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Krisengespräch: Wie sozial ist Hamburg, Melanie Leonhard?

Melanie Leonhard, die Senatorin für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration im Gespräch über die derzeit größten Herausforderungen der Stadt 

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Melanie Leonhard, Pandemie, Krieg, Inflation, Energiekrise: Können Sie aus Senatorinnenperspektive derzeit überhaupt noch ruhig schlafen?

Melanie Leonhard: Jedenfalls ist es schwierig. Wenn man ein Thema einigermaßen im Griff hat, kommt schon ein neues. Aber da geht es mir als Senatorin nicht anders, als allen anderen Menschen: Man muss damit umgehen.

Gibt es denn aktuell ein Thema, das bei Ihnen besonders im Fokus steht?

Was uns zu Beginn des Herbstes sehr fordert, ist die Unterbringung von Geflüchteten. Schon im Sommer hatten wir eine erhebliche Zuwanderungsdynamik. Und auch wenn wir in Rekordzeit Plätze in öffentlichen Unterbringungen geschaffen haben, haben wir jetzt die Situation, dass wir gar nicht so schnell Immobilien oder Container in Betrieb nehmen können, wie die Menschen sie brauchen. Deswegen haben wir jetzt auch die ersten Zeltplätze in Betrieb genommen. Das ist nicht unser Anspruch, deswegen versuchen wir auch, schnell wieder andere Unterkünfte zu finden.

 

„Es fehlen vor allem Flächen“

Titelstory Leonhard Foto SK Daniel Reinhardt-klein

„Wir tun als Stadt sehr viel“, sagt Senatorin Leonhard (©Senatskanzlei/Daniel Reinhardt)

Erleben Sie eine generelle Willkommenskultur in der Stadt? Oder würden Sie sagen: Da geht noch mehr?

Mein Eindruck ist, dass es eine ganze Menge Hamburgerinnen und Hamburger gibt, die ganz unabhängig von eigenen Einschränkungen echt viel tun und sich enorm anstrengen in dieser schwierigen Zeit. Das reicht vom Bereitstellen von Unterkünften über die Hausaufgabenhilfe bis zum Vorbeibringen von Kinderspielzeug. Manchmal kann man sehen, dass es den Menschen gar nicht so leicht fällt, derzeit etwas abzugeben. Aber sie tun es und geben sich wirklich große Mühe.

Sie sagen, es mangelt an Unterkünften. Worauf ist dieser Mangel zurückzuführen? Auch auf fehlende Gelder?

Uns fehlen schlicht und ergreifend die Flächen. Wir sind in einem engen Stadtstaat, in dem die Fläche begrenzt ist. Wir haben auch keine großen Industriebrachen oder leer stehende Wohnblöcke in Hamburg. Und wo Wohnungsbau geplant ist, wird er auch erfolgen, alles andere wäre kontraproduktiv. Es sind also trotz der hohen Kosten, die wir stemmen müssen, nicht in erster Linie die Gelder, die fehlen, sondern vor allem fehlende Flächen.

Wir erzählen im November auch von Hamburgerinnen und Hamburgern, die sich besonders sozial engagieren. Gibt es Menschen, die Ihnen momentan sehr imponieren?

Ja, viele! Ich mag eigentlich niemanden besonders hervorheben, nur Beispiele nennen, etwa die Ukraine-Hilfe. Was da an ehrenamtlichem Engagement entfaltet wird, ist wirklich enorm. Zudem gibt es schon seit 2015 Initiativen, die sich für Geflüchtete einsetzen, im ganzen Stadtgebiet von „Harvestehude hilft“ bis „Willkommen in Süderelbe“. Auch viele dieser Initiativen haben nie nachgelassen. Das finde ich sehr beeindruckend. Ebenso wie den Förderverein Winternotprogramm, der Winter für Winter das Abendbrot für obdachlose Menschen zubereitet.

 

„Wir unternehmen große Anstrengungen, allen Obdachlosen zu helfen.“

Apropos Winternotprogramm an. Sie haben mal gesagt, niemand müsse im Winter auf der Straße schlafen …

… das ist so. Wir unternehmen große Anstrengungen, allen Obdachlosen zu helfen. Wer keine Möglichkeit hat, sich selbst zu helfen, bekommt von uns einen Schlafplatz angeboten. Aber Obdachlosigkeit hat häufig nicht nur mit einem fehlenden Dach über dem Kopf zu tun – es gibt oft verschiedene Gründe, warum Menschen das Angebot nicht annehmen können, darunter schwere psychische oder Suchterkrankungen.

„Wenn man ein Thema einigermaßen im Griff hat, kommt schon ein neues“, sagt Senatorin Melanie Leonhard

Ihr Satz, niemand müsse draußen schlafen, suggeriert letztlich, dass viele Hundert Menschen in Hamburg dies freiwillig tun.

Im Rahmen des Winternotprogramms machen wir eine Beratung, die darauf zielt, dass man seine Sozialleistungsansprüche auch realisiert, wieder zu Geld kommt und eine Meldeadresse erhält. Aber nicht immer sind die Menschen auch bereit dazu. Es gibt Dinge, die der Annahme von Hilfe entgegenstehen. Zum Beispiel, wenn man außerhalb der EU beheimatet ist und in Hamburg ohne Arbeit keinen Aufenthaltsstatus hat. Oder wenn man erhebliche Probleme hat, aber noch nicht bereit ist, sich diesen zu stellen.

Rund 50 Prozent der Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, haben keine Krankenversicherungskarte, sind aber wie alle anderen weiterhin von der Pandemie betroffen. Dürfen diese Menschen sich Hoffnung auf eine Auffrischungsimpfung gegen die Omikron-Variante machen?

Ja! Seit es das Impfen gibt, haben wir immer große Anstrengungen unternommen, um auch diese Menschen zu erreichen. Wir haben von Beginn an spezielle Impfangebote für obdach- und wohnungslose Menschen gemacht, die auch gut angenommen wurden. Man kann auch ohne Krankenversicherungskarte ins Impfzentrum kommen, und es gibt laufend mobile Einsätze unserer Impfteams.

 

Kommen die „Verbesserungen“ für Beschäftige im Gesundheitssystem zu spät?

Titelstory Leonhard Foto Erik BRandt-Höge-klein

Viele Hamburgerinnen und Hamburger zeigen Flagge, bleiben solidarisch (©Erik Brandt-Höge)

Bleiben wir beim Thema Pandemie. Vor mehr als zwei Jahren wurden Hamburgerinnen und Hamburger, die im Gesundheitssystem arbeiten, von Balkonen aus beklatscht. Finden Sie, dass die Beklatschten vom Senat ausreichende und vor allem nachhaltige Wertschätzung erhalten haben?

Es liegt auf jeden Fall seitdem ein viel stärkerer Fokus auf ihrer Arbeit. Ob sich das immer in der Wertschätzung ausdrückt, die diese Menschen verdienen, ist schwer zu sagen. Es gibt eine Menge Menschen, die zum Beispiel in Pflegeheimen arbeiten, die sich nicht ausreichend gesehen fühlen. Es wird ihnen aber helfen, wenn wir die politischen Reformen jetzt zum Abschluss bringen.

Denken Sie nicht, dass „jetzt“ ein bisschen spät ist?

Es waren ja schon zu Beginn von Corona eine Menge Reformen in Kraft beziehungsweise angestoßen, etwa zum Thema Personaluntergrenzen. Durch Corona konnte eine solche Reform aber keine Wirkung entfalten, sie fiel weg, weil man sonst nicht so viele Patientinnen und Patienten hätte aufnehmen können. Jetzt kann das und einiges andere aber passieren.

Sie meinen also, dass aus politischer Sicht ausreichend für zum Beispiel Pflegekräfte getan wird?

Die ersten Schritte sind getan und die nächsten müssen jetzt getan werden. Unter anderem geht es darum, mehr Entlastung für das Personal in allen pflegerischen Bereichen zu schaffen. Und die tarifliche Bezahlung in der Altenpflege tritt auch jetzt erst in Kraft.

 

Corona: „Wir haben eine hohe Dunkelziffer“

Glauben Sie, die pandemische Lage in der Stadt wird sich im Herbst und Winter verbessern, wenn die Bürger weiterhin für Tests zahlen müssen und bereits fünf Tage nach einer Corona-Erkrankung wieder in der Öffentlichkeit unterwegs sein dürfen, wie es die aktuelle Pandemie-Politik besagt?

Es gibt auch heute nur noch wenige Bereiche, in denen man überhaupt noch Tests braucht. Wo man einen braucht, wird er weiterhin bezahlt, zum Beispiel bei Besuchen in Krankenhäusern oder nach einem positiven Schnelltest. Viele politische Kräfte meinen zwar, dass alle Vorgaben zur Isolationsdauer wegfallen sollten. Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist einer der Wenigen, die überhaupt noch finden, dass Erkrankte fünf Tage in Isolation gehen sollen. Welche Entscheidung dazu getroffen wird, muss sich aber aus der wissenschaftlichen Einschätzung ergeben, und weniger eine politische Entscheidung sein.

Aber durch diese Politik können die vom Gesundheitsamt herausgegebenen Zahlen doch gar kein realistisches Abbild des Pandemiegeschehens sein.

Ja, es gibt kein exaktes Abbild: Wir haben eine hohe Dunkelziffer, weil wir nur noch die Test-Befunde erfassen, die im Labor bestätigt wurden. Das ist – so sagen es auch viele Wissenschaftler – aber ein Teil des Lebens mit der Pandemie.

 

Melanie Leonhard sagt: „Die Hamburgerinnen und Hamburger sind sehr sozial“

Leben müssen Hamburgerinnen und Hamburger auch mit explodierenden Energiekosten. Politische Maßnahmen gibt es, um ihnen zu helfen. Nur: Wie wollen Sie langfristige Unterstützung sichern?

Neben den Hilfen, die der Bund leistet, tun wir als Stadt sehr viel. Wir tragen zum Beispiel mit einem Notfallfonds für Energiekosten ab Dezember dazu bei, dass diejenigen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen, Hilfe bekommen. Und diese Hilfe ist dauerhaft. Für alle Hilfeempfängerinnen und -empfänger zahlen wir die Heizkosten übrigens aus kommunalen Mitteln der Stadt sowieso. Auch damit tragen wir dazu bei, dass die Menschen sicher durch die Krise kommen.

Abschließend noch die Frage: Wie sozial ist Hamburg? Vielleicht können Sie Ihre Antwort auf einer Skala von eins bis zehn ansiedeln, wenn zehn sehr sozial ist.

Die allermeisten Hamburgerinnen und Hamburger sind sehr sozial. Deshalb: acht oder neun!


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Thomas: „Der Knast hat mich verändert“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Thomas begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Du bist machtlos. Dir gehen 97 Tausend Dinge durch den Kopf, aber du kannst nichts ändern. Es ist schon in der freien Welt schwer gegen eine Scheidung anzukommen, aber im Knast? Da ist es unmöglich. Das ist jetzt 15 Jahre her und es hat sehr lange wehgetan. Meine beiden Töchter habe ich seitdem nie wieder gesehen. Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.

Aber meine Beharrlichkeit und meine Einstellung zum Leben haben mich da herausgeholt: Lustig sein, herumkaspern, reden, viel reden – du merkst, ich labere wie ein Buch. Diese positive Gangart hat mich das durchstehen lassen. Mit einem ‚Ihr seid alle Schweine und mir geht’s so dreckig‘ erreiche ich doch nichts. Ich ziehe mich nur selbst herunter. Dabei will ich ja nach oben. Also winke ich und rufe: ‚Hallo, hier bin ich. Könnt ihr mich sehen?‘ Das ist das A und O. Damit tue ich mir selbst gut.

Dennoch haben mich die drei Jahre Knast verändert. Ich bin ein Einzelgänger geworden. Sich nicht mehr frei bewegen zu können, das macht was mit dir.

 

„Ich habe seitdem Panikattacken“

 

Auch die Zeit nach dem Gefängnis, war verdammt schwierig. Ich kam damals nicht wirklich alleine klar, bin mittlerweile schwerbehindert, habe zwei Stents und seit der Knastzeit regelmäßige Panikattacken. Also habe ich mir Hilfe geholt – was eher untypisch für mich ist. Meistens gehe ich die Dinge lieber selbst an. Aber es war eine unheimliche Erleichterung, jemanden um Unterstützung zu bitten. Seitdem habe ich eine Betreuerin – ein unglaublicher Glücksfall. Auf die lasse ich nichts kommen, eine ganz tolle Frau. Sie ist der einzige Mensch, dem ich alles, aber auch wirklich alles, auf den Tisch gelegt habe. Ich habe mich komplett nackig gemacht. Und sie hat mir wieder auf die Beine geholfen.

Wirklich vieles, was ich heute habe, ist ihr zu verdanken. Ich würde sie vom Fleck weg heiraten. Vielleicht hätte ich mich als junger Kerl mal ein bisschen genauer umgucken müssen, dann hätte ich jemanden wie sie kennengelernt.

Aber gut, mir geht es heute wunderbar, ich bin unabhängig. Von der Rente, dem Geld von der Krankenkasse und der Sozialhilfe kannst du zwar nicht leben und nicht sterben, aber es gibt genug, an dem ich mich erfreue. Ich habe mir zum Beispiel einen ewigen Traum erfüllt und endlich einen Beamer gekauft. Niemand kann jetzt gerade ins Kino gehen und ich? Schmeiß das Ding an, Edgar Wallace an die Wand und zack, habe ich mein eigenes Kino.

 

Seit 25 Jahren Insel Radio

 

Außerdem habe ich das Insel Radio, meine große Leidenschaft seit 25 Jahren. Früher haben wir das noch zusammen gemacht. Da hatten wir noch unseren Hüttenkracher, einen Anhänger, den wir selbst gebaut haben. Tutto completto mit Sendestudio. Mit dem sind wir auf Festivals gefahren, haben Live-Musik gespielt, da war immer richtig Party angesagt. Der Kollege ist vor ein paar Jahren verstorben, dann habe ich das Ganze etwas heruntergefahren.

Ich bin keine arme Sau. Ich bin froh, dass ich lebe, dass ich unter Leuten bin, Radio und all so’n Tüddelkram mache. Und wenn meine Töchter irgendwann ankommen und sagen: ‚Du, Papa, wir haben uns das anders überlegt‘, freue ich mich natürlich riesig. Wenn es nicht passiert, ist das auch okay.“


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Ana: „Ich kam zurück und eine andere Frau machte mir die Tür auf”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Ana begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich mit meinen beiden Töchtern, sie sind jetzt sieben und neun Jahre alt, zurück nach Ecuador gehen. Mein Papa hat dort einen großen Bauernhof, in Guayaquil hat meine Schwester einen kleinen Klamottenladen und eine große Wohnung, dort könnten wir anfangs unterkommen. Dann würde ich vielleicht in einem Altenheim anfangen zu arbeiten.

Ich mache gerade eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Wenn ich den Abschluss habe, kann ich endlich wieder einen richtigen Job anfangen, mir eine größere Wohnung leisten und so meine Kinder zu mir holen. Sie leben bei ihrem Vater in Billstedt, ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Wilhelmsburg.

Dafür muss ich wohl etwas ausholen: Es fing vor ein paar Jahren an. Damals ging es meinem Vater nicht gut, weil meine Schwester gestorben war. Ich bin mit meinen beiden Töchtern nach Ecuador zu ihm geflogen und wir haben einige Tage dort verbracht. Plötzlich habe ich erfahren, dass mein Mann, der in Hamburg geblieben war, die Scheidung eingereicht hatte. Als wir zurück nach Hause kamen, machte mir eine Frau die Tür auf. In meinem eigenen zu Hause. Er hatte in der Zeit, in der ich weg war, eine neue kennengelernt. Noch am gleichen Tag hat er mich auf die Straße gesetzt. Einfach so. Er hatte nur gewartet, bis wir aus Ecuador zurück sind, um mir die Kinder wegzunehmen.

 

„Ich bin keine schlechte Mutter“

 

Ich war am Boden, denn ich hatte ja niemanden hier außer ihn. Außerdem habe ich kein Wort Deutsch gesprochen. Zum Glück half mir eine Frau, die ich auf der Straße kennengelernt hatte. Bei ihr kam ich die ersten drei Tage unter, dann bin ich an ein Zimmer gekommen. Nach einiger Zeit habe ich mich mit einer kleinen Reinigungsfirma selbstständig gemacht. Steuern und Versicherung waren allerdings so teuer, dass ich es aufgeben musste. Ich habe bis heute keinen neuen Job, Kindergeld und Unterhalt gehen an den Vater, ich bekomme bloß Arbeitslosengeld.

Ich glaube, mein Ex-Mann hat gehofft, dass ich es nicht schaffen würde und zurück nach Ecuador gehe. Aber ich habe gekämpft. Weil ich wusste, wenn ich Deutschland verlasse, verlasse ich es alleine. Das hat er mir immer wieder gesagt. Er wollte das alleinige Sorgerecht für unsere Kinder. Zum Glück hat das Jugendamt das aber nie zugelassen. Sie wissen nämlich: Ich bin keine schlechte Mutter, mir fehlt nur die Stabilität.

Ich verstehe nicht, wie das alles passieren konnte. Wir waren acht Jahre zusammen, haben uns sehr geliebt, haben zwei wunderschöne Töchter und hatten ein gutes Leben. Und von einem auf den anderen Moment ist das alles nichts mehr wert?

Und trotzdem bereue ich nicht, dass ich ihm 2007 nach Hamburg gefolgt bin. Es ist hart im Moment, ja, ich sehe meine Töchter nur alle zwei Wochen und ich weiß, dass sie es bei ihrem Vater gerade besser haben. Aber ich blicke nach vorne und bald habe ich den Abschluss. Dann wird alles besser. Und ich habe hoffentlich ein schöneres Leben.“


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HAW Hamburg: Ein Rennen um die Zukunft

Ein Ortsbesuch an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die ihre Studierenden auf alle denkbaren Karriereszenarien vorbereiten will

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

 

Ist das einer von den Transformern? Ein haushoher Rechner? Eine XXL-Kunstinstallation? Fest steht: Wer vor dem Hauptgebäude der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg am Berliner Tor steht, einem mattglänzenden architektonischen Mix aus Pyramide, Säule und L-förmigem Etwas, der merkt schnell: Das hier ist keine normale Ausbildungsstätte – das hier ist ein Ort der Zukunft.

 

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Industriechic im Eingangsbereich des HAW-Hauptgebäudes

 

Während andere Hochschulen auf jahrhundertealte Häuser setzen, auf akademische Geschichte in jedem Stein und jeder Fliese, fokussiert sich die HAW schon in ihrer Außendarstellung aufs Hier, Jetzt und Bald.

Und drinnen geht es weiter: Viel Licht fällt in den durchweg verglasten Eingangsbereich, in dem ein Bistro Studierende mit Kaffee und Snacks versorgt. Über eine industrieschicke Metalltreppe, auf der sich die an Wänden und Decken angebrachten Lichtwürfel spiegeln, geht es im Zickzack hoch in die Seminar- und Vorlesungsräume.

Medien, Medizin, Design, Technik, Umwelt, Wirtschaft, Soziales: Aktuell machen sich hier rund 17.000 Studierende in 38 Bachelor- und 37 Masterstudiengängen startklar für anstehende Karrieren.

 

In Führung gegangen

 

„Ingenieure kommen vom Berliner Tor“, zitiert die HAW bis heute einen Leitspruch der Anfangstage auf der Hochschul-Homepage. Was damals gelten sollte, ist heute Selbstverständlichkeit. Längst mit mehreren Fakultäten über ganz Hamburg verteilt, ist die HAW Norddeutschlands führende Hochschule in Sachen reflektierter Praxis geworden.

Allein 1.800 junge Frauen und Männer belegen derzeit Lehreinheiten in Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau, arbeiten nebenher als Werkstudenten in Großunternehmen à la Airbus und sind an HAW-Projekten wie dem HAWKS Racing Team beteiligt, dem größten interdisziplinären Projekt der HAW.

 

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Fertig für die Wettbewerbe: Werke des HAWKS Racing Teams

 

Die Mitglieder, aktuell 60 Studierende aus nahezu allen HAW-Fachbereichen, wollen schlichtweg noch höher, schneller und weiter hinaus, als eh schon im Studium – und zwar mit einem eigenen Rennwagen. 2004 entstand der erste HAWKS-Bolide „Lady“. Jetzt baut das HAWKS-Team sein 15. Fahrzeug: „Vera“, mit eigenem V2-Motor-Konzept.

 

Chancen statt Credits

 

Die Aufstellung der Hochschul-Racer liest sich wie die eines Profi-Rennstalls: Es gibt einen Captain, einen Controller, Leiter für Bereiche wie Motor und Antrieb, Fahrwerk und Elektronik. Sogar eine eigene Marketingabteilung ist aktiv. Technischer Leiter der Boliden-Bauer ist momentan Philip Lohde, 21, sechstes Semester Flugzeugbau.

Sein Studienalltag ist eng getaktet. Mechanik, Mathematik, Thermodynamik und Elektrotechnik stehen auf seinem Stundenplan, und auch Philip ist nebenher Werkstudent. Für sein zeitintensives HAWKS-Engagement bekommt er keine Extra-Credits, dafür die Chance, mit dem gerade fertig gestellten neuen Fahrzeug durch Europa zu reisen.

Ungarn, Österreich, der heimische Hockenheimring – die drei Meter lange, anderthalb Meter breite und 207 Kilogramm schwere „Vera“ wird in diesem Sommer auf Wettbewerbe geschickt. Wird sie präsentiert, wird es auch die HAW.

Für die Hochschule und ihre internationalen Ansprüche in Sachen Ingenieurswesen keine schlechte Eigenwerbung. „Ich bin zwar ein kleines bisschen hinter meiner Regelstudienzeit“, sagt Philip, „aber das ist okay, wenn man bedenkt, dass ich bei den HAWKS nahezu eine Vollzeitstelle und auch noch meine Werkstudentenarbeit habe.“

 

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Philip Lohde, technischer Leiter, ist zufrieden mit dem neuen Boliden

 

Wenn er mit dem Bachelorstudium fertig ist, so seine Überlegung, könne ein Umzug in den Süden Deutschlands anstehen, wo viele Ingenieure sich nach ihrem Studium einem der zahlreichen Automobil- und Luftfahrtunternehmen anschließen.

Dass er allein durch seine HAW-Vita, gute Chancen auf einen Topjob hat, scheint Philip klar zu sein, wenn er sagt: „Ich habe mich noch nicht festgelegt, in welchem Unternehmen ich arbeiten möchte.“ Ist eben so: Der Transformer (oder Rechner, oder Kunstaufsteller) vom Berliner Tor wappnet Studierende für die Jahre nach der Hochschule. Wie genau diese aussehen, können sich Absolventen dank der renommierten Ausbildung oft selbst aussuchen.

Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Berliner Tor 9 (Hauptcampus)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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Community Cola – 9 Zutaten, 1 Projekt

Die berühmte braune Brause wird zum Helfer: Zwei Hamburger fördern mit ihrem Getränke-Unternehmen soziale und kulturelle Projekte.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Ronja Schwer

Jan van Schwamen und Hanns J. Röhl haben alles selbst zusammengerührt. Ein Jahr lang hat die Entwicklung ihrer Community Cola gedauert, bis der gewünschte Cola-Geschmacksmix aus neun zentralen Zutaten gefunden war. Einmal mit und einmal ohne Zucker gibt es ihre Limo nun, beide Varianten helfen. Mit dem Kauf einer Community Cola geht ein Fixbetrag an ein soziales oder kulturelles Projekt. Im Gespräch erklärt Jan, wie genau das funktioniert.

SZENE HAMBURG: Jan, inwiefern kann eine Cola-Marke für ein sozialeres Hamburg sorgen?

Jan van Schwamen: In dem ein fixer Betrag von jeder verkauften Flasche in ein bestimmtes Projekt fließt. Das ist unser Konzept: Jeder Konsument ist ein Unterstützer und Teil einer Community, die entscheidet, welches Projekt gefördert wird.

Wobei es nicht zwingend ein Getränk sein müsste, dass ihr für eure Idee nutzt, es könnte auch Schokolade, Seife oder Holzspielzeug sein, oder?

Klar. Die Cola ist nur ein Vehikel zum Community-Prinzip. Ich habe Lebensmittelwissenschaften studiert, und Cola war einfach schon sehr lange eine Herzensangelegenheit von mir. Daher diese Wahl.

 

„Es ranken sich viele Mythen um das Rezept von Coca-Cola“

 

Wie macht man denn eine eigene Cola?

Es ranken sich ja viele Mythen allein um das Rezept von Coca-Cola. Angeblich wissen das nur zwei Menschen auf der Welt, weshalb sie auch niemals im selben Flugzeug sitzen dürfen, denn bei einem Absturz wäre alles futsch. Das ist natürlich Schwachsinn, aber die Cola-Geschichten fand ich trotzdem immer spannend und wollte es irgendwann selbst mit einer Cola-Herstellung probieren.

Mit fair gehandelten Zutaten?

Genau. Der Zucker, den wir verwenden, ist beispielsweise Fairtrade-zertifiziert. Die Bauern und Gemeinschaften aus der Region, wo er herkommt, werden also von uns unterstützt. Ansonsten ist die wichtigste Komponente für eine Cola die Mischung aus Aromen, die den Geschmack geben. Sie besteht aus neun verschiedenen Früchten und Gewürzen, darunter Zitrus, Vanille, Zimt und Colanuss. Sie ist sozusagen das Herzstück unserer Cola, das wir über ein Jahr selber entwickelt haben.

Beim Verkauf der fertigen Brause konzentriert ihr euch nun auf die Gastronomie und ausgewählte Supermärkte. Im Café kostet eine Community Cola durchschnittlich 2,50 Euro, im Einzelhandel 99 Cent. Wie viel davon geht an soziale und kulturelle Projekte?

Pro Kasten geht ein Euro an das von der Community ausgewählte Projekt. Runtergerechnet auf die Flasche sind das 4,2 Cent. Klingt erst mal wenig, aber wenn man bedenkt, dass diverse Großhändler dazwischen geschaltet sind, auch Gastronomen mitverdienen und natürlich eine Mehrwertsteuer berechnet wird, ist das eine ganze Menge.

 

„Lokaler Wirkungskreis und gesellschaftlicher Zusammenhang“

 

Welche Kriterien müssen Projekte erfüllen, um gefördert werden zu können?

Zum einen müssen sie einen lokalen Wirkungskreis haben und sich zum anderen um einen gesellschaftlichen Zusammenhang kümmern.

Und wer darf Teil der Community sein?

Jeder, der das Gefühl hat, sich engagieren zu wollen. Er oder sie kann einfach auf unsere Website gehen und dabei sein. In Zukunft wollen wir auch WhatsApp nutzen, um die Community mit Infos zu versorgen. Umgekehrt freuen wir uns immer sehr, wenn wir Projektvorschläge aus der Community bekommen.

www.communitycola.com


Förderung

Die Community hat derzeit die Wahl zwischen den Projekten Chickpeace und MUT Academy, von denen das mit den meisten Stimmen gefördert wird.

Chickpeace

Eine Catering-Idee der besonderen Art: Geflüchtete Frauen bereiten Lieblingsspeisen aus ihren Heimatländern zu und machen damit Besucher kleiner und großer Veranstaltungen in und um Hamburg glücklich. Am Ende ist es eine Win-win-Situation: Neu-Hamburgerinnen werden wirtschaftliche Perspektiven geboten und den Catering- Kunden spannende Spezialitäten. Chickpeace gibt es seit 2016. Mit der Community-Cola-Förderung soll eine zweite Kochstelle finanziert werden.

www.chickpeace.de

MUT Academy

Ein Schulabschluss ist der Schlüssel zum beruflichen Erfolg, nur fällt er nicht jedem Schüler leicht. Die MUT Academy hilft Hamburger Schülern aus herausforderndem Umfeld einerseits bei eben diesem wichtigen Abschluss und zudem beim Berufsanschluss. In Seminaren und einem Mentoringprogramm werden Jugendlichen Chancen aufgezeigt, wird Wissen vermittelt und Selbstbewusstsein aufgebaut. Auch MUT benötigt 500 Euro, um einen Jugendlichen im MUT Camp zum Hauptschulabschluss zu begleiten.

www.mutacademy.de


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Der Wünschewagen: Letzte Wünsche wagen

Einmal noch an die Ostsee, auf den Charlottenburger Weihnachtsmarkt, zum St.Pauli-Spiel oder die Enkelin in München besuchen. Pläne, die oftmals auf der Strecke bleiben, wenn das Schicksal es nicht gut mit einem meint. Genau hier setzt das ASB-Projekt „Wünschewagen – Letzte Wünsche wagen“ an.

Gestartet ist das Projekt offiziell am Welthospiztag am 14. Oktober. Der umgebaute Transporter des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) wirft nun also auch in Hamburg seinen Motor an, um schwerkranken Menschen eine Reise zu ihrem Wunschort zu ermöglichen. Mit dem Angebot will der ASB Hamburg Menschen ermutigen, sich ihre Träume zu erfüllen und sie in ihrer Selbstbestimmung bis zuletzt unterstützen. Der Wünschewagen ist speziell auf die Bedürfnisse schwerkranker Menschen abgestimmt, die Fahrgäste werden von qualifizierten, ehrenamtlichen Helfern zum Wunschort begleitet und vor Ort betreut. Hamburg ist als zwölftes Bundesland am Start.

ASB startet 13. Wünschewagen in Hamburg (v.l.n.r.) Knut Fleckenstein, Angelika Mertens, Michael Sander, Isabella Vértes-Schütter, Franz Müntefering. Foto: ASB Hamburg /Henning Angerer

Auch ASB-Präsident Franz Müntefering, bundesweiter Schirmherr des Projektes, war bei der offiziellen Übergabe dabei. Er bringt es auf den Punkt: „Wie oft gibt es im Leben die Situation, in der man sich fragt: Warum habe ich nicht? Wird man schwerkrank, scheint so mancher Herzenswunsch unerreichbar.“ Das möchte die Initiative ändern. Kosten? Keinen Cent. Sowohl die Fahrt, als auch die Betreuung vor Ort durch Ehrenamtliche ist kostenlos. Somit wäre die erste Hürde genommen.

Die Hamburger Schirmherrin des Projektes, Isabella Vértes-Schütter (Intendantin des Ernst-Deutsch-Theater, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Kinder-Hospiz Sternenbrücke und Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft), betont die Notwendigkeit der Aktion: „Es sind oft kleine Wünsche, die für Menschen am Ende ihres Lebens große Bedeutung bekommen. Wünsche, in denen sich wichtige Erinnerungen und große Sehnsüchte bündeln.“

Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist die Selbstbestimmung. Ältere, durch Krankheit geschwächte Menschen sind oft auf Hilfe aus ihrem Umfeld angewiesen; selbständiges Handeln ist immer weniger möglich. Dieses demjenigen zurückzugeben und ihn bis zuletzt in seinem Sehnsuchtswunsch zu unterstützen, ist ein zusätzliches Anliegen des ASB-Wünschewagens.

Text: Christiane Mehlig / Beitragsbild: ASB Hamburg – Henning Angerer

www.wuenschewagen.com