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23.05. | Film | Dokumentation: Schlingensief | Stream

Kritik

„Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ – Doku über einen fehlenden Provokateur

Text: Sabine Danek

 

Christoph Schlingensief fehlt. Sehr sogar. Und wie viel dringlicher man ihn heute noch gebrauchen könnte, in dieser Zeit von verharmlosten Nazitum und populistischem Talkshow-Dilettantismus, zeigt Bettina Böhler in ihrer Dokumentation, die auf der Berlinale bejubelt wurde.

Die gefeierte Cutterin („Transit“) weiß, wovon sie erzählt. Sie hat Schlingensiefs Splatter-Grotesken „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“ geschnitten und arbeitet sich in ihrem ersten eigenen Film zum Kern des Werks des Aktionisten vor, der wie ein „Apotheker mit kleinen Dosen Gift“ heilte, wie er selbst sagte. Schließlich war Schlingensief Apothekersohn. Böhler lässt ihn vor allem selbst zu Wort kommen und erinnert daran, wie spektakulär und improvisiert seine Talkshows, Kunstaktionen, Filme und sein „Theater der Handgreiflichkeiten“ waren. Und wie er in der Übertreibung die Wahrheit fand.

 

 

Chronologisch führt sie durch Schlingensiefs Leben, von seinen ersten Super-8-Filmen bis zu seinem Operndorf in Burkina Faso. Das kann man konventionell finden. Doch für Spielereien hat Böhler keine Zeit. Und auch nicht für Sentimentalitäten. Es geht nah, wenn sie gleich zu Beginn zeigt, wie Schlingensief seine Lebenslinie zeichnet und schätzt, dass sie vielleicht bis 2050 reicht. Und man weiß, dass er 2010 mit nur 49 Jahren an Krebs starb. Stärker aber geht sie nicht darauf ein. Auch nicht auf seine großen Lieben Tilda Swinton und Aino Laberenz.

Sie interessiert Schlingensiefs Anliegen hinter all seinem Krawall, sein Credo, dass Politik der große Schein und nur eine Inszenierung von Realität sei, gegen den er mit Aktion wie „Tötet Helmut Kohl“ anging, der Partei Chance 2000 oder seiner „Ausländer raus!“-Show bei der Wiener Festwochen. „Wenn man im Kapitalismus aussortiert wird, dann muss man etwas anderes finden und manche finden Angst und jagen Ali durch die Scheibe“, stellt Schlingensief fest und Böhler zeigt, dass wirklich nichts an seinem Werk sich abgenutzt hat.

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