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„Eine erhebliche Belastung“

Die Corona-Pandemie hat den Hamburger Schulalltag auf den Kopf gestellt. Ein Schulleiter, eine Lehrerin, ein Mitglied einer Elternkammer und eine Schülerin erzählen, wie sie die vergangenen fast zwei Jahre erlebt haben

Interviews: Rosa Krohn

 

Oliver Lerch

Schulleiter Gyula Trebitsch Schule, Tonndorf

Oliver Lerch_Credit Nathalie Beliaeff-klein

Oliver Lerch: „Bestehende Konzepte mussten weiterentwickelt werden“ (Foto: Nathalie Beilaeff)

SZENE HAMBURG: Herr Lerch, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Oliver Lerch: Die größte Herausforderung bestand sicherlich darin, die Kommunikation mit allen Beteiligten aufrechtzuerhalten. Es war uns wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben, alle notwendigen Informationen transportieren und Schule in dieser herausfordernden Zeit möglich machen. Hierzu mussten bestehende Unterrichtskonzepte weiterentwickelt und neue Bausteine angelegt werden. Hinzu kommt, dass wir gerade in der Anfangsphase schnell auf tagesaktuelle Anlässe reagieren mussten, zumal die Halbwertzeit von Informationen gerade in den ersten Monaten der Pandemie gering war. Später ging es dann darum, die Schule so sicher wie nötig zu machen und gleichzeitig so wenig Einschränkungen wie möglich zu schaffen: Wegekonzepte, Desinfektion, Masken und so weiter.

Wie gut waren Sie vorbereitet ?

Wir sind ein sehr engagiertes Kollegium und unsere Schülerinnen und Schüler liegen uns am Herzen. In den Phasen des Lockdowns, aber auch während der verschiedenen Wechsel-Modelle haben wir stark davon profitiert, dass wir bereits eine digitale Kommunikationsplattform etabliert hatten. Wir konnten unsere Schülerinnen und Schüler darüber via E-Mail erreichen, mit einem Aufgabentool Material und Arbeitsaufträge bereitstellen oder in Videokonferenzen Unterricht gestalten. Wir haben unsere technische Ausstattung schnell verbessert und konnten Laptops beziehungsweise Tablets in die Ausleihe geben, haben aber auch eine Präsenzbeschulung angeboten.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Das Kollegium hat sich auf dem Feld der Digitalisierung weitergebildet: Kompetenzen wurden gefestigt, neue Tools wurden entdeckt, Micro-Fortbildungen haben Kolleginnen und Kollegen vom Einsatz bestimmter Programme überzeugt und der Einsatz digitaler Medien ist noch selbstverständlicher geworden. Zudem haben sich alle Beteiligten noch mehr darüber gefreut, wenn sie vor Ort sein konnten und Schule als Begegnungsstätte wahrgenommen wurde.

 

Patrizia Rittich

Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin Elisabeth Lange Schule, Harburg

Patricia Rittich Credit Gudrun Garke-klein

Patrizia Rittich: „Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand“ (Foto: Gudrun Garde)

SZENE HAMBURG: Frau Rittich, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Patrizia Rittich: Wir als Kollegium mussten mit ständigen Änderungen umgehen. Zwar wurden diese, so gut es ging, rechtzeitig kommuniziert, dennoch war es eine große Unsicherheit in der Schülerschaft, ob sie zum Beispiel am Montag wieder in die Schule kommen durften oder weiterhin im Fernunterricht bleiben sollten. Im Laufe der Zeit kamen die ganzen Bestimmungen von der Behörde immer frühzeitiger, sodass das Kollegium sich besser auf Änderungen einstellen konnte. Eine der großen Herausforderungen war ein einheitliches Vorgehen im Fernunterricht – die Verständigung auf ein Medium und nicht: „Jeder kocht seinen eigenen Brei!“ Die familiären Voraussetzungen waren so vielfältig und damit auch so unterschiedlich, dass die Schule zunächst auch viele Familien mit Leihgeräten versorgen musste. Immerhin ist dies in unserer Schule sehr gut durch großzügige erste Spenden und dann den Digitalpakt der Behörde gelungen.

Die größte Herausforderung letztlich war, der Bildungsgerechtigkeit gerecht zu werden, was viele aus unserem höchst engagierten Kollegium sehr stark belastet hat. Herausfordernd war ebenfalls, dass manche Familien nicht die Betreuung der Kinder zu Hause leisten konnten, sodass viele Schülerinnen und Schüler in der Schule beschult werden mussten. Für das Kollegium war dies natürlich eine zusätzliche Herausforderung, denn der Fernunterricht sollte dennoch nach einem reduzierten Stundenplan stattfinden. Herausfordernd war für das Kollegium aber auch, eine familiäre Situation mit einem parallelen Homeschooling der Klassen durchzuführen und nicht zu vergessen: große finanzielle Sorgen derer, die sich nicht im Beamtenstatus befanden!

Wie gut waren Sie vorbereitet?

Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand. Wir gingen mit dem Wissen um einzelne Corona-Fälle in die Märzferien und in der zweiten Woche überschlugen sich die Ereignisse. Selbst die Schulleitung wusste erst am letzten Freitag der Märzferien, dass die Schulen vorerst geschlossen bleiben und hat am Wochenende alles vorbereitet, sodass das Kollegium gut informiert in die erste Phase der Schulschließung gehen konnte. An Vorbereitung war nicht zu denken. An unserer Schule war die Kommunikation über die Mails mit den Schülerinnen und Schülern gut gesichert, aber die Lehreraccounts brachen noch am letzten Sonntag der Märzferien vollständig zusammen. Durch die konstante Kommunikation mit der Schulleitung war das Kollegium im Boot und stets informiert, aber vorausgesehen hat niemand diese extreme Situation.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Besonders durch die digitale Ausstattung sind wir in der Digitalisierung Meilensteine vorangekommen, die sonst nicht stattgefunden hätten. Vor allem Teamzeiten und Konferenzen haben hervorragend nach anfänglichen Schwierigkeiten geklappt und werden auch heute noch teilweise digital durchgeführt. Die Unterrichtsentwicklung hat durch die Ausstattung mit iPads durch die Schulbehörde einen enormen Schub erhalten. Leider darf man aber auch eine erhebliche Belastung innerhalb des Kollegiums durch Quaran tänemaßnahmen innerhalb der Familien und die Schnelltests und psychische Belastung in der Bewältigung der Pandemie sowie der sozialen Kontaktarmut vieler Schülerinnen und Schüler nicht verschweigen.

 

Ulrich Matthies

Mitglied im Elternrat Stadtteilschule Helmuth Hübener, Barmbek-Nord

Ulrich Matthies Credit Jonny Matthies-klein

Ulrich Matthies: „Jetzt muss umgestellt werden“ (Foto: Jonny Matthies)

SZENE HAMBURG: Herr Matthies, wie schwierig war es für Sie, Ihre Kinder in der Pandemie zu begleiten?

Ulrich Matthies: Unsere Schule, die Stadtteilschule Helmuth Hübener, ist eigentlich gut im Digitalbereich aufgestellt. Allerdings gab es zum Anfang Probleme mit dem WLAN in der Schule. Die Schulleitung hat dieses Problem aber beseitigt. Ich habe drei Kinder. Unsere Wohnung ist für Distanzunterricht eigentlich nicht ausgelegt. Die Wohnung ist zu klein. Es gibt auch keine Arbeitszimmer für drei Kinder. Während des Distanzunterrichts waren wir mit fünf Personen zu Hause. Hierfür war unser privates WLAN zu schwach und wir haben aufgerüstet.

Konnten Ihre Kinder ihr Leistungsniveau halten?

Die Schule hat überwiegend Unterricht nach Stundenplan angeboten. Außerdem hat die Schule Kindern ohne Hardware Leihgeräte zur Verfügung gestellt. Kinder ohne WLAN haben Prepaid-Karten von der Schule für ihre Handys bekommen. Einige Lehrkräfte konnten besser als andere Lehrkräfte mit dem neuen Medium umgehen. Hier gab es durchaus Qualitätsunterschiede. Meine Kinder haben wohl nur überschaubare Lernlücken aufzuweisen. Der Distanzunterricht wurde auch ganz unterschiedlich von meinen Kindern aufgenommen. Einschätzung von „total gut“ bis „eher schlechter“.

Inwieweit konnten die Lehrer Ihren Kindern durch diese Zeit helfen?

Die Schule hat sich relativ schnell auf MS Teams eingestellt. Hier gibt es fertige Strukturen und dieses Programm ist in der Wirtschaft weit verbreitet. Allerdings muss unsere Schule jetzt umrüsten. Die weitere Nutzung von MS Teams wird vom Hamburger Datenschutzbeauftragten untersagt. Bei Nichtumsetzung werden der Schulleitung private Konsequenzen angedroht. Also muss jetzt umgestellt werden.

 

Maya Lucia Freiesleben

Schülerin Gymnasium Altona

Maya Lucia Freiesleben Credit Motionphotos-klein

Maya Lucia Freiesleben: „Ich habe gelernt, selbstständiger zu arbeiten“ (Foto: Motionphotos)

SZENE HAMBURG: Maya Lucia, was habt ihr am meisten vermisst in der Pandemie?

Maya Lucia: Am meisten vermisst in der Pandemie beziehungsweise den längeren Lockdown-Phasen, habe ich den Kontakt zu meinen Freunden und Freundinnen und sonstigem sozialen Umfeld, Rausgehen, meinen alten Alltag, Abwechslung, die Unbefangenheit und Leichtigkeit. Eine der längeren Lockdown-Phasen war ja von Dezember 2020 bis Mai 2021, und gerade da war es sehr schwierig für uns Schüler und Schülerinnen, positiv und motiviert zu bleiben. Erst hieß es, wir blieben nur ein paar Wochen im Lockdown und dann zog sich das Ganze über Monate. Also hat teilweise auch eine Art von Perspektive gefehlt. Die Schüler und Schülerinnen haben sich den alten Alltag und Unterricht zurückgewünscht, da es für viele schwieriger war, von zu Hause allein zu arbeiten und viele schöne Aspekte am Schulalltag, wie die gemeinsamen Pausen, sind natürlich auch weggefallen.

Habt ihr euch mit euren Sorgen und Nöten von den Lehrern und Lehrerinnen immer verstanden gefühlt?

Alle Lehrer und Lehrerinnen hatten einen sehr unterschiedlichen Umgang mit den Sorgen und Nöten der Schüler und Schülerinnen. Dennoch haben die meisten darauf geachtet, sehr offen zu kommunizieren, sodass wir immer mit unseren Problemen auf sie zukommen konnten. Einige Lehrer und Lehrerinnen haben Einzel-Telefonate angeboten, oder kleine „Check-up“-Runden gemacht, wo jeder mal was beitragen sollte und konnte. Andere haben im Unterricht in Breakout-Räumen ein wenig Zeit zum privaten Austausch gelassen, oder sich auch mal Feedback zum Unterricht geben lassen. Ein paar Lehrer und Lehrerinnen haben sehr darauf geachtet, unseren Schulalltag abwechslungsreicher zu gestalten und haben auch mal alternative und kreativere Aufgaben gestellt und sind auf das gegebene Feedback eingegangen. Ich glaube, viel war am Anfang auch noch echt holprig im Online-Unterricht, weil alle noch sehr unsicher waren und niemand wirklich einschätzen konnte, wie lange wir noch zu Hause bleiben müssen. Aber das hat sich auch mit den Wochen eingespielt.

Was habt ihr aus dieser Zeit für die Zukunft gelernt?

Ich habe für mich persönlich gelernt, selbstständiger zu arbeiten, mir meinen Alltag besser zu strukturieren und mir auch mal kleine Pausen einzubauen, in denen ich mal rausgehe und mich mit Freunden und Freundinnen treffe. Gerade jetzt, in der kommenden Abiturphase und auch später für das Studium, ist das sehr hilfreich. Ich habe auch gelernt, meinen Alltag ein bisschen mehr wertzuschätzen und mir dann Hilfe zu holen, wenn ich sie brauche und generell offener über meine Probleme zu sprechen.

Mehr über das Hamburger Schulleben in der neuen SZENE HAMBURG Schule. Das Magazin ist seit dem 10. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Schüler:innen gegen Rassismus

Anne Pretzsch hat mit „100 Tage gegen Rassismus“ eine Performance-Aktion am Hamburger Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium initiiert. Ein Gespräch über die Idee, die Kraft der Schüler:innen und die politische Dimension des Projekts

Interview: Henry Lührs

 

Anne Pretzsch ist Performance-Künstlerin und Mentorin. Zusammen mit Schüler:innen des Hamburger Emilie-Wüstenfeld-Gymnasiums (EWG) hat sie die Performance-Aktion „100 Tage gegen Rassismus“ umgesetzt. Dabei setzen sich Schüler:innen kreativ für mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft ein und fragen sich: Was ist Rassismus?. Pünktlich zum Jahresbeginn gehen sie mit ihrem digitalen Kunstprojekt an die Öffentlichkeit.

SZENE HAMBURG: Frau Pretzsch, wann haben sie das letzte mal Rassismus miterlebt?

Neulich im Bus bei einer Fahrkartenkontrolle. Da wurde mit einer von mir als Person of color gelesenen Person laut und langsam gesprochen, obwohl diese Person perfekt Deutsch sprach.

Ihr Projekt „100 Tage gegen Rassismus“ am Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium ist mit Jahresbeginn in die finale Phase gekommen, wie kam es zu der Idee zu dem Projekt?

Mich interessiert es mit Kindern und Jugendlichen politisch zu arbeiten. Die Arbeiten und Performances, die ich mache, sind immer sehr politisch. Mir ist es erstens wichtig, die Bühne für relevante Themen zu nutzen und zweitens konnten wir den Jugendlichen mit dieser Produktionsform eine Menge Freiheiten ermöglichen. Ich habe gemerkt, dass ich generell Lust habe, in freien Projekten mit Schulen und Lehrenden zu arbeiten.

 

„Nichts davon wurde von unserer Seite initiiert“

 

In Workshops haben sich die Schüler:innen das Thema erarbeitet (Foto: Tina Weggler )

In Workshops haben sich die Schüler:innen das Thema erarbeitet (Foto: Tina Weggler )

Haben die ‚Kids‘ denn Lust auf das Thema?

Total. Es gab zum Beispiel einen Vorfall mit einer Lehrkraft. Daraufhin haben sich die Kids sehr engagiert. Es ging sowohl darum, der Lehrkraft zu erklären, was dort gerade passiert ist, als auch rassistische und diskriminierende Strukturen aufzudecken. Die Schüler:innen haben als Reaktion zum Beispiel die Lehrbücher überprüft oder bemängelt, dass Kolonialismus im Lehrplan nicht vorkommt. Es wurde sogar ein Brief an den Schulsenator Thies Rabe verfasst. Nichts davon wurde von unserer Seite initiiert.

Die Schüler:innen haben sich über Monate hinweg kreativ mit dem Thema Diskriminierung auseinandergesetzt. Wie hat das genau ausgesehen?

Wir haben den Kids das Projekt erst einmal vorgestellt und die Themen im Unterricht bearbeitet. Die Schüler:innen haben sich dann komplett selbstständig weiter eingelesen. Unterstützung gab es dabei von den Expert:innen von We A.R.E. e.V., einer Initiative zur frühkindlichen antirassistischen Erziehung und Bildung. Dazu kamen dann noch Workshops zu den verschiedenen Themen und auch die Schulbibliothek wurde und wird zu diesem Thema aufgestockt. So gibt es in Zukunft genügend Informationsmaterial, Sachbücher, Romane und Lyrik BiPoC (Schwarz, Indigen und der Begriff People of Color Anm. d. Red.) Autor:innen und die Kids können sich weiter gegenüber Diskriminierung sensibilisieren.

 

„Weiße Menschen sind rassistisch sozialisiert“

 

Einer der Workshops wurde von We A.R.E. e.V. durchgeführt (Foto: Tina Weggler)

Einer der Workshops wurde von We A.R.E. e.V. durchgeführt (Foto: Tina Weggler)

Das Kunstprojekt ist in mehrere Phasen aufgegliedert.

Ja, auf die erste Input-Phase folgte die Produktionsphase. Hier haben wir Performances und Formate entwickelt, wie zum Beispiel Plakate oder Hörspiele. Dann ging es fließend in die dritte Phase über, die seit Anfang des Jahres läuft. In dieser Phase werden die Ergebnisse präsentiert, sei es über Postings oder über diverse Präsentationen auf unserer eigenen Website. Die Klassen produzieren weiter und gleichzeitig finden Uploads statt.

Wurden von Rassismus betroffene Menschen in die Konzeption des Projekts mit eingebunden?

Die Kids haben bei der Vorstellung des Projektes sofort gesagt, dass wir weiß sind und das Projekt daher nicht machen könnten. Das fand ich super, denn das ist auch eine Frage, die ich mir stelle. ‚Darf ich?‘ oder ‚sollte ich so ein Projekt initiieren?‘ Für 100-Tage arbeiten wir eng mit People of Color zusammen, das Projekt Rapfugees hat gerade die Patenschaft übernommen.

Weiße Menschen wie ich sind rassistisch sozialisiert und ich sehe es nicht nur als die Aufgabe von Menschen mit rassistischer Diskriminierungserfahrung, unseren Rassismus aus dem System zu bekommen. Genauso ist es auch die Aufgabe von Männern, andere Männer darauf hinzuweisen, dass sie sexistisch sozialisiert sind.

 

Die wilde Kraft der jungen Menschen

 

Initiatorin und Performancekünstlerin Anne Pretzsch (Foto: Vera Drebusch)

Initiatorin und Performancekünstlerin Anne Pretzsch (Foto: Vera Drebusch)

Die Schüler:innen sind in der künstlerischen Ausgestaltung sehr frei. Medium und Ausdrucksform dürfen selbst gewählt werden. Gibt es trotzdem Grenzen oder No-Gos?

Klassische No-Gos gibt es schon. Das sind insbesondere Dinge, die die Kinder noch nicht kennen. Wir erklären dann zum Beispiel, warum die Reproduktion von Rassismen nicht gut ist, warum so etwas wie Blackfacing diskriminierend ist. Wir treten dabei aber auch in einen offenen Dialog. Ansonsten sehe ich gar keinen Grund, künstlerischen Prozessen Grenzen zu setzen, solange nichts diskriminierend ist. Wenn die Schüler:innen sagen: „Wir brauchen eine Drohne“ oder „wir möchten einen Tisch kaputt schlagen, weil uns das alles so wütend macht“, dann müssen wir das irgendwie möglich machen. Das sehe ich als meine Aufgabe, dann muss ich die Kohle dafür besorgen.

Im Frühjahr 2019 haben antifaschistische Sticker in der Ida-Ehre-Schule direkt um die Ecke für große Diskussion gesorgt. Die Schulaufsicht ließ die Sticker entfernen und die AfD rief ein „Petz-Portal“ ins Leben. Sollten sich Schüler:innen aus ihrer Sicht auch eigenständig politisch antifaschistisch positionieren?

Ich finde es immer gut, wenn junge Menschen anfangen, selbstständig zu denken. Dazu gehört für mich auch, eine politische Haltung zu entwickeln. Es gehört aber auch dazu zu reflektieren, wie ich diese vortrage, wie ich mich benehme und wie ich in diesem Kontext spreche. Wenn einem jungen Menschen eine Ungerechtigkeit auffällt – nicht nur im politischen Kontext – dann kommt auf einmal so eine wilde Kraft. Das ist gut. Aber ich empfinde es eher als die Aufgabe von Lehrenden zu gucken, wie diese kanalisiert werden kann. Kunst ist mein Angebot, um aus dieser Kraft zum Beispiel eine Performance, ein Hörbuch, einen guten Text oder ein Bild zu schaffen.

 

„Menschen sind nicht neutral“

 

Oft wird gefordert, dass Schule ein neutraler Ort sein sollte. Wie sehen Sie das?

Ich finde, es ist eine Illusion, dass irgendein Ort, wo Menschen sind, ein neutraler Ort sein könnte. Menschen sind nicht neutral. Natürlich muss ich Schüler:innen nicht politisch anstacheln. Ich muss nicht sagen: ‚Zieht euch alle schwarze Klamotten an und kommt mit mir auf eine Demo.‘ Da gibt es vielleicht eine Grenze. Aber ich kann nicht behaupten neutral zu sein oder neutral sein zu wollen. Wo sind dann die Grenzen des Politischen? Wenn ich Jungs in meiner Klasse auffordern zu gendern, ist das dann schon politisch? Ist mein ganzes Auftreten als weiße Frau politisch? Das alles ist schon nicht neutral.

Wie geht es mit dem Projekt nach Abschluss der Produktionsphase weiter?

Die Website wird an die Schule übergeben und diese übernimmt dann die Kuration. Das Projekt wird dann dadurch geöffnet, dass andere Schulen eingeladen werden, sich an dem daran zu beteiligen. Am EWG wird gerade eine Antidiskriminierungs AG eingerichtet und diese kümmert sich dann vermutlich um die Einsendungen. Ich fände es großartig, wenn diese Plattform so breit genutzt wird, dass am Ende eine Sammlung von Hamburger Schulen entsteht. We will see…

100-tage-gegen-rassismus.de


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Hamburger Nachwuchs: Zwischen Forschung und Fortnite

Aruna Sherma, 17, holte mit ihrer Arbeit über die Erforschung alternativer Kontrastmittel für die Kernspintomografie (MRT) den 1. Preis im Landeswettbewerb von Jugend forscht 2019 und diverse Sonderpreise. Moritz Ahrens, 18, sicherte sich mit Julian Jochens, 19, den 2. Preis samt Sonderpreis für ihr selbstfahrendes Fahrrad „Velo Autonomus“. SZENE HAMBURG sprach mit Aruna und Moritz über ausgezeichnetes Forschen und Tüfteln

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Aruna und Moritz, herzlichen Glückwunsch! Warum genau diese Projekte?

Moritz: Das war einfach eine lustige Idee, die mein Partner Julian und ich interessanterweise gleichzeitig hatten. Das war im Sommer 2018. Dann haben wir im Rahmen einer freien Projektarbeit in der Schule gesagt: „Lass uns das machen!“

Aruna: Ich habe mich mit Halbleitern, Magnetismus und speziell Kernmagnetismus beschäftigt. Der kommt in der MRT zum Einsatz. Ich bin durch Zufall auf einen Artikel über die Toxizität von MRT-Kontrastmitteln gestoßen. Dann habe ich geschaut: Was ist ein Kontrastmittel? Was muss das können? Dabei bin ich auf Nanotechnologie gestoßen und fand das einen vielversprechenden Ansatz für ein weniger belastendes Kontrastmittel.

Was war eure Motivation, bei Jugend forscht mitzumachen?

Aruna: Ich kannte den Wettbewerb gar nicht. Mein Betreuer im Schülerforschungszentrum (SFZ) hat mich aufmerksam gemacht. Ich habe mich dann einfach angemeldet. Mein Projekt war erst sechs Monate jung. Ich hatte nicht erwartet, dass ich soweit komme. Während des Wettbewerbs habe ich dann realisiert, dass ich gar nicht so schlecht bin, wie ich dachte.

Moritz: Ich war im Jahr davor schon mit einem anderen Projekt dabei, und dann haben wir uns überlegt: Hm. Das Projekt ist umfangreich und hat Potenzial. Wenn wir das schon als Projektarbeit machen, können wir das auch für Jugend forscht verwenden. Sportlicher Ehrgeiz war auch dabei. Wenn man bei einem Wettbewerb mitmacht, hat man Stress, und unter Stress kann man besser arbeiten. Und man kann gucken, was andere so Cooles machen.

 

„Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung“

 

Wie wurdet ihr unterstützt?

Moritz: Die Schule war eine große Unterstützung. Eine Lehrerin begleitete die Projektarbeit, eine andere kümmerte sich um den Wettbewerb. Sie war eingetragene Projektbetreuerin bei Jugend forscht und hat einen 3-D-Drucker für uns organisiert. In manchen Schulen werden Wahlkurse Jugend forscht angeboten, und die nehmen dann mit zehn Projekten teil. Meine Eltern waren schon deshalb eine Unterstützung, weil sie immer ertragen haben, dass Fahrrad, Schweißgerät und anderes Zeug den Flur blockieren.

Aruna: Ich habe zu Hause rumexperimentiert, Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung, was ich eigentlich tue. Es ist viel kaputtgegangen. Dann hat mir mein Klassenlehrer das Schülerforschungszentrum (SFZ) empfohlen. Er und eine andere Lehrerin haben einen Termin für mich vereinbart, ohne dass ich davon wusste. Plötzlich kam der Anruf: Aruna, Dienstag um 17 Uhr bist du im SFZ. Da war ich natürlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Aber dann war das wirklich ein guter Ort zum Arbeiten. Ich habe meinen Betreuer kennengelernt, der wollte, dass ich eine Leitfrage entwickle. Also genau sage, was ich machen will. Ich habe spontan gesagt: „Ich mache irgendwas mit Magnetismus.“ Auch mein Mathelehrer hat mich stark unterstützt. Ich bin nicht gut in Rechtschreibung, und er hat meine Arbeiten korrigiert. Er war immer da. Wenn ich ihm etwas geschickt habe, kam das innerhalb einer Stunde korrigiert zurück.

Wie seid ihr mit der Doppelbelastung aus Schule und Forschung klargekommen?

Moritz: Das ging eigentlich. Ich hatte sowieso das Glück, dass mir Schule immer leichtgefallen ist. Von daher hat das alles gepasst. Wir durften teilweise in der Woche vor Jugend forscht aus dem Unterricht raus und an dem Projekt weiterarbeiten.

Aruna: Das war schwierig, weil ich im Nebenjob auch noch kellnere. Zudem habe ich einen Schulweg von einer Stunde. Es war ziemlich stressig und ist ziemlich stressig. Meine Laborzeiten für Jugend forscht waren während der Unterrichtszeiten, weil meine Betreuer an der Uni abends keine Zeit hatten. Ich musste mich oft freistellen lassen, was dazu führte, dass ich viel Unterricht verpasst habe.

Gab es Momente, in denen ihr ans Aufhören dachtet?

Aruna: Ich hatte mir ein Gerät mit Temperaturregler und Sensoren gebaut. Ich wollte das magnetische Verhalten von verschiedenen Metallen untersuchen, um festzustellen, welche Materialien ich verwenden kann. Aber das Gerät hat einfach nicht funktioniert. Ich wusste nicht, warum, und das hat mich ziemlich entmutigt. Eine Zeit lang kam ich gar nicht weiter. Da fragte ich mich, ob ich vielleicht mal was anderes ausprobieren sollte. Informatik oder Mathematik vielleicht.

Moritz: Na ja. Wenn man den ersten Zeitplan ansieht, wären wir jetzt schon dreimal fertig. Es läuft eigentlich kaum was, wie man sich das im ersten Moment gedacht hat. Die Stützräder sind jetzt in der dritten oder vierten Version, weil sie entweder abgebrochen oder abgeknickt sind. Der Motor war anfangs zu klein. Der hat es gar nicht geschafft, anzufahren. Wir haben für alles mindestens zwei Anläufe gebraucht, aber dann doch weitergemacht.

Welche Pläne habt ihr nach der Schule?

jugend-forscht-Moritz-Ahrens-Julian-Jochens

Auch Moritz Ahrens (l.) und Julian Jochens wurden für ihr Projekt prämiert

Moritz: Mein Plan ist, nächstes Jahr im Wintersemester anzufangen, zu studieren. Es wird wohl Maschinenbau. Julian und ich können uns gut vorstellen, unser Projekt weiter zu betreiben. Vielleicht sprechen wir mal mit Fahrradherstellern. Im Moment ist das aber noch ein Spaßprojekt.

Aruna: Mein Traum ist die Forschung, aber ich finde die momentanen Bedingungen in Deutschland nicht so toll. Mir ist das zu unsicher mit diesen ganzen befristeten Verträgen. Ich weiß nicht, wie ich meine Zukunft planen soll, wenn ich nicht weiß, ob ich in zwei Jahren noch meinen Job habe. Da bin ich am Schwanken, ob ich nicht in die Wirtschaft gehe. Mein Zweitstudienwunsch neben Physik wäre Ingenieurwesen. Alles MINT-Studiengänge, die nach wie vor von Männern dominiert sind.

Wie sind da eure Erfahrungen?

Moritz: Ich bin mir nicht sicher. Ich habe aber nicht erlebt, dass man zu Jugend forscht fährt und Jungs da bevorzugt behandelt werden. Wenn es um Förderung in der Schule geht, wird drauf geachtet, dass das ungefähr ausgeglichen ist. Die Initiative NAT, die sich um die Förderung von Naturwissenschaften bei Schülerinnen und Schülern kümmert, hat das Programm mint:pink. Da werden explizit Mädchen angesprochen, um sie für Naturwissenschaften zu begeistern.

Aruna: Tatsächlich habe ich an der Uni gearbeitet und noch nie eine weibliche Physikerin gesehen. Es fällt auf, aber ich habe noch keine Probleme damit gehabt. Ich habe gehört, dass man als Frau unterschätzt wird von den männlichen Kollegen, aber ich habe es selbst zum Glück noch nicht erlebt. Ich glaube, das Hauptproblem liegt in der Kindheit. Es heißt ja schon früh, Jungs könnten besser logisch denken, Mädchen wären talentierter in Sprachen. Solche Vorurteile halten sich und beeinflussen einen in Schule und Studium.

Was macht ihr, wenn ihr nicht forscht?

Aruna: Ich mag Video-Ballerspiele wie Counterstrike oder GTA.

Moritz: Ich spiele seit ewigen Zeiten Klavier. Bevorzugt Klassik und Jazz.

Was gebt ihr Leuten mit auf den Weg, die bei Jugend forscht mitmachen wollen?

Moritz: Ich glaube, es ist so ein Ding von Technikprojekten, dass man einfach so drauflos baut. Uns wurde bei den Wettbewerben gesagt, man könnte noch wissenschaftlicher rangehen. Wir haben mehr ausprobiert und sind weniger methodisch rangegangen. Schon unsere Vision, ein autonomes Fahrrad zu bauen, war ein dicker Brocken. Wenn man an allen Fronten gleichzeitig kämpft, kommt man nicht unbedingt weiter. Man muss sich strukturieren und auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Bei uns zum Beispiel gingen zuerst nur die Blinker. Das Fahrrad konnte nicht fahren. Das war nicht so schlau.

Aruna: Ich würde mit viel Selbstvertrauen reingehen. Nicht von anderen Projekten beeindrucken lassen. Ich habe mich da eingeschüchtert gefühlt und hatte das Gefühl, dass das ein Hindernis war in meinem Vortrag. Ich konnte weniger frei sprechen. Man darf ruhig überzeugt sein von dem, was man macht. Egal, was die anderen machen.

jugend-forscht.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Leben retten: Hand aufs Her(t)z

Was „Atemlos durch die Nacht“ und „Stayin’ Alive“ gemeinsam haben? Den geeigneten Rhythmus für die Herzdruckmassage. Ein Besuch beim Herzretter­-Kurs des „Ich kann Leben retten!“ e. V. an der Heinrich­-Hertz­-Schule

Text und Fotos: Basti Müller

 

Wie die Herzdruckmassage richtig funktioniert, wissen nur gut 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, obwohl hierzulande Herzversagen zu den häufigsten Todesursachen gehört. Die Initiative „Ich kann Leben retten!“ e. V. will besonders junge Menschen auf Notsituationen vorbereiten, in denen jede Minute zählt.

„Hey, Sie da, mit dem Mantel! Wählen Sie die 112!!“, ruft Julian Tejeda laut in den Klassenraum, „So müsst ihr die Leute ansprechen, dann helfen sie euch.“ Nun sind auch die letzten Schüler der 9c hellwach. Wie bei einem Bühnenstück positioniert sich Tejeda, hauptberuflich Schauspieler, in die Mitte des Stuhlkreises. Er ist einer von sieben Schauspielern im Team der „Ich kann Leben retten!“-Initiative und einer von zwei Kursleitern, die an diesem Morgen an die Winterhuder Stadtteilschule Laienretter ausbilden.

 

„Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“

 

„Wer von euch war schon beim Erste-Hilfe-Kurs?“, fragt der 42-Jährige. Eifrig melden sich Niklas und Jacob, beide 14, sie sind Schulsanitäter an der Heinrich-Hertz-Schule. Dort lernt man, ein Pflaster aufzukleben, einen Druckverband richtig anzulegen. „Das ist zum Teil überlebenswichtig“, führt Tejeda fort, „aber heute nicht unser Thema. Es geht um das Gehirn!“

Denn schon nach drei Minuten ohne Sauerstoff trägt das Gehirn dauerhafte Schäden davon, mit jeder weiteren Minute sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. Ziel der Initiative ist daher, die wesentlichen Schritte zu vermitteln, die einen Menschen bei plötzlichem Herzversagen solange am Leben erhalten, bis der Rettungsdienst übernimmt. Mund-zu-Mund-Beatmung und die perfekte stabile Seitenlage sind veraltete Maßstäbe. Lebensrettung soll einfacher, die Rettungskette effizienter werden.

Mittlerweile löchern die Schüler ihren Kursleiter: „Was mache ich, wenn Menschen einfach weitergehen? Oder ich bei der Herzdruckmassage jemanden verletze?“ Tejeda beruhigt. „Dass bei der Herzdruckmassage Rippen brechen, ist völlig normal. Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“, wiederholt der Herzretter in seinem 90-minütigen Kurs knapp ein Dutzend Mal.

 

„Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“

 

Um die Schüler von dieser Tatsache zu überzeugen, erzählt Tejeda die Geschichte von Florian, dessen Zunge durch einen Zusammenstoß beim Fußball in den Rachen rutschte und die Luftröhre versperrte. Als der Rettungsdienst eintraf, hatte der Junge bereits zehn Minuten nach Luft gerungen, weil kein Erwachsener wusste, was zu tun war. „Und das passiert erschreckend häufig“, sagt Tejeda.

Also holt der Kursleiter sein Modell hervor, erklärt, wie man die Atmung überprüft und sie, wie beim Fall von Florian, wiederherstellt. „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“, schmunzelt er, legt eine Hand unters Kinn der Puppe, die andere oberhalb auf die Stirn und bewegt den Kopf vorsichtig nach hinten. Dadurch flache sich die Zunge ab, der Atemweg öffne sich.

Ist das geschafft, muss der Mensch stabilisiert werden, erklärt er den Kindern. Deshalb bittet Tejeda die Schulsanitäter, die stabile Seitenlage vorzuführen. „Einen Kaktus bilden“, sagt Niklas und positioniert Jacobs Arme in eine U-Form. Dann winkelt er Jacobs Bein an, schiebt die Handfläche unter dessen Wange und dreht ihn auf die Seite. Ihre Mitschüler applaudieren. Beide könnten sich gut vorstellen, dass so ein Kurs halbjährlich in ihrer Schule stattfindet. „Weniger Arbeit für uns“, sagt Niklas scherzend. „Wie er auf die Seite kommt, ist letztendlich egal“, fügt der Kursleiter hinzu, „Hauptsache ist, dass der Mensch nicht an seiner Spucke erstickt.“ Dann kommt der Notruf. „,112 – gebührenfrei‘ – sage ich bei den Vorschulkindern immer“, so Tejeda.

Die Herzretter lehren die Herzdruckmassage bereits ab Klasse 3. Der Verein hat 2019 mehr als 20.000 Hamburger Kinder vom Vorschul- bis zum Jugendalter ausgebildet und plant auch 2020, mehr als 20.000 Schüler zu Herzrettern zu machen. „In Deutschland können jeden Tag 30 Menschenleben gerettet werden, wenn auch Laien wissen, was bei plötzlichem Herz-Kreislauf-Versagen zu tun ist“, sagt Dr. Martin Buchholz, der den Verein 2016 nach einem eigenen Herzinfarkt gründete.

 

„Prüfen, rufen, drücken“

 

Das Paradebeispiel dafür ist Alexander aus Stade, erzählt Tejeda, der vor einigen Jahren seiner Mutter das Leben rettete. Wenige Tage nach dem Herzretter-Kurs in seinem Kindergarten brach seine Mutter zu Hause zusammen. Der Junge legte sie in eine seitliche Lage, überstreckte ihren Kopf und wählte den Notruf. Alexander habe sich nur daran erinnert und das getan, was der Kursleiter ihm gesagt hatte.

„Prüfen, rufen, drücken“, predigt Tejeda, bevor sich die Schüler zu zweit an der Herzdruckmassage und dem automatisierten externen Defibrillator (AED) versuchen. Er macht es vor, legt Handflächen auf das Brustbein und beginnt im Takt eines Bee-Gees-Hits zu pumpen. „Wir drücken 120-mal pro Minute, fünf bis sechs Zentimeter tief. Ha, ha, ha, ha, stayin’ alive.“

„Das ist ganz schön anstrengend!“, sagt die 14-jährige Assetou, als sie zu üben beginnt. Durch den Kurs fühle sich die Schülerin sicherer. „Ich glaube, dass es gar nicht so schwer ist, so unter Druck zu handeln.“ Auch Amelie, 14, würde sich nun mehr zutrauen. „Die Herzdruckmassage würde ich auf jeden Fall auch versuchen.“ Und um genau das geht es bei den Herzrettern: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einfaches lebensrettendes Notfallwissen zu vermitteln, sie zu ermutigen das Herz in die Hand zu nehmen.

Tejeda ist zufrieden. Zur Weihnachtszeit gab der 42-Jährige knapp 30 Kurse in Hamburg. „Es ist immer anders und die Kinder haben sehr engagiert reagiert“, sagt der Kursleiter und verteilt abschließend einen Herzretter-Pass an jeden seiner frisch ausgebildeten Laienretter.

iklr.de


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kulturisten-Hoch2: Generationen auf Augenhöhe

Wenn junge und alte Menschen gemeinsam etwas erleben, ist das für beide Seiten bereichernd. Das Projekt Kulturisten-Hoch2 macht dies möglich. Wie prägend ein Abend sein kann, erzählt die Initiatorin Christine Worch

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE HAMBURG: Frau Worch, KulturistenHoch2 bringt Senioren und Schüler als Tandem für Kulturveranstaltungen zusammen. Wie läuft das ab?

Christine Worch: Seit 2016 bilden wir Kooperationen mit Schulen in Stadtteilen, in denen signifikant viele ältere Menschen mit niedrigem Einkommen leben. Einmal im Jahr stellen wir das Projekt in den Schulen vor, und die Schüler der jeweiligen Oberstufen können sich bei Interesse anmelden.

Wenn wir mindestens 15 Anmeldungen haben, kann das Projekt starten. Erst dann suchen wir die älteren Menschen in einem Stadtteil über verschiedene Kommunikationskanäle. Da stützen wir uns zum Beispiel auf Kooperations- und Netzwerkpartner, wie den ASB oder auch kirchliche Seniorentreffs.

Mittlerweile gibt es auch schon viel Mundpropaganda. Dank unseres Kooperationspartners Kulturleben Hamburg, der Tickets für Kulturveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt, können wir den älteren Menschen Karten für vielseitige Veranstaltungen anbieten, für die sie im Vorfeld Interesse bekundet haben. Wenn sie sich für eine Veranstaltung entschieden haben, suchen wir nach einer passenden Begleitung in der näheren Umgebung.

Funktioniert das Prinzip?

Bis jetzt haben sich rund 600 Tandems gefunden. Also ja.

Welche Veranstaltungen besuchen die Tandems?

Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann das mal ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein Theaterstück. Oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres. Gleich im ersten Jahr sind zwei Tandems zum Wacken Open Air gefahren. Ein 69-jähriger Teilnehmer sagte hinterher, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000 „wild aussehende Menschen“ so friedlich zusammen feiern.

Wieso haben Sie sich für ein Generationen-Projekt entschieden?

Ich war früher im Marketing und Vertrieb tätig, aber vor fast genau acht Jahren hatte ich den großen Wunsch, mein Know-how auf diesem Gebiet in etwas Soziales einzubringen. Ich habe dann eine Fundraising-Ausbildung gemacht, bin als Beraterin in verschiedenen Demenzprojekten tätig gewesen und habe unter anderem auch für Kulturleben Hamburg gearbeitet.

Dabei habe ich bemerkt, dass es immer wieder ältere Menschen gab, die das Angebot, eine Kulturveranstaltung zu besuchen, zwar gerne in Anspruch genommen hätten, aber darüber klagten, dass ihnen eine Begleitung fehle. Jemand, der gegebenenfalls auch helfen kann, wenn die ältere Person nicht mehr so mobil ist.

 

Wenn Alt und Jung Freunde werden

 

Unternehmen die Tandems nach dem ersten Treffen öfter etwas zusammen?

Wenn da Menschen aufeinandertreffen, die sich mögen, versuchen wir, sie künftig gemeinsam zu vermitteln. Gelingt das nicht, weil zum Beispiel die Schülerin oder der Schüler an dem fraglichen Abend keine Zeit hat, so hat der ältere Mensch die Chance einen anderen jungen Menschen kennenzulernen.

Es kommt durchaus vor, dass dauerhafte Freundschaften entstehen und die Teilnehmenden auch über das Projekt hinaus weiter Kontakt haben.

Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Beide Seiten freuen sich darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einer ganz anderen Generation angehören als sie selbst und dass sie so in vielerlei Hinsicht ihren Horizont erweitern können. Gerade Jugendliche, deren Großeltern nicht in ihrem direkten Umfeld leben, finden es interessant, die Geschichten älterer Menschen zu hören.

Viele sagen auch, dass sie durch das Projekt auch Kultur kennenlernen konnten, auf die sie alleine wahrscheinlich nicht gekommen wären.

Warum sind gerade Kulturveranstaltungen eine gute Möglichkeit, Generationen zu verbinden?

Auf beiden Seiten gibt es oft Vorurteile, und eines unserer wichtigsten Ziele ist es, diese abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Jüngeren und die Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Kultur kann da ein sehr guter Mittler sein.

Wir hatten zum Beispiel mal eine 17-jährige Teilnehmerin, die mit ihrer 78-jährigen Partnerin das erste Mal in die Oper gegangen ist, was natürlich sehr aufregend für sie war. Die ältere Dame war dagegen eine vormals versierte Operngängerin. Beide haben bei einer tragischen Szene zusammen geweint, und das Mädchen sagte hinterher, sie habe die Geschichte, die da auf der Bühne gezeigt wurde, durch das anschließende Gespräch mit ihrer Begleiterin erst richtig verstanden.

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So ausgerüstet fühlen Jugendliche nach, wie es ist, zu altern

Die Jugendlichen werden für die Teilnahme an dem Projekt vorher geschult. Was wird dabei vermittelt?

Zum Beispiel, wie sie Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren unterstützen können. Auch ein Alterssimulationstraining gehört zur Ausbildung. Seheinschränkungen werden zum Beispiel mit verschiedenen Brillen simuliert, ein Schallschutz lässt die Jugendlichen Schwerhörigkeit nachempfinden. Eine Halskrause, Gewichte für die Hand- und Fußgelenke und Ellbogen, jeweils zwei Kilo schwer, und spezielle Handschuhe zeigen die Einschränkungen von Gelenkversteifungen. Dazu kommt noch eine 25 Kilo schwere Weste, die den Kraftverlust des Gesamtorganismus fühlbar macht.

Nach spätestens fünf Minuten Bewegung in dieser Montur wird den Jugendlichen klar, dass das Altern wirklich kein Spaß ist und sie entwickeln großen Respekt davor, was ältere Menschen jeden Tag leisten müssen. Wir gehen dann auch noch einmal in diesem Aufzug mit den Teilnehmenden einkaufen. Dabei begreifen die Jugendlichen dann auch, warum es manchmal so lange dauert, wenn vor ihnen an der Kasse ein älterer Mensch steht.

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Es gibt Jugendliche, die nach dem Projekt den Wunsch äußern, in der Altenpflege tätig zu werden. Sie bekommen nach Ablauf des Projektjahres ein Zertifikat für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Daraus können sich also auch Zukunftsperspektiven entwickeln.

Kulturisten-hoch2.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Jamliner – die Musikschule auf Rädern

Der „Jamliner“ ist eine rollende Musikschule, die regelmäßig in die benachteiligten Viertel Hamburgs fährt und Jugendlichen ermöglicht, ihre eigene Musik aufzunehmen. Ein Besuch am Standort Steilshoop.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Jérome Gerull

Collin und Abdurrahman haben es sich draußen auf dem Steintisch bequem gemacht. Den Jungs bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und sich die Zeit mit Gesprächen über Videospiele zu vertreiben, denn im Moment gibt es für sie nichts zu tun. Drinnen, im Jamliner, arbeiten ihre zwei Bandkolleginnen gerade an der Schlagzeugspur für ihren ersten gemeinsamen Song. Titel: „Mobbingopfer“.

Ein Lied über den Hilferuf eines Mädchens an ihren besten Freund, der aus Feigheit die Mobbingattacken seiner Mitschüler unterstützt – bis er am Ende des Liedes den Mut fasst, sich ihnen zu widersetzen und zu seiner Freundin zu halten. Ein ernstes Thema. „Hilf mir! Hilf mir! Ich brauche jemanden, der mit mir durch dick und dünn geht“, heißt es an einer Stelle. Collin hat den Text geschrieben. „Das ist wirklich bei uns so an der Schule passiert“, erklären Collin und Abdurrahman. Das Thema lag ihnen auf der Seele.

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Im Proberaum mit Tonstudio: Sänger Collin und die Band Jalac Foto: Jérome Gerull

Eine Band gründen, einen Song schreiben und diesen im Proberaum aufnehmen – der Traum vieler Jugendlicher. Hamburgs musikalische Buslinie erfüllt ihnen diesen Traum. Der Jamliner ist ein ehemaliger Linienbus, der in einen mobilen Bandproberaum inklusive Tonstudio umgebaut wurde. Auf den Straßen fällt das mit einem Graffiti-Gemälde übersäte Gefährt sofort auf – passend zu dem ungewöhnlichen Linienbus. Das Projekt der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, des Förderverein der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg e. V. und Reinhold Beckmanns Stiftung Nestwerk e. V. richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren, die von sich aus niemals eine Musikschule besuchen würden.

Vormittags kommen die Jugendlichen aus den naheliegenden Schulen, nachmittags können auch andere Gruppen – jede Band muss fünf Mitglieder haben – vorbeikommen und sich für das Projekt anmelden. Die „rollende Musikschule“ kommt einmal pro Woche mit zwei Pädagogen direkt in ihr Viertel, wo sie mit der Unterstützung von zwei Pädagogen – und an fünf Standorten auch zusätzlich mit einer FSJlerin – ein halbes Jahr lang an ihrem eigenen Song basteln. Am Ende der intensiven Probe- und Aufnahmezeit können die Jungs ihr eigene CD mit ihrem Song in den Händen halten.

Heute ist Donnerstag, der Standort Steilshoop steht auf dem Plan. Der Jamliner steht auf dem Verkehrsübungsplatz in der Gründgensstraße. Nach rund zehn Minuten ist die Wartezeit für Collin und Abdurrahman vorbei. Die Bustür öffnet sich, Angelina und Leonie kommen gut gelaunt heraus. Jasmine, das fünfte Bandmitglied, ist heute nicht da. Halb so wild, dann wird der Part fürs Keyboard eben auf nächste Woche verschoben. Die fünf Jugendlichen sind zwischen 12 und 13 Jahren alt und besuchen dieselbe Klasse an der naheliegenden Stadtteilschule, mit der der Jamliner eng zusammenarbeitet. Ihr Bandname Jalac setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Mitglieder zusammen.

 

„Die Kinder halten nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand“

 

Unterstützt werden die Nachwuchsmusiker in Steilshoop von Gesa Zill, Isabel Bonkat und Matthias Möller-Titel. Die 18-jährige Isabel absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr und ist jeden Tag im Jamliner unterwegs. Die Arbeit passt zu ihr, schließlich spielt sie Bass in einer Jazzband und will Musik auf Lehramt studieren. Der studierte Musikwissenschaftler Matthias Möller-Titel komponiert außerhalb des Jamliners Filmmusik in seinem Tonstudio. Seit mehr als zehn Jahren ist er zweimal pro Woche als Musikpädagoge für den Jamliner in Hamburg unterwegs. „Es ist ein sehr zielgerichtetes Arbeiten“, erzählt der 39-Jährige. „Die Kinder kommen her, um ein Ziel zu erfüllen – nämlich nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand zu halten.“

Dafür ist der ehemalige Linienbus bestens ausgerüstet. Der Jamliner ist in zwei Räume aufgeteilt: Direkt hinter der Fahrerkabine befindet sich der schallisolierte Bandraum mit einem Schlagzeug, einem Keyboard, einem Verstärker, Mikrofonen, Gitarren und einem Platz für die Sänger. Im hinteren Teil des Busses ist das mit Sitzecke gemütlich eingerichtete Tonstudio. Hier können die Kids an ihren Songs schreiben, proben und schwierige Parts bei Bedarf über Kopfhörer spielen. Der Laptop ist mit dem Tonstudio und dem Bandraum verbunden, wodurch Aufnahmen aus beiden Räumen möglich sind.

 

„Ab und zu singen auch Jungs über Liebe“

 

Zwei solcher Busse sind von montags bis freitags in Hamburg unterwegs, einen Tag in Jenfeld, den anderen in Harburg, auf St. Pauli oder eben in Steilshoop. Jedes Instrument steht spielfertig zur Verfügung und bedarf keiner aufwendigen Umbauzeit – was wichtig ist, denn jedes Details im Jamliner soll auf die Arbeit mit Jugendlichen ohne musikalische Vorbildung abgestimmt sein.

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Helfen den Jugendlichen bei den Songaufnahmen: Matthias Möller-Titel und Isabel Bonkat. Foto: Jérome Gerull

„Die Kinder müssen nichts können, wenn sie hier anfangen“, betont Matthias, sie lernen alles hier im Jamliner. Zuerst stehen einfache Rhythmusübungen auf dem Plan: stampfen, klatschen, einzählen. Dann geht es schon an die Instrumente, erste Töne werden geübt. Meistens bringen die Kids einen Song mit, den sie mögen. Davon inspiriert entwickelt die Crew gemeinsam mit der Band Ideen für einen eigenen Song. Momentan ist der Rapper Capital Bra am meisten angesagt. „Das ist gerade der heiße Scheiß“, sagt Matthias und lacht. In den meisten Songs geht es um Freundschaft, viele singen auch über ihre Herkunft: Steilshoop, mein Ghetto.

Ab und zu singen auch Jungs über Liebe, aber das ist eher selten der Fall. Meistens dominiert das für den HipHop typische „Wir sind die Geilsten“. Aber auch ernste Themen werden angeschnitten: das Thema Mobbing, über das Jalac singen, ist dieses Jahr in Steilshoop mehrfach vertreten.

Über 200 Bands hat Matthias schon bei ihren Songaufnahmen begleitet, darunter auch solche, die mit besonderen Themen auffielen. Zum Beispiel vor fünf Jahren, als fünf Jugendliche, die gerade Deutschland erreicht und den Arabischen Frühling miterlebt hatten, ein Lied über die Revolution aufnahmen. Auf Deutsch wohlgemerkt. Denn auch das ist eine der Regeln im Jamliner: gesungen werden nur eigene Lieder – Coverversionen sind nicht erlaubt – und immer auf Deutsch.

Die Regel gilt auch für Flüchtlingskinder aus den Vorbereitungsklassen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet. Vor drei Jahren, im Sommer 2015, gab das Projekt auch eine Woche lang einen Crashkurs in der Flüchtlingsunterkunft im Harburger Max Bahr. Eine Gruppe kurdischer Mädchen aus dem Irak nahm daran teil und besuchte auch unabhängig vom Workshop den Harburger Standort des Jamliner regelmäßig.

 

„Die Musik ist das Werkzeug für die Pädagogik“

 

Man habe beobachten können, wie schnell sich ihr Deutsch verbesserte, berichtet Matthias. Sie nahmen schließlich einen Song darüber auf, was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Grundlegende Wünsche: eine Arbeit und ein Zuhause zu haben. „Für uns ist das selbstverständlich, für sie war es das aber eben nicht. Sie haben in dieser riesigen Halle mit 600 Menschen und ohne Privatsphäre gewohnt“, sagt Matthias. „Das hat mich sehr berührt.“

Das sind die schönen Momente einer Arbeit, die oft anstrengend ist. Die Schulen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet, entscheiden, welche Jugendlichen am Projekt teilnehmen können. Auch mit den lernschwachen Kindern aus den regionalen Bildungszentren arbeiten die Musiker zusammen. Gerade die Kinder, die im Klassenkontext Schwierigkeiten haben, sollen herkommen. Das kann schwierig sein, die Aufmerksamkeitsspanne bei manchen ist sehr gering, die drei Betreuer werden von den Bands schon mal auf Trab gehalten.

„Was ich gleich zu Beginn gelernt habe, ist, dass ungefähr 80 Prozent der Arbeit hier pädagogisch ist. Die Musik ist das Werkzeug, um den pädagogischen Teil zu vermitteln.“ Über die Musik sollen die Kinder lernen, zusammenzuarbeiten, aufeinander zu hören und auf andere Rücksicht zu nehmen. Soziale Grundwerte, die nicht alle von ihnen von zu Hause mit auf den Weg bekommen. Doch die Musik wirkt: „Wenn die Kinder an den Instrumenten sind, sind sie plötzlich ganz ruhig und vertieft“, sagt Matthias.

Um 13 Uhr müssen Collin, Abdurrahman, Angelina und Leonie los, sie sind spät dran, der Deutschunterricht fängt gleich an. Eilig haben sie es nicht, doch Matthias macht Druck. „Los jetzt, ihr seid schon zu spät!“ Eine Stunde hat jede Band Zeit, insgesamt sechs Bands pro Tag kommen in den Jamliner. Nach der Mittagspause kommt Lena von der nächsten Band. „Hey, pünktlich auf die Minute. Sonst seid ihr immer alle zu spät“, freuen sich Matthias und Isabel. Die anderen sind nicht pünktlich, nur ein Bandmitglied kommt später noch dazu, die anderen drei tauchen gar nicht auf. Heute müssen sie zu zweit an ihrem Song arbeiten. Thema des Lieds: Mobbing.

www.jamliner.net


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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