Stilbruch in Hamburg: „Nachhaltiger Konsum endet nicht an der Kasse“

Mitten in Hamburg verbindet Stilbruch Wiederverwendung, soziale Verantwortung und wirtschaftliche Realität. Im Interview sprechen die Geschäftsführer Dirk Zimmer und Jan Krueger über nachhaltigen Konsum jenseits von Trends, den bewussten Umgang mit Wachstum – und darüber, warum Secondhand kein Verzicht, sondern eine Einladung zum Entdecken ist
Zwei Filialen, eine in Bahrenfeld, die andere in der City Nord, gibt es von Stilbruch in Hamburg
Zwei Filialen, eine in Bahrenfeld, die andere in der City Nord, gibt es von Stilbruch in Hamburg (©Stilbruch) 

SZENE HAMBURG: Dirk Zimmer und Jan Krueger, im Laufe der Jahre hat sich Stilbruch von einem Ort des günstigen Einkaufens zu einem bewussten Nachhaltigkeitskonzept entwickelt. Welche Verantwortung sehen Sie heute darin, nachhaltigen Konsum aktiv mitzugestalten – und nicht nur anzubieten?

Dirk Zimmer: Nachhaltiger Konsum endet für uns nicht an der Kasse. Stilbruch versteht sich heute als aktiver Gestalter von Konsumkultur. Unsere Verantwortung liegt darin, Alternativen sichtbar, attraktiv und alltagstauglich zu machen. Wir zeigen, dass Wiederverwendung kein Verzicht ist, sondern eine bewusste Entscheidung mit Mehrwert – für Umwelt, Stadt und Gesellschaft. Durch Aufklärung, Transparenz und niedrigschwellige Zugänge möchten wir Menschen ermutigen, ihr eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen, ohne moralischen Zeigefinger.

Stilbruch ist gewachsen und blickt mittlerweile auf zwei Filialen in Hamburg, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren. Herr Hottgenroth beschrieb diesen gegenüber SZENE HAMBURG einmal als „Flohmarkt-Charakter“. Wie stellen Sie sicher, dass Nachhaltigkeit auch bei steigenden Besucherzahlen und wirtschaftlichem Druck nicht zur Nebensache wird?

Jan Krueger: Stilbruch ist eine GmbH und wirtschaftlich handlungsfähig zu bleiben ist für uns Voraussetzung, kein Widerspruch zur Nachhaltigkeit. Effiziente Lager- und Warenprozesse sind notwendig, damit das System überhaupt funktioniert. Entscheidend ist für uns, wie diese Prozesse gestaltet sind. Nachhaltigkeit wird bei uns nicht über Hochglanz-Inszenierung hergestellt, sondern über klare Abläufe, Verantwortungsübernahme und Entscheidungsspielräume. Mitarbeitende haben bei Stilbruch bewusst die Möglichkeit, im Alltag viele Entscheidungen selbst zu treffen – bei der Warenannahme, Sortierung, Präsentation und vor allen Dingen der Preisgestaltung. Dieses Vertrauen sorgt dafür, dass Nachhaltigkeit nicht abstrakt bleibt, sondern täglich gelebt wird. Der oft zitierte „Flohmarkt-Charakter“ steht dabei für Offenheit und Unvorhersehbarkeit, nicht für Beliebigkeit. Auch bei steigenden Besucherzahlen halten wir daran fest, dass Stilbruch kein durchoptimierter Einzelhandel ist, sondern ein Ort, an dem Vielfalt, Wiederverwendung und Arbeitsrealität sichtbar bleiben dürfen. Wirtschaftlicher Druck wird nicht ignoriert – aber er bestimmt nicht allein, wie wir arbeiten.

Stilbruch-Geschäftsführer Dirk Zimmer und Jan Krueger (v. l. n. r.) leiten gemeinsam das Stilbruch-Unternehmen (©Stilbruch) 

Stilbruch: Nachhaltigkeit ganzheitlich denken

Dirk Zimmer: Der Antrieb, aus dem heraus Stilbruch vor 25 Jahren entstanden ist, ist derselbe, der uns bis heute leitet. Von Beginn an ging es darum, Nachhaltigkeit ganzheitlich zu denken – nicht als Trend, sondern als System. Unser Handeln basiert auf drei gleichwertigen Säulen: der ökologischen Verantwortung, der sozialen Wirkung und der wirtschaftlichen Tragfähigkeit. Keine dieser Komponenten funktioniert für sich allein. Nur im Zusammenspiel entsteht ein nachhaltiges Gebrauchtwarenkonzept, das langfristig Bestand hat und glaubwürdig bleibt. Secondhand ist heute im besten Sinne Mainstream geworden. Umso wichtiger ist es, transparent zu machen, wofür man steht. Der Unterschied zu rein kommerziellen Secondhand-Anbietern liegt für uns nicht im Look, sondern in der Haltung: Stilbruch arbeitet mit geretteten Produkten aus der Stadt, nicht mit angekaufter Massenware. Wir sind Teil der kommunalen Kreislaufwirtschaft und verstehen Wiederverwendung als öffentlichen Auftrag, nicht als reines Geschäftsmodell. Glaubwürdigkeit entsteht außerdem durch den Umgang mit Menschen und Ressourcen. Wir optimieren Prozesse, um wirtschaftlich arbeiten zu können, aber nicht um jeden Preis. Entscheidungen werden vor Ort getroffen, Verantwortung liegt bei den Mitarbeitenden, und wirtschaftlicher Erfolg ist Mittel zum Zweck – nicht Selbstzweck. Nachhaltiger Konsum bedeutet für uns, ökologische, soziale und wirtschaftliche Interessen immer wieder neu auszubalancieren – auch dann, wenn es unbequem ist.

Ein zentraler Gedanke war es von Beginn an, dass Nachhaltigkeit auch soziale Teilhabe bedeutet. Welche Rolle spielen Beschäftigung, Qualifizierung und faire Arbeitsbedingungen heute in Ihrer strategischen Ausrichtung?

Jan Krueger: Nachhaltigkeit hat für uns immer auch eine soziale Dimension. Stilbruch bietet Arbeitsplätze mit Sinn und Verantwortung in einem Arbeitsumfeld, das auf Verlässlichkeit, Mitgestaltung und Entwicklung setzt. Unsere tariflichen Löhne bewegen sich im Rahmen dessen, was für ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen wirtschaftlich tragfähig ist. Wir wissen, dass unsere Attraktivität nicht in hohen Gehältern liegt, sondern in der Sinnhaftigkeit der Aufgabe und der Möglichkeit, täglich konkret etwas zu bewirken. Umso wichtiger ist es für uns, zusätzliche Angebote zu entwickeln, Handlungsspielräume zu schaffen und die Teilhabe am gemeinsamen Erfolg kontinuierlich weiterzuentwickeln. Stilbruch ist ein Ort, an dem sehr unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten – mit verschiedenen Biografien, Erfahrungen und Stärken. Entscheidend ist nicht der Lebenslauf, sondern die Aufgabe: Dinge zu retten, zu sortieren, zu bewerten und für andere wieder zugänglich zu machen. Diese Arbeit ist sichtbar, relevant und gibt vielen Menschen Struktur, Verantwortung und Zugehörigkeit. Soziale Teilhabe verstehen wir dabei nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Kooperationen mit gemeinnützigen Partnern sowie Bildungsarbeit sind fester Bestandteil unseres Selbstverständnisses. Wir unterstützen Schulprojekte zu Themen wie Upcycling, Auswirkungen von Fast Fashion und Ressourcenschonung, führen Schulklassen durch unsere Filialen und machen Kreislaufwirtschaft im Alltag erfahrbar. Nicht belehrend, sondern konkret und greifbar.

Der tägliche Umgang mit Überfluss verändert den Blick nachhaltig. Dinge verlieren ihren reinen Statuswert und gewinnen an Geschichte

Jan Krueger
Nachhaltiger Konsum jenseits von Trend: Das geht bei Stilbruch (©Stilbruch) 

Stilbruch arbeitet mit Materialien und Produkten, die sonst im Abfall landen würden. Wo sehen Sie aktuell die größten Hebel – aber auch die Grenzen – echter Kreislaufwirtschaft in Ihrem Arbeitsalltag?

Dirk Zimmer: Der größte Hebel liegt darin, gut erhaltene Produkte zu retten, bevor sie zu Abfall werden – und im täglichen Bewusstsein für ihren Wert, das entlang der gesamten Kette entsteht: von der Annahme über die Sortierung bis hin zur erneuten Nutzung. Gleichzeitig stoßen wir an Grenzen: Qualität, Sicherheitsanforderungen und Logistik setzen klare Rahmen. Nicht alles lässt sich sinnvoll in den Kreislauf zurückführen. Gerade diese Grenzen machen aber deutlich, wie wichtig bewusster Konsum bereits vor dem Wegwerfen und schon beim Kauf ist.

Wie verändert der tägliche Umgang mit Überfluss, Wegwerfmentalität und Wiederverwertung Ihren eigenen Blick auf Konsum und Wert von Dingen?

Jan Krueger: Der tägliche Umgang mit Überfluss verändert den Blick nachhaltig. Dinge verlieren ihren reinen Statuswert und gewinnen an Geschichte, Materialität und Funktion. Man fragt sich häufiger: Brauche ich das wirklich? Und wenn ja – neu oder gebraucht? Dieser Perspektivwechsel ist vielleicht einer der stärksten Effekte unserer Arbeit.

Künftig wollen wir Stilbruch noch stärker für jüngere Zielgruppen zugänglich machen

Dirk Zimmer

Nachhaltigkeit bedeutet oft Verzicht, Stilbruch steht jedoch für Entdecken und Freude. Wie gelingt es, ökologische Verantwortung mit einem positiven Einkaufserlebnis zu verbinden – und wie soll sich dieses Erlebnis künftig weiterentwickeln?

Dirk Zimmer: Nachhaltigkeit wird oft mit Verzicht verbunden. Stilbruch steht bewusst für das Gegenteil: Bei uns finden Menschen ihre Schätze. Für viele beginnt nachhaltiger Konsum genau hier – beim Stöbern, Entdecken und Wiederfinden von Dingen mit Geschichte und Charakter. Wer bei uns einkauft, merkt schnell, dass nachhaltiger Konsum nicht bedeutet, weniger zu haben – sondern anders zu wählen. Jedes Stück hat Geschichte, Charakter und oft mehr Qualität als Neues. Künftig wollen wir Stilbruch noch stärker für jüngere Zielgruppen zugänglich machen. Über Social-Media-Mitmachformate zeigen wir, wie man sich zum Beispiel ein WG-Zimmer günstig und individuell einrichten kann – mit Teppichen, Leuchten, Möbeln, Kochutensilien, Geschirr, Technik, Fernsehern, Fahrrädern und echten Vintage-Einzelstücken. Stilbruch ist sowohl ein Ort für einzelne Funde, als auch für komplette Lebensräume. Unser Ziel ist es, Secondhand als selbstverständliche Option im Alltag zu verankern – nicht belehrend, sondern inspirierend. Secondhand muss dabei keine zweite Wahl sein, sondern kann für nachwachsende Generationen ganz bewusst die erste Wahl werden. Nachhaltigkeit entsteht dann, wenn Menschen merken: Das passt zu mir, zu meinem Budget und zu meinem Leben.

Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 02 / 26 erschienen.

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