, da sich die Vermieter auf den neuen Mietenspiegel berufen können. „Der Anstieg der durchschnittlichen Nettokaltmiete mahnt uns, nicht nachzulassen in unseren Anstrengungen, den Mietenmarkt mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu entlasten“, konstatiert Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD).

Im Stadtbild macht sich die wachsende Ungleichheit längst bemerkbar. Es gibt Stadtteile, die eindeutig arm sind und Stadtteile, die relativ wohlhabend sind. Nienstedten, Blankenese, Wellingsbüttel und Harvestehude auf der einen Seite. Steilshoop, Billstedt und Veddel auf der anderen. Das ist in Hamburg schon lange so, auch wenn es Bemühungen gibt, dieses Gefälle auszugleichen (unter anderem durch Projekte wie dem „Sprung über die Elbe“). In ihrem Sozialmonitoring-Bericht spricht die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen von „hoher sozialräumlicher Stabilität“. In Wahrheit ist es eine Zementierung der sozialen Verhältnisse.

Was tun?

„Der Regelsatz ist und bleibt die zentrale Stellgröße im Kampf gegen die Armut und für den Zusammenhalt dieser Gesellschaft“, sagt Dr. Ulrich Schneider bei der Präsentation des Paritätischen Armutsberichts. Aber selbst er, der Warner und Mahner, sieht Hoffnung am Horizont. Es gibt Wege für mehr Ausgleich, mehr Chancen, mehr Wohlstand für alle. Und einige sind im Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung erwähnt: So soll der Mindestlohn von derzeit 9,82 Euro auf zwölf Euro brutto erhöht werden. Allein das dürfte das Gehaltsgefüge in Deutschland stark verändern. Nach einer Berechnung des Pestel-Instituts würde eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro die Kaufkraft um etwa 9,8 Milliarden Euro pro Jahr anheben. Scholz versprach den Mindestlohn noch 2022 durchzukriegen. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) arbeitet „mit Hochdruck“ am Gesetzesentwurf. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge soll der Mindestlohn von zwölf Euro ab Oktober in Kraft treten.

In dem Koalitionsvertrag finden sich weitere sozialpolitische Überraschungen: So soll es unter der Ampel-Regierung zu einer Kindergrundsicherung kommen. Hartz IV soll durch ein Bürgergeld abgelöst werden. Die Rente soll um kapitalgedeckte Elemente ergänzt werden.

Christian Lindner: Der Anwalt der Wohlhabenden

Auch das Wohngeld soll gestärkt und um einen einmaligen Heizkostenzuschlag ergänzt werden. Darüber hinaus sind eine staatlich finanzierte Bildungszeit für Beschäftigte, ein Qualifizierungsgeld für Betriebe und Arbeitnehmer in Krisenbranchen und eine Verbesserung des BAföG und – man höre und staune – die Überwindung der Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 geplant. Bei allen Vorhaben wird es letztlich auf die konkrete Ausgestaltung ankommen – und auf die Kosten! Denn jede dieser Koalitionsvereinbarungen steht unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit. Ist das Geld nicht da, bleibt die Umsetzung ungewiss. Und über das Geld wacht ab sofort Finanzminister Christian Lindner (FDP), der eigentlich entgegengesetzte Pläne hegte. Seine Rolle als Anwalt der Wohlhabenden hat er jedenfalls nicht an den Nagel gehängt: So sorgte er mit der FDP dafür, dass im Koalitionsvertrag der Spitzensteuersatz unangetastet bleibt, die Vermögenssteuer nicht wieder eingeführt wird und eine strikte Schuldenbremse vorgesehen ist. Das Wort Erbschaft taucht im Vertrag nicht einmal auf.

Nun hat die Pandemie bereits enorme Kosten verursacht, um Arbeitsplätze zu sichern. Bis Mitte Dezember hat der Staat 42 Milliarden allein für Kurzarbeit ausgegeben. Ein Großteil davon kommt mittlerweile aus dem Bundeshaushalt, da die Rücklagen der Arbeitslosenversicherung bereits aufgebraucht waren. Kurzarbeit und Wirtschaftshilfen verhinderten Massenentlassungen. Doch der Erfolg ist teuer erkauft.

Bauen als Lösung?

Auch das Wohnen spielt im Koalitionsvertrag eine wichtige Rolle. Ein eigenes Ministerium wurde hierzu ins Leben gerufen, mit Klara Geywitz (SPD) als Bauministerin. Vorbild: Hamburgs „Bündnis für das Wohnen“. Strategie: „Bauen, bauen, bauen.“ 400.000 neue Wohnungen sollen pro Jahr hochgezogen werden. Ein ehrgeiziges Ziel. Wo die Grundstücke – gerade in Großstädten – herkommen sollen, bleibt offen. Zudem ist die Lage im Baugewerbe aufgrund von Rohstoffknappheit und Lieferengpässen angespannt – was die Baupreise in die Höhe treibt und Investoren zögern lässt. Und im Gegensatz zu dem Hamburger Vorbild, bei dem ein Drittel der Neubauten dem sozialen Wohnungsbau vorbehalten ist, wird auf Bundesebene nur ein Viertelmix angewandt.

Dabei wird bereits der Drittelmix unter Experten als nicht ausreichend angesehen. Im Interview mit SZENE HAMBURG verriet Prof. Dr. Ingrid Breckner, dass „allein in Hamburg etwa 50 Prozent der Einwohner einen Anspruch auf eine Sozialwohnung“ haben. Auf die Frage, ob der Hamburger Drittelmix beim Neubau reiche, um die Entwicklung zu korrigieren, antwortete die Stadtsoziologin: „Das dürfte wahrscheinlich nicht reichen. In einzelnen Projekten wird der Drittelmix daher auch nicht mehr angestrebt, sondern ein Halbmix von bis zu 50 Prozent.“ Ein zentraler Fehler ist auch die geringe Begrenzungsdauer von sozialem Wohnungsbau. Diese sollte überdacht, wenn nicht sogar abgeschafft werden – wie Mietervereine seit Jahren fordern. Im Koalitionsvertrag ist von einer „dauerhaften Sozialbindung bezahlbaren Wohnraums“ die Rede. Das lässt zumindest hoffen.

„Die heile Welt, in der wir leben, ist ein Trugschluss“

Zu Silvester beschwor Kanzler Scholz den gesellschaftlichen Zusammenhalt, um einer drohenden Spaltung der Gesellschaft durch Corona entgegenzuwirken. Doch eine soziale Spaltung ist bereits da. „Die heile Welt, in der wir leben, ist ein Trugschluss“, so der Sozialforscher Butterwegge gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Wer den sozialen Zusammenhalt wünscht, muss auch etwas dafür tun. Einige Weichen hierzu sind im Koalitionsvertrag fixiert. Nun wird es auf die Umsetzung und Weiterführung ankommen. Da ist die Politik gefragt – auch in Hamburg –, aber auch die Gesellschaft und die Unternehmer. Die Stärkung der Mitte kann nur gemeinsam gelingen. Hierzu reicht nicht nur der Blick auf die hübsche Fassade.


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Bundestagswahl 2021: Tendenzen und ein Königsmacher

Kein klarer Wahlsieger, außer in Hamburg. Dazu eine Regierungsbildung mit Königsmacher – das war die Bundestagswahl 2021. Ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

 

„Das wird scheiße, stell dich darauf ein, du wirst deprimiert sein“, sagte meine Freundin noch eine Stunde vor der ersten Hochrechnung und was soll ich sagen, sie hatte recht. Die Wahl lässt einen im ersten Moment so zurück, wie ein kräftig versalzenes Abendessen: enttäuscht, ratlos und mit leicht verzogenem Gesicht. Auf Bundesebene gibt es keinen klaren Wahlsieger, die AfD verliert zu wenig, die Grünen gewinnen nicht so wie erhofft, und auch die Linke hält sich nur dank ihrer Direktmandate im Parlament.

In Hamburg hingegen ist das Ergebnis deutlich: Rot-Grün. Ganz nach dem Motto: „Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich“ (Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht), teilen sich in der Hansestadt die Direktmandate nur unter der traditionell beliebten SPD und den im Aufschwung befindlichen Grünen auf. Zusammen haben die beiden Parteien hier zudem 9,2 Prozentpunkte mehr Zweitstimmen erhalten als alle anderen Parteien zusammen.

Doch Hamburg ist eine Stadt. Liberal, weltoffen, zukunftsgewandt und nur bedingt so traditionell wie einige ländliche Regionen. Deswegen lässt sich aus Hamburg zwar in der Tendenz der bundesweite Trend ablesen, aber hier schlägt er deutlich stärker zu Buche – so verliert die CDU mit ihrer zum Teil rückwärtsgewandten Politik über zehn Prozentpunkte im Vergleich zu 2017, bundesweit aber nur knapp acht.

 

Und jetzt?

 

Aber was fangen wir damit jetzt an? Zuerst das vielleicht Positivste: Mit 76,6 Prozent war die Wahlbeteiligung bundesweit so hoch, wie zuletzt 2005. In Hamburg waren es sogar 77,8 Prozent, so viel wie seit 2002 bei Bundestagswahlen nicht mehr. Das ist gut, damit war das Interesse an der ersten Nach-Merkel-Wahl sehr groß, aber das Ergebnis … das ist mindestens so unsicher, wie die Lage beim G20-Gipfel in Hamburg – looking at you, Olaf Scholz.

In den unvermeidlichen Talkshows nach der Wahl, mit ungefähr so viel Informationsgehalt wie in einem Schweigekloster, wurde immer wieder von Königsmachern geredet. Königsmacher sind Parteien, ohne die als Juniorpartner keine Koalition möglich ist. Und da wir nach dieser Wahl auf eine Drei-Parteien-Koalition zusteuern – außer es wird wieder eine Kombination aus CDU und SPD und das will wohl niemand – gibt es nur einen Königsmacher. Aber wer ist das? Die Linke? Nein, denn nachdem das Rote-Socken-Gespenst von der Union in den letzten Tagen wie eine Sau durch beinahe jedes Dorf getrieben wurde, bleibt ihr, statt dem Beweis auch regieren zu können wie in Thüringen, nur die Rolle auf der Oppositionsbank. Chance vertan. Die Grünen sind es auch nicht, denn mit ihrem klaren Profil und als deutlich dritte Kraft werden sie zwar zum Koalieren gebraucht, können aber theoretisch mit allen, wie Robert Habeck in Schleswig-Holstein schon bewiesen hat. Somit wird es an ihnen nicht scheitern.

 

Der Königsmacher

 

Nein, der Königsmacher ist ein blonder Barde. Der Vorsitzende der FDP hat sich still und heimliche fast auf Höhe der Grünen gesungen. Nun wird er mit seinen Liedern vom freien Markt und der heiligen Schuldenbremse – vielleicht zusammen mit dem Grünen-Duo – vom Hof Scholz zum Hof Laschet wandeln und seine Dienste feilbieten. Waren es vor ein paar Jahren noch die Worte eines verlachten Hofnarren („Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“), ist dieser in den letzten vier Jahren zum Barden gereift. Offensichtlich hören ihm heute viele Menschen gerne zu und müssen es nach dieser Wahl auch. Doch ob der neue Hof mit dem Barden und seinen Musikanten (und ja, es sind fast nur Männer) seine Freude haben wird, darf im Fall Rot-Grün durchaus bezweifelt werden. Fest steht hingegen: Ohne ihn wird nach dieser Bundestagswahl keine Musik gespielt.


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Wahlkampf: Kann man diesen Händen vertrauen?

Der amtierende Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz ist der erste Hamburger Politiker seit Helmut Schmidt, der sich um das Amt des Bundeskanzlers bewirbt. Lange schien das Ziel unerreichbar. Dann begann er die Wählergunst für sich zu gewinnen. Wird es fürs Kanzleramt reichen?

Text: Marco Arellano Gomes

 

In den vergangenen Monaten erschienen immer wieder Bilder vom amtierenden Vizekanzler, Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, die ihn als Macher, als strahlenden Helden auf geheimer Mission präsentierten: Scholz telefonierend vor dem Kapitol in Washington D.C.; Scholz schmunzelnd vor dem Weißen Haus; Scholz auf einem Schnellboot beim G20-Treffen in Venedig; Scholz mit Allwetterjacke nach einer Geröll-Lawine im oberbayerischen Schönau; Scholz mit Sweatshirt in den überfluteten Gebieten Westdeutschlands. „007 – Keine Zeit zu Schlafen“. Es ist anzunehmen, dass die Fotografen nicht ganz zufällig dort standen. Der Wahlkampf geht in die Endrunde. Es schadet nicht, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Bilder bleiben hängen – und die besagten Bilder von Scholz sind sicherlich vorteilhafter als die eines feixenden Armin Laschet (CDU) im Flut-Katastrophengebiet oder einer grimmig dreinblickenden Annalena Baerbock (Grüne), die sich für ihr zusammengeschustertes Buch entschuldigt. Politik kann in Zeiten des Wahlkampfs gnadenlos und oberflächlich sein. Das wissen alle drei Kandidaten.

 

Wahlkampf mit Wumms

 

Scholz’ Bilder sind großes Kino mit „Wumms“ – und das kommt an: Auf die Frage, wem der drei Kanzlerkandidaten am ehesten das Amt des Bundeskanzlers zuzutrauen sei, stimmten laut ZDF-Politbarometer (Stand: 13. August) 59 Prozent für Scholz (SPD), 28 Prozent für Laschet (CDU) und 23 Prozent für Annalena Baerbock (Grüne). Die SPD konnte einen Anstieg in der Wählergunst von 19 Prozent (+3) verbuchen, während die CDU auf 26 Prozent fiel (-2) und die Grünen auf 19 Prozent (-2). Da vergeht selbst dem Kanzlerkarnevalisten Laschet das Lachen. Neben den vergleichsweise souveränen Auftritten von Scholz und den Patzern der politischen Kontrahenten sind es zwei Gründe, die den Hamburger Spitzenkandidaten im direkten Vergleich besser dastehen lassen: die umfangreichere politische Erfahrung auf Landes-, Bundes- und internationaler Ebene sowie die klareren Ziele.

Im Gegensatz zu anderen Kandidaten scheint Olaf Scholz ein Gespür dafür zu haben, wann ein Lächeln angebracht ist; Foto: Marco Arellano Gomes

Im Gegensatz zu anderen Kandidaten scheint Olaf Scholz ein Gespür dafür zu haben, wann ein Lächeln angebracht ist; Foto: Marco Arellano Gomes

 

Das SPD-Zukunftsprogramm

 

Im Mittelpunkt der mit „Zukunftsprogramm“ umschriebenen Wahlkampagne, die der Hamburger Werbe-Profi Raphael Brinkert für die SPD entwickelt hat, stehen die Begriffe „Respekt“ und „Kompetenz“. Die Kampagne ist stark auf den Spitzenkandidaten zugeschnitten. Er verkörpert das Programm, er steht für die SPD, er ist für alle da. SPD steht ab sofort für „Soziale Politik für Dich“ beziehungsweise für „Scholz Packt Das an“. Das ist die Botschaft, die auf allen Kanälen, an allen Touchpoints der Voter-Journey ausgespielt wird. Plakate, Broschüren, Karten und Social-Media-Posts sind im knalligen SPD-Rot gehalten. Und immer ist er drauf: Olaf Scholz, in Schwarz-Weiß, fotografiert mit speziellen WeitwinkelKameras, abgedruckt mit hohem Kontrast. „Little Olaf is watching you“.

Scholz möchte eine „Gesellschaft des Respekts“, in der Arbeit wertgeschätzt und entsprechend entlohnt wird, steht in der Broschüre. Der Mindestlohn soll hierzu auf 12 Euro erhöht, die Bildung der jungen Menschen gefördert, die Renten gesichert, bezahlbarer Wohnraum und eine gemeinsame Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik für Europa geschaffen werden. Deutschland soll klimaneutral, die Wirtschaft modernisiert, die Digitalisierung vorangetrieben und das Gesundheitssystem gestärkt werden – und hierzu sollen vor allem die finanziell besser gestellten über eine gerechtere Steuerverteilung einen größeren Beitrag leisten.

 

Die zündelnde SPD-Rakete

 

Scholz hat viel vor, will hoch hinaus. Nicht zufällig ist auf Seite 6 der Wahlbroschüre eine kleine rote Rakete abgebildet. Tatsächlich beginnt der Wahlkampf der SPD im August ein wenig zu zündeln. Aber reicht das für einen Höhenflug ins Kanzleramt? Scholz und sein Programm kommen zumindest an bei den Menschen. Am Donnerstagmittag, 5. August, war das in Eimsbüttel zu beobachten. Scholz ist zu Besuch. Um 13.12 Uhr erscheint er am Fanny-Mendelssohn-Platz, begrüßt die Flyer verteilenden Genossen und Genossinnen. Ein kurzer Plausch. Dann geht es weiter. Es stehen Gespräche mit den Einzelhändlern an. Kurz und pragmatisch, so kennt man Scholz. Es ist genau dieses Understatement und der zugrunde liegende Pragmatismus, die ihn in Hamburg so beliebt machten. Sieben Jahre (von 2011 bis 2018) regierte Scholz als Erster Bürgermeister die Hansestadt. Bis heute wird er liebevoll „König Olaf “ oder spöttisch „Prinz Valium“ genannt. Der 1958 in Osnabrück geborene, in Rahlstedt aufgewachsene, mit 17 Jahren in die SPD eingetretene, zwischenzeitlich als Anwalt arbeitende, seit 1998 mit SPD-Politikerin Britta Ernst verheiratete, leidenschaftlich joggende und in Potsdam und Altona wohnhafte Politiker konnte 2011 mit der sozialdemokratischen Partei in Hamburg die absolute Mehrheit erringen (48,4 Prozent). Bei seiner Wiederwahl 2015 reichte es noch immer für sagenhafte 45,6 Prozent – Werte von denen die SPD seither nur noch träumen kann.

 

Der Osterstraßenmarsch

 

Einige Personen sitzen an den Tischen einer Eisdiele und schauen neugierig herüber. Scholz trägt weißes Hemd, Maßanzug, Lederschuhe. Gemeinsam mit dem Eimsbütteler Bundestagsabgeordneten Niels Annen (SPD) spaziert er los, eine Traube Journalisten folgt, fotografiert und filmt ihn. Die Ampel an der Kreuzung Osterstraße/Heußweg schaltet auf Grün, Scholz und die Traube überqueren die Straße, die Ampel zeigt Gelb, dann Rot – wenn das mal kein Zeichen ist! Auf der anderen Straßenseite angekommen, entschwindet Scholz in einer Supermarktfiliale, dessen Logo erstaunlich dem der FDP gleicht. Eine versteckte Botschaft an Christian Lindner? Einige Journalisten folgen ihm, die meisten bleiben draußen und bringen sich für die nächsten Aufnahmen in Stellung. Für die Passanten gibts kein Durchkommen mehr: „Was ist denn hier los?“, fragt eine ältere Dame mit Einkaufskorb. „Olaf Scholz ist zu Besuch“, antwortet einer der Journalisten. „Och ja.“ Ein junger Mann stellt die gleiche Frage, erhält die gleiche Antwort, diesmal blitzt aber mehr Begeisterung auf: „Ach, echt, cool!“ Zum Einkaufen kommt der junge Mann aber nicht, die Bodyguards versperren den Eingang. Nach einigen Minuten tritt Scholz heraus, grinsend. Die Fotokameras klacken, die Traube gerät in Bewegung, vorbei an einer Parfümerie, einem Schuhgeschäft, einer Bäckerei. Die Passanten sind genervt: „Was soll denn das hier?“ Scholz begrüßt einen Arbeiter, der an einem der Außentische einen Kaffee trinkt. Ein anderer Gast ruft: „Finanzminister, Finanzminister,…“ – und nach einer kurzen Pause – „…wieso wird alles teurer?“. Scholz ist da schon einige Meter weiter, gibt Autogramme, lässt sich auf Selfies verewigen. Ein älterer Herr ruft von seinem Fahrrad herüber, dass Scholz sich schämen solle. Ein anderer mit Rauschebart ruft später, dass Scholz ins Gefängnis müsse. Sie spielen wohl auf die Cum-ExGeschäfte der Warburg Bank und den Wirecard-Skandal an, bei denen nicht ganz klar war, wieviel Scholz wusste und ob er möglicherweise hätte eingreifen können, wenn nicht gar müssen. Vielleicht ist aber auch der misslungene G20- Gipfel in Hamburg gemeint, oder die Mitwirkung an den Hartz-IV-Gesetzen – man weiß es nicht. Die meisten Passanten und Passantinnen in der Osterstraße begegnen ihrem ehemaligen Bürgermeister hingegen wohlwollend. Sie lächeln und freuen sich, dass er wieder zu Besuch ist: „Meine Stimme haben Sie“, ruft eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz und hält ihren Daumen in die Höhe. Für Scholz ist der Besuch in Hamburg ein Heimspiel.

 

Bürgergespräch

 

Ob Scholz sich bei Betten Sievers über Laschets Schlafwagen-Wahlkampf informierte?; Foto: Marco Arellano Gomes

Ob Scholz sich bei Betten Sievers über Laschets Schlafwagen-Wahlkampf informierte?; Foto: Marco Arellano Gomes

Als Scholz in ein Betten-Fachgeschäft entschwindet – mutmaßlich, um sich über Laschets „Schlafwagen-Wahlkampf “ zu informieren –, fragt Jörg Dembeck, 77, Rentner aus Lokstedt, hellblaues Hemd, Jeans-Hose, ob es die Möglichkeit gäbe, Herrn Scholz zu sprechen. „Leider nein“, entgegnet einer der Organisatoren. 10 Minuten später kommt die Traube erneut an der Kreuzung Osterstraße/Heußweg vorbei. Scholz grüßt drei Jugendliche, die an der Ecke herumstehen. Erst erkennen sie ihn nicht, dann rufen sie laut „Olaaaaaaaaf “. Scholz muss lachen. So gelassen sieht man ihn nicht oft. Auf der anderen Straßenseite steht wieder Herr Dembeck und ergreift die Gelegenheit für ein Gespräch. Es geht um die Beiersdorf AG, um zwölf Hektar Grün- und Kleingärtenflächen, die leichtfertig feilgeboten wurden. „Sie haben sich über den Tisch ziehen lassen“, so Dembeck. Scholz hört sich alles mit stoischer Ruhe an, umzingelt von neugierigen Journalisten. Seine Gesichtszüge sind nun ernster. Die Sonne strahlt beiden auf die Köpfe – es gibt angenehmere Gesprächssituationen. Aber der ehemalige Bürgermeister nimmt sich Zeit. Er erklärt, wieso er die Entscheidung damals für richtig hielt. Scholz scheint mit sich im Reinen. Das Gespräch endet mit der humoristischen Bemerkung von Herrn Dembeck, dass man froh darüber sein könne, dass der besagte Konzern aus Eimsbüttel für Sonnencreme sorgt – so blieben ihre beiden kahlen Oberhäupter geschützt. Scholz grinst, Dembeck lächelt. Für einen kurzen Moment scheint der ehemalige SPD-Wähler zufrieden – nicht, weil die Argumente ihn überzeugt hätten, sondern weil der Kanzlerkandidat sein Anliegen ernst nahm, ihm mit Respekt begegnete.

 

Ziel Kanzlerschaft?

 

Es geht weiter, in Richtung Karl Schneider Passagen. Hier stellt Scholz sich den Fragen der Journalisten: ZDF, NDR, dpa, RTL sogar Bloomberg TV. Scholz spricht übers Impfen, die Maskenpflicht, Kostenbeteiligung bei Selbsttests. Er erzählt, wie berührt er darüber sei, dass so viele Bürgerinnen und Bürger ihm zutrauen, das Amt des Regierungschefs in Deutschland auszuüben. Dann entschwindet er in ein Spielwarengeschäft – mutmaßlich um sich Matrjoschka-Puppen anzuschauen.

Rechnerisch könnte es tatsächlich für Olaf Scholz als Kanzler reichen. Wenn es der SPD gelänge, im Wahlkampf weitere Prozentpunkte zuzulegen und vor den Grünen zu landen, wäre eine Ampelregierung (Rot-Grün-Gelb) unter Führung von Scholz möglich. Wahlen gewinnen kann er, mit den Grünen regieren auch, Lindner zu umgarnen ist ihm zuzutrauen. Aber kann er auch verlieren? Was Scholz zum Verhängnis werden könnte, ist vor allem seine eigene Partei. Noch steht diese geschlossen hinter ihm, doch die Bevölkerung scheint diesem Burgfrieden nicht zu trauen. Scholz ist nicht der erste SPD-Kanzlerkandidat, der mit seiner Partei hadert. Auch Helmut Schmidt hatte mit den Sozialdemokraten seine Differenzen. Eines aber verband Partei und Spitzenkandidaten damals: Respekt. Schmidt wurde Kanzler – worauf die Hamburger bis heute stolz sind. Scholz ist immer noch im Spielzeugladen. Vielleicht kauft er sich ein Exemplar „Mensch ärgere Dich nicht!“ – zum Eigengebrauch oder als Geschenk für den lieben Armin.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Olaf Scholz: Besonnen oder unverfroren?

Besonnener Mann oder eiskalter Machtpolitiker? Unsere Autoren haben aufgeschrieben, was sie vom ehemaligen Hamburger Bürgermeister, dann Finanzminister und – seit dem 8. Dezember 2021 – nun Bundeskanzler Olaf Scholz halten.

 

In der Ruhe liegt die Macht

Große Politiker erkennt man daran, dass sie an Ort und Stelle sind, wenn es drauf ankommt. Sie handeln umsichtig, besonnen und mit Blick aufs Ganze. Olaf Scholz ist ein solcher Politiker. Das hat er nicht nur als Erster Bürgermeister in Hamburg unter Beweis gestellt, sondern auch als Finanzminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Sieben Jahre regierte Scholz die Hansestadt, ehe er nach Berlin wechselte. Bei seinem Wahlsieg 2011 errang er mit der SPD die absolute Mehrheit (48,4 Prozent), bei seiner Wiederwahl 2015 kam er zu – nach wie vor sagenhaften – 45,6 Prozent. Das sind für die Sozialdemokraten seither bundesweit unerreichte Zahlen.

Der in Osnabrück geborene, in Hamburg-Rahlstedt aufgewachsene und später in Altona lebende Politiker hat einen guten Ruf. Und das hat handfeste Gründe: Scholz brachte das fast Unmögliche fertig und sorgte gleich in seiner ersten Amtszeit in Hamburg dafür, dass die Elbphilharmonie fertig gebaut wurde; Scholz war es auch, der den Wohnungsmarkt in Hamburg durch die Erhöhung der Baugenehmigungen für Neubauwohnungen auf über 10.000 im Jahr beruhigte; und es war ebenfalls Scholz, der während der Corona-Krise die „Bazooka“ zückte, als es darum ging, die Finanzmärkte zu beruhigen, und wenig später mit „Wumms“ Milliardenhilfen für die von Corona geplagte Wirtschaft bereitstellte.

Scholz ist selbstbewusst, stets gut vorbereitet, verlässlich und vertrauenswürdig. Er ist ein Macher, der Details nicht fürchtet, sondern durchdringt, der Probleme löst, statt nur darüber zu reden, der Herausforderungen annimmt, statt davonzulaufen. Aber auch er ist nicht ohne Makel: Wirecard-Skandal und Cum-Ex-Steueraffäre wurden immer wieder ins Feld geführt. Es stehen die durchaus berechtigten Fragen im Raum, wie viel er wusste, wen er wann traf und was Inhalt dieser Unterredungen war. Den damit verbundenen Vorwürfen, Verdächtigungen und Verleumdungen muss Scholz sich stellen. Und genau das tut er: „Es hat keine politische Einflussnahme auf die Entscheidung des Finanzamtes Hamburg gegeben – von mir nicht und auch von anderen nicht“, so Scholz im Bundestag bei einer Befragung zur Causa Warburg-Bank. Solange es keine Beweise für das Gegenteil gibt, muss man das akzeptieren.

Der ehemalige Vizekanzler und Finanzminister war in seiner Regierungszeit in Hamburg vor allem als „König Olaf “ bekannt. Das lag nicht nur an der grundsätzlichen Sehnsucht der Hamburger nach einem Hauch aristokratischer Kultur in dieser ach so kühlen, von Kaufmännern und Pfeffersäcken geprägten Hansestadt. Es steckte auch ein wenig Stolz in dieser Beschreibung. Scholz ist jemand, der nicht im Trüben fischt, der weiß, wovon er spricht und der das dann auch tatsächlich umsetzt – akribisch, sachlich, detailverliebt. Scholz ist jemand, der für seine Überzeugungen einsteht, der seinen Job ernst nimmt und sich erklärt.

Er hat Erfahrung und verfügt über Kompetenz. Er ist der geborene Politiker, wie ihn Max Weber in seinem Werk „Politik als Beruf “ beschrieb. Nun muss es ihm nur noch gelingen, die Wählerinnen und Wähler mit seinen Worten zu erreichen, zu berühren, zu begeistern. Denn eins ist klar: Scholz ist kein großer Redner. Er wird auch nicht von allen geliebt. Aber er wird für seine Zuverlässigkeit respektiert. Vielleicht braucht Deutschland, vielleicht braucht Europa gegenwärtig mehr denn je einen Politiker, der so zuverlässig ist – gerade in diesen unruhigen Zeiten. Was wären die Alternativen? Eben.

/ Marco Arellano Gomes 

 

Olaf, völlig unverfroren

Ach, der Olaf … Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schneemann aus Disneys „Frozen“. Obwohl es auch jenseits der Namensverwandtschaft bemerkenswerte Überschneidungen gibt: Beide haben diesen drolligen Gesichtsausdruck, der dem Gegenüber ein wohliges Gefühl von Harmlosigkeit vermittelt. Und beide lieben Umarmungen, vor allem mit Großkonzernen. Der eine Olaf spült mit seiner Gutmütigkeit Disney, der weltweit größten NGO für faire Arbeitsbedingungen, Milliarden in die Kassen. Der andere Olaf hilft bedürftigen Banken und Dax-Konzernen, über die Runden zu kommen.

Die von Scholz veranlasste Rettung der fast gar nicht skandalträchtigen, räusper, HSH Nordbank kostet Hamburgs und Schleswig-Holsteins Steuerzahler bis zu 14 Milliarden Euro. Dann ist da noch die Cum-Ex-Geschichte: Hamburgs Steuerbehörden ließen 2016 Nachforderungen in Höhe von 47 Millionen Euro gegen die Warburg-Bank verjähren – die Summe war die Privatbank nach Cum-Ex-Geschichten schuldig. Damals war Scholz Hamburgs Erster Bürgermeister, der heutige Bürgermeister Tschentscher war übrigens Finanzsenator. Sogar der Vorwurf politischer Einflussnahme steht im Raum.

Auf eine Kleine Anfrage der Hamburger Linken bestritt Scholz Ende 2019 noch, dass es mit der Bankspitze Gespräche über deren Cum-Ex-Geschäfte gegeben habe. Mitte Februar räumte er dann ein Treffen mit Warburg-Chef Christian Olearius ein. Inzwischen ist bekannt: Es waren mehrere Treffen. Upsi-daisy, aber trotzdem: Den Vorwurf der Einflussnahme weist er immer noch von sich – man habe nur Pokémon-Karten getauscht, so Scholz. Zu allem Überfluss wird die Pleite des Dax-Konzerns Wirecard momentan zur Regierungsaffäre. Trotz Hinweisen auf Markt- und Bilanzmanipulationen hat sich die Regierung für den Zahlungsdienstleister eingesetzt – und Olaf, völlig unverfroren, steckt als Finanzminister wieder mittendrin.

Kurz: Die SPD ist, mit Scholz erst recht, keine glaubwürdige Alternative zur CDU – kein sozialer Allgemeinplatz dieser Welt kann darüber hinwegtäuschen. Ob nun Scholz, der Genosse der Bosse, oder Blackrock-Merz von der CDU Kanzler wird, ist insofern, wie schon der große Chansonnier Michael Wendler einst sang: EGAL. P.S.: Ach ja: G20.

/ Ulrich Thiele 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Bedrohte Räume #18: Abriss der HafenCity 2067?

Die Uhr tickt: Hat nach 37 Jahren des Hanseviertels letztes Stündchen geschlagen? Ein Hamburger Investor soll bereits Pläne für einen Abriss präsentiert haben.

Letzte Woche war ich bei unserem architektonischen Leckerbissen, der HafenCity, zu Kaffee und Kuchen an die Elbe geladen. Unsere HafenCiddy – der Nabel der Stadt zwischen Alster und Elbe, Heimat der Elbphilharmonie,  maritimes Denkmal, Loveletter und Streitaxt der Stadtplaner. Gab ja viel Gerummel vorab, doch jetzt, da ist sie richtig schön! Mit Speicherstadt, Baakenhafen, Magellan-Terrassen – herrlich. Und wie die Straßennamen tönen: Hongkongstraße, Osakaallee, Vasco–da-Gama-Platz. Klingt wie Herkunft und Zukunft zugleich. International, modern, eine Futureworld, die doch bodenständig nach Zimt und Pfeffer duftet und die HafenCity schon heute mit ihrer zukünftigen Bedeutung identifiziert.

Umso mehr freu ich mich auf schwarzen Saft und Zitronenkuchen mit ihr und ihren Spacekollegas Hanseviertel, Deutschlandhaus, City-Hof und Co, die eine Selbsthilfegruppe für gefährdete Räume gegründet haben, um frische Bisswunden zu verarzten und Präventionsdiagnostik zu betreiben. Unsere schöne neue Lady wird da wohl eher die tröstende Gastgeberin sein, mutmaße ich, doch weit gefehlt.

Als das junge Ding mich hereinbittet, sieht sie eher verheult als fresh aus. PMS? Ich blicke durch den Raum. Nein, auch die Menopause-Bauten starren verquollen aus der Wäsche. „Was ’n los, HafenCity?“ Ich rühre im Bohnenglück. „Wir diskutieren gerade meinen Abriss 2067!“ Sie zieht nicht gerade vornehm den Rotz hoch. „Von einigen Häusern platzt hier schon der Lack. Geschäfte und Gehwege sind empty, die Kunden im Netz. Die Uhr tickt gegen mich –wie beim Deutschlandhaus oder jetzt sogar beim Hanseviertel!“

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und erblicke das feine Hanseviertel in Hütchen und Pelz: „Ich bin erst 37 Jahre alt und soll nun zum Schafott!“ Daneben verschüttet das Deutschlandhaus vor Entrüstung ein bisschen Kaffee:„Ich habe in diverse Faceliftings und Bodytunes investiert, ich sehe besser aus denn je, und jetzt soll alles umsonst gewesen sein?“ Das Hanseviertel verliert die Contenance: „Sie wollen uns umbringen, öffentliche Hinrichtungen sind in Hamburg an der Tagesordnung!“

„Leute, das kann doch alles nicht wahr sein! Der Abriss des City-Hofs ist schon eine frevelhafte Tragödie. Aber ihr seid modern und wunderschön! Das frühmoderne Deutschlandhaus ist so geschichtsträchtig wie die Finanzdirektion am Gänsemarkt. Und du, Hanseviertel, bist doch erst 1980 geboren! Du bist vollkommen staubfrei, außerdem gelungen mit deinen konkaven Klinkerkurven. Allein dein Glockenspiel, die Glaskuppelfenster, der Rundbau mit schwimmender Weltkugel aus Granit.“ Die drei blicken mich aus hohlen Augen an.

Doch, es kann sein, denke ich später. Das hier ist Hamburg 2017. Rot-grüner Senat. Erst bauen sie den Elbtower, dann wird die Innenstadt sterben und sie werden anfangen, der HafenCity die Zähne aus dem Zahnfleischzu reißen. Vorher müssen aber eventuell noch die Finanzdirektion und lieber das Chilehaus dran glauben. Und die Politik leckt dann wieder den Speichel der Investoren auf, um daraus schöne neue Logistikzentren zu bauen. Deshalb: Geht doch mal wieder bummeln, Leute, und ruft vorm Rathaus: „Gut Holz,Herr Scholz!“ Oder schreibt ihm besser einen Brief. Mief!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Panoramio – HH Oldman


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website