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Pedro Almodóvar über „Leid und Herrlichkeit“

In „Leid und Herrlichkeit“ lässt ein gealterter Regisseur sein Leben Revue passieren. Im Interview erzählt Pedro Almodóvar von seinem neuen Film, der viel über ihn selbst verrät

Text: Maike Schade
Interview: Patrick Heidmann
Foto: Studiocanal – El Deseo – Nico Bustos

 

Die Farben im Vorspann zerfließen. Kaleidoskopartig verschwimmen die Muster ineinander, wachsen zu neuen Formen, vergehen und erblühen. Ein Sinnbild für das, was kommen wird: eine Veränderung, ohne großes Getöse, doch ständig und unaufhaltsam.

Zunächst jedoch ist da Starre. Seit Jahrzehnten quälen Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) Migräne, Rückenschmerzen und diverse Entzündungen. Sie haben ihn zermürbt, betäubt von Schmerzmitteln und später Heroin, schleppt er sich durchs Leben. Schon lange fehlt ihm die Kraft zur Arbeit, Filmideen schlummern als Fragmente auf dem Rechner. Und so verdöst er die Tage, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen, er verliert sich in Erinnerungen an seine Kindheit, die wir in Rückblenden kennenlernen: die weiß getünchte Höhle, in der die Familie lebte. Die bittere Armut, die Mutter (Penélope Cruz), streng und schön. Und der Handwerker, den er lesen und schreiben lehrte, und der in ihm eine erste Begierde erweckte.

 

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In „Leid und Herrlichkeit“ setzt sich Pedro Almodóvar in farbenprächtigen Bildern mit seinem Leben auseinander

 

Die Parallelen von Pedro Almodóvars jüngstem Film „Leid und Herrlichkeit“ zu seinem eigenen Leben sind offensichtlich. Wie sein Filmprotagonist Mallo ist auch er ein nicht mehr junger, schwuler Regisseur, der unter chronischen (Kopf-)Schmerzen leidet. Wie er, wuchs er in einem spanischen Dorf auf, besuchte eine Klosterschule und feierte weltweit Erfolge. Die Wohnung, in der Mallo wohnt, ist Almodóvars eigene – ein intimer Blick in das Leben des spanischen Regisseurs. Voller Farben ist sie, an den Wänden große Gemälde, die Möbel bunt.

„Leid und Herrlichkeit“ ist Pedro Almodóvars persönlichster Film – und der beste, den er seit Langem gemacht hat, ebenso klug wie komplex. Melancholischer, doch gewohnt farbenprächtig setzt er sich mittels eines Rückblicks auf sein Leben mit seinen Kernthemen auseinander: Homosexualität, eine ikonische Mutterfigur, eine von strengem Katholizismus geprägte Kindheit, Künstlertum, Exzess und Freiheit.

 

 

Die Wende im Film von schmerzerfüllter Starre hin zur Bewegung kommt mit einer Nachricht: Ein 32 Jahre alter Film Mallos (das fiktive Pendant zum realen „Das Ende der Begierde“ von 1987, dem ersten autobiografisch inspirierten Werk Almodóvars) soll wiederaufgeführt werden, er ist zum Publikumsgespräch eingeladen. Seinerzeit hatte er sich mit dem Hauptdarsteller verkracht, nun nimmt er wieder Kontakt auf.

Noch immer hängt Alberto Crespo (Asier Etxeandia) am Heroin, und Mallo, weit jenseits der 60, probiert es erstmals aus. Das macht ihn nicht unbedingt sympathischer, und schon vorher macht er es den Zuschauern in all seiner Larmoyanz nicht einfach, ihn zu mögen. Doch nach und nach entblättert sich die Figur in all ihrer Komplexität, Leidenschaft und Liebenswertigkeit.

Antonio Banderas spielt die Hauptrolle, es ist die achte Zusammenarbeit von ihm und Almodóvar. Und er war nie besser. Ist das wirklich der Mann, der den sexy Kämpfer, den heißen Latin Lover gab? Banderas’ Identität scheint mit der Almodóvars zu verschwimmen, er spielt den gealterten Künstler mit kleiner Geste, doch so intensiv und sensibel, dass er zu Recht in Cannes die Goldene Palme als Bester Darsteller gewann – die erste große Auszeichnung seiner Karriere.

 

„Ich hatte immer nur Antonio im Kopf“

 

SZENE HAMBURG: Señor Almodóvar, in Ihrem neuen Film geht es um einen nicht mehr ganz jungen schwulen Regisseur, der auf sein Leben und Werk zurückblickt. Da liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um eine sehr autobiografische Geschichte handelt …

Natürlich hat der Film seinen Anfang damit genommen, dass ich über mich selbst nachgedacht und geschrieben habe. Aber der Protagonist ist nicht ein exaktes Abbild von mir, sondern Fiktion. Fiktion, die von mir geschaffen und durch mich geprägt ist.

Sobald Fiktion in eine Geschichte Einzug erhält, wird sie auch zur treibenden Kraft. Dann muss man sich von ihr leiten lassen und ihr treu bleiben, nicht der Realität. All die Wege, die dieser von Antonio Banderas gespielte Filmemacher einschlägt, bin ich auch irgendwie gegangen. Doch eben nicht zwingend in die gleiche Richtung. Längst nicht alles, was im Film zu sehen ist, ist mir auch passiert. Allerdings hätte es mir passieren können.

Aber es gibt Szenen, die tatsächlich ganz direkt eigenen Erfahrungen entsprechen?

Vielleicht 20 Prozent des Films, würde ich sagen. Aber natürlich werde ich Ihnen nicht verraten, welche das sind.

Vielleicht die Episode „Erste Begierde“, in der der Junge lustvoll einen sich waschenden, nackten Handwerker beobachtet, dem er lesen und schreiben beibringt – hat die so in Ihrer Kindheit stattgefunden? 

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Pedro Almodóvar

Nein, nicht in dieser Form. Allerdings stimmt es, dass ich im Alter von neun Jahren bei uns in der Straße zum Lehrer für etliche Erwachsene wurde. Abends kamen regelmäßig vier oder fünf Feldarbeiter zu uns nach Hause, ordentlich gekleidet, als würden sie zum Arzt gehen. Ich brachte ihnen lesen und schreiben bei und war, wie meine Mutter berichtete, ziemlich streng. Verliebt habe ich mich nie in einen von ihnen, von daher ist dieser Aspekt des Films fiktiv. Aber eben auch nicht wahnsinnig weit hergeholt.

Mit Antonio Banderas arbeiten Sie bereits seit dem Beginn Ihrer Karriere zusammen. Wäre ein anderer Hauptdarsteller für Sie überhaupt in Frage gekommen?

Nein, ich hatte immer nur Antonio im Kopf. Und mir war es wichtig, dass wir uns vorher zusammensetzen und in Ruhe darüber sprechen, was ich im Sinn hatte. Denn was ich mir von ihm erwartete, war anders als alles, was wir früher zusammen gedreht hatten oder er in den USA je gespielt hatte. Aber schon allein durch die Drehbuchlektüre schien er genau zu wissen, worauf es ankam.

So wie in „Leid und Herrlichkeit“ hat man Antonio wirklich noch nie gesehen, und gerade weil er mich mit vielem sehr überrascht hat, war diese Regiearbeit für mich die vielleicht einfachste meines Lebens.

Die Rolle der Mutter spielt – in den Rückblenden – Penélope Cruz, eine weitere langjährige Wegbegleiterin …

Penélope in dieser Rolle zu sehen, hat mich enorm bewegt. Nicht nur, weil sie natürlich meine eigene Mutter gut kannte, sondern weil sie auch selbst für mich wie ein Teil meiner Familie ist. Seit wir vor über 20 Jahren anfingen, zusammen zu arbeiten, stehen wir uns sehr nahe und lieben uns sehr. Auch sie war für mich eigentlich die erste und einzige Wahl, denn gerade weil dieser Film diese starke persönliche und autobiografische Note hat, war es mir wichtig, von Menschen umgeben zu sein, mit denen ich vertraut bin und die auch mich einfach sehr gut kennen.

In „Leid und Herrlichkeit“ geht es viel um konfliktreiche Beziehungen, mit denen der Regisseur nach langen Jahren in der direkten Auseinandersetzung seinen Frieden macht, sei es mit der Mutter, seinem einstigen Hauptdarsteller oder auch seinem früheren Lebensgefährten. Verspüren Sie selbst diesen Drang?

Den Drang vielleicht. Aber ich habe nicht den Mut meiner Filmfigur, mich all diesen klaffenden Beziehungswunden zu stellen. Im Film wird ja wirklich konsequent jeder Kreis geschlossen, selbst zu den Erinnerungen an die Begierden der Kindheit findet der Protagonist wieder zurück. Und es geht ihm damit besser, keine Frage. Aber ich glaube nicht, dass ich mich allem stellen kann und will. In meinem Leben ist noch vieles offen, und ich denke, das wird in vielen Fällen auch so bleiben.

Sind Sie insgesamt mit sich im Reinen? Haben Sie sich mit dem Älterwerden arrangiert?

Sagen wir es mal so: Es hat schon seinen Grund, warum ich eigentlich nie in den Spiegel gucke. Und in der Folge auch nie Feuchtigkeitscreme benutze, obwohl ich weiß, dass sie mir gut tun würde und ich meine Haut besser pflegen sollte (lacht). Wirklich im Reinen und zufrieden mit mir und auch meinem Alter bin ich nur, wenn ich meiner Kunst nachgehe und schöpferisch tätig bin. Etwas zu kreieren, das andere Menschen berührt – danach bin ich fast süchtig. Wenn ich keine Filme drehe, kann ich nicht immer unbedingt etwas mit mir selbst anfangen.

„Leid und Herrlichkeit“: Seit dem 26.7. im Kino


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Kurz vorgestellt: Nachwuchs-Regisseur Mate Ugrin

Drei Fragen an den Nachwuchsfilmemacher Mate Ugrin, der mit dem „First Steps Award“ 2018 ausgezeichnet wurde.

Interview: Maike Schade

Wieder hat ein Studierender der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK) den wichtigsten deutschen und mit 10.000 Euro dotierten Nachwuchspreis für Filmemacher gewonnen: Mate Ugrin. Der in Kroatien geborene 32-Jährige überzeugte die Jury des „First Steps Awards“ mit seinem Kurzfilm „In der Zwischenzeit / Meanwhile“, besonders lobten sie die „klare Bildsprache und Erzählökonomie“. Es war die zweite Auszeichnung für Ugrin in 2018: Beim Filmfest Dresden erhielt er den „Goldenen Reiter“ der Jugendjury.

SZENE HAMBURG: Was machst du mit den 10.000 Euro?

Mate Ugrin: Diese zusätzliche finanzielle Sicherheit hilft mir, dass ich mich auf verschiedene laufende Projekte konzentrieren kann. Außerdem liebäugele ich mit einer Reise nach Asien …

Wie sieht dein nächstes Projekt aus?

Ich arbeitete gerade an zwei Projekten: „ The Dormitory“, eine Kurzdoku, die die Freizeit eines Hafenarbeiters in einer kroatischen Küstenstadt porträtiert. Und dann „Brank“, ein fiktionaler Kurzfilm über eine junge Krankenschwester aus Zentralkroatien, die auf eine Adria-Insel gezogen ist, um sich um eine wohlhabende ältere Dame zu kümmern. Beide Filme beschäftigen sich also mit dem Zustand der Trennung und Isolation, die der aktuelle Arbeitsmarkt oft mit sich bringt.

Was ist dein Lieblingsfilm?

Das ist definitiv ein Film von Robert Bresson, „Au Hasard Balthazar“.

Seht hier den Kurzfilm „MJESTA U BLIZINI“ von Mate Ugrin


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Robin Hood“ am Schauspielhaus – kein Kasperletheater

Markus Bothe inszeniert am Schauspielhaus „Robin Hood“. Seine Familienstücke haben seit 2005 dort Tradition. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs?

Interview: Stefanie Maeck
Foto: Kerstin Schomburg

SZENE HAMBURG: Herr Bothe, Sie inszenieren dieses Jahr wieder das Familienstück am Deutschen Schauspielhaus, welche Erinnerungen haben denn Sie an Ihr erstes Weihnachtsmärchen?

Markus Bothe: Ich habe zwei Erinnerungen, und zwar sehr unterschiedliche. Das eine Mal saß ich im „Zauberer von Oz“ und war begeistert, das ist ja wie im Weltraum, dachte ich die ganze Zeit über staunend. Das andere Mal war es eine Operninszenierung von „Hänsel und Gretel“, ich war ungefähr sieben Jahre alt, und dachte, meine Güte, verkauft ihr euer Publikum für blöd …

 

Das ist eben nicht der Sandmann

 

Sie fühlten sich nicht ernst genommen?

Genau. Wir hatten heute während der Probe übrigens eine ganz ähnliche Diskussion, ob man eine Szene mit den Worten „Liebe Kinder“ einleiten kann. Ich glaube, das geht nicht. Das junge Publikum muss als Publikum ernst genommen werden. Das hier ist eben kein Kasperletheater und auch nicht der Sandmann. Daher beschäftigen wir uns genauso ernsthaft mit den Stoffen wie bei Stücken für Erwachsene. Was versteht man, was versteht man nicht? Nur dürfen wir ein bisschen mehr Theaterzauber auffahren.

Worin besteht die Kunst bei einem Familienstück?

Hinter so einem Familienstück steht bei mir der Anspruch, dass dieses nicht bloß für Kinder, sondern auch für Erwachsene interessant ist. Die Kunst ist es, beide anzusprechen und den Theaterspaß nicht zu kurz kommen zu lassen.

Das Jahr über inszenieren Sie Oper, Musik- und Sprechtheater. Wie sind die Kinder denn als Publikum?

Die Kinder als Publikum reagieren unmittelbarer als erwachsene Zuschauer. Sie nehmen nicht alles unhinterfragt hin. Beim jungen Publikum müssen stringente Spielregeln auf der Bühne herrschen, warum einer jetzt dies oder jenes tut. Wenn das gut erklärt und eingeführt ist, gehen die Kinder mit und reagieren spontan und direkt.

Ist diese Unmittelbarkeit auch mal ein Problem?

Sie ist toll, aber manchmal ist sie tatsächlich herausfordernd. Die Schauspieler müssen im Ernstfall mit dem umgehen können, was die Kinder ihnen an Reaktion zurückspiegeln.

Es heißt, die Kinder könnten sich durch digitale Medien schlechter konzentrieren. Merken Sie das, muss man heute schneller inszenieren?

Das ist schwierig zu beantworten, weil ich mich ja auch selbst verändere. Natürlich haben sich Dinge beschleunigt und Schwellen verschieben sich. Aber ich würde sagen, solche Rezeptionsfragen sind wahnsinnig individuell verschieden, ein Kinderpublikum ist nicht unkonzentrierter als vor zehn Jahren. Vielleicht sind Kinder heute sogar vorbereiteter und können Dinge schneller verstehen, auch durch den Umgang mit anderen Medien.

Mit der Dramaturgin Nora Khuon haben Sie eine eigene Fassung von „Robin Hood“ erstellt. Was erwartet uns?

Als Erstes kann ich verraten, dass Robin bei uns ein Mädchen ist, ein Mädchen, das auf der Flucht ist, sich verstecken muss und für Gerechtigkeit eintritt. Und kein Stück über Robin Hood kommt ohne Bogenschießen aus. Das Stück macht hoffentlich Spaß als eine Art Roadmovie, rund um die Aufgabe, König Richard Löwenherz zu befreien. Dann aber stellen wir auch ein paar ernste Fragen.

 

Nicht mit der Bedeutungskeule, sondern mit Zauber

 

Welche?

Es geht um Fragen wie: Was ist eigentlich Recht und was ist Gerechtigkeit. Robin Hood gilt ja als der Rächer der Armen. Wann ist aber ein Akt Selbstjustiz, wann ist er Anarchie und wann ist es meine Aufgabe als Bürger, Zivilcourage zu zeigen und mich einzumischen? Das Ganze wird bei uns nicht mit der Bedeutungskeule präsentiert, sondern mit Zauber.

Der scheint es Ihnen angetan zu haben?

Was mir tatsächlich Vergnügen bereitet und warum ich so gerne in Hamburg inszeniere, sind die hervorragenden Werkstätten und die Bühnentechnik, die hier schon fantastische Möglichkeiten eröffnen. Ich habe hier ein unglaublich starkes Schauspielerinnen- Ensemble, alles Zeichen dafür, wie ernst das Familienstück genommen wird und wie ernsthaft ich es dann auch betreiben kann.

Sie mögen die Familienstücke sehr?

Ich fühle mich tatsächlich geehrt und in der Verantwortung, denn für viele Kinder kann das ein wichtiges und prägendes erstes Theaterereignis sein.

Sind Ihre eigenen Kinder eigentlich Ihre Kritiker?

Nicht in dem Sinne, dass ich sie strategisch schauen ließe und dann befragte. Aber rückblickend ist es oft witzig, welche Lieder sie noch Jahre später singen und erinnern, anderes ist schnell wieder vergessen. Meine Tochter gab mir gerade den Rat, ich müsse unbedingt wieder Minions im Stück auftreten lassen. Da muss ich sie allerdings jetzt schon enttäuschen. Bei „Robin Hood“ passen die nicht so gut.

Erreicht Sie Fanpost von den Kindern?

Fanpost gibt es, na klar. Aber nicht für mich, den Regisseur. Mich gibt es für die Kinder gar nicht. Die Darsteller oder auch die dargestellten Figuren bekommen aber schon Post. Es wird im Vorfeld gefragt, ob der oder die Darstellerinnen auch wieder mitspielen. Das ist ein gutes Gefühl.

Deutsches Schauspielhaus, 6.12. (Premiere), bis 9.1.2019 


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Thalia Theater: Frankenstein als Science-Fiction-Mythos

Wieso Thalia-Regisseur Jan Bosse den Frankenstein-Mythos als Science-Fiction-Version inszeniert, erzählt er im Interview.

SZENE HAMBURG: Jan, du inszenierst am Thalia Frankenstein. Wird das eine weitere Bearbeitung des Mythos?

Jan Bosse: Thematisch geht es mir eher um Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz, Automatisierung, Roboter und Androiden. Eigentlich wollte ich tatsächlich „Blade Runner“ machen, doch man bekommt die Rechte an dem Stoff nicht. Mich hat das Thema, was ist der Mensch, und was wird aus ihm, wenn er anfängt, Gott zu spielen, nicht losgelassen. Das ist das große Thema von Frankenstein.

Gab es in der Gegenwart einen Inspirationsfunken für den Stoff?

Der Zustand unserer Gesellschaft: Ich bin vermutlich nicht der Einzige, der sorgenvoll bis verzweifelt auf das Ist guckt. Ich habe viel über Empathie nachgedacht, aufgrund der Flüchtlingskrise. Ich hatte plötzlich das Gefühl, wenn der einzige Unterschied zwischen Mensch und Roboter wirklich die Liebe, oder sagen wir die Empathiefähigkeit ist, also das Vermögen, sich in die Lage eines anderen versetzen zu können, und große Teile der Gesellschaft das nicht mehr wichtig finden, dann sind wir alle längst Replikanten, künstliche Geschöpfe. Wir forschen zu dieser Frage theatral schon lange: Was macht den Menschen zum Menschen?

 

„Wo bleibt der freie Wille?“

 

Und?

Ich würde wieder Fragen aufwerfen: Wenn das Internet mit seinen Algorithmen und der Konsum uns als Mensch schon entmündigt hat, wo ist denn da das tolle, viel beschworene „authentische und freie Ich“, das Zentrum unseres Handelns? Ist das nicht längst eine Illusion, abgelöst und entmündigt vom digitalen Fortschritt und der Intelligenz von Maschinen? Wo bleibt der freie Wille?

Der Impuls ist eine sorgenvolle Gegenwartsdiagnose, die das Ich bedroht?

Ja, Ausgangspunkt ist das Gefühl, dass Werte und Grundregeln wie Toleranz und Empathie für viele Menschen nicht mehr gelten. Parallel zu der Empathielosigkeit steckt im Thema der künstlichen Intelligenz das traurige Moment einer Gesellschaft der Überflüssigen: Der Mensch könnte in der Zukunft durch technischen Fortschritt, künstliche Intelligenz und Drohnen beinahe überflüssig werden, er muss sich also optimieren, aufrüsten, um mit der Technik mitzuhalten.

Bei so einer Optimierungsgesellschaft, vor allem im genetischen Bereich, wird einem bange. Sie bedroht das Humanistische, die Seele und den freien Willen, um mal einen weiten Bogen zu schlagen … Eine sehr konkrete Bedrohung des Humanismus, der auf zynische Weise in eine wertkonservative Verteidigungshaltung gedrängt wird.

Ihr greift auf die sehr komplexe Gegenwartsanalyse des israelischen Historikers Harari zurück und überblendet diese mit dem Frankenstein-Mythos …

Der Historiker Yuval Noah Harari ist für uns wie ein Brainpool, aus dem heraus wir agieren. Sein Buch „Homo Deus“ ist wie 800 Seiten Hintergrundtext für unser Science-Fiction-Projekt. Könnte es sein, dass sich die Menschheit selbst abschafft? denkt man nach Hararis Analyse. Wenn wir das, was Harari als Zukunftsszenario entwickelt, so nicht wollen, dann müssen wir handeln – jetzt!

Mit welcher Tonalität bringst du diese Befunde auf die Bühne? Legst du den Hoffnungsfunken frei oder setzt du auf düstere Dystopie?

Ehrlich gesagt, ohne Humor geht es nicht, sonst packt das ja niemand! Ich habe für das Stück die Form einer Reise gefunden, das kann man wörtlich nehmen, als eine Reise durchs Theater. Wir haben verschiedene Spielorte, die Zuschauer bewegen sich durchs Thalia Theater zu fünf verschiedenen Bühnen.

Du bringst den Zuschauer bewusst in Bewegung?

Genau, er läuft von Spielort zu Spielort. Im Foyer wird es einen Vortrag mit Harari-Texten zur künstlichen Intelligenz geben, es wird einen Raum mit Filmen geben, der Abend wird zum multiperspektivischen Projekt über das Thema und am Ende kommen alle zum fünften Akt in den Saal zurück. Mir geht es darum, Nähe zu erzeugen und den Zuschauer zum Mitdenken zu bewegen, ich glaube, das klappt durch Bewegung gut …

 

„Ich nenne meinen Stil gern anti-autoritär“

 

Hast du oft so gearbeitet?

Joachim Lux nennt meine Arbeit ja immer Publikums-Dramaturgie. Ich habe viel mit Zuschauern gemacht, aber diese Form eines Spaziergangs zu Bühnenorten ist für mich neu.

Wie würdest du deinen Regie- und Probenstil beschreiben?

Ich bin nur aus der Gruppe heraus gut. Ich nenne meinen Stil gern anti-autoritär, ohne das Autoritäre abwerten zu wollen: Führung, Wissen, das ist wichtig. Doch bei mir entstehen Regieideen aus einem Gemeinsamen heraus. Ich liebe gute Ideen im Theater. Wenn die Atmosphäre super ist, ohne Angst und Hierarchie, dann können sie entstehen.

Mit welchen Ideen willst du den Zuschauer an diesem Abend entlassen?

Ich finde, ein Theaterabend muss Kopf und Herz erreichen. Am Ende geht es um den Menschen. Am Schluss, im fünften Teil sind alle Spieler Androiden, die auf die Spezies Mensch, ihre Schöpfer, also uns zurückschauen und gewissermaßen den Spiegel vorhalten. Kümmert euch! Kümmert euch um die Erde und euch gegenseitig, das ist meine Botschaft. Das klingt vielleicht pathetisch, aber es darf uns nicht egal sein, wie Menschen miteinander umgehen.

Hast du eine Inszenierung, die deine wichtigste ist?

Natürlich ist immer die aktuelle besonders wichtig. Aber es gibt mehrere, zuletzt war es „Welt im Rücken“ mit Joachim Meyerhoff, über die Krankheit eines Manisch-Depressiven. Das wurde bewegend und unterhaltend, da hat sich eine besondere künstlerische Freiheit eingestellt. Das ist selten, und wenn es passiert, ist es sehr besonders.

Auch du schätzt Freiheit, hast dich einmal als Rollkofferregisseur bezeichnet, Hamburg, Berlin, Zürich. Kannst du sagen, wie sich die Theaterstädte unterscheiden?

Ich mag das Fremdsein, das einmal im Jahr auftauchen, und wieder aufbrechen. Allerdings kenne und mag ich auch die Arbeit als Hausregisseur. Berlin, würde ich sagen, ist als Pflaster für Kunst härter, durch die Konkurrenz. Hamburg, könnte man behaupten, ist etwas kühler. Allerdings, wenn man die Hamburger „bekommt“, ist es wirklich toll. Dann sind die Hamburger sehr treu, wahre Fans.

Man spürt deine Begeisterung. Was treibt dich als Regisseur täglich neu?

Insgeheim wäre ich wahnsinnig gern Autor, habe aber Angst vor dem weißen Blatt. Mein Motor am Theater ist die Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Eigentlich finde ich die Leithammelposition gar nicht so gut, na ja, irgendwie vermutlich ein bisschen doch. Aber mein Geist und Intellekt springen im Gespräch und Austausch an. Da entsteht mein Werk, die anderen sind meine Zünder. Ich finde, wir müssen uns selbst immer wieder in Frage stellen und dürfen grade als Regisseur nicht zur Marke erstarren – dabei hilft mir mein Team. Die Menschen treiben mich an.

Interview: Stefanie Maeck
Foto: Armin Smailovic

Frankenstein / Homo Deus“: Thalia Theater, 18.11. (Premiere), weitere Vorstellungen am 15., 18., 20., 29.11.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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1 Frage, 1 Antwort – mit Michael Wanker

Michael Wanker ist Schauspieler, Regisseur und Coach. Auf der Theaterbühne spielt er weltweit das Solo „I will survive“ von Raoul Biltgen, das vor allem junge Menschen für das Thema AIDS sensibilisiert. Neben der Bühne coacht er Manager im Bereich Präsenz und Persönlichkeitsentwicklung. Er lebt in St. Georg und findet das richtig gut.

SZENE HAMBURG: Was ist deine Vision von einem gerechten Hamburg?

Denke ich über Gerechtigkeit und Hamburg nach, kommt mir der Umgang mit Wohnraum als Erstes in den Sinn. Denke ich über Wohnraum nach, kommt mir dessen Bezahlbarkeit in den Sinn. Denke ich über bezahlbaren Wohnraum in Hamburg nach, kommt mir Gentrifizierung und die bewusste soziale Selbstabgrenzung einzelner Stadtteile in den Sinn. Denke ich an dieses Selbstverständnis und die damit einhergehende Wagenburgmentalität, bin ich wieder bei der Gerechtigkeit angelangt. Und da beißt sich seit Jahren die Katze in den Schwanz.

Deshalb wird genau hier eine Vision dringend gebraucht. Wie wäre es mit der hier: Hamburg 2030. Der autonom fahrende SUV-Elektro-Shuttle holt den finanziell besser gestellten Spross von der Grundschule ab und nimmt die Kinder minderbegüterter Eltern mit. Natürlich alles per App vorher organisiert. Nun geht es durch die motorenfreie, grüne und (fast) emissionsfreie Innenstadt. Ja, Innenstadt. Denn die jungen Insassen wohnen allesamt in der Stadt. Trotz minderbegüterter Eltern. Übrigens auch die Studenten. Und die Alten. Wie ist dies nur möglich geworden? Durch eine radikale Reform des sozialen Wohnungsbaus gepaart mit allem Guten, was die Digitalisierung mit sich gebracht hat. Sensationell!

www.michaelwanker.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Frankenstein – „Ohne Liebe existierst du nicht“

Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl ist in vielen Welten zu Hause. Er dreht Kinofilme, Musikvideos und bringt nun eine düstere Oper auf die Kampnagel-Bühne.  

SZENE HAMBURG: Philipp, du bringst deine Baseler Frankenstein-Theateraufführung nach Hamburg, und zwar als Oper. Was ist passiert? 

Philipp Stölzl: Das Baseler Schauspiel war glaube ich auf ein Art sehr musikalisch und – im guten Sinn – große Oper auf kleinen Raum. Liegt sicher auch daran, dass der Autor Jan Dvorak nicht nur Literat sondern eben auch Komponist ist und sehr musikalisch schreibt.  Als Georges Delnon von Basel nach Hamburg wechselte hat er uns dann gefragt, ob wir aus dem Abend nicht eine richtige Oper machen könnten. Jan hat dann das Video der Aufführung genommen und seinen eigenen Text vertont, quasi 1:1, eine Übermalung mit Musik.

Warum habt Ihr Euch für Kampnagel entschieden, nicht für die große Opernbühne?

Die Basler Aufführung hatte eine Art Arena-Bühne, man saß um einen großen Käfig herum, das war intensiv und irgendwie auch brutal. Das kann man auf Kampnagel genau so wieder herstellen. In dem Käftig ist eine überlebensgroße Puppe zu sehen, die von drei Spielern geführt wird, das Monster. Die Nähe zu diesem Wesen und das Mitleid mit ihr ist essentiell für die Inszenierung, das würde in einer großen Guckkastenbühne auf die Distanz so nicht funktionieren.

Ihr nennt das Stück eine „Gothic Oper“ – früher hast du unter anderem Musikvideos für Rammstein gedreht. Kommt da etwas von dieser Vergangenheit wieder zurück?

Kann sein. Man selber denkt ja da nicht so drüber nach. Tatsächlich habe ich meinen ersten Opernauftrag durch einen Freund bekommen, der Fan meiner Rammstein-Videos war. Das war Webers „Freischütz“, auch so ein Art deutscher „Goth“

Was hat dich am Frankenstein-Stoff gereizt?

Es ist ein starker Stoff, der mich tatsächlich schon lange beschäftigt. Ich hab als Bub die alte Verfilmung mit Karloff gesehen, viel zu früh, ich war ziemlich traumatisiert danach,  später dann den Roman gelesen. Das Buch ist ja ganz anders als die Genre-Verfilmungen, die auf Grusel und Horror abzielen, total psychedelisch, surreal, am ehesten mit E.T.A Hoffmann verwandt, entfesselte schwarze Romantik. Und eben auch politisch, was man so nicht vermuten würde. Mary Shelly hat ihn zwar als junge Frau geschrieben, aber sie behandelt darin sehr erwachsene Fragestellungen, es geht um ganz essentielle Bausteine des Menschseins. Was macht uns eigentlich aus?

Und? 

In einem Wort: Die Liebe. Ohne Liebe existieren wir nicht. Das Monster, oder die Kreatur, wacht am Anfang der Geschichte im Wald auf und weiß nichts über die Welt, kann sich selbst auch nicht einordnen. Dann lernt sie: Kälte, Hunger, Schmerz, die Sprache der Tiere. Dann trifft es auf Menschen, die sich fürchten, ihm gewaltsam begegnen. Dann begreift es: Jedes Lebenwesen hat Eltern. Und sucht seine Herkunft, seinen Schöpfer und erfährt, dass es das einzige Wesen seiner Art ist. Es kommt aus dem Nichts und geht ins Nichts. Darum bittet es seinen Schöpfer ihm eine Gefährtin zu bauen. Es will nicht allein sein. Es will auch Liebe erfahren. Als ihm sein Schöpfer das versagt, nimmt es fürchterliche Rache. Es bringt die Verlobte seines Schöpfers um. Wenn es auf ewig allein sein muss, soll es sein Schöpfer auch sein. Am Ende verfolgen sich das Monster und sein Schöpfer um den ganzen Erdball, es geht in die Arktis, an den Rand der Welt. Die Geschichte hat eine biblische Wucht, fängt auf eine Art bei Adam und Eva im Paradies an und endet mit Kain und Abel.

Du bist auch Regisseur von großen Kinofilmen wie „Nordwand“ und „Der Medicus“, verwendest du Film denn auch als Stilmittel auf der Bühne?

Manchmal schon, bei „Frankenstein“ nicht. Es ist trotzdem eine sehr filmische Aufführung. In dem Sinne, dass sie ein sehr schlüssiges und geschlossenes Narrativ hat und rasant-suggestiv, mit vielen Szenenwechseln erzählt. Außerdem ist die Inszenierung auch ein Stück weit Unterhaltung, es gibt jede Menge Nebel und einen Wald mit Bäumen, die Arktis, sogar ein bisschen Action, Sie ist,  wenn man so will, „breit“ verständlich, so wie Kino eben meistens ist. Ich bilde mir ein, dass man damit möglicherweise auch Theaterfremde begeistern könnte.

Eine letzte Frage, die dich vermutlich fast jeder fragt. Du hast in der Vergangenheit einmal ein Musikvideo für Madonna gedreht und sie hat dich angerufen. Wie war sie?  

Immer wieder diese Frage! Na gut: Sie war nett und sehr professionell. Aber das ist einfach schon sehr lange her. Eine Lebensstation unter vielen anderen. Für einen Künstler ist es glaube ich gut, nach vorne zu gucken. Ruhm ist etwas sehr Vergängliches. Mein älterer Sohn hat vor ein paar Jahren seinem kleineren Bruder von meinem Madonna-Moment erzählt. Der Kleine darauf hin: “Madonna, wer ist das?” Der Große darauf: „Naja, sie ist so eine Art Katy Perry der Vergangenheit“…

Interview: Stefanie Maeck 

Internationales Musikfest zeigt: „Frankenstein“ auf Kampnagel, 20.-21.5., 25.-27.5.2018


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!