Kuhglocken bimmeln, die Herde setzt sich langsam in Bewegung. Dass die Tiere dabei ein wenig wanken, ist verständlich, denn die bis zu zwei Meter großen Wiederkäuer sind klapperdürr und bestehen ganz und gar aus Fahrradschrott: aus Rahmen und Lenkstangen, Zahnrädern, Gabeln und Speichen. In Schach gehalten wird diese Herde der Maschinenwesen von ihren Erbauern, den Performance-Künstlern des Ensembles foolpool aus München. Die selbst ernannten Hirten, die mit ihren Tieren eine Fantasiesprache sprechen, tragen eine Kluft aus Radreifenröcken und Sattelkappen.
Der seltsame Alm-Abtrieb findet im Rahmen des diesjährigen Spielbudenfestivals statt, das vor sechs Jahren von der Corny Littmann Stiftung für Kunst und Kultur ins Leben gerufen wurde. „Wir knüpfen mit außergewöhnlichen Darbietungen an die Tradition des Spielbudenplatzes an“, erklärt Festivalleiter Bernd Busch. Schließlich hat der Platz auf St. Pauli das Volk bereits 1795 mit kuriosen, verblüffenden Attraktionen und Budenzauber beglückt. Vom 24. bis zum 26. Juli werden sich hier nun wieder Künstler und Musiker einfinden, Akrobaten und Jongleure, Clowns und Zauberer. Das Motto 2026 lautet: Verwandlung.
„Künstlerinnen und Künstler verwandeln Alltagsgegenstände in Kunst, Plätze in Bühnen und Fremde in eine Gemeinschaft auf Zeit“, sagt Busch: „Genau das passiert auch beim Spielbudenfestival: Der Spielbudenplatz verwandelt sich für drei Tage in einen Ort der Fantasie, der Begegnung und des Staunens. Die internationale Straßenkunst zeigt, dass Veränderung keine Bedrohung sein muss, sondern eine Chance ist für neue Perspektiven und Ideen.“
So hat der Living-Statue-Künstler JOHNman zum Beispiel die Kunstfigur „Blanko“ erfunden, die eine Metamorphose durchläuft: Ganz in Weiß gekleidet wird der Mann zum Malgrund, den das Publikum in ein buntes Gemeinschaftskunstwerk verwandeln darf. Die französischen Künstler der Compagnie Lucamoros, für Busch das Highlight in diesem Jahr, greifen selbst zum Pinsel und machen auf einem dreistöckigen Gerüst ihre Kreativität zur Performance: Bilder entstehen, verändern sich, werden übermalt und neu geschaffen.
Ihre eigenen Körper verwandeln die fünf Seilartisten von Cirque On Edge in eine zerbrechliche Brücke über den Abgrund. Eine schräge Luftakrobatik-Show bieten Charisma alias FeuerWer: Ein historisches Feuerwehrauto wird zur Bühne, der Schlauch zum Drahtseil, die Drehleiter zum Trapez. Das Duo Kira & Anders indes machen einen Bahnsteig zum Auftrittsort, eine Straßenuhr zur Akrobatikstange. Artistik bringt die Künstlerin Marilin Mambou gleichfalls in ihre One-Woman-Performance ein, außerdem Tanz, Theater, Musik und Humor.
Musik, Kunst und Magie auf dem Spielbudenplatz
Witz und Könnerschaft verbinden auch die jonglierenden Canavaltwins, zu deren Repertoire die Partnerjonglage mit zwölf Keulen gehört, untermalt wird ihr Programm von Live-Musik. Musikalisch hat das Festival noch mehr zu bieten: Gabor Vosteen verwandelt seine Blockflöten-Sammlung in ein ganzes Orchester und erzeugt sogar mit der Nase virtuose Klänge. Dass Komik und Musik in der Straßenkunst zusammenpassen, zeigt der argentinische Musiker Martin Orchessi ebenfalls, denn er spielt nicht nur seine Tuba, sondern auch den Clown. Zum Tanzen an lauen Sommertagen laden derweil die Dixieland-Kapelle Sunshine Brass und ein Gospelchor ein.
Verwandlungskünstler schlechthin sind die auftretenden Magier: Markus Zink ist ein Meister der Improvisation, dessen Tricks auch mal aus dem Ruder laufen, während Andy Clapp das Publikum aus nächster Nähe verzaubert. Die Familienzirkus-Show mit Konrad Stöckel sowie der Kinder- und Familienzirkus runden das bunte Programm des eintrittsfreien Festivals ab.
Diese Vorschau ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 07/26 erschienen.

