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„Ich suche die Wahrheit“

Der neue Fatih Akin-Film „Rheingold“ feierte auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Mit SZENE HAMBURG traf sich der Hamburger Regisseur gemeinsam mit Hauptdarsteller Emilio Sakraya zu einem exklusiven Vorgespräch über den Gangster-Rapper Xatar, die eigene Herkunft und Hamburg als Drehort

Interview: Marco Arellano Gomes 

 

SZENE HAMBURG: Fatih, dein neuer Film „Rheingold“ feiert auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Wann kam dir die Idee, die Geschichte des Gangster-Rappers Xatar alias Giwar Hajabi zu verfilmen?

Interview mit Fatih Akin und Emilio Sakraya_7919_©Jérome Gerull

SZENE HAMBURG im Gespräch mit Regisseur Fatih Akin (Foto: Jérome Gerull)

Fatih Akin: Die Idee kam mir, nachdem ich seine Autobiografie gelesen hatte. Das Leben, das er gelebt hat, ist einmalig. Die ersten Sätze in seiner Biografie lauten: „Die ersten Erinnerungen meines Lebens sind Erinnerungen an den Knast.“ Das ist erst mal ein Satz! Wenn du dir das visualisierst, spürst du direkt die Kraft, die hinter seiner Lebensgeschichte steckt.

Fatih Akin: Der Geschichtenerzähler

Was hat dich an dem Stoff am meisten fasziniert?

Akin: Als ich seine Lebensgeschichte entdeckte, dachte ich: „Okay das ist mal ein Narrativ! Das würde ich gern verfilmen.“ Ich meine, der Typ wurde während der Bombardierung kurdischer Freiheitskämpfer in einer Höhle geboren, dann floh er mit seiner Familie über Irak und Paris bis nach Bonn. Als Jugendlicher wird er kriminell, um zu Geld zu kommen – bis hin zum spektakulären Goldraub und der legendären Aufnahme seiner Platte „Nr. 415“ im Gefängnis. Das ist ein einmaliges, episches Leben. Ich bin Geschichtenerzähler und daher immer auf der Suche nach so was. Das Leben schreibt nun mal die besten Geschichten.

Man muss sich also nicht für Rap interessieren, um sich „Rheingold“ anzusehen?

Akin: Ich habe mich nicht für Deutsch-Rap interessiert, aber für Xatars Leben. Das Konzept war immer, dass der Film auch für Ü-60 funktioniert, Alter! (lacht)

„Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind“

Mit dem Titel „Rheingold“ wird auf eine der großen deutschen Mythen verwiesen. Was hat es damit auf sich?

Akin: Die Idee kam mir bei einem Besuch bei G (Giwar, Anm. der Red.). Wir sind durch Bad Godesberg gecruist, dem reichen Teil von Bonn. Er zeigte mir, wo er zur Schule ging und den ganzen Shit: Drachenfels und so weiter – der Ort, wo die Nibelungen herkommen. Die Parallele ist klar: Das Gold von Xatars Raub ist wie das der Nibelungen nie gefunden worden. Gleichzeitig gibt es im Mythos das Motiv, dass das Gold unsterblich macht und Ruhm gibt. Das trifft auf den Erfolg mit Musik auch zu. Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind.

Hat Xatar den Film bereits gesehen?

Akin: Ja. Es hat ihn sehr beeindruckt und emotional ergriffen. Er hat nie gesagt: „Ey, das möchte ich aber nicht, und das möchte ich nicht.“ Nichts! Er hat uns vertraut und sich fallen lassen, als wäre das eine Therapiesitzung – so fühlte es sich jedenfalls an. Das ist ja auch eine Nummer: Das Leben von jemanden zu verfilmen, der noch lebt und dann daneben sitzt und sich den Film anschaut.

Die wichtige Rolle der Musik 

Im Film spielt Musik eine große Rolle. Wann machst du dir im Prozess des Filmemachens um den Einsatz der Musik Gedanken – und war es bei diesem Film anders?

Akin: Der Film beginnt mit einem kurdischen Klagelied aus dem Morgenland, der Wiege der Zivilisation und der Musik in Mesopotamien und endet mit Wagner als Höhepunkt der abendländischen, klassischen Musik. Die Reise von Ost nach West ist auch eine musikalische. Gleichzeitig war es die Gelegenheit, die Entwicklung des Deutsch-Rap und des Gangster-Rap filmisch ein wenig zu verarbeiten. Auch die Musik des Vaters von Xatar spielt eine Rolle, der mit seinen Kompositionen Ost und West verbindet. Der Film ist also auch eine musikalische Archäologie.

Als du das Drehbuch geschrieben hast, hattest du da schon Emilio als Hauptdarsteller vor Augen?

Akin: Emilio kam früh ins Game. Dabei dachte ich, dass es sehr schwer sein würde, Xatar zu besetzen. Das ist ja ein Brocken. Ich dachte: „Wie mache ich das denn, Alter!“ Der Typ hat ja nicht nur eine unique Story, er sieht ja auch unique aus und hat diese Wahnsinnspräsenz. Bei der Recherche fürs Casting habe ich dann „4 Blocks“ geguckt. Ich hatte die Serie noch nicht gesehen. Da sah ich Emilio als hübschen Kleindealer, der abgezockt wird, also eigentlich eine schwächere Figur. Aber er hatte eine Präsenz, die mich umgehauen hatte …

… und in dem Moment wusstest du, dass er der Richtige ist?

Akin: Ich hatte mir bloß notiert, dass ich irgendwann mal mit dem Typen arbeiten wollte. Meine Frau Monique ist für den Cast zuständig – und eines Tages brachte sie mir eine Liste mit fünf, sechs Namen von Schauspielern, einer war Emilio. Da sagte ich zu ihr: „Monique, ist das dein Ernst? Der sieht doch viel zu … gut aus!“ (lacht)

Next-Generation-Schauspieler: Emilio Sakraya

Was überzeugte dich dann?

Akin: Irgendwann stand die Frage im Raum, ob man den Film eher dokumentarisch oder glamourös machen möchte – so wie bei „Gomorrha“ von Matteo Garrone, mit Typen, die Haare auf dem Rücken haben, oder so wie bei „GoodFellas“ von Martin Scorsese, mit eleganten Schauspielern wie Robert De Niro, Joe Pesci und Ray Liotta. Ich entschied mich für Großmeister Scorsese. Also rief ich Emilio an. Gleich beim ersten Casting überzeugte er uns mit Wucht.

Wie würdest du Emilio als Schauspieler beschreiben?

Akin: Emilio ist ein Next-Generation-Schauspieler. Das sind nicht so faule Säcke wie die Darsteller in den 1990ern und 2000ern. Das sind Arbeiter, richtige Macher. Die stürzen sich richtig rein und lernen, sich zu bewegen, trainieren sich Muskeln an und all so ein Shit.

„Ich bin nicht nur der Pferde-Junge von ‘Bibi und Tina’“

Emilio, was war deine erste Reaktion, als du wusstest, dass Fatih Akin dich besetzen möchte? 

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Emilio Sakraya, Schauspieler und Musiker (Foto: Jérome Gerull)

Emilio Sakraya: Ich habe mich total gefreut und war unfassbar aufgeregt. Ich wollte schon immer etwas spielen, wo ich mich reinschmeißen, mich physisch verändern und aus meiner Komfortzone rauskommen muss. Ein Film, mit dem ich allen Leuten zeigen kann, dass ich nicht nur der Pferde-Junge von „Bibi und Tina“ bin. Das braucht man als Schauspieler einfach: eine Vision, ein nächstes Ziel, die nächste Figur.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Sakraya: Ich habe sofort angefangen zu essen und zu trainieren, um Muskeln aufzubauen und schaute mir die ganzen Sachen von G an. Ich verbrachte viel Zeit mit G. Fatih und G kannten sich schon, als ich ihn zum ersten Mal in Köln kennenlernte. Noch am gleichen Abend verbrachte ich vier bis fünf Stunden mit ihm. Von da an fühlte ich mich wie sein persönlicher Assistent. Ich habe ihm viele Fragen gestellt. Ich war die ganze Zeit bei ihm. Es war spannend, ihn zu beobachten. Er ist eine unglaublich interessante Person. Sein Gang war auch immer anders: Er läuft in Bonn anders als in Köln, drinnen anders als draußen.

„Angst hatte ich nicht, aber Respekt“

Gab es auch einen Moment, in dem du Angst vor dem eigenen Mut hattest?

Sakraya: Angst hatte ich nicht, aber Respekt. Der Film behandelt ja etwas viel Größeres als nur einen Menschen. Es geht darin auch um die Themen Migration und Integration. Der Film handelt von jemandem, der klug und musikalisch ist, dem aber nicht erlaubt wird, das auszuleben, weil er nicht deutsch ist. Es wird viele Leute geben, die sich in dieser Figur wiedererkennen werden.

Fiel es dir schwer, dich in diese Welt hineinzudenken?

Sakraya: Was mir in die Karten spielte, war, dass ich die Straße auch ein wenig kenne. Nicht so krass wie im Falle von G, aber es gibt Parallelen. Ich bin auch als Migrant großgeworden und habe mich durchgekämpft.

Fatih, wie wichtig ist es dir, dass es solche Parallelen zwischen Darsteller und Rolle gibt?

Akin: Es hilft. Ich hatte, bevor ich Emilio kennengelernt habe, ein Youtube-Video mit ihm gesehen. Ich kannte ihn ja nicht. Er labert da mit irgendwelchen Leuten und hängt auf der Straße ab. Da sah ich das erste Mal, dass er auch street ist.

„Irgendwann ist man nicht mehr auf der Street“

Würdest du dich denn noch als street beschreiben?

Akin: Irgendwann ist man nicht mehr auf der street. Ich habe eine Frau, ich habe zwei Kinder, ich habe einen Hund, ich habe zwei Firmen, aber ich fahre noch immer S-Bahn. Ich bin mit Jugendgangs aufgewachsen. Meine Eltern lebten im Eckernförder Straße-Ghetto. Das ist etwas ganz anderes als das, was Xatar kannte. Aber die Basic, dass die Straße ein anderes Narrativ hat als das Grundgesetz, kenne ich. Der Film war eine gewisse Rückbesinnung, da er wieder mit Känäks zu tun hat. Und ich merke, dass ich nach wie vor mit denen voll klarkomme.

Hatte Xatar deshalb Respekt vor dir?

Akin: Für Gangster-Rapper ist Erfolg wichtig. Ich komme zwar aus der Filmkunst-Welt, aber dennoch bin ich in deren Augen erfolgreich. Deswegen bin ich auch in deren Hood respected.

Emilio, stimmt es, dass Xatar dir die Glatze für die Rolle persönlich rasiert hat?

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Making of „Rheingold“ (Foto: Warner Bros Germany)

Sakraya: Ja, das stimmt. Die erste Glatze in meinem Leben hat sich komisch angefühlt. (lacht) Aber es war wie der letzte Ritterschlag, die finale Verwandlung. Wenn ich in den Spiegel schaue und die Figur visuell sehe, hilft das ungemein. Dann fühle ich, wer diese Figur ist. Der erste Drehtag mit Glatze war der im Puff mit Schwesta Ewa. Da habe ich diesen langen Ledermantel an, den Bart im Gesicht und die Glatze … Akin: … Du sahst aus wie Samuel L. Jackson in „Shaft“, Alter! Sakraya: Das war schon ein geiles Gefühl!

Emilio, wie würdest du die Zusammenarbeit mit Fatih Akin beschreiben?

Sakraya: Für mich war es die Art, wie man Filme machen muss und sollte – das ist mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gemacht habe.

Worin liegt der Unterschied?

Sakraya: Ich habe selten einen Film gedreht, bei dem es so sehr um den Film geht wie mit Fatih. Für alles wird sich Zeit genommen. Fatih kam jeden Morgen mit kleinen Zetteln in die Maske und erklärte, worum es für ihn in der jeweiligen Szene geht. Er ist immer offen für Ideen und Vorschläge – egal, von wem die kommen. Es geht ihm immer darum, das Beste für den Film rauszuholen. Das erlebt man selten. Ich würde ja gerne noch mal mit ihm zusammenarbeiten, aber er will ja nicht. Akin: Ey, das stimmt gar nicht. (lacht)

„Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich“

Fatih, in einem Interview in der SZENE HAMBURG beschrieb dich Moritz Bleibtreu mit den Worten: „Fatih hat diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss.“ Fühlst du dich damit gut beschrieben?

Akin: Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich. Früher, in der guten alten Zeit reichten mir ein, zwei Takes (klatscht in die Hände) – und ab zum nächsten Set-up. Heute mache ich mehr Takes, weil ich auf der Suche nach etwas bin. Ich glaube, ich suche die Wahrheit. Ich weiß, das ist ein bescheuertes Wort. Wie hat Rainer Werner Fassbinder gesagt: „Film ist Lüge, 24 mal pro Sekunde.“ Vielleicht enthält das 25. Bild aber die Wahrheit. Filmen ist für mich irgendwie die Suche nach dieser Wahrheit.

Steht einem irgendwann auch die eigene Erfahrung im Wege?

Akin: Je mehr man weiß, desto weniger weiß man! Die eigene Sicht auf Film ändert sich permanent. Und jede Änderung erzeugt auch Zweifel.

Wenn man sich deine Karriere anschaut, dann gab es eigentlich nur mit „The Cut“ einen kommerziellen Misserfolg. Braucht es solche Dämpfer, um sich selbst neu zu erfinden?

Akin: Man erfindet sich mit jedem Film neu. Ich bin mit „The Cut“ im Reinen – der Film ist cool. Aber klar: Ich habe seither auch ein wenig gezweifelt. Und ja, ich musste auch die Richtung ein wenig ändern. „The Cut“ war vielleicht der Endpunkt des reinen Filmemachers – so fand ich in mir auch den Regisseur, der mal einen Film als Auftragsarbeit dreht, für den es bereits ein Drehbuch gibt.

Du hast als Regisseur mit deinen Filmen oft den Zeitgeist getroffen. Bei „Gegen die Wand“ war dies der Fall, bei „Soul Kitchen“, bei „The Cut“ und bei „Aus dem Nichts“. Was sagt dir dein Gefühl bei „Rheingold“?

Akin: Keine Ahnung. Vielleicht ist die Zeit gerade etwas gekrümmt. Kann auch sein, dass der Film als anachronistisch betrachtet wird, weil es eine patriarchale Welt beschreibt. Ich wache jedenfalls nicht morgens auf und denke darüber nach, was den Zeitgeist treffen könnte. Das hat viel mit Glück zu tun.

„Ich mache gerne Filme über amoralische Leute“

In deinen Filmen wird oft auch körperliche Gewalt gezeigt. Stehen diese Kämpfe für dich stellvertretend für das Leben oder ist es einfach ein effektives filmisches Erzählmittel?

Akin: Ich mache gerne Filme über amoralische Leute – schon seit „Kurz und schmerzlos“. Ich habe Film immer als ein Mittel der Erforschung des Menschen gesehen. Das ist meine Form von Anthropologie. Es ist natürlich visueller, wenn jemand einem anderen aufs Maul haut, als wenn alles ausdiskutiert wird. In „Rheingold“ gibt es eine Figur, die Xatar trainiert, um auf der Straße zu überleben. Das ist kein Schauspieler. Das ist der Bodyguard von Xatar. Der war früher Türsteher. Das ist ein echt harter Hund. Den habe ich ausgefragt: Warum machst du das? Und wie machst du das? Und er: „Ich hau dem auf die Nase oder breche ihm den Daumen.“ Und ich sagte nur: „Erzähl das im Film, erzähl das im Film.“

Im Film gibt er die perfekte Anleitung zum Straßenkampf …

Akin: … voll! Ich habe ihn gefragt: „Wie schaffst du es, kein Mitleid zu haben?“ Ich kann niemanden verprügeln. Irgendwann setzt bei mir das Gefühl von Mitleid ein. Und was hat er gesagt? Akin: Er sagte: „Es geht am Ende darum: Er oder ich! Deswegen muss ich den ersten Schlag machen, deswegen muss ich ihn auseinandernehmen, deswegen muss ich ihn so aufs Maul hauen, dass er mir nichts antun kann.“ Und ich dachte nur: „Wow! Das ist mal eine Ansage.“ Ich versuche das alles zu verstehen.

„Gewalt ist einfacher als Sex“

Gewalt funktioniert in der Unterhaltungsindustrie ähnlich gut wie Sex. Sex scheint in Filmen aber zunehmend eine geringere Rolle zu spielen. Woran liegt das?

Akin: Sexszenen sind auch wirklich schwierig. Wir haben eine derart sexualisierte Welt, dass ich meist versuche, die Dinge auf einer anderen Ebene zu erzählen. Ich mache gerade eine Serie über Marlene Dietrich, da geht es viel um Sex. Da ist Sex Mittel zum Zweck, ein reines Werkzeug. Da braucht es diese Szenen, um die Handlung voranzubringen. Gewalt ist einfacher als Sex. Aber das bitte nicht als Überschrift wählen. (alle lachen)

Hamburg: Der beste Drehort Deutschlands

„Rheingold“ ist in Teilen in Hamburg gedreht worden: Was bedeutet es für dich in Hamburg zu drehen?

Akin: Ich habe in Berlin, NRW, Baden-Württemberg und in Hamburg gedreht. Und ich kann ganz objektiv sagen – und das nicht, weil ich Hamburger bin –, dass Hamburg der beste Ort zum Drehen in Deutschland ist.

Woran liegt das? Akin: Hamburg ist wie ein Studio. Ich kann eigentlich mehr oder weniger in jeder Straße drehen. Du kannst in Hamburg in Ruhe und für preiswertes Geld drehen. Es ist pragmatischer, effektiver und kostengünstiger.

Wirst du irgendwann wieder einen richtigen Hamburg-Film drehen, oder bist du damit vorerst durch?

Akin: Ja, natürlich. Damit bin ich nicht durch! Das ist ja auch irgendwie ein Marketing-Tool, wie Woody Allen und New York oder Tom Tykwer und Berlin. Ich kenne die Stadt. Ich habe bereits die eine oder andere Geschichte in Vorbereitung. Zum Beispiel würde ich wahnsinnig gern etwas übers Cuneo machen. Da gibt’s schon Pläne, vielleicht eine Serie.

„Rheingold“  läuft ab dem 27. Oktober 2022 in den Kinos

 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:

 


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„Die Zauberflöte zweiter Teil “ – ein Gespräch

220 Jahre nach ihrer Entstehung wird die Fortsetzung von Mozarts „Die Zauberflöte“ uraufgeführt. Das Libretto schrieb kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Mit der Inszenierung feiert die Hamburger Kammeroper ihr 25-jähriges Jubiläum nach – ein Gespräch mit dem Regisseur Alfonso Romero Mora

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Alfonso, du kommst viel herum, hast in den letzten Jahren Opern auf Gran Canaria, Teneriffa, in Bilbao und Koblenz inszeniert und wirst in Lissabon Gounods „Faust“ auf die Bühne bringen. Mit deiner hochgelobten Inszenierung von Rossinis „La Gazzetta“ 2017 und drei weiteren Produktionen kann man dich fast schon als Hausregisseur am Hamburger Allee Theater bezeichnen. Inszenierst du für ein deutsches Publikum anders als für ein spanisches?

Alfonso Romero Mora: In Deutschland kann ich mir mehr Freiheiten erlauben als in Spanien oder Italien. Natürlich gibt es auch dort eine neue Welle und man spielt moderne Stücke. Trotzdem würde vieles, was ich in Deutschland auf die Bühne bringe, in Spanien so nicht funktionieren. In Deutschland und speziell im Allee Theater fühle ich mich sehr frei, und dafür bin ich total dankbar.

„Im Risiko besteht der Sinn unserer Arbeit“

Alfonso Romero Mora

Du hast bereits mehrfach für die Opernfestspiele von Las Palmas de Gran Canaria inszeniert. Sitzen dort viele Strandurlauber im Publikum?

Da kommen natürlich auch Touristen, sie machen aber nur einen kleinen Teil des Publikums aus. Es gibt auf Gran Canaria eine richtige Opernkultur, wobei man viel Wert auf große Stimmen legt. Dort investiert man viel Geld, das dann oft im Bereich Regie und Ausstattung fehlt.

Den Darstellern nichts vorspielen

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Ein gern gesehener Gastregisseur am Allee Theater: Alfonso Romero Mora (Foto: Dr. J.Flügel)

Ist es schwierig, als Regisseur mit berühmten Opernsängern zusammenzuarbeiten? Stichwort Starallüren und Divengehabe?

Vor fünf Jahren habe ich in Donizettis „La Fille du Regiment“ mit dem mexikanischen Tenor Javier Camarena zusammengearbeitet. Aber wie sollte ich ihm die Rolle des Tonio erklären, die er schon tausendmal gesungen hat? Ich habe ihm also einfach einen Raum mit verschiedenen Spielmöglichkeiten eröffnet und es ihm selbst überlassen, was er davon annehmen möchte. Das hat ihn wohl etwas überrascht, aber letztendlich ist das Arbeiten mit großen Opernstars so viel entspannter. In der Kunst gibt es nicht nur eine Wahrheit.

Im Hamburger Allee Theater gibt es diesen Starkult zum Glück nicht. Außerdem inszenierst du mit „Die Zauberflöte zweiter Teil“ eine Oper, die noch nie aufgeführt wurde. Haben die Sängerinnen und Sänger trotzdem die Freiheiten, die du eben beschrieben hast?

In meinen frühen Inszenierungen habe ich selbst sehr viel auf der Bühne vorgespielt. Ich habe aber gemerkt, dass es kaum hilfreich ist, wenn die Sänger einfach nur kopieren, was ich tue. Also versuche ich erst einmal, die Situation der Szene mit ihnen zu klären. Wir sprechen sehr viel über die Charaktere und deren Psychologie. Es wirkt viel natürlicher und organischer, wenn der Sänger die Rolle mit seiner eigenen Körperlichkeit findet. Das gibt den Solisten auch mehr Spielraum, etwas von sich selbst zu geben, zu experimentieren und sich selbst zu überraschen. Wir suchen das Risiko. Darin besteht der Sinn unserer Arbeit.

Die Form bleibt traditionell

Das Hamburger Publikum hat mit „La Gazzetta“, „Adina“ und „La Cenerentola“ bisher vor allem deine komische Seite kennengelernt. Was erwartet uns bei Goethes Fortsetzung der „Zauberflöte“?

Auch dort gibt es mit Papageno, Papagena und ihren Vogelkindern humorvolle Stellen. Sie bilden aber nur einen Kontrast zum komplexen Inhalt, den wir natürlich erst einmal erzählen wollen, weil die Zuschauer das Stück ja nicht kennen. Deshalb bleiben wir in der Form eher traditionell und wollen nichts modern verfremden.

„Das Stück ist sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik“

Alfonso Romero Mora

Knüpft Goethe direkt an die Handlung von Mozarts Singspiel an?

In Mozarts „Zauberflöte“ gibt es einen großen Krieg zwischen Licht und Dunkel. Der zweite Teil von Goethe ist eher ein Stück des Sturm und Drang. Die Konflikte finden hier in der Familie, zwischen den Paaren statt. Dabei hat das Stück eine eher melancholische Farbe und ist nicht so episch angelegt wie der erste Teil. Es stellt die Frage: Was passiert mit Helden zehn Jahre nach ihrer Heldentat? Der mächtige Sarastro verlässt zum Beispiel seinen Tempel und sammelt auf einer Pilgerreise Kräuter. Auf diese überraschende Weise findet Goethe einen ganz neuen Weg zur Rolle. Wir werden auf der Bühne beide Welten und ihre Beziehungen zeigen: die kosmische, abstrakte Welt mit ihren großen Kräften und die irdische Welt der Menschen.

„Auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben“

Eine sehr merkwürdige Erfindung in diesem Text ist der Sohn von Pamina und Tamino. Er wird in einem Sarg gefangen gehalten, der ständig bewegt werden muss, damit das Kind nicht stirbt. Wie lässt sich dieses Bild deuten?

Es ist ein Kind, ein Genius, ein Wesen – das lässt sich nicht genau sagen. Ich glaube, diese Figur soll die Vernunft und die Erkenntnis verkörpern. Der Mensch muss sich ständig bewegen, um Neues zu erforschen und sich zu entwickeln. Tut er das nicht, wird er sterben. Das ist ein Bild der Aufklärung mit einem Wechsel vom Aberglauben zur Wissenschaft. Bei uns ist der Sarg eine Kugel und darin schlägt ein Herz. Wir verwenden viele metaphorische Bilder und Projektionen auf der Bühne.

Es gibt sehr viel Sekundärliteratur zu Goethes Textfragment. Da werden Bezüge hergestellt zum ersten Teil der „Zauberflöte“, zu Goethes „Faust“ und seinen freimaurerischen Vorstellungen. Wie sehr beschäftigst du dich mit diesen Texten?

Man kann viel reden und schreiben, aber letztendlich geht es doch immer um den Menschen und seinen Umgang mit sich selbst oder seinem Partner. Natürlich hilft die Lektüre, aber auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben. Ein intellektueller Zugang muss auch die Ebene der Gefühle mit einschließen, um die Menschen zu bewegen.

„Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell“

Alfonso Romero Mora

„Goethe fand wohl keinen passenden Komponisten“

Goethes Text wurde vor über 200 Jahren geschrieben. Warum wird er erst jetzt uraufgeführt?

Goethe selbst hat das Stück nicht auf die Bühne gebracht, weil er wohl keinen passenden Komponisten gefunden hat. Außerdem ist das Stück sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik. Barbara Hass hat in ihrer Bearbeitung des Fragments kleine dramaturgische Änderungen vorgenommen, ohne den dramatischen Rhythmus zu verändern. Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell. Das unbeschwerte und reine Handeln der Kinder – des Genius sowie der Kinder von Papagena und Papageno – ohne Zauberinstrumente und ohne Rache oder Gewalt ist die Lösung zur Rettung der Menschheit und letztendlich des eigenen Ichs. Wir haben uns vorgenommen dies auf der Bühne umzusetzen.

Ihr habt Goethes Text für die Uraufführung mit Musik von unbekannteren Konzert- und Opernarien Mozarts unterlegt?

Marius Adam, der Intendant des Allee Theaters, und Ettore Prandi, unser musikalischer Leiter, haben diese umfangreiche Arbeit geleistet. Sie haben die musikalischen Werke ausgesucht und mit Goethes Text versehen. Aber natürlich gibt es auch gesprochene Dialoge. Goethes Text und Mozarts Musik: eine wunderbare Symbiose, die genial funktioniert.

„Die Zauberflöte zweiter Teil“, Allee Theater, 22. April 2022 (Uraufführung), 23., 24., 29., 30. April und weitere Termine


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„Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen“

Regisseur Kenneth Branagh erzählt, wie viel der eigenen Biografie in „Belfast“ steckt und wie schwierig die Suche nach dem richtigen neunjährigen Hauptdarsteller war

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Kenneth Branagh, man kennt Sie normalerweise als Shakespeare-Experten und Blockbuster-Regisseur. Warum nehmen Sie sich mit „Belfast“ nun erstmals Ihres eigenen Lebens an?

Kenneth Branagh: Man redet sich als Regisseur ja immer ein, dass jeder Film irgendwie ein ganz persönlicher ist. Aber natürlich ist ein Film über meine Heimatstadt noch einmal etwas ganz anderes. Dass ich mich der einmal widmen will, reifte als Idee in mir schon seit Längerem. Ich wusste nur lange nicht genau, welche Geschichte ich eigentlich erzählen will. Klarheit verschaffte mir dann ausgerechnet der erste Corona-Lockdown 2020. Der ließ mich an den ersten Lockdown in meinem Leben denken, damals, als unsere Straße in Belfast während der Unruhen abgeschottet wurde. Plötzlich war alles von damals wieder ganz klar und greifbar, die Geräusche und die Gerüche. Mit einem Mal erschien es mir, dass ich damals als Neunjähriger eigentlich das letzte Mal wusste, wer ich wirklich bin. Und prompt schrieb sich das Drehbuch fast von selbst.

Gab es beim Schreiben oder Drehen je Momente, wo Ihnen die Sache zu persönlich wurde?

Nicht für mich, aber andere Leute hatten die Sorge. Ein paar Menschen in meinem engeren Umfeld lasen das Drehbuch und fanden, dass ich zu weit gehe und an einigen Stellen Erinnerungen teile, die zu privat sind. Allerdings wusste ich natürlich, dass das Publikum am Ende gar nicht genau weiß, was Fakt und was Fiktion ist. Und was heißt schon Fakt, wenn man mit 50 Jahren Abstand versucht, sich in einen Neunjährigen hineinzuversetzen?! Abgesehen davon waren bei der Umsetzung der Geschichte dann ja andere Menschen beteiligt, was automatisch einen gewissen Abstand zu meiner Biografie mit sich brachte. Ich war immer offen für Ideen und Änderungswünsche, sei es vom Kameramann oder meinem Ensemble, um die Geschichte über meine persönlichen Erinnerungen hinaus weiterzuentwickeln.

Der richtige Junge

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„Belfast“ von Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino (Foto: Universal Pictures)

Besagter Neunjähriger steht uneingeschränkt im Zentrum von „Belfast“. Wie schwierig gestaltet sich da die Suche nach dem geeigneten Darsteller?

Sehr schwierig, denn natürlich stand und fiel damit alles. Ohne den richtigen Jungen hätte sich diese Geschichte nun einmal nicht erzählen lassen. Entsprechend nervös war ich selbst, nachdem wir uns für Jude Hill entschieden hatten. Die ersten beiden Drehtage guckte er immer wieder in die Kamera – und ich fürchtete, wir hätten einen großen Fehler gemacht. Doch zum Glück legte sich das – vor allem, je mehr andere Personen in den Szenen mit ihm auftraten. Noch ein paar Tage später wusste ich, dass ich es kaum besser hätte treffen können.

Sie haben dann später nie wieder in Belfast gelebt. Steckt heute noch etwas von Ihrer Geburtsstadt in Ihnen?

Klar, man kriegt den Jungen zwar aus Belfast heraus, aber nicht Belfast aus dem Jungen. Ich glaube, mein Sinn für Humor und mein Blick aufs Leben sind bis heute typisch für die Stadt. Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen, das habe ich sehr verinnerlicht. Auch die Angewohnheit, nicht einmal in den dunkelsten Momenten meinen Humor zu verlieren, verdanke ich sicher meiner Heimat. Das lernte man in Belfast nämlich schnell.

„Belfast“ von Regisseur Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lara: Neuer Film von Jan-Ole Gersters

Lange sieben Jahre nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ kommt Jan-Ole Gersters zweiter Film ins Kino: „Lara“, mit einer fantastischen Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das Warten hat sich gelohnt

Text und Interview: Bettina Aust, Christian Aust

 

Vor sieben Jahren eroberte Jan-Ole Gerster mit seinem schwarz-weißen Debütfilm „Oh Boy“ und Tom Schilling in der Hauptrolle sämtliche Herzen, die des Publikums, der Kritiker und der Jurys diverser nationaler und internationaler Festivals. Man wollte sofort den nächsten Gerster-Film sehen, musste sich dann aber in unendlicher Geduld üben. Jetzt ist er endlich fertig und heißt „Lara“.

Dabei seufzt man innerlich immer wieder „Oh Lara“. Denn Antiheldin Lara Jenkin (Corinna Harfouch) macht sich das Leben unnötig schwer. Ihr sechzigster Geburtstag steht an. Nur will den niemand mit ihr feiern. Selbst den verliebten Nachbarn vergrault sie mit ihrem ätzenden Zynismus.

Die Ursache für ihre fortgeschrittene emotionale Verwahrlosung gründet in einem Jugendtrauma. Ein Klavierlehrer bescheinigt seiner eifrigen Schülerin Talentlosigkeit. Sie verwirft ihren Traum von einer Karriere als Pianistin und arbeitet als leitende Beamtin bei der Stadtverwaltung.

 

Teil der Gesellschaft

 

In einem Akt der Verzweiflung hebt Lara nun ihr Guthaben vom Konto ab und kauft sämtliche Restkarten für ein Konzert ihres Sohnes (Tom Schilling), um sie an irritierte Ex-Kolleginnen und Fremde zu verschenken. Freunde hatte sie nie, bei der Arbeit wurde sie eher gehasst als respektiert. Auch das Mutter-Sohn-Verhältnis ist eine Katastrophe. Schließlich hat sie den virtuosen Pianisten, der an diesem Abend sogar sein Debüt als Komponist feiern will, jahrelang mit ihrer sezierenden Kritik gemartert. Hat er doch gewagt, wozu seine Mutter nie den Mut hatte.

„Lara“ ist eine feierliche Hommage an Corinna Harfouch. Ähnlich wie Michael Haneke seine Muse Isabel Huppert, lässt Haneke-Fan Jan-Ole Gerster ihr hier in jeder Szene den Raum zu strahlen, immer wieder auch wunderbar schräg, und findet dafür auch noch extrem stylishe Bilder. Da wirkt selbst eine trostlose Neubausiedlung hip.

Wie in „Oh Boy“ scheitert hier ein Mensch bei dem Versuch, sich in die Gesellschaft einzugliedern, trotzdem glücklich zu werden – und an den eigenen Erwartungen. Der zeitliche Rahmen sind wieder die 24 Stunden eines Tages, Ort ist wieder Berlin. Doch die Zutaten Komik und Tragik sind in anderen Mengenverhältnissen dosiert. Der lässige Witz des Vorgängers ist immer mit der Schwere der Verzweiflung durchwirkt. Ein reiferer Jan-Ole Gerster betritt auch mit seinem zweiten Film Neuland: das Schauspielerinnen-Kino – ein Genre, das in Deutschland unterrepräsentiert ist. Und allein wegen Corinna Harfouch hat sich das Warten gelohnt.

 

 

SZENE HAMBURG: Jan­-Ole, Lara wird von ihrem Klavierlehrer der­artig entmutigt, dass sie ihre ganze Karriere hin­schmeißt. Wenn du so gestrickt gewesen wärst, dann wärst du nicht weit gekommen: Es heißt, du hast dich vierzig Mal bei der Produktions­ firma X­-Filme beworben?

Jan-Ole Gerster: Ich weiß nicht, ob es vierzig Mal waren. Aber es stimmt, ich hatte eine gewisse Hartnäckigkeit. Ich bin in der Provinz groß geworden, hatte den dringenden Wunsch, beim Film zu arbeiten und fand, dass die Firma X-Filme zu dem Zeitpunkt die interessantesten deutschen Filme produzierte. Die war damals der heiße Scheiß mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Absolute Giganten“ oder „Lola rennt“.

Ich habe mich dann als Praktikant beworben, aber natürlich erst mal nichts von denen gehört. Trotzdem habe ich immer wieder dort angerufen. Die waren sich zwischenzeitlich nicht sicher, ob ich ein bisschen irre bin oder wirklich nur den Job wollte. Schließlich durfte ich irgendwann zum Gespräch vorbeikommen und hatte kurz darauf mein Praktikum. Später wurde ich Assistent von Wolfgang Becker, einem der Gründer von X-Filme, und habe die Entstehung von „Good- bye, Lenin!“ begleitet. So fing alles an.

Mit „Lara“ hast du ein Drehbuch verfilmt, das du nicht selbst geschrieben hast. Was hat dich an diesem Stoff vor allem berührt?

Das Drehbuch hatte eine große Wirkung auf mich. Lara ist eine sechzigjährige Frau, hat einen erwachsenen Sohn hat und liebt klassische Musik. Die Gemeinsamkeiten waren erst mal nicht so augenscheinlich. Und trotzdem gab es irgendetwas in der Geschichte, das mich betraf. Das hat sicher damit zu tun, dass ich Leute mit einer großen Leidenschaft interessant finde. Und ich finde es sehr tragisch, wenn diese Leidenschaft nicht gelebt werden kann. Das ist wie eine unerwiderte Liebe

Inwiefern kennst du dieses Gefühl?

Es geht um Zweifel und die permanente Angst, deinen eigenen Absolutheitsansprüchen nicht zu genügen. Mit diesem Thema haben viele Menschen in künstlerischen Prozessen zu tun. Ich hatte diese Zweifel vor allem als Filmstudent. Man hat das natürlich nie ausgesprochen, wusste aber, dass, wenn der Debütfilm nicht einschlägt, es schwer sein würde, weiterzumachen.

Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn ich scheitern werde? Dann würde das Kino, das ich so sehr liebe, plötzlich zu einer schlechten Erfahrung werden. Und ich würde zum Zaungast meiner eigenen Leidenschaft werden. In Laras Figur habe ich all diese Ängste und Zweifel wiedererkannt. Bei ihr haben sie dazu geführt, dass sie ihren Traum aufgibt und Platz macht für andere. An diesem Punkt war ich auch.

 

„Grausamer als zu scheitern ist es, es gar nicht probiert zu haben“

 

Und warum hast du dann trotzdem weitergemacht?

Weil ich fand, dass eine Sache noch grausamer ist als zu scheitern: nämlich die, es gar nicht erst probiert zu haben. Das wollte ich mir ersparen, dass ich irgendwann wie Lara auf mein Leben zurückblicke und mich frage: Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Warum habe ich es nicht wenigstens probiert? Und dann habe ich mich eines Besseren besonnen und brav meinen Abschlussfilm gedreht.

Und dieser Film, „Oh Boy“, wurde gleich ein richtiger Hit. Hast du trotz­dem noch Zweifel an deinen Fähig­keiten als Regisseur?

Es ist wichtig, dass es so ist. Ich bin zum Glück weit davon entfernt, routiniert zu sein. Ich habe zwei Filme gedreht und frage mich jetzt, kriege ich auch einen dritten hin – und wird er gut oder bestenfalls brillant sein? Man muss sich immer fragen, wo ist die Herausforderung? Was ist der Kern,
zu dem man vordringen will, auch erzählerisch? Welche Angst gilt es zu überwinden? Ich will nicht einer dieser Regisseure werden, die am Set immer und immer wieder das gleiche Ding durchziehen. Dafür ist mir das Filmemachen zu heilig.

Die Fans von „Oh Boy“ hatten gehofft, dass du gleich mit dem nächsten Knaller nachlegst. Warum hat es dann doch sieben Jahre gedauert?

Mir war es wichtig, dass ich sicherstelle, dass der zweite Film nach meinen Bedingungen gedreht werden kann. Und ich nicht als „Auftragsregisseur“ von einem Projekt zum nächsten springe und gar nicht so genau weiß, warum ich diese Filme mache.

Ich versuche, irgendetwas zu finden, mit dem ich etwas von mir zeigen kann. Mit „Oh Boy“ war es so, dass er mich fast zwei Jahre in Schach gehalten hat. Nach etlichen Festivals und Auslandsstarts kam ich irgendwann im Sommer 2014 mit einem regelrechten „Oh Boy“-Kater nach Hause und war, ehrlich gesagt, von dieser Aufmerksamkeit ein bisschen erschlagen.

Stimmt es tatsächlich, dass dich ein Lob von Regisseur Michael Haneke etwas blockiert hat?

Michael Haneke hat mir sehr überraschend ein schönes Kompliment gemacht. Das war ein absolutes Highlight – fast wie eine Audienz beim Papst. Seine E-Mail endete mit den Worten: „Ich freue mich auf Ihren nächsten Film.“ Dieser Satz hing die ganze Zeit über mir. Oh Gott, Haneke guckt sich meinen nächsten Film an – wahrscheinlich hatte er unsere kurze Korrespondenz zwischenzeitlich schon wieder längst vergessen, aber ich habe ihn Anfang des Jahres bei einer Buchpräsentation getroffen und ihm erzählt, dass er für meine jahrelange Blockade verantwortlich sei.

Da hat er gelacht und gesagt, dass ich nicht so lange warten soll. Ich habe das nie so gesehen, aber jetzt erkenne ich darin fast eine Parallele zu Laras Begegnung mit ihrem ehemaligen Professor. Erstaunlich, wie viel Gewicht diese beiläufig gesagten Sätze haben können.

Wie weit hat Hanekes Arbeit dich da­rüber hinaus inspiriert?

Ich will eigentlich gar nicht so gern darüber reden, da Haneke einer der ganz Großen des Kinos ist. Davon bin ich Lichtjahre entfernt. Aber natürlich bin ich ein großer Fan. Dass mein Film nun oberflächlich ein, zwei Ähnlichkeiten zu „Die Klavierspielerin“ aufweist, ist allerdings ein Zufall.

Beide Hauptfiguren sind in einem ähnlichen Alter und bewegen sich in der Welt der klassischen Musik. Ich habe stets den Anspruch originell zu sein, aber diese Parallele hat mich tatsächlich nicht weiter gestört. Dafür finde ich beide Filme eigenständig und unterschiedlich genug. Hanekes Film ist ein Meisterwerk – meiner ist auch nicht schlecht.

Lara: Regie: Jan-Ole Gerster. Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung. ab 7.11. in den Kinos


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pedro Almodóvar über „Leid und Herrlichkeit“

In „Leid und Herrlichkeit“ lässt ein gealterter Regisseur sein Leben Revue passieren. Im Interview erzählt Pedro Almodóvar von seinem neuen Film, der viel über ihn selbst verrät

Text: Maike Schade
Interview: Patrick Heidmann
Foto: Studiocanal – El Deseo – Nico Bustos

 

Die Farben im Vorspann zerfließen. Kaleidoskopartig verschwimmen die Muster ineinander, wachsen zu neuen Formen, vergehen und erblühen. Ein Sinnbild für das, was kommen wird: eine Veränderung, ohne großes Getöse, doch ständig und unaufhaltsam.

Zunächst jedoch ist da Starre. Seit Jahrzehnten quälen Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) Migräne, Rückenschmerzen und diverse Entzündungen. Sie haben ihn zermürbt, betäubt von Schmerzmitteln und später Heroin, schleppt er sich durchs Leben. Schon lange fehlt ihm die Kraft zur Arbeit, Filmideen schlummern als Fragmente auf dem Rechner. Und so verdöst er die Tage, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen, er verliert sich in Erinnerungen an seine Kindheit, die wir in Rückblenden kennenlernen: die weiß getünchte Höhle, in der die Familie lebte. Die bittere Armut, die Mutter (Penélope Cruz), streng und schön. Und der Handwerker, den er lesen und schreiben lehrte, und der in ihm eine erste Begierde erweckte.

 

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In „Leid und Herrlichkeit“ setzt sich Pedro Almodóvar in farbenprächtigen Bildern mit seinem Leben auseinander

 

Die Parallelen von Pedro Almodóvars jüngstem Film „Leid und Herrlichkeit“ zu seinem eigenen Leben sind offensichtlich. Wie sein Filmprotagonist Mallo ist auch er ein nicht mehr junger, schwuler Regisseur, der unter chronischen (Kopf-)Schmerzen leidet. Wie er, wuchs er in einem spanischen Dorf auf, besuchte eine Klosterschule und feierte weltweit Erfolge. Die Wohnung, in der Mallo wohnt, ist Almodóvars eigene – ein intimer Blick in das Leben des spanischen Regisseurs. Voller Farben ist sie, an den Wänden große Gemälde, die Möbel bunt.

„Leid und Herrlichkeit“ ist Pedro Almodóvars persönlichster Film – und der beste, den er seit Langem gemacht hat, ebenso klug wie komplex. Melancholischer, doch gewohnt farbenprächtig setzt er sich mittels eines Rückblicks auf sein Leben mit seinen Kernthemen auseinander: Homosexualität, eine ikonische Mutterfigur, eine von strengem Katholizismus geprägte Kindheit, Künstlertum, Exzess und Freiheit.

 

 

Die Wende im Film von schmerzerfüllter Starre hin zur Bewegung kommt mit einer Nachricht: Ein 32 Jahre alter Film Mallos (das fiktive Pendant zum realen „Das Ende der Begierde“ von 1987, dem ersten autobiografisch inspirierten Werk Almodóvars) soll wiederaufgeführt werden, er ist zum Publikumsgespräch eingeladen. Seinerzeit hatte er sich mit dem Hauptdarsteller verkracht, nun nimmt er wieder Kontakt auf.

Noch immer hängt Alberto Crespo (Asier Etxeandia) am Heroin, und Mallo, weit jenseits der 60, probiert es erstmals aus. Das macht ihn nicht unbedingt sympathischer, und schon vorher macht er es den Zuschauern in all seiner Larmoyanz nicht einfach, ihn zu mögen. Doch nach und nach entblättert sich die Figur in all ihrer Komplexität, Leidenschaft und Liebenswertigkeit.

Antonio Banderas spielt die Hauptrolle, es ist die achte Zusammenarbeit von ihm und Almodóvar. Und er war nie besser. Ist das wirklich der Mann, der den sexy Kämpfer, den heißen Latin Lover gab? Banderas’ Identität scheint mit der Almodóvars zu verschwimmen, er spielt den gealterten Künstler mit kleiner Geste, doch so intensiv und sensibel, dass er zu Recht in Cannes die Goldene Palme als Bester Darsteller gewann – die erste große Auszeichnung seiner Karriere.

 

„Ich hatte immer nur Antonio im Kopf“

 

SZENE HAMBURG: Señor Almodóvar, in Ihrem neuen Film geht es um einen nicht mehr ganz jungen schwulen Regisseur, der auf sein Leben und Werk zurückblickt. Da liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um eine sehr autobiografische Geschichte handelt …

Natürlich hat der Film seinen Anfang damit genommen, dass ich über mich selbst nachgedacht und geschrieben habe. Aber der Protagonist ist nicht ein exaktes Abbild von mir, sondern Fiktion. Fiktion, die von mir geschaffen und durch mich geprägt ist.

Sobald Fiktion in eine Geschichte Einzug erhält, wird sie auch zur treibenden Kraft. Dann muss man sich von ihr leiten lassen und ihr treu bleiben, nicht der Realität. All die Wege, die dieser von Antonio Banderas gespielte Filmemacher einschlägt, bin ich auch irgendwie gegangen. Doch eben nicht zwingend in die gleiche Richtung. Längst nicht alles, was im Film zu sehen ist, ist mir auch passiert. Allerdings hätte es mir passieren können.

Aber es gibt Szenen, die tatsächlich ganz direkt eigenen Erfahrungen entsprechen?

Vielleicht 20 Prozent des Films, würde ich sagen. Aber natürlich werde ich Ihnen nicht verraten, welche das sind.

Vielleicht die Episode „Erste Begierde“, in der der Junge lustvoll einen sich waschenden, nackten Handwerker beobachtet, dem er lesen und schreiben beibringt – hat die so in Ihrer Kindheit stattgefunden? 

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Pedro Almodóvar

Nein, nicht in dieser Form. Allerdings stimmt es, dass ich im Alter von neun Jahren bei uns in der Straße zum Lehrer für etliche Erwachsene wurde. Abends kamen regelmäßig vier oder fünf Feldarbeiter zu uns nach Hause, ordentlich gekleidet, als würden sie zum Arzt gehen. Ich brachte ihnen lesen und schreiben bei und war, wie meine Mutter berichtete, ziemlich streng. Verliebt habe ich mich nie in einen von ihnen, von daher ist dieser Aspekt des Films fiktiv. Aber eben auch nicht wahnsinnig weit hergeholt.

Mit Antonio Banderas arbeiten Sie bereits seit dem Beginn Ihrer Karriere zusammen. Wäre ein anderer Hauptdarsteller für Sie überhaupt in Frage gekommen?

Nein, ich hatte immer nur Antonio im Kopf. Und mir war es wichtig, dass wir uns vorher zusammensetzen und in Ruhe darüber sprechen, was ich im Sinn hatte. Denn was ich mir von ihm erwartete, war anders als alles, was wir früher zusammen gedreht hatten oder er in den USA je gespielt hatte. Aber schon allein durch die Drehbuchlektüre schien er genau zu wissen, worauf es ankam.

So wie in „Leid und Herrlichkeit“ hat man Antonio wirklich noch nie gesehen, und gerade weil er mich mit vielem sehr überrascht hat, war diese Regiearbeit für mich die vielleicht einfachste meines Lebens.

Die Rolle der Mutter spielt – in den Rückblenden – Penélope Cruz, eine weitere langjährige Wegbegleiterin …

Penélope in dieser Rolle zu sehen, hat mich enorm bewegt. Nicht nur, weil sie natürlich meine eigene Mutter gut kannte, sondern weil sie auch selbst für mich wie ein Teil meiner Familie ist. Seit wir vor über 20 Jahren anfingen, zusammen zu arbeiten, stehen wir uns sehr nahe und lieben uns sehr. Auch sie war für mich eigentlich die erste und einzige Wahl, denn gerade weil dieser Film diese starke persönliche und autobiografische Note hat, war es mir wichtig, von Menschen umgeben zu sein, mit denen ich vertraut bin und die auch mich einfach sehr gut kennen.

In „Leid und Herrlichkeit“ geht es viel um konfliktreiche Beziehungen, mit denen der Regisseur nach langen Jahren in der direkten Auseinandersetzung seinen Frieden macht, sei es mit der Mutter, seinem einstigen Hauptdarsteller oder auch seinem früheren Lebensgefährten. Verspüren Sie selbst diesen Drang?

Den Drang vielleicht. Aber ich habe nicht den Mut meiner Filmfigur, mich all diesen klaffenden Beziehungswunden zu stellen. Im Film wird ja wirklich konsequent jeder Kreis geschlossen, selbst zu den Erinnerungen an die Begierden der Kindheit findet der Protagonist wieder zurück. Und es geht ihm damit besser, keine Frage. Aber ich glaube nicht, dass ich mich allem stellen kann und will. In meinem Leben ist noch vieles offen, und ich denke, das wird in vielen Fällen auch so bleiben.

Sind Sie insgesamt mit sich im Reinen? Haben Sie sich mit dem Älterwerden arrangiert?

Sagen wir es mal so: Es hat schon seinen Grund, warum ich eigentlich nie in den Spiegel gucke. Und in der Folge auch nie Feuchtigkeitscreme benutze, obwohl ich weiß, dass sie mir gut tun würde und ich meine Haut besser pflegen sollte (lacht). Wirklich im Reinen und zufrieden mit mir und auch meinem Alter bin ich nur, wenn ich meiner Kunst nachgehe und schöpferisch tätig bin. Etwas zu kreieren, das andere Menschen berührt – danach bin ich fast süchtig. Wenn ich keine Filme drehe, kann ich nicht immer unbedingt etwas mit mir selbst anfangen.

„Leid und Herrlichkeit“: Seit dem 26.7. im Kino


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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Kurz vorgestellt: Nachwuchs-Regisseur Mate Ugrin

Drei Fragen an den Nachwuchsfilmemacher Mate Ugrin, der mit dem „First Steps Award“ 2018 ausgezeichnet wurde.

Interview: Maike Schade

Wieder hat ein Studierender der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK) den wichtigsten deutschen und mit 10.000 Euro dotierten Nachwuchspreis für Filmemacher gewonnen: Mate Ugrin. Der in Kroatien geborene 32-Jährige überzeugte die Jury des „First Steps Awards“ mit seinem Kurzfilm „In der Zwischenzeit / Meanwhile“, besonders lobten sie die „klare Bildsprache und Erzählökonomie“. Es war die zweite Auszeichnung für Ugrin in 2018: Beim Filmfest Dresden erhielt er den „Goldenen Reiter“ der Jugendjury.

SZENE HAMBURG: Was machst du mit den 10.000 Euro?

Mate Ugrin: Diese zusätzliche finanzielle Sicherheit hilft mir, dass ich mich auf verschiedene laufende Projekte konzentrieren kann. Außerdem liebäugele ich mit einer Reise nach Asien …

Wie sieht dein nächstes Projekt aus?

Ich arbeitete gerade an zwei Projekten: „ The Dormitory“, eine Kurzdoku, die die Freizeit eines Hafenarbeiters in einer kroatischen Küstenstadt porträtiert. Und dann „Brank“, ein fiktionaler Kurzfilm über eine junge Krankenschwester aus Zentralkroatien, die auf eine Adria-Insel gezogen ist, um sich um eine wohlhabende ältere Dame zu kümmern. Beide Filme beschäftigen sich also mit dem Zustand der Trennung und Isolation, die der aktuelle Arbeitsmarkt oft mit sich bringt.

Was ist dein Lieblingsfilm?

Das ist definitiv ein Film von Robert Bresson, „Au Hasard Balthazar“.

Seht hier den Kurzfilm „MJESTA U BLIZINI“ von Mate Ugrin


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Robin Hood“ am Schauspielhaus – kein Kasperletheater

Markus Bothe inszeniert am Schauspielhaus „Robin Hood“. Seine Familienstücke haben seit 2005 dort Tradition. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs?

Interview: Stefanie Maeck
Foto: Kerstin Schomburg

SZENE HAMBURG: Herr Bothe, Sie inszenieren dieses Jahr wieder das Familienstück am Deutschen Schauspielhaus, welche Erinnerungen haben denn Sie an Ihr erstes Weihnachtsmärchen?

Markus Bothe: Ich habe zwei Erinnerungen, und zwar sehr unterschiedliche. Das eine Mal saß ich im „Zauberer von Oz“ und war begeistert, das ist ja wie im Weltraum, dachte ich die ganze Zeit über staunend. Das andere Mal war es eine Operninszenierung von „Hänsel und Gretel“, ich war ungefähr sieben Jahre alt, und dachte, meine Güte, verkauft ihr euer Publikum für blöd …

 

Das ist eben nicht der Sandmann

 

Sie fühlten sich nicht ernst genommen?

Genau. Wir hatten heute während der Probe übrigens eine ganz ähnliche Diskussion, ob man eine Szene mit den Worten „Liebe Kinder“ einleiten kann. Ich glaube, das geht nicht. Das junge Publikum muss als Publikum ernst genommen werden. Das hier ist eben kein Kasperletheater und auch nicht der Sandmann. Daher beschäftigen wir uns genauso ernsthaft mit den Stoffen wie bei Stücken für Erwachsene. Was versteht man, was versteht man nicht? Nur dürfen wir ein bisschen mehr Theaterzauber auffahren.

Worin besteht die Kunst bei einem Familienstück?

Hinter so einem Familienstück steht bei mir der Anspruch, dass dieses nicht bloß für Kinder, sondern auch für Erwachsene interessant ist. Die Kunst ist es, beide anzusprechen und den Theaterspaß nicht zu kurz kommen zu lassen.

Das Jahr über inszenieren Sie Oper, Musik- und Sprechtheater. Wie sind die Kinder denn als Publikum?

Die Kinder als Publikum reagieren unmittelbarer als erwachsene Zuschauer. Sie nehmen nicht alles unhinterfragt hin. Beim jungen Publikum müssen stringente Spielregeln auf der Bühne herrschen, warum einer jetzt dies oder jenes tut. Wenn das gut erklärt und eingeführt ist, gehen die Kinder mit und reagieren spontan und direkt.

Ist diese Unmittelbarkeit auch mal ein Problem?

Sie ist toll, aber manchmal ist sie tatsächlich herausfordernd. Die Schauspieler müssen im Ernstfall mit dem umgehen können, was die Kinder ihnen an Reaktion zurückspiegeln.

Es heißt, die Kinder könnten sich durch digitale Medien schlechter konzentrieren. Merken Sie das, muss man heute schneller inszenieren?

Das ist schwierig zu beantworten, weil ich mich ja auch selbst verändere. Natürlich haben sich Dinge beschleunigt und Schwellen verschieben sich. Aber ich würde sagen, solche Rezeptionsfragen sind wahnsinnig individuell verschieden, ein Kinderpublikum ist nicht unkonzentrierter als vor zehn Jahren. Vielleicht sind Kinder heute sogar vorbereiteter und können Dinge schneller verstehen, auch durch den Umgang mit anderen Medien.

Mit der Dramaturgin Nora Khuon haben Sie eine eigene Fassung von „Robin Hood“ erstellt. Was erwartet uns?

Als Erstes kann ich verraten, dass Robin bei uns ein Mädchen ist, ein Mädchen, das auf der Flucht ist, sich verstecken muss und für Gerechtigkeit eintritt. Und kein Stück über Robin Hood kommt ohne Bogenschießen aus. Das Stück macht hoffentlich Spaß als eine Art Roadmovie, rund um die Aufgabe, König Richard Löwenherz zu befreien. Dann aber stellen wir auch ein paar ernste Fragen.

 

Nicht mit der Bedeutungskeule, sondern mit Zauber

 

Welche?

Es geht um Fragen wie: Was ist eigentlich Recht und was ist Gerechtigkeit. Robin Hood gilt ja als der Rächer der Armen. Wann ist aber ein Akt Selbstjustiz, wann ist er Anarchie und wann ist es meine Aufgabe als Bürger, Zivilcourage zu zeigen und mich einzumischen? Das Ganze wird bei uns nicht mit der Bedeutungskeule präsentiert, sondern mit Zauber.

Der scheint es Ihnen angetan zu haben?

Was mir tatsächlich Vergnügen bereitet und warum ich so gerne in Hamburg inszeniere, sind die hervorragenden Werkstätten und die Bühnentechnik, die hier schon fantastische Möglichkeiten eröffnen. Ich habe hier ein unglaublich starkes Schauspielerinnen- Ensemble, alles Zeichen dafür, wie ernst das Familienstück genommen wird und wie ernsthaft ich es dann auch betreiben kann.

Sie mögen die Familienstücke sehr?

Ich fühle mich tatsächlich geehrt und in der Verantwortung, denn für viele Kinder kann das ein wichtiges und prägendes erstes Theaterereignis sein.

Sind Ihre eigenen Kinder eigentlich Ihre Kritiker?

Nicht in dem Sinne, dass ich sie strategisch schauen ließe und dann befragte. Aber rückblickend ist es oft witzig, welche Lieder sie noch Jahre später singen und erinnern, anderes ist schnell wieder vergessen. Meine Tochter gab mir gerade den Rat, ich müsse unbedingt wieder Minions im Stück auftreten lassen. Da muss ich sie allerdings jetzt schon enttäuschen. Bei „Robin Hood“ passen die nicht so gut.

Erreicht Sie Fanpost von den Kindern?

Fanpost gibt es, na klar. Aber nicht für mich, den Regisseur. Mich gibt es für die Kinder gar nicht. Die Darsteller oder auch die dargestellten Figuren bekommen aber schon Post. Es wird im Vorfeld gefragt, ob der oder die Darstellerinnen auch wieder mitspielen. Das ist ein gutes Gefühl.

Deutsches Schauspielhaus, 6.12. (Premiere), bis 9.1.2019 


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Thalia Theater: Frankenstein als Science-Fiction-Mythos

Wieso Thalia-Regisseur Jan Bosse den Frankenstein-Mythos als Science-Fiction-Version inszeniert, erzählt er im Interview.

SZENE HAMBURG: Jan, du inszenierst am Thalia Frankenstein. Wird das eine weitere Bearbeitung des Mythos?

Jan Bosse: Thematisch geht es mir eher um Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz, Automatisierung, Roboter und Androiden. Eigentlich wollte ich tatsächlich „Blade Runner“ machen, doch man bekommt die Rechte an dem Stoff nicht. Mich hat das Thema, was ist der Mensch, und was wird aus ihm, wenn er anfängt, Gott zu spielen, nicht losgelassen. Das ist das große Thema von Frankenstein.

Gab es in der Gegenwart einen Inspirationsfunken für den Stoff?

Der Zustand unserer Gesellschaft: Ich bin vermutlich nicht der Einzige, der sorgenvoll bis verzweifelt auf das Ist guckt. Ich habe viel über Empathie nachgedacht, aufgrund der Flüchtlingskrise. Ich hatte plötzlich das Gefühl, wenn der einzige Unterschied zwischen Mensch und Roboter wirklich die Liebe, oder sagen wir die Empathiefähigkeit ist, also das Vermögen, sich in die Lage eines anderen versetzen zu können, und große Teile der Gesellschaft das nicht mehr wichtig finden, dann sind wir alle längst Replikanten, künstliche Geschöpfe. Wir forschen zu dieser Frage theatral schon lange: Was macht den Menschen zum Menschen?

 

„Wo bleibt der freie Wille?“

 

Und?

Ich würde wieder Fragen aufwerfen: Wenn das Internet mit seinen Algorithmen und der Konsum uns als Mensch schon entmündigt hat, wo ist denn da das tolle, viel beschworene „authentische und freie Ich“, das Zentrum unseres Handelns? Ist das nicht längst eine Illusion, abgelöst und entmündigt vom digitalen Fortschritt und der Intelligenz von Maschinen? Wo bleibt der freie Wille?

Der Impuls ist eine sorgenvolle Gegenwartsdiagnose, die das Ich bedroht?

Ja, Ausgangspunkt ist das Gefühl, dass Werte und Grundregeln wie Toleranz und Empathie für viele Menschen nicht mehr gelten. Parallel zu der Empathielosigkeit steckt im Thema der künstlichen Intelligenz das traurige Moment einer Gesellschaft der Überflüssigen: Der Mensch könnte in der Zukunft durch technischen Fortschritt, künstliche Intelligenz und Drohnen beinahe überflüssig werden, er muss sich also optimieren, aufrüsten, um mit der Technik mitzuhalten.

Bei so einer Optimierungsgesellschaft, vor allem im genetischen Bereich, wird einem bange. Sie bedroht das Humanistische, die Seele und den freien Willen, um mal einen weiten Bogen zu schlagen … Eine sehr konkrete Bedrohung des Humanismus, der auf zynische Weise in eine wertkonservative Verteidigungshaltung gedrängt wird.

Ihr greift auf die sehr komplexe Gegenwartsanalyse des israelischen Historikers Harari zurück und überblendet diese mit dem Frankenstein-Mythos …

Der Historiker Yuval Noah Harari ist für uns wie ein Brainpool, aus dem heraus wir agieren. Sein Buch „Homo Deus“ ist wie 800 Seiten Hintergrundtext für unser Science-Fiction-Projekt. Könnte es sein, dass sich die Menschheit selbst abschafft? denkt man nach Hararis Analyse. Wenn wir das, was Harari als Zukunftsszenario entwickelt, so nicht wollen, dann müssen wir handeln – jetzt!

Mit welcher Tonalität bringst du diese Befunde auf die Bühne? Legst du den Hoffnungsfunken frei oder setzt du auf düstere Dystopie?

Ehrlich gesagt, ohne Humor geht es nicht, sonst packt das ja niemand! Ich habe für das Stück die Form einer Reise gefunden, das kann man wörtlich nehmen, als eine Reise durchs Theater. Wir haben verschiedene Spielorte, die Zuschauer bewegen sich durchs Thalia Theater zu fünf verschiedenen Bühnen.

Du bringst den Zuschauer bewusst in Bewegung?

Genau, er läuft von Spielort zu Spielort. Im Foyer wird es einen Vortrag mit Harari-Texten zur künstlichen Intelligenz geben, es wird einen Raum mit Filmen geben, der Abend wird zum multiperspektivischen Projekt über das Thema und am Ende kommen alle zum fünften Akt in den Saal zurück. Mir geht es darum, Nähe zu erzeugen und den Zuschauer zum Mitdenken zu bewegen, ich glaube, das klappt durch Bewegung gut …

 

„Ich nenne meinen Stil gern anti-autoritär“

 

Hast du oft so gearbeitet?

Joachim Lux nennt meine Arbeit ja immer Publikums-Dramaturgie. Ich habe viel mit Zuschauern gemacht, aber diese Form eines Spaziergangs zu Bühnenorten ist für mich neu.

Wie würdest du deinen Regie- und Probenstil beschreiben?

Ich bin nur aus der Gruppe heraus gut. Ich nenne meinen Stil gern anti-autoritär, ohne das Autoritäre abwerten zu wollen: Führung, Wissen, das ist wichtig. Doch bei mir entstehen Regieideen aus einem Gemeinsamen heraus. Ich liebe gute Ideen im Theater. Wenn die Atmosphäre super ist, ohne Angst und Hierarchie, dann können sie entstehen.

Mit welchen Ideen willst du den Zuschauer an diesem Abend entlassen?

Ich finde, ein Theaterabend muss Kopf und Herz erreichen. Am Ende geht es um den Menschen. Am Schluss, im fünften Teil sind alle Spieler Androiden, die auf die Spezies Mensch, ihre Schöpfer, also uns zurückschauen und gewissermaßen den Spiegel vorhalten. Kümmert euch! Kümmert euch um die Erde und euch gegenseitig, das ist meine Botschaft. Das klingt vielleicht pathetisch, aber es darf uns nicht egal sein, wie Menschen miteinander umgehen.

Hast du eine Inszenierung, die deine wichtigste ist?

Natürlich ist immer die aktuelle besonders wichtig. Aber es gibt mehrere, zuletzt war es „Welt im Rücken“ mit Joachim Meyerhoff, über die Krankheit eines Manisch-Depressiven. Das wurde bewegend und unterhaltend, da hat sich eine besondere künstlerische Freiheit eingestellt. Das ist selten, und wenn es passiert, ist es sehr besonders.

Auch du schätzt Freiheit, hast dich einmal als Rollkofferregisseur bezeichnet, Hamburg, Berlin, Zürich. Kannst du sagen, wie sich die Theaterstädte unterscheiden?

Ich mag das Fremdsein, das einmal im Jahr auftauchen, und wieder aufbrechen. Allerdings kenne und mag ich auch die Arbeit als Hausregisseur. Berlin, würde ich sagen, ist als Pflaster für Kunst härter, durch die Konkurrenz. Hamburg, könnte man behaupten, ist etwas kühler. Allerdings, wenn man die Hamburger „bekommt“, ist es wirklich toll. Dann sind die Hamburger sehr treu, wahre Fans.

Man spürt deine Begeisterung. Was treibt dich als Regisseur täglich neu?

Insgeheim wäre ich wahnsinnig gern Autor, habe aber Angst vor dem weißen Blatt. Mein Motor am Theater ist die Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Eigentlich finde ich die Leithammelposition gar nicht so gut, na ja, irgendwie vermutlich ein bisschen doch. Aber mein Geist und Intellekt springen im Gespräch und Austausch an. Da entsteht mein Werk, die anderen sind meine Zünder. Ich finde, wir müssen uns selbst immer wieder in Frage stellen und dürfen grade als Regisseur nicht zur Marke erstarren – dabei hilft mir mein Team. Die Menschen treiben mich an.

Interview: Stefanie Maeck
Foto: Armin Smailovic

Frankenstein / Homo Deus“: Thalia Theater, 18.11. (Premiere), weitere Vorstellungen am 15., 18., 20., 29.11.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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1 Frage, 1 Antwort – mit Michael Wanker

Michael Wanker ist Schauspieler, Regisseur und Coach. Auf der Theaterbühne spielt er weltweit das Solo „I will survive“ von Raoul Biltgen, das vor allem junge Menschen für das Thema AIDS sensibilisiert. Neben der Bühne coacht er Manager im Bereich Präsenz und Persönlichkeitsentwicklung. Er lebt in St. Georg und findet das richtig gut.

SZENE HAMBURG: Was ist deine Vision von einem gerechten Hamburg?

Denke ich über Gerechtigkeit und Hamburg nach, kommt mir der Umgang mit Wohnraum als Erstes in den Sinn. Denke ich über Wohnraum nach, kommt mir dessen Bezahlbarkeit in den Sinn. Denke ich über bezahlbaren Wohnraum in Hamburg nach, kommt mir Gentrifizierung und die bewusste soziale Selbstabgrenzung einzelner Stadtteile in den Sinn. Denke ich an dieses Selbstverständnis und die damit einhergehende Wagenburgmentalität, bin ich wieder bei der Gerechtigkeit angelangt. Und da beißt sich seit Jahren die Katze in den Schwanz.

Deshalb wird genau hier eine Vision dringend gebraucht. Wie wäre es mit der hier: Hamburg 2030. Der autonom fahrende SUV-Elektro-Shuttle holt den finanziell besser gestellten Spross von der Grundschule ab und nimmt die Kinder minderbegüterter Eltern mit. Natürlich alles per App vorher organisiert. Nun geht es durch die motorenfreie, grüne und (fast) emissionsfreie Innenstadt. Ja, Innenstadt. Denn die jungen Insassen wohnen allesamt in der Stadt. Trotz minderbegüterter Eltern. Übrigens auch die Studenten. Und die Alten. Wie ist dies nur möglich geworden? Durch eine radikale Reform des sozialen Wohnungsbaus gepaart mit allem Guten, was die Digitalisierung mit sich gebracht hat. Sensationell!

www.michaelwanker.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Frankenstein – „Ohne Liebe existierst du nicht“

Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl ist in vielen Welten zu Hause. Er dreht Kinofilme, Musikvideos und bringt nun eine düstere Oper auf die Kampnagel-Bühne.  

SZENE HAMBURG: Philipp, du bringst deine Baseler Frankenstein-Theateraufführung nach Hamburg, und zwar als Oper. Was ist passiert? 

Philipp Stölzl: Das Baseler Schauspiel war glaube ich auf ein Art sehr musikalisch und – im guten Sinn – große Oper auf kleinen Raum. Liegt sicher auch daran, dass der Autor Jan Dvorak nicht nur Literat sondern eben auch Komponist ist und sehr musikalisch schreibt.  Als Georges Delnon von Basel nach Hamburg wechselte hat er uns dann gefragt, ob wir aus dem Abend nicht eine richtige Oper machen könnten. Jan hat dann das Video der Aufführung genommen und seinen eigenen Text vertont, quasi 1:1, eine Übermalung mit Musik.

Warum habt Ihr Euch für Kampnagel entschieden, nicht für die große Opernbühne?

Die Basler Aufführung hatte eine Art Arena-Bühne, man saß um einen großen Käfig herum, das war intensiv und irgendwie auch brutal. Das kann man auf Kampnagel genau so wieder herstellen. In dem Käftig ist eine überlebensgroße Puppe zu sehen, die von drei Spielern geführt wird, das Monster. Die Nähe zu diesem Wesen und das Mitleid mit ihr ist essentiell für die Inszenierung, das würde in einer großen Guckkastenbühne auf die Distanz so nicht funktionieren.

Ihr nennt das Stück eine „Gothic Oper“ – früher hast du unter anderem Musikvideos für Rammstein gedreht. Kommt da etwas von dieser Vergangenheit wieder zurück?

Kann sein. Man selber denkt ja da nicht so drüber nach. Tatsächlich habe ich meinen ersten Opernauftrag durch einen Freund bekommen, der Fan meiner Rammstein-Videos war. Das war Webers „Freischütz“, auch so ein Art deutscher „Goth“

Was hat dich am Frankenstein-Stoff gereizt?

Es ist ein starker Stoff, der mich tatsächlich schon lange beschäftigt. Ich hab als Bub die alte Verfilmung mit Karloff gesehen, viel zu früh, ich war ziemlich traumatisiert danach,  später dann den Roman gelesen. Das Buch ist ja ganz anders als die Genre-Verfilmungen, die auf Grusel und Horror abzielen, total psychedelisch, surreal, am ehesten mit E.T.A Hoffmann verwandt, entfesselte schwarze Romantik. Und eben auch politisch, was man so nicht vermuten würde. Mary Shelly hat ihn zwar als junge Frau geschrieben, aber sie behandelt darin sehr erwachsene Fragestellungen, es geht um ganz essentielle Bausteine des Menschseins. Was macht uns eigentlich aus?

Und? 

In einem Wort: Die Liebe. Ohne Liebe existieren wir nicht. Das Monster, oder die Kreatur, wacht am Anfang der Geschichte im Wald auf und weiß nichts über die Welt, kann sich selbst auch nicht einordnen. Dann lernt sie: Kälte, Hunger, Schmerz, die Sprache der Tiere. Dann trifft es auf Menschen, die sich fürchten, ihm gewaltsam begegnen. Dann begreift es: Jedes Lebenwesen hat Eltern. Und sucht seine Herkunft, seinen Schöpfer und erfährt, dass es das einzige Wesen seiner Art ist. Es kommt aus dem Nichts und geht ins Nichts. Darum bittet es seinen Schöpfer ihm eine Gefährtin zu bauen. Es will nicht allein sein. Es will auch Liebe erfahren. Als ihm sein Schöpfer das versagt, nimmt es fürchterliche Rache. Es bringt die Verlobte seines Schöpfers um. Wenn es auf ewig allein sein muss, soll es sein Schöpfer auch sein. Am Ende verfolgen sich das Monster und sein Schöpfer um den ganzen Erdball, es geht in die Arktis, an den Rand der Welt. Die Geschichte hat eine biblische Wucht, fängt auf eine Art bei Adam und Eva im Paradies an und endet mit Kain und Abel.

Du bist auch Regisseur von großen Kinofilmen wie „Nordwand“ und „Der Medicus“, verwendest du Film denn auch als Stilmittel auf der Bühne?

Manchmal schon, bei „Frankenstein“ nicht. Es ist trotzdem eine sehr filmische Aufführung. In dem Sinne, dass sie ein sehr schlüssiges und geschlossenes Narrativ hat und rasant-suggestiv, mit vielen Szenenwechseln erzählt. Außerdem ist die Inszenierung auch ein Stück weit Unterhaltung, es gibt jede Menge Nebel und einen Wald mit Bäumen, die Arktis, sogar ein bisschen Action, Sie ist,  wenn man so will, „breit“ verständlich, so wie Kino eben meistens ist. Ich bilde mir ein, dass man damit möglicherweise auch Theaterfremde begeistern könnte.

Eine letzte Frage, die dich vermutlich fast jeder fragt. Du hast in der Vergangenheit einmal ein Musikvideo für Madonna gedreht und sie hat dich angerufen. Wie war sie?  

Immer wieder diese Frage! Na gut: Sie war nett und sehr professionell. Aber das ist einfach schon sehr lange her. Eine Lebensstation unter vielen anderen. Für einen Künstler ist es glaube ich gut, nach vorne zu gucken. Ruhm ist etwas sehr Vergängliches. Mein älterer Sohn hat vor ein paar Jahren seinem kleineren Bruder von meinem Madonna-Moment erzählt. Der Kleine darauf hin: “Madonna, wer ist das?” Der Große darauf: „Naja, sie ist so eine Art Katy Perry der Vergangenheit“…

Interview: Stefanie Maeck 

Internationales Musikfest zeigt: „Frankenstein“ auf Kampnagel, 20.-21.5., 25.-27.5.2018


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!