Ein 86-Jähriger hat die unangenehme Marotte entwickelt, einer Nachbarin seinen Penis zu zeigen. Auch andere Symptome lassen beginnende Demenz vermuten und somit die Frage aufkommen, ob er noch allein leben sollte. Diese Entscheidung müssen seine drei Kinder fällen: Viktor, der arrogante Älteste, die intellektuelle Katja und Stefan, ein erfolgloser Schauspieler. Dessen Frau Jasmin ist die Vierte in der vom spanischen Autor Cesc Gay erdachten Konstellation in seinem Drama „53 Sonntage“. In der Komödie Winterhuder Fährhaus ging es als deutsche Erstaufführung über die Bühne. „Familie kann man sich nicht aussuchen“ gibt als Untertitel die Marschrichtung vor: Ob der Situation ihres Vaters können die drei unterschiedlichen Geschwister sich und ihren über Jahrzehnte gewachsenen Konflikten nicht länger ausweichen. Entsprechend wenig engagiert sind sie, erst zum vierten Termin finden sich alle in der kargen Wohnung des Ehepaars Stefan und Jasmin ein. Letztgenannter teilt Regisseurin Marion Kracht die Rolle der Teilzeit-Erzählerin zu, die – wie das Publikum – von außen recht verständnislos auf den Geschwisterstreit schaut. Der lange Anlauf bis zum tatsächlichen Treffen ist symptomatisch für den gesamten Abend – er langweilt. Und erinnert an den Zustand des deutschen Gesundheitssystems: Die Verantwortlichen halten sich ewig mit Details und Befindlichkeiten auf, anstatt zu handeln. In Ermangelung eben dieser Handlung versucht Kracht in ihrer Inszenierung, mit zweckfreiem Hin- und Hergehen der Darstellenden sowie anderen sinnlosen Aktionen, etwas Bewegung in die auf der Stelle tretenden Geschichte zu bringen. Leider sind auch die Dialoge wenig originell, sodass Maik Solbach, Tessa Mittelstaedt, Heiko Ruprecht und Julia Bremermann vergeblich gegen das Situationseinerlei anspielen. Die (in Zeigefinger-Manier gesetzte) Pointe am Ende kann nichts mehr retten.
Theater
3. Juni 2026
Theaterkritik: 53 Sonntage
Orientierungsloses Familientreffen

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