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Soli-Festival: Keiner kommt, alle machen mit

Festival ohne Gäste: Die Initiative “Keiner kommt, alle machen mit” sammelt Spenden für die von der Corona-Krise bedrohte Hamburger Kulturlandschaft

Eh klar: Die Corona-Krise bedroht zig Hamburger Kulturbetriebe und natürlich auch freischaffende Künstler. Keine Auftritte, keine Gäste, keine Unterhaltung – keine Einnahmen. Umso wichtiger sind jetzt Aktionen, mit denen versucht wird, einen Schutzmantel über die städtische Kultur zu werfen. Das Projekt „Keiner kommt, alle machen mit“ vom gemeinnützigen Verein MenscHHamburg e.V. ist so eine Aktion. Thees Uhlmann, Bosse, Olli Schulz, DJ Mad, Arnd Zeigler und viele andere – kommen nicht. Initiator Lars Meier, Vorstand von MenscHHamburg und Geschäftsführer der Gute Leude Fabrik, zählt trotzdem auf reichlich zahlende Gäste (Eintritt 22 Euro als Spende an die Hamburger Kulturszene). / EBH

Mehr Infos und Tickets unter www.keinerkommt.de 

 

„Hilf Mahl!“: Helfen mit Genuss

Die Aktion „Hilf Mahl!“ sammelt gemeinsam mit Hamburger Restaurants Spenden für soziale Projekte

Text: Ulrich Thiele

 

Wer dieser Tage auswärts essen geht, wird auf seinem Tisch vielleicht ein Kärtchen entdecken. Wie jedes Jahr zur Winterzeit verbindet die Aktion „Hilf Mahl!“, die seit 2012 in den Wintermonaten von November bis Februar Spenden für Obdachlose sammelt, gutes Essen mit dem guten Zweck – und zwar auf herrlich leichte Weise. Der Rechnung des Restaurantbesuchs wird eine freiwillige Spende von einem Euro hinzugefügt, die an den gemeinnützigen Verein „Hilf Mahl!“ weitergeben wird, der damit wiederum Projekte der Obdachlosen-Hilfe wie die Hamburger Tafel oder Hinz&Kunzt unterstützt. Rund 30 Restaurants nehmen an der Aktion teil, im Winter 2018/2019 wurden so über 35.000 Euro eingenommen.

Wer nicht mitmachen will, gibt dem Personal Bescheid, dann wird der Betrag von einem Euro von der Rechnung genommen. Andersherum kann der Betrag gern aufgestockt werden. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von Sophie und Mathias Bach. Auf die Idee kamen sie schon 2010 während eines gemeinsamen Besuchs in London durch die Spendenaktion „streetsmart“. Auf den Kärtchen, die auf die Aktion hinweisen, steht übrigens ein Zitat des Schauspielers Ulrich Tukur, der seit Anbeginn das Projekt als Schirmherr unterstützt: „Gutes Essen und guter Wein beflügeln unsere Sinne, öffnen das Herz und bereichern unser Leben. Wie schön, wenn wir für dieses Glück danken können mit einer kleinen Geste, die für viele eine große Hilfe ist. Und wie einfach.“

www.hilfmahl.de
November 2019 bis Februar 2020 


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Hamburger des Monats – Petra und Anne von KulturLeben

Mit kostenlosen Tickets für Theater und Konzerte will der Verein Kulturleben Hamburg prekär lebende Menschen aus der Vereinsamung holen. Vor Kurzem haben die Geschäftsführerin Petra Schilling (links) und Anne Busch, Projektkoordinatorin, den Kulturklub gegründet, der sich speziell an Kinder richtet.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Torben Averkorn

SZENE HAMBURG: Petra und Anne, welche Vision steht hinter Kulturleben Hamburg?

Petra: Kulturleben Hamburg wurde Anfang 2011 als Verein gegründet und die ersten vier Jahre komplett ehrenamtlich betrieben. Der Impuls für die Idee kam damals aus der Tafel-Bewegung, denn das Prinzip lässt sich ja auf viele Bereiche in unserer Gesellschaft übertragen, in denen Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist.

Von unseren Kulturpartnern bekommen wir Eintrittskarten als Spende, die wir kostenfrei an unsere Kulturgäste weitervermitteln. Da die Vermittlung über uns läuft, muss niemand an der Abendkasse etwas vorweisen wie einen ALG II-Bescheid, das ist für die meisten sehr wichtig.

Mittlerweile haben sich rund 8.000 Kulturgäste bei euch angemeldet. Wuppt ihr das noch immer ehrenamtlich?

Petra: Aktuell engagieren sich bei uns rund 50 Menschen ehrenamtlich. Alles, was für unsere Arbeit an Kosten anfällt wie Miete, Telefonanschlüsse, Flyer bezahlen wir aus Spendengeldern. Mitte 2015 konnte der Verein dank einer Projektförderung von der Sozialbehörde die Teilzeitstelle schaffen, auf der ich heute arbeite. Das Hauptamt hat noch mal ganz neue Energien freigesetzt, denn in den letzten beiden Jahren ist die Anzahl der Teilnehmer um 60 Prozent gestiegen.

Die Nachfrage ist immens hoch und steigt weiter. Rein ehrenamtlich wäre das mittlerweile nicht mehr machbar. Aber im Kern bleiben wir eine Organisation, die vom Ehrenamt getragen wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses.

 

„Wir möchten Kultur als gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“

 

Wie geht es weiter?

Petra: Wir wollen unser Angebot so vielen Menschen wie möglich zugängig machen. Im kommenden Jahr steht für uns daher die Gewinnung neuer Kulturpartner und der Ausbau unseres bereits bestehenden Netzwerks ganz oben auf der Agenda. Kurz gesagt, wenn die Gästezahlen steigen, brauchen wir auch mehr Kartenspenden, damit wir unser Angebot in gleicher Qualität aufrechterhalten können. Denn wir möchten ja nicht nur zwischendurch mal ein schönes Einzelerlebnis anbieten, sondern regelmäßig Kultur als gelebte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ihr habt eine Einkommensgrenze festgelegt, die dazu berechtigt, sich bei euch anzumelden. Dabei fallen einige durchs Raster, die gerade so daran vorbeirutschen und sich dennoch keine Kultur leisten können …

Petra: Ja, die gibt es bestimmt. Aber wir mussten eine für uns vertretbare Grenze ziehen. Auch die Kulturhäuser, die öffentliche Gelder erhalten, müssen nachweisen, an wen sie Karten umsonst abgeben. Wir bemühen uns, eine gute Mitte zu finden, so dass wir möglichst viele Menschen mitnehmen, aber auf der Anbieterseite kein Haus verlieren.

Ihr vergebt eure Karten paarweise. Warum?

Petra: Ja genau, in der Regel bekommt jede Person zwei Karten. So können unsere Kulturgäste jemanden ihrer Wahl als Begleitung mitnehmen. Zum einen wirkt das der Vereinsamung entgegen, und zum anderen können die Leute so auch mal wieder jemanden einladen. Das bekommen wir oft zurückgespiegelt, dass es für die Menschen ein besonders schönes Erlebnis ist, mal wieder in der Lage zu sein, einem anderen etwas zu schenken, da viele ja schon seit Jahren prekär leben.

 

„Für viele ist schon das Überschreiten der Stadtteilgrenze ein ungewohnter Schritt“

 

Leben Menschen an der Armutsgrenze oft einsam?

Anne: Ja, Armut ist stark mit Isolation und Einsamkeit verbunden. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Wir möchten dagegen anarbeiten und den Menschen eine Möglichkeit geben, wieder teilzuhaben. An der Kultur, aber auch an der Gesellschaft. Die Gelegenheit, mal rauszukommen, über den Tellerrand zu blicken und mal was anderes zu sehen. Für viele ist schon das Überschreiten der eigenen Stadtteilgrenze ein ungewohnter und manchmal auch herausfordernder Schritt. Hier wollen wir Mut machen.

Bewirkt die Armut in der Familie auch bei den Kindern Rückzug?

Anne: Oft leben auch die Kinder isoliert. Das hat auch viel mit Scham zu tun. Ein Grund kann der beengte Wohnraum sein oder das, was es bei ihnen zu Hause zu Essen gibt. Die Scham führt dazu, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen mögen. Das fängt früh an, dass sich die Kinder dann ins Familiäre zurückziehen. Gleichzeitig sind die Familien aber auch mehrfach von enormen Stressfaktoren belastet.

Deshalb habt ihr im letzten Jahr den Kulturklub gegründet, der speziell Kinderveranstaltungen vermittelt?

Anne: Wir haben letztes Jahr das Pilotprojekt auf St. Pauli gestartet und wollen jetzt unser Netzwerk, das auf Kinder und Familien ausgerichtet ist, auf andere Stadtteile ausweiten. Auf Seiten der Sozialpartner kooperieren wir beispielsweise mit der GWA auf St. Pauli, der Ganztagsschule im Viertel und mehreren Beratungsstellen für Familien. Für Kinder ist die kulturelle Teilhabe enorm wichtig und kann Weichen für die Zukunft stellen. Der Kulturklub will dazu beitragen, die bestehende sozial bestimmte Chancen-Ungerechtigkeit für Kinder auszugleichen.

 

„Wir bauen auf die Neugierde von Kindern“

 

Kultur hat dazu die Kraft?

Anne: Sie ist auf jeden Fall ein Teil des Pakets, das notwendig ist, um Kinder zu bestärken und aus ihrem Alltag herauszuholen, in dem sie oft mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sind. Beim Theater- oder Konzertbesuch finden sie vielleicht neue Anstöße zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichzeitig haben sie einen Raum, ihre Erlebnisse zu reflektieren und eine neue Perspektive zu entdecken. Das kann den Bildungsweg weiter ebnen. Wir bauen auf die Neugierde von Kindern und hoffen, dass sie von dem Angebot profitieren und daraus etwas für ihre Zukunft mitnehmen.

Wenn schon das Verlassen des eigenen Stadtteils eine Herausforderung ist, wie schwer fällt es euren Gästen, ein Theater zu betreten?

Petra: Wir bekommen häufig mit, dass die Hemmschwelle da ist. Das ist auch der Grund, warum wir noch ganz altmodisch den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht online vermitteln. Viele unserer angemeldeten Kulturgäste würden ohne unseren Anruf nicht losgehen. Das liegt auch an teilweise ganz alten Bildern. Dass man zum Beispiel nur im Pelzmantel in die Oper gehen oder im Schauspielhaus keine Jeans tragen darf. Unser Team versucht im Vorfeld, die vorhandenen Schwellen ängste abzubauen und die Menschen zu motivieren, sich auf das Wagnis Kultur einzulassen.

KulturLeben Hamburg e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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