So einen Spiegel wünscht sich jede Frau: Er kann nicht nur sprechen, sondern ist auch lebenspraktisch veranlagt, weiß nach einer durchzechten Nacht zum Beispiel, wo die Aspirin-Pillen liegen. Daran, dass jene Nacht just die vor der Hochzeit war, dass der schönste Tag im Leben folglich verkatert beginnt, dass der Bräutigam abhandenkam und die Braut in spe nicht mehr weiß, mit wem sie am Vorabend tollen Sex hatte, kann der Spiegel aber auch nichts ändern. Ohnehin bleibt er in Tilmann von Blombergs urkomischer Revue „Höchste Zeit!“ (Regie: Katja Wolff), die in der Komödie Winterhuder Fährhaus nun vom wahren Leben erzählt, das einzige märchenhafte Element, denn: Für das Glück gibt es hier keine Garantie.
Da ist es hilfreich, dass die Braut alias „Die Karrierefrau“ (ungeheuer dynamisch: Charlotte Heinke) zur moralischen Unterstützung drei Freundinnen eingeladen hat, die frühmorgens im Hotel auftauchen. Wie bereits im Tour-Musical „Heiße Zeiten“ (2010), das die Vorgeschichte des aktuellen Stücks erzählte, treten auch hier „Die Hausfrau“ (kann so zaghaft wie forsch wirken: Eva Brunner), „Die Vornehme“ (schön selbstbewusst: Heike Jonca) und „Die Junge“ (beweist viel komödiantisches Talent: Nini Stadlmann) auf den Plan.
Das Brautjungfern-Trio bringt jede Menge eigener Beziehungsprobleme mit und kann mehr als ein Lied davon singen. So erklingen in dem Jukebox-Musical viele Hits der 1970er- bis 1990er-Jahre, von „Living Next Door to Alice“ über „Maniac“ bis zu „One Moment in Time“, die aber mit nagelneuen, wortwitzigen, deutschen Texten ausgestattet wurden (Musik: Carsten Gerlitz). Singend und tanzend, debattierend und telefonierend rocken die ungleichen Frauen das Hotelzimmer, stets in der Ungewissheit, ob die Hochzeit überhaupt stattfinden wird. Weil die Braut fremdging. Und weil der Mann fehlt. Und der Spiegel? Gibt seinen Senf dazu.
Diese Kritik ist zuerst in SZENE HAMBURG 07/26 erschienen.

