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Jeeps: „Das Stück schießt lustvolle Giftpfeile in jede Richtung“

Wie wäre es, wenn nicht Familienbande, sondern ein Losverfahren entscheidet, wer von wem wie viel Geld erbt? Davon erzählt Nora Abdel-Maksouds Stück „Jeeps“ am Deutschen Schauspielhaus in der Inszenierung von Heike M. Goetze

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Frau Goetze, 400 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich vererbt. Experten raten zur Reform der Erbschaftssteuer. Wie finden Sie den Vorschlag, Erbschaften grundlegend anders zu regeln?

Heike M. Goetze: Die Grundsituation, die Nora in ihrem Stück beschreibt, ist faszinierend. Was sie macht, ist erst mal utopisch und so nicht existent, nämlich zu sagen: Niemand erbt mehr aufgrund seiner Herkunft, sondern man muss ein Los im Jobcenter beantragen, und wenn der Antrag durch ist, darf man ein Los ziehen, aber womöglich ist es eine Niete. Ich finde es großartig, dass sie gesellschaftsrelevante, aktuelle Themen bearbeitet, welche wir ganz konkret aus dem Leben kennen, und diese Situation ad absurdum führt. Dass wir uns durch dieses Stück mit der Frage auseinandersetzen dürfen: Ist erben gerecht? Das finde ich richtig.

 

„Mich interessiert die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Stück“

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Inszenierte am Schauspielhaus zuletzt Ödön von Horváths „Geschichten aus den Wiener Wald“ und jetzt „Jeeps“: Heike M. Goetze (©Heike M. Goetze)

Die Autorin hat ihr Stück zur Uraufführung selbst inszeniert, haben Sie das angeschaut oder es bewusst vermieden?

Ich schaue mir immer alles an, was es zu sehen und zu lesen gibt, das ist für mich Entdeckung von Material, Recherche. Nora ist eine begabte Schreiberin und sicher eine der lustigsten. In ihren Arbeiten zeigt sie eine klare Handschrift, aber da ist trotzdem viel möglich für die eigenen Erkennungen und Regiegedanken.

Und wie sind die eigenen Erkennungen?

Mich interessiert die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Stück. In „Jeeps“ die Enterbten und die Entrechteten. Die lustvollen kleinen Giftpfeile, welche sie in jede Richtung schießt, sodass es dir in deinem eigenen kleinen moralischen Kuschelraum einfach nicht mehr so wohl ist. Mich interessiert die radikale Komik, mit der sie das Thema angeht und auch, wie es dann irgendwann einfach nur noch schrecklich wahrhaftig wird. Du erkennst dich in furchtbar vielen Dingen wieder, darfst lachen und im nächsten Moment versteckst du dich.

Zurzeit haben viele Menschen Geldsorgen, außerdem kommt im Stück eine Hartz-IV-Empfängerin vor – könnten bestimmte komische Momente vom Publikum eventuell als Hohn oder Häme missverstanden werden?

Wenn die Autorin nicht so intelligent wäre, und wir das nicht auch mitdenken würden, könnte es so sein. So aber glaube ich, dass es ein Katalysator sein kann, dadurch, dass es diese riesige gesellschaftliche Spaltung aufzeigt und es immer wieder Verweise gibt, dass unser System in vielen Bereichen nicht funktioniert und für den Einzelnen keine sinnhaften Lösungen parat hat.

 

„Wir dürfen denken! Das kostet nichts und ist nicht gefährlich.“

„Jeeps“ spielt in einem Jobcenter, Sie sind für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich, wovon hängt es ab, ob Sie auch die Ausstattung übernehmen?

Regie und Kostüme mache ich immer. Das geht auf meine Begegnung mit der Kostümbildnerin Inge Klossner zurück. Mein Zugang passiert viel über das Material, welches Figuren tragen. Mich interessiert die stoffliche Welt, welche zu uns spricht. Ob ich das Bühnenbild mache, ist abhängig von der Thematik, entweder kriege ich einen Impuls oder ich weiß intuitiv, ich lasse es.

Welche Impulse reizen Sie als Regisseurin?

Ich empfinde diesen Beruf als totales Privileg. Wir treffen uns und dürfen Fragen stellen, dürfen Möglichkeitsräume eröffnen, welche im besten Fall zum Denken anregen. Das ist doch herrlich. Zudem hat der Beruf ein sehr geringes Risiko: Wir dürfen denken! Das kostet nichts und ist nicht gefährlich.

„Jeeps“ im Malersaal des Deutsches Schauspielhauses, Premiere am 18. November um 19.30 Uhr, weitere Termine 27. November und Ende Dezember 2022
Tickets ab 25 Euro (ermäßigt 10 Euro)


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