FC St. Pauli gegen HSV: Die Stimme des Volkes

Am 23. Januar will der FC St. Pauli am Millerntor im 113. Stadtderby gegen den HSV seinen in der Hinrunde mit 2:0 im Volksparkstadion errungenen Titel als Hamburger Stadtmeister verteidigen. Mindestens genauso wichtig wie das Stadtderby: die Fans beider Vereine als kleine Stars im Internet
Hier wird das Derby im Januar ausgetragen: Der Platz im Millerntor-Stadion
Hier wird das Derby im Januar ausgetragen: Der Platz im Millerntor-Stadion (©feelfarbig-magazine/unsplash)

St.-Pauli-Legende und Ex-Kiezkicker-Trainer Timo Schultz (48) beschwor vor dem 105. Stadtderby gegen den HSV höhere Mächte. Nach dem Sieg erzählte „Schulle“ der Presse gut gelaunt, er habe einen Tag vor dem Duell gegen den HSV spontan einen etwa zehnjährigen, jugendlichen Kicker mit HSV-Trikot auf einem Sportplatz in Wellingsbüttel zum Wettschießen herausgefordert. Schultz’  Bedingung: „Jeder schießt einmal – und so geht dann das Derby aus.“

Schultz traf, der Junge im Trikot von HSV-Spieler Sonny Kittel scheiterte mit einem Klasseschuss am Lattenkreuz. Einen Tag später zielte der echte Sonny Kittel für den HSV direkt nach dem Anpfiff an die Latte. Zwei Minuten vor dem Abpfiff schoss Daniel-Kofi Kyereh St. Pauli am Millerntor mit seinem 1:0 zum Derbysieg über den Rivalen HSV.

Eine wirklich schöne Derby-Anekdote. Der Junge, der damals das Wettschießen gegen Schultz und damit letztlich das Spiel für seinen HSV verlor, müsste heute 14 Jahre alt sein. Spätestens in vier Jahren wird es für ihn also Zeit für einen eigenen HSV-Podcast.

Der Sievi und die Fankultur des HSV

Denn mag der FC St. Pauli in den letzten Jahren auf dem Rasen auch häufig über den HSV triumphiert haben, in der Kategorie „Die Stimme des Volkes“ liegen die Fans des HSV klar vorn.

Einer ihrer kleinen Stars im Internet heißt „Der Sievi“. Auf diversen sozialen Medien aktiv, allein bei YouTube mit fast 100.000 Followern. Sievi, von Beruf Rettungssanitäter und mit mehreren Tattoos auf seinen Unterarmen (unter anderem dem HSV-Gründungsjahr 1887), filmt sich vor einer imposanten Sammlung von HSV-Fan-Devotionalen für seinen Livestream dabei, wie er sich die Spiele des HSV anguckt. Nach jeder Partie stellt er zusätzlich ein Video online, in dem er das Spiel bewertet.

Das liest sich so nüchtern, ist aber feinste Unterhaltung. Sievis Lieblingsspruch, besser: Lieblingsschrei!, mit vor Ärger verzerrtem, rot angelaufenem Gesicht lautet „Da kriege ich so einen Blutdruck, Du!“. Verliert der HSV, betitelt er die Leistung oft als „bodenlose Frechheit“ oder schlägt bei Auswärtsspielen sogar vor, die Spieler zurück nach Hamburg laufen zu lassen. Manchmal sogar angeschirrt an irgendein Gefährt unter Peitschenhieben. Was sie ja irgendwie auch verdient haben. In Sievis Worten bei einer seiner Ansagen an die HSV-Profis nach einem verlorenen Spiel: „Findet ihr das so geil, dass wir Fans so leiden müssen? Nennt man das HSV-Masochismus – oder was?“

Bei Pleiten zwischen Ironie und Sarkasmus schwankend, – nachdem HSV-Stürmer Ransford Yeboah Königsdörffer gegen den VfL Wolfsburg einen Elfmeter kläglich vergab, erwog Sievi, ihm einen Heiratsantrag zu machen –, wendet sich Blatt indes bei Siegen. So setzte sich Sievi nach dem jüngsten 3:2 des HSV gegen Werder Bremen eine Brille auf, über deren beiden Gläsern jeweils ein angeklebter Mittelfinger prangte, freute sich darüber, „die Fischköppe vernichtet“ zu haben, und kommentierte einen nicht gegebenen Elfmeter für Werder mit seinem Gesicht in Großaufnahme unter anderem wie folgt: „Hihihi“.

Empfindsame Geister mögen über dieses Niveau die Nase rümpfen. Tatsächlich wird die absolute Verkörperung des proletarischen Fußballfans von Sievi aber derart authentisch und mit viel Augenzwinkern dargestellt (nein: mit jeder Phase seines Körpers gelebt!), dass das Zuschauen eine wahre Freude ist. Weitere HSV-Podcaster wie der immer wieder verzweifelt an seinem Club leidende „KickOn“ runden das Bild als nur ein Beispiel von vielen ab.

St. Pauli gibt sich etwas ruhiger

Das Millerntor vom Feldstraßenbunker aus (©Lena Zoe/unsplash)

Und beim FC St. Pauli? Es ist traurig, aber: Ein Pendant zum Sievi hat der Kiezclub nicht zu bieten. Das Fußball-Proletariat scheint am Millerntor einfach keine Heimat mehr zu haben. Der Fan-Podcast Millernton – mit gerade mal 1400 Abonnenten auf Youtube – analysiert die Leistungen der Kiezkicker wirklich großartig. Da kommen Fußball-Nerds auf ihre Kosten. Aber eben vor allem die.

Wobei: Eine Hoffnung gibt es: Sievis Frau! Jessy ist Fan des FC St. Pauli und freut sich auf YouTube auf ihrem Kanal „Jessymachtdasso“ immerhin über 6910 Abonnenten. Ihr Mann – der dem FC St. Pauli schon häufiger seinen Respekt für starke sportliche Leistungen ausgesprochen hat und ihn trotzdem ab und an „St. Pippi nennt“ – ist zwar HSV-Fan, aber die beiden lieben sich trotzdem.

Ab und zu kommentiert auch Jessy die Spiele St. Paulis. Viel ruhiger, viel sachlicher mit einer fast zurückhaltenden Freude im Gesicht, wenn ihr Verein ein Tor schießt. Selbst als dem FC St. Pauli vor eineinhalb Jahren mit einem 3:0 gegen den VfL Osnabrück der Aufstieg in die Bundesliga gelang, eskalierte sie nicht vor der Kamera. „Das Spiel ist zu Ende. Keine Nachspielzeit. Die Fans rennen auf den Platz. Es ist alles voll“, kommentierte sie lächelnd in normaler Tonlage – bis ihr Mann vor die Kamera stürmte und sie als lieb gemeinten Glückwunsch unter vielen herzlichen Küssen mit Konfetti bewarf und mit dem kompletten Inhalt einer Champagnerflasche bespritzte. 

Vielleicht war das auch eine Lehrstunde für die sympathische, aber eben als Fußballfan auch etwas brav wirkende Jessy. Als im 110. Stadtderby am Millerntor (2:2) HSV-Torwart Daniel Heuer Fernandes gefühlt das Eigentor des Jahrzehnts zum zwischenzeitlichen 2:0 für St. Pauli schoss, saßen Sievi und Jessy gemeinsam vor dem Livestream.

HSV vs. St. Pauli: Sievis vs. Jessy

Während Sievis brüllende Tonlage („Was ist das für eine stümperhafte Scheiße?“) Rekordhöhen erreichte, kämpfte Jessy eine knappe Minute mit den Händen vor dem Gesicht darum, nicht zu lachen. Dann brach es doch schallend aus ihr heraus. Ihr Mann verließ entnervt kurzzeitig das Bild. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Am besten gar nichts mehr“, zog Jessy erst das falsche Fazit.

Doch als ihr Mann wieder zurückgekehrt war, zeigte sich ihr wahres komödiantisches Talent. „Das ist doch total unfair, dass St. Pauli jetzt von zwei Toren nur eines selbst geschossen hat“, sagte sie grinsend zu ihrem Mann. Der schaute entgeistert und sie setzte noch eins drauf: „Soll ich heute Nacht auf der Couch schlafen?“, piekste sie weiter. Diese Derby-Anekdote ging eindeutig an sie. Auch Timo Schultz hätte seine helle Freude daran gehabt.

Zahlreiche Mural verzieren das Stadion in St. Pauli (©unsplash/Wolfgang Weiser)

Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 01 / 26 erschienen.

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