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23.02. | Literatur | Die Schlange im Wolfspelz | Michael Maar

Kritik

Text: Ulrich Thiele

 

Ein fehlendes Komma kann den Tod bedeuten. Man stelle sich nur vor, der königliche Heerführer überstellt einen Gefangenen zurück in die Heimat mit folgender Nachricht: „Warte nicht hängen.“ Was er meint, ist: „Warte, nicht hängen.“ Als er nach Hause kommt, ist der Gefangene tot, denn was ankam, war: „Warte nicht, hängen.“

Hier nimmt es jemand ganz genau mit der Sprache. Dieser Jemand heißt Michael Maar, ist Literaturwissenschaftler und hat mit „Die Schlange im Wolfspelz“ gerade eine umjubelte, 600-seitige Stilanalyse auf den Tisch gelegt. Seine Autorenauswahl folgt keinem Kanon, sie ist rein subjektiv. Er bewundert „ein paar unfehlbare Stilisten“ wie Schopenhauer, Hebbel, Gottfried Keller, Kafka, der ein Alien ist, wegen seiner geradezu außerirdischen Treffsicherheit in puncto Erzählstil.

Wem diese Infos nur ein „Uff“ entlocken, dem sei ans Herz gelegt: Es lohnt sich, denn dieses Buch ist alles andere als akademisch-verquast, es ist ein großer, heiterer, leidenschaftlicher Spaß (Maar würde wohl die überfrequentierten, unoriginellen Adjektive anmäkeln).

 

Per se Nicht-Satirisch

 

Aber wie kann man so etwas per se Nicht- Statisches wie Stil überhaupt erfassen? Stilgefühl sei verwandt mit Takt, und könne erst entstehen, „wenn es keine Regelpoetik mehr gibt“. Es geht um „ein Gespür für etwas nicht Meßbares, aber doch Reales“. Ein paar Regeln gibt es aber doch: „Nimm Bilder ernst […]. Vermeide die überfrequentierten. Denk und sieh neu.“ Oder: „Der Einfall ist eine der wichtigsten Kategorien des Stils. Die meisten Einfälle verdanken sich einer minimalen Verschiebung.“

Etwa in Ingeborg Bachmanns „Die gestundete Zeit“, ein Gedicht über das Älterwerden. Maar schreibt: „Man stundet einem Schuldner vorläufig dessen Außenstände. Bachmann verschiebt das aufs Kapital der Lebenszeit. […] [Ihre] aus der Sphäre des Finanzjuristischen ins Existenzielle gehobene Formulierung ist der tragende Einfall des Gedichts.“

Stichwort Lyrik: Ihr widmet Maar einen „Kürzestausflug“. Jan Wagner wird als „der Stilllebenmeister Georg Flegel unter den Lyrikern“ erwartungsgemäß gerühmt. Maar hätte ruhig erwähnen können, dass, bei allem Respekt für seine stilistische Größe, Wagner auch der behagliche Schrebergartenmeister unter den zeitgenössischen Lyrikern ist. Dann doch lieber Ann Cottens Experimentallyrik: „Ob kiffend tippend, fickend oder schlitternd denkend, / die Welt entgleitet mir mit jedem Satz (…)“.

Was noch? „Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muß es können.“ Den Titel hat Maar entsprechend einem Beispiel aus Eva Menasses Roman „Vienna“ entnommen, in dem mit der Kirche ins Dorf gefallen wird und sich die Schlange im Wolfspelz räkelt. Überhaupt seien Fehler nicht schlimm, „Phrasen sind schlimm“. Denn Sprache prägt bekanntlich unsere Wahrnehmung, wie Botho Strauß mit „außergewöhnlicher Fühlfähigkeit und Sensitivität“ festhält: „So wie das Herz auskörnt in Floskeln, so starr sind auch die Redewendungen, so abgezählt die Seelenregungen.“

Michael Maar: „Die Schlange im Wolfspelz“, Rowohlt, 656 Seiten, 34 Euro


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