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Heinz Strunk – Furchtbar gute Kurzgeschichten

Mit „Das Teemännchen“ veröffentlicht Heinz Strunk seine erste Kurzgeschichtensammlung. Ein Gespräch über das Elend der schweigenden Mehrheit, sexuelle Frustration und über den Einfluss des Schriftstellers Botho Strauß.

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Dieser Artikel stammt aus der SZENE HAMBURG 9/18. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Nach „Der goldene Handschuh“ legt Heinz Strunk mit „Das Teemännchen“ wieder ein Stück Hochliteratur vor: Die Texte sind ungeheuer dicht, Strunks Sprache boxt. Viele Charaktere sind wie so oft bei ihm Verlierertypen, die „schweigende Mehrheit“, wie er sie nennt. Strunk empfängt in seiner Dachgeschosswohnung in der Hamburger Sternschanze. Wer einen Spaßvogel erwartet, wird enttäuscht. Strunk ist ernst und nachdenklich. „Furchtbar“, sagt er mehrmals während des Gesprächs und schaut kopfschüttelnd zu Boden. Irgendwann fängt es an zu regnen. „Furchtbar“, sagt er wieder, als er nach draußen blickt.

SZENE HAMBURG: Heinz Strunk, über Leonard Cohens „Songs of Love & Hate“ haben Kritiker geschrieben, die Rasierklingen sollten direkt mit dem Album geliefert werden. Das ließe sich auch über Ihr Buch sagen.

Heinz Strunk: Weil es so schwermütig ist?

Ja, bei den meisten Geschichten schnürt sich einem das Herz zusammen. Zum Beispiel bei der adipösen Möchtegern-Bloggerin, die „zittert von dem Bedürfnis, umarmt, liebkost, gewärmt zu werden“ und sich vor lauter Liebesbedürftigkeit von einem Mann erniedrigen und sogar in den Mund pinkeln lässt.

Die Geschichte ist wirklich furchtbar. Ich habe die beschriebene Frau tatsächlich kennengelernt. Ich habe im Text natürlich versucht, die Spuren zu ihr zu verwischen.

Ach, die Geschichte ist nicht mal reine Fiktion?

Nein, viele der Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten. „ Das Teemännchen“, die titelgebende Geschichte, ist auch wahr. Ich habe früher in Winterhude gewohnt, dort gab es diesen jungen Mann, der einen Teeladen aufgemacht hat und grandios gescheitert ist, weil ihm alle vitalen Funktionen fehlten: Kreativität, Tatendrang, Selbstvertrauen. Und „Borstelgrilleck“ ist eine übertriebene Verdichtung der Geschichte einer Frau, die ein klassisches „sexy Girl“ war, bis sie in besagtem Grilleck anfing zu arbeiten. Nach zehn Jahren in dem Schuppen war nicht mehr viel von ihr übrig.

Die Charaktere, die Sie beschreiben, sind oft körperlich deformiert und übergewichtig, leben isoliert und werden von einer großen Erschlaffung heimgesucht. Dem gegenüber stehen die jungen Selbstoptimierer, die fit und voller Tatendrang sind. Was reizt Sie so an diesem Kontrast?

Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, der Kontrast entspringt schlichtweg meinen Beobachtungen. Ich wohne hier in der Sternschanze, wo der Anteil attraktiver, modisch gekleideter Menschen relativ hoch ist. Aber wenn ich nur einmal über den Dom gehe, in irgendeine Einkaufsstraße oder in eine Autobahnraststätte, dann begegne ich wahnsinnigem Elend. Es ist nicht mein groteskes Fehlempfinden und ich picke mir auch nicht selektiv die Deformierten, Hässlichen heraus.

Aber einen gewissen Hang zu denen, deren Körper und Leben zerfallen, können Sie doch nicht leugnen.

Vielleicht weil ich selber lange Zeit mit viel Elend zu tun hatte.

Sie sind in Harburg aufgewachsen, einem nicht gerade exklusiven Hamburger Stadtteil.

Die tristen Jahre in Harburg waren prägend, ich habe in der Zeit viel Trauer und Verzweiflung erlebt. Mit 19 war ich wegen Depressionen in Therapie, ich habe meine kranke und depressive Mutter gepflegt. Die letzten vier Jahre in meiner Wohnung, vollgepumpt mit Psychopharmaka. Als sie starb, war ich 35 Jahre alt.

Fühlen Sie dadurch mit Ihren Charakteren?

Ja. Es ist nicht meine Absicht, mich über RTL-II-Freaks lustig zu machen. Was wäre das für ein dämlicher Ansatz? Als ich angefangen habe, „Der goldene Handschuh“ zu schreiben, wusste ich noch nicht, wohin die Reise geht. Am Ende hatte ich Mitgefühl für Fritz Honka. Die Gerichtsreporterin Peggy Parnass sagte einmal: Honka, das ärmste aller armen Würstchen, hatte auch noch das Pech, zum Mörder zu werden. Für mich ist das der Satz der Sätze.

Bei manchen Charakteren ist es schwer, Mitgefühl zu entwickeln. Etwa bei den zwei Barkeepern, die betrunkene, wehrlose Studentinnen nach Hause zerren und missbrauchen – aus Rache, weil die hübschen Mädchen sie „bei klarem Bewusstsein mit dem Arsch nicht angucken würden“. Dieses Motiv der Rache taucht öfter auf. Gibt es dafür einen konkreten Hintergrund?

Es gab mal einen Fall in Hamburg: Drei junge Kerle aus Bergedorf sind die ganze Nacht über die Reeperbahn gezogen, waren total besoffen und haben Mädchen angebaggert, wurden aber von einer nach der anderen abserviert. Morgens um sechs haben sie dann in der S-Bahn-Station Reeperbahn zwei Mädchen stellvertretend für alle Mädchen, bei denen sie nicht landen konnten, vor die S-Bahn geschubst.

„Der Grad an Frustration war schon enorm. Das ging über viele Jahre so.“ – Heinz Strunk

In Ihren harten Beschreibungen sexueller Frustration ähneln Sie Michel Houellebecq …

Bei „Unterwerfung“ ist mir aufgefallen, dass Houellebecq sprachlich nicht an Großmeister wie J. M. Coetzee heranreicht. Aber gerade sein erster Roman „Ausweitung der Kampfzone“ war sicherlich ein großer Einfluss. Beim Lesen dachte ich: Endlich schreibt das mal jemand auf. Das war ein Aha-Erlebnis, in dem ich mich wiedergefunden habe. Ich war als junger Mann in einer ähnlichen Situation, als ich in dieser Tanzkapelle war. Ich stand auf der Bühne in einem seltsamen weißen Smoking und mit Akne im Gesicht. Ich war quasi nicht vorhanden, während sich vor mir auf der Tanzfläche das bunte Treiben und Flirten abspielte. Der Grad an Frustration war schon enorm. Das ging über viele Jahre so. Ich konnte damals nicht davon ausgehen, dass mein Schicksal eine positive Wendung nehmen würde. Ich bin mit 23 in der Kapelle eingestiegen. Als ich gefeuert wurde, war ich 35. Das sind entscheidende Jahre, in denen andere sich ins Leben stürzen. Für mich waren es furchtbare Jahre.

Wann wurde es besser?

Als „Fleisch ist mein Gemüse“ überraschend zum Erfolg wurde. Davor gab es allenfalls Achtungserfolge.

Die Erleichterung muss groß gewesen sein.

Natürlich. „Fleisch ist mein Gemüse“ erschien im Oktober 2004. In den Monaten vor dem Erscheinen habe ich nichts, wirklich nichts verdient. Ich dachte damals: Das war’s jetzt. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass dieses Buch mit einem leicht abseitigen Thema über eine norddeutsche Tanzkapelle zum großen Bestseller werden würde.

An einer grundsätzlichen Schwermut hat der Erfolg nichts geändert, sagten Sie einmal.

„Der Mensch kommt fertig gestimmt zur Welt“, hat der Dramatiker Botho Strauß gesagt. Sehr günstige oder sehr ungünstige Bedingungen können natürlich einen großen Einfluss auf ein Leben haben. Aber grundsätzlich ist es eine Frage des Wesenskerns, ob jemand morgens immer fröhlich aufsteht oder sich wie ich in den Tag hineinkämpfen muss. Daran ändert Erfolg wenig.

Stichwort Botho Strauß. Welchen Einfluss hatte der Schriftsteller Ihres Lebens, wie Sie ihn mal nannten, auf Ihre Entscheidung für die kurze Form?

Ich habe am liebsten seine Kurzprosa gelesen, allein deswegen ist ein gewisser Einfluss vorhanden. Die Idee des Auslassens und des Aussparens gefällt mir. Gerade die grotesken und fantastischen Geschichten sind von Strauß beeinflusst. „Der kleine Herr Diba“ zum Beispiel, der das Klo hinuntergespült wird. Oder der „Lehrer i.R. Paul-Günther Korsen“, der jeden Morgen als Zwerg aufwacht und im Laufe des Tages zum Riesen heranwächst, ehe er nachts im Schlaf wieder schrumpft.

Wie hat Strauß sich eigentlich zu Ihrer Anthologie mit Ihren Lieblingstexten von ihm geäußert?

Er hat mir zweimal geschrieben und sich bedankt. Er kannte mich gar nicht, weil er sich in völlig anderen Sphären bewegt. Aber er hat sich meinen Roman „Junge rettet Freund aus Teich“ – der damals leider völlig untergegangen ist – gekauft. In dem Buch geht es um meine Kindheit und Jugend. Er hat mir daraufhin sehr, sehr nett und verbindlich geschrieben, dass ihm das Buch gefallen hätte. Was mich wiederum sehr gefreut hat.

Strauß ist auch ein Außenseiter, wie viele Ihrer Figuren – wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Was sagen Sie zu dem Negativimage, mit dem er behaftet wird?

Strauß lebt ja in der Einöde in der Uckermark und wird entweder gar nicht mehr beachtet oder verlacht. Im Grunde ist er seit dem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ unten durch. Ich finde das unfair, es hat etwas Unbarmherziges, wenn ein so großer Schriftsteller zur Persona non grata erklärt wird.

Text & Interview: Ulrich Thiele
Foto: Dennis Dirksen

Heinz Strunk: „Das Teemännchen“, Rowohlt Verlag, 208 Seiten, 20 Euro


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Donnerbar – Die Reinkarnation des Kleinen Donner

Reinkarnation: Der Kleine Donner ist zurück. In den Räumen der ehemaligen Bar Rossi öffneten David Struck und Felix Piechotta Anfang August ihr neues Wohnzimmer – die Donner Bar.

Dröhnende HipHop Beats, Schweiß, der von der Decke tropft, ein von Zigarettenrauch verqualmter, überfüllter Raum. Das sind Erinnerungen an den Kleinen Donner, den Kellerclub unter dem Haus 73 in der Sternschanze. Im Dezember 2017 musste die beliebte Underground-Disco schließen. Grund waren andauernde Lärmbeschwerden der Nachbarn.

Nun kommt die Hamburger Hip-Hop-Perle im neuen Gewand zurück: Etwa 200 Meter weiter öffnete der Donner endlich wieder seine Türen. Und es hat sich viel verändert. Die neue Location, direkt an der Max-Brauer-Allee, Ecke Schulterblatt sieht mit einladenden Glasfronten und hübsch dekorierter Außenterrasse so gar nicht mehr nach dem etwas ranzigen, authentischen Untergrund-Club von früher aus. Einzig das schlichte Blitz-Logo über dem Eingang lässt Besucher wissen: Der Donner ist wieder da.

Donnerbar: Schwingende Hüften trotz kleiner Tanzfläche

Auch von Innen erinnert nur wenig an den Kleinen Donner: Der einladende Tresen, ordentlich bestückt mit einer großen Auswahl an Spirituosen bildet das Herzstück der Donner Bar. Die Einrichtung ist dunkel und schlicht aber stilvoll gehalten. Die Tanzfläche verhältnismäßig klein. Auch eine Woche nach der großen Eröffnung ist die Bar am Samstag schon zu früher Stunde gerappelt voll.

Das Konzept scheint aufzugehen: Der Übergang von entspannter Afterwork-Atmosphäre zum ausgelassenen Feiern verläuft fließend. Dass die Musik nicht ganz so laut ist, wie man es aus dem Donner kennt, scheint niemanden zu stören. Die kleine Tanzfläche platzt auch so aus allen Nähten. Musikalisch setzt der DJ an diesem Abend auf eine gute Mischung aus bekannten Tracks und Underground. Amerikanischer Hip-Hop, durchbrochen von dem einen oder anderen deutschsprachigen Song lässt das Publikum die Hüften schwingen.

Alte Leuchter, neue Bar.

SZENE HAMBURG: David, ihr seid mit dem neuen Laden von Club auf Barbetrieb umgestiegen. Warum?

David Struck: Als klar wurde, dass wir den Kleinen Donner am Schulterblatt nicht weiterführen können, haben wir den Laden zur Cocktail-Bar Chambre Basse umgebaut und trotzdem weiterhin nach einer Clubfläche gesucht. Das hat leider nicht geklappt. Entweder stimmte der Preis oder die Lage nicht. Nach einigen Exilveranstaltungen über dem PAL hatten wir schon mehr oder weniger damit abgeschlossen den Donner weiterzuführen – bis wir über diese Location gestolpert sind.

Wie ging es weiter?

In erster Linie wollten wir einfach die Fläche übernehmen, ohne zunächst ein Konzept zu haben. Nach langen Verhandlungen konnten wir den Laden bekommen und haben angefangen uns Gedanken zu machen. Den gleichen Club konnten wir nicht machen, weil wieder zu viel Nähe zu den Nachbarn besteht. Wir sind dann zu dem Schluss gekommen, den Donner wieder aufzumachen, aber eben als Bar und Nachbarschaftskneipe. Wir öffnen sieben Tage die Woche ab 17 Uhr. Am Wochenende werden wir spielen, worauf wir Bock haben, um auch die Leute abzuholen, die unsere Musik hören wollen – nur eben etwas leiser. Im Prinzip also ein neues Konzept aus dem Alten heraus.

Könnt ihr musikalisch dann noch das gleiche liefern wie im Kleinen Donner oder passt ihr euch dem Mainstream an?

Josi Miller, Trettmann-DJ, die auch am Eröffnungswochenende aufgelegt hat, war schon früher oft bei uns. Die würde ich musikalisch eher in den Underground einordnen. Im Prinzip haben wir in dem Bereich nicht viel verändert. Natürlich gibt es die Schwierigkeit, unser altes Booking fortzuführen. Im Donner hatten wir oft internationale Gast-DJs, die wir gerade so mit dem Clubeintritt querfinanzieren konnten. Das wird uns hier nicht mehr möglich sein, weil wir keinen Eintritt nehmen. Das Ambiente hat sich schon verändert.

Wolltet ihr weg vom Kellerclub-Image?

Weiß ich gar nicht. Das war alles recht ungeplant. Wir haben keinen Innenarchitekten beauftragt und gesagt, was wir haben wollen oder so. Ein Kumpel, der Architekt ist, hilft uns da ein bisschen. Im Prinzip schauen wir uns einfach die Fläche an und gucken, was möglich ist und unseren Geschmack trifft. Wir greifen zum Beispiel mit dem Holz das Donner-Thema ein bisschen auf. Aber wollen uns natürlich auch weiterentwickeln. Die Kronleuchter sind tatsächlich noch aus der Bar Rossi, die einfach so geil sind, dass wir sie haben hängen lassen. Wir wollen mit unserer Einrichtung nicht irgendein Image verkörpern – machen das eher so, wie wir auch unsere Wohnungen einrichten würden.

Das Schulterblatt weist eine immense Bardichte auf. Gerade mit Läden wie der Katze nebenan eine riesen Konkurrenz. Wie wollt ihr euch durchsetzen?

Ich glaube das passiert von alleine. Mir würde jetzt kein Laden auf dem Schulterblatt einfallen, der ein ähnliches Konzept hat. Klar, es ist eine Bar und es gibt Getränke, aber musikalisch gibt es nichts Vergleichbares hier auf der Ecke – außer vielleicht die Bernstein Bar, die großartig ist, aber selbst da sind jetzt keine wirklichen Überschneidungspunkte. Außerdem sehen wir das eher als Symbiose, nicht als Konkurrenz. Je mehr Läden in eine ähnliche Richtung gehen wie wir, desto besser eigentlich. Die Szene ist groß genug.

Am Eröffnungswochenende war der Laden gerammelt voll. Wie habt ihr das Publikum wahrgenommen?

Am Freitag war so ziemlich jeder da, den wir kennen. Ob vom Sehen oder persönlich. Das war wirklich krass. Samstag war es ein bisschen anders, weil das Spektrum Festival parallel lief. Es war schon ein bisschen mehr vom klassischen Schanzenpublikum am Start. Die haben natürlich auch mitbekommen, dass wir da sind und wollten den Laden mal auschecken. Aber grundsätzlich würde ich schon sagen, dass wir wieder mehr auf das Donner-Publikum zählen als mit dem Chambre Basse.

Ihr tretet ein großes Erbe an. Die Bar Rossi war jahrelang eine regelrechte Institution in der Schanze. Wie steht ihr mit eurem Laden zu den Veränderungen und der laufenden Gentrifizierung im Viertel?

Schwieriges Thema. Ganz klar treten wir hier in große Fußstapfen. Die Rossi war, würde ich behaupten, eine der erfolgreichsten Bars in ganz Hamburg. Das Thema Wandel des Viertels ist nicht einfach zu beurteilen. Alles verändert sich. Wir sind nicht die größten Kritiker was das angeht. Wir versuchen einfach das zu machen, worauf wir Bock haben und freuen uns, wenn es Leute gibt, die da auch Bock drauf haben. Solange das der Fall ist, machen wir weiter.

Text & Interview: Eylin Heisler
Fotos: Ole Masch

Donner Bar, Max-Brauer-Allee 279, Mo-So ab 17 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Ricebrothers – Mehr als Reis

Bei den neu eröffneten Ricebrothers wird asiatische Küche mit eigenem Dreh serviert. In hippem Industrie-Ambiente gibt es Sommerrollen-Sets zum Selberbasteln und asiatisch inspirierte Drinks.

Die Restaurants auf dem Schulterblatt haben Zuwachs be­kommen. Seit Kurzem findet man bei den Ricebrothers asia­tisches Street Food „for cra­zy Leutz“. Der Laden wirkt auf den ersten Blick wie eine moder­ne Höhle: Die Wände der dunklen Räumlichkeiten sind be­malt und mit Hashtags versehen und in der offenen Küche flackert das Feuer unter den Pfan­nen. Gegessen wird aus handgemachten Keramikschalen, auf den Tischen findet man Stan­dard-­Sojasauce und Plastik­pflanzen in Metalltöpfchen.

Ricebrothers Restaurant in Hamburg Foto: Sabrina Pohlmann

Unsere Sommerrollen be­stellen wir als Selbstbau­-Set für 15 Euro, das reicht für zwei Personen. Der Kellner führt die Faltprozedur vor, bei ihm sieht es auch ganz einfach aus: Die Fül­lung aufs Reispapier legen, erst die langen Seiten falten, dann die kurzen. Nach eigenen Versuchen stellt sich heraus: Som­merrollen zu falten, ist nichts für Ungeübte. Doch die freundliche Servicekraft erklärt die Technik nochmals geduldig und wacht den Rest des Abends über uns. Die anderen Gerichte sind oberer Durchschnitt, ihnen fehlt aber das gewisse Etwas. Der ve­getarische Burger (7,90 Euro) ist lecker, mir persönlich aber nicht bissfest genug. Meine Beglei­tung hingegen liebt ihn. Positiv stechen die Drinks heraus: Der Hanoi Mule (7 Euro) mit Zitro­nengras-­Sake ist perfekt abge­schmeckt, ebenso die hausge­machte Limo mit Ingwer und Limette (4 Euro). Das Dessert, warmer Reiskuchen in Kokos­milch (4,90 Euro), ist der krö­nende Abschluss des Mahls. Fest steht: Die Ricebrothers brauchen noch ein bisschen Zeit, um das Profil zu schärfen. Der freundliche Service fällt auf jeden Fall schon mal sehr positiv auf. Lobenswert sind auch die zahlreichen Veg­gie-­Variationen und die Spiel­ecke für Kinder. Die Einrich­tung ist Geschmackssache, aber an schönen Sommertagen kann man auch nach draußen ausweichen.

Text: Sabrina Pohlmann
Beitragsfoto: Rolf Bork / Ricebrothers

Schulterblatt 35 (Sternschanze), Telefon 37 50 48 88, Mo-So 12–0 Uhr; www.ricebrothers.de

Fr. 29.6. 19.30: Livemusik bei den Ricebrothers: Sons and Preachers, Tomi Simaputang, Eintritt 5€


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Sommerzeit ist Schanzenparkzeit

Musik, Artistik, Kinderunterhaltung. Einmal mehr haben die Macher vom Schanzenzelt im Park an der U Sternschanze ein großartiges Programm auf die Beine gestellt. Höhepunkt: die Rap-Show von Akua Naru.

Sommerzeit ist Schanzen­parkzeit, eh klar. Hipster, Yuppies, Kiddies, Omis und Opis treffen sich auch in diesem Jahr bei gutem Wetter auf den Wiesen des ewigen Szenevier­tels, in dessen Zentrum natürlich eins nicht fehlen darf: das Schanzenzelt. Schon von Wei­tem sind sie ein Hingucker, die gelben und roten Streifen der Dachplane, auch das blaue Vor­zelt strahlt einem entgegen. Es entsteht eine Zirkusatmosphä­re ohne Affen, Löwen und Ele­fanten, stattdessen mit einem erneut tollen Programm für alle Altersklassen. Logisch, dass es keinen passenderen Saison Opener geben kann als den clubkinder Kosmos (17.5.), gefolgt vom großen Hip­ Hop­Tanzabend, präsentiert von MC Rene am Tag darauf. In den zwei Zelt­-Monaten stehen fortan genreübergreifend zig empfehlenswerte Abende an, etwa der mit DeWolff (31.5.), die The Grand East als Support mit­ bringen, und Pohlmanns Nachtschicht (7.6.). Für die Kleinen gibt es die Circusschule TriBüh­ne (15.6., 30.6., 1.7.) und den Zir­kus Regenbogen (23.6.) – um nur zwei Highlights zu nennen.

Besonders eindrucksvoll verspricht das Konzert von Akua Naru (Foto) zu werden. Die US-­amerikanische Rappe­rin hat nicht nur ein besonderes Gespür für federleichte musi­kalische Arrangements, in de­nen HipHop auf Jazz, Blues und Soul trifft. Sie ist auch eine Mei­sterin in Sachen Lyrics. Eines ihrer textlichen Ziele: schwarzen Frauen eine Stimme geben. Narus Geschichten haben auch deshalb Hand und Fuß, weil sich die mittlerweile in Köln lebende Künstlerin bereits in ihrem Ur­banistik­ Studium in Camden, New Jersey mit den Faktoren be­schäftigt hat, die zur Benachtei­ligung von Menschen mit dunk­ler Hautfarbe führten und nach wie vor führen.

Und wem gerade nicht nach Konzerten und sonstigem Zelt­-Trara ist, der kann sich jeder­ zeit vor dem Ort des Geschehens auf den Liegenstühlen nieder­ lassen, in der einen Hand ein Kaltgetränk halten und mit der anderen durchs Gras fahren. Die Szenerie allein ist näm­lich schlichtweg ein Genuss.

Text: Erik Brandt-Höge

Schanzenzelt im Schanzenpark
17.5.-15.7.18


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Momo: Esst mehr Ramen!

Die Schanze hat jetzt auch ihre Ramen-Bar. Und die ist alles andere als fad!

Ganz schön verschachtelt, mit Betonung auf schön, ist die neue Ramen-Bar in der Margaretenstraße an der Grenze zur Schanze. Es geht treppauf und treppab. Das hat was. Ohne Reservierung (kann man erst ab 4 Personen) wird man zu den Stoßzeiten nach einer kurzen Wartezeit in die Kellerbar geführt. Schwarze Wände, warmes Holz und HipHop – hier kann man erst mal ankommen, sich aufwärmen und aus der Karte einen Aperitiv wählen. Als uns die Bedienung dann nach oben bringt, wissen wir schon, was wir wollen und können gleich bestellen.

Schwupps haben wir auch schon die traditionelle Vorspeise Edamame (4 Euro) auf dem Tisch. Die Sojabohnen puhlend schauen wir uns um. Wir sitzen im mittleren von drei Räumchen an einem Zweiertisch in der oberen Etage. Neben uns eine aufwendige japanische Wandbemalung. Das Team hat sich bei der Inneneinrichtung sehr viel Mühe gegeben. Graffiti-Künstler sollen extra eingeflogen worden sein.

Schwupps stehen auch schon unsere Ramen vor uns, auf Shoyu- und Miso-Basis, alles andere als fad. Wir verschwenden keinen weiteren Gedanken ans Interieur und sind mit den Sinnen ganz beim Essen. Angenehm bissfeste Nudeln baden in einer kräftigen Brühe, das Eigelb zerfließt, die recht dicken Chashu-Scheiben (Schweinebauch, 12 Euro) sind butter-zart.

Japanischer Kartoffelsalat? Haben wir noch nie gegessen. Er kommt serviert als eine feste Kugel an geraspelten Möhrchen, mit deutlicher Gewürzgurkennote und hohem Mayonnaiseanteil (5 Euro). Ja. Kann man machen. Momo, die dritte Ramen-Bar in Hamburg, bringt das Soulfood gekonnt in die Schanze und hat dabei sehr viel richtig gemacht.

Text: Alessa Pieroth

Foto: Pascal Kerouche

Momo-Ramen: Margaretenstraße 58 (Eimsbüttel), Di-So 18–22 Uhr www.momo-ramen.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG, Februar 2018. In unserem Magazin finden Sie noch mehr interessante Beiträge über den Stadtteil. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

Mein Viertel: Sternschanze

Versteckte Orte, beste Bars, nervige Klischees: Autoren der SZENE HAMBURG zeigen in unserer neuen Serie ihre Hood. Diesmal: Sternschanze

Es gibt unzählige Stadtführer für Touristen, aber viel zu wenig gute Hamburgtipps für uns Menschen, die hier leben. 14 Autor*innen der SZENE HAMBURG wollen das ändern und plaudern aus dem Nähkästchen. Sie porträtieren jeweils den Stadtteil, in dem sie leben in einem Steckbrief – von Blankenese über St. Pauli bis nach Wilhelmsburg. Dabei räumen sie mit alten Klischees auf und stricken neue. Sie verraten welche Ecken nerven und welche Orte sie lieben, wo es schmackhaftes Junkfood gibt oder was der beste Soundtrack für ihren Stadtteil wäre und wo der ideale Platz für ein romantisches Date ist

Foto: Philipp Jung

Alessa Pieroth leitet die hamburg:pur-Redaktion und schiebt den Kinderwagen ihrer Tochter auch Mal übers Schulterblatt.

Da gehen alle hin: Aufs Schulterblatt, auch Galaostrich genannt (nach dem portugiesischen Wort für Milchkaffee). Der Laufsteg für Supermodels, Maseratis, Muttis, Bullis und den schwarzen Block (bei den legendären Schanzenkrawallen rund um die rote Flora). Besticht durch eine hohe Café und Kneipendichte vor vollgetaggten Jugenstilfassaden, unzählige Sitzgelegenheiten vor den Restaurants und viel Raum zum Sein.

Da gehe ich hinÜber die Schanzenstraße. Sie ist beschaulicher und man kommt schneller vorwärts.

Beste Eisdiele: Der Eisladen Joschi eröffnete diese Saison am Neuen Kamp 19. Hier gibt es ehrliches Eis ohne viel Chichi. Wir mögen es klassisch und essen gerne Spaghetti- und Erdbeereis aus Kuhmilch. Die Eissorten variieren aber täglich und es gibt auch Exoten wie Lakritz, Sesam oder Himbeer-Milchreis. Besitzer Joschi hat früher das Eis für die Eisliebe im Eppendorfer Weg zubereitet.

Auf welches kalte Getränk wohin: Die Schanze steht für Bars im Überfluss. Und alle sind für gewöhnlich rappelvoll. Ich gehe auf einen Gin Tonic ins Thier. Die winzige Bar am Rand des Schulterblatts ist am frühen Abend nicht so voll und die Getränkepreise sind fair. Später spielt ein DJ gute elektronische Musik. Biertrinken ist super in der Punkerkneipe 10 and counting, beliebt auch für den Tischkicker. Zu jeder Zeit eine gute Adresse ist der Saal II, seit jeher Treffpunkt für Hamburger Kreative, gilt als Keimzelle der Hamburger Schule.

Total überschätzt: Die Schanze. Besucherströme aus ganz Hamburg und der Republik führen dazu, dass kein richtiges Nachbarschaftsgefühl aufkommt. Als Anwohner geht man manchmal in der Masse unter. Der Hype um die Schanze lässt außerdem bekanntermaßen die Mieten in die Höhe schnellen. Aktuelles Opfer: Die Schanzenhöfe und das Hotel und Restaurant Schanzenstern.

Total unterschätzt: Viele beklagen, die Schanze hat ihren Charme verloren. Aber wenn man genau hinsieht, hat sie ihn noch. Er wird nur übertüncht von der unfassbaren Vielfalt an Kneipen, Läden und Menschen.

Exotischste Ecke: Die Falafelmeile am S-Bahnhof Sternschanze.

Kulturell wertvoll: 3001 Kino. Das Programmkino im Schanzenhof, für dessen Erhalt im Juli wieder rund 100 Sympathisanten demonstrierten.

Ort zum Knutschen oder fürs erste Date: Zum Knutschen ist jeder Ort gut. Fürs erste Date vielleicht Artischocken und ein Steak Tatar im Bistro Carmagnole, das benannt ist nach einer Gruppe jüdischer Widerstandskämpfer gegen deutsche Besatzer in Lyon.

Was wir brauchen: Einen Ort zum Flüchten. Wer in der Schanze lebt, muss am Wochenende raus aus der Stadt.

Worauf wir verzichten könn(t)en: Steigende Mieten. Neue Klamottenläden.

Wenn mein Stadtteil ein Song wäre: Grüße aus der Interzone von Trümmer.

Leisester Ort: Der romantische Garten von Herrn Simpel.

Straßenkreuzung des Todes: Die Fußgängerampel in der Altonaer Straße auf Höhe der Ganztagsgrundschule Sternschanze, mit kurzen Grünphasen und einem kreuzenden Fahrradweg.

Bestes Fortbewegungsmittel: Zu Fuß und mit dem Fahrrad. Leider gibt es keine direkte Busverbindung zwischen St. Pauli und der Schanze.

Lieblingsnachbar: Das Mehrgenerationenhaus Nachbarschatz. Hier gibt es eine Kantine, in der man für 5,50 Euro Mittagessen kann und wo Nachmittags frische Waffeln gebacken werden, mit Kinderbetreuung und Bällebad. Außerdem viele weitere Angebote für Anwohner, etwa einen Chor, Yoga, Integrationskurse und Kinderdisco.

Auf einer Skala von 0 bis 10 wie … Grün: 6, Cool: 9, Laut: 9


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