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Leben retten: Hand aufs Her(t)z

Was „Atemlos durch die Nacht“ und „Stayin’ Alive“ gemeinsam haben? Den geeigneten Rhythmus für die Herzdruckmassage. Ein Besuch beim Herzretter­-Kurs des „Ich kann Leben retten!“ e. V. an der Heinrich­-Hertz­-Schule

Text und Fotos: Basti Müller

 

Wie die Herzdruckmassage richtig funktioniert, wissen nur gut 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, obwohl hierzulande Herzversagen zu den häufigsten Todesursachen gehört. Die Initiative „Ich kann Leben retten!“ e. V. will besonders junge Menschen auf Notsituationen vorbereiten, in denen jede Minute zählt.

„Hey, Sie da, mit dem Mantel! Wählen Sie die 112!!“, ruft Julian Tejeda laut in den Klassenraum, „So müsst ihr die Leute ansprechen, dann helfen sie euch.“ Nun sind auch die letzten Schüler der 9c hellwach. Wie bei einem Bühnenstück positioniert sich Tejeda, hauptberuflich Schauspieler, in die Mitte des Stuhlkreises. Er ist einer von sieben Schauspielern im Team der „Ich kann Leben retten!“-Initiative und einer von zwei Kursleitern, die an diesem Morgen an die Winterhuder Stadtteilschule Laienretter ausbilden.

 

„Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“

 

„Wer von euch war schon beim Erste-Hilfe-Kurs?“, fragt der 42-Jährige. Eifrig melden sich Niklas und Jacob, beide 14, sie sind Schulsanitäter an der Heinrich-Hertz-Schule. Dort lernt man, ein Pflaster aufzukleben, einen Druckverband richtig anzulegen. „Das ist zum Teil überlebenswichtig“, führt Tejeda fort, „aber heute nicht unser Thema. Es geht um das Gehirn!“

Denn schon nach drei Minuten ohne Sauerstoff trägt das Gehirn dauerhafte Schäden davon, mit jeder weiteren Minute sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. Ziel der Initiative ist daher, die wesentlichen Schritte zu vermitteln, die einen Menschen bei plötzlichem Herzversagen solange am Leben erhalten, bis der Rettungsdienst übernimmt. Mund-zu-Mund-Beatmung und die perfekte stabile Seitenlage sind veraltete Maßstäbe. Lebensrettung soll einfacher, die Rettungskette effizienter werden.

Mittlerweile löchern die Schüler ihren Kursleiter: „Was mache ich, wenn Menschen einfach weitergehen? Oder ich bei der Herzdruckmassage jemanden verletze?“ Tejeda beruhigt. „Dass bei der Herzdruckmassage Rippen brechen, ist völlig normal. Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“, wiederholt der Herzretter in seinem 90-minütigen Kurs knapp ein Dutzend Mal.

 

„Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“

 

Um die Schüler von dieser Tatsache zu überzeugen, erzählt Tejeda die Geschichte von Florian, dessen Zunge durch einen Zusammenstoß beim Fußball in den Rachen rutschte und die Luftröhre versperrte. Als der Rettungsdienst eintraf, hatte der Junge bereits zehn Minuten nach Luft gerungen, weil kein Erwachsener wusste, was zu tun war. „Und das passiert erschreckend häufig“, sagt Tejeda.

Also holt der Kursleiter sein Modell hervor, erklärt, wie man die Atmung überprüft und sie, wie beim Fall von Florian, wiederherstellt. „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“, schmunzelt er, legt eine Hand unters Kinn der Puppe, die andere oberhalb auf die Stirn und bewegt den Kopf vorsichtig nach hinten. Dadurch flache sich die Zunge ab, der Atemweg öffne sich.

Ist das geschafft, muss der Mensch stabilisiert werden, erklärt er den Kindern. Deshalb bittet Tejeda die Schulsanitäter, die stabile Seitenlage vorzuführen. „Einen Kaktus bilden“, sagt Niklas und positioniert Jacobs Arme in eine U-Form. Dann winkelt er Jacobs Bein an, schiebt die Handfläche unter dessen Wange und dreht ihn auf die Seite. Ihre Mitschüler applaudieren. Beide könnten sich gut vorstellen, dass so ein Kurs halbjährlich in ihrer Schule stattfindet. „Weniger Arbeit für uns“, sagt Niklas scherzend. „Wie er auf die Seite kommt, ist letztendlich egal“, fügt der Kursleiter hinzu, „Hauptsache ist, dass der Mensch nicht an seiner Spucke erstickt.“ Dann kommt der Notruf. „,112 – gebührenfrei‘ – sage ich bei den Vorschulkindern immer“, so Tejeda.

Die Herzretter lehren die Herzdruckmassage bereits ab Klasse 3. Der Verein hat 2019 mehr als 20.000 Hamburger Kinder vom Vorschul- bis zum Jugendalter ausgebildet und plant auch 2020, mehr als 20.000 Schüler zu Herzrettern zu machen. „In Deutschland können jeden Tag 30 Menschenleben gerettet werden, wenn auch Laien wissen, was bei plötzlichem Herz-Kreislauf-Versagen zu tun ist“, sagt Dr. Martin Buchholz, der den Verein 2016 nach einem eigenen Herzinfarkt gründete.

 

„Prüfen, rufen, drücken“

 

Das Paradebeispiel dafür ist Alexander aus Stade, erzählt Tejeda, der vor einigen Jahren seiner Mutter das Leben rettete. Wenige Tage nach dem Herzretter-Kurs in seinem Kindergarten brach seine Mutter zu Hause zusammen. Der Junge legte sie in eine seitliche Lage, überstreckte ihren Kopf und wählte den Notruf. Alexander habe sich nur daran erinnert und das getan, was der Kursleiter ihm gesagt hatte.

„Prüfen, rufen, drücken“, predigt Tejeda, bevor sich die Schüler zu zweit an der Herzdruckmassage und dem automatisierten externen Defibrillator (AED) versuchen. Er macht es vor, legt Handflächen auf das Brustbein und beginnt im Takt eines Bee-Gees-Hits zu pumpen. „Wir drücken 120-mal pro Minute, fünf bis sechs Zentimeter tief. Ha, ha, ha, ha, stayin’ alive.“

„Das ist ganz schön anstrengend!“, sagt die 14-jährige Assetou, als sie zu üben beginnt. Durch den Kurs fühle sich die Schülerin sicherer. „Ich glaube, dass es gar nicht so schwer ist, so unter Druck zu handeln.“ Auch Amelie, 14, würde sich nun mehr zutrauen. „Die Herzdruckmassage würde ich auf jeden Fall auch versuchen.“ Und um genau das geht es bei den Herzrettern: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einfaches lebensrettendes Notfallwissen zu vermitteln, sie zu ermutigen das Herz in die Hand zu nehmen.

Tejeda ist zufrieden. Zur Weihnachtszeit gab der 42-Jährige knapp 30 Kurse in Hamburg. „Es ist immer anders und die Kinder haben sehr engagiert reagiert“, sagt der Kursleiter und verteilt abschließend einen Herzretter-Pass an jeden seiner frisch ausgebildeten Laienretter.

iklr.de


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kulturisten-Hoch2: Generationen auf Augenhöhe

Wenn junge und alte Menschen gemeinsam etwas erleben, ist das für beide Seiten bereichernd. Das Projekt Kulturisten-Hoch2 macht dies möglich. Wie prägend ein Abend sein kann, erzählt die Initiatorin Christine Worch

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE HAMBURG: Frau Worch, KulturistenHoch2 bringt Senioren und Schüler als Tandem für Kulturveranstaltungen zusammen. Wie läuft das ab?

Christine Worch: Seit 2016 bilden wir Kooperationen mit Schulen in Stadtteilen, in denen signifikant viele ältere Menschen mit niedrigem Einkommen leben. Einmal im Jahr stellen wir das Projekt in den Schulen vor, und die Schüler der jeweiligen Oberstufen können sich bei Interesse anmelden.

Wenn wir mindestens 15 Anmeldungen haben, kann das Projekt starten. Erst dann suchen wir die älteren Menschen in einem Stadtteil über verschiedene Kommunikationskanäle. Da stützen wir uns zum Beispiel auf Kooperations- und Netzwerkpartner, wie den ASB oder auch kirchliche Seniorentreffs.

Mittlerweile gibt es auch schon viel Mundpropaganda. Dank unseres Kooperationspartners Kulturleben Hamburg, der Tickets für Kulturveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt, können wir den älteren Menschen Karten für vielseitige Veranstaltungen anbieten, für die sie im Vorfeld Interesse bekundet haben. Wenn sie sich für eine Veranstaltung entschieden haben, suchen wir nach einer passenden Begleitung in der näheren Umgebung.

Funktioniert das Prinzip?

Bis jetzt haben sich rund 600 Tandems gefunden. Also ja.

Welche Veranstaltungen besuchen die Tandems?

Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann das mal ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein Theaterstück. Oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres. Gleich im ersten Jahr sind zwei Tandems zum Wacken Open Air gefahren. Ein 69-jähriger Teilnehmer sagte hinterher, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000 „wild aussehende Menschen“ so friedlich zusammen feiern.

Wieso haben Sie sich für ein Generationen-Projekt entschieden?

Ich war früher im Marketing und Vertrieb tätig, aber vor fast genau acht Jahren hatte ich den großen Wunsch, mein Know-how auf diesem Gebiet in etwas Soziales einzubringen. Ich habe dann eine Fundraising-Ausbildung gemacht, bin als Beraterin in verschiedenen Demenzprojekten tätig gewesen und habe unter anderem auch für Kulturleben Hamburg gearbeitet.

Dabei habe ich bemerkt, dass es immer wieder ältere Menschen gab, die das Angebot, eine Kulturveranstaltung zu besuchen, zwar gerne in Anspruch genommen hätten, aber darüber klagten, dass ihnen eine Begleitung fehle. Jemand, der gegebenenfalls auch helfen kann, wenn die ältere Person nicht mehr so mobil ist.

 

Wenn Alt und Jung Freunde werden

 

Unternehmen die Tandems nach dem ersten Treffen öfter etwas zusammen?

Wenn da Menschen aufeinandertreffen, die sich mögen, versuchen wir, sie künftig gemeinsam zu vermitteln. Gelingt das nicht, weil zum Beispiel die Schülerin oder der Schüler an dem fraglichen Abend keine Zeit hat, so hat der ältere Mensch die Chance einen anderen jungen Menschen kennenzulernen.

Es kommt durchaus vor, dass dauerhafte Freundschaften entstehen und die Teilnehmenden auch über das Projekt hinaus weiter Kontakt haben.

Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Beide Seiten freuen sich darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einer ganz anderen Generation angehören als sie selbst und dass sie so in vielerlei Hinsicht ihren Horizont erweitern können. Gerade Jugendliche, deren Großeltern nicht in ihrem direkten Umfeld leben, finden es interessant, die Geschichten älterer Menschen zu hören.

Viele sagen auch, dass sie durch das Projekt auch Kultur kennenlernen konnten, auf die sie alleine wahrscheinlich nicht gekommen wären.

Warum sind gerade Kulturveranstaltungen eine gute Möglichkeit, Generationen zu verbinden?

Auf beiden Seiten gibt es oft Vorurteile, und eines unserer wichtigsten Ziele ist es, diese abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Jüngeren und die Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Kultur kann da ein sehr guter Mittler sein.

Wir hatten zum Beispiel mal eine 17-jährige Teilnehmerin, die mit ihrer 78-jährigen Partnerin das erste Mal in die Oper gegangen ist, was natürlich sehr aufregend für sie war. Die ältere Dame war dagegen eine vormals versierte Operngängerin. Beide haben bei einer tragischen Szene zusammen geweint, und das Mädchen sagte hinterher, sie habe die Geschichte, die da auf der Bühne gezeigt wurde, durch das anschließende Gespräch mit ihrer Begleiterin erst richtig verstanden.

Kulturisten-Hochzwei-Alter-Test-Anzug

So ausgerüstet fühlen Jugendliche nach, wie es ist, zu altern

Die Jugendlichen werden für die Teilnahme an dem Projekt vorher geschult. Was wird dabei vermittelt?

Zum Beispiel, wie sie Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren unterstützen können. Auch ein Alterssimulationstraining gehört zur Ausbildung. Seheinschränkungen werden zum Beispiel mit verschiedenen Brillen simuliert, ein Schallschutz lässt die Jugendlichen Schwerhörigkeit nachempfinden. Eine Halskrause, Gewichte für die Hand- und Fußgelenke und Ellbogen, jeweils zwei Kilo schwer, und spezielle Handschuhe zeigen die Einschränkungen von Gelenkversteifungen. Dazu kommt noch eine 25 Kilo schwere Weste, die den Kraftverlust des Gesamtorganismus fühlbar macht.

Nach spätestens fünf Minuten Bewegung in dieser Montur wird den Jugendlichen klar, dass das Altern wirklich kein Spaß ist und sie entwickeln großen Respekt davor, was ältere Menschen jeden Tag leisten müssen. Wir gehen dann auch noch einmal in diesem Aufzug mit den Teilnehmenden einkaufen. Dabei begreifen die Jugendlichen dann auch, warum es manchmal so lange dauert, wenn vor ihnen an der Kasse ein älterer Mensch steht.

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Es gibt Jugendliche, die nach dem Projekt den Wunsch äußern, in der Altenpflege tätig zu werden. Sie bekommen nach Ablauf des Projektjahres ein Zertifikat für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Daraus können sich also auch Zukunftsperspektiven entwickeln.

Kulturisten-hoch2.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Jamliner – die Musikschule auf Rädern

Der „Jamliner“ ist eine rollende Musikschule, die regelmäßig in die benachteiligten Viertel Hamburgs fährt und Jugendlichen ermöglicht, ihre eigene Musik aufzunehmen. Ein Besuch am Standort Steilshoop.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Jérome Gerull

Collin und Abdurrahman haben es sich draußen auf dem Steintisch bequem gemacht. Den Jungs bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und sich die Zeit mit Gesprächen über Videospiele zu vertreiben, denn im Moment gibt es für sie nichts zu tun. Drinnen, im Jamliner, arbeiten ihre zwei Bandkolleginnen gerade an der Schlagzeugspur für ihren ersten gemeinsamen Song. Titel: „Mobbingopfer“.

Ein Lied über den Hilferuf eines Mädchens an ihren besten Freund, der aus Feigheit die Mobbingattacken seiner Mitschüler unterstützt – bis er am Ende des Liedes den Mut fasst, sich ihnen zu widersetzen und zu seiner Freundin zu halten. Ein ernstes Thema. „Hilf mir! Hilf mir! Ich brauche jemanden, der mit mir durch dick und dünn geht“, heißt es an einer Stelle. Collin hat den Text geschrieben. „Das ist wirklich bei uns so an der Schule passiert“, erklären Collin und Abdurrahman. Das Thema lag ihnen auf der Seele.

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Im Proberaum mit Tonstudio: Sänger Collin und die Band Jalac Foto: Jérome Gerull

Eine Band gründen, einen Song schreiben und diesen im Proberaum aufnehmen – der Traum vieler Jugendlicher. Hamburgs musikalische Buslinie erfüllt ihnen diesen Traum. Der Jamliner ist ein ehemaliger Linienbus, der in einen mobilen Bandproberaum inklusive Tonstudio umgebaut wurde. Auf den Straßen fällt das mit einem Graffiti-Gemälde übersäte Gefährt sofort auf – passend zu dem ungewöhnlichen Linienbus. Das Projekt der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, des Förderverein der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg e. V. und Reinhold Beckmanns Stiftung Nestwerk e. V. richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren, die von sich aus niemals eine Musikschule besuchen würden.

Vormittags kommen die Jugendlichen aus den naheliegenden Schulen, nachmittags können auch andere Gruppen – jede Band muss fünf Mitglieder haben – vorbeikommen und sich für das Projekt anmelden. Die „rollende Musikschule“ kommt einmal pro Woche mit zwei Pädagogen direkt in ihr Viertel, wo sie mit der Unterstützung von zwei Pädagogen – und an fünf Standorten auch zusätzlich mit einer FSJlerin – ein halbes Jahr lang an ihrem eigenen Song basteln. Am Ende der intensiven Probe- und Aufnahmezeit können die Jungs ihr eigene CD mit ihrem Song in den Händen halten.

Heute ist Donnerstag, der Standort Steilshoop steht auf dem Plan. Der Jamliner steht auf dem Verkehrsübungsplatz in der Gründgensstraße. Nach rund zehn Minuten ist die Wartezeit für Collin und Abdurrahman vorbei. Die Bustür öffnet sich, Angelina und Leonie kommen gut gelaunt heraus. Jasmine, das fünfte Bandmitglied, ist heute nicht da. Halb so wild, dann wird der Part fürs Keyboard eben auf nächste Woche verschoben. Die fünf Jugendlichen sind zwischen 12 und 13 Jahren alt und besuchen dieselbe Klasse an der naheliegenden Stadtteilschule, mit der der Jamliner eng zusammenarbeitet. Ihr Bandname Jalac setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Mitglieder zusammen.

 

„Die Kinder halten nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand“

 

Unterstützt werden die Nachwuchsmusiker in Steilshoop von Gesa Zill, Isabel Bonkat und Matthias Möller-Titel. Die 18-jährige Isabel absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr und ist jeden Tag im Jamliner unterwegs. Die Arbeit passt zu ihr, schließlich spielt sie Bass in einer Jazzband und will Musik auf Lehramt studieren. Der studierte Musikwissenschaftler Matthias Möller-Titel komponiert außerhalb des Jamliners Filmmusik in seinem Tonstudio. Seit mehr als zehn Jahren ist er zweimal pro Woche als Musikpädagoge für den Jamliner in Hamburg unterwegs. „Es ist ein sehr zielgerichtetes Arbeiten“, erzählt der 39-Jährige. „Die Kinder kommen her, um ein Ziel zu erfüllen – nämlich nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand zu halten.“

Dafür ist der ehemalige Linienbus bestens ausgerüstet. Der Jamliner ist in zwei Räume aufgeteilt: Direkt hinter der Fahrerkabine befindet sich der schallisolierte Bandraum mit einem Schlagzeug, einem Keyboard, einem Verstärker, Mikrofonen, Gitarren und einem Platz für die Sänger. Im hinteren Teil des Busses ist das mit Sitzecke gemütlich eingerichtete Tonstudio. Hier können die Kids an ihren Songs schreiben, proben und schwierige Parts bei Bedarf über Kopfhörer spielen. Der Laptop ist mit dem Tonstudio und dem Bandraum verbunden, wodurch Aufnahmen aus beiden Räumen möglich sind.

 

„Ab und zu singen auch Jungs über Liebe“

 

Zwei solcher Busse sind von montags bis freitags in Hamburg unterwegs, einen Tag in Jenfeld, den anderen in Harburg, auf St. Pauli oder eben in Steilshoop. Jedes Instrument steht spielfertig zur Verfügung und bedarf keiner aufwendigen Umbauzeit – was wichtig ist, denn jedes Details im Jamliner soll auf die Arbeit mit Jugendlichen ohne musikalische Vorbildung abgestimmt sein.

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Helfen den Jugendlichen bei den Songaufnahmen: Matthias Möller-Titel und Isabel Bonkat. Foto: Jérome Gerull

„Die Kinder müssen nichts können, wenn sie hier anfangen“, betont Matthias, sie lernen alles hier im Jamliner. Zuerst stehen einfache Rhythmusübungen auf dem Plan: stampfen, klatschen, einzählen. Dann geht es schon an die Instrumente, erste Töne werden geübt. Meistens bringen die Kids einen Song mit, den sie mögen. Davon inspiriert entwickelt die Crew gemeinsam mit der Band Ideen für einen eigenen Song. Momentan ist der Rapper Capital Bra am meisten angesagt. „Das ist gerade der heiße Scheiß“, sagt Matthias und lacht. In den meisten Songs geht es um Freundschaft, viele singen auch über ihre Herkunft: Steilshoop, mein Ghetto.

Ab und zu singen auch Jungs über Liebe, aber das ist eher selten der Fall. Meistens dominiert das für den HipHop typische „Wir sind die Geilsten“. Aber auch ernste Themen werden angeschnitten: das Thema Mobbing, über das Jalac singen, ist dieses Jahr in Steilshoop mehrfach vertreten.

Über 200 Bands hat Matthias schon bei ihren Songaufnahmen begleitet, darunter auch solche, die mit besonderen Themen auffielen. Zum Beispiel vor fünf Jahren, als fünf Jugendliche, die gerade Deutschland erreicht und den Arabischen Frühling miterlebt hatten, ein Lied über die Revolution aufnahmen. Auf Deutsch wohlgemerkt. Denn auch das ist eine der Regeln im Jamliner: gesungen werden nur eigene Lieder – Coverversionen sind nicht erlaubt – und immer auf Deutsch.

Die Regel gilt auch für Flüchtlingskinder aus den Vorbereitungsklassen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet. Vor drei Jahren, im Sommer 2015, gab das Projekt auch eine Woche lang einen Crashkurs in der Flüchtlingsunterkunft im Harburger Max Bahr. Eine Gruppe kurdischer Mädchen aus dem Irak nahm daran teil und besuchte auch unabhängig vom Workshop den Harburger Standort des Jamliner regelmäßig.

 

„Die Musik ist das Werkzeug für die Pädagogik“

 

Man habe beobachten können, wie schnell sich ihr Deutsch verbesserte, berichtet Matthias. Sie nahmen schließlich einen Song darüber auf, was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Grundlegende Wünsche: eine Arbeit und ein Zuhause zu haben. „Für uns ist das selbstverständlich, für sie war es das aber eben nicht. Sie haben in dieser riesigen Halle mit 600 Menschen und ohne Privatsphäre gewohnt“, sagt Matthias. „Das hat mich sehr berührt.“

Das sind die schönen Momente einer Arbeit, die oft anstrengend ist. Die Schulen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet, entscheiden, welche Jugendlichen am Projekt teilnehmen können. Auch mit den lernschwachen Kindern aus den regionalen Bildungszentren arbeiten die Musiker zusammen. Gerade die Kinder, die im Klassenkontext Schwierigkeiten haben, sollen herkommen. Das kann schwierig sein, die Aufmerksamkeitsspanne bei manchen ist sehr gering, die drei Betreuer werden von den Bands schon mal auf Trab gehalten.

„Was ich gleich zu Beginn gelernt habe, ist, dass ungefähr 80 Prozent der Arbeit hier pädagogisch ist. Die Musik ist das Werkzeug, um den pädagogischen Teil zu vermitteln.“ Über die Musik sollen die Kinder lernen, zusammenzuarbeiten, aufeinander zu hören und auf andere Rücksicht zu nehmen. Soziale Grundwerte, die nicht alle von ihnen von zu Hause mit auf den Weg bekommen. Doch die Musik wirkt: „Wenn die Kinder an den Instrumenten sind, sind sie plötzlich ganz ruhig und vertieft“, sagt Matthias.

Um 13 Uhr müssen Collin, Abdurrahman, Angelina und Leonie los, sie sind spät dran, der Deutschunterricht fängt gleich an. Eilig haben sie es nicht, doch Matthias macht Druck. „Los jetzt, ihr seid schon zu spät!“ Eine Stunde hat jede Band Zeit, insgesamt sechs Bands pro Tag kommen in den Jamliner. Nach der Mittagspause kommt Lena von der nächsten Band. „Hey, pünktlich auf die Minute. Sonst seid ihr immer alle zu spät“, freuen sich Matthias und Isabel. Die anderen sind nicht pünktlich, nur ein Bandmitglied kommt später noch dazu, die anderen drei tauchen gar nicht auf. Heute müssen sie zu zweit an ihrem Song arbeiten. Thema des Lieds: Mobbing.

www.jamliner.net


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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